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Teil I: Das Prinzip der Selbstverwirklichung
Abschnitt 2:
Die Selbstverwirklichung

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1. Die Selbstbeziehung

Das Selbstgefühl hat sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen als eine ungeheuerliche Abstraktion erwiesen. Weil die Menschen darin erst ihren wirklichen Selbstwert finden, ist es zum wirklich abstrakten Sinn dieser Beziehungen geworden. Weil es die Wahrnehmungen der Menschen zwischen ihnen als Selbstwahrnehmung vermittelt, wird es nun zum Subjekt dieser Beziehungen. Weil sie durch ihre zwischenmenschlichen Wahrnehmungen erst ihr Selbstgefühl erwerben, wird dieses zur einzigen Wahrnehmungsidentität, welche sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen haben können. Es wird zu einem ausschließlichen Gefühl, das einen inneren Gefühlszusammenhang begründet. Das Selbstgefühl wird von da her nun zum inneren Maßstab der Gefühle, zum Herz aller zwischenmenschlichen Bezogenheit.

So wie Geld die außerliche Gesellschaft der Menschen erst herstellt, solange sie keine wirkliche Gesellschaft haben, so stellt sich nun über das Verhältnis der Selbstgefühle eine verinnerlichte Gesellschaft in den Menschen als Seele ihres Verhaltens her, Seele einer verinnerlichten Zwischenmenschlichkeit. Alle ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sind dieser unterworfen, werden hiernach gebildet und entwickelt und bemessen und begrenzt. Sie verlangen nun, dass sich die Menschen ihrem Ansinnen beugen und sich diesen Beziehungen gegenüber produktiv erweisen. Es verlangt, dass sie sich ihren seelisch gewordenen Selbstwert dadurch verschaffen, dass sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen sich in seinem Sinn wechselseitig einverleiben.

Ihre Einverleibung in den Geisteszusammenhang ihrer Gefühle wird zu einer wirklichen Abhängigkeit von ihren Verhältnissen - nicht, weil sie als Menschen füreinander da sind, sondern weil sie als schlicht daseiende Menschen zum wechselseitigen Träger ihrer Selbstbezogenheiten werden und nur von daher nicht ohne einander sein können - nicht ohne Verlust ihrer seelischen Identät ohne einander sein können. Die Seele wird zum Geist ihrer Erlebnisse und ihre Arbeit ist von daher hauptsächlich davon bestimmt, wie sie Erlebnisse produzieren können, die den abstrakten Sinn ihrer Beziehungen als seelischer Reichtum fortbilden.

Die Selbstgefühle der Menschen beruhen nun also darauf, dass sie ihren Selbstwert in Gefühlen finden, worin sich ihre Empfindungen in zwischenmenschlichem Erleben vermitteln und sich als Selbstgefühle in den Menschen niederschlagen. Das kann nur in einer Welt von Empfindungen geschehen, worin sich die Menschen dadurch wertvoll wurden, dass sie mit diesen "umgehen" konnten, dass sie also darin Umgang haben und diese Empfindungen als qualitative Momente ihres Gefühlslebens, als gutes Erleben zu nutzen verstehen, indem deren Reize gute Regungen in den Selbstgefühlen auslösten. Erlebnisse sind zwar immer wirklich, weil sie darauf beruhen, dass sie etwas bewirken und sind von daher als Stoff der Gefühle verblieben. Sie haben aber nur im Reiz ihre Wirkung und daher keinen wirklich stofflichen Zusammenhang im Menschen, außer dem, was dies für ihn selbst ist, was dies in seinem Gefühlszusammenhang bewirkt. Selbstgefühle werden von daher empfindungslos, sobald sie als solche einverleibt werden und seelische Absichten verfolgen. Im Erleben sind Empfindungen bloße Bedingung der Gefühle, aber jenseits hiervon gleichgültig geworden. Der Sinneszusammenhang der Menschen hat sich vom Sinnzusammenhang ihrer Wahrnehmungsgegenstände abgelöst und bezieht diese nach eigener Absicht des Erlebens aufeinander und auf sich selbst.

Die Selbstgefühle beruhen jetzt auf Gefühlen, die sich nicht mehr in ihren Empfindungen bewahrheiten und bewähren können. Das verändert auch die Beziehungen zu den eigenen Empfindungen. Sie bestehen wesentlich ja nur aus Befindungen in dieser Welt der Gefühle. Man befindet sich sprichwörtlich in Gefühlen, ist selbst Moment derselben, als Befindung der Gefühle. Es sind zwar Empfindungen, welche auch etwas finden und befinden, aber es sind vor allem Gefühle des Befindens, Gefühle ausschließlicher Selbstbezogenheit, Gefühlswelt für sich. Von daher benötigen sie als Stoff und Material dieser Beziehungen Empfindungen, die nicht als wirkliche Empfindung aufgefasst werden müssen, deren Wirklichkeit also absolut gleichgültig sein muss, die aber als Befinden eigener Wahrheit Geltung bekommen.

Es geht daher jetzt um Empfindungen, welche nur ihrer Gestalt und Form nach Wahrnehmungen des Lebens, aber in Wirklichkeit Erlebensform der Selbgefühle sind. So wie ein Tourist sich an vergangenen und fremden Lebenswelten begeistern kann, können sich nun die Selbstgefühle durch ihre im Grunde gleichgültige und fremde Empfindungen nähren, Empfindungen, die sie in keiner Weise für sich gebildet haben, sondern außer sich vorfinden und worin sich ihr Selbstgefühle befinden und bestätigen. Alle Empfindungen sind dem unterstellt: In ihnen wird ein fremder, ein äußerer Sinn gesucht, durch den Selbstgefühle gesättigt werden, die für sich keinen Sinn mehr haben. Menschen und Sachen werden in solchen Beziehungen auf das reduziert, was sie solcher Selbstwahrnehmung erbringen. Und so werden auch empfindsame Menschen in diesen Gefühlswelten schnell zum Mittel fremder Selbstgefühle. Und die Sachen, welche die Menschen zu ihrem Selbsterleben nutzen, werden selbst immer sinnloser und äußerlicher, zu Gegenständen reiner Selbstbeziehung und Selbsterregung.

In den Selbstgefühlen vermitteln sich nun alle Beziehungen, so dass diese selbst auch nur hieraus bestehen, dass vor allem die Beziehung zu sich durch die Beziehung auf anderes bestimmt wird, auf andere Menschen und Sachen, welche Selbstgefühl vermitteln, um dieses überhaupt zu gewinnen. Die Selbstwahrnehmung hatte sich aus dem Verhältnis der Selbstgefühle gebildet, also daraus, dass die Menschen durch ihre Empfindungen füreinander wertvoll geworden waren. Es ist nun umgekehrt: Nicht das Gefühl für etwas bildet sich aus den Empfindungen hierzu; das Gefühl wird selbst erst im Selbstgefühl bestimmt. Die Einverleibung veräußerter Sinne verschafft eine Selbstverwirklichung, die das Fremde dadurch überwindet, dass es dieses in sich selbst verwirklicht. Allerdings kann hierdurch auch nur verwirklicht werden, was den Selbstwahrnehmungen im Grunde fremd ist. Sie bildet sich in der Absicht, jenseits der Selbstgewissheit eine Beziehung zu sich zu gewinnen, jenseits der Wahrnehmungsidentität ein Sein für sich zu gründen. Ob im Konsum oder im gesellschaftlichen Status ist gleichgültig: Die Selbstverwirklichung beginnt mit der Einverleibung fremder Vermittlungen des Selbstgefühls.

Es bliebe allerdings eine schlechte Unendlichkeit, wenn nur gefühlt werden kann, als was die Beziehung auf andere durch das Selbstgefühl erscheint. Schon von daher wird es für sich auf Dauer leer und ist dann "gesättigt", wo es sich zu verwirklichen glaubt, und entleert sich unmittelbar eben auch sofort, wenn es nur für sich und durch sich selbst ist. Von da her entsteht mit der Ausdehnung von Gefühlswelten zur vollständigen Lebensbedingung der darin aufeinander bezogenen Menschen ein Verlangen danach, Gefühle zu bekommen, die nicht auf den eigenen Gefühlen beruhen, in denen also fremde Gefühle verspürt werden. Und das macht Selbstverwirklichung dann auch aus: Lust auf Gefühl, das man noch nicht hat und noch nicht kennt, das man aber erwirbt, indem man mit Gefühlen anderer Menschen umzugehen versteht, die man selbst nicht hat oder kennt.

Für sich empfindet das Selbstgefühl also auch seinen Mangel an Gefühl. Seine Welt ist eine beständig entschwindende Welt und muss von daher beständig durch Gefühle erneuert werden, die darin nicht entstehen können, die also außer ihr entstanden sein müssen. Nur hieraus kann eine Selbstverwirklichung sich bilden. Sie ist daher eigentlich gar keine Selbstverwirklichung, sondern die Verwirklichung einer Selbstigkeit und Selbstbezogenheit: Eine Formbestimmung der Seele.

Nur darin kann von einem Substantiv überhaupt die Rede sein, denn für sich hat "das Selbst" keinerlei Substanz, das heißt: Ein Selbst als solches gibt es nicht. Als Formbestimmung ist das Selbst nichts anderes als der abstrakte Grund einer Tätigkeit, welche ohne diesen nicht zu begreifen ist: Selbstvergegenwärtgung. Dieser Begriff zeigt schon selbst seine Absurdität, die allerdings einer wirklichen Absurdität entspricht: Eine Selbstvergegenwärtigung setzt dm Begriff nach ein Selbst vorraus, das zu vergegenwärtigen ist. Aber das wäre bloße Tautologie: Ein Selbst, das schon ist, soll zugleich ohne Gegenwart sein, soll sich aus dem, was es nicht wirklich ist, vergegenwärtigen. Das klingt nach Mythologie.

Es klärt sich das Rätsel erst auf, wenn wir für "das Selbst" eine Substanz unterstellen, die nicht durch es selbst ist, die sich also aus einem Sinn speist, der nicht wirklich ist, einen Sinn, den andere haben, und der als Sinn für ein selbstiges Subjekt dient - ein Sinn, der wirklioch und in Wirklichkeit einverleibt wird.

Damit wird sich aufklären lassen, was die Entwicklung und Entfaltung der Selbstgefühle ausmacht. Sie waren als Rückstand der Reize für sich noch nichts, weil sie nicht wirklich für sich selbst sein konnten. Das Selbstgefühl war bisher rein äußerlich bestimmt, konnte sich nur dort ergeben, wo Reize herrschten, sich durch etwas nähren, wodurch es angestachelt und gereizt war. Die dabei entstandenen Regungen verflüchtigten sich mit dem Reiz, der sie aufmerken ließ. Nun enthalten sie ihn zunächst der reinen Form nach als einverleibte Wahrnehmung, als eine Regung, die sich als Gedächtnis im Körper der Wahrnehmung erhält, als eine ästhetische Wirkung, die den einzigen Mangel hat, noch nicht selbst wirklich zu sein, die körperlich fixierte Erinnerung eines bestmmten Selbstgefühls. Aber als Aufmerksamkeit für bestimmte Wahrnehmungen wirkt dies schon.

Sigmund Freud hatte in der Traumdeutung das "Erinnerungsbild eines Befriedigungserlebnisses" als Grundlage aller seelischen Strebungen benannt. Das ist von der Seite nicht falsch, wie es in der Psychologie um die Leistung eines beseelten Gedächtnises geht, welcher die Seele antreibt - aber es ist eben nicht irgendeine wirkliche Naturhaftigkeit, sondern ledigllich die abstrakte Form hiervon, eine reine Formbestimmung, die allen seelischen Zauber für menschlich isolierte Subjekte bestimmt ....

Menschliche Empfindungen werden darin das Gut, wodurch Selbstgefühle ihren Wert erfahren, wodurch sich Selbstwert als Prozess der Selbstverwirklichung, also in der Wirklichkeit der Selbstbezogenheit bildet und entwickelt. Der beständige Mangel an Empfindungen bewirkt eine permanente Notwendigkeit, sich Empfindungen zuzuführen, Selbstgefühl dadurch zu gewinnen, dass Erlebnisse entstehen, in welchen die Empfindungen hieraus zur Selbstwahrnehmung gebracht werden. Es ist zwar zunächst ein durchaus wechselseitiger und freiwilliger Akt, dass sich Menschen in solche Erlebniswelten hineinbegeben und darin ihre Glücksmomente finden. Dieser wird aber schnell zu einer wechselseitigen Notwendigkeit des Selbstgefühls werden, solche Erlebnisse zu erzeugen und sich darin "anwesend zu machen", also ein Wesen zu gründen, das im Grunde "durch Abwesenheit glänzt" und nach Anwesenheit bestimmter Selbstgefühle sucht, Seele für sich, Eigenheit, die nirgendwo sonst wirklich ist, weil alles Eigene entwirklicht ist. Es ist also eine Wirklichkeitsform der Seele, die auf der Unwirklichkeit ihrer geistigen Potenzen beruht: Unwirkliche Begeisterung.

Die erste selbständige Form des Selbstgefühls ist die Seele als Gedächtnis seiner Begeisterung, als private Form eines Geistes, welcher darin in der Gestalt ist, welche die Dichte seines Erlebens hinterlassen hat. Wie das Ereignis, dessen Erleben so bewahrt ist, wirklich und öffentlich war, ist hierbei gleichgültig geworden. Wiewohl sie auf ihre Verwirklichkeit zielt, sieht die Seele ausdrücklich von aller wirklichen Gestalt ab und bewahrt letztlich die Bedeutung dessen, was die Wahrnehmung der Form nach dabei ausmacht.: ihre Ästhetik Da sie dies als Sinn ihrer Absicht hat, kann sie auf deren Verwirklichung auch nur hoffen, an sie glauben und hiernach streben.

Für die großen Weltreligionen stellt die Seele Gott im Einzelwesen Mensch dar. Sie sehen damit die private Geistesform als allgemeinen Geist Gottes an und die Privatperson als den Menschen schlechthin, den Menschen nicht als Resultat seiner Geschichte, sondern als Ausdruck göttlicher Beseelung. Damit ist die Psyche selbst Grundlage aller Religiosität, die Wiedererkennung Gottes in sich. Als solche wird sie auch von der idealistischen Philosophie begriffen. Es kommt aber darauf an, die Seele auf ihre wirklichen Füße zu stellen und das heißt, ihre Herkunft zu erkennen und vom "Baume der Erkenntnis" zu naschen.

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1.1 Das seelische Prinzip oder die Psyche

Selbstgefühle regen die Wahrnehmung des Selbsterlebens dadurch an, dass sie durch dessen Verdichtung es zu erhöhen verstehen. Die Dichte der Umstände binden das auslösende Ereignis mit seinen Reizen an eine räumlich bedingte Stimmung, welche sich in der Struktur ihres Entstehens zu einer bestimmten Selbstwahrnehmung verfestigt. Darin sind die Absichten in ihrer Stimmung bewahrt uns gelten als Selbstwahrnehmung bewahrheitet. Und in dieser Wahrheit ist sowohl das, was sie dabei wahrhaben und das, was sie zugleich wahrnehmen: Ein Gedenken, worin die besondere Wahrheit der einzelnen Wahrnehmung zugleich eine allgemeine Besonderung der Selbstwahrnehmung ist, eine Begeisterung des Gedächtnisses.

Die Seele ist zunächst eine geistige Welt von Regungen und Wünschen, die einen Menschen bewegen, ein See voller Geist, Geister und Geschichten, voller Antriebe und Sehnsüchte und Begierden, kurz: Das Ensemble von einem Verlangen, das in den Menschen als Lebensform ihrer Selbstgefühle verblieben ist, das schlechthin Unbestimmte und Unbestimmbare aller Selbstbezogenheiten. Sie erscheint als eine unendlich wirksame Vergangenheit, deren Zukunft in den Sternen steht. Aber so passiv, wie sie sich gibt, ist sie nicht wirklich. Vergangenheit, die sich nicht wirklich in der Gegenwart aufgehoben hat, wirkt nur deshalb unendlich, weil sie keine Ruhe geben kann, weil das Vergangene also gar nicht wirklich vergangen, sondern nur ungegenwärtig ist. Das kennt man schon aus vielen anderen Geistergeschichten. Die Geister spuken, weil sie wie ein verborgenes Gedächtnis wirksam sind, das sich nach verwirklichung von dem sehnt, was nicht wirklich wahr geworden war. Was nicht erkannt wurde, das lebt in seiner Verkenntnis fort. Es erfordert Wahrnehmungen, welche den hierin schwingenden Regungen folgen. Die seelische Absichten vollziehen alleine das unwirklich gebliebene Leben, das Unerfüllte und zielen auf Wirklichkeit, die nicht nur für die Seele, sondern auch fpür die bestehende Wirklichkeit nötig ist. Es geht der Seele um die Verwirklichung dessen, was zur Unwirklichkeit getrieben wurde. Die Seele ist daher vor allem ein aktives Wesen, das sich aus ihren Selbstwahrnehmungen gebildet hatte und sich nun als ein notwendiges Verlangen äußert.

Dieses war vor aller Selbstwahrnehmung von einem wirklichen Verlangen, von der Welt wirklicher Bedürfnisse und wirklichem Sehnen und Begehren nicht zu unterscheiden - eben solange die Selbstwahrnehmung durch keine fremden Gefühle bedrängt war. Nun aber besteht das Verlangen als bloße Regung in der Selbstgefühligkeit, ist als Absicht der Selbstgefühle zur Beabsichtigung bestimmter Selbstwahrnehmungen geworden. Es ist damit eine verselbständigte Absicht, welche sich aus der Gefühlswelt dadurch heraussetzt, dass es seinen wirklichen Grund nicht mehr als Gegenstand hat und kennt, ihn nicht mehr wirklich wahrnimmt, sondern sich in ihr nurmehr regt. In der Seele ist die Trennung des Einzelwesens Mensch von seiner Welt dadurch vollzogen, dass deren Wahrnehmung auf keinen Sinn mehr trifft, sondern sich die Sinne eines Menschen alleine durch dessen bestimmte Gegenwärtigkeit in einer bestimmten Lebenswelt als Regungen erleben. Was die Menschen wahrhaben, das regt sich nun selbständig in ihnen als Ereignis ihrer Sinne, das sie als solches auch erleben, wenn bestimmte Umstände eintreten - sei es per Zufall oder durch ihr eigenes Tun hergestellt. Die Seele speist sich daher aus den Absichten, die sich aus den Regungen der Menschen ergeben haben und die sich auf eine bestimmte Wahrnehmungswelt beziehen, gleich, wie die hinzukommt. Es ist dies die Grundlage einer ganz und gar gleichgültigen Wahrnehmung der Welt, die sich in dem Maße ausschließlich auf diese bezieht, wie sie Bedeutung für die seelischen Regungen, also wesentlich für das Selbsterleben hat. Von daher erscheinen die seelischen Regungen und voller geistiger Inhalte und voller menschlicher Kultur, voller Bezogenheiten auf eine weltliche Mystifikation, die sich nun als eigene Mystik in den Menschen ausbreitet, als bedeutsame Welt des Empfindens, Fühlens und Meinens.

Diese ist aber wesentlich ein Derivat der körperlichen Momente der Selbstwahrnehmung, Niederschläge des Erlebens im einzelnen Menschen in der Form, in welcher sie gefühlt worden waren und gefühlt werden. Es sind keine rationalen Inhalte, um die es hier geht, - keine ihrer Begründung folgenden Wirkungen, keine wirklich verursachten Begebenheiten. Es sind die ästhetischen Inhalte, durch welche das artikuliert ist, woran es der wirklichen Wahrnehmung mangelt. Es ist das, wovon die Wahrnehmung in Wirklichkeit absieht, wodurch sie seelisch wird.

Die Seele besteht also wesentlich aus Absichten, die sich aus den Selbstgefühlen eines Menschen ergeben, in denen sein Leben zu einer Sinnenwelt geronnen ist, die sein Wesen als Form vergangenen Lebens ausmacht und hierdurch vergangenem Erleben einen Sinn gibt, des es nicht wirklich hatte und nicht wirklich haben kann. In der Seele regen sich die Erinnerungen und Gefühle als das, was hiervon nicht wirklich sein kann, nicht mehr empfunden wird, weil es sich auch nirgendwo wirklich befindet. Es sind die Lebensgestalten, welche die Seele der Menschen mit Sinn gefüllt hat, aber es bleibt im Menschen von ihnen das, was aus ihrer Wirklichkeit für das Gefühl seiner selbst herausgenommen, verselbständigtes Gefühl geworden ist. Es sind die Gefühle, die keine Wirkung mehr haben, die ungelebt verblieben sind und von daher die Menschen wie eine selbständige innere Geisterwelt beleben. Es sind die Mataphern und Traumbilder des Selbstgefühls, welche die Seele erfüllen und ihr Sehnsüchte und Wünsche bestimmen. In ihr entfalten sich die Verdichtungen der Wahrnehmungen zu einer faszinierend schillernden Innenwelt voller Phantasien, Deutungen und Anmutungen, befreit von ihren unmittelbaren Wirkungen auf den Menschen, von ihrer körperlichen Borniertheit und Not. In der Seele bildet sich eine Gefühlswelt, welche den Zusammenhang bildet, worin sich die Selbstgefühle reflektieren. Sie erarbeitet auf diese Weise geistige Zusammenhänge einer Körperwelt, die in ihrer Wirklichkeit ihren Sinn verloren hat, die außer sich geraten ist, und sich jetzt in einer seelischen Selbstversinnlichung äußert. Sie ist die Besinnung einer abstrakten Körperwelt, ihr geistiger Zusammenhalt, so, wie er einem Menschen durch sich selbst möglich ist, wie sie ist, wenn er sie nicht mehr wirklich empfindet.

Die Seele überwindet den Mangel der Wirklichkeit durch eine innere Identität im einzelnen Menschen, die aus dem besteht, was bloßes Selbstgefühl ohne irgendeine Empfindung für sich ist, was sich nicht verwirklichen kann, nicht wirklich leben kann, weil es daraus besteht, über die Wirklichkeit hinauszugreifen, sie mit eigenem Sinn wahrzunehmen und diesen zugleich ausschließlich für sich selbst wahrzumachen als ausschließlich individuelles Wesen des Menschen, als eine innere Menschlichkeit, die von ihrer wirklichen Sinneswelt absieht, als eine hiervon abstrahierte Menschlichkeit. In ihr sind alle wirklichen Empfindungen und Gefühle aufgehoben und zum bloßen Empfinden und Fühlen seiner selbst gewendet, zu einer Quelle des Selbsterlebens, das durch seelische Verdichtungen und Dichtungen in überlebensgroße Gefühle mündet. Die seelische Regungen überstrahlen die Not der sinnlichen Vereinzelung der Menschen und werden zu einer Kraft, die sowohl Gestaltungskraft innerer Zusammenhänge ist, wie auch die Absicht, sich der wirklichen Sinnesnot abstrakter Körperlichkeit zu entziehen - nicht, um konkret zu werden, sondern um sich als geistiger Mensch ebenso abstrakt zu gewinnen. Ihre Regungen ergeben sich aus der Begeisterung des Selbstgefühls für den Sinn, den sie in dessen Erleben erfährt und der nun eine individuelle geistige Identität durch entsprechende Regsamkeiten stiftet.

Die Seele nimmt Sinn in der Form, wie er erlebt wird, auf, und belässt ihn als Sinn für sich, als die Lebendigkeit abstrakter Sinne, die von aller Wirklichkeit entkleidet ist. In ihrer Regsamkeit lässt sich der Mensch erschauen, wie er ohne Körper ist. Die Seele ist hierbei zunächst noch nichts anderes als eine Reflexion, ein Geist ihrer Sinne, der in seiner Abstraktheit als Hintersinn ihrer Gefühle verblieben ist - als ein abstraktes aber doch sinnliches Wissen, als Hort der Gefühle, die keinen Sinn mehr für Wirkliches haben, aber den Sinn in sich tragen, der sie beeindruckt hat. Darin ist die Wirklichkeit zugunsten ihrer Eindrücklichkeit verkannt und als Gemüt der Selbstgefühle bewahrt. Entsprungen aus diesen stellt die Seele eine eigene Wirklichkeit von deren Abstraktion in sich her, eine Absehung von ihrem öffentlichen Grund und Zusammenhang, dem die Absicht entspricht, eine Identität der Selbstgefühle ganz allgemein und privat in sich verwirklichen zu können. Alles, was den Gefühlen an Mut zur Auseinandersetzung und Verwirklichung fehlt, das wird nun in der Seele zum Gemüt einer verkannten Welt, zum Innenraum einer Welt, die ihre Wirklichkeit, ihren Mut zur Tat und Wirkung verloren hat. Was dem ungelebten Leben im Selbstgefühl noch bloßer Mangel an Verwirklichung war, wird jetzt zur Wirklichkeitsform der Seele, zur Absicht ihrer Selbstverwirklichung. Es ist eine Lebensform, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, die aber als Wirklichkeitsform der Seele alle Selbstgefühle erst wirklich zum Leben erweckt, zu einem Leben, worin die Selbstverwirklichung ausschließlicher Sinn und Zweck ist.

Im Aufhebungsprozess des Wirklichen wandelt die Seele ihre Gefühle zu eigenständigen Lebenswelten, die in der Seele ihrer Herkunft nach bedacht und als Gedächtnis bewahrt sind und deren Gedenken sie in der Verwirklichung ihrer Absichten zugleich betreibt. Alleine aus diesem seelischen Gedächtnis heraus begründet sich nun ihr Gemüt , dem es gleichgültig ist, was es wirklich zu bedenken und gedenken gäbe. Das seelische Gemüt macht sich seinen Reim auf die Welt wie ein Dichter, dem Hören und Sehen vergangen ist. Und es betreibt so die Rückführung der Selbstwahrnehmung auf ein menschliches Wesen, das alleine die Absicht verfolgt, möglichst ungebrochen und unbeschadet die Wirklichkeit zu überstehen. So wird dieser Antrieb der Seele, der zunächst nichts anderes als die Seele selbst ist, zu ihrem wesentlichen Prinzip. Die Seele sucht Menschen und Erlebnisse, die sie in diesem unterstützen, die hilfreich für ihre Selbstverwirklichung sind und Wirklichkeit durch ihren Reichtum an Delbstgefühl zu einem bloßen Lebensumstand herabsetzen können. Sie muss sich mit einem reichhaltigen zwischenmenschlichen Erleben füllen, damit sie sich über die vielfältigen Empfindungen und Gefühle erheben kann, die sie damit zugleich unter sich lassen muss. In der Absicht, ihr Gedächtnis zu bereichern, betreibt sie eine Ereignisproduktion in ihrem Sinn, welche schließlich ihren Antrieb und Trieb tatsächlich und wirklich ausmacht und zur Verwirklichung bringt.

Die Seele ist die Geistesform des Selbsterlebens, das ein Menschenleben in der Wahrnehmung hinterlässt und zugleich als Selbstverwirklichung betreibt. So kann die persönliche Geschichte für sich und jenseits aller gesellschaftlichen Wirklichkeit selbst in dem Maße tragend werden, wie sie von der wirklichen Geschichte zu Gunsten ihrer Selbstgefühle abstrahiert. Und das hängt wesentlich davon ab, in wieweit abstrakte Lebensvermittlung vorausgesetzt ist, inwieweit also abstrakte Lebensmittel, namentlich Geld, zur Lebensgrundlage eines sich selbst verwirklichenden Lebens gereichen.

Aber Geldbesitz allein begründet nicht die Seele. Es ist wesentlich die Flucht vor der Öffentlichkeit des gesellschaftlichen Verkehrs, der ihre Besonderheit ausmacht. Seelische Geister gibt es auch in Gesellschaften, worin Geld noch keine ode nur eine geringe Rolle spielt. Aber diese reflektieren immer auch den gesellschaftlichen Verkehr selbst, und sind somit geistige Reflexionen einer Gesellschaft, gesellschaftlicher Geist.

Auf die selbe Weise können viele Tätigkeiten der Seele auch gesellschaftliche Tätigkeiten sein, zum Beispiel das Träumen. Im Traum erscheint Wirklichkeit äußerst unwirklich und vergeistigt. Aber er legt damit auch den Geist bloß, der sich darin ereignet hat und macht ihn sich zum Gegenstand, Dies bleibt über alles rein Seelische hinaus immer ein notwendiger Reflexionsprozess, ob er nun nur private Form hat oder gesellschaftliche. Träume waren schon in der Antike die wichtigsten Quellen der HellseherInnn und WeissagerInnen, dieren Verheißungen weit in ihre gesellschaftliche Wirklichkeit ausgestrahlt, und sie hie und da bewahrheitet haben. Vielleicht ist Wahrsagen nichts anderes als eine vertiefte Fähigkeit des Träumens.

 

Für sich ist die Seele zunächst der innere Raum der Menschen, der Innenraum für die Verdichtungen, welche die Selbstwahrnehmung in ihren Gefühlen hat. Im Unterschied zum bloßen Selbsterleben will sie Selbstgefühl als Lebensraum ihres Körpers sein, indem sie ihre Gefühle in ihrer Verdichtung zu vergegenwärtigen sucht, ihre Abstraktionen durch sich selbst wirklich macht, als Verdichtungsprozess zur Wirkung bringt. Was sich in ihr verdichtet, das treibt ihren Sinn für ihre Empfindungen an und sucht die Vergegenwärtigung durch andere Menschen, welche hierfür als Gegenstand passen. Dies kann nur dadurch geschehen, dass sie die Anwesenheit von Menschen gewinnt, die ihrer Gefühlswelt entsprechen und als Gegenstand ihrer Selbstwahrnehmung geeignet sind. Sie will Selbstwahrnehmung überhaupt an sich binden, sie als ihre Leiblichkeit verspüren und sich darin in ihrer Absicht gestalten, als Grundlage ihrer inneren Identität wahr haben, die im Grunde eine äußere ist, nun aber als eigener Grund. So fließt in der Seele alle Wahrnehmung wie eine eigene Wahrheit zusammen, in welcher Wahrnehmung schön und gut wird, was immer auch hierfür wirklicher Grund gewesen sein mag.

Diese quasi persönliche Wahrheit wird getragen von Abstraktionen, die durch das Agieren der Seele nun wirklich werden kann, durch Selbstgefühle, die aus den Wahrnehmungen anderer Menschen gewonnen werden und sie insgesamt bereichern, indem sie zu einem Zusammenhang ihrer Selbstgefühle werden, ihr Selbstgefühl darin wahr gemacht wird. Die Absicht der Seele ist die Eitelkeit ihres Selbstgefühls, das sich unentwegt in der Anwesenheit von Menschen bestätigen und vermehren muss, um als eigene Wahrheit gelten zu können. Sie braucht und verbraucht diese Anwesenheiten als Zuträger von Wahrnehmung und strebt deshalb danach, deren Selbstgefühl von sich abhängig zu machen, um es bestimmen zu können. Sie wird dadurch zu einer Selbstwahrnehmung, die sich durch die Wahrnehmung anderer Menschen bestätigt und entwickelt, sich durrch sie als eigene Wahrheit dünkt, die für sich ausschließliche Wahrheit ist.

Nun könnte man meinen, dass eine Wahrnehmung, die durch die Wahrnehmung anderer Menschen erst entsteht, eine Tautologie ist, ein Selbstgefühl, das sich in Luft auflöst. Doch dem ist nicht so: Weil darin Sinne tätig sind, wird sie bereichert durch die Erweiterung und Entfaltung ihrer Sinnlichkeit, durch Beiträge der Selbstbildung, durch alle Arten des Selbsterlebens, z.B. des Geschmacks, der Originalität, der Kundigkeit oder des Kunstgenusses.

Die Seele ist das Ensemble der Stimmungen, worin die Selbstgefühle eine Identität suchen, das der Erkenntnis entzogene sinliche Sein der Selbstgefühle, das Gemüt einer verkannten Welt.

Durch die Erfüllung ihrer Absicht, durch die Verwirklichung einer beabsichtigten Stimmung, wird die Wahrnehmung der Selbstwahrnehmung selbstverständlich. Das seelische Gedächtnis ist daher zunächst nichts anderes als die eindrückliche Bewahrung dieser Selbstverständlichkeit und hat seine Grundlage in der hierduch bestimmten Stimmung. Da diese vor der Wahrnehmung schon besteht, kann der Inhalt der Seele, wie sie hier entsteht, nicht rückbezüglich sein, ein einfaches "Erinnerungsbild eines Befriedigungserebnisses", wie es Sigmund Freud in seiner "Traumdeutung" formuliert hatte. Er ist die Verwirklichungsform einer Absicht der Wahrnehmung, wie sie ihr nötig ist, um in Empfindungen Gefühle zu haben, um im Getrennten der Wahrheit eins zu sein. Diese abstrakte Einheit ist der Inhalt der Seele, durch welche sie die Wahrnehmung selbst so wahrhat, wie es ihr möglich ist, um mit sich eins zu sein. Und darin bleibt diese Absicht auch seelisch bewahrt.

Die so bedachte Stimmung regt weiterhin die Seele an und bestimmt von daher auch als seelische Regung wiederum die Selbstgefühle der Seele, dass sie diese Vereinigung erstreben. Die Selbstgefühle,  wie sie durch die Seele bestimmt werden, sind damit aber gänzlich anderer Art als die, welche sich noch durch die Selbstwahrnehmung selbst ergeben hatten. Sie überragen zugleich als Anregung der beseelten Wahrnehmung deren ursprüngliche Gewissheit, indem sie das bestimmen, was nun gewiss gemacht werden soll. Sie begründen ein Gewissen der Wahrnehmung, ein Streben danach, was wahr gemacht werden muss. Das Vergangene bestimmt sich in einem solchen Gewissen nicht inhaltlich fort, sondern in der bloßen Form dessen, was gewiss werden muss, nämlich das, was hiervon als wahr gelten soll. Es ist der ästhetische Gehalt des Vergangenen, der hier zur Formbestimmung der Wahrheit wird, der Reiz und Eindruck, der sich im Gedächtnis eingetragen hat. Was der Selbstwahrnehmung einst als schönes Erlebnis gegolten hatte, wird nun zu einem sie ebenso bestimmenden Moment wie das, was ihr als unschön gegolten hatte. Die Wahrheit des Wahrnehmens selbst hat hierdurch eine Bestimmung erfahren, die sich in die Beziehungen auf ihre Gegenstände in die Menschen eingräbt.

Selbstgefühle waren die Grundlage der Selbstwahrnehmung, die im Gedächtnis der einzelnen Menschen verblieben waren wie ein bestimmter Geist dessen, was sie erlebt haben, wie die Form ihrer Begeisterung. Darin ist die vereinzelte Wahrheit eines Gefühls ästhetisch fixiert und somit zu einem ästhetischen Inhalt des Gefühls geworden, denn Ästhetik ist nichts anderes als eine vereinzelte Wahrheit der Wahrnehmung. So wird, was Menschen von dem empfinden, was sie Wahrnehmen in eins genommen mit dem, was sie dabei in ihren Gefühlen für sich wahrhaben. Im Selbstgefühl wird, was bisher bloße Form einer Beziehung auf sich selbst war, die Wahrnehmung selbst zu einer Bestimmung dessen, was sie wahr hat, zu einer Selbstbestimmung ihrer Wahrheit. Und damit werden die Selbstgefühle zugleich die Form der darin geronnenen Erlebnisse, die Form ihrer Begeisterung als rein geistig gefestigte Wahrnehmung, als allgemein bestimmte Ästhetik ihrer Wahrheit.

Wie jedes Selbstgefühl, so ist auch diese gefühlte Ästhetik immer auf sich selbst bezogen, macht also auch immer eine in sich selbst reflektierte Erlebensform des Wahrnehmens aus. Die Art und Weise des Wahrnehmens selbst wird auf diese Weise in der Seele zu einer Form der Selbstwahrnehmung, worin sich die Selbstgefühle als Welt für sich nicht nur wahr haben, sondern sich zugleich auch in der Wahrnehmung wahr machen, sich darin also selbst auch ästhetisch bestimmen. Die Menschen haben sich selbst so wahr, wie sie die anderen erleben, haben ihre Beziehung zu sich durch das, was sie in der Beziehung auf andere wahrnehmen. Erleben sie die als schön, weil sie schön zu ihrem Gefühl für sich passen, so ist auch ihre Wahrnehmung schön; erleben sie diese häßlich, so hassen sie auch deren Wahrnehmung. Die Wahrnehmung anderer wird zum ästhetischen Leib des Wahrnehmens und deren Wahrnehmung ist darin einverleibt, dass ihre Wahrheit zu einer ästhetischen Wahrheit des Selbstgefühls geworden ist. Als Empfindungen und Gefühle sind die Wahrnehmungen längst vergangen, wenn sie als seelische Beziehung einverleibt sind. Und diese Beziehung ist damit die Form einer vergangenen Wahrheit, die nicht mehr wahr sein kann, die also gerade darin gebrochen ist, dass die Gegenstände der Wahrnehmung sich in der Geschichte der Selbstwahrnehmung entzweit haben, ihren Lebenszusammenhang einem seelischen Wahrnehmungszusammenhang übereignet haben. Die Wahrheit eines gegenständlichen Lebenszusammenhangs ist zwar zunächst in der Selbstwahrnehmung ästhetisch bewahrt, wird in dieser jedoch auch bestimmt durch das seelische Gedächtnis ihrer Bestimmtheit. Dies wird sich früher oder später zu einer Trennung aller Wahrheiten in persönliche Wahrheiten, welche nur seelische Wirklichkeit haben, und gegenständliche Wahrheiten, welche nur gegenständliche Wirklichkeit haben, entwickeln. Wir stehen nun also am Beginn einer seelischen Selbständigkeit des Wahrnehmens, welches durch die Selbstwahrnehmungen des Erlebens bestimmt ist. Nur hierdurch kann sich die seelische Wahrnehmung wirklich abspalten und von der Wahrnehmung der Wirklichkeit abgetrennt ästhetisch bewahren.

Als bloßer Sproß der Selbstgefühle grenzt sich diese Ästhetik von ihren Wahrnehmungen nicht unmittelbar ab, wird aber sehr wohl im Prozess der Selbstverwirklichung zur Wurzel der Selbstbehauptung gelangen, welche sie gegen ihre Gegenstände entwickeln kann. Zunächst mal aber haben wir es mit einer simplen Erscheinung zu tun: So wie die Wahrnehmungen ins Auge gefallen waren, so sind sie nun auch für das Selbstgefühl. Die Selbstgefühle werden hierdurch zeitlos und also unwirklich, lediglich an die Körperform gebunden und an deren Gestalt und Verlangen erinnert, aller Lebensbedingtheit enthoben. Die Seele ist das Gedächtnis der Selbstgefühle in der Form einer erlebten Geschichte, wie sie jenseits ihrer wirklichen Form wahrgenommen wird als gewesene Erlebnisse der Gefühle, als entleibte Selbstgefühle, die ihren Schmerz und ihre Freude, ihr Unglück oder Glück in einer seelischen Wirkung jenseits aller Wirklichkeit im Menschen hinterlassen. Diese Wirkung ist nirgendwo gegenständlich. Sie hängt immer von dem ab, worauf die seelische Absicht bezogen war, also das, worauf die Seele es absieht, wenn sie in der Wahrnehmung tätig wird, und wovon sie absieht, indem sie dies wahr hat. Ein Ereignis wird in dem Sinn seelisch, wie es in einer bestimmten Absicht für die Selbstwahrnehmung erlebt wird. Darin unterscheiden sich die Menschen durch ihre jeweiligen "Erlebensgeschichten". Allgemein ist nur ihre Stellung zu ihrer Selbstwahrnehmung dabei: Die ästhetische Reflektion, welche in die Wahrnehmung durch deren Absicht seelisch eingebracht wird.

Der eine Mensch erschrickt z.B. vor Spinnen, weil er darin etwas gegen sich verspürt, der andere bewundert sie. Es kommt ganz darauf an, was das Gedächtnis sich so zusammenspinnt, wenn ein Mensch Spinnen sieht. In ihr sind solche Wahrnehmungen verdichtet, sozusagen ästhetisch komprimiert und darin Bezüge assoziiert, die sich die Wahrnehmung selbst macht, wenn sie in der Selbstwahrnehmung verharrt, die aber auch durch neue Zusammenhänge des Erlebens verändert werden kann (ein Grund, warum Verhaltenstherapie bei "irrationalen Ängsten" überhaupt funktioniert).

Die "Assoziationen" der Seele funktionieren wie Gleichnisse in Bildern, als Gestaltung der Verbindung von Empfindungsmerkmalen (z.B. spitz und stachelig für Spinne), welche dem Gefühl (z.B. Angst vor einem Angriff mit Spitzen und Widerwärtigkeiten) entsprechen, welche vom Gefühl also auch erwartet werden.

Wenn die Bereitschaft von Verteidigung, also Alarmiertheit, seelisch treibend ist, entspricht die Angst vor Spinnen einer seelischen Absicht, durch welche Eindrücke eingeordnet und verarbeitet werden, Empfindungen von Bedrohlichkeiten sozusagen verschärft und zur Verbesserung der Aufmerksamkeit auch noch übertrieben (vergrößert) werden. So verrät die Spinnnenangst z.B. eine hochgardige Verteidigungsnotwendigkeit, von der erst bekannt werden muss, was sich darin angegriffen fühlt.

Die Seele in ihren Zusammenhängen und "Assoziationen" zu erkunden, ist ein weites Feld und bringt oft unglaubliche Verbindungen zu Tage, die dem Bewusstsein meist vollständig entgehen. Der Grund dafür, warum die Seele rein assoziative Zusammenhänge erfindet, liegt nicht an ihr selbst, sondern an dem, was auch sie begründet: Die Notwendigkeit von Lebenszusammenhängen, die man wahr hat, ohne darin wahr sein zu können. In der seelischen Verarbeitung werden durch "Assoziationen" Brücken für ihre Identität gebaut, ohne die sie in bestimmten zwischenmenschlichen Verhältnissen nicht sein kann, ohne die sie einfach zu nicht zerfließen und den ganzen Menschen nichtig machen würde. Es ist die Grundlage ihrer seelischen Figuration, ihrer Ästhetik, dass sie die Gegenstände ihrer Wahrnnehmung in dem Sinn beabsichtigt, wie sie darin Sinn für ihre Identätät hat, wie also darin und dadurch ein Mensch zu seinem Erleben kommt, letztlich also, wie er erlebt. Darin erinnert die Seele bestimmte Gefühle, welche in der Wahrnehmung zu einer Form dessen werden, was sie für sich wahr hat, was ihren Bruch mit ihrer Wahrnehmungswelt ausmacht. Was die Seele erlebt ist daher etwas ganz anderes, als was in der Empfindung selbst ist. Sie nutzt eine Empfindung, die in ihrem Gedächtnis verblieben ist, um ein Gefühl für sich zu haben, um z.B. ihr Glück, oder ihre Trauer oder ihre Angst oder ihre Wollust zu verspüren.

Im Fall der Spinnenangst dürfte diese auf einer hörigen Beziehung beruhen (siehe Teil II, Abschnitt 2, Kapitel 3), die sich nicht ändern lässt und die eine permanente Bedrohung durch die Menschen darstellt, denen man notwendig zugehört. Es lohnt sich, den "Assoziationen", die keine sind, nachzugehen, wenn eine seelische Problematik erkundet werden muss. Dabei muss vor allem darauf geachtet werden, dass nur derjenige, der diese seelische Verarbeitung betreibt, letztlich ihren Zusammenhang begreifen kann, die Herausarbeitung kann nur hilfweise durch Sprache von anderen Menschen unterstützt werden. Zu den von der Psychonanalyse als therapienotwendig behaupteten Übertragungen sollte es hierbei möglichst nicht kommen, denn damit ist die Entdeckungsarbeit schon unmöglich.

Das seelische Gedächtnis ist ein Füllhorn der Erinnerungen und die Grundlage der Einfälle, welche die Seele hat. Es ist der Grund, aus dem heraus Menschen ihre Welt erleben, das Gemüt und der Mut ihrer Welterfahrung und Weltverarbeitung, wie sie diese in sich selbst aufbereiten und ausbreiten. Sie nimmt ausschließlich für sich selbst wahr, auf was sie es absieht. Und sie hat von daher gerade nur die Wahrnehmung von dem wahr, von dem sie in Wirklichkeit absieht. Dies ist aber nicht außerhalb ihrer Wahrheit, ist nicht etwa verdrängt oder unterdrückt. Es ist lediglich in der ästhetischen Gestalt in der Wahrnehmung wahr, worin die Seele selbst ihre Gestaltung betreibt. Sie hat ein Gedächtnis ihrer Wahrnehmung in der Form, wie sie ihr inneres Wissen erworben hat, wie sie also denkt.

Das Gedächtnis der Seele ist zeitlos, hat keine Dimensionen, die einem geschichtlichen Ablauf in der Zeit entsprechen. Die Bedeutungen darin sind Traumbilder des Elebten, Körperform ihrer inneren Wirkung. Was darin verbunden ist, muss nicht wirklich verbindbar sein; es sind die Zusammenhänge, welche die Seele erkennt, geistige Zusammenhänge des Erlebens, Mythologie seiner Selbstbezogenheit, Plastik der Sinne, wie sie ohne Gegenstand, also für sich wirken.

Die Seele ist der private Geist eines Lebens in der Körperform des Erlebten, das für sich keinen Körper und keine Gestalt mehr hat, das Erleben als das erinnert, was es ohne Zeit ist: Raum eines Gedächtnisses, Gedenken und Erinnern in einem, Gestaltungsraum seelischer Figurationen. Ihm ist damit jede Gewissheit genommen, denn der Seele kann nur wahr werden, was ihre Absicht enthält. Es wäre für sie bloßer Glaube oder Zweifel am Wahrheitsvermögen selbst, wäre ihre Absicht in der gemeinen Wirklichkeit der Menschen aufgehoben. Sie kehrt sich gerade als besondere Individualität des Menschseins gegen die Welt, indem sie ihre Absichten ausschließlich und ausschließend für den Zusammenhang ihrer Selbstgefühle betreibt. Sie würde nicht in Gang kommen, würde sie nicht ihr blühendes Eigenleben entfalten. Sie wäre schlicht unnötig und für die Selbstwahrnehmung wie ein schwarzes Loch, in welchem alle Selbstgefühle untergehen.

Das Eigenleben der Seele wird zu einem Leben, das von keinem wirklichen Mangel, wohl aber von seiner Erfüllung und seinem Versäumnis weiß. Die Seele glaubt an das Leben, wie sie es erlebt hat, in der ihr eigentümlichen Reflexion von vergangenem Glück und Unglück, Liebe und Vernichtung, Fortschritt und Einheit. Sie glaubt an die schlichte Vereinigung von allem, was so nicht sein kann, an den "Ozean der Gefühle" (Sigmund Freud), in dem sie allem unendlich nah ist und mit allem eins. Sie selbst macht die Gläubigkeit des Menschen aus, ist die aktive Gestalt seiner Gefühle, aus dem er seine Lebenswerte gewinnt und hierauf seine seelischen Absichten gründet.

 

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1.1.1 Das entwirklichte Erleben der Seele als Welt ästhetischer Regungen

Ohne Wirkung ist Erlebtes eine rein geistige Selbstbeziehung. Es ist weniger von Bedeutung, was die wirkliche Geschichte darin ausmacht, was sie also bewirkt hat, als das, was hiervon der Integrität der Selbstgefühle dient. Die Seele selbst besteht daher aus einem Verschmelzungsbedürfnis, das nicht in ihr zur Befriedigung kommt, sondern nur durch Gefühle, welche sie verbindet, und das heißt: Zu Körperformen bringt. Was verschmilz, lässt den Glauben aufkommen, es sei höhere Wahrheit, auch wenn und weil sie hierbei nicht wirklich sein kann. Der Glaube, welchen die Seele an ihre Einheit hat, kommt so zu ihrer eigenen Wirkung: Sie vereint alle Gegensätze wirklicher Wahrnehmungen und verdichtet sie zu Gefühlsverbindungen, die keine Wirklichkeit kennen und finden können, weil sie nur sich selbst wahr haben als etwas, was sie fühlen, ohne es empfinden zu können.

Von da her erscheinen die Verdichtungen der Seele als verbildlichte Gefühle, als Verschmelzungen einer Welt, in welcher Surrealismus herrscht. Es ist eine Traumwelt, in welcher auch wirklich Bilder von Regungen erscheinen, die darin Gefühlt und empfunden werden. In den Träumen, Dichtungen und Phantasieen sind die Menschen ihrer Seele nahe.

Solche Wahrnehmungsform hat ihre Kehrseite: Was die Seele wirklich, also außer sich wahr hat, das wird ihr zu einer nun völlig fremden Wirklichkeit, zu einer Welt, mit der sie nichts mehr zu tun hat. Es wird als fremdes Sein aus ihrer Wahrnehmungstätigkeit ausgegrenzt, denn nur dadurch, dass dieses aus ihr veräußert wird, können Gefühle für sich rein, also ästhetisch empfunden werden, können sie ohne jede wirkliche Empfindung vereint sein. Die Seele wird zu einem Gemenge von Selbstgefühlen, die sich zu einer Innenwelt verbinden, die nichts anderes mehr erkennt, als ihre eigene Ästhetik und die hieraus Regungen erzeugt, die ihre Selbstwahrnehmung nötig haben. Diese erscheinen willkürlich und ohne wirklichen Sinn als eine absolute Welt von Regungen, als Seelenwelt ohne Belang für die Wirklichkeit, als zufälliges Fühlen und als Laune des Seelenlebens, die keinen Grund, keine eigene Wahrheit mehr hat und ihn auch nicht haben kann, die aber allen Aufwand betreiben, um ihrem Fühlen einen Leib zu geben, um sich Gefühle einzuverleiben, die sie für sich nicht hat, die sie aber haben muss, um seelisch für sich wahr zu sein.

Es sind alle Erlebnisse, die darin eingehen und aus den Bedürfnissen der Menschen verursacht werden - sowohl die Bedürfnisse der Ernährung, der Bedarf an Natur und Körperwelt, als auch die sexuellen Begierden und das Verlangen nach Abenteuer und Gefahren der körperlichen Anstrengungen. Es ist kein Leben, das auf solchen Bedürfnissen gründet, sondern ein Leben in Erlebnissen, die hierdurch betrieben werden und immer wieder auf eine Verfeinerung des Erlebens bedacht werden müssen. Alles Leben gerät hierdurch in eine Art Erlebensbetrieb. Nichts mehr zählt, außer das Erleben selbst. Alles Körperliche ist nun selbst das Terrain solcher Getriebenheiten und wird von daher auch als Trieb, als innerer Drang der körperlichen Natur erfahren. Die Menschen sind darin vor allem von den Mängeln ihrer Selbstgefühle abhängig geworden und verlieren ihren Selbstwert, wenn sie diese nicht "auffrischen". Das macht die Seele als Grundstimmung aller Selbstverwirklichungen wesentlich aus.

Dass die Seele nicht wirklich für sich wahr sein kann, ist ihr geläufig, auch, dass sie sich täuschen muss und also beständig enttäuscht sein muss, um ihre Gefühle zu ihrer Einheit zu bringen. Jetzt aber bringt sie ihr Erleben zu einer eigenartigen inneren Verbindung. Aus dieser heraus stellt sie sich nun gegen ihre eigenen Bedingungen und veräußert das, was sie wahr hat, was sie wirklich bestimmt und ausmacht. Sie trennt sich nun volllständig von ihrer Wirklichkeit und erhebt deren Abstraktion zu einem inneren Gegner, zu einem Ungewissen, das sie als Unbewusstes aussondert, gegen das sie arbeitet, das sie bedrängt und abzudrängen versucht, um ihren Regungen als reine Absicht nachzugehen.

Im seelischen Gedächtnis wird jetzt also zweierlei betrieben: das Erlebte wird einerseits wirkungslos gemacht für die Erkenntnis, indem es entwirklicht wird, indem seine Wahrheit unbewusst und also die Erkenntnisfähigkeit hierfür aufgehoben wird. Zum anderen wird das Gedächtnis der Seele selbst zu einer Lebensform gebracht, die einen Sinn für sich hat, der von allem absieht, was er wahr hat, was also das Erlebte dem wirklichen Inhalt nach war und das in der Absehung hiervon das Erleben auf seinen abstrakten Sinn verdichtet und als Kraft der Wahrnehmung bewahrt und sich zu einem unegeheueren Erlebnishunger entwickelt. Diese Kraft nimmt ihre Energie also nicht aus dem Erlebten, sondern aus der Dichte der Selbstgefühle im Erleben.

Nun ist diese Kraft aber selbst schon der abstrakte Sinn, welcher die darin ausbleibende Gefühlsidentität erzeugt, Notwendigkeit einer abstrakten Sinnbildung, ihr Gebilde, ihre Schöpfung. Die Einfälle der Seele sind vielfältig und entspringen ihrem notwendigen Glauben an die Selbsterfüllung ihrer Wahrnehmungsidentität, ihrer Sinnbildung. Diese beruht auf ihrer Ungewissheit, auf ihrer Unwahrheit, die als Unbewusstes beständig von ihr ausgeschlossen und abgetrennt wird. Damit die Seele sich entfalten kann, muss sie beständig unbewusst Erlebnisse erzeugen, die ihr nicht nahe kommen dürfen, Regungen, die Ihre Kraft als Form des Erlebens freistellen, zum Erleben in ihr selbst werden.

Glaube, Traum, verdichtete Wahrnehmung

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1.1.2 Das Sehnen und das Hoffen (Das Unbewusste)

Das Unbewusste sind Regungen, denen keine Gewissheit möglich ist, weil sie gegen ein Erleben stehen, das die Seele ausgeschlossen hat und nur in ihrer Absicht fortträgt. Ihre Absichten sehen von den Inhalten der Wahrnehmung ab, und zielen auf das, was ihre Sinne reizt und erregt. Von daher hat sich in der Wahrnehmung eine ästhetische Kraft von ihren Inhalten gelöst, die dem entspricht, was sie wahr hat, aber nicht wahrnimmt. Die Aufgeregtheit, in welche die Selbstwahrnehmung hierdurch versetzt ist, hat nichts mehr mit ihren Inhalten zu tun und auch nicht mit ihren Regungen. Es ist die reine Form dessen, was wahr gehabt wird, ohne wahrnehmbar zu sein, die Kraft, mit der sich seelische Identität herstellen muss, um Wahrnehmungsidentität überhaupt zu ermöglichen. Es ist unbewusst und als das Unbewusste erhält es sich als Kraft einer Wahrnehmungsidentität, die keinen wirklichen Sinn macht.

Es ist der von der Seele abgetrennte Grund für die Einfälle der Seele, für ihre Absichten, die sich mit einer Kraft umsetzen, welche sich in ihren Regungen gestaltet als Form, die keinen anderen Inhalt hat als den, den sich die Seele erfindet und der sich in ihr von ihren Regungen getrennt regt. Somit ist das, was die Seele wahr hat, von seinem Inhalt entledigt und als Kraft gegenwärtig, mit der sie ihre Regungen nur der Form nach wahrnimmt und verfolgt. Die Seele speist nun ihre Energie aus dem, was sie nicht mehr von sich weiß und auch nicht als das umsetzt, was ihr gewiss sein müsste. Sie ist getragen von einer Energie des Unbewussten, mit welcher sie ihre Absichten verfolgt, während ihre Sinne das wahrnehmen, das sie nicht mehr wahrhaben müssen.

Sigmund Freud hat im Unbewussten eine Urkraft des Menschen vermutet, die er Libido nannte, also so etwas wie Liebesenergie, Grundlage seines "Lustprinzips". Das ist sehr romantisch und entspricht des Ideologien des Bürgertums, seiner grundlegenden inneren Verzweiflung im Reichtum seines Geldvermögens nun auch positive Liebeskraft zuzusprechen. Es ist eine nette Vorstelung, dass das Unbewusste mit Liebe zu tun hätte, doch leider eine Ideologie, die das Gegenteil verbirgt, die platte Notwendigkeit einer Identitätsfindung in einer Welt, worin menschliche Identität nicht möglich ist. Daher muss Freuds Libido auch diesen oenetranten ontologischen Charakter haben, der erst sie positiv stimmt. Grausamkeit wird für Freud erst später angesichts des Weltkriegs wahrnehmbar und von daher muss er seiner Theorie einen Todestrieb beigeben, die im Grunde seine ganze Libidotheorie, eigentlich seine ganze Theorie zerstört hatte. Hier wird diese Auffassung libidonöser Ontologie ihrer Begründung enthoben und auf die Füsse gestellt.

Die Seele entwickelt ihre Regungen in Wirklichkeit jenseits der wirklichen Welt aus der Interpretation der Selbstgefühle, aus deren Verdichtung sie sich bilden, aus dem, wovon diese abgesehen haben. Diese Regungen beziehen aber ihre Kraft nicht aus sich, sondern dem Unbewussten, aus dem, was von ihnen im Zweck einer unbewussten Identitätsbildung ausgeschlossen wurde. Darin ist lediglich die Dichte des Erlebten enthalten als Kraft, die daraus gewonnen wird. Die Regungen sind Interpretationen, sind seelische Verarbeitungen, die durch die Art und Weise der Verdichtung des Gedächtnisses getragen werden, in welcher die Absehung von wirklichem Sinn bestimmt ist. Sie verschaffen der Selbstwahrnehmung eine Form, die keinen anderen Grund hat, als die Seele selbst, eine Wahrnehmungsidentität jenseits ihrer Wirklichkeit, und die zugleich aus ihrer Absehung abgeleitet und zu einer geschlossenen Gefühlswelt vereint ist.

Die unbewusste Wahrnehmungsidentität hat ihr Wissen nicht sinnlich, sondern ist seelische Form einer Sinnlichkeit, welche keinen wirklichen Sinn hat. Es ist die Körperform der Seele, worin sie ihre Gefühle verkörpert. Dies macht ihre Phantasie, ihre Träume, ihre Vorstellungswelt, Verrücktheit usw. Was sie antreibt, ist dabei aber nicht eine freie und nur unbewusste Kreativität, sondern die Notwendigkeit, gegensinnige Wahrnehmungen in sich aufzulösen und weiterzuführen.

So entsteht eine innere Wirklichkeit, die von keinem Wissen unmittelbar erreichbar ist, weil sie keine Gewissheit hat außer der, dass sie nötig ist, um die Wahrnehmung für einen wahrnehmenden Menschen (also nicht seine Seele) unter bestimmten zwischenmenschlichen Lebensbedingungen wahr sein zu lassen, um sie mit dem zusammenzuführen, was sie in seinem Leben wahr hat. Es ist die Notwendigkeit einer Wahrnehmungsidentität, welche das Unbewusste ausmacht, oft auch als Notlüge der Seele. Es sind die Verschmelzungen von Gefühlen, welche durch die Kraft der Selbstgefühle gebeugt sind und die sich in Traumbilder, Visionen, Reminiszenzen, die sich mit dieser Kraft als Form vergangenen Erlebens vermengen, in das Reich des Unbewussten ergießen, welches die Intuition der Ungewissheit fortträgt und Menschen voller Absicht handeln lässt, ohne dass sie es wirklich auf etwas absehen. Hierdurch wird die Wahrnehmung selbst in das integriert, was sie wahrhat, was ihre körperliche Verfassung und Bedingtheit ist. Die Wahrnehmung nimmt wahr, was sie für sich selbst ist, was sie von ihrem Selbstgefühl fühlt. Sie wird dadurch selbst ihrer Sinne enthoben, selbst abstrakt.

Die Psychoanalyse nach C.G.Jung nimmt diese Abstraktionen, wie sie auch in Traumbildern vorkommen, als konkrete Gestaltungen ursprünglicher Natur, als "Archetypen der Seele". Dies entnimmt er der Tatsache, dass es seelische Bilder gibt, die sich über alle Generationen und Zeitepochen hinweg erhalten haben und wiederholen.
Dies allerdings findet sich bei jeder Abstraktion. Nimmt man die Abstraktionen als Farben, oder als grafische Formbeziehungen oder als Kunst oder als Musik usw., immer wird man dies Überdauernde des Absztrakten finden und bis in die Steinzeit zurück verfolgen können, aber nicht, weil es vor uns war, sondern weil Abstraktion immer in die leeren Formen des Lebens gehen und über alle Epochen hinweg erkennbar bleiben, ohne dass sie damit qualitativ begriffen sind (oder sind Hölenmalereien vielleicht doch "abstrakte Kunst"?). Wären es Ursprünge, so hätte das Leerste dann die höchste Aussagekraft über das Leben und Träumen und Fühlen der Menschen.
Das Umgehen mit Abstraktionen als ursprüngliche Lebensformen macht die Basis reaktionärer Wissenschaft aus, und so nimmt es nicht Wunder, dass sich besonders reaktionäre Psychologen (wie z.B. Bert Hellinger) gerne auf Jung berufen - und auch, dass C.G. Jung sich ganz im Gegensatz zu Sigmund Freud mit den Nationalsozialisten gut arrangieren konnte.

Dadurch, dass das Erleben der Selbstgefühle selbst schon entwirklicht war, kann sich deren Absicht nur jenseits dessen bilden, wovon sie abgesehen hat und worauf sie es in Wirklichkeit absieht. es ist eine innere Wirklichkeit, ein innerer Raum, worin die Seele ihre Erkenntnisse gewinnt, ihre Identität jenseits des wirklichen Lebens findet.

Dieser "innere Raum" bewahrt und betreibt die seelische Identität durch Abdrängungen von Wirklichem (Verdrängen) oder Überlagerung oder Ersatz mit unzugehörlicher Wirklichkeit (Verschiebung oder Ersetzung). Es kann aber auch dazu führen, das Wirklichkeitsvermögen überhaupt zu bekämpfen, es zu umnachten.

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1.1.3 Die seelische Selbstbezogenheit (Die Wunscherfüllung)

Wovon das Selbstgefühl der Seele absieht, davon ist das Unbewusste in der Form seiner Regungen ausgefüllt und seine wirkliche Erfüllung kann es nur finden, wo sich auch wirklich erfüllt, was sich da in der Seele regt. Die Wahrnehmungsidentität, welche die Wahrnehmung durch ihre unbewusste Wahrheit hat, wird erst wirklich, wenn und wo sich ihre Regungen in den Selbstgefühlen durch entsprechende Erlebnisse erfüllen. Sie sind hierfür in einer inneren Erregung, die als solche im Antrieb des Selbstgefühls verbleibt und als Mangelgefühl empfunden wird - solange, bis sich dieses aufhebt, solange also, bis die Absichten der Seele als Wunscherfüllung aufgehen. Gleich, was sich dabei als bestimmter Wunsch regen mag, er ist immer eine Interpretation des Mangels, der ihm an Lebenserfüllung zugrunde liegt. Und das ist der Mangel der Selbstwahrnehmung überhaupt.

Es handelt sich hierbei nicht um einen natürlichen Mangel, etwa den an geschlechtlicher Befriedigung, wie das z.B. von der Psychoanalyse aufgefasst wird. Natürlicherweise gibt es Mangel nur als Antrieb zu einer Tätigkeit, nicht aber des Selbstgefühls - sie ist aller Selbstgefühligkeit voraus und zu ihr gerade vollständiges Gegenstück. Die Natur mag sich als Hunger oder Geschlechtslust regen, sie verlangt aber immer nur einfaches Tun. Dass dieses so kompliziert werden kann, liegt daran, dass die Natur für die Wahrnehmung nur als Kultur auftreten kann, weil die Kultivierung menschlicher Beziehungen ihr zugrunde liegt. Es verbleibt darin auch kein Rest Natur außen vor, weder als natürlich Begierde oder Trieb. Warum auch sollten die Menschen ihren Hunger durch gesellschaftliche Arbeit befriedigen, ihre Triebe aber nur wie gezähmte Tiere? Man kann sich isolierte Menschen auf einer Insel vorstellen, die keinerlei Beziehung eingehen, weil sie von Naturmängel beherrscht werden. Das ist so eine Vorstellung der Robinsonaden, die sich in manchem Wohnzimmer ausmalen lässt. Man kann dabei gerne und viel Idylle und Romantik der Gesellschaftlslosigkeit hineinvermuten, die zugleich einen Hauch von Freiheit von allem vermitteln, was sonst das Leben beschwert. Aber nur eins ist bei alle dem sicher: Solche Menschen handeln nur so, wie die Todesangst es ihnen abverlangt, nämlich als Barbaren. Sie rauben und morden aus geringstem Anlass mit dem höchsten Lebensgrund: Nämlich solche Umstände zu überleben. Der ganze romantische Unsinn fällt ab, wenn man wirklich von seiner Gesellschaft getrennt ist, die man permanent, auch in den umständlichsten Vorstellungen wahrhat.

Die Regungen vollziehen in ihrer Erregung die Umkehrung ihrer Selbstgefühle zu Gefühlen, die sich aus ihrer inneren Notwendigkeit bestimmen, aus der Not, ihre wirkliche innere Leere, ihre Wesenlosigkeit in sich zu wenden. Diese Regungen vollziuehen sich in der Wirklichkeit daher als notwendige Stimmungen, als Bestimmungen, welche die Stimmung ausmachen und antreiben. Hierfür werden alle Empfindungen und Gefühle selbst zu Beiträgen einer Abstraktion, auf die sich die Seele einstimmt, welche die Seele betreibt, die Stimmung, die sie antreibt. Die Absichten, die das Unbewusste der Seele als Stimmung in iher Wirklichkeit entwickelt, stehen zwar im Gegensatz zur wirklichen Welt ihrer Gefühle, wiewohl sie nur diese enthalten und verleiblichen können. Von daher stellen die Stimmungen ihre Absicht als bloß leibliche Form gegen ihren seelischen Inhalt. Die Wirklichkeit, welche ihre Gefühle enthalten und die sie wahrhat, wird als Kontrahent des Unbewussten erlebt, das nun allerdings seine bestimmte Absicht als Bestimmung ihrer Stimmung hat.

Diese Spannung der Entgegensetzung macht die innere Erregung aus, durch welche die Seele nun auch zu wirklichem Handeln gezwungen ist. Dieses muss eine erkennbare Welt betreffen und sie dahin bringen, dass darin eindeutiges Erkennen wieder möglich erscheint. In dieser Erregung ist die Absehung von bestimmter Sinnlichkeit und die Absicht einer Stimmung vereint, seelische Absicht, die nach Ereignissen sucht, in denen sie ihren seelischen Frieden finden kann. In ihrer Stimmung ist alles aufgehoben, was sie wahr nimmt und wahr hat; es ist der Ausgang ihres wirklichen Treibens, dessen seelischer Antrieb als nun aktives Verlangen nach der Bestimmung ihrer wirklichen Welt durch die Stimmung, die darin befriedet werden muss. Es geht ihr um die Einverleibung einer äußeren Welt voller Menschen und Dinge, welche ihrer inneren Welt ästhetisch entssprechen und zugleich nur als deren Forrm nach Verwirklichung suchen. Es ist der Inhalt ihres Verlangens und Wünschens daher das, was ihre Stimmungen ausmacht. Aber es ist zugleich ein völlig leerer Inhalt, der ihre Wahrnehmungsform bestimmt - daher bloße Begierde als leerer Antrieb ohne Sinn für die Befriedigung, die darin gesucht wird. Es ist ein Antrieb zur Befriedigung durch Menschen und Dinge, die lediglich den seelischen Mangel in der Beziehung zu ihrer Lebenswelt aufheben sollen. Darin soll das Gemüt einer zufriedenen Welt aufgehen, das außerhalb der Seele nicht wahrzunehmen ist. Aber auch in seinem höchsten Glück stellt dieses Gemüt doch eine recht hoffnungslose Zukunft auf: Die angetriebene Begierde als unendliches Treiben der Seele, als Trieb für sich.

 

1.2 Die Absichten der Psyche

Die Seele ist zum Inbegriff aller Selbstbezogenheiten geworden, - nicht weil das Selbst seelische Eigenschaften hätte, sondern weil es nur eine bloße begriffliche Form ist, deren einziger Inhalt mit Seele beschrieben werden kann: Der Ort aus dem die Geister der Selbstbezogenheiten ihren Sinn beziehen und bekommen. Dieser Sinn allerdings ist zunächst nur sehr dürftig bestimmt als ein abstraktes Verlangen, das allerlei Regungen enthält und von einer umfassenden Erregung getrieben wird. Die Selbstbeziehungen haben ihre erste notwendige Gestalt in den Trieben, welche in die Menschen gefahren sind, als seien sie von Natur aus da und nichts anderes als die Triebe der Natur, also so, als seien die Menschen von ihren Begierden nur deshalb erfasst, weil sie einen Stoffwechsel haben und sich fortpflanzen sollen. Doch aus der Natur lässt sich nichts begründen, was gegen die Menschen selbst gerichtet sein kann, was sie selbst zum bloßen Mittel einer abstrakten Vermittlung herabsetzt, der sie gehorchen müssen, als seien sie auf einem Markt der Getriebenheiten. Die Begierden, um die es sich hier handelt, sind Verselbständigungen ihrer körperlichen Eigenschaften, die sich nicht in ihrer Lebenserzeugung, in ihren wirklichen Bedürfnissen und der Herstellung befriedigender Gegenstände fortbestimmen, sondern in ihrem ausschließlichen körperlichen Sein für sich. Es handelt sich also nicht um ein natürliches Verlangen, was das Selbst überhaupt zum Inhalt haben kann, sondern um ein Verlangen, das nur in ganz bestimmter Kultur sich in den Körpern der Menschen verselbständigen kann und von daher ein sinnlich-übersinnliches Verlangen ist.

Die Seele selbst ist äußerst unbeholfen, was die Fähigkeit zur Erfüllung ihres Verlangens ausmacht. Zugleich ist die Wirklichkeit ja hiergegen auch äußerst kompliziert und lässt sich nicht so einfach und gerne vom Seelenreich einverleiben. Die Seele will eigentlich nur ihre Stimmung verbessern, indem sie ihr Gedächtnis mit Erlebnissen bereichert, die es fortführen und beruhigen. Das muss nicht die Wirklichkeit erfüllen, wiewohl von dort das Mangelgefühl kommt. Die Seele muss sich verhalten, zu einer Form werden, worin sich ihre Selbstgefühle arrangieren, zu einem Selbst, in das sie sich ergießt und das sie auch zunächst ausfüllt und vermittelt. Das Selbst errichtet eine Seelenwelt voller Gefühle, worin sich die Menschen erleben und worin sie sich finden.

Eigentlich reichen hierzu einige andere Menschen, welche in die Gefühlswelt der Seele geraten sind. Sie sieht es ja nur darauf ab, ihr inneres Erleben zu steigern, ihre Stimmung durch Empfindungen und Gefühle zu verbessern und diese durch andere für sich zu gewinnen, um ihre Stimmung darmit zu entwickeln und auszuformen. Jenseits aller Lebensgegenständlichkeit und Lebensbedingtheit muss sie dabei zugleich von allerhand absehen: Nicht nur von aller Wirklichkeit, sondern auch von der Verwirkllichung einer Selbstbezogenheit, die ohne unbesusste Absicht sein könnte. Sie hat Stimmungen, die völlig unbestimmt, aber einen Leib haben und suchen, den sie bestimmen müssen. Die Seele selbst würde durch die Verwirklichung ihrer Stimmung in sich selbst zusammenfallen wie ein aufgegangenes Sufflee, das ohne einen Konsumenten in Nichts versinkt. Sie müsste sich selbst aufheben, wenn ihre Stimmungen kein Gegenüber finden. Sie benötigt die Befriedung ihrer Stimmung durch andere, die für sie wirklich ist, ohne dass sie wissen muss, was andere wirklich für sie sind. Sie kann daher auch nicht Wirklichkeit konstruieren, als sei diese ein Lebensplan, um dessen Umsetzung es ginge.

Die Seele hat scheinbar planlose Absichten, die aber heftig darauf drängen, erlebt zu werden, um ihre Erregung zu tilgen, um die Wirklichkeit der Wahrnehmung mit ihrer Stimmung in Einklang zu bringen, um ihr erregtes Gedächtnis zu glätten. Der Sinn ihrer Absicht stellt sich erst im Nachhinein heraus, und auch nur, wenn man ihn hinter allem sucht, was das Zustandekommen ganz bestimmter Ereignisse erklärt. Es muss nicht Glück, es kann auch Rache sein, nicht unbedingt Liebe, sondern auch Vernichtung. Die Absicht der Seele zielt alleine auf die Herstellung einer inneren Integrität der Selbstgefühle durch die Herstellung von Ereignissen, die dem Gedächtnis Ruhe verschaffen, indem sie erlebbar macht, dass diese Gefühle auf sich zurückkommen, der See der Gefühle geglättet wird, das Gemüt sich in der Welt befindet und empfindet.

Sie erreicht dies letztlich nur durch Einfluss auf ihre wirkliche Umgebung, durch die Herstellung von Umständen, Stimmungen und Gefühlen, durch welche Erleben entsteht, das die Erregungen ihrer Regungen aufhebt.

Der Seele geht es nicht um die Identität der Erkenntnis, nicht um Wahrheit, sondern um eine Wahrnehmungsidentität der Gefühle, die ihre Aufruhr und Widersprüchlichkeit so auflöst, dass die Wahrnehmung für sich eins, also in sich und mit sich einig wird. Sie erreicht dies für sich im Traumhaften, im Traum oder der Phantasie oder unbewussten Äußerungen. Vor allem aber erreicht sie es durch die Herstellung einer Wirklichkeit, die ihr entsprechen soll.

1.2.1 Das Unbedingte seiner selbst

Wo das Leben der Menschen nur unter allgemeinen Bedingungen möglich ist, welche gleichgültig gegen die Menschen bestimmt sind, da erfahren sie sich durch die Bestimmungen der Dinge fremdbestimmt. Hiergegen erscheinen die Selbstgefühle wie eine Rückfindung ihrer selbst, die ihnen möglich ist, wenn sie mit entsprechendem Geldbesitz ausgestattet sind. Sie Selbst können sich dann frei von aller Bedingtheit erscheinen, sind hierbei aber denn bedingungslos voneinander abhängig. In ihren zwischenmenschlichen Beziehungen vollziehen sie ein "Reich der Freiheit", worin sich ihr Leben selbst vermittelt, worin sie also als einzelne Menschen allgemein selbst die Mittler ihrer Lebenskräfte sind. Hierdurch sind sie in eine Welt anderer Notwendigkeiten geraten, welche ihre Freiheit bedingen: Sie müssen darin sich selbst unbedingt erscheinen, indem sie sich auf andere als Bedingung für sich beziehen, für ihre Wahrheit und Gefühle und Regungen usw..

Auf diese Weise war jenseits aller Lebensbedingtheit in der Seele eine unbedingte Notwendigkeit entstanden, die Lebenswelt so zu bestimmen, dass sie darin auskommt, dass sie der Form nach dieser entspricht, so dass sie ihre Absichten darin auch verwirklichen kann. Diese Notwendigkeit wurde von Sigmund Freud "Ich" genannt, also als psychische Fähigkeit tituliert, die inneren Strebungen eines Menschn mit seiner Außenwelt zu einer befriedigenden Wirkung für ihn selbst zu bringen.

Allerdings hatte Freud diese Notwendigkeit aus einen aller Geschichte vorausgesetzten Gegensatz von Natur- und Kulturbestimmungen abgeleitet, nicht als immanente Notwendigkeit der bürgerlichen Kultur selbst. Für ihn ist das Streben der Seele apriorisch schon aus der Natur von Befriedigungen begründet, aus natürlichen Befriedigungserlebnissen, welche in einer kultivierten Gesellschaft nach seinem Gesellschaftsverständnis auch nicht natürlich zustande kommen können, sondern den "Umweg" eines Zivilisationsprozesses nachvollziehen können müssen. Das entspricht vor allem dem Selbstverständnis des Bildungsbürgertums, das sich ja immer gerne in einem höheren und nicht von der menschlichen Natur selbst herrührenden Zweck bestimmt sieht. Von daher erkennt man dort alles nur in einem Dualismus von natürlichen und kulturellen Strebungen, die einen übernatürlichen Gegensatz lediglich vollstrecken und der daher auch notwendig beherrscht werden muss. Diese Beherrschung konnte sich die Aufklärung und auch der Aufklärer Freud sich nur als Selbstbeherrschung vorstellen. Von daher nannte er es das Ich.

Tatsächlich erscheint Selbstbeherrschung auch nötig, wenn man davon absieht, dass die Kultur der Menschen selbst eine Naturmacht darstellt. Und dieser Schein wird geradezu fixiert durch die Unwirklichkeit und oft auch Unverwirklichbarkeit der inneren Strebungen der Menschen und der Gewalt ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese wirkliche Notwendigkeit unwirklicher Beziehungen einzulösen und aufzuheben ist daher auch das wirkliche Kunststück der Seele, denn die Welt lässt sich nicht so ohne weiteres von der Seele behandeln. Andererseits aber entspricht sie ihr auch als Begründerin ihrer Notwendigkeit, als Wirklichkeit, welche sie nicht sein lassen kann und von der sie abgesehen hatte. Die Seele formuliert in Wirklichkeit eine durch diese selbst bedingte Wirkung auf die Menschen. Sie ist in Wahrheit so wirklich, wie die Wirklichkeit unwahr ist. Die Seele ist bedingt durch die Selbstwahrnehmung von Menschen in ihren wirklichen Beziehungen. Sie muss aber zugleich unbedingt sein, um sich darin auch zu verwirklichen. Das schließt sich im Grunde voneinander aus.

Seele und Welt haben sich vollständig in ihren Interessen entzweit. Aber soweit die Welt voller Menschen ist, ist sie auch voller Seele und lässt sich seelisch bewegen und interpretieren. Die Seele muss andere Menschen so bestimmen, dass sie ihrer Vorstellungswelt entsprechen, ihre Gefühle und Stimmungen aufheben, um ihe Erregungen zu befrieden. Darin besteht ein unbedingter Antrieb des Seelischen, sich die Welt zu unterwerfen.

Es erscheint wie das Naturschicksal der Abstraktion, sich von aller Bedingtheit frei gemacht zu haben. Diese verbleibt in der Wirklichkeit der Menschen; die Abstraktion für sich erscheint bedingungslos, also unbedingt, aber sie lebt und zehrt davon, was ihr aus dem wirklichen Leben der Menschen zugeführt wird.

Natürlich bleibt das Leben der Menschen so wirklich wie eh und jeh, gleich was die Seele daraus macht. Aber sie zehrt doch auch beträchtlich an seiner Substanz. Es verlangt Kraft und Aufwand, allem nachzukommen, was seelisch unbedingt nötig ist. Das sind oft die vielen Umwege bei relativ einfachen Abläufen, die Ängste und Betulichkeiten, die unbedingt sein müssen, damit das abläuft, was sowieso abläuft. Der menschliche Anteil wird so zum Seelenanteil, weil die Seele quertreibt, wo sie ihre Regungen ausgeschlossen fühlt.

Für ein gesundes Bürgerherz ist das Treiben der Seele die Liebe, die es kennt, die Liebe schlechthin. Aber es ist zugleich ein elendes Treiben. Die Seele schließt nämlich von sich selbst aus, worauf sie sich bezieht: Sie hat ein bedingungsloses Verlangen, durch das sie bedingt ist. Wie ein objektives Subjekt betreibt sie die subjektive Objektivität ihrer Sinneskräfte. Das ist ihr Knackpunkt, der Umschlagspunkt der Abstraktion zu einem unbedingten Sinn, der alles in sich trägt, was nicht wirklich ist, aber sich alle Wirklichkeit einverleibt hat, die seelenlos ist. Damit beginnt die Seele, unerbittlich zu werden, ihre Regungen zu übervorteilen und jede Einschränkung ihrer Absichten bis zum Ruin der Wirklichkeit zu bekämpfen. Sie wird zu einem Stier, der nicht weiß, was er will, der aber alles durchsetzen muss, was er kann, um seine Erregung aufzulösen. Ohne das Objekt ihrer Begierde ist die Seele nichts und durch dieses erscheint es ihr so, alles sein zu können. Glück und Unglück liegen in ihr nahe beieinander. Es ist geradezu ein teuflisches Schicksal, das eine Seele durchläuft, solange sie noch zu keiner ihr gemäßen Persönlichkeit gefunden hat. Sie verschmilzt in dem, von dem sie sich nach ihrer Enttäuschung trennen muss und sie trennt sich von dem, was sie zum Schmelzen bringen würde. Auf diesem Weg erleidet sie Tantalusqualen und schuftet wie Sisyphos.

1.2.2 Das ungewisse Selbst (oder das Gewissen)

Naturgemäß ermangelt es der Seele an jeder Wirklichkeitsform und jedem Sinn für Wirkliches. Ihre Unbedingtheit fegt jeden Zweifel beiseite, und ihre Wirklichkeit wird ihr damit immer ungewisser. Von daher ist sie absolut gewissenlos und sucht und versucht, was ihr über den Weg kommt. Ihre Objekte sind ihr im Grunde gleichgültig, sofern sie sich von ihr bestimmen lassen. Auf der Suche in der Ungewissheit ist ihr jedoch auch ungewiss, was sie sucht. Es geht nur um das Potenzial des Unbestimmten, das sich so bestimmen lässt, wie Wirklichkeit für die Seele sein muss. Ihre Absicht ist und bleibt daher für sie selbst ungewiss, während sie diese verfolgt.

Zugleich ist das Ungewisse das Loch ihrer Selbstgefühle. So unbedingt und energisch sie ihre Absichten durchzieht, so ungewiss ist ihr, was sie damit erreichen kann. Sie zielt ja lediglich auf Einheit von Gefühl und Wirklichkeit - und nichts ist ungewisser wie diese. Ein ganzes Leben kann hierfür verbraucht werden und alle Seelenarbeit der Welt sich in Gewissheit auflösen wollen: Die Seele bleibt notwendig ungewiss, eben weil sie keinen Sinn für Wirklichkeit hat und weil ihr Wirklichkeit nur unsinnlich gilt. Ihre Ungewissheit macht ihre Gewissenlosigkeit aus - und ein schlechtes Gewissen kann daher sich nurmehr aus der Wirklichkeit ergeben. Die Bedingung für seelische Entwicklung ist ihre Ungewissheit - sowohl von ihrer Herkunft als auch für ihr Ziel.

Nun war bereits das Unbewusste eine Grundlage der Innenwelt, welche die Seele ausfüllt. Das Ungewisse bezieht sich ganz im Gegenteil zu diesem auf ihre wirkliche Sinnesform. Das Unbewusste der Sinne ist dem vorausgesetzt, dass sie für sich Wirkung erzeugen können, sich verselbständigen und damit zur Kraft ihrer Abstraktion werden. Es geht nun aber nicht mehr um das Reich der Regungen und Erregungen, sondern um die Tätigkeit der Seele. So unbedingt, wie sie sich aus den Gründen ihrer Entstehungsgeschichte hervorgetan hat, so ungewiss wird ihr eigener Sinn, welcher der Träger ihrer Abstraktion ist.

Die Seele kann Gewissheit ihrer Sinne nur außer sich finden, in fremden Sinnen, die ihr Gewissheit dadurch bieten, dass sie für sie erkennbar sind. Sie erkennt in fremdem Sinn das Potenzial ihres Lebens und ist deshalb bestrebt, sich diesen einzuverleiben, ihn zu ihrem Leib zu machen, ohne dabei selbst leiblich zu werden. Da regt sich dann endlich, was sich in ihr regt, wirklich - und zwar in fremdem Sinn. Sie betreibt dessen Regung und genießt seine Erregung als ihr Produkt. Und sie hat darin ihre erste Wirklichkeit, erste Lebensform ihrer Absicht.

1.2.3 Die Einverleibung der Sinne als Verwirklichung ihrer psychischen Antriebe

Unbedingt und ungewiss hat die Seele ihren wirklichen Sinn nur außer sich. Sie ist wie ein Mönch, der sich seiner wirklichen Herkunft entzieht und sich auch nirgendwo wirklich sinnlich einlässt - das Zölibat ist ihm gnädig. Sie ist für sich reines Selbstgefühl in der Betrachtung und Anschauung der Welt. Aber sie lebt voll und ganz nur durch sie. Wenn es um Geld geht, da werden auch die Mönche wach, wo es um wirklichen Sinn geht, die Seele.

Und wie der Mönch, so besteht auch die Seele aus einem unbedingten Glauben an die Möglichkeit der Bestimmung ihrer Lebenswelt. Sie muss sich darin regen, um ihre Erregungen zu übertragen, sich einbringen als fleischlicher Geist, um begeistertes Fleisch zu ernten. Darin kehrt sich nun das Verhältnis ihrer Regungen zu ihren Erregungen in ihrer Tätigkeit um: Sie erweckt durch ihre regsame Geisteskraft eine Sinnlichkeit, wie sie sie für sich braucht - und verbraucht. Hier erweckt sie Liebe, deren Sinn verschlossen bleibt, dort Hass, der völlig unsinnig ist, dort Vertrautheit, die keine Entfremdung kennt ... Die Seele verschmilzt alles zu einer Gemeinschaft der Selbstgefühle, die sie erst richtig aufgehen lässt und worin eine seelische Identität entsteht, die sich von aller Wirklichkeit abhebt, wiewohl sie nur durch diese sich bildet.

Von der Wirklichkeit her erscheint diese Welt, die so entsteht, unfassbar. Darin lassen sich Menschen nutzen, ohne irgendeinen Sinn dafür zu haben, was ihre Nutzung bestimmt. Sie tun es aus Liebe oder Hass oder sonstwelche Regung, in der die eingefangen sind. Die Seele eben erfüllt höhere Zwecke und der profane Leib, den sie für ihre Absichten auserkohren hat, weiß nichts von seiner hohen Bedeutung. Er scheint das Leben lediglich zu bebildern, ist in Wirklichkeit aber der höchste Sinn, den es bekommen kann. Er wird einverleibt aus seinen Sinneszusammenhänge heraus und in einen seelischen Zusammenhang gestellt, von dem er nichts wissen kann. Darin ist die Ungewissheit der Seele wirklich aufgehoben. Sie bekommt Sinn darin, was sie begeistern kann, was sie in Regungen und Erregungen zu versetzen versteht, ohne dass hierbei ein wirklicher Sinn entstünde, den es noch nicht zuvor gegeben hätte. Im Nachhinein wird mancher feststellen, das es vergebliche Lebenszeit und Lebensmüh gewesen war, die der Seele geopfert wurde.

Umgekehrt gibt es im Seelischen das Problem, dass jede seelische Beziehung einen Sinn hat, ohne den sich die Seele verlieren müsste. Sie hat eine umfassende Verlustangst, während sie sich als Seelenmacht über die Sinne fühlt. Aber nur dort hat sie ja wirklich Sinn. Das macht sie vollständig von dieser Sinnenwelt der Wirklichkeit abhängig. So selbständig, so unbedingt und ungewiss sie sich gegen diese errichtet hatte, so gewiss und bedingungslos muss sie ihr jetzt folgen. Alles, was sie fühlt und spürt, treibt sie von dieser zu jener Wirklichkeit, zu diesem oder jenen Menschen, der ihrem Bestreben genügen muss, indem sie ihm genügt. Die Seele betreibt nun selbst eine Wahrnemung, die solche Genügsamkeit einlösen muss. Es ist eine getriebene Wahrnehmung, in der sich vor allem der Körper rührt, welcher dem seelische Subjekt verblieben ist. So herunter gekommen er ist durch die Einfältigkeit, zu der er von ihr bestimmt ist, so überwertig macht er sich durch die Gewalt seiner abstrakt gewordenen Sinne geltend: Als ihr Trieb. Sie ist getrieben von ihren eigenen Wahrnehmungsorganen, um weiterhin ihrem Glauben nach höchster Erfüllung nachzugehen.

1.3. Die getriebene Selbstverwirklichung (Der sog. Trieb)

Wenn alle Inhalte zwischenmenschlicher Wirklichkeit von dieser getrennt sind, so hat sich Selbstverwirklichung in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht das Selbst kann sich verwirklichen, sondern das, was es sinnlich und wirklich ist, bestimmt ein Verlangen nach Verwirklichung, wovon es beherrscht ist. Es ist ein rein ästhetisches Verlangen nach Selbstgefühlen, die nicht aus einer eigenen Empfindung kommen, sondern in der Identifikation fremder Empfindungen für die eigene Gefühlswelt. Der Prozess der Selbstverwirklichung wird daher jetzt angetrieben von einer entfremdeten Empfindungwelt, worin alles, was die Selbstgefühle für sich waren, nun erst durch Empfindungen erreicht werden kann, die Gefühle eigenen Lebens durch fremdes Leben erwecken und hervorrufen.

In dieser inzwischen völlig ungegenständlichen Lebenswelt werden die Menschen zu Subjekten ihrer Gier nach sich selbst, in welcher eine Natur rein hervortritt, die sich ebenso von ihrer Lebenswirklichkeit enthoben hat wie ihre Emfindungen. Darin strebt alles danach, sich selbst zu finden, und was als Selbstverwirklichung erscheint, ist nichts anderes, als eine Befriedigung, in welcher die Selbstfindung ein Gefühl bekommt. Und dieses Gefühl hebt die Menschen über sich hinaus, lässt sie sich selbst als eine Naturmacht erscheinen, in welcher sie zu sich gefunden haben und die ihr ganzes Befinden ausfüllt. Sie erleben ihr Natur als ihren Himmel, weil sie sich dabei selbst als ein Wesen erleben, das sich seiner eigenen Wirklichkeit - zumindest zeitweise - überheben kann.

Doch der Boden dieser natürlich scheinenden Selbstüberhebung ist die Aufhebung aller Selbstverwirklichung, ist eine grenzenlose Zerschmelzung an Selbstgewissheit, die sich als Naturmacht über das menschliche Leben stellt und schließlich die Wahrnehmung beherrscht. Es ist die Totalisierung des Selbsterlebens, was nun wie ein natürliches Verlangen nach Selbstaufhebung erscheint, als Glückseligkeit vereinter Körperlichkeit, worin keine Erkenntnis mehr stört: als Trieb.

1.3.1 Das Prinzip der Einverleibung (Die haptische Psyche)

Die Selbstgewissheit ist in der Entwirklichung der Selbstwahrnehmung nicht mehr aus Selbstgefühlen heraus möglich. Sie ist in ihren Objekten verschwunden und durch sie bestimmt, weil sie dort ihre Verdichtung, ihre doppelte Selbstbeziehung sucht: Sich selbst als völlig anderes und doch nur für sich seiendes. Die Selbstwahrnehmung hat sozusagen "ein Loch", welches nur durch die Vergewisserung von Anwesenheit der Objekte der Begierden gestopft werden kann. Jedes Gefühl, das dabei aufkommt, ist daher mit dem Verlangen gepaart, mit sie zu spüren, um ihrer immer gewiss und habhaft zu sein. Jede Berührung wird von daher zur Vergewisserung einer Anwesenheit, wie sie ja auch der letztlich Inhalt abstrakter Sinnlichkeit ist: Das Verlangen, sich hierdurch gegen jede sinnliche Identitätslosigkeit zu bewahren und auch eine Identitätslosigkeit zu bewähren, die ohne dies nur Minderwertigkeit zulässt. Die Berührung wird zur Verwirklichung eines Verlangens nach ästhetischer Identifizierung, also nach einer Verschmelzung im Tastsinn. Es ist die Vergewisserung der bloßen Anwesenheit ungeteilter Sinne, weil eine Selbstwahrnehmung scheitern würde, die ihre Selbstüberhebung durch zerteilte Sinnlichkeit enttäuschen müsste.

1.3.2 Die Selbsterfüllung der Sinne

Alle Gewissheit und damit auch jedes Gewissen ist darin aufgehoben, dass die Sinne sich ihrer selbst vergewissern können, dass sie wie reine Erregungen erscheinen und sich in der Befriedigung derselben finden und empfinden. Weil sie nichts mehr empfinden außer sich selbst, erfüllt sich ihre Selbstvergegenwärtigung auch durch sie selbst und dies hat kein anderes Selbst zum Inhalt, als die Selbsterregtheit der Sinne.

Doch diese ist durch eine Selbstaufhebung begründet, die alle zwischenmenschliche Beziehung in die bloße Selbstwahrnehmung getrieben hatte. Von daher verliert sich das sogenannte Zwiaschenmenschliche jetzt auch endlich in der rein ästhetischen Form der Selbstwahrnehmung, welche jetzt tatsächlich als das sinnlich erfüllte Leben erscheint. Diese ist letztlich das Resultat der Verdichtung, welche die Selbstwahrnehmung durchlaufen hat. So bestimmt die Selbstwahrnehmung nun durch ihre Getrebenheit erscheint, so abstrakt ist sie für sich geworden. Der Inhalt aller wirklichen Beziehungen besteht nur noch der Form nach wirklich, wenngleich auch nichts anderes dringlicher ersehnt ist, als ein wirklich erfülltes Leben.

1.3.3 Das Prinzip der Getriebenheiten oder der Trieb als ästhetische Identität

Jede Erregung entsteht aus Regungen heraus. Doch diese sind nun selbst schon dadurch erregt, dass sie keinen anderen Sinn als den ihrer natürlichen Form mehr ausmachen. Von daher löst sich in ihrer Befriedigung nicht eine wirkliche Regung mehr auf, sondern es tilgt sich eine Erregung durch eine andere. So ganz für sich genommen erscheint die Erregung als biologische Uhr, die wieder nach Erlebensstoff verlangt.

Der Prozess ist im Grunde beliebig bestimmt, wenn nur dieser Stoff der Einverleibung von Verschmelzungserlebnissen beikommt. Der Grund des unendlichen Bedürfnisses hiernach liegt in dem Selbstverlust, den solche Tilgung von Erregtheiten nach sich zieht. Zwar tut das dem Selbstwertgefühl keinen Abbruch, weil es sich selbst in der Triebbefriedigung naturalisiert hat. Aber es reduziert die Möglichkeit, es durch Selbsterkenntnis zu bewegen. Die Menschen schließen sich in ihrer Getriebenheit ab, indem sie sich einander als Objekte ihrer Begierden öffnen.

Doch als diese Objekte unterstellen sie sich einer Wahrnehmung, in welcher sich die einzelnen Selbstgefühle treffen, worin sie ihren Frieden daadurch finden, dass sich ihre Selbstwahrnehmung dem ästhetischen Prinzip beugt, das sie bestimmt, sich also nurmehr in einer ästhetischen Selbstwahrnehmung findet, in der sie aus ihrer unendlichen Erregung heraus zu einer ästhetischen Identität kommt, zu einer belebten Wahrnehmung in der Verschmelzung der Selbstgefühle.

In diese geht viel erregtes Leben ein. Von daher hat die Notwendigkeit solcher Verschmelzung, welche sich aus der Anhäufung der Regungen ergibt, eine gewaltige Kraft. Doch sie tritt nicht mehr als bloße Erregung auf. Sie hat die Gestalt ihrer Beziehung in der ästhetischen Selbstwahrnehmung, worin sich die Regungen nun wirklich auflösen. Der Trieb zur ästhetischen Identität ist die gewendete Triebform der Selbstgefühle, woraus sich nun eine Zielbestimmung der ganzen seelischen Aufregung ergibt: Die seelische Beziehung, in welcher Menschen ihren gemeinschaftlichen Selbstwert finden, ihre vergemeinschaftete Selbstgefühligkeit, eine für sie ästhetische Selbstbeziehung durch die Beziehung auf andere.

Weiter mit Teil I.2.2 Die Begierden der Selbstbeziehung