Kulturkritisches Lexikon

von Wolfram Pfreundschuh (2003)

Hier entsteht ein Lexikon über Begriffe, die im Zusammenhang mit Kulturkritik stehen.

Sprache ist praktisches Bewusstsein. Sprachlosigkeit entsteht, wo Wissen fehlt, wo es ungewiss ist oder wo damit über Verhältnisse hinweg getäuscht wird, in denen alles selbst schon vertauscht erscheint und durch Sprache nur idealisisert wird, was auch so schon abstrakt genug ist. Abstraktes Bewusstsein ist Ideologie, die abstrakte Wirklichkeit gedanklich verdoppelt und abschließt, gegen Kritik verschließt und den Menschen den Blick auf das verwehrt, was ihre Verhältnisse wirklich für sie sind. Durch Idealisierungen soll ihr Denken ihrem Sein enthoben, mystifiziert und mit Mythologien verfüllt werden, die Auswege als Glaubensbotschaften und Heilserwartungen schüren, in denen sie nicht nur praktisch, sondern auch geistig aufgelöst sind, in einer heilen Welt zergehen, deren Unheil sie schließlich nur noch "wie aus heiterem Himmel" überfallen wird. Ideologie macht den Begriff von einer Sache oder einem Verhältnis und damit auch Sprache überhaupt kaputt.

Das Kulturkritische Lexikon schien mir nötig, nachdem ich festgestellt hatte, dass die Sprache der Kulturkritik fast vollständig zerstört und unkommunizierbar geworden war. Wenn Sprache Sinn formulieren, praktisches Bewusstsein sein soll, so können Worte nicht bloße Interpretation bleiben. Sie müssen aus ihrem praktischen Sein heraus an ihren Sinnbezug erinnert und hierin erläutert werden. Die Sprache verhilft schon durch ihre ganze Entwicklung und Tiefsinnigkeit selbst über die Zeit modischer Effekte, Reize und Ereignisse, denn sie kommuniziert ein umfassenderes Wissen, als es der bloße Augenblick erfordert, und bewährt sich nur, wo sie wirkliches Sein auspricht und formuliert. Auch Philosophie lässt sich als Sprachtheorie begreifen, die ihren Hintersinn als ihre Weisheit, aber auch als ihre Koketterie offen legt. Von da her treffen sich viele "Disziplinen" in der Reflexion durch Sprache und können sich als seiendes Wissen im bewussten Sein zusammenfinden. So werden auch Gepflogenheiten eitler Gedanken auf das Bewusstsein rückführbar, wo es sich selbst entfremdet hat, und aus seiner Selbstentfremdung nach Gewissheit sucht.

Wer an Sprache arbeitet, arbeitet auch mit ihr und wird in der Aufbereitung übernommener Begriffe nicht davon absehen können, wie er sie versteht. Worte implizieren Wissen und dieses kann offensichtlich gar nicht ohne Begrifflichkeit, ohne Theorie vermittelt werden. Das praktische Bewusstsein gibt es nicht für sich als "einfache Wahrheit"! Wer an ihm arbeitet wird unmittelbar selbst zum Theoretiker alleine schon dadurch, dass er es befragt, sich Gedanken um seine Wahrheit und seine Täuschungen macht und diese hieraus zum Gegenstand seiner Erlenntnis werden, ihn kritisch werden lassen. Somit geriet natürlich vieles in meiner Auffassung der Begriffe zu einer Darstelllung meiner eigenen theoretischen Arbeiten, zu einer eigenständigen Enzyklopädie. Das Kulturkritische Lexikon hat in diesem Fortschreiten nach den ersten Ausarbeitungen schnell einen Umfang erreicht, der nicht mehr einzudämmen war. Jede Hinterfragung eines Begriffs erläuterte zugleich einen anderen, von dem er sich abwandte. Es war, also ob die Worte im vereinzelten Dasein einer Sprache, die keine Begriffe zu kennen scheint, sich sehr bald zu den Gedanken einfinden, die sie längst enthalten - und dass sie sich hierdurch wie von selbst zu etwas Ganzem zusammenführen als Module eines Denkens, das sich aus dem Verschüttetenden als etwas ganz Neues herausarbeitet, ihre Gesellschaftlichkeit wieder-ent-deckt, die sich ihrer wilkürlichen Verwendung schon wie von selbst entgegenstellt.

So enthalten Worte schon bestimmte Auffassungen, Fassungen von Gedanklichem aus vielen Jahrhunderten und haben hierdurch eine lange praktische Bewährung hinter sich. Die Ideologien der Zeit aber sind modisch und vergänglich. Das merkt man der Sprache an und kann es aufeinander beziehen. Die Sprache selbst offenbahrt ihre Dialektik, sobald man sie reflektiert - aber auch die Möglichkeit, mit Worten bestimmte Zusammenhänge zu verschleiern. Zugleich zeigt sich in der Zerstörtheit der Sprache, dass an ihr selbst auch gearbeitet werden muss, dass es vielleicht gar keine andere Art der Wissenserarbeitung und -vermittlung gibt, als das Durchdenken der sprachlich vorhandenen Begriffe (und die Aufstellung ihrer logischen Folge) im Zusammensein mit den Fakten des gegenwärtigen Lebens (z.B. auch Statistik). Das Lexikon ist in dieser Reflexion selbst zu einer Sprachanalyse, zu einem Kompendium von Wissensbereichen und zu einer eigenen Form von Kritik und Theorie geworden, die sich hier nun auch in ihrer Vermittlung selbst verstehen lassen will - und zwar im doppelten Sinn als Mitteilung und unmittelbare Anwendung: Zum einen als Information aus den Archiven (vergl. Zitate, Quellen, Erläuterungen, Statistik usw.) und zum anderen im Begreifen der Begriffe in ihrem gedanklichen Zusammenhang als Theorie, die sich dem informellen Gehalt zuwendet und sich selbst darin anschaulich macht, also konkret wird. Es ist dies vielleicht eine neue Art der Theorieentwicklung und -vermittlung, die allerdings nicht ohne ausdrücklich theoretische Zusammenstellung bleiben darf (siehe hierzu die Dialektische Systematik).

Neu ist somit auch die Technik der Vermittlung: Die einfache (horizontale) Verweisung der Begriffe und also unmittelbare Darstellung wird in ihrer schier unendlichen Verflochtenheit begreifbar, welche ihre wesntlichen Grundlagen wie von selbst entflechtet. die als Bewusstsein zu den gegenwärtigen Lebensverhältnissen in sie eingeht - online und transparent für alle, die mit etwas Geduld dem Vollzug folgen wollen. Es beweist sich zugleich durch diese "neue Technik" auch alte Wahrheit, dass sie nämlich nur das Ganze selbst sein könne (Hegel): Was in der Begriffsverlinkung im Lexikon sprachlich nicht funktioniert, das ist auch noch nicht zu Ende gedacht. Wohl denn. Auf zu einer neuen, einer technisch gestützten Beweisführung!

Es wird noch viel hieran zu arbeiten sein. Der große Zuspruch zu dieser Arbeit aber hat mich sehr gefreut und bestätigt mich schon jetzt darin, sie fortzusetzen. Ich bitte um Nachsicht bei der Lektüre: Meist ist der Text nur die erste, oft flüchtig in den Morgenstunden vor Beginn der Arbeit geschriebene Fassung, die manchmal nur Grundzüge des Gemeinten enthält und noch öfter überarbeitet werden muss. Aber das Lexikon lebt und wird von Tag zu Tag reifer. Ich hoffe, dass so auch ein Beitrag zur Rekonstruktion des linken theoretischen und praktischen Wissens geboten werden kann.

Wolfram Pfreundschuh (September 2003)

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