Erläuterungen zu Arbeit als Agitationsbegriff | |||||
Über das Ende der Arbeit:
"Was bei den Berliner ‚Glücklichen Arbeitslosen’ in den 90er Jahren noch als subversives Handeln gemeint war, um sich den arbeitsbürokratischen Zumutungen zu entziehen, droht nun auf paradoxe Weise selber zu einem Bestandteil der Krisenverwaltung zu werden. Auch die in Teilen der Linken kursierenden Konzepte wie ‚Umsonst-Läden’ und andere Selbstbeschäftigungstherapeutische Wohlfühlprojekte laufen bloß auf selbstverwaltete Armut hinaus, die sich radikale Gesellschaftskritik in die Tasche lügt. Ohne eine ernsthafte soziale Widerstandsbewegung gehen alle schelmischen Faulheitsphantasien ins Leere und werden konservativ besetzbar. Mitten im Kapitalismus gibt es nur unglückliche Arbeitslosigkeit. Eine verkürzte und oberflächliche, nicht aufs Ganze der gesellschaftlichen Reproduktion gehende Arbeitskritik wird bald genauso demoralisiert sein wie der alte Standpunkt der Arbeit." (Robert Kurz, ND, 22.04.2005) Mein Gott, welche Tragödie! Da "lügt sich jemand was in die Tasche" und agiert sich in "selbstbeschäftigungstherapeutische Wohlfühlprojekte" aus, nur weil er oder sie sich an Umsonstläden oder ähnlichen Reproduktionserleichterungen teilnimmt. Um was geht es da, wenn sich jemand überhaupt politisch hierzu äußern muss? Auf welche Ebene ist ein politischer Verstand geraten, wenn er sich darüber aufregt?! Ach so: Das war mal anders? Das war in den 90ger Jahren "subversiv"? War es das? Also, was war es denn? Es war das ewig Gleiche: Leute versuchen aus ihren Lebensbeschränkungen heraus sich ein bisschen Erleichterung und ein paar Kontakte zu verschaffen. Das ist schon was. Ob subversiv oder nicht, politisch oder nicht, was soll's? Es ist wohl das hauptsächliche Dilemma des interpretativen Verstandes, immer nur auf alle Täuschungsmöglichkeiten hinweisen zu können, weil ihm die Analyse der Wirklichkeit kein wirkliches und konkretes Anliegen ist. Da sich sein Tiefsinn allein aus dem Begreifen von Täuschungen ergibt, kann er den Rest der Welt auch nur in einer Flachheit des Getäuschtseins begreifen. Das führt zu der Absurdität, diese daraufhin bewerten zu müssen, ob sie mit ihrer Ablehnung der Gegebenheiten "ernsthaft" ist oder nicht, ob sie sich also im vermeintlichen "Wesen der Kritik" bewährt. Dies aber ist die größte Täuschung, der man erliegen kann, denn sie betrifft jede Wirklichkeit selbst und unmittelbar, indem sie ihre Wirkungen ignoriert - und solche Ignoranz zieht Menschen an, mit denen der Kritiker oder die Kritikerin selbst nichts zu tun haben will. Es gibt eigentlich keinen Grund, Löhnkämpfe oder Selbsterhaltungsunternehmungen oder alternative Wirtschaftsformen zu kritisieren, es sei denn, man sieht in ihnen eine Politik, die das Bestehende nicht nur sein lässt, wie es ist, sondern ausdrücklich affirmieren will. Solchen politischen Willen aber müsste man ausführen als ein wirklich mächtiges Aneignungsinteresse, nicht als eine der vielen Notwendungen, die im Kapitalismus gang und gebe sind und für fast alle Menschen immer wieder nötig sind, weil und solange sie nur so existieren können, wie sie existieren. Die Überwindung dieser Existenz kann nur eine existenzielle Frage sein, nicht eine des Willens zur Wesenhaftigkeit einer Kritik gegen die Macht der Täuschung. Wenn darin Begeisterung aufkommt, dass das Notwendige auch das Überwindende sei, Armutsverwaltung im Glück des Miteinanders schön wird, dann ist natürlich anzumerken, dass dies - wenn es sich als Verständnis einer Politik gegen die herrschenden Verhältnisse begreift - nur eine anders wiederkehrende Form desselben Unglücks sein kann. Es kann ja nicht um eine Dogmatik des unglücklichen Fühlens gehen, sondern um ein Bewusstsein hierzu. Und dann ist Wissen gefragt, Möglichkeiten der Darstellung, der Auseinandersetzung und Diskussion hierüber, ein Vorwurf aus der "Moralität des Wesentlichen" völlig unnötig. Wesentlich ist nicht die Kritik begeisterter Selbsttäuschungen, sondern die der wirklichen Politik, welche die Existenz der Menschen betrifft, die Kritik des politischen Willens, der sie zu ihrer Existenz zwingt, solange sie die Möglichkeit behält. Immerhin waren die "Faulheitsphantasien" ja wohl vor allem von der Wertkritik angestiftet. Und die sind nicht "konservativ besetzbar" - sie sind konservativ, weil sie auf dem Bestehenden beruhen, auf dem Gemachten, das nur anzueignen wäre. Das Zurückrudern wirkt daher auch nicht glaubhaft, wenn es nur Verkürzungen und Oberflächlichkeit vorwirft. Solcher Vorwurf bleibt beliebig, auch wenn er implizit erkennt, dass darin ein moralisches Problem steckt: "Eine verkürzte und oberflächliche, nicht aufs Ganze der gesellschaftlichen Reproduktion gehende Arbeitskritik wird bald genauso demoralisiert sein wie der alte Standpunkt der Arbeit." (Robert Kurz, ND, 22.04.2005) Bemerkenswert ist auch, dass R. Kurz nur mit Reproduktion argumentiert, sich also aus der Diskussion der gesellschaftlichen Produktion, aus der Reichtumsproduktion, ausklinkt. Das ist kein Versehen, denn durch die "Arbeitskritik" der WertkritikerInnen steht ja das Ganze der gesellschaftlichen Produktion überhaupt nicht mehr an, sondern nur, wie man das Bestehende besser nutzen kann. Von außen betrachtet ist es einfach nur traurig, dass ein so widersinniger Bezug auf Arbeit von politschen Menschen vertreten wird, die sich auf die wesentlichen Themen des Marxismus beziehen, ihre Inhalte aber als "Postmarxisten" schlicht verleugnen und verfälschen. Nur dies eine noch hierzu: Ein wichtiger Inhalt des Marxismus war schon immer die Grundlage, dass eine kommunistische Gesellschaft eine technologische Stufe erreicht haben muss, in welcher ein Arbeitsaufwand so gut wie unnötig, Nebensache ist und Arbeit also im Prozess menschlicher Lebensgestaltung frei bestimmt werden kann. Hiermit gegen alle Gegenwart der gesellschaftlichen Formen des Kapitalismus anzurennen und ihr dies abzuverlangen, ohne in ihre konkreten Mühen, ihre Kämpfe und Auseinandersetzungen einzusteigen, ist reine Donquichotterie. Dazu hat sich auch schon der "frühe Marx" geäußert, der sich ja erwiesener Maßen gegen die Ontologisierung von Arbeit gewandt hat - wie oft zitiert: "Die Arbeit ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der Arbeit gefaßt wird ." (Karl Marx, Über Friedrich Lists Buch "Das nationale System der politischen Ökonomie", 1845) Er hat ausgesprochen, dass es in dem damit gesteckten geschichtlichen Rahmen von selbst, also selbstverständlich darum geht, eine Arbeit zu Ende zu führen. Zur selben Zeit (1844) hat er daher auch geschrieben: »Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.« (MEB I, S. 346). Und genau davor, dass etwas nur darin zu Ende geführt wird, dass man es wirklich zustande bringt, davor kneifen die Konservatoren der Wertkritik, wenn sie meinen, heute unbedingt eine Kritik der Arbeit bringen zu müssen, die Aufhebung der Arbeit also einfach so fordern zu können, statt sich in die nach wie vor herrschenden Klassenkämpfe einzubeziehen. Da diese heute wenig bisher bekannte Wirklichkeitsformen haben, muss eigentlich eher mehr gedacht werden, als weniger. Schlimm, wenn Marxismus deshalb nur noch zur Verdummung gereichen sollte.
Wolfram Pfreundschuh | ||