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Erläuterungen zu Geschichte menschlich

Alle bisherige Geschichte ist aber nicht ein Kampf eigenmächtiger Menschen, sondern ein Kampf um das Werden des Menschen. Von daher ist alle bisherige Geschichte die Bildungsgeschichte der menschlichen Sinne, welche bis hin zur bürgerlichen Gesellschaft der Potenz nach entwickelt, aber nicht gesellschaftlich verwirklicht sind.

“Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“ (MEW EB I, S. 54If).

Die ganze Philosophie ist darin kritisiert, daß die Menschen nicht als geistige Macht gegen die Natur gestellt sind, sondern als Naturmacht die Natur überhaupt verwirklichen, als Vergegenständlichung ihrer Natur zugleich die Natur in ihrer Gegenständlichkeit bestätigen und die Natur des Menschen zur menschlichen Natur erklären. Die Natur der menschlichen Sinne ist zugleich der Bildungsprozess des Menschen. Und er hat diesen Sinn nicht von der Natur geschenkt, er hat Arme, Beine, Kopf, Hirn und Gesicht nicht, weil die Natur dasselbe in sich hat, sondern er hat sie in seiner ganzen Entstehungsgeschichte erst zu dem Sinn gebracht, der darin wirklich ist.

“Der unter dem rohen praktischen Bedürfnis befangene Sinn hat auch nur einen bornierten Sinn. Für den ausgehungerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebenso gut könnte sie in rohster Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungstätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheidet. Der sorgenvolle, bedürftige Mensch hat keinen Sinn für das schönste Schauspiel; der Mineralienkrämer sieht nur den merkantilischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigentümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn; also die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens, sowohl in theoretischer als praktischer Hinsicht, gehört dazu, sowohl um die Sinne des Menschen menschlich zu machen als um für den ganzen Reichtum des menschlichen und natürlichen Wesens entsprechenden menschlichen Sinn zu schaffen.“ (MEW EB I, S. 542).

Die menschliche Geschichte selbst ist also die Vorbereitungs- und Entwicklungsgeschichte der menschlichen Natur.

“Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen.“ (ebd., S. 544).

Die letzte Kritik der Philosophie als abstraktes Naturverständnis enthält ein natürliches Geschichtsverständnis, einen Selbstverstand, in welchem der Mensch als natürliches Wesen selbst aufgeht und sich in diesem Wesen überhaupt in seinem Gegenstand gleichgilt wie auch als Mensch dem Menschen gleich ist. Die Philosophie ist somit zum Selbstverständnis einer Wissenschaft geworden, welche von der geschichtlichen Natur ausgeht, welche vom Werden und Stoff (Material) des Menschseins ausgeht, denn "nur wenn die Wissenschaft von der Natur ausgeht, ist sie wirkliche Wissenschaft“ (MEW EB I, S. 543). Die Wahrheitsfrage der Philosophie ist gegründet auf der gegebenen Unmöglichkeit des Menschen, sich als Mensch zu erkennen. So wie sich der Mensch aber nur im Menschen erkennen kann, erkennt er sich erst dann im andern Menschen als eigenes Wesen, wenn sein Wesen ihm im andern auch als anderes Wesen gilt. Der Mensch als Wesen der Natur, als natürliches Wesen, hat die Natur seines Wesens in jedem andern Menschen, “denn seine eigene Sinnlichkeit ist erst durch den andern Menschen als menschliche Sinnlichkeit für ihn selbst“ (MEW EB I, S. 544). Die Umkehrung der Philosophie oder die Herausstellung ihres wirklichen Begriffs ist der Satz, daß die menschliche Sinnlichkeit "die Basis aller Wissenschaft sein muß“ (MEW EB l, S. 545), denn erst in der Natur ist sich der Mensch selbst Gegenstand, wie auch er sich gegenständliche Natur ist.

“Der erste Gegenstand des Menschen – der Mensch – ist Natur, Sinnlichkeit, und die besondern menschlichen Wesenskräfte, wie sie nur in natürlichen Gegenständen ihre gegenständliche Verwirklichung, können nur in der Wissenschaft des Naturwesens Oberhaupt ihre Selbsterkenntnis finden. Das Element des Denkens selbst, das Element der Lebensäußerung, des Gedankens, die Sprache ist sinnlicher Natur.“ (MEW EB l, S. 544).