fertigweisrup1a

Navigation im Lexikon

Erläuterungen zu Realabstraktion und Geschichte

Für das Denken ist es der schwerste Akt, Abstraktion als Wirklichkeit zu erkennen und aus dieser heraus zu begreifen. Doch gerade darin steckt ihr Geheimnis, ihr wirklicher Mythos, ihre unvollendete Geschichte und die herrschende Gewalt vergangener Geschichte. Um deren Farce zu entschleiern muss begriffen sein, was sie noch am Leben hält. In der Realabstraktion verbirgt sich die Not menschlicher Realität ebenso, wie die Notwendigkeit der Verwirklichung menschlichen Lebens, die Unnötigkeit der herrschenden Lebensformen wie der Aufstand des Lebens gegen die Macht derer tödlichen Umklammerung der Menschen durch den Schein des Lebensgewinns im Lebensverlust, dem Anschein einer Gesellschaft, die auf der Isolation der Menschen beruht.

In der Realabstraktion ist der Begriff des Prinzips, worin Leben untergeht, der Begriff lebenden Todes benannt. Um ihn zu erkennen, muss die ganze Erscheinungswelt von Lebenswidersprüchen analysiert werden. Wenn hieraus deren Begriff richtig gefunden ist, so bewahrheitet er sich in der Erklärung aller Zusammenhänge, die ohne ihn nicht zusammenkommen, das Ganze, in dem sich die Teile zusammenfinden. Aus deren Bewegung und Verhalten erweist er sich dann als die Begriffsubstanz aller Prozesse und wird zum Beweis der Notwendigkeiten, welche die darin vollzogenen Beziehungen verfolgen nüssen, solange sie in ihrer realen Abstraktion verbleiben. Er beweist die Fortbestimmung des Abstrakten im Konkreten als Selbstaufhebungsprozess des Konkreten im Abstrakten: Sowohl Fortschritt wie auch Untergang des Realen. Fortschritt bietet die Abstraktion durch die Hinzunahme unbestimmter Beziehungen, durch rein quantitative Bereicherung aus der konkreten Vielfalt der Begebenheiten und Gegenbenheiten; den Untergang betreibt sie durch die Vereinseitigung des Lebens zur Einfältigkeit, zur Reduktion seiner Vielfalt und Verarmung seiner Geschichte bis hin zur deren Aufhebung und Selbstzerstörung (Barbarei).

In der Realabstraktion verhalten sich die Resultate von menschlicher Geschichte als politische Macht gegen die wirkliche Geschichte der Menschen, das Tote gegen das Lebende als Herrschaft des Bestehenden, des Gewohnten, das Gewordene gegen das Werdende, das Unvollständige, Gestalt suchende, das Geschöpf gegen das Schöpferische, das Bekannte gegen die Erkenntnis. In Macht ist das Einssein des Vielen in der Einfalt des Nötigen, welchem die Geschichte verharrt. In ihren Notrwendigkeiten werden die Menschen geschichtslos, verharren selbst in dem, was sie schon waren und bleiben Objekte ihres eigenen Tätigkeit. Es macht die Realabstraktion daher auch den Begriff der Entfremdung und Selbstentfremdung des Menschen aus, die Substanz, durch welche er von sich selbst absieht.

Es ist auch der Konkretismus der Realabstraktion zu bedenken, das Hervorkehren des Abstrakten als Konkretes, die reaktionäres Denken ausmacht und die Ideologie von Blut und Boden, Heimat und Herd, Volk und Volksfeind, Rasse und Rassismus ausfüllt. Es handelt sich hier nicht nur um Ideologie, um Naturalisierung des Abstrakten zur Mythologie und Archetypie; es ist dies vor allem Ausdruck eines politisch notwendigen Willens, der aus dem Aufhebungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Negation ihrer Ökonomie, Kultur und ihres Sozialwesens hervorgeht als Heilsforderung nach konkreter Gesellschaftlichkeit ohne konkrete gesellschaftliche Entwicklung, als Inbegriff abstrakter Gesellschaft schlechthin, übermenschliche Gesellschaft. Es ist die Hochform eines verselbständigten politischen Willens, der seine Realabstraktion aus der Zerstörung seiner Voraussetzungen nimmt. Er funktioniert durch die seelische Realitäten der Heilserwartung, durch die isolierte Affirmation im Erleben der darin überwundenen Wirklichkeit als Totalität eines abstrakt menschlichen Sinns in den Gesinnungswelten der Selbstwahrnehmung.