Erläuterungen zu Schmerz | |||||
In der Philosophie und Psychologie war Schmerz die Grunderfahrung des von Gott verlassenen Menschen, dem sich die Aufklärung durch das Prinzip der Vernunft widersetzte - und entzog. Erst mit der Kritik der Aufklärung begann die Bemühung, den Schmerz als konkrete menschliche Wahrheit anzuerkennen (Hegel, Marx, Nietzsche, Freud). Nach Hegel ist Schmerz die Erfahrung einer Selbstentfremdung: "Etwas gehört zu mir und ist doch von mir getrennt", ist durch mich "bestimmt und gleichgültig gegen die Bestimmtheit". In der Identität mit "objektivem Schmerz" ist der Begriff für Hegelianer die Brücke zum marxistischen Entfremdungsbegriff, den sie im Warenfetischismus wiederzuerkennen vermeinen und mit ökonomischen Begriffsfragmenten füllen. In solch philosophischer Entfremdung finden sich auch abstrakte Identitäten im "dornenreichen Weg der Selbstverwirklichung" schmerzhaft ein. Jedenfalls können sie sich selbst ihre Schmerzen damit erklären - oft leider nichts anderes. Für Nietzsche ist Schmerz "eine Reaktion" (Nietzsche, Nachlaß, WW VI, S. 715), die daraus bestünde, das Grauen der Erkenntnis, dass der Mensch als von Gott verlassenes Wesen seiner eigenen Verantwortung nicht gerecht werden kann, herauszuschreien und sich zugleich davor zu sträuben. Er müsse ihm illusionslos ins Auge schauen und es dabei doch so anzusehen, "daß man an seinem Anblick nicht mehr leidet" (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, WW IV, S. 620). Bei Freud galt der Schmerz als eine traumatische Erfahrung (Trauma), welche psychische Entstellungen verursacht und Strukturen bildet, die sich als ihre psychische Verarbeitung ergeben. Die hierauf gründende Trennung der seelischen Beziehungen von ihrer Energie lässt aus der Seele eine Struktur werden, in der verschiedene Funktionen (Es, Ich Über-Ich) sich so kompensieren müssen, dass ein Mensch realitätstüchtig wird. Das Trauma hat nicht einen zufälligen, sondern einen systematischen Grund in der Soziogenese als Ödipuskonmplex und findet in jeder Einzelgeschichte notwendig als Liebeskonflikt in der bürgerlichen Familie im Kampf um die Liebe der Mutter statt. Der Mensch ist hiernach notwendig gespalten und muss es auch bleiben, um nicht pychotisch (Psychose) zu werden. Die bürgerliche Gesellschaft ist hiernach die einzig vernünftige Form der Abwehr unlösbarer Triebkonflikte. Bei Adorno ist der Schmerz die Negation der Selbsterkenntnis in dem Implikat, dass kein Teil wahr sein kann, wenn das Ganze, (gemeint ist der hiervon unabhängig erkannte Kapitalismus) unwahr ist, dass es also kein richtiges Leben im falschen gibt. Es ist der Schmerz sich selbst abstrahierender Intellektualität, der Schmerz an ihrer eigenen Begrifflichkeit, die man ihm zugestehen kann als subjektivem Schmerz. Die Behauptung, dass er mit Kapitalismus zu tun hat, der sich in erkenntnistheoretische Kategorien aufteilen ließe als falsches Leben, ist schiere Unendlichkeit intellektueller Selbstbehauptung, die folgerichtig auch unendliche Selbstbewegung fordert (siehe Negative Dialektik). Adornos Auflösung ist der in seinem Intellekt befriedete Bürger, der von keinem Schmerz mehr wissen muss, weil er alle Schmerzen als Falschheit des Lebens hinter sich gelassen hat und darin dann doch im Kapitalismus lebt, dass er sie als Gegenstand seiner intellektuellen Ästhetik, seiner Kunst als Lebenswerk zu gestalten versteht. | ||