Erläuterungen zu Wahnsinn und Gesellschaft | |||||
In der Antipsychiatrie der 70ger Jahre war es unter dem Eindruck der Schriften von Adorno und Foucault geradezu Mode geworden, den Wahnsinn eines Menschen, den Sinn, in dem seine Wähnungen leben, als eine Wahrheit gegen die Wirklichkeit zu halten, ihn als eine "Erweiterung des Bewusstseins“ zu verstehen, ja geradezu sich mit dem Wahnsinn gegen die Welt zu verbünden, den Wahnsinn zu lieben, in ihm den beseelten Menschen gegen die seelenlose Wirklichkeit hervorzukehren oder "aus der Krankheit eine Waffe zu machen" (Sozialistisches Patientenkollektiv). Auch in bildungsbürgerlichen Kreisen der Psychologie und Psychiatrie wurde zu jener Zeit gerne der besonders begabte Verrückte bewundert, seine Begabung oder sein Genie. Genie und Wahnsinn gehörten in jeder gehobeneren Thematisierung des Menschlichen im Verrückten in einem selbstredenden Kontext. Navratil hatte den Künstler im "Schizophrenen“ entdeckt, seine "Krankheit“ hieraus psychoanalisiert und ausgestellt (vergl. z.B. die Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg). Niemals hatte er zu erklären versucht, was die Notwendigkeit solcher Herausstellung ist und was das isolierte Genie ausmacht. Im Gegenteil: Ihm wurde die Kunst in gleicher Weise Gegenstand der Psychiatrie, wie der Wahn, ohne dass er sich mit einem von beidem wirklich befassen musste. Sehr viel schöner und folgenreicher hatte Rainhard Kipphard im "März“ die besondere Sensitivität des Wähnens erzählt. Leider gereichte sein Werk gerade jenen zum Beleg, die daraus eine eigene Wahrheit machen wollten. Dies geschah auch mit den Werken von Autisten, die mittels Schreibunterstützungen ihre tiefsinnigen Wahrnehmungen und Gedanken in die Welt brachten. Für Michel Foucault ist der Wahnsinn die von der Gesellschaft abgetretente menschliche Erfahrungswelt, die seit dem Mittelalter nur noch in besonders begabten Menschen fortbesteht und wegen ihrer Disfunktionalität eingesperrt wird. Er will sie in die Gesellschaft zurückholen, um ihre Strukturen zu durchbrechen, um die bürgerliche Gesellschaft durch den Wahn zu revolutionieren. Dies alles war für den Wahnsinnigen selbst zu einer Rolle geworden, in der seine Geschichte aufgehoben wurde. Sein Wahnsinn sollte gesellschaftlich von jenen angeeignet (integriert) werden, denen ohne ihn das Leben zu fad erschien. Aber die Spaltung von Wahn und Wirklichkeit ging ja gerade auch mitten durch ihn hindurch; wie soll er hierbei für solch große Anliegen (meist auch noch die der sozialen Berufstäter) dienlich sein können? Nur dadurch, dass er die Bildungsbürger von ihrem Leben freisprach, ihnen ein scheinbar voraussetzugsloses Verhältnis anbieten sollte? Foucault hat meines Erachtens die Macht der Institution zum Glück der Sozialberufe genutzt, in dem sie ihnen Sinn für ihre Berufstaten dadurch verleihen konnten, dass sie im miteinander Verkehren, wie auch im Verhältnis zu den Anstaltsinsassen die potentielle Gewaltfreiheit des "freien Diskurses“ als Therapeutikum entdeckte, die "Chance des Wahnsinns“, zu sein, wie er ist (vergl. "Die Wahnsinnsgesellschaft des Michel Foucault“). "Aufgabe der Anti-Psychiatrie ist es daher dem Kranken selbst die Macht zu übertragen, seinen Wahnsinn und die Wahrheit seines Wahnsinns zu produzieren ... Sie gibt dem Individuum die Aufgabe und das Recht, seinen Wahnsinn zu Ende zu führen, bis zum Äussersten zu führen, in einer Erfahrung, zu der die anderen beitragen können, aber niemals im Namen einer Macht, die ihnen aufgrund ihrer Vernunft oder ihrer Normalität verliehen wäre; sie löst die Verhaltensweisen, die Leiden und Wünsche von dem medizinischen Status, der ihnen verliehen wurde, und befreit diese von einer Diagnostik und einer Symtomenlehre, die nicht bloß klassifikatorischen Wert, sondern auch die Bedeutung von Entscheidungen und Dekreten hatten; sie annulliert schließlich jene große Transkription des Wahnsinns in die Geisteskrankheit, die seit dem 17. Jahrhundert unternommen und im 20. Jahrhundert vollendet wurde." (Michel Foucault, 1973) Foucault geht es um die Auflösung der Macht, durch Klassifikation von "Leiden und Wünschen“ die Menschen den Funktionen ihrer Gesellschaft zu unterwerfen. Kein schlechtes Anliegen. Aber er betreibt es als Lösung der Macht von der Machtstruktur. Zur "Dekonstruktion“ dieser Macht sollte das Gespräch und der "freie Umgang“ miteinander reichen. Indem die strukturellen Voraussetzungen sowohl für den Wahnsinn, wie auch für die Institution substantiell schlicht geleugnet wurden, erzeugte eine solche Theorie eine Sprachgewalt, die gar nicht mehr begriffen werden musste, weil sie als eine Auseinandersetzung frei assozierter Individuen behauptet war. So kritisch er gegen eine Gesellschaft der Gefängnisse antrat, so sehr vertraute Foucault den Lebensbedingungen des Systems, indem er sie in seinem Bezug auf andere leugnete. Man könnte sagen, dass er heirdurch die Vorteile des Systems gegen seine Nachteile aushandelte, der hierdurch eine systematische Falle propagiert – etwa wie ein neoliberaler Psychologe, der dort von Freiheit spricht, wo die Unterwerfung schon für sich funktioniert. Die Verhältnisse lassen sich nach seinem Denken ja auch durch die Demokratie der Sprache schon zumindest so regeln, dass ihre Systematik, ihr Prinzip der kultivierten Ordnung schon für den Ablauf sorgt. Wesentlich daran ist, dass sich die Menschen hieran nicht mehr offen beteiligen, dass sie sich dahinter verstecken können, weil ihre Basis, die freie Assoziation schon selbst Moment ihrer Funktion und Unbetroffenheit ist, die sich als freie, voraussetzungslose Auseinandersetzung ausgibt. Sie ist so frei und allgemein wie Geld – und wer schon will dem Geldbesitzer anmerken, woher er seine Existenzgrundlage nimmt? Foucault, der sich in seinem Dekonstruktivismus als emanzipatorischer Theoretiker versteht, ist zutiefst reaktionär: Die Dekonstruktion ist die Deregulation kultureller Zusammenhänge, die Zerstörung von notwendigen Rückversicherungen der organischen Beziehungen, welche die Menschen in ihrem Lebensalltag suchen, um sich vor der Anarchie der Lebensmächte noch abzusichern. Inhaltlich bleibt daher hier alles beim alten: "In Wahnsinn und Gesellschaft habe ich umreißen wollen, was man zu einer gegebenen Zeit von der Geisteskrankheit wissen konnte... Untersucht werden mußte, wie die Irren erkannt, beiseite geschafft, aus der Gesellschaft ausgeschlossen, interniert und behandelt werden konnten; welche Institutionen dazu ausersehen waren, sie aufzunehmen und einzuschließen, manchmal sogar zu betreuen; welche Instanzen über ihre Verrücktheit entschieden und nach welchen Kriterien welche Methoden angewendet wurden, um sie zu zwingen, zu bestrafen oder zu heilen; kurz, in welchem Netz von Institutionen und Praktiken sich der Irre miteins erfaßt und definiert sah." (Michel Foucault) | ||