zur 1. Marx-Sendung

Wolfram Pfreundschuh (14. 03. 2008)

Zum 125. Todestag von Karl Marx

Teil 2: "Was mich betrifft, so bin ich kein Marxist" (Karl Marx)

Am 14. März 1883, heute vor 125 Jahren, starb Karl Marx im Alter von knapp 65 Jahren. Kein Denker der Neuzeit hat in einem solchen Umfang und über eine solche Zeitspanne hinweg Aussagen und Prognosen hinterlassen, die so bedeutend und folgenschwer waren und die zu einem beachtlichen Teil immer noch zutreffen. Vieles ist seitdem geschehen: Revolutionen, Krisen, Kriege, Wirtschaftswunder, Globalisierung und Terror. Man hatte das Denken dieses Mannes als überholt geglaubt, seine Botschaft fast belächelt. Eine Klassengesellschaft? Die gibt’s doch längst nicht mehr!

Marx hat nachgewiesen, dass in dieser Gesellschaft die Menschen vor allem ihre Selbstentfremdung produzieren, den Reichtum ihrer Lebensvielfalt auf einen Reichtum an Geld und Lebenseinfalt reduzieren und dass ihre Krisenhaftigkeit keine zufällige Erscheinung ist, sondern eine zwangsläufige Tendenz, die durch das Krisenmanagement der bürgerlichen Administrationen nicht wirklich zu beheben ist, sondern zunehmend verschärft wird.

Die Kluft zwischen arm und reich ist inzwischen global und eklatant. Ein Fünftel der Menschheit besitzt fast 90% des Weltvermögens, das ärmste Fünftel der Menschheit gerade mal 1% (Quelle: UNDP). In Deutschland wächst fast jedes 6. Kind in Armut auf, weil seine Eltern von Hartz IV leben müssen und jeder 10. Renter lebt hier unterhalb der Armutsgrenze. Von Verwahrlosungen in den Familien der Ärmsten ist immer öfter die Rede. Derweil bekommen Manager Monat für Monat gigantische Vermögen, auch wenn sie – oder gerade weil sie - viele Arbeitsplätze ruinieren.

Karl Marx hatte diese Aufspaltung des Reichtums beschrieben, die Widersprüche des Kapitalismus erfasst, seine Phasen analysiert und Kriege und Barbarei prognostiziert. Er hatte die Globalisierung so vorausgesagt, wie sie auch eingetroffen ist:

„Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. ... Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“

(Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels in MEW 4, S. 467f)

Der Widerstand gegen herrschende Politik fand in Marxens Lebenswerk immer wieder Darstellungen und Analysen, welche die Probleme der Menschen mit den Formen der Macht auf den Punkt brachten. Er war oft die einzige Grundlage wesentlicher Erneuerungen, z.B. in den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, in der Sozialgesetzgebung der westlichen Länder oder auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland oder in der Revolte der Studenten oder den Arbeiterbewegungen der letzten 160 Jahren. Aber er diente auch als Basis für furchtbare Fehlentwicklungen.

Die wesentliche Bedeutung des Werks von Karl Marx liegt  nicht daran, dass er gute Ideen zur Erneuerung der Welt gehabt oder dass er Organisationsformen notweniger Revolutionen wirklich richtig begründet hätte, die auch heute noch umzusetzen wären. Sie liegt darin, dass er das Wesen dieser Gesellschaft bis ins Mark dargestellt und ihre Konsequenz als Geschichtsprognose in einer äußerst prägnanten Dimension dargelegt hat, die sich bis heute bewahrheitet.

Mit der Kritik der deutschen Ideologie und der Geisteswissenschaften hatte er sein Werk begonnen und wurde zu einem sozialistischen Wissenschaftler, der den historischen Materialismus als Grundlage des wissenschaftlichen Denkens, als Darstellung der Dialektik der bürgerlichen Lebensverhältnisse entwickelte. Durch die Kritik des verkehrten Denkens der bürgerlichen Vernunft und Wissenschaft, durch die Kritik ihrer Gedankenabstraktionen, der Philosophie, war er zur Kritik einer verkehrten Welt, einer Welt der realen Abstraktion, dem Verwertungsverhältnis einer politischen Ökonomie gelangt. Er analysierte diese Gesellschaft als Form eines verselbständigten Eigentums, als widersprüchliche Form des Privateigentums, und arbeitete ihren Begriff wissenschaftlich aus, der als Wert selbst ein Wachstum, ein Wertwachstum bestimmt, das sich von den Menschen entfernt und als Entfremdungsmacht sich gegen sie kehrt.

Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, worin der Mensch nicht Subjekt seiner Geschichte, sondern einem Prozess unterworfen ist, in welchem er sich von seinem Wesen und seiner Natur immer mehr entfremdet und dieses eher verarmt, als es zu entfalten und zu bereichern. Diese Selbstentfremdung muss die Basis aller reellen Wissenschaft sein, so Marx, denn was ist Wissenschaft anderes als die Erkenntnis eines allgemeinen Wesens, welches die Menschen objektiv in einer Form bedrängt, worin es nicht unmittelbar als deren Inhalt erscheinen kann?

Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ (Quelle: Karl Marx 1894 in MEW 25, S. 825).

Und ihre Logik kann daher nicht in ihrer Anschauung selbst begründet sein. Der wissenschaftliche Begriff besteht nicht aus dem Verallgemeinern von Anschauungen, sondern aus der Notwendigkeit des Begreifens eines ungreifbaren Wesens.

„Dies Begreifen besteht ...  nicht, wie Hegel meint, darin, die Bestimmungen des logischen Begriffs überall wiederzuerkennen, sondern die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes zu fassen.“ (Karl Marx in MEW 1, S. 296).

 

1. Kritik der politischen Ökonomie

Ausgangspunkt der marxistischen Ökonomie ist die Erkenntnis, dass die Kräfte und Mächte, die den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft bilden, sich nicht in der ihnen entsprechenden gesellschaftlichen Form verwirklichen. Im Gegenteil: Sie werden  von der Form beherrscht, in welcher dieser erscheint.

"Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung." (Karl Marx 1867 in MEW 23, S. 49)

Der Inhalt des gesellschaftlich erzeugten Reichtums existert objektiv als eine Ansammlung vereinzelter Produkte in Warenform. Die Menschen sind damit Produzenten einer Erscheinung, worin alle menschlichen Objekte einer politischen Formbestimmung menschlichen Reichtums unterworfen sind, des Privateigentums, einer politischen Formbestimmung menschlichen Eigentums, welches wesentlich auf dem Raub ihrer realen Gesellschaftlichkeit gründet.

Was sie zu ihrem Leben gebrauchen, was sie von der Warensammlung nutzen, in welcher der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft erscheint, können sie nur privat für sich erwerben; was sie aber gesellschaftlich dazu beitragen, dass Waren entstehen, das vermittelt ihnen diese Gesellschaft als Lebensnotwendigkeit, als Zwang, durch Arbeit ein gesellschaftliches Mittel, also Geld zu erwerben, um privat existieren zu können. Die Getrenntheit von Privatem und Gesellschaftlichem macht einen Antagonismus aus, in welchem sich nicht nur das Leben der Menschen in solcher Gesellschaftsform gestaltet, sondern ihre Verhältnisse zueinander und zu sich selbst, zu ihren Bedürfnissen und zu ihrer Arbeit selbst verkehrt – kurz: Ihr gesamter gesellschaftlicher Verkehr erscheint unter einer Sachgewalt, die sich hinter dem Rücken der Menschen durchsetzt und stärker zu sein scheint, als ihre gesellschaftliche Gestaltungsmacht.

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht ... darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“ (Karl Marx 1867 in MEW 23, S. 86f).

Durch das Tauschverhältnis der Waren vertauscht sich auch das Verhältnis ihrer Produzenten. Es verkehrt sich nicht nur der Gebrauchswert in einen Geldwert, sondern die konkrete Arbeit in eine abstrakte Arbeit und die Geschichte ihrer Produktivkraft gerät zur Entwicklung einer Ökonomie, worin sich ihr Wesen, also ihr Interesse, jeden Arbeitsaufwand zu minimieren, selbst verkehrt, zu einem politischen Wesen der abstrakten Arbeit. Je besser die Technologie ausgereift ist, je verfeinerter ihr Vermögen zur Minimierung des Arbeitsaufwands beiträgt, je geringer also die durchschnittliche Arbeitszeit zur Herstellung der Produkte wird, je geringer der Arbeitsaufwand zu bewirtschaften ist, desto mächtiger wird die gesellschaftliche Verfügungsmacht über die Arbeit, das Kapital. Marx beschreibt das auf den ersten Seiten seines Hauptwerks, dem Kapital:

"Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, desto kleiner die in ihm kristallisierte Arbeitsmasse, desto kleiner sein Wert. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto größer die zur Herstellung eines Artikels notwendige Arbeitszeit, desto größer sein Wert. Die Wertgröße einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktivkraft der sich in ihr verwirklichenden Arbeit." (MEW 23, S. 53)

Die organische Produktivität der Arbeit und die Wertgröße, die sie bildet, stehen in einem umgekehrten Verhältnis zu einander. Dieser Widerspruch erzeugt zwangsläufig widersprüchliche Beziehungen in allen Verhältnissen, die diese Gesellschaft in iher Wertgestalt ausmachen und bilden – nicht weil Technologie selbst Kapital wäre, sondern weil die damit erzeugten Produktmengen dem Widerspruch ihrer Wertform folgen und diesen veräußern. Die Wertsubstanz verwirklicht sich darin in der Beziehung einer Gegensätzlichkeit von quantitativen Beziehungen, einer Polarisierung entgegenstehender Formen - im einzelnen relativen Dasein und seiner allgemeinen unmittelbar gesellschaftlichen Form im Geld - in welcher sich das Allgemeine als Macht gegen das Einzelne entfaltet: Kapital. Wo menschlicher Arbeitsaufwand durch Technologie reduziert wird, wird daher nicht auch allgemein menschliche Arbeitszeit reduziert, sondern wird die einzelne Arbeitskraft entwertet und relative Überbevölkerung, also Arbeitslosigkeit erzeugt. Die Verbilligung der Arbeit kann daher durch Verschärfung der Konkurrenz der Arbeitnehmer oder immer auch durch Mehrarbeit der Arbeitenden und Aussonderung der Arbeitskräfte und durch verschärfte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen erzwungen werden.

Statt dass sich der Reichtum an Produkten für die Menschen gesellschaftlich vergrößert, wird der private Lebensstandard des weitaus größten Teils der Bevölkerung allgemein reduziert. Und damit schließlich kommt die Verwertungsgesellschaft selbst nicht klar, weil die Masse der ihr notwendigen Wertproduktion nicht mit der Masse des Absatzes wachsen kann und sich daher Verwertungskrisen auf den Absatzmärkten und irgendwann auch der Geldmärkte ergeben. Der immanente Zwang des Kapitals zum Wertwachstum, also aus Wert Mehrwert zu bilden und anzueignen, aus Geld mehr Geld zu machen, kehrt sich als Gewalt gegen die Menschen und die Natur, weil sie eine Produktion entfaltet, deren Produkte Bedarf und Möglichkeiten der Menschen übersteigt.

Im Kapital Band 3 fasst er dies zusammen:

Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ (MEW 25, S. 501)

In Folge hiervon kommt es zu einer Anhäufung von Geld, das nicht mehr über Gebrauchsgüter zirkuliert oder in der Investition von Produktionsmitteln zur Anwendung kommt. Das führt zu einer Geldexpansion von überflüssigem Kapital, das sich auf den Kapitalmärkten zu einem fiktiven Kapital verselbständigt und sich dort solange rumtreibt, wie es noch als Spielgeld taugt, als Geld, womit reale Existenzen verspielt werden. Solches Kapital macht heute bereits 98% des Geldes auf der Welt aus. Die Konsequenzen sind bekannt: Arbeitsplätze werden der Spekulation geopfert und Betriebe zerstört, obwohl diese aus Sicht der Güterproduktion bestens funktionieren.

Auf der anderen Seite türmen sich die Existenzprobleme und Mindereinnahmen aus realen Verhältnissen zu gigantischen Staatsverschuldung auf, die nichts anderes als eine über Generationen hinausgreifende Arbeitsverpflichtung für Steuergelder darstellen. Die Menschen müssen dem Verwertungsprinzip immer größere Anteile ihrer Lebenssubstanzen überlassen, weil das Kapital sich nur als Mehrprodukt veräußern kann, das als Mehrwert gesellschaftlich existiert. Es betreibt also die sinnlose Potenzierung einer gesellschaftlichen Macht gegen die Menschen, weil der Wert des in Kapital veräußerten Privateigentums eine fremde Macht des menschlichen Eigentums verkörpert. Als ein dem Menschen entfremdetes eigenes Vermögen, ist es alleine die Wertform einer Sache, die selbst keine organische Sache mehr ist, sondern ausschließlich politische Macht des Kapitals darstellt. Sie begründet sich nur noch aus der Rechtsform des Besitzes und vermittelt sich durch Sachen, die als Produkte der Arbeit längst amortisiert sind oder überhaupt nur Besitzrecht darstellen: zum Beispiel in Pacht, Mieten, Lizenzen und Kommunikations- oder Verkehrsgebühren.

Doch wie konnte es dazu kommen, dass sich diese Erkenntnis bis heute nicht gesellschaftlich umsetzen ließ, dass vielfach von Revolution und neuer Gesellschaft gesprochen wurde, aber niemals eine wirkliche Überwindung der Staatsgewalten und Mächte der abstrakten Formationen gelungen war? Im Gegenteil: Was sich als notwendige Macht zur Überwindung des Kapitalismus ausgegeben hatte, der so genannte „sozialistische Staat“, war zu einem erschreckenden Ebenbild, zu einem miefigen und kitschigen Abklatsch des kapitalistischen Staats geworden, der eher an dessen Endform, dem faschistischen Staat erinnerte, als dass er eine humane Gesellschaftsform sein oder entwickeln konnte. Was war da geschehen?

 

2. Revolution, das kann nur das auf sich zurückkommen der Menschen in einer menschlichen Gesellschaft sein

Eine Umkehr der bestehenden Verhältnisse kann nicht auf der Fiktion einer neuen Form von Gewalt, eine Aneignung der Staatsgewalt darstellen, um einer Fiktion von einer "menschlicheren Staatsmacht" nachzueifern. Sie kann nur die Verwirklichung von dem sein, was in den bestehenden Verhältnissen verkehrt ist, was als menschliche Kultur darin bereits besteht und was von den herrschenden Lebensformen, von den politischen Gewalten der gesellschaftlichen Formationen unterdrückt wird, was durch politische Gewalt verstückelt und verkehrt wird. Die Kritik der politischen Ökonomie muss aus einem kulturellen Selbstbewusstsein eines Widerstands gegen die kapitalistische Gesellschaft hervorgehen, durch welche der Arbeitsprozess zum einen zum Träger des menschlichen Fortschritts gewendet wird und sich zugleich für alle Menschen gleichermaßen politisch und ökonomisch darstellen lässt: ökonomisch, indem der Arbeitsaufwand sich nach den vorhandenen Bedürfnissen richtet und sich gleichmäßig unter den Menschen nach dem Vermögen ihrer Kraft und ihrer Fähigkeiten aufteilt; politisch, indem die Menschen sich über ihre Bedürfnisse gesellschaftlich verständigen und den Willen durchsichtig gestalten, der zu deren Verwirklichung nötig ist.

Es geht dabei um die Verwirklichung einer Ökonomie, die sich politisch als das aufklärt, was sie für die Menschen wirklich ist, die Produkte und Mehrprodukte erzeugt, welche von den Menschen gebraucht und gewollt werden und worin sie miteinander auf Augenhöhe leben und zusammenwirken und auseinandersetzen können. Man kann sich dabei nicht auf die Institutionen der herrschenden Wirtschaft, der Banken, des Staates und der Kommunen verlassen. Es geht hierbei nicht um eine bloß quantitative Verbesserung des Lebensstandards, um mehr Geld und weniger Arbeitszeit, um die Wahl oder Abwahl der besseren Versprechungen, um eine Verbesserte Repräsentation von Wählermeinungen in einer repräsentative Demokratie, in einem Parlament des Wohlmeinens anstelle der Korumption und auch nicht um verbesserte Organisationsformen einer Volkswirtschaft, die nichts anderes als Kapitalwirtschaft sein kann. Das Ziel einer Revolution kann nicht aus der Übernahme administrieller Gewalt bestehen. Eine Widerstandskultur kann nur die Verwirklichug der bislang zur Ohnmacht bestimmten Kultur der Menschen sein: Subversion einer materiellen Lebensmacht, die Verwirklichung des Unterdrückten, zu welchem das Leben selbst geworden ist.

Es geht um eine wirklich ökonomische Demokratie, um einen „Verein wirklich freier Menschen“, worin die Not des Bedarfs und der Wille zu seiner Behebung gesellschaftlich durchsichtig vermittelt wird und wirklich menschlicher Reichtum - das heißt: Lebensvielfalt - sich gestalten und qualitativ wie quantitativ in gleicher Weise ausbreiten kann - so Marx. Es geht ihm also nicht um die bloße Verbesserung der alten Gesellschaftsformen, aber auch nicht um die Konstruktion einer neuen Gesellschaft, eines neuen Staats, einer neuen Arbeit oder neue Bedürfnisse, sondern allein um die Bekämpfung aller Entfremdungsmächte der alten, einem Kampf der Menschen gegen überkommene Lebensverhältnisse, welche anachronistisch sind. Es ging ihm um die Abschaffung der Staatshierarchie und um eine Gesellschaft, in welchem alle wirtschaftlichen und politischen Anliegen von Abordnungen derjenigen entschlossen werden, die sie auch zu realisieren haben: Von sachgemäß verpflichteten Delegierten aus dem gesellschaftlichen Lebenszusammenhang der Menschen, von Arbeiterräten, die auch im Parlament ihrer Herkunft verpflichtet blieben. Er schrieb, es ginge ihm um eine wirkliche Demokratie, nicht um die Scheinvertretung eines Volkes, die sich vorwiegend nach den Zwängen des Kapitalverhältnisses richtet. Es ging ihm um die durchsichtige Beziehung der Bedürfnisse der Menschen auf ihre politische Existenz, auf die Gesellschaftsform, worin der politische Wille sich bildet, welcher die Entwicklung der Arbeit und der Produktion gestaltet. Und aus diesem Grund ging es ihm um die - so Marx -

„Beseitigung der Staatshierarchie überhaupt und Ersetzung der hochfahrenden Beherrscher des Volkes durch jederzeit absetzbare Diener, der Scheinverantwortlichkeit durch wirkliche Verantwortlichkeit, da sie dauernd unter öffentlicher Kontrolle arbeiten.“ (MEW 17, S. 544)

Dies kann sich aber nicht innerhalb eines Staatswesens ereignen, weil dieses notwendig seinen Inhalt jenseits seiner Verfassung, in der ökonomischen Form der Gesellschaft, hat. Es bedeutet im Wesentlichen die Aufhebung der Klassenkämpfe, also der Verwirklichung eines Arbeitsprozesses, der zu gesellschaftlichem Eigentum, zu Eigentum für die Individuen und der Gesellschaft als Gesamtheit des Zusammenwirkens von Menschen führt und von daher wirklich gesellschaftlichen Reichtum darstellt. Ein solches gesellschaftliches Verhältnis muss selbst das wesentliche Moment eines Gemeinwesens sein. Und dies zu erreichen macht die Schwierigkeit der bisherigen Geschichte aus – auch, weil es mit vielen Vorstellungen versehen worden war, die nicht richtig durchdacht oder auch falsch übernommen worden waren. Allerdings mussten auch schon Marx und Engels eigene Formulierungen überwinden, die besonders das Verhältnis zum Staat überhaupt betrafen. Engels wies im Vorwort zur englischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1888 darauf hin, dass es nicht darum gehen könne, dass „die Arbeiterklasse ... die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann“(Friedrich Engels in MEW 21, S. 358). Und Marx warnte emphatisch in seinem Text zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ vor einer

"zentralisierte Staatsmaschinerie, die mit ihren allgegenwärtigen und verwickelten militärischen, bürokratischen, geistlichen und gerichtlichen Organen die lebenskräftige bürgerliche Gesellschaft wie eine Boa constrictor umklammert". ( MEW Bd. 17, S. 538).

Er kritisierte die revolutionäre Gier auf Machtübernahme der Staatsgewalt fast schon so, als hätte er die Konsequenzen künftiger Revolutionen, die auf eine neuen Parteienmacht, auf der Macht einer Arbeiterpartei innerhalb der Staatsstrukturen der alten Gesellschaft setzen, vorausgesehen:

"Alle Revolutionen vervollkommneten (...) nur die Staatsmaschinerie, statt diesen ertötenden Alp abzuwerfen. Die Fraktionen und Parteien der herrschenden Klassen, die abwechselnd um die Herrschaft kämpften, sahen die Besitzergreifung und die Leitung dieser ungeheuren Regierungsmaschinerie als die hauptsächliche Siegesbeute an. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stand die Schaffung ungeheurer stehender Armeen, eine Masse von Staatsparasiten und kolossaler Staatsschulden." (MEW Bd. 17, S. 539).

Die so viel zitierte „Diktatur des Proletariats“, einem Begriff, der ursprünglich nicht von Marx kam, der wohl aber aucg von ihm und von Engels verwendet wurde, sollte die Metaphorik einer Entgegensetzung zur „Diktatur des Kapitals“ sein, allerdings als eine Umkehrung der Klassenherrschaft. Man solle sich darunter so etwas vorstellen, wie es dereinst die „Pariser Kommune“ war, schrieb Engels, eine Art Übergangsgesellschaft in den Zeiten der politischen Überwindung überkommender Machtverhältnisse. Doch kann eine solche Phase überhaupt aus einer reinen Negativform bestimmt werden?

In der Geschichte hatte es dies noch nie gegeben. Immer waren nach den Revolutionen neue gesellschaftliche Inhalte verwirklicht worden, die sich zwar in der überwundenen Gesellschaft entwickelt hatten, deren Form aber vollständig aufgehoben war. Eine „Diktatur des Proletariats“ ist selbst schon als Begriff eine Absurdität, kann es doch nur ein Begriff des Klassenkampfs selbst sein und diesen niemals beenden, wenn er zur Macht gelangt. Es muss um etwas anderes als eine bloße Umkehrung von Diktaturen gehen. Es zeigt sich, wie nötig ein Wissen um die inneren Zusammenhänge des Kapitalismus ist, ergeht doch nur hieraus ein folgerichtiges Handeln. Die massiven Fehler der Arbeiterbewegung waren in dieser Gier nach politischer Macht begründet, die Lenin schließlich veranlasst hatten, von einer Inbesitznahme des Staates durch die Arbeiterklasse zu reden und auch danach zu handeln.

Er schloß in seinem Text "Staat und Revolution", dass das "Zerbrechen der bürokratisch-militärischen Maschinerie" des bürgerlichen Staates überhaupt die "Hauptlehre des Marxismus von den Aufgaben des Proletariats" (ebd.) sei und es also vor allem um eine geschichtliche Pflicht (!), um eine Aufgabe der proletarischen Politik gegen die bürgerliche Staatsgewalt gehen müsse, selbst an die Macht, und gemeint war die Staatsgewalt, zu kommen. Das aus dem gesellschaftliche Wesen der Menschen abgeleitete Gemeinwesen wurde damit ausgeschaltet, dass dieses selbst schon die bestehende Arbeiterklasse, also ein Klassenwesen, die Klasse des Proletariats selbst schon Gesellschaft sei und dass das "Zerbrechen" des bürgerlichen Staatswesens zur Hauptaufgabe für Marxisten werden müsse, damit die Arbeiterklasse hierdurch befreit werde. Aber befreit wovon, wenn nicht von dem Gewaltmonopol der herrschenden politischen Klasse und dem Klassenwesen überhaupt, dem Dasein als Klasse?

Der Stalinismus war eine klare Konsequenz hieraus. Josef Stalin folgerte in administrativer Einfältigkeit und in Anbiederung an Lenin die ewige Machtbestimmung der kommunistischen Partei, die Verewigung eines Teils der Klassenverhältnisse zum Ganzen eines formell bestimmten Machtwesens:

"Die Frage der Macht ist die Grundfrage jeder Revolution" (schreibt Lenin). Bedeutet das, die Sache sei damit abgetan, dass man die Macht ergreift, sie an sich reißt? Nein, keineswegs. Die Machtergreifung ist nur der Anfang. Die in dem einen Lande gestürzte Bourgeoisie bleibt, aus vielen Gründen, noch lange Zeit stärker als das Proletariat, von dem sie gestürzt wurde. Deshalb kommt alles darauf an, die Macht zu behaupten, sie zu festigen, sie unbesiegbar zu machen.“

Es sind Formulierungen, die denen zu Hitlers Endsieg ungemein ähnlich sind.

 

3. Zur Theorie und Programmatik der Arbeiterbewegung

Marx selbst hatte schon die Rezeption seines Werks zu seiner Zeit oft mit Entsetzen konstatiert und sich gegen viele der wohlmeinenden Mitstreiter zur Wehr gesetzt. Er wandte sich eindeutig und explizit nicht nur gegen Bakunin und gegen seine Schwiegersöhne  Charles Lonquet und Paul Lafargue , sondern vor allem gegen die Anführer der Arbeiterbewegung und geistigen Väter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, besonders gegen Ferdinand Lasalle. Er schrieb am Ende seiner Kritik des Gothaer Programms, bei der Auseinadersetzung hierüber habe er um seine Seele kämpfen müssen. Was diese „Marxisten“ als Marxismus ausgaben, brachte ihn zu dem Satz: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“ (MEW Bd.37, S.450). (vergl. Hierzu auch den informativen Text von Michael Schmidt-Salomon „Ich weiß nur dies, dass ich kein Marxist bin…“ Karl Marx und die Marxismen).

Es ging hierbei um das Verhältnis zur Arbeit selbst, die von der Arbeiterbewegung zu einem Wesen für sich, zur Quelle allen Reichtums verklärt wurde. Marx hatte schon in seinen frühen Schriften darauf hingewiesen, dass Arbeit nur in Einheit mit menschlichen Bedürfnissen gesellschaftlich wirklich ist und daher lediglich Gegenstand der Ökonomie, der Wissenschaft vom minimalen Arbeitsaufwand ist. Und er hat Reichtum als das Dasein der „Bildungsgeschichte der menschlichen Sinne“ dargestellt, ihm eine weit umfassendere Substanz zugewiesen.  Die Selbstblockade der sozialistischen Bewegung begründete sich wesentlich an der falschen Rezeption des Marx’schen Arbeitsbegriffs als Verständnis der Arbeit überhaupt als die „Quelle allen Reichtums“. So steht es im Gründungsstatut der sozialistischen Arbeiterbewegung, dem Gothaer Programm. Es beinhaltet, dass die menschliche Gesellschaft selbst durch die Arbeit definiert, Gesellschaft also als eine Art Arbeitsanstalt aufzufassen sei, die sich überhaupt als Organ einer „Arbeitermacht“ darzustellen hätte.

Marx hat ein solches Gesellschaftsverständnis Zeit seines Lebens bekämpft. In einem Streit mit Lasalle zum Gothaer Programm der SPD wurde die Auseinandersetzung über die Verherrlichung der „Arbeit als Quelle allen Reichtums“ besonders deutlich. Im Entwurf von Lasalle heißt es:

"Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms MEW 19, S. 15)

Im Gründungsprogramm der SPD wird Arbeit also nicht nur als ein Moment der Bildung von Reichtum aufgefasst, sondern als dessen ureigenste und wesntliche Quelle, aus welcher abzuleiten ist, dass Arbeit die wahre Grundlage der Gesellschaft überhaupt sei und der Ertrag der Arbeit daher auch weiterhin ein gesellschaftliches Machtpotenzial darstelle, der "allen Gesellschaftsgliedern" zuzuteilen wäre – wenn sie denn auch genügend arbeiten. Gesellschaft wird somit ihres wirklichen Gehalts beraubt, die Grundlage menschlichen Lebens, menschlicher Bedürfnisse, Kultur und Lebensvielfalt zu sein, und wird zu einem Subjekt der Arbeit, zur Verteilerin von Arbeit und deren Produkten reduziert, welches mit der Funktion des Kapitals im Grunde identisch ist. Marx schrieb hierzu:

"Schöner Schluß! Wenn die nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Arbeitsertrag der Gesellschaft - und kommt dem einzelnen Arbeiter davon nur soviel zu, als nicht nötig ist, um die "Bedingung" der Arbeit, die Gesellschaft, zu erhalten." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms MEW 19, S. 16)

Dies aber war die Grundlage des "Realsozialismus" in West und Ost. Und dagegen hatte sich Marx mit seiner Kritik an Lasalle 1875 vehement gewehrt:

"Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. ... Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben."  (Marx in der Kritik des Gothaer Programms MEW 19, S. 15)

Solche Sklaverei wurde denn auch von den Sozialdemokraten als Selbstverwirklichung durch Arbeit verkauft. Indem auf diese Weise Arbeit zu einem rein politischen Begriff der Selbstverwirklichung wurde, war zugleich der Begriff der Arbeit naturalisiert zu einer „ewigen Wahrheit“, zu einer Lebenshaltung, in welcher Arbeit nicht mehr als notwendiges Moment einer Lebensäußerung, als Aufwand zur Entwicklung und Verwirklichung von Lebensgenuss begriffen, sondern zum Wesen der Selbstverwirklichung  schlechthin. Damit war das Proletariat zum gesellschaftlichen Subjekt der Emanzipation schlechthin verklärt, es also die Überlebensgroße Gestalt menschlicher Subjektivität.

Und dessen Subjektivität soll aus dem Nutzen der Arbeit hervorgehen, aus einem bloßen Nützlichkeitsdenken, das alles negiert, was sinnenreich ist – z.B. Kunst, Schönheit, Vielfalt, Gedächtnis, ja Denken überhaupt. Dazu bemerkt Marx in seiner Kritik an Lasalle:

"Was ist "nutzbringende" Arbeit? Doch nur die Arbeit, die den bezweckten Nutzeffekt hervorbringt. Ein Wilder - und der Mensch ist ein Wilder nachdem er aufgehört hat, Affe zu sein - der ein Tier mit einem Stein erlegt, der Früchte sammelt etc., verrichtet "nutzbringende" Arbeit." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms MEW 19, S. 16)

Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert, schreibt Marx im Kapital. Das heißt aber nicht, dass menschliche Kultur überhaupt, der Reichtum der Gesellschaft, alleine aus der versammelten Nützlichkeit bestünde. Der Gebrauchswert stellt lediglich die bloße Einzelheit der Dinge dar als Form ihrer Vereinzelung als Ware, wie sie ohne ihre gesellschaftliche Wirklichkeit  gar nicht existieren könnten. Nützlichkeit ist das, was an den Dingen nötig ist, um überhaupt menschliche Bedürfnisse befriedigen zu können. Sie ist aber lediglich die einzelne Form, unter welcher sie überhaupt ökonomisch existieren müssen - dies stellt nicht den Inhalt der Bedürfnisse dar, welchen sie nützlich sind. Im Gebrauchswert bleibt eine Ware Teil eines rein ökonischen Ganzen, als Teil eines "äußeren Gegenstands" für den Menschen, wie Marx das in hegelscher Manier kennzeichnet. Diese vereinzelte Darstellungsform der Arbeit, reduziert auf ihren nutzbringenden Gehalt, zu einer Gesellschaftsform zu verallgemeinern, gibt den folgenschweren Grund für einen noch weitergehenden Fehler in der Rezeption der Marxschen Wissenschaft: Die Reduktion der Kritik der politischen Ökonomie zu einer reinen Arbeitswertlehre der "nutzbringenden Arbeit".

 

4. Das Missverständnis der Arbeitswertlehre

Wer nicht begreifen kann, wie sich in einem Warenverhältnis eine Abstraktion vollzieht, sieht den Wert, also die Realabstraktion, die dabei mächtig wird, selbst nur als Erscheinungsform von Arbeit und versteht das Kapital von Marx als eine Theorie des Arbeitswerts nutzbringender Arbeit gegen den Wert kapitalbildender Arbeit. Hiernach wird alles, was entsteht, lediglich als Wertform der Arbeit begriffen und es geht dann beim Wertbegriff um eine Totalisierung der Arbeit, nämlich dass diese den ganzen Inhalt der Wahrheit ausmacht, für welche die Waren nur bloße Erscheinungen seien. Dass sie Erscheinungsform des menschlichen Reichtums sind, ist damit weggewischt, weil ja Reichtum selbst nur als unmittelbares Arbeitsprodukt begriffen wird, die Arbeit - wie gezeigt - als "Quelle allen Reichtums". So stellen diese auf ihr Dasein als Arbeitsprodukt reduzierten Güter auch lediglich das vereinzelte Dasein des Arbeitsprozesses allgemein dar, den Nutzen, den die Verausgabung von Arbeitskraft eben im einzelnen immer hat. Es ist dies eine Denkkform, die in der bürgerlichen Phänomenologie geläufig ist.

Der Gebrauchswert der Ware selbst ist dann reduziert auf dieses, nämlich „eigentlich“ die Existenzform einer konkret nützlichen Arbeitskraft zu sein, aber durch die Äquivalenz der Geldform, durch den Tauschwert auch „missbraucht“ zu werden. Eigentlich wäre demnach alles schön und gut, soweit es Gebrauchswerte als Produkte nützlicher Arbeiten gebe, und schlecht, wenn diese von den „falschen Besitzern“, den Kapitalisten, angegeignet werden. Arbeit reduziert sich dann auf menschliche Tätigkeit schlechthin, die eigentlich schon unmittelbar und in ihrer individuellen Einzelheit zwischen Aufwand und Genuß vermittelt, wenn man sie der Verwendung durch das Kapital entziehen kann. Arbeit selbst gilt dann schon konkret als Nutzen für Mensch und Gesellschaft in der bloß vereinzelten Individualität, und diese gilt dann natürlich auch als "Quelle allen Reichtums", der verallgemeinerten Individualität. Es ist die Vorstellung eines verallgemeinerten Individualismus, der sich nur in einem blinden Kolllektivismus auflösen kann und darin auch aufheben muss, einem Kollektiv, worin sich die Individuen schließlich voll und ganz aufgeben müssen, um endlich in Gesellschaft zu sein.

Die Verklärung der Arbeit und ihre Reduktion auf eine nutzbringende Funktion beruht auf einer Fehlinterpretation des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital, wonach die Arbeit an sich, wäre sie nur „richtig“ in ihrem vollen Zeitaufwand entlohnt, für alle Beteiligten gut wäre. Es müsste demnach nur das „gerechte Geld“, ein „richtiges“ Arbeitsgeld zirkulieren. Es müsse die unbezahlte Arbeit, also die Arbeit für das Mehrprodukt“ abgeschafft werden, alle Arbeit durch Arbeitszeitzettel bezahlt und damit eine „gerechte Arbeit“, eine Arbeit, die ihrem Produktwert entsprechen soll, ermöglicht werden. Und der „eigentliche“ Produktwert, das wissen wir von Marx, stellt sich ja in der Arbeitszeit dar.

Die Arbeit selbst stelle demnach schon die Grundlagen einer menschlichen Gesellschaft dar, die lediglich von den Geiern auf dem Kapitalmarkt verfälscht würde. Dass Arbeit überhaupt eine Wertform annehmen muss, bleibt unbenommen, weil solcher Wert lediglich eine konkrete Verrechnung der allgemein notwendigen Arbeitszeit und dann gerecht wäre, wenn jeder Mensch gleichviel Arbeitszeit aufwenden müsse. Und so ging es in der DDR tatsächlich darum, dem Wertgesetz gerecht zu werden, es als Maßstab der Produktion durchzusetzen, also nichts anderes zu tun, als das Kapital eben auch, nur dass das Kapital durch den Arbeiter- und Bauernstaat, Planung und Management durch die Partei und Geld und Fortkommen durch die sozialistische Gesinnung ersetzt wurde.

Dies wurde von Marx öfter aufgegriffen und kritisiert. Die Abstraktion der Arbeit liegt in der Arbeitszeit selbst, und die kann gar nicht konkret werden. Es würde überhaupt kein Mehrprodukt entstehen - oder ein nur sehr mäßiges, das man durch Gesinnung und Propaganda erzielen kann - und die Gesellschaft würde niedergehen, weil sie sich nur nach den konservativen Bedürfnissen richten könnte und nur deren Mief vervielfachen würde. Auch das war schon vor 160 Jahren bekannt. Es ging Marx nie um eine bloße Formveränderung des Entgeltungsverhältnisses oder des Arbeitsprozesses, sondern um die radikale Demokratisierung des ganzen gesellschaftlichen Verhältnisses, worin alle Momente im Akt einer gesellschaftlichen Willensbildung beschlossen und bestätigt werden.

Aber sein eigenes Hauptwerk, das Kapital wurde dahingehend verwendet, dass es nichts anderes als eine Arbeitswertlehre sei, also die Lehre, dass das Wesen des menschlichen Reichtums in der Arbeit läge, die ihn geschaffen hat und dass das Kapital nur deshalb verwerflich sei, weil es den Arbeitern nicht den ganzen Wert ihres Produkts überlassen würde. Marx hätte sein Buch nicht mit der Ware als Formbestimmung der Produktion beginnen müssen, um eine solche konkrete Arbeitszeitbestimmung als sozialistische Erkenntnis auszugeben. Er hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Wertgröße als gesellschaftlich durchschnittlich erforderliche Arbeitszeit längst schon von Adam Smith „entdeckt“ worden war und dass eine hieraus entwickelte sozialistische Arbeitszeitgeldlehre, wie z.B. die von Ricardo, eine bloße Fixation der Machtbestimmung der Arbeitsverwaltung bleiben müsse.

Bei Marx aber geht es nicht um einen Wert, welcher die Arbeit erbringt, sondern um Wert als Begriff eines gesellschaftlichen Lebensverhältnisses, der als Abstraktionsmacht der entsprechenden Gesellschaft zu begreifen ist, die Wertsubstanz als abstrakt menschliche Arbeit, also tote Arbeit. Der Wert ist demnach nicht nur ein Maß des Geldes und von daher auch der Lohnarbeit, sondern vor allem abstrakte Substanz aller gesellschaftlichen Beziehungen  in den Gesellschaften, worin der Warentausch den gesellschaftlichen Zusammenhang bestimmt. Die Wertgröße ist deshalb die durchschnittlich menschliche Arbeitszeit, worauf sich die Herstellung der Waren reduziert, weil ihre Effektivität ausschließlich in der Austauschbarkeit ihrer Produkte bestimmt ist, weil darin also die menschliche Arbeit auf ihre abstrakte Substanz, auf die bloße Tatsache, Arbeitsprodukt zu sein, reduziert und auch quantitativ hierdurch bestimmt wird. Wert realisiert sich in beidem, in der Produktion und der Konsumtion und ist im Warentausch sowohl vermittelt wie begründet. Weil und sofern die Menschen keine gesellschaftliche Form ihrer Beziehung materiell und politisch entwickeln, werden sie ihre Produkte nur durch Warentausch aufeinander beziehen können.

Dies ist dann immer eine Vermittlung, die alles bestimmt, die Elementarform dieser Gesellschaft. Von daher existiert der Arbeiter wie auch der Gebrauchswert der Waren selbst nur unter dieser Bestimmung. Eine Umkehrung hiervon in dem, dass Arbeit und Gebrauchswerte einfach und unbenommen allen Menschen nahe kommen können, gibt es nicht, weil die Trennung von Arbeit und Konsum und nicht die Naturalform des arbeitenden Menschen und die Naturalform eines Produkts gesellschaftliche Beziehung ausmachen kann. Es ging Marx also nicht eine Naturalisierung eines komplexen gesellschaftlichen Verhältnisses, um eine neue Abstraktion, wie sie ja auch lebhaft vom deutschen Faschismus beispielsweise zur Begründung eines Kulturstaats aufgegriffen worden war, sondern um eine konkrete Gesellschaftlichkeit der Menschen. Der Wert war der Inbegriff einer abstrakt gesellschaftlichen Vermittlung, die dahin treibt – so zitiert Marx Goethes Faust – dass alles, was entsteht, nur wert ist, dass es zugrunde geht. Es ist ein teuflisches Prinzip.

Marx verstand unter der Emanzipation der Arbeit nicht die Verwirklichung des Arbeiters als Subjekt, sondern die Überwindung der objektiven Bestimmtheit der Arbeit als Form eines gesellschaftlichen Subjekts der Fremdbestimmung, die Aufhebung ihrer Klasseneigenschaften. Er befand das genau umgekehrt, wie es die Arbeitswertlehre besagt, als er schrieb:

„Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine Klasseneigenschaft zu sein.“ (MEW 17, S. 342)

Die „Diktatur einer Klasse der Arbeit“ wäre demnach unsinnig, kann es doch nur darum gehen, die Formbestimmung der Arbeit zu einer Klasseneigenschaft aufzuheben. Wie kam dazu, dass Marx und Engels den Begriff von der „Diktatur des Proletariats“, der zu jener Zeit virulent war, dennoch übernahmen, wenn auch als Zwitter, als Bezeichnung einer  Übergangsgesellschaft? Mit diesem Begriff sollte ein geschichtliches Dilemma aufgelöst werden, in welchem sich eine Gesellschaft befindet, die in ihrer Ökonomie ihr ganzes Material besitzt und in ihrem Staat ihre ganze gesellschaftliche Gewalt. Das Machtmonopol des Staats erscheint demnach erst mal nur durch ein umgekehrtes Machtmonopol aufhebbar zu sein, das immerhin zugleich das Subjekt der gesellschaftlichen Materiatur ist, also das Potenzial der Verfügungsfähigkeit über die Produktionsmittel verkörpert.

5. Eine „Diktatur des Proletariats“ ist nicht das Ende der Klassenkämpfe sondern deren Verewigung

Es ist aber in der Tat ein Dilemma, solange dieses Potenzial nur die Gewalt des Nutzens von Arbeit verkörpern kann, und damit noch ganz in der Form der Klassengesellschaft gefangen ist und an und für sich nichts zum Inhalt hat, was darüber hinausweist. Solange geht es eigentlich nur um Vorstellungen von der Verwirklichung einer geschichtlich notwendigen Veränderung, die zugleich ihre kommunale Wirklichkeit noch nicht erkennen kann. Schon mit dem Begriff Kommunismus war aber diese Erkenntnis angelegt. Nicht die Materiatur der nützlichen Arbeit, das Proletariat der alten Gesellschaft kann diese überwinden. Die Aufhebung der Klassengesellschaft  ist nur durch die Verwirklichung aller gesellschaftlichen Inhalte möglich, die als konstitutiver Zusammenhang einer menschlichen Gesellschaft schon vorliegen: Die noch brüchigen Momenten eines demokratischen Gemeinwesens, worin die Beziehungen, die Arbeits- und Verkehrsformen  der Menschen offen und durchsichtig, also in die materielle wie politische Form eines Gemeinwesens gebracht werden müssen, einem Gemeinwesen, worin aller Reichtum einer Region, einer Kultur oder eines globalen Zusammenhangs gesellschaftliche  Form bekommt. Darin erst können die Menschen ihre Bedürfnisse zu einer gesellschaftlichen Arbeitsform bringen, vielleicht als eine Art Vertragsgesellschaft, in welcher der „politische Wille“ zugleich die Gesellschaftsform von Bedürfnissen und ihrem entsprechenden Arbeitsbedarf ist und als solcher auseinanderzusetzen wäre.

„Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“ (Quelle: Karl Marx in MEW 1, S. 346)

Es wäre die Auflösung des Widerspruchs der bürgerliche Demokratie, dem Widerspruch zwischen ihrer repräsentativen Form als Staatsgewalt des Privateigentums und der von ihr ausgegrenzten materiellen Inhaltlichkeit, der Verwirklichung einer politischen Ökonomie. Es wäre eine so materiell wie politische Demokratie, die hieraus erwachsen müsse. Diese weist in ihrem Verwirklichungsprozess über sich selbst hinaus und kann nicht national bleiben. Sie  kann materiell und politisch nur in den einzelnen Kommunen wie auch in den überkommunalen und internationalen Beziehung vollständig sein, eine Art internationaler Kommunalismus.

Aber in der geschichtlichen Wirklichkeit kann man nicht davon absehen, dass sich die Mächte des Bestehenden nicht freiwillig aufgeben, wo die doch vor allem die Gewalt in ihren Händen haben, sogar das Recht auf ein Gewaltmonopol. Der vereinseitigten politischen Gewalt des Staates steht daher die vereinseitigte Macht der Bildner der ökonomischen Entwicklung entgegen. Der Staat ist damit zum politischen Garanten des Kapitals, zum Repräsentaten der herrschenden Klasse, der Bourgeiosie, geworden, das Proletariat zum Garanten des Überlebens einer Gesellschaft, zur Arbeiterklasse, die politisch ohnmächtg ist. Der Kampf der Klassen sollte dies auflösen, indem die unterdrückte Klasse ihre reale Wirkungsmächtigkeit nutzt und die herrschende Klasse stürzt. Das Resultat wäre die Zusammenführung von poltischer Gewalt und Wirkungsmacht. Doch im Grunde wäre das dann doch das Ende aller Klasenherrschaft. Dass eine im Grunde dann unnötig gewordene Klasse überhaupt noch fortbestehen können sollte, ist eigenlich absurd. Es geht wohl eher um die Vorstellung von einem Prozess der Machtübernahme, welche dass Ende der Klassenherrschaft bedeutet, nicht von der Herrschaft einer bislang unterdrückten Klasse gegen die bislang herrschende.

Den Prozess beschreibt Friedrich Engels:

In jedem Kampf von Klasse gegen Klasse ist das unmittelbare Ziel, um das gekämpft wird, die politische Macht; die herrschende Klasse verteidigt ihre politische Vorherrschaft, das heißt ihre sichere Mehrheit in den gesetzgebenden Körperschaften; die untere Klasse kämpft zuerst um einen Anteil an dieser Macht, später um die ganze Macht, um in die Lage zu kommen, die bestehenden Gesetze entsprechend ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen zu ändern.“ (MEW 19, S. 258).

Marx ergänzt dies folgendermaßen:

„Da das Proletariat während der Periode des Kampfs zum Umsturz der alten Gesellschaft noch auf der Basis der alten Gesellschaft agiert und daher auch noch in politischen Formen sich bewegt, die ihr mehr oder minder angehören, hat es seine schließliche Konstitution noch nicht erreicht während dieser Kampfperiode und wendet Mittel zur Befreiung an, die nach der Befreiung wegfallen.“ (MEW 18, S. 636)

Die Schlussfolgerug hieraus formuliert Marx auch noch 1875 in der "Kritik des Gothaer Programms":

Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ (MEW 19, S. 28)

Es ist ein fehlerhafter Schluss, nach welchem der Staat durch eine revolutionäre Diktatur ersetzt werden müsse, um einer "Übergangsperiode" zu dienen, die durch proletarische Staatsgewalt zur kommunistischen Gesellschaft führen würde. Stellt das Proletariat als "Masse der Lohnarbeit" (Engels) wirklich den überwiegenden Teil der Bevölkerung dar, so handelt es sich in dieser "Übergangsgesellschaft" nicht um eine Diktatur, sondern um eine Form von Demokratie, die sich allerdings von der repräsentativen Demokratie des Kapitalismus wesentlich unterscheidet: Sie stellt sich gegen die politische Macht des Kapitals, der gesellschaftlichen Formation eines aufgeschatzten Privateigentums, die zwangsläufig die Arbeit per Lohndiktat beherrschen muss, um Mehrwert zu produzieren. Der Begriff einer Dikatur bringt eine völlig absurde Dimension ein: die Verewigung objektiver Machtbestimmung, die Verewigung von Fremdbestimmung. Was hier noch so doppelbödig formuliert ist, insofern Marx von einem Staat und einer Staatsform, nämlich einer Diktatur, schreibt, ist wohl eher die Übernahme einer populistischen Redewendung, welche Demokratie und Diktatur sowohl in eins setzt als auch unterscheidet. Es ist dies eine agitatorische Mogelpackung, die eine Bewahrheitung der Demokratie im Bewusstsein der Menschen zu umgehen sucht und mit einer objektiven Notwendigkeit rechtfertigt. Eine Diktatur besteht nicht aus einer kämpferischen Formation, sondern ist schon eine Auflösung derselben, weil sie eine neue Macht darstellt und zwangläufig auch behaupten muss. Marx selbst löst diesen Fehler später auf und widerspricht dem in vielen Bemerkungen hierzu. So auch Engels in der Einleitung zur 4. Auflage des „Kommunistischen Manifestes“.

Gegenüber der immensen Fortentwicklung der großen Industrie seit 1848 und der sie begleitenden verbesserten und gewachsenen Organisation der Arbeiterklasse, gegenüber den praktischen Erfahrungen, zuerst der Februarrevolution und noch weit mehr der Pariser Kommune, wo das Proletariat zum ersten Mal zwei Monate lang die politische Gewalt innehatte, ist heute dies Programm stellenweise veraltet. Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, dass die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann.“ (MEW 21, S. 358)

Engels sagt es selbst: Angesichts der gebündelten Technologie in der großen Industrie kann es keine politische Gewalt sein, die sich dem widersetzt. Die Pariser Kommune ist nicht daran gescheitert, dass sie aus einem kommunalen Zusammenhang heraus eine neue Gesellschaftsform stiftete, sondern daran, dass sie die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge und Gewalten ignorierte. Das bloß politische Dagegenhalten bleibt solange eine Farce, die nur eine andere Position in der alten Welt sucht, sie mit einem anderen Willen zu erhalten sucht, solange darin kein materieller Zusammenhang der Gesellschaft formuliert wird.

Darin liegt die einzige Wahrheit des Proletariats, dass es diesen Zusammenhang wirklich in sich trägt, in seinem ganzen Lebensalltag tagtäglich vollziehen muss, und in seiner Unwirklichkeit, in der Entgegenständlichung seines Lebens, seiner Bedürfnisse und seiner Kraft, seine Ohnmacht erfährt. Darin ist es aber nicht alleine der aktuell arbeitender Bevölkerungsteil. Proletariat, das sind auch die Arbeitslosen, mittellose Künstler, und auch die Randgruppen, die Arbeitsunfähigen (z.B. Kranke, Kinder und Alte) usw. - kurz: alle, die von der Verwertungsgesellschaft beherrschten Menschen, die an den Rand gedrängten und durch ihre Besitzlosigkeit zur Selbstenfremdung gezwungenen Menschen. Von daher ist dieses Proletariat der Antagonist zum Willen der herrschenden Politik. Und deshalb liegt in dieser Alltagswelt der Arbeit bereits eine neue gesellschaftliche Lebensform vor, die im Widerstand gegen die herrschenden politischen Formen sich nur in einer gesellschaftlichen Form verwirklichen kann, worin die Bedürfnisse der Menschen sich auf die Notwendigkeiten der Arbeit beziehen lassen und von daher nach einer gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Beziehung von Arbeit und Bedürfnis suchen. Diese aber kann keine Diktatur sein, weil sie selbst schon über die existenziellen Gewalt ihrer Beherrschung hinaus ist. Sie hat lediglich damit zu tun, sich dieser Gewalt zu erwehren, niemals aber damit, sie zu ersetzen. So hat es Marx in einem Text zur Pariser Kommune auch formuliert:

"Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Wiederbelebung durch das Volk und des eigenen gesellschaftlichen Lebens. Sie war nicht eine Revolution, um die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klassen an die andere zu übertragen, sondern eine Revolution, um diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen. ... Die Kommune war die entschiedene Negation jener Staatsmacht und darum der Beginn der sozialen Revolution des 19. Jahrhunderts. Was daher immer ihr Geschick in Paris ist, sie wird ihren Weg um die Welt machen." (K. Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 541f.)

Das geschichtliche Dilemma der bürgerlichen Demokratie stellt sich in der Staatsgewalt als Gewalt des politischen Staats gegen seine materielle Wirklichkeit auch wirklich dar. Ihr Anspruch, sich als Menschenrecht zu begründen, ist ihr bedeutsamster Betrug, ihr Wille, der sich aus der Verallgemeinerung von Notwendigkeiten ergibt, ist zwangsläufig der Wille des allgemeinen Mangels und fomuliert also das Interesse des politisch Allgemeinen, des Kapitals, dem es immer an Verwertungsmöglichkeiten ermangelt. Sie ist die Existenzform eines Klassengegensatzes als Wille der herrschenden Klasse, der Besitzenden, wie er sich gegen die Besitzlosen in diesem Interesse verhält. Von daher ist der Staat die allgemeine Position eines Klassenkampfs, der den Kapitalismus überhaupt ausmacht und vollstreckt. Sozialismus kann nicht als eine Position innerhalb dieses Klassenkampfs sich bergreifen. Aber er kann aus einem Bewusstsein hieraus sich hiergegen wenden.

Klassenbewusstsein ist das Wissen um die objektive Bedingtheit des Seins in der bürgerlichen Gesellschaft und ein Klassenstandpunkt kann nur ein Bewusstsein gesellschaftlicher Bedingtheit sein, Wissen um die Formbestimmtheit der Menschen in dieser Gesellschaft. Aber ein Klassenstandpunkt weißt über diese nicht durch sich selbst schon hinaus. Er kann diese inhaltlich nicht überwinden; er ist lediglich Bewusstsein des Bestehenden, der Bedingung selbst, und kann sich von daher den Täuschungen durch Ideologie entgegensetzen. Eine Veränderung der Gesellschaft ergeht aber nicht aus der Verabsolutierung einer Klasse, welche "objektive Interessen" formuliert. Sie entsteht in der Subjektivität der Menschen, welche ihre objektive Bestimmtheit, ihre Formbestimmtheit von sich weisen und kritisieren und gerade darin ihre gesellschaftliche Subjektivität finden, Gesellschaft selbst als wirkliche Form menschlicher Subjektivität bilden. Das werden vor allem die Menschen sein, die durch diese Gesellschaftsform in ihrer Verwirklichung bedrängt, vernutzt, ausgebeutet und beleidigt werden - und das sind die meisten. Noch nie waren soviele Menschen sich ihrer Not in der herrschenden Gesellschaftsform bewusst und noch nie war so deutlich, dass es die Not des menschlichen Lebens überhaupt ist. Nicht das "objektive Interesse" macht die Veränderung aus, sondern die Subjektwerdung der Menschen, die menschliche Emanzipation, wie sie sich im einzelnen Menschen und zugleich allgemein, im Verhältnis der Menschen zu menschlicher Vergegenständlichung, zu einer menschlichen Kultur, zu einer Commune der Menschen, entwickelt.

Das wird nicht einfach in Einigkeit und Brüderlichkeit, sondern auch im Streit hierüber verlaufen. Eine Kultur an sich gibt es nicht. Eine gute Streitkultur ist daher die erste Form der Emanzipation. Eine Demokratie, in welcher die wirkliche Auseinandersetzung über das materielle Sein eines Gemeinwesens, einer Kommune, als politischer Entschluss der Menschen zur Gestaltung ihres Lebens und ihrer Arbeit gelangt, die es begründen und entwickeln, muss auch alle Formen der politischen Abstraktion, besonders die politische Ökonomie überwinden und sich in einer Einheit von Ökonomie und Politik gestalten.

In diesem Zusammenhang ist es ist an der Zeit, eine neue Darstellung des Marxismus zur Wirkung zu bringen, der frei von Dogmatismus und "ewigen Wahrheiten" ist. Marx hatte die Überwindung des Staats und seiner abstrakten Demokratie an den Anfang seines Denkens gestellt. Und hieraus werden sich neue Widerstandsformen gegen den Kapitalismus ergeben, die wirkliches Wissen um menschliches Leben in sich tragen, Bewusstsein der Wirklichkeit. Neue Formen des Widerstands werden vor allem subversiv sein, weil sie nicht als formelle Position, als neue Programmatik wesentlich sein können. Sie entstehen außerdem unter der Bedingung, dass wir inzwischen in einer Dienstleistungsgesellschaft leben und sehr viele Gegenstände unseres Lebensbedarfs in China oder sonstwo produziert sind und kaum noch unserer Arbeitswelt und ihre Wertgestalt, wohl aber dem Verwertungsbedarf eines globalen Finanzmarkts entspringen.