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Wolfram Pfreundschuh (9/05)

 

Probleme des Marxismus
 

Keine Theorie hat sich so dauerhaft als Erklärung der Probleme ihrer Zeit erhalten und bewahrheitet, wie der Marxismus. Aber auch keine Theorie hat so viele ihrer eigenen Probleme verschleppt und fortgetragen wie er. Das liegt vielleicht an seiner Komplexität und Grundsätzlichkeit, die von denen, die daran arbeiteten, nicht zu bewältigen war. Es lag aber auch an der Unvollständigkeit der Theorie, die sich als Unvermögen umsetzte, die Menschen in ihrem ganze Leben als gesellschaftliche Subjekte wirklich weiterzubringen und auf ihre Gegner adäquat zu antworten. Eine grundlegende und eindeutige Selbstkritik des Marxismus tut daher not.

Ohne dass die wissenschaftliche Beschreibung des Kapitalismus durch Karl Marx je ohne Wahrheitsverlust grundsätzlich infrage gestellt worden wäre, hat die Umsetzung seiner Erkenntnisse erhebliche Schwierigkeiten bereitet, vor allem dadurch, dass unentwickelte Ansätze und fehlerhafte Rezeptionen in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und auch im weltgeschichtlichen Verlauf nicht aufgelöst sondern verstärkt und zum Gegenteil ihrer Grundlagen wurden. Die Probleme des Marxismus zu analysieren ist vor allem deshalb schwierig, weil es diese nicht als solche, nicht als klar auszuweisende Fehler einer Theorie gibt, sondern nur als Probleme einer politischen Praxis, die nun schon weit über 100 Jahre auf dem Buckel hat und von verschiedenen Phasen der Marx-Rezeption sehr abhängig war. Deren politische Umsetzung zeigte einen Marxismus, der sich an Marxens Verständnis von Politik weit verfehlte und die Kritik der politischen Ökonomie in eine politische Kritik verkehrte, die sich von der Ökonomie abhob und zur Parteienbürokratie verselbständigte. Das zeigt besonders die Geschichte der Arbeiterbewegung, die aus dem Begriff des Proleriats einen Heldenepos der Arbeit machte, der zu blanker Staatsgewalt funktionalisiert wurde.

Die 1. Internationale, in der noch Marx und Engels aktiv anleitend waren, gründete auf dem "Kommunistischen Manifest", in welchem von den Lebensverhältnissen des größten Teils der Menschen, der damaligen Arbeiterschaft, ihrer Alltagserfahrung, ihrem Verhältnis zu Kapital und bürgerlicher Gesellschaft, zu sich als Verhältnis von Mann und Frau und Kind ausgegangen wurde, dem die Macht der Bourgeoisie als herrschende und überkommene Lebensform toter Arbeit entgegen steht. Sie wollte internationale kommunale Lebensstrukturen und die Übernahme der Macht und scheiterte an den Erfahrungen der Pariser Kommune, nach welcher die bloße Übernahme politischer Macht für falsch erkannt wurde: "Die Kommune (hat) den Beweis geliefert, dass die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine nicht in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann" (Marx/Engels im Vorwort zum kommunistischen Manifest in der Auflage von 1872).
Man muss daraus eigentlich entnehmen, dass den eigenen Zwecken nicht über die Staatsmacht zu verhelfen ist, sondern über eigene Formen von Gemeinwesen, welche der Staatsmaschine entgegen stehen. Die Staatsgewalt wäre von daher die reaktionäre Gewalt einer Klassenherrschaft, die in der Form einer unterdrückten Klasse schon eine neue Gesellschaft zu ihrem Antagonisten macht, eine Herrschaft also, die sich gegen das Fortschreiten des menschlichen Lebens stellt. Der Klassenkampf ist hiernach ein Kampf zwischen überkommener Form einer gesellschaftlichen Herrschaft und dem Keim einer neuen Gesellschaft, in welcher ein neues gesellschaftliches Leben gegen Klassenherrschaft überhaupt zu verteidigen ist und bürgerliche Staatsgewalt als Macht toter Arbeit aufgedeckt und überflüssig gemacht (Marx) wird. Gerade deshalb, weil es um ein neues Leben geht, "kann die Waffe der Kritik die Kritik der Waffen nicht ersetzen" (MEW 1, S. 385) - auch wenn es sich manchmal damit verteidigen muss.
Aber Lenin schloß (in "Staat und Revolution") aus der Unmöglichkeit der Inbesitznahme der Staatsgewalt durch die unterdrückte Klasse der Besitzlosen, dass das "Zerbrechen der bürokratisch-militärischen Maschinerie" des bürgerlichen Staates überhaupt die "Hauptlehre des Marxismus von den Aufgaben des Proletariats" (ebd.) sei und es also vor allem um proletarische Politik gegen die bürgerliche Staatsgewalt gehen müsse. Das aus dem eigenen Wesen der Menschen, das aus ihrem gesellschaftliche Wesen abgeleitete Gemeinwesen wurde damit ausgeschaltet, dass dieses selbst schon die bestehende Arbeiterklasse, also ein Klassenwesen sei, und dass das "Zerbrechen" des bürgerlichen Staatswesens zur Hauptaufgabe für Marxisten werden müsse, damit die Arbeiterklassde hierdurch befreit sei - aber frei wovon? Das war die Täuschung: Es wurde zu ihrer Machtbestimmung. Es war ein fataler, reaktionärer Schluß: Das Gemeinwesen war damit zur Arbeiterklasse verewigt, zur ewigen Herrschaft einer Klasse der Arbeit bestimmt - wenn auch "nur" als vorübergehende geschichtliche Notwendigkeit, als geshichtliche Determinante formuliert -, also als Arbeit, wie sie im Kapitalismus bestimmt ist, eben als Klasse, damit auch als Affirmation einer Klasssengesellschaft. Es war ein verheerendes, wenn auch nicht neues Missverständnis der Grundlagen des Marxismus. Schon zuvor in der sozialdemokratisch ausgerichteten 2. Internationale war die Arbeit als ewige Nutzbringerin des Fortschritts verherrlicht und das Proletariat zum Subjekt einer Politik, wonach die "Arbeit an die Macht kommen" müsse und "die Müßiggänger" beiseite "gefegt" und der Staat zu einem Arbeiterstaat werden müsse. Den Texten von Marx ist das nicht zu entnehmen - im Gegenteil.
Die 3. Internationale bildete dann schließlich das Tribunal einer leninistischen Weltpolitik, die einen "antiimperialistischen Staat" gegründet hatte, der die "Weltrevolution" dadurch durchsetzen sollte, dass er die Zerschlagung bürgerlicher Staaten beförderte. So verstand sich die Sowjetmacht als Außenstelle einer Weltrevolution in einer Art Wächterfunktion über die Einigkeit des Proletariats, als politische Avantgarde seiner Weltherrschaft der Arbeiterklasse. Dem entgegen standen andere Weltenherrscher, die einen nationalen Arbeiterstaat durch Ausdehnung der eigenen Ressourcen befördern wollten. Der deutsche Faschismus hatte sich als kapitalförderliche Pervertierung sozialistischer Dogmatik auf den Kampf um Weltherrschaft eingeschossen und wurde hierdurch zum realen Gegner der Sowjetrepublik. Revolution war zu einem Begriff bewaffneter Auseinandersetzung geworden, die sich bis in den 2. Weltkrieg hinein internationalisierte und die hierin zögerlichen Kräfte wurden zu Feinden der Revolution, aus der "Wahrheitsfrage der Weltgeschichte" exkommuniziert. Die Maoisten überboten dies schließlich noch mit einer Massenanleitung zur wahren Geschichte der Menschheit, die durch eine Kultrurevolution auf den rechten Weg gebracht, zum neuen Menschsein erzogen und bei Missachtung auch durch Todesstrafe der "Menschheit entzogen werden sollte. Hier war Politik die Feudalmacht des Gleichschritts, die sich nur noch von Revisionisten bedroht fühlte.

Die Geschichte des Marxismus erscheint in der Dichte dieser Zusammenfassung furchterregend. Die Furcht aber ist nicht dem Marxismus anzulasten, denn sie entspringt der Geschichte der Gegensätze, die er analysiert und auch in ihrem Verlauf vorausgesagt hatte. Er war und ist immer noch das einzige Bewusstsein, das auf der Höhe der Zeit sein könnte, wenn er sich seiner Probleme bewusst wird und sich daraus weiter entwickelt. Schließlich lassen sich diese Probleme auch begreifen und zu einem Teil dieses Bewusstseins machen. Sie rühren zum einen aus einer unvollständigen begrifflichen Auseinandersetzung her - zum Beispiel des Verhältnisses von Arbeit und Reichtum, Kritik und Politik, Gemeinwesen und Staat, Kultur und Kapital, politischer Avantgardismus und Antipolitik, Wille und Macht. Zum anderen kommen sie aus der hieraus entwickelten Zerstückelung des Marx’schen Gesamtwerks, dessen Grundlagen vor allem in der Arbeiterbewegung in Vergessenheit geraten sind. Hierdurch hatte es sich zum Teil mit entgegengesetzen Geisteshaltungen vermengt und paralysiert, wie es Marx schon in seiner Kritik des Gothaer Programms vorausgesehen hatte. Ohne den marxistischen Kontext voll und ganz durcharbeit und Marxismus in seinen wesentlichen Grundlagen begriffen zu haben, werden marxistische Aussagen schnell zu ihrem Gegenteil, zum Argument der Anpassung an eine Gesellschaftsdoktrin. Aber auch in der Marx’schen Theorie selbst gibt es einige Undeutlichkeiten, die neu überdacht werden und genauer unterschieden werden müssen.

Die Probleme des Marxismus waren schon auch Geburtsprobleme, die sich in der Beziehung der kultur- und philosophiekritischen Frühschriften zum Marxschen Hauptwerk, der Kritik der politischen Ökonomie, darstellen. Es ist zum einen der theoretische Bezug der subjektiven Seite des Marxismus in seiner Philosophiekritik zur Objektivität der wissenschaftliche Aufarbeitung menschlicher Lebensverhältnisse, zum anderen die praktische Politik als Kritik der bestehenden Verhältnisse in Beziehung zur unterstellten Subjektivität menschlicher Gesellschaft in einem real existierenden proletarischen Subjekt. Die Schwierigkeit, eine vollständige Gesellschaftskritik mit politischem Widerstand zu vereinen, war mit dem Begriff des Proletariats nicht aufgelöst. Ihm fehlten vor allem die lebendigen Substanzen der Reichtumsproduktion: Kultur und Gemeinwesen.

In dieser Schwierigkeit hat sich der Marxismus sukzessive selbst blockiert als Emanzipationsbewegung einerseits, wie sie im “Kommunistischen Manifest” begründet wurde, und als politisches Manifest andererseits, als Statut zur Politisierung der eigenen Position, wie sie der politische Kampf erforderte, das die unsäglichen Anpassungen an die politischen Notwendigkeiten der vorbestimmten Machtkämpfe erbrachte. Marx hatte in der Kritik der Grundlagen der SPD, dem Gothaer Programm von 1875, deutlich herausgearbeitet, dass die Politisierung der Arbeit die Form ist, worin sich die emanzipatorische Kraft einer gesellschaftlichen Widerstandsbewegung verliert - leider ohne auf den Mangel einer kulturkritischen Position ausführlich und explizit einzugehen.

Das Proletariat wurde in der Zeit nach Marx daher schnell zum Stellvertreter dieses Mangels und man verließ sich auf die vorhandenen Substanzen von Kultur und Gemeinwesen, wie sie der Kapitalismus entwickelt hatte, wie man zugleich deren Form kritisierte, ohne ihren Inhalt anders vertreten zu können, denn proletarisch, also als bloß klassenkämpferische Position, die sich als Träger der Weltgeschichte verstehen wollte. Und das genau wurden die Einfallschneisen bürgerlicher Selbstverständlichkeiten und Ermächtigungsinteressen. Das Kalkül einer Inbesitzübernahme bürgerlicher Staatsgewalt führte zur Katastrophe des Marxismus, dem Stalinismus.

Zwar besteht in der Abfolge von Früh- und Spätwerk von Marx ein durchgängiges Erkenntnisinteresse nach der Kritik der politischen Formationen von Wirtschaft, Kultur und Gemeinwesen der bürgerlichen Gesellschaft, jedoch hatte die Lebenszeit von Marx nicht ausgereicht, dies begrifflich vollständig auszuarbeiten. Weder eine in seinem Denken implizierte Staatstheorie noch eine entsprechende Kulturtheorie ist ausformuliert, immer aber implizit unterstellt. Der Mangel wurde zwar von anderen Theorieansätzen angegangen - leider aber nicht in selber Methode und gedanklicher Grundlage (z.B. als Staatstheorie Lenins, als Ästhetische Theorie Adornos und als Psychoanalyse W. Reichs), so dass sie durch Ontologien durchsetzt waren, die ihren praktischen Gehalt durchkreuzten und de facto zerstörten. Dies wurde selten grundsätzlich bedacht und oft zu leicht genommen (vergleiche Adornos kritisches Festhalten an den Grundlagen der Psychoananlyse in Form einer ontologischen Dialektik, die in seine „Negative Dialektik“ zu übersetzten suchte). Das Resultat ist verheerend. Deshalb will diese Auflistung der Probleme des Marxismus besonders auf diese Vermengungen hinweisen und ihre Problematik im Zusammenhang der Marx-Rezeption vergegenwärtigen.

Hierfür habe ich 13 Positionen hiervon herausgegriffen, in welchen sich die Vermengungen bürgerlicher Selbstverständlichkeiten mit marxistischen Inhalten zeigen lassen, um damit eine Diskussion hierüber zu initiieren bzw. am Leben zu halten, die wesentlich mehr erbringt, als nur die Abweisung von Fehlern. Das muss zugleich auch die Kritik einer Diskussion sein, in der marxistische Begrifflichkeit dahin verkommen war, Marxismus von seiner wesentlichen Grundlage, der Bedeutung der Arbeit und Technik im Menschwerdungsprozess des Menschen abzuspalten und deren Resultate unter der Marke „Postmarxismus“ allein als eine Kritik der „Fetischisierung“ des Bewusstseins zu betreiben. Marx hat durchaus die Grundlagen für ein konsistentes Bewusstsein unserer Zeit erarbeitet. In der Diskussion der Fehlinterpretationen soll dies hier herausgestellt werden, indem ihr subjektiver Kern als Quelle eines Selbstwiderspruchs aufgelöst wird.

 

1. Ökonomie und Kultur oder die Nützlichkeit der Dinge und ihr Sinn

Innerhalb der Rezeption der ökonomischen Theorie zeigte sich der Mangel an theoretischer Vollständigkeit grundlegend fehlerhaft im Verhältnis zum Begriff von Arbeit und ihrer organischen Substanz, dem Gebrauchswert (), besonders im Begriff vom Proletariat ().

Im Gebrauchswert stellt sich Arbeit konkret dar. Aber der Gebrauchswert als Produkt nützlicher Arbeit stellt nur die ökonomische Form eines Gegenstands dar, welcher zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient. Die Arbeit, die ihn herstellt, bedeutet Aufwand, indem sie Stoffe und Eigenschaften eines Dings verändert, so dass es das Leben der Menschen befördert, ihre Bedürfnisse befriedigt und ihre Sinne bereichert. Arbeit erzeugt nicht nur Produkte, sondern menschliche Geschichte, sowohl von ihrer subjektiven Seite, indem sie menschliche Sinnbildung entwickelt und verwirklicht, wie auch objektiv, indem sich ihr Aufwand durch die Entwicklung der Produktionsmittel sukzessive verringert. In ihr prozessiert die Notwendigkeit wie die Freiheit menschlicher Lebensbereicherung und durch sie gestaltet sich menschliche Kultur als die Substanz des menschlichen Reichtums. Dieser aber ist nicht auf den bloßen Nutzen der Dinge beschränkt. Die Gebrauchsweise der Dinge, soweit sie für sich genommen und abgetrennt von ihrer Kultur betrachtet werden, weil und sofern sie hiervon auch abgetrennt sind, reflektiert dies als ökonomische Form darin, dass diese Dinge als Waren auf dem Markt zum Nutzen für menschliche Bedürfnisse da sind. Der Nutzen ist die Form, worin sich Bedürfnisse auf sinnliche Eigenschaften der Dinge beziehen. Und ein ausschließlich nützlicher Bezug ist alleine eine ökonomischen Reflexion einer menschlichen Beziehung zu Dingen überhaupt, vor allem zu den Dingen, die sie für sich erzeugt haben. Soweit sie für sich nur Nutzbarkeit erzeugen, reduzieren sie ihre Produktion auch nur auf eine, nämlich die ökonomische Seite menschlicher Arbeit. Diese aber ist weitaus vielfältiger und bildet nicht nur mannigfaltige Gebrauchsweisen sondern auch mannigfaltige Seinsweisen der Dinge aus

Im Gebrauchswert stellt sich der Sinn der Arbeit eben nur ökonomisch dar, nur als Nutzen, nicht als vollständige Lebensäußerung der Menschen, wie sie das Ding als Kulturgut enthält. Der Nutzen ist die Form einer Wirtschaftlichkeit, welche sowohl der Arbeit wie auch ihren Produkten zukommt. Wirtschaft ist die Methode, mit minimalem Aufwand optimalen Nutzen hervorzubringen. Hiernach werden die Dinge auch als Waren ökonomisch wertgeschätzt. Als Kulturgüter, wiewohl auch Waren, haben sie einen ganz anderen Bezug zu den Menschen (z.B. Authentizität, Wahrheit, Empfindung).
"Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert" (Marx, Kapital I). Für ein ökonomisches Ding reduziert sich die Beziehung der Menschen auf seine Nützlichkeit, also auf seine Brauchbarkeit und die Effizienz in seiner Herstellung. In der Abtrennung von seiner sonstigen Eigenschaftlichkeit begründet sich sein Bezug auf andere Dinge daher auch im Ausschluss der Dinge voneinander, in der bloßen Besonderheit des Nutzens als Teilprodukt nützlicher Arbeit, als Produkt der Arbeitsteilung in der Abtrennung und Ausschließlichkeit ihrer Nützlichkeit im einzelnen Ding. Dieses ist anderen Dingen in der Form des Nutzens darin gleich, als Produkt nützlicher menschlicher Arbeit zu existieren. Von da her ist es mit ihnen austauschbar, und daher verwirklicht der Gebrauchswert seine gesellschaftliche Form erst im Austausch mit anderen Gebrauchswerten. Schon im Bezug des Nutzens und der darin betriebenen Abtrennung der Eigenschaften der Dinge ist eine gesellschaftliche Beziehung im Tausch angelegt. Und darin haben die Dinge ihre Wertform.
Als Kulturgut ist ein Ding unmittelbar auch schön und sinnlich und bereichert menschliche Sinnlichkeit als menschliches Verhältnis im Reichtum ihrer Gegenstände, als sinnliche Lebensäußerung von und für Menschen. Der gesellschaftliche Inhalt der Arbeit ist also nicht nur nutzbringend, sondern verwirklicht auch Kultur, welche die Entwicklung menschlicher Sinnlichkeit als Entwicklungsstufe ihrer Produkte und Produktivkräfte ausmacht.
"Der Reichtum ... erscheint als eine ungeheuere Warensammlung" (Marx, Kapital I). Dass dieser Reichtum als etwas anderes erscheint, ergibt sich aus der ausschließlichen Gebrauchsbeziehung der Menschen zu den Dingen, in welcher sich menschliche Arbeitsteilung reflektiert. In der ökonomischen Form des Gebrauchswerts erscheinen die Dinge, welche den Reichtum ausmachen, schon in der Warenform und sind in dieser sein Element, Elementarform des bürgerlichen Reichtums. Von da her sind sie zwar Träger des Reichtums, aber zugleich eine nur reduzierte Form desselben. Ihre vielfältige Sinnbeziehung ist die Potenz, worin sich diese Form erübrigt. Die Überwindung der kapitalistischen Produktionsform begründet sich somit aus dem sinnlichen Verlangen nach einem gesellschaftlich wirklichen Zusammenhang der Menschen, nach der Aufhebung von Arbeitsteilung und Warenbeziehungen, damit letztlich nach Aufhebung der Klassenverhältnisse, dem Nutzungsverhältnis menschlicher Arbeitskraft.
Davon war auch Marx ausgegangen, der die Menschheitsgeschichte als Geschichte ihrer Reichtumsproduktion begriff, als "Bildungsgeschichte der menschlichen Sinne" (Marx in den Philosophisch-Ökonomischen Manuskripten) und öfter darauf hinwies, dass andere Wissenschaften hierauf eingehen müssen (z.B. die Warenkunde). Aber weil dieser Reichtum in der "hier zu betrachtenden Gesellschaftsform"(Marx, Kapital I) als Warensammlung erscheint, war bedeutet, dass diese Form der Ökonomie die grundlegende Wissenschaft ist, welche heute vom Standpunkt menschlicher Sinnbildung als Zustand menschlicher Geschichte zu betrachten ist. Die Untersuchung einer Warensammlung, worin gesellschaftlicher Reichtum erscheint, macht Ökonomie zur formellen Grundlage der menschlichen Geschichte, Kulturbildung bleibt ihr Sinn.

Gebrauchswerte standen in der Marx-Rezeption fast immer für die unmittelbar vollständige und subjektive Substanz der Waren, oft gleichgesetzt mit ihrer organischen Naturalform, der unmittelbaren Lebensform des menschlichen Reichtums, menschliche Subjektivität schlechthin. Von Marx aber werden sie lediglich als Form der Nützlichkeit () von Dingen begriffen, wie sie in der Ökonomie, der Lehre vom Wirtschaften, vorkommen. Zwar besteht darin eine subjektive Beziehung auf die Bedürfnisse von Menschen; die macht aber nicht die Beziehung menschlicher, d.h. gesellschaftlicher Subjektivität aus, ist nicht deren Ausdruck und Verwirklichung.

"Was ist "nutzbringende" Arbeit? Doch nur die Arbeit, die den bezweckten Nutzeffekt hervorbringt. Ein Wilder - und der Mensch ist ein Wilder nachdem er aufgehört hat, Affe zu sein - der ein Tier mit einem Stein erlegt, der Früchte sammelt etc., verrichtet "nutzbringende" Arbeit." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms)

Die beschränkte und formale Subjektivität von Nutzen kann nicht menschliche Emanzipation () beinhalten, weil sie nicht Lebensäußerung, sondern nur den Gebrauch derselben, also deren konservatives Element ist (siehe hierzu "Die Ware" im Kapital von Marx). Es kann also der Gebrauchswert nicht über das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft hinausweisen und von daher auch keine Grundlage für gesellschaftliche Veränderung sein. Dasselbe gilt für die Substanz nützlicher Arbeit, also der Tätigkeit in der Herstellung von nützlichen Produkten, nutzbringende Tätigkeit. Von daher hat auch die Arbeit oder der Arbeiter und die Arbeiterin keinerlei gesellschaftstranszendente Bestimmung. Diese hat nur der gesellschaftliche Reichtum als ganzes Produkt des gesellschaftlichen Zusammenwirkens der Menschen, welches sich aus der Arbeitsteilung aller produktiven Kräfte heraus im Sozialprodukt zusammenfügt (das sind z.B. geistige, körperliche, technische, kulturelle, wissenschaftliche Tätigkeiten), auch wenn dies nur warenförmig, und also nur abstrakt gesellschaftlich existiert. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang macht den Ausgang der marx'schen Theorie aus (vergl. Pfreundschuh 1976: "Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft"). In der Arbeitsform, wie sie durch die Ware bestimmt ist, drückt sich das Leiden der Menschen an ihrer Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft aus. Ihre Emanzipation aber besteht darin, deren Borniertheit abzustreifen, indem ihre gesellschaftliche Potenzen in der Erzeugung gesellschaftlichen Reichtums wahr gemacht werden, ihr Sinn als gesellschaftliche Produktivität menschlicher Sinnlichkeit wirksam wird, oder kurz: indem ihre private Form als Kapital aufgehoben und der damit formierte Reichtum vergesellschaftet wird. Das aber darf und kann keine Parteinahme und keine Verstaatlichung sein

Die Probleme, die entstehen, wenn die Nützlichkeit der Dinge zugleich als Grundlage menschlicher Subjektivität verstanden wird und nicht als deren formelle Bedingung, zeigten sich vor allem in der Arbeiterbewegung. Der Arbeitsbegriff wurde dort bald von seinem emanzipatorischen Gehalt als Entwicklungsbegriff menschlicher Sinnlichkeit, als Aufwendung zur Herstellung von menschlichen Reichtum, abgelöst und idealisiert zu einem Begriff des Selbstbewusstseins nutzbringender Tätigkeit gegen die unnützige Arbeit und Nichtarbeit mit impliziter Ausgrenzung der Arbeitsreserven (Arbeitslose), der Randgruppen und der Kulturarbeit (hiergegen Oskar Wilde: "Kunst kann nicht nützlich sein"). So wurde schon früh die Kritik der politischen Ökonomie gewendet zu einem ökonomischen Selbstverständnis der Arbeit, das sich fraglos, also unkritisch aller sie bildenden und bedürfenden gesellschaftlichen Wirklichkeit überhob und sich selbst schon als Wahrhaftigkeit einer zukünftigen Gesellschaft ansah, die allerdings nichts anderes war als die gegenwärtige: Die Arbeit verlor hierin ihre wirkliche Subjektivität, ihre Gestaltungstätigkeit und kulturelle Bildung und Ausbildung und wurde somit völlig sinnentleert begriffen als Arbeit, welche endlich als bloße Nutzbringung zu verwirklichen sei in einer Gesellschaft um der Arbeit willen und somit den Menschen geboten ist, zu arbeiten, um der Gesellschaft zu nützen.

"Schöner Schluß! Wenn die nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Arbeitsertrag der Gesellscaft - und kommt dem einzelnen Arbeiter davon nur soviel zu, als nicht nötig ist, um die "Bedingung" der Arbeit, die Gesellschaft, zu erhalten." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms)

2. Arbeit und Kapital als Personifikationen nützlicher und unnützer Tätigkeit

Mit dieser Verselbständigung war Kapitalismus nicht als widersprüchliche Form einer Reichtum schaffenden Gesellschaft begriffen, sondern wurde inhaltlich zu einem Verhältnis von nützlicher und unnützer Tätigkeit ("Die Müßiggänger schafft beiseite", aus der Internationalen). Dies verkennt den Charakter kapitalistischer Produktion als Reichtumsproduktion, die sowohl Nutzen als einzelnen Gebrauchswert wie auch dessen Allgemeinheit als gesellschaftliches Verhältnis in der Warenbeziehung, allgemein in der Geldform produziert und reproduziert. Geld und Kapital stellen einen allgemeinen Zusammenhang der ansonsten völlig getrennten Nützlichkeiten dar, sind also nicht unnütz, sondern Formen gesellschaftlichen Nutzens, die nur deshalb voneinander getrennt sind, weil Nutzen in der privaten Einzelheit der Ware eben auch nur einzeln, also für bedürftige Individuen existiert, Geld hingegen nur allgemein und abstrakt gesellschaftlich als Nutzen für den Austausch, als Tauschmittel, als Maß der Werte und Maßstab der Preise. Kapital vereint das Getrennte als eine Beziehung von nützlicher Arbeit und nützlichen Produkten, als produktive Konsumtion nützlicher Tätigkeit, die sich zu einem über die Gesellschaft erhabenen Eigennutzen des Kapitals akkumuliert. Nur hierdurch kann dieses zu einer Institution zu einer Kommando- und Organisationsfunktion über den gesamten Prozess der Produktion und Reproduktion werden. All dies ist nicht unnütz, wenn auch nicht immer unmittelbar alles dem einzelnen Menschen dienlich ist. Es ist lediglich der Unterschied von einzelner Besitzform und deren Allgemeinheit, die dem Einzelwesen aufstößt, wenn es seinen Nutzen verallgemeinert haben will, um sich als Allgemeinmensch, zu einem Allgemeinego zu verwirklichen, dort aber immer schon Kapital als solches Ego antrifft und dieses darum beneidet. Dieser Allgemeinmensch kann je eben nicht privat sein, weil er darin untergeht. In Privatform wird er immer Kapital sein, das ja nur als tote Arbeit exisiert und also abgetötete Gesellschaft enthält. Gesellschaft ist etwas anderes, erscheint als Kultur, in welcher der Nutzen nicht aufgehen kann, welche aber die Sinnbildung der Menschen als Zusammenkommen von Menschen darstellt, die noch keine ihnen adäquate Gesellschaftsform haben, diese daher auch nur in abstrakten Formen ihrer Sinnlichkeit finden, in abstrakt menschlicher Sinnlichkeit, in welcher sie sich in Gesellschaft glauben (z.B. als Religion, Körperfetischismus, Kult).

Diese Form der Kultur wurde von Marxisten bisher weitgehend unterschätzt als menschliche Notwendigkeit, in irgendeiner Form auf sich zurückzukommen als gesellschaftliches Wesen, das in der Ökonomie nur seine bornierte Einzelheit, seine isolierte Borniertheit erkennen kann. Die mit der Auftrennung der Gesellschaft in eine ökonomische und eine kulturelle Tatsache des Kapitalismus verbundene Gleichzeitigkeit von Ökonomie und Kultur wurde von Marxisten völlig falsch als Beziehung von Sein und Bewusstsein hierarchisiert und in die Menschen als Träger der nützlichen Arbeit als ökonomische Basis einerseits und der Kultur der Menschen als deren Überbau andererseits verlegt. Dies denunzierte ein schon vorhandenes gesellschaftliches Ganzes von Arbeit und Kultur, dessen Getrenntheit als Widerspruch bürgerlicher Lebensverhältnisse zu begreifen wäre, als eine Beziehung zwischen Wahrheit und Täuschung über den Gehalt der Arbeit. Kultur wurde so zur bloßen Widerspiegelung der gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse in einer falschen Form, bestenfalls als Spiel derer Interpretation oder aber auch direkt als manipulatives und suggestives Arrangement des Kapitals begriffen. Arbeit wurde damit zur Persönlichkeit eines rechtschaffenden Lebens einerseits, welcher die Dekadenz des Betrugs auf der anderen gegenübersteht als bürgerliche Kultur.

Kultur galt demnach nicht mehr als Form menschlicher Sinnlichkeit, sondern als Scheinwelt unnützer Sinne, welcher vor allem das Bürgertum frönt. Kultur wurde nicht als eine gesellschaftliche Form menschlicher Rückbesinnung, sondern nur als Hochkultur begriffen und damit zum Himmel bürgerlicher Dekandenz, dem lediglich proletarische Kultur entgegenzusetzen sei. So wurde Kulturkritik selbst proletarisiert, zum existenziellen Ernst der Ökonomie gewendet - der allerdings weder mit Kultur, noch mit Kritik zu tun hatte, sondern schon durch proletarisches Engagement mit entsprechender Ideologiekritik abgewendet war. So wurde besonders für Intellektuelle, die sich ihrer Kultur zu entziehen suchten, weil sie zu deren Kritik nicht in der Lage waren, das Proletariat zur Kultstätte ihrer Selbstverwirklichung, die Kultur als solche zum Selbstbetrug des Bürgertums. Damit war eine gesellschaftliche Sinnfrage verworfen und mit einem völlig unsinnlichen politischen Gestus beantwortet.

Das Aufbegehren gegen diese Verhältnisse wurde damit in eine politische Begrifflichkeit gezwungen, die lediglich Vorstellungen einer fremden Lebenswelt transportierten und diese zu Stellvertretern eigener Artikulation machten. Das ließ den emanzipatorischen Gehalt des Widerstands, die Momente menschlicher Sinnbildung durch widerstehen gegen herrschende Formationen verkümmern und formalisierte gesellschaftliche Veränderung zum Aufstand einer personifizierten Lohnarbeit gegen die Personifikationen des Kapitals. Solcher Aufstand stand nicht mehr in einer Geschichte voller Klassenkämpfe, welche zu einer klassenlosen Gesellschaft trieb (so die Grundlage des historischen Materialismus), sondern wurde gleichbedeutend mit dem Apostolat einer Endlösung der Klassenkämpfe durch die unendliche Verwirklichung von Arbeit, zum Begriff eines Heilsprinzips. Das Subjekt dieser Gesellschaft, Reichtum bildende Menschen aller Art, wurde so zum Werkzeug eines objektivierten Geschichtsverständnisses und wesentlich reduziert auf ihre Objekthaftigkeit, auf Arbeit als Kraftaufwand, wie sie in der bestehenden Gesellschaft bestimmt ist. Damit wurde Widerstand und Veränderung im Grund zu einer Farce sublimer Anpassung als Romanze eines Klassenbegriffs unterdrückter Sinnlichkeit.

Arbeit war hierdurch nicht mehr als notwendiger Aufwand in der Entwicklung menschlicher Geschichte, in der Bildung von Reichtum als menschliche Kultur angesehen, sondern dem Wirkungspotenzial einer bestimmten Bevölkerungsschicht zugeschrieben, den körperlich arbeitenden Menschen und der praktischen Intelligenz. Arbeit in ihrer Reduktion auf ihren Nutzen galt somit per se antibürgerlich als Klasse, die in ihrem Nutzen nun auch kulturell als Gesellschaftkritik gegen das unnütze Kapital gestellt war. Dieser "Klassenbegriff" reduzierte die Wirklichkeit von Arbeit auf eine reine Körperform von Nützlichkeit und Gesellschaftskritik bestand demnach auch nur aus der Hervorkehrung dieses Nutzens als gesellschaftstranszendierendes Perpetuum Mobile, ewige Notwendigkeit menschlicher Gesellschaft, die sich in eigener Kraft beständig zu reproduzieren habe, Kreislauf von Natur und Mensch zu sein hat als klassenlose Friedensgemeinschaft mit überwundener Vergangenheit und ohne Zukunft. Damit war das marxistische Geschichtsverständnis der menschlichen Gesellschaft als Bildungsprozess menschlicher Sinnlichkeit verkehrt zu einer unendlichen Selbstbeziehung nützlicher Einvernahme produzierter Gegenstände und Ausscheidung ihrer Schlacken. Es ist dies die Idealbildung bürgerlicher Selbsterfahrung, wie sie z.B. im "Realsozialismus" des Ostblocks bis zum Erbrechen praktiziert wurde als substanzielles Bürgertum, das sich als überwundene Form der bürgerlichen Gesellschaft ausgab. Es war der totalisierte Selbstbetrug einer revisionistischen Marx-Rezeption, die auch heute noch in ähnlichen Variationen fortbesteht.
Die gesellschaftliche Klasse der Arbeiter war bei Marx überhaupt nur als eine der drei Klassen des Besitzstands (Arbeitskraft, Produktionsmittel, Boden und Ressourcen) begriffen, durch welche sich Kapitalismus reproduziert als Form der Selbstentfremdung des Menschen vom Menschen, von seiner Gattung und von seiner Tätigkeit. Der Aufhebungsprozess des Kapitalismus kann nicht durch die Verabsolutierung einer dieser Klassen geschehen, sondern nur durch die Aufhebung der Besitzverhältnisse überhaupt in menschliches, das ist individuelles wie gesellschaftliches Eigentum in einem wirklich kommunalen Verhältnis der Menschen.

3. Revolutionäre Politik als Politik der "wahren Arbeit" gegen falsches Bewusstsein

Marx hat in der Kritik des Gothaer Programms der (späteren) SPD die Rede von Arbeit als der wahren Quelle des Reichtums als bürgerliche Phrase vorgehalten, die letztlich Arbeit in den Dienst eines gesellschaftlichen Machtarrangement stellt:

"Jene Phrase findet sich in allen Kinderfibeln und ist insofern richtig, als unterstellt wird, daß die Arbeit mit den dazugehörigen Gegenständen und Mitteln vorgeht. Ein sozialistisches Programm darf aber solchen bürgerlichen Redensarten nicht erlauben, die Bedingungen zu verschweigen, die ihnen allein einen Sinn geben." ." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms)

Auch im Kapital geht Marx auf diese Problematik ein. Schon im ersten Satz des Kapitals schreibt er: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheuere Warensammlung" (siehe Marx, Kapital I). Reichtum hat also eine gesellschaftliche Form als Ware und in diese Ware geht Arbeit, wie eben auch vieles andere (z.B. Naturstoff, Kultur) ein. Die Bildung von Reichtum wird hier als Streben der ganzen Menschheitsgeschichte aufgegriffen, das mit der bürgerlichen Gesellschaft zur Warenförmigkeit geraten ist. Im Gothaer Programm wird dagegen Reichtum zu einer Naturalform der Arbeit und damit Arbeit zu dieser Geschichte selbst. Dort heißt es:

"Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbet nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern."

Dies ist das volle Gegenteil von dem, was Marx im Kapital schreibt. Im Programm der SPD wird Arbeit nicht mehr als Moment der Bildung von Reichtum aufgefasst, sondern als dessen ureigenste Quelle, aus welcher abzuleiten ist, dass Arbeit die wahre Grundlage der Gesellschaft sei und der Ertrag der Arbeit ein gesellschaftliches Machtpotenzial darstelle, der "allen Gesellschaftsgliedern" zuzuteilen wäre – wenn sie denn auch genügend arbeiten. Gesellschaft wird somit zu einem Subjekt der Arbeit, zur Verteilerin von Arbeit und deren Produkten – die Grundlage des "Realsozialismus". Und dagegen hatte sich Marx mit seiner Kritik an Lasalle 1875 vehement ausgesprochen:

"Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. ... Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbetskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben." ." (Marx in der Kritik des Gothaer Programms)

Solche Sklaverei wurde denn auch von den Sozialdemokraten als Selbstverwirklichung durch Arbeit verkauft. Indem auf diese Weise Arbeit zu einem rein politischen Begriff der Selbstverwirklichung wurde, war zugleich der Begriff der Arbeit naturalisiert zu deren Wahrheitsfrage, Arbeit zur Wahrheit der Selbstverwirklichung, zu einer Lebenshaltung.

Und wo Wahrheit zu einer Haltung wird, da entsteht der Kampf gegen das Falsche, die politische Moral, die Selbstbehauptung eines wahren Arbeiterbewusstseins gegen das falsche Bewusstsein des Bürgertums (Lukács). Indem die Natur der Arbeit mit ursprünglicher Lebenswahrheit gleichgesetzt war, ist sie einem "Überbau" ihrer Verfälschung unterworfen und wird nicht nur vom Kapital, sondern auch durch bürgerliche Kultur beherrscht. Indem auf diese Weise Arbeit als ein Seinsbegriff menschlicher Lebensbasis gegen die Kultur des Kapitals gerichtet war, wurde notwendig auch gesellschaftliche Veränderung zum Kraftakt proletarischer Selbstverwirklichung, zur Selbsterneuerung des Proleten im Kampf gegen die bürgerliche Kultur. Es ging damit nicht um einen Aufhebungsprozess des Kapitals als mächtige Wertmasse toter Arbeit durch die Vergesellschaftung lebendiger Arbeit und ihrer Produktionsmittel, sondern um die Vergesellschaftung des Proleten als Kultfigur der wahren Arbeit. Die gefesselte und der Verarmung ausgesetzte Arbeitskraft wurde damit zum Träger einer neuen Kultur, welche sich gegen die kulturelle und ideologische Verfälschung des Überbaus richtete. Klassenkampf war somit wesentlich Kulturkampf, der als existenznotwendiger Kampf ausgegeben wurde, bei dem es in Wirklichkeit aber um ein Erkenntnisproblem ging, um Wahrheit und Täuschung, das mit dem Kampf der wahren Arbeit gegen das Falsche, gegen die Täuschung der Kultur, gegen die Gewinnsucht des Kapitals überwunden sein sollte.

Die Wendung gegen objektive Gedankenformen, gegen Ideologie ist nötig, um sich der Affirmation der Gegebenheiten zu widersetzen, den Schein ihrer Natürlichkeit aufzulösen und objektive Gedankenformen durch das Bedenken scheinhafter Objektivität, durch subjektive Erkenntnis objektiver Verhältnisse zu überwinden. Dies verlangt eine erkennende Beziehung zur gegebenen Gegenständlichkeit, die durch ihre Wahrheitsbildung gegenständliche Resultate vorzuweisen hat. Mit einer vorausgesetzen "Grundwahrheit", die schon eine Verfälschungsmacht als Gegner der "Wahrheit" mit sich bringt, geht ein solcher Erkenntnisprozess unter und wird zur Doktrin. Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gerät zu einer notwendigen Selbstbestätigung, die sich nur damit beschäftigt, das mit der Doktrin ausgegrenzte Erkenntnisproblem zu beherrschen. Kulturkritik und Ideologiekritik erarbeiten sich keine wahren Aussagen mehr über ihren Gegenstand, sondern werden Selbstzweck, Kritizismus. Dies ist besonders undurchschaubar, wenn Ideologiekritik als Kulturkritik auftritt.

Politische Moral ist nicht nur reaktionär. Sie ist gnadenlos und befördert anstelle einer Analyse der ökonomischen und kulturellen Wirklichkeit vor allem Misstrauen und Selbstmisstrauen, das in politischer Argumentation nach außen gewendet wird, die als Politizismus in jeder Variante sich mächtig machen muss und sich als ein unendlicher Richtungsstreit der Linken, als unaufhaltsamer Kreislauf sich ausschließender Positionen ohne Vermittlung verwirklicht. Anstatt Wissen über darin vermittelte Gewissheiten über die Zusammenhänge der objektiven Vermittlungen zu bilden, wird Wissen an sich zur unmittelbaren Selbstgewissheit einer politischen Haltung, zur Streitfrage eines Misstrauens von unvermittelten Menschen, die sich subjektiv vollständig ausschließen, weil sie sich mit ihrem Wissen als Vernunft politischen Handelns, als "politischer Wille der Wahrheit" zu objektivieren suchen.

Revolution ist Selbsterneuerung. Unter dem Diktat ihrer blanken Politisierung wurde sie zu einem Projekt der Aufklärung, einer Sache allerhöchster Moral und Vernunft. Die Bekämpfung der Kulturträger als Agenten der Täuschung und der Ideologie konnte sich daher auch im Richtungsstreit der Linken fortsetzen als endloses Vorhalten revolutionärer Identität. Dem ideologischen Charakter solcher Vorhaltungen verschließt sich Aufklärung per Definition als Vernunft ihrer Selbstbeteuerung materieller Wahrheit durch eine revolutionäre Ontologie (vergl. hierzu auch die aufklärerischen Massaker der chinesische Kulturrevolution und die kulturellen Verwüstungen durch den Stalinismus). Marxismus verkam darin zur Legitimation von Mord und Totschlag.

Die Grundlagen hierfür war die Moral der Wahrheitskämpfer, die im Vorwurf des Missbrauchs der Arbeitskraft sich aufzurichten verstanden und deshalb die schlecht gebrauchte Arbeitskraft in eine gut gebrauchte tauschen wollten und also für eine gute Arbeitsbedingung sich hierfür stark machten - wie das eigentlich schon der "weiße Sozialismus" des Henry Ford längst umgesetzt hatte. Als politisierte Wahrheitsfrage interessierte dies jedoch wenig, denn es ging dabei um eine Arbeitskultur dieser Kraft, welche die bürgerliche Kultur zu ersetzen hatte. Klar, dass die sich natürlich auch aus der Wirtschaftsleistung der Arbeit, aus ihrer nützlichen Wirkung für eine abstrakt verbleibende Gesellschaft begründete. Nach diesem Verständnis wird Arbeit in der Getrenntheit von ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit, von der Welt ihrer Produkte, fortbestimmt. Das unterscheidet sich kaum von der bestehenden Bestimmung der Arbeit durch das Kapital, das ja diese abstrakte Gesellschaftlichkeit verkörpert. Einzig im Begriff des Missbrauchs der Arbeiter und Arbeiterinnen (gemeint war Ausbeutung) unterschied sich solche Marx-Interpretation vom bürgerlichen Verständnis von Ökonomie, das allerdings den Vorzug hatte, mit der Wertförmigkeit der Arbeit ihre Ausbeutung legitimieren und ihren Missbrauch wirklich ausschließen zu können, denn Ausbeutung war lediglich Nutzung der Arbeitskraft als gesellschaftlich notwendige Wirtschaftskraft zur Herstellung eines Mehrprodukts, auch wenn es als Mehrwert in privater Hand bleibt. Wenn "Sozialisten" dieses Mehrprodukt aber in der Hand eines gesellschaftlichen Subjekts der "wahren Arbeit", als proletarischen Staat haben wollen, dann wollen sie nicht nur Macht als Besitz, sondern Macht als gesellschaftliche Übermacht, als Diktatur. Und so wurde die "Diktatur des Proletariats" ja dann auch verstanden. Kein Wunder, dass Hitler und Stalin sich doch auch ganz gut über den Rest der Welt verständigen konnten.

Marxismus als Theorie der Emanzipation des Menschen von seiner Entfremdung war darin zu einer Machtfantasie von einem Staat als "wahre" Institution der Arbeit verkommen, die aus der Nützlichkeit der Arbeit, aus ihrer Wirtschaftskraft nicht nur eine Aneignungsmacht des Kapitals schaffen wollte, sondern ein kollektives Machtsubjekt als Arbeiterpartei.

Der Marxismus hatte sich darin vollständig verloren. Nicht der Widerspruch der nützlichen Arbeit zwischen ihrer Privatform als lebendige Arbeitskraft und ihrer toten gesellschaftlichen Existenz als Kapital war somit tragend für eine emanzipatorische Bewegung zu einer lebendigen Gesellschaft. Es wurde umgekehrt die sogenannte Wirtschaftskraft der Arbeit, die sich im Selbstbewusstsein lohnabhängiger Menschen als kulturelle Reserve kollektiver Selbstbehauptung eingeschlichen hatte, zu einem kollektiven Subjekt, das sich leicht auch mit einem nationalen Charakter versehen lässt. Die "wahre Arbeit" war der Totschlag des Marxismus, die ihn zu einer Gesinnung, quasi als Kulturtheorie versteinerte. Der Marxismus-Leninismus wurde von dieser kulturellen Seite her von einem verhängnisvollen Fehler getragen.

Nach diesem Kulturverständnis bedarf es einzig einer Gewaltformation, welche den Missbrauch der Arbeit durch Ausbeutung der Arbeitskräfte kalt stellen und ihre Agenten zur Arbeit zwingen müsse: Revolutionäre Gewalt. Damit war die marxistische Position im politischen Kampf um die Länge des Arbeitstages gegen die Politik des Kapitals in eine militärische Option gewendet und verselbständigt. Solche Politik kann sich auch nur als militante Gewalt durchsetzen, die sich als Verteidigung der Missbrauchten ausgibt, während sie selbst nichts anderes als Staatsgewalt sein will.

 

4. Geschichte und Begrifflichkeit der Klassengegensätze

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" (Marx/Engels, Kommunistisches Manifest). Es handelt sich hierbei um Herrschafts-/Knechtschaftsverhältnisse, welche die Geschichtsepochen der gesellschaftlichen Produktionsformen und ihrer Produktivität als Verhältnisse von Subjekten und Objekten ihrer Reichtumsproduktion bestimmt hatten. Klassenkämpfe waren die "Lokomotiven der Geschichte" (Marx), die mit der bürgerlichen Gesellschaft an die Schwelle zu einer Gesellschaft geraten ist, in welcher Klassenkämpfe nicht mehr nötig sind, weil die Produktivkräfte der Arbeit einen Entwicklungsstand erreicht haben, welcher deren körperlichen und materiellen Kraftaufwand minimiert und sich daher eine Gesellschaft bilden kann, worin alle Menschen in gleichem Interesse sich zu ihrer einzelnen und gesellschaftlichen Lebensproduktion verhalten können, Klassenkampf also widersinnig ist.

Da sich die Entwicklung der Produktivität in der bürgerlichen Gesellschaft selbst schon dahin entwickelt, dass Klassen ökonomisch unsinnig werden, ist das Insistieren des Kapitals auf die private Aneignung des Mehrprodukts nur noch durch einen politischen Machtanspruch getragen und besteht als Machtfrage der politischen Verfügung über die Mittel der Produktion und des Staates. Der Klassenkampf wird von daher zu einer politischen Realität, durch welche die Fortentwicklung der menschlichen Reichtumsproduktion aufgehalten wird, er wird anachronistisch.

Die gesellschaftlichen Klassen bestehen in der bürgerlichen Gesellschaft als widersprüchliche Besitzverhältnisse zwischen Arbeit, Grund und Produktionsmittel in der Form von Besitzer der Arbeitskraft, Besitzer der Produktionsmittel und Besitzer von Boden und Lizenzen. Die Krisen dieser Besitzverhältnisse offenbaren in ihren Disfunktionen für die gesellschaftliche Selbsterhaltung und Entwicklung ihren Anachronismus und verlangen zu ihrer endgültigen Bewältigung deren Auflösung. Die private Form der gesellschaftlichen Entwicklung widerspricht ihr selbst und wird zu ihrem Hemmschuh. Objektiv entsteht in dieser Gesellschaftsform also selbst schon die Notwendigkeit, die Formen des Privatbesitzes aufzuheben, um aus der Wertproduktion, welche zu einer immer größeren existenziellen Krise durch die Verselbständigung und die Entwertung des Werts führt, zu einer wirklich gesellschaftlichen Entwicklung des menschlichen Reichtums überzugehen.

Werden die Klassenkämpfe nicht im Prozess des Untergangs der bürgerlichen Gesellschaft begriffen, als sich selbst aufhebende Wirklichkeit bürgerlicher Lebensverhältnisse, dann werden sie zu einem Wahn verselbständigten Kämpfertums. Sie sind die objektive Form eines Selbstwiderspruchs der bürgerlichen Gesellschaft, der auch objektiv zu einer Auflösung drängt. Die Subjekte müssen diesen Kampf austragen, zu Ende führen, nicht um die Klasse der Proleten zu stärken und zu verewigen, sondern zusammen mit allen anderen Klassen untergehen zu lassen. Wirklich subjektiv ist in diesem Untergang allein der Bildungsprozess einer klassenlosen Gesellschaft, eines gesellschaftlichen Menschen, der mit sich eins in seiner Gesellschaft ist.

Klassenkampf ist also der Prozess einer gesellschaftlichen Selbstaufhebung, in welchem die klassenkämpferischen Positionen für sich lediglich ihre Forderung im Erhalt dieser Gesellschaft formulieren, also auch Moment der Systemerhaltung sind, während in der Unmöglichkeit derer Verwirklichung sich die Unmöglichkeit einer Gesellschaft im Klassenkampf auftut. Mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten, sozialer Ausgleich usw. sind notwendige Forderungen, die eine quantitative Seite des Kampfs artikulieren, die aber zugleich durch die qualitativen Probleme der Verwertungslage beschränkt ist. Innerhalb der bornierten klassenkämpferischen Positionen, die ja auch nur die gegebenen Existenzformen (Lohn und Arbeitszeit) reflektieren, muss man sich daher immer wieder auf das gesellschaftlich Mögliche einigen - alles andere scheitert mit existenzieller Stringenz an den Lebensmöglichkeiten der Lohnabhängigen. Damit dienen die klassenkämpferische Positionen, sofern sie nicht die Unmöglichkeit ihrer Realisierung aufzeigen und damit auf eine andere Gesellschaftsform hinweisen, auch dem Erhalt dieser Gesellschaft. Mit der Erhaltung ihrer Formen, mit der Politik eines Klassenantagonismus wird kapitalistische Besitzmächtigkeit letztlich als bloße Frage der Existenzmöglichkeiten bestärkt. Damit wird keine menschliche Geschichte wirklich vorangebracht sondern aufgehalten, beherrscht und auf allen Seiten bis zur Selbstvernichtung der Menschheit brutalisiert.

Daher muss diese Gesellschaftsform als Ganze von den Menschen überwunden werden, will sie nicht an den Abstraktionen ihres Reichtums zugrunde gehen. Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft ist nichts anderes als die Aufhebung ihrer Klassen und die Verwirklichung ihres Zusammenhangs in menschlichem Reichtum und dessen Lebensvielfalt. Der Klassenkampf selbst kann also nur in seiner Aufhebung seine Wahrheit, seine Unnötigkeit erweisen – auch wenn er zunächst nur als Kampf besteht, bis er als Einsicht mit einem Bewusstsein in die Grundlagen menschlicher Gesellschaft mit der Begründung einer klassenlosen Gesellschaft endet. Soweit Marx grundlegend.

Nicht so Marxisten in der Ungeduld der Zeitgeschichte. Von ihnen wurde Klassenkampf nicht in der Notwendigkeit seiner Aufhebung, sondern - im Gegenteil - er selbst als gesellschaftsbildender Prozess verstanden, als Streben zum Sieg einer minder mächtigen Klasse, des Proletariats, über eine übermächtige Klasse, dem Kapital. Damit wird aber um Macht gekämpft und also eine neue mächtige und eine neue ohnmächtige Klasse geschaffen, also eigentlich nur ein neuer Besitzstand, ein neues Bürgertum, ein proletarisches. Das macht die Geschichte auf schlechte Art unendlich, zu einer Farce von einem "Sieg der Arbeiterklasse".

Dieser Prozess kann auch garnicht in einem "Sieg" enden; er ist lediglich die Wirklichkeit von gesellschaftlicher Macht und Ohnmacht der Menschen unter bürgerlicher Formbestimmung, die sich darin dann verewigt, wenn es Sieger gibt. Klassenkampf bedeutet zwar einen Fortschritt ohnmächtiger Menschen aus ihrer Ohnmacht heraus, nicht aber durch den Sieg über das Kapital, sondern durch dessen Aufhebung, durch die Vereinigung ihres menschlichen Potenzials mit dem Potenzial einer Gesellschaft, zur Verwirklichung eines menschlichen Lebenszusammenhangs. Darin wird das Proletariat in der Tat zur Sprengkraft, zum Zünder eines gesellschaftlichen Umsturzes im Aufhebungsprozess des Klassenkampfs. Die "Diktatur des Proletariats" war lediglich als Moment dieses Kampfes, als Kampfruf gegen die Diktatur der Bourgeoisie gemeint.

Wenn Klassenkampf als Begriff aus der Ebene der politischen Ökonomie zu einem antibürgerlichen Begriff gewendet wird, verkennt er seine Wirklichkeit, die nichts anderes als bürgerliche Lebensform ausdrückt. Die bürgerliche Gesellschaft ist eine Form von Klassenkampf, der nur in seiner Ideologie von Einigkeit und Recht und Freiheit aufgelöst erscheint. Aber diese Ideologie ist ja nur für eine Wirklichkeit nötig, in welcher Zwietracht, Unrecht und Gebundenheit tragend ist. Sie ist nichts anderes als die herrschende Ideologie eines Klassenkampfs der Gegensätze im Besitzverhältnis von Arbeitskraft und Produktivvermögen, der keinen Gewinner haben kann, sondern nur durch die Aufhebung dieser Verhältnisse überwunden wird. Wird Klassenkampf (Indexup2) nicht als Aufhebungsprozess einer Geschichtsepoche, sondern als Begriff eines Sieges der Ohnmächtigen über die Mächtigen verstanden, dann wird er unsinnig, weil er lediglich die Macht des Besitzes umkehrt, den neuen Mächtigen und Ohnmächtigen kürt und fortbestimmt. So verkehrt sich dann einfach das, was er erhellen soll, zu einer Kampfkultur. Damit wird die Vereinseitigung und Verelendung des Proletariats () selbst als revolutionär verstanden, zum kulturellen Maßstab einer revolutionären gesellschaftlichen Entwicklung einer künftigen Macht - man könnte fast mit Nietzsche sagen: Zur neuen Herrenrasse der Arbeit, die sich aus der Dekadenz des Kapitals erhebt. Die Vereinseitigung des Elends, das aus seiner Ohnmacht heraus dann als politischer Wille gegen die herrschende Politiuk auftritt, kann sich so auch nur in einer verselbständigten politischen Macht erfüllen, also letztlich die Übernahme der Staatsgewalt anstreben. Der "Neid auf das Bestehende" (Marx hierzu) wird so zu einer kultivierten Produktivkraft dieses Machtbedarfs, die sich revolutionär gibt, wiewohl sie im Grunde zutiefst reaktionär ist.

Durch die Abhebung von der Kritik der politischen Bestimmung der Arbeit durch das Kapital wurde der Begriff des Proletariats zu einem Kulturbegriff, zum Begriff des Lebensverhältnisses eines bestimmten Kreises "werktätiger Menschen". Ein solchermaßen proletarisierter Kulturkreis muss sich nicht mehr als Produkt des Kapitals erkennen, das die Menschen auf ihre Arbeitskraft reduziert, sondern wird zum Begriff einer natürlich scheinenden Lebensweise. In dieser Romanze gereicht er immer auch zur Selbstbegründung eines eigentlichen Menschsein, die wie ein natürlicher Anspruch auf eine eigene Wahrheit gegen die Scheinhaftigkeit des Seienden (Heidegger) gehalten wird. Von daher wurde "der Arbeiter" zum Synonym des sich selbst verwirklichenden Menschen, zum Kulturbegriff eines an und für sich selbst bestimmten Menschseins, zu dessen Kultfigur. Damit kann man viel machen, denn die Anwendung solcher von Formbestimmtheit abstrahierenden Begrifflichkeit ist unendlich. Kultur wird dabei zur Gesellschaft schlechthin, Kapital zum Kulturfeind als bloßes Feindbild, das unendlich viele Erscheinungsweisen haben kann und das man aus sich herauszusetzen hatte, aus seinen Lebenszielen und aus seiner Gesinnung. Es ist dies eine konstruierte Einheit von allgemeiner Selbstbezogenheit der eigenen Kultur als selbstverständliche Eigentlichkeit mit der Abweisung eines zum Kulturschädling gemachten Bürgertums, dessen Dekadenz durch eine Wahrheit eigener Art, durch die Reinheit der menschlichen Art, also mit Rassismus und Antisemitismus politisch gewendet wird.

Ein solcher Arbeitsbegriff ist ein Gesinnungsbegriff und kann auch leicht national verstanden werden, also Nationalkultur meinen, besonders, wenn diese als notleidend empfunden wird. Man musste dies dann nur aus der Enteignung einer ganzen Nation zu begründen verstehen (z.B. Versailler Vertrag) und kann damit leicht die Vorstellung von einem ausgeplünderten Volkskörper entwickeln, in welchem sich auch die Arbeiterschaft erkennen konnte. Ein solches Arbeits- und Kulturverständnis lag ganz im Sinne des politischen Kapitals, das aus seiner Krise in den 20ger Jahren nur durch völkisches Engagement für die Arbeit, durch Selbstausbeutung herauskommen konnte. Es unterstützte von daher die hieraus gewonnenen Begeisterung für nationalen Sozialismus. Der Volksbegriff wurde (schon lange vor Hitler) nationalisiert und umschrieb den Nationalstaat als Kulturstaat. Die so ausgestattete Naturalisierung des Staates wurde damit zu einer Staatskultur, die notwendig auf Rassismus gründete und Antisemitismus beförderte und diesen auch im Sinne seiner Staatsräson totalisierte, also zu einer ungeheuerlichen staatlichen Vernichtungstechnik brutalisierte.

5. Geschichtsdeterminismus als Avantgardismus des Proletariats

In Ostdeutschland wurde analog der Staaten des Ostens und unter deren Besatzungsmacht der Stalinismus zum "Realsozialismus gegen Faschismus und Krieg" fortentwickelt. Aus den Machtverhältnissen der Nachkriegszeit heraus wurde somit eine "Partei" unter Vorgabe eines "Übergangsstaates" zur Staatsmacht und Politik als Gewalt einer politischen "Avangarde des Proletariats", als Führungsmacht eines "Arbeiter- und Bauernstaates" installiert. Die theoretischen Grundlagen hierfür ergaben sich aus dem Verschnitt eines Marxismus, der schon von Lenin auf einen "politischen Machtanspruch des Proletariats" (in "Staat und Revolution") reduziert und in eine Theorie avantgardistischer revolutionärer Gewalt gewendet und von Stalin schließlich zur statischen Staatsgewalt einer Parteienbürokratie entwickelt worden war.

Die Begründung hierfür sah Lenin in der "geschichtlichen Aufgabe" des Proletariats, die er einigen Texten von Marx entnahm, worin der auf die Aufhebung der Geschichte der Klassenkämpfe reflektierte. Allerdings schrieb er darin von der Wendung der "Diktatur der Bourgoisie" in eine "Diktatur des Proletariats" als eine notwendige "Zwischenphase der Revolution", die solange währen müsse, bis der bürgerliche Staat "abgestorben" sei, weil in dem darin entstehenden Gemeinwesen jede politische Gewalt selbst unnötig wird.

"Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist." ("Elend der Philosophie", MEW 4, S. 181 f)
"Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, dass sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren.
Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte. ...
Die politische Herrschaft des Produzenten kann nicht bestehen neben der Verewigung seiner gesellschaftlichen Knechtschaft. Die Kommune sollte daher als Hebel dienen, um die ökonomischen Grundlagen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der Klassenherrschaft ruht.
Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine Klasseneigenschaft zu sein." (K. Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 342).

Das waren die Grundlagen bei Marx: Formulierung der Negation von Herrschaft. Von daher musste auch Politik sich gegen die Politik von Herrschaft richten und darin untergehen. So verstand Marx den seinerzeit schon bestehende Begriff von einer "Diktatur des Proletariats" und interpretierte ihn dahin, dass er eine politische Antwort auf die politische Diktatur des Kapitals sei als letzte Form von politischem Handeln, die schon dadurch nicht ohne Gewalt sein kann, dass sie sich gegen einen Willen richtet, der in die herrschenden ökonomischen Verhältnisse eingebracht ist als Wille der Herrschaft durch Besitz. Dieser Wille formuliert sich über das gesellschaftliches Vermögen hinweg nur durch die legislative, judikative und executive Gewalt des bürgerlichen Staates für die private Form dieses Vermögens im Besitz und will daher auch nur diese durchsetzen – und das ist letztlich Kapital. In diesem Gegensatz von Wille und Sein hat Marx aber diese quasi logisch notwendige Umkehr von Gewalt lediglich als ein Moment im Aufhebungsprozess des Gewaltverhältnisses reflektiert als eine in der bestehenden Gewalt begründete Gegengewalt, in einem Dreischritt im Übergang zu einer von politischer Gewalt befreiten Gesellschaft:

"Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet." (Marx in einem Brief an Weydemeyer 1852 MEW 28, S.507)

In einem Brief wird manches verkürzt und wo es ausführlicher beschrieben wird, liest es sich auch differenzierter. Dennoch hat Lenin vor allem diesen Brief für eine "dialektische Ableitung der notwendigen Vernichtung der Staatsmaschine" gehalten und für seine Schlussfolgerungen verwendet. Und in dieser Dichte und als "Dialektik" genommen ist das auf eine schlimme Weise falsch: Es entsteht eine deterministische Theorie revolutionärer Notwendigkeiten, die sich nicht mehr rückvermitteln muss auf die konkreten Verhältnisse einer bestimmten Produktionsweise. Und gerade darum war es Lenin auch in Russland gegangen. Die Theorie wurde als "Theorie einer Revolution" von ihrer praktischen Entstehung abgetrennt und als "Lehre" erhoben und verkauft.

Diese objektivistische und sehr mechanisierte "dialektische Theorie" der Aufhebung von Gewalt wird damit aber auch in sich unstimmig, weil darin lediglich Formationen in Beziehung gesetzt sind, die aus einander hervorgehen, also nur durch einander und durch sonst nichts bestehen: Die Diktatur des einen durch die Diktatur des anderen, der dessen Objekt war und Subjekt wird, indem er sich die herrschende Gewalt zum Objekt macht – ein Widersinn in sich: Wie kann herrschende Gewalt Objekt sein? Sie ist es nimmer, weil sie selbst nur aus herrschender Subjektivität besteht und schon dadurch zugrunde gegangen ist, dass sich das Beherrschte aufrichten kann, weil und sofern es die wesentliche Subjektivität eines Gemeinwesens ist und Gewaltanwendung höchstens aus Gründen der Verteidigung gegen formelle Gewalt nötig hat. Es handelt sich in dieser formellen "Dialektik" von der "Diktatur des Proletariats" um einen eindeutigen Denkfehler, der bei Marx am Rande und inmitten der Diskussionen seiner Zeit stand und mit der Diskussion um die "Pariser Kommune" auch korrigiert, zumindest darin relativiert wurde, dass die Unterdrückung der Unterdrücker unmöglich ist, weil etwas Unterdrücktes nicht zugleich Unterdrücker sein kann, also Unterdrückung darin selbst nichtig werden muss. (Ähnliches gilt übrigens auch für andere agitatorisch gemeinte Formalismen zur Umkehrung von Antagonismen wie z.B. die "Erziehung der Erzieher").

Dessen ungeachtet übernahm Lenin diesen Fehler, denn er brauchte ihn und entstellte ihn zudem noch zu einem Prinzip der Umkehr von Unterdrückung, so als sei eine andere Unterdrückung als die des politisch agierenden Kaptals geschichtlich nötig, also geschichtsnotwendig:

"Der Staat ist eine besondere Machtorganisation, eine Organisation der Gewalt zur Unterdrückung einer Klasse. Welche Klasse aber muß vom Proletariat unterdrückt werden? Natürlich nur die Ausbeuterklasse, d.h. die Bourgeoisie. Die Werktätigen brauchen den Staat nur, um den Widerstand der Ausbeuter niederzuhalten, aber dieses Niederhalten zu leiten, in die Tat umzusetzen ist allein das Proletariat imstande als die einzige konsequent revolutionäre Klasse, als einzige Klasse, die fähig ist, alle Werktätigen und Ausgebeuteten im Kampf gegen die Bourgeoisie, im Kampf um deren völlige Beseitigung zu vereinigen." (Lenin in "Staat und Revolution")

Die Inkonsistenz der Aussagen ist zwar folgerichtig, aber nur in der Fehlerhaftigkeit ihrer Begründung: Der Staat ist die Institution des besonderen Interesses des Kapitals, das sich allgemein gibt. Eigentlich geht es deshalb um die "Vernichtung des Staats" (Lenin). Aber die Ausgebeuteten brauchen ihn, diese "besondere Machtorganisation", um die Macht, den "Widerstand der Ausbeuter niederzuhalten". Was ist dann aber das besondere des Staats? Bloße Macht, die zur Macht der Arbeiterklasse werden kann? Ein Widerspruch in sich, wo diese doch schon selbst allgemein ist und von der "besonderen Macht" des Staats allgemein niedergehalten wird.

Mit der "sozialistischen Begründung" aus dem "proletarischen" Avantgardismus () einer Partei, die sich als Elite der Bevölkerung mit militärischer Gewalt intronisierte, entstand so ein besonders hinterhältiges Staatsmodell, das sich auch im Lauf seiner Geschichte und seines Versagens zunehmend militant gegen die Bevölkerung und deren Kultur durchsetzen musste. Fatal für den Marxismus war die Begründung eines solchen Systems mit der "Diktatur des Proletariats", einem Kampfbegriff, der im Kommunistischen Manifest - wenn auch in einem anderen Zusammenhang als dem der Staatsbildung - erwähnt ist. Der Bezug auf Marx wurde so zu einem wesentlichen propagandistischen Werkzeug eines "Kommunismus", der sich wesentlich im Widerspruch zum Marxismus befand und durch ihn einen fortdauernden proletarisierten Faschismus versteckte, indem er ihn zu einem Heilsbegriff verkehrte. Kommunismus, der für Marx ausdrücklich kein Ziel, kein Ideal und also auch kein Heil bedeuten konnte, sonderen lediglich Begriff für eine wirkliche Bewegung der Geschichte war, wie sie im historischen Materialismus formuliert ist, wurde so zur Ideologie seines Gegenteils, zum Legitimationsbegriff der Gesinnungsmacht einer Bürokratie der Staatsgewalt.

Dies war nur möglich durch einen Geschichtsrevisionismus, dem alle erkenntnistheoretischen Grundlagen des Marxismus entzogen und unterworfen wurden. Marxismus war zu einer Anwendungstheorie geworden, in welcher der Begriff einer sozialistischen Gesellschaft sich nicht mehr aus der geschichtlichen Entwicklung ergab und entfaltete, sondern apodiktisch definiert war und sich alle Geschichte hiernach, also nach den "Zielen des Sozialismus" zu richten hatte. Dies entsprach dem politischen Umgang mit Theorie überhaupt, wie ihn Marx ausführlich kritisiert hatte und überwunden wissen wollte als er schrieb: "Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten habe. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt." (MEW 3, S. 35)

Eine wirkliche Geschichte hat einen Begriff, der ihre Gründe benennt, sie aber nicht erfinden oder vorstellen muss. Wahrend Geschichte sich materialisiert entsteht ihr Begriff, ihre Epoche - und nicht umgekehrt. Ein Begriff macht keine Epoche, aber die Epoche hat einen Begriff. Geschichte ist zwar dialektisch, aber Dialektik macht keine Geschichte. In der Gleichsetzung und Austauschbarkeit von historischem () und dialektischem Materialismus () wurde ein dialektischer Objektivismus errichtet, welcher begriffliche und geschichtliche Entwicklung in eins setzte und damit ein determinierendes Geschichtsverständnis entwarf, das den avantgardistischen Heilsbegriff () der Politik legitimierte, das Sozialismus einforderte, um ihn nicht in seiner materiellen Geschichte zu entwickeln. Politik entspringt dann nicht mehr dem Bewusstsein als Wissen des Seienden, sie wird zur Tätigkeit einer Bewusstseinsmacht, die es bestimmen will, zu einem politischen Willen.

Geschichtliche Argumentation wird dann unmittelbar als begriffliche vorgetragen, als objektives Sollen einer Geschichtslogik, welcher die Menschen zu folgen hätten, anstatt dass ihre Notwendigkeiten hierdurch erklärt worden wären, also das ihnen Nötige gegen die Notwendigkeiten der Sachverhältnisse zu wenden waren. Was diese an Befreiungspotenzial für die Menschen enthielten (Z.B. Technologie der Arbeitserleichterung, Kommunikation, erweiterter Einfallsreichtum, Bedürfnisvielfalt usw.) wurde so zum Anpassungsargument an ihre geschichtliche Gegebenheit. Sozialistische Planwirtschaft wurde zum Parteikommando des geschichtlichen Sollens im "Selbstverwirklichungsprozess des Menschen schlechthin", der sich jede menschliche Individualität zu beugen hatte und Ideenwettbewerb ausschloss. Der Begriff der Gegebenheiten wurde also zum Gegenteil der Emanzipation, die er auftun sollte: Zur Objektivierung des Sachzwangs als Dienstleistungerfordernisse an die Notwendigkeiten der Geschichte, zum Anpassungsbegriff einer historizistischen Staatsbegründung.

 

6. Marxismus als Klassenstandpunkt und Staatsideologie

"Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat. ... Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft -, ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht 'abgeschafft', er stirbt ab." (Engels im "Anti-Dühring", "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft", MEW 20, S. 262)

Die Fixierung von Engels und Lenin auf den Staat wäre eigentlich unverständlich, wenn es nicht um das Problem der Macht und ihrer Mittel unter der Fragestellung ginge, wie Macht zu erwerben ist, um die Mächtigen ohnmächtig zu machen. Es geht also um das Festhalten an der Machtfrage, das hier sehr unsinnige Zusammenhänge entwickelt: Dadurch, dass das Proletariat sich die Staatsgewalt aneignet und die Produktionsmittel in Staatseigentum verwandelt, würde der Staat für einen Augenblick zu einem allgemeinen "Repräsentanten der ganzen Gesellschaft", macht ihn sogleich aber auch überflüssig, weil er zu einer Bürokratie wird, zu einer "Verwaltung von Sachen" und zur "Leitung von Produktionsprozessen". Der Staat wird also als Bürokrat zum sozialistischen Staat und hat die Macht des Bürokraten, welcher das Kapital ersetzt, weil er das Eigentum der Gesellschaft verwaltet. Aber weshalb soll hierbei der Staat "absterben". Ist schon diese Unbedachtheit sonderbar, so wird ihre Konsequenz zugleich ungeheuerlich: Der Staat, der nicht mehr wirklich Staat ist, aber als Bürokrat Staatsgewalt hat, soll von selbst zum Kommunismus führen, die Bürokraten also kommunistische Führer werden. Das hat man erlebt: Es wurde der Führerstaat verselbständigter Staatsgewalt als kommunistische Partei, welche sich alleine durch ihre Gesinnung staatsmächtig erhalten ließ und daher auch eine Gesinnungskultur nötig hatte, eine Staatsideologie der politischen Macht.

Ein solcher Kommunismusbegriff wurde zur Ideologie einer Staatsgewalt, die sich zunehmend gegen ihre eigene Wirklichkeit wenden musste, weil die gesellschaftliche Produktion zu einer Produktion durch den Staat und vermittels seiner Macht verkehrt wurde. Indem sie diese Variante von Volkswirtschaft zu einer Wirtschaft des Volks idealisierte, sanktionierte und kontrollierte sie deren Arbeit und befahlt die nötige Arbeitszeit (5-Jahreplan) nach Maßgabe der staatpolitisch umformulierten Politik des Kapitals, der politisch begründeten Akkumulation der Arbeit durch Aneignung menschlicher Arbeitskraft. Solche Wirtschaftstheorie war damit Gesinnungstheorie eines Staatskapitalismus und als politisch begründeter Wille mit einer Geschichtsdetermination der "Selbstverwirklichung des Menschen" begründet - wie ehedem die "Herrenmenschen" á la Nietzsche (Indexup2). Solch ein objektiver Subjektivismus ist als avantgardistische Gesinnungstheorie immer die Grundlage zur Legitimation absoluter Staatsmacht, faschistische Selbstbegründung des Staats.

Die Hinterhältigkeit des Missbrauchs des Marxismus hierzu bestand darin, dass Bewusstsein sich nicht mehr wirklich als wissendes Sein beweisen musste, sondern aus der vorhandenen marxistischen Kritik von Politik nun in ihrer vollständigen Verkehrung als politische Metapher für Machtpolitik entlehnt wurde. Diese wurde hierdurch auch entsprecht vulgarisiert, besonders in der Verkehrung von der Kritik an der durchschnittsbildenden Macht des Werts (Marx) zur Verdurchschnittlichung des Menschen, der Einforderung nach der vollen Gültigkeit des Wertgesetzes, wonach Gerechtigkeit aus der Gleichsetzung der Menschen bestehen musste (siehe Wertauffassung der DKP und der DDR).

Der avantgardistische Moralismus des Parteistaatssozialismus vollzog sich in theoretischer Gestalt auch in politischen Theorien der westlichen Linken, teilweise als politische Theorie zum Aufbau einer proletarischen Partei, teilweise in der Ableitungslogik eines proletarischen Bewustseins für wissenschaftliche Grundlagen, wie sie die Widerspiegelungstheorie formulierte und damit wissenschaftliche Selbstverständigung verunmöglichte. Theoriebildung und Politik wurden damit auf eine "proletarische Position" reduziert und bezogen sich daher zunehmend nur noch auf die politische Bewegung selbst, wurden zu einer Frage linker Moral, dem bloßen Bekenntnis zum objektiv richtigen Menschsein im "Arbeiterbewusstsein". Damit war die Umkehrung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik vollzogen und die Kritik der politischen Ökonomie zur Ökonomisierung einer "Arbeiterpolitik" gewendet, die in der Arbeit selbst ihre Grundlage und ihren eigentlich "gesunden Gesellschaftskörper" sah. Wissenschaftlich und politisch abgeleitete Anforderungen wurden demnach zur Forderung nach einer funktionalen und gerechten Arbeitswelt, zu einer Perfektion des Arbeitsverhältnisses, wie es letztlich auch im Interesse der bestehenden Verhältnisse zwischen Arbeit und Konsum zu deren Optimierung liegt. Funktioniert dies, so funktioniert auch die Wertschöpfung.

Etwas versteckter war dieser Theorieansatz in strukturellen Theorien, welche Gesellschaft als eine äußere Form ihres Gegenstands, z.B. als eine Determinante hinzunahmen und Arbeit unmittelbar zu einer Wesengröße für Objektivität in ihrer Argumentation machten. Der abgetrennte Objektivismus bürgerlicher Begrifflichkeit und der ihrer Wissensbildung angepassten Methodik durchzog auf diese Weise - wenn auch mit einer anderen Fassade - die Theoriebildung linker Strukturalisten in Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften, die sich unter Berufung auf Resultate der Marx’schen Theorie per Definition als Kritiker bürgerlicher Lebensstrukturen ausgaben, ohne deren Dialektik überhaupt ausarbeiten zu müssen. Deren Resultate liegen heute als Regierungsformation vor, die zeigt, dass sie nichts anderes betreibt als das, was sie zu überwinden vorgegeben hatte. Neu ist lediglich, dass nun auch im Regierungslager und seiner Opposition mit Marx, Hegel und Berthold Brecht argumentiert wird, um die "Einsicht in die Notwendigkeit" (Hegel nach Schröder zitiert) in die Bevölkerung hinein zu vermitteln.

 

7. Der Arbeitskampf als Bündnis für Arbeit

Der deutsche Faschismus und seine Entstehung in den 20ger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte eine Blindheit für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse bei den politischen Bewegungen erwiesen, die sich losgelöst von den Notwendigkeiten der Ökonomie und Kultur begründet hatten. An der Frage des Faschismus hatte sich die Linke gespalten und aufgerieben. Es war nicht zu leugnen, dass die Marxisten keine substanziell adäquaten Aussagen gegen den aufkommenden Nationalsozialismus gemacht hatten, weil sich dieser als politisches Kulturphänomen vor ihnen aufgetürmt hatte, auf das sie nicht gefasst waren, dass sie keine adäuquate antifaschistische Bündispolitik zustande brachten, ein Teil der Arbeiterbewegung sogar dorthin überlief. Der Faschismus war eine Antwort auf die erstmals in der Geschichte wahr und total gewordene Selbstzerstörung des kapitalistischen Systems, die durch die systematische Vernichtung von Menschen "gelöst" werden sollte. Dies wurde weder in seiner Entstehtung noch danach von Marxisten wirklich begriffen und politisch beantwortet, weil es keine entsprechende Kulturtheorie gab. Die irrational scheinenden massenpsychologischen Phänomene blieben unerklärlich, und wurden bestenfalls mit bürgerlicher Methodik aufgefüllt (z.B. durch die triebökonomischen Theorieansätze von Wilhelm Reich oder der Todestriebtheorie von S. Freud) und damit implizit entsorgt. Eine wirkliche gesellschaftliche Überwindung des Faschismus kam nicht zustande, weil er nicht aus den Notwendigkeiten des bürgerlichen Besitzstands und dessen zwischenmenschlicher Realität heraus begriffen wurde - man hätte ganz gehörig bei sich aufräumen müssen. Doch dies blieb der nachfolgenden Generation vorbehalten, allerdings erst nach einer gründlichen Revision des Marxismus (siehe "8. Neomarxismus")

Mit der Befreiung der Deutschen durch die US-Army und dem von dort betriebenen Wiederaufbau war die deutsche Geschichte abgebrochen und westliches Kapital der Rettungsanker in der Desolation der Nachkriegsjahre - allerdings auch die Grundlage der Bildung eines kapitalistischen Westblocks. Allgemein wurde jetzt alles für einen "guten Kapitalismus" mit einer gutbürgerlichen Demokratie getan und behauptet, dass Faschismus damit nichts zu tun hätte und damit zu überwinden und zu verhindern wäre, vor allem durch die Stützung und Bestärkung des Individualismus. In der materiellen Wendung gegen den Nationalsozialismus und seine Folgen entwickelte sich in Westdeutschland vermittelst amerikanischer Finanzierung nach dem 2. Weltkrieg ein werktätiger Individualismus, der lediglich in Geld seine wirtschaftliche Basis haben konnte und darin auch gesellschaftliche Entwicklung suchte und seine gesellschaftliche Beziehung fand. Mit dem sozialpolitischen Trick des Adenauer'schen Verrentungsschlüssels wurde ein wesentlicher Kostenanteil der gesellschaftlichen Reproduktion, die Rente, auf die nachfolgende Generation abgewälzt und so konnte bald das "deutsche Wirtschaftswunder" brilieren. Die Gewerkschaften verpflichteten sich zum Friedensschluss mit dem Kapitalismus.

"Nie wieder Faschismus!" war gleichbedeutend mit "Wohlstand für alle" - und damit war Geld gemeint und Arbeit und Wideraufbau als dessen Quelle. Faschismus wurde als Politik der Proleten verstanden, als deren Massenhysterie, und daher sollte es auch wieder nur um die Sachlichkeit, um die sachliche Notwendigkeit, um die Politik der Sachzwänge gehen. Das wiedererstehende Kapital konnte sich nun einen antifaschistischen Mantel umhängen und dem amerikanischen Fordismus nacheifern. Menschlicher Reichtum wurde fortan fast ausschließlich in seiner Geldform verstanden und "sozialistische Politik" entsprechend im Lohnkampf begriffen.

Klassenkampf wurde zum Preiskampf, also zur Vertragsverhandlung über den Preis der Arbeit pro Wochenstunden. Je nach Lage der Produktiventwicklung wurden auch aus ideologischen Gründen (gegen den Ostsozialismus) relativ gute Abschlüsse für Wochenarbeitszeit und Lohn gemacht. Daraus folgte die Eingliederung der Gewerkschaften in das "Bündnis für Arbeit" und die Umkehrung von Arbeit als Reichtumsbildnerin zum reinen Subsistenzmittel, zur Geldbeschaffungstätigkeit, in welcher eine Interessensgleichheit von Lohnarbeit und Kapital gesetzt war. Entsprechend wurde auch die bürgerliche Kultur, die ihren Faschismus nicht begreifen wollte und konnte, geglättet und mit Wohlständigkeit übertüncht, damit ihr großes geschichtliches Loch nicht zum Vorschein kam.

Durch seine darauf folgende Wirkungslosigkeit in der Gewerkschafts-Bewegung veränderte sich auch der Marxismus selbst zu einer Gerechtigkeitsideologie. Auch ihm ging es nun vorwiegend um die Geldvertreilung, um den gerechten monetären Anteil der Arbeitskräfte am Bruttosozialprodukt. Das lag auch ganz im Interesse des Kapitals, das seine Produkte ja auch bestmöglich verkaufen wollte und Kaufkraft nötig hatte. Gewerkschaftsarbeit wurde zu einer Rechenaufgabe, an der sich auch die entsprechenden Wirtschaftswissenschafter auf allen Seiten beteiligten. Das später als Verhandlungsprinzip verkündete "Bündnis für Arbeit" war schon hier praktisch wirksam. Indes trieb hinter alle dem das Finanzkapital seine Finanzspekultionen auf alle Ebenen des Weltmarkts, entwickelte den globalisierten Kapitalismus, den totalen Kapitalismus, und hinterließ desolate, deregulierte und weitgehende privatisierte Nationalwirtschaften, in denen Gewerkschaften und Linkspopulisten sich um die Reste des Sozialprodukts kümmerten und mit den Herren der Deregulation stritten. Diese mussten sich einfach nur noch verhandlungsunfähig, weil gebunden und schuldpflichtig, also bankrott erklären, und schon war auch die ganze Verteilungsrationalität auf den Punkt gebracht. Unermüdliche Marxisten und Linke skandieren derweil immer noch unermüdlich "Es ist genug für alle da!" und wundern sich, dass sie niemand mehr ernst nimmt.

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