Wolfram Pfreundschuh (2/2020)

Linke Subjektkritik und ihr Absturz in die Reaktion

Weil Wertkritik den Wert der Geldverwertung als eine bloße Idee, als eine "Kopfgeburt" der bürgerlichen Subjekte begriffen haben will, geht es ihr auch hauptsächlich nur um Ideologie, die eben durch Ideologiekritik aufzuheben sei. So behauptet der wertkritische Ernst Lohoff und andere, dass es nur noch um eine "gesellschaftliche Emanzipation" gehen könne, die als das Interesse eines "politischen Subjekts" begriffen wird, das durch die Subjektkritik am bürgerlichen Individuum geschaffen und exerziert werden müsse. An der bisherigen Geschichte des Marxismus sei vor allem schon durch ihren Begründer falsch gewesen, dass der "Emanzipationstheoretiker Marx" sich von den Klassenvorstellungen eines politischen Volkswirtschaftlers als "Politökonom (!) des Klasseninteresses" nicht abgelöst habe. Als ob von ihm durch seine Analyse des Klassenverhältnisses in den drei Bänden das "Kapitals" der objektive Begriff der Klassen ganz unbegründet aus den Disziplinen der Nationalökonomie durchgereicht worden wäre, seien die Klassen, wie in der allgemeinen Trinitarische Formel beschrieben, eben keine objektive Darstellung der Verhältnisse eines kapitalistischen Verwertungszwangs, sondern nur als daran fixierte persönliche Interessen zu verstehen, die sich natürlich leicht durch die Einsicht in dessen Logik, durch die Vernunft dieser Einsicht in den bloßen Streit der Interessen im Kapitalismus, in die Interessenskonflikte der Persönlichkeiten seiner bürgerlichen Bevölkerung und ihrer Eliten dadurch aufheben ließen, dass Einsicht in ihre bornierte Interessenlage, in die Fixationen ihres Bewusstseins und ihrer Kultur, die "Kopfgeburt" aufgehoben und die Welt schon zu einer anderen werden würde. So behaupten es zumindest die Wortführer einer wertkritischen Gruppierung der Krisis Ernst Lohoff und Norbert Trenkle:

"Die drei Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft, Kapitalisten, Grundrentner und Lohnarbeiter, firmieren dort als »Personifikationen ökonomischer Kategorien«. Zwischen diesen beiden Momenten besteht insofern ein Spannungsverhältnis, als der Emanzipationstheoretiker Marx die Arbeiterklasse als eine das Kapitalverhältnis transzendierende Macht fasste, während der Politökonom das Klasseninteresse als ein rein immanentes behandelte. Als Personifikation der Ware Arbeitskraft hat die Arbeiterklasse nur das Interesse, ihre Ware zu günstigen Konditionen zu veräußern, also einen hohen Lohn zu erzielen und die Arbeitszeit zu begrenzen.

Marx verband diese auseinanderstrebenden Momente seines Klassenkonzepts mit der These, die Arbeiterklasse könne letztlich ihre Lage auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft nicht verbessern. Ausgerechnet die Besitzer der Schlüsselware des kapitalistischen Systems, der mehrwertschöpfenden Arbeitskraft, blieben von dessen Segnungen systematisch ausgeschlossen und das mache sie zur Mensch gewordenen Negation der kapitalistischen Ordnung und zum Träger der universellen Befreiung." (Ernst Lohoff in der Jungle World 7/ 2020)

Klassenkämpfe sind aber auch bis heute noch die stillen oder offenen Kämpfe um den Wert ihrer Existenz, um den Existenzwert der Menschen im Kapitalismus zwischen einer Klasse, die darin nichts zu verlieren hat, als ihre Ohnmacht, und der Klasse, die durch ihren Geldbesitz über deren Leben und Zukunft bestimmt. Sie waren für Marx kein Zukunftspriojekt sondern die alles bestimmenden Existenzformationen der Gegenwart, die am Arbeitsplatz, auf den Märkten und über die Kassen des Staates und der Banken überall ausgetragen werden, wo das Kapital die Lebensverhältnisse der Menschen zur Verwertung von Geld als Kapital, zur Produktion von Mehrwert an jedwedem Ort der Geldzirkulation bestimmt; - im Kapitalismus also, der nur durch eine klassenlose Gesellschaft im Prozess ihrer Bildung, in der Einheit der Subjektivierung objektiver Bedingungen durch Aneignung aufgehoben werden kann. Hierbei versteht es sich von Selbst, dass diejenigen, die das allgemeine und weltweite Kapitalverhältnis über ihr Einkommen, ihr Eigentum und über den Besitz von Eigentumstitel (Wertpapiere, Grundbesitz, Immobilien) für seine private Existenz unbeschadet und zu seiner Bereicherung nutzen können, daran nichts ändern wollen. Wer aber unter dem politischen Gewalt der Eigentumsverhältnisse im Räderwerk seiner alltäglichen Existenz zerrieben und in seiner Ohnmacht vertieft wird, wer also die Aufhebung des Kapitalismus existenziell nötig hat, wird sich nach wie vor "systemsprengend" verhalten und subversive Wege zu einer neuen Gesellschaft in der bestehenden Gesellschaftlichkeit der Menschen suchen. Hiervon haben sich die marxistische Linken enthoben, die in den Unis und Hochschulen sich ausbilden konnten und eine vorherrschende wissenschaftliche Vernunft erworben haben, inzwischen weitgehend entfernt. Wenn und weil ihre existenzielle Absicherung in einem weltmächtigen Land ihre Lebenserwartung und Lebensvorstellung, kurz: ihre politische Kultur, sich zu ihrem ganz persönlichen Selbstgefühl verfestigt hat. Und sie werden sich dieses nicht durch die Zumutungen einer aufgesetzten Ideologiekritik nehmen lassen.

Im Artikel des "Wertkritikers" Ernst Lohoff, der in der Jungle World 7/ 2020 unter dem redaktionellen Titel „Klasse statt Kuscheln“ erschienen ist, wird von Lohoff (und andernorts auch von Norbert Trenkle und anderen) diese objektive Ausgangslage zur Frage eines subjektiven Verhältnisses von Interessen verfälscht, indem sich die "Personifikationen des Kapitalismus" nurmehr theoretisch erkennen lassen und ebenso abgehoben auseinandersetzen. Da verbleibt die gesellschaftliche Ohnmacht der abhängigen Klassen, der Handlanger, Billiglöhner und Migranten lediglich als Produkt einer Geldverteilung, als Ungerechtigkeit ihres Einkommens vom Kuchen einer vorhandenen Geldmenge, die für den größten Teil der Bevölkerung immer wertloser wird, weil sie zu 90% nur noch aus Zahlungsversprechen und Kreditversicherungen eines fiktiven Kapitals besteht. Ganz am Ende der Geschichte gerät dann doch die Ernüchterung durch die Wahrnehmung der zerstörten gesellschaftlichen Grundlagen, der Natur und Kultur des gesellschaftlichen Zusammenhalts in das Blickfeld abstrakter Besorgnis. Und so kommt doch irgendwann der Substanzverlust des Lebens als Klimakatastrophe, als Krieg und Fluchtbewegungen und als Niedergag der repräsentativen Demokratie, usw. zur Sprache. Dies aber nicht im Begriff ihrer Gründe, sondern als Forderung nach einer Verteilungsgerechtigkeit des Geldes. Denn das ist ganz offensichtlich: Kapitalismus ist in seiner monetären Resultaten ungerecht, denn die Reichen werden immer reicher, während die Armen immer ärmer werden. Das bleibt ohne Frage und also auch ohne Frage nach ihrem Grund. Und so scheint es auch leicht, den Kapitalismus abzuschaffen, indem man den Armen das "Zuviel" des Geldes der Reichen einfach zuteilt und überweist. Es ist dieses Verhältnis hierzu so alt schon wie die SPD, wie es dereinst in etwa auch von Ferdinand Lassalle interpretiert wurde und in diesem Sinn zur Grundlage ihrer politischen Positionen gemacht worden war.

Marx hatte ihm geantwortet, indem er ihm den Widerspruch der behaupteten Verteilungsgerechtigkeit aufdeckte, durch den inzwischen die systemkritische Prägnanz der antikapitalistischen Bewegungen aufgelöst wurde, die eigentlich über die kapitalistische Mehrwertproduktion durch unbezahlte Arbeit aufklären sollten, um ihrer Profimaximierung entgegnen zu können:

"Um zu wissen, was man sich bei dieser Gelegenheit unter der Phrase "gerechte Verteilung" vorzustellen hat, müssen wir den ersten Paragraphen mit diesem zusammenhalten. Letzterer unterstellt eine Gesellschaft, worin "die Arbeitsmittel Gemeingut sind und die Gesamtarbeit genossenschaftlich geregelt ist", und aus dem ersten Paragraphen ersehn wir, daß "der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsmitgliedern gehört". "Allen Gesellschaftsgliedern"? Auch den nicht arbeitenden? Wo bleibt da "der unverkürzte Arbeitsertrag"? Nur den arbeitenden Gesellschaftsgliedern? Wo bleibt da "das gleiche Recht" aller Gesellschaftsglieder?" (Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 18).

Man kann sich über Marxismus erheben, schlau machen oder ihn als Versagen einer übermächtigen Theorie abtun. Dessen theoretische Grundlagen aber einfach zu verfälschen und dumm zu machen ist eine ungeheuerlich Dummheit des eigenen angeblich marxistischen Selbstverständnisses. Indem schon mit der "Weiterbildung" einer marxistischen Begrifflichkeit deren Objektivität schon als solche geleugnet wird, wird deren Subjektivität zerstört. Nur um sich selbst als politisches Subjekt einer systemkritischen Idealisierung durch die Anmaßungen eines poststrukturalistischen Verstandes zu verstehen, wird die eigene Unfähigkeit, marxistische Dialektik zu begreifen, zum Tummelplatz einer an sich beliebigen Argumentation. Wäre Klasse als das verstanden und weiter gedacht worden, was Marx mit den gegensinnigen Funktionen des Geldes als notwendiges Klassenverhältnis bei der Kapitalbildung bewiesen hatte, so wäre vielleicht aufgefallen, dass sich dieser Begriff durch seine gesamte Kapitalanalyse bewegt und sich über das Weltgeld des Kredithandels, dem Terminhandel und Derivatenhandel, über die Globalisierung des fiktiven Kapitals in einen Klassengegensatz von Gläubiger und Schuldner fortgebildet hat.

Mit der Globalisierung des fiktiven Kapitals wurde das Verhältnis von Wertbildung und Preisbildung des Geldes umgekehrt, die Mehrwertproduktion zu einer Negativverwertung des fiktiven Kapitals getrieben und durch ein Schuldgeldsystem der Realwirtschaft entzogen und totalisiert. Jeder Schuldner muss Mehrwert im Nachhinein seiner Geldaufnahme schaffen, um seine Zahlungsversprechen einzulösen und das darin fiktiv formulierte Kapital als Geldwert zu realisieren. Es ist damit der Prozess der Machtverhältnisse im Verhältnis der Produktion zur Geldzirkulation zwar umgekehrt, bleibt aber nach wie vor bestimmt durch die Mehrwertproduktion, weil fiktives Kapital die Mehrarbeit als unbezahlte Arbeit zur Wertdeckung des Geldes erzwingt. Nicht mehr das Produkt stellt jetzt allerdings die Macht des Kapitals dar, das teuer verkauft wird, um Mehrwert zu realisieren, sondern die Kaufkraft des Geldes, das durch die Preisbildung über Eigentumstitel - wie z.B. Wertpapiere, Gebühren, Mieten oder Termin- und Derivatenhandel - dem zirkulierenden Kaufmittel Wert entzieht, um die Wertdeckung von fiktivem Kapital zu erfüllen. Dessen Macht verhält sich dann über den Konsum relativ wertloser Güter gegen die Ohnmacht der Arbeit als Notwendigkeit der Schuldentilgung durch unbezahlte Arbeit im Nachhinein. Die Klassengegensätze sind damit nicht verschwunden. Sie haben sich in ihrer Existenzform zu einem Existenzwert der Armut gegen den Reichtum an fiktivem Kapital totalisiert und sich in Staaten und Agenturen der Schuldpflichtigkeit (z.B. über ein gigantisches Maß an Staatsverschuldungen) institutionalisiert. Der allgemeinste Klassengegensatz besteht zwischen Gläubigerstaaten und Schuldnerstaaten. Sie betreiben insgesamt die Ausbeutung von Mensch und Natur, die sich über ein weltweites Schuldgeldsystem vervielfacht hat, das seine Schulden über den Existenwert von Eigentumstitel, über eine rücksichtslose Austeritätspolitik gegen die politisch erzeugte und allgemeine grassierende Armut auf der Welt eintreibt. Stattdessen erklärt Lohoff die Klassenidentität, die Solidarität von Menschen über und gegen ihre objektive Bestimmtheit, zu einer "arbeitsreligiösen" Glaubensangelegenheit, die ein geschichtsphilosophisches Konstrukt sei, das "nicht mehr in die Zeit passt" und sich auf ein "Klasseninteresse von Lohnarbeitern", also auf das gewerkschaftliche Interesse der Lohnanpassung der "arbeitenden Bevölkerung" vereinseitigen und reduzieren ließe:

"Da die arbeitsreligiös begründete Klassenidentität der alten Arbeiterbewegung nicht mehr in die Zeit passt, soll das Klasseninteresse wie einst bei Marx eher gegen das Lohnarbeiterdasein gerichtet sein. Allerdings wird dessen geschichtsphilosophisches Konstrukt nicht rehablitiert, während gleichzeitig der Klassenbegriff durch allerlei herrschaftskritische Anbauten äußerlich ergänzt wird." (Quelle wie oben)

 

Die Entsubjektivierung der marxistischen Emanzipationstheorie, ihre Zerstörung durch die Individualisierung ihrer Substanz, wie sie in den Feuerbachthesen von Karl Marx formuliert worden war, hat eine längere Geschichte. Seit der Auseinandersetzung mit den Fehlern und Mängel des Marxismus, wie sie im Niedergang des so genannten Realsozialismus thematisierbar geworden waren, war in den 90er Jahren mit Postones Buch „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ ein Denkansatz entstanden, der aus dem Warenfetischismus, wie ihn Karl Marx im "Kapital" beschrieben hatte, eine neue "gesellschaftliche Herrschaft" herausgestellt haben wollte und viele in ihrem Sozialismusverständnis verunsicherten Linken begeisterte. Nicht nur die Antideutsche Bewegung, sondern auch die so genannte Wertkritik erhielten hierdurch fundamentale Impulse und Begründungen (siehe hierzu auch Karl Reiter, 2004: "Ein Popanz steht Kopf "). Die Diskussion in der linken Theoriebildung ist Jahre später mit der Spaltung und dem anschließenden Zerfall der Wertkritik an ihrem Tiefpunkt angelangt (siehe hierzu Juergen Albohn: Eine Kritik der Wertkritik), Sie war angetreten, den Marxismus als Wissenschaft weiter zu entwickeln und ist nun im Individualismus einzelner Akteure und Ideen zerrieben. Ihre einstigen Positionen gegen die Arbeit, den Gebrauchswert und die Arbeiterbewegung, die schon in ihrer Grundlegung einem zweifelhaften Erkenntnisinteresse entsprungen waren, sind nun zu einer unverhohlenen Einfältigkeit verkommen. Mit der Unkenntnis oder Abweisung ihrer marxistischen Dialektik sind sie der poststrukturalistischen Mode verfallen und zerstört worden, die das Bewusstsein selbst als Dasein, als eine sich selbst verstehende Realität behandelt, die schon im gesellschaftlichen Diskurs durch Sprache nicht nur abgebildet, sondern auch hergestellt und verändert werden könne.

Bemerkenswert hierzu ist der im Januar 2020 in Jungte-World erschienene Artikel von Lothar Galow-Bergemann (Klassenkampf ist zu wenig/) vor allem im Bezug auf die Identitätsdebatte der Krisis-Wertkritiker. Gerade noch waren dort die Leser von Norbert Trenkles Artikel "Neue Konfliktlinien - Warum der Klassenkampf von gestern ist" belehrt worden, dass „das Klassenkampfparadigma rein gar nichts zum Verständnis der Aktualität bei(trägt) und auch nicht in der Lage (ist), eine neue Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation zu formulieren“, da geht es nun um ein „Mehr“ an Kampf, nämlich einem „größeren“ Kampf, der nicht nur um die Löhne, sondern um die Länge des Arbeitstags zu führen sei. Nichts anderes hatte Marx bereits im „Kapital Band I“ als Klassenkampf um die Länge des Arbeitstags ausführlich beschrieben (MEW 23, Seite 246ff) und es gehört eine ganze Portion an Ignoranz gegen die Geschichte der Arbeiterbewegung dazu, wenn die Kämpfe um die Verkürzung der Arbeitszeit schlichtweg unterschlagen wurden. Es mag im Literaturkonsum der „Neuen Marxlektüre“ untergegangen sein, dass die Arbeitszeit nicht mehr als Formbestimmung des Lebensstandards, sondern nur als Umstand einer Beschäftigung verstanden wurde, die ebenso monetär umgerechnet werden könne, wie alles was Lohnarbeit und Kapital als rein quantitativ bestimmtes Tauschverhältnis einbringen soll. Und so wird jetzt das dereinst von der Diskussion der kapitalistischen Kultur, dem gesellschaftlichen Sinn und Nutzen der Arbeit abgegrenzte Wirtschaftswachstum, ihre wachsende Produktivität, wie die neue Erkenntnis einer Position der Kapitalismuskritik eingebracht und mit dem Wertwachstum gleichgesetzt. Die pauschal verpönte Theorie der Arbeiterbewegung tritt nun wieder - wenn auch sehr verquer - in den politischen Hintergrund einer wertkritischen Argumentation, indem unter Klassenkampf „nicht nur“ ein monetär bestimmter „Kampf“ um bessere Löhne, einen (gewerkschaftlichen) Kampf um die „Verteilungsgerechtigkeit des Geldes“, wohl aber der Kampf gegen ein „Einsparpotenzial für menschliche Arbeitskraft“ verstanden werden soll:

„Klassenkampf ist eine Nummer zu klein für die notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Nur Kämpfe, die die theoretischen wie praktischen Fesseln des „Interesses der Arbeiterklasse“ sprengen, können wirklich antikapitalistischen Charakter annehmen. Betrachten wir zum Beispiel die Frage der Arbeitszeit. Der Digitalisierungsschub stellt alles, was der Kapitalismus bisher an Produktivität und Einsparpotential für menschliche Arbeitskraft hervorgebracht hat, in den Schatten. In der Logik der Kapitalverwertung werden noch viel mehr Menschen „überflüssig“. (Trenkle 2018)

Und was folgt nun, 180 Jahre nach dm Text von Marx hieraus? Die „neue“ Begründung der Kämpfe um „eine neue Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation“ (Trenkle) könnte einem Text der Jusos entstammen, der überhaupt die „ungeheure Konzentration der Vermögen in immer weniger Händen“ als Maß und Problem eines „Prekarisierung der Arbeitskraft“ abkanzelt, die um dieses Vermögen zwar nicht enteignet, wohl aber betrogen wird, weil das Kapital „nicht mehr auf die Arbeitskraft“ angewiesen sei:

"Weil das Kapital in seiner Akkuemulationsbewegung nicht mehr auf die Arbeitskraft angewiesen ist, kann es deren Verkaufsbedingungen weitgehend diktieren. Das ist der maßgebliche Grund für die allseitige Prekarisierung und Verdichtung der Arbeit, die mit dem weitgehenden Machtverlust der Gewerkschaften und Arbeiterparteien einhergeht. Parallel dazu kommt es zu einer ungeheuren Konzentration der Vermögen in immer weniger Händen, weil das fiktive Kapital sich an den Finanzmärkten im unmittelbaren Bezug auf sich selbst vermehren kann, ohne den lästigen Umweg über die Anwendung von Arbeitskraft in der Warenproduktion.“ (Trenkle 2018)

 

In welcher Welt leben solche theoretischen Köpfe, denen praktisch überall in der gesellschaftlichen Wirklichkeit Arbeitskräfte als prekäre Billiglöhner, produktive Arbeiter und Dienstleister begegnen, die ihnen die Grundlagen ihrer Existenz bereiten und erhalten. Welche geistige Verödung hat trotz einer allgemein bekannten marxistischen Analyse bewirkt, dass sie meinen können, dass inzwischen das „Kapital sich an den Finanzmärkten im unmittelbaren Bezug auf sich selbst vermehren kann, ohne den lästigen Umweg über die Anwendung von Arbeitskraft in der Warenproduktion“. Wenn es also trotz aller Kritik an einem solchen Kapitalfetisch der wundersamen Selbstvermehrung des Geldes im Jenseits der organischen Lebensbedingungen gehen soll, dann hat sich nicht nur der „Wert des Geldes“ (Robert Kurz), sondern auch der Wert der Wertkritik verflüchtigt.

Das wurde dort aber offensichtlich nicht bemerkt, bzw. einfach übergangen, weil es auf die Wirklichkeit der sachlichen Verhältnisse in der Beziehung zu einer Aufhebung des Kapitalismus garnicht mehr ankomme, weil es vor allem Sache einer Subjektkritik sei, die Menschen über ihr falsches Bewusstsein aufzuklären, dessen Täuschungen und Verblendungen durch den Warenfetischismus der „Warengesellschaft" sie quasi psychisch hierfür untauglich machen würde. Die subjektkritischen Impulse von Adorno und Postone waren offensichtlich so nachhaltig, dass von ihrer „Subjektkritik“ niemand mehr losgekommen war (siehe hierzu W. Pfreundschuh, 2019 „Über die Grundlagen und Ziele der Marx'schen Dialektik in der Entwicklung der Wertform aus den Verhältnissen der Tauschwerte“). Tatsächlich wurde von Robert Kurz die für eine marxistische Argumentation grundlegende Arbeitswerttheorie längst auch schon mal abgeschafft, indem er sich eine Welt vorstellte, in der die Automation als Stellvertreter aller Notwendigkeiten des Lebens ein an und für sich „freies Subjekt“ bedienen soll, das von jedem körperlichen Aufwand seiner Reichtumsbildung enthoben ist, um unabhängig von seinem materiellem Sein der Muse des Lebens und dem freien Geist nachzugehen. So sei denn die Arbeit als solche auch nur als Kopfgeburt des bürgerlichen Verstandes aufzufassen.

"Arbeit scheint auf den ersten Blick immer konkret zu sein, eine bestimmte Tätigkeit, und das Abstraktum 'Arbeit' nur der Allgemeinbegriff davon; Aber in warenproduzierenden Systemen wird 'Arbeit' schlechthin, ohne jeden bestimmten Inhalt, zur unmittelbaren materiellen Gewalt als Realabstraktion. Das Abstraktum, die Kopfgeburt, tritt dem Kopf in Gestalt des Geldes als buchstäbliche äußere Realität entgegen ... Der epigonale Marxismus verfehlt die Kritik der abstrakten Arbeit völlig. Er hielt Arbeit in ihrem vorgefundenen Dasein für das ontologische 'Gute', das nur äußerlich vom Kapital vergewaltigt worden sei, und las den Begriff der abstrakten Arbeit gedankenlos als positive Definition." (R.Kurz, Der Kollaps der Modernisierung, S.273, zitiert nach: ND vom 11./12.6.94, S.10)

Hier geht es daher auch nicht mehr um die körperlich sinnliche Lebenswelt sondern um die Freiheit des freien Intellekts, wenn endlich die unmittelbare materielle Gewalt als Realabstraktion durch die Kritik des Abstraktums überwunden wäre. Und im Reich der freien Geister geht es seitdem auch um muntere Diskussionen. Denn wenn Geld nur eine „Kopfgeburt“ ist, so ist es in der Tat auch schon allein mit dem Kopf zu überwinden, z.B. durch den freien Erfindergeist einer freien Software, der als "Keimform" neuer Lebensverhältnisse hergenommen wird. Robert Kurz versuchte sich hiervon abzugrenzen und die Geister die er gerufen hatte in die Schranken zu weisen. Aber er glaubte stattdessen mit der fundamentalen Abweisung des  Gebrauchswerts in seinem Basistext zum "Abschied vom  Gebrauchswert" eine neue Basis für die reine Ideologiekritik gefunden zu haben. Aber damit wurde die marxistische  Dialektik  wieder mal zu einen Dogmatismus verdichtet wurde. Gerade war dem dialektischen Materialismus von Engels, Lenin und Stalin zaghaft widersprochen worden, geriet man im Kopfumdrehen schon wieder in eine Denkform des Totalitarismus auf der Suche nach der "Wahrheit des  Lebens", nach dem richtigen Leben, das sich vor allem gegen ein "falsches Leben" zu stellen hat, gegen ein Leben, das sich trotz aller Fremdbestimmtheit dennoch dem Genuss der Güter des gesellschaftlichen Reichtums und seiner Kultur zuwendet und an den Widersprüchen seiner Existenz und nicht an den Erfordernissen einer persönlich bestimmten Askese leidet:

"Wir haben ihn so geliebt, den Gebrauchswert. Schon immer war er in der Kritik der politischen Ökonomie die Lieblingskategorie der Linken. Für den Traditionsmarxismus, der sich einer positivistischen Lesart der Marxschen Theorie verschrieben hat, handelt es sich zwar beim gesamten Begriffsapparat des "Kapital" um positive, ontologische Definitionen. Kritik und gesellschaftliche Umwälzung sollen auf dem Boden dieser Kategorien stattfinden, um sie in einer vernünftigeren, menschenfreundlichen Weise zu regulieren statt sie abzuschaffen. Aber dem Begriff des Tauschwerts haftete trotzdem immer etwas leicht Anrüchiges an. Allein der Gebrauchswert schien sich im Stand der historischen Unschuld zu befinden. "Gebrauchswertorientierung" war deshalb das Zauberwort, um sich trotz Akzeptanz der Warenproduktion ein transzendierendes Motiv in die Tasche lügen zu können." (Robert Kurz, erschienen im Neuen Deutschland am 28.5.2004)

So musste der  Gebrauchswert  der  Waren, der nach Marx die reale Erscheinungsform des Werts ist, zu einem einzelnen und  zufälligen  Umstand des  Warentauschs  umgedacht werden - und zwar nur so, wie die Tauschwerte  als  Preise  von Waren auftreten und gemacht werden. Systematisch wurde von daher die marxistische Analyse des Geldes überlesen, das als Zahlungsmittel vom Standpunk seiner Erzeugung als ein Maß der Werte und als Kaufmittel vom Standpunkt seiner Verhältnisse auf dem Markt als Maßstab der Preise fungiert. Nicht mehr die Ware als Produkt und Produzierendes der menschlichen Gesellschaft und ihrer Subjektivität, dem Prozess ihrer Kultur, können von da her Gegenstand einer kritischen Theorie vom Wert des menschlichen Reichtums sein, sondern das bloße Dasein einer Abstraktion, die sich praktisch in den Köpfen "fetischisierter Bedürfnisse" von selbst entwirft und allgemein macht und als Verallgemeinerung einer Idee behandelt und verhandelt wird.

Von daher gelten einem solchen Verstand die Preise auf den Märkten der Welt wie unmittelbare Erscheinungsformen ihres Werts. Und schon ist die Grundlage der Kritik der politische Ökonomie von Marx, der Unterschied von Tauschwert  und  Wert  aus dieser genommen und zu einem Wert an sich als "automatisches Subjekt" ihrer Geschichte vereint. Übrig bleibt dann eine bloße Phänomenologie, als Sache einer Subjektkritik, zur Befreiung der Menschen von ihrem fetischisierten, ihrem an und für sich falschen Bewusstsein, dessen Täuschungen durch die Aufklärung über den Warenfetischismus zu „überwinden" sei. Die objektivistischen Impulse von Adorno und Postone waren offensichtlich so nachhaltig, dass man von ihrer „Subjektkritik“ gegen die Verblendungen des Geistes nicht mehr losgekommen war (siehe hierzu W. Pfreundschuh, 2019 „Über die Grundlagen und Ziele der Marx'schen Dialektik in der Entwicklung der Wertform aus den Verhältnissen der Tauschwerte“).

 

Doch die sonstigen „Subjekte“ sind damit offensichtlich nicht wirklich zu erreichen, weil sie der Mühsal abstrakter "Erkenntnisse" gerne ausweichen, kein Bock auf solche „Emanzipation“ abstrakter Ziele haben und immer noch lieber an sich selbst denken und glauben, als dass sie.ein an sich falsches Bewusstsein oder ein an sich falsches Leben ändern können sollen, das sie als solches gar nicht oder nur nach systemtheoretischen Vorlagen für die Installation einer Glaubensgemeinschaft zu ändern hätten. Auf dieser Seite des Materialismus dreht Dogmatismus durch. Wenn man es nicht konkret an den unmittelbaren Lebensformen der Menschen erklären kann, muss man es ihnen an ihren Täuschungen als knallharte Enttäuschung beibringen. Knallhart werden die romantischen Vorstellungen der Arbeiterbewegung über den „Sieg der ausgebeuteten Klassen“ oder dem „Sieg im Volkskrieg“ getilgt (Trenkle, "Neue Konfliktlinien - Warum der Klassenkampf von gestern ist") und einem politischen Nominalismus unterworfen. Und ersatzweise wurden dann auch schon mal aus den besonders engagierten Wertkritikern eifrige Küchenpsychologen, die auf moralische Hochform auflaufen und sich hierfür individualpsychologische Themata aneignen - wie z.B. Narzissmus (Peter Samol: „Narzissmus als Norm - Psychische Deformation in der spätkapitalistischen Gesellschaft“), Egoismus (Julian Bierwirth, „Die Geburt des Ich" in Krisis 1/2019) - und vor der „Reorganisation“ einer neuen Arbeiterklasse wurde warnen (Martin Brandt: „Warum die Reorientierung auf die Arbeiterklasse in die Irre führt"), weil sie ein Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht sei (Lohoff und Galow-Bergemann "Die Wiederentdeckung der Klasse als Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht - Audio“).

Was die Menschen in ihrem Lebensalltag beschäftigt gilt nurmehr als Dilemma ihrer psychischen Verfassung. Und zu deren "Emanzipation" geht es dann eben auch erst mal um seelische Gesundung, um einen gesunden Geist, um "die Grundvoraussetzungen für die Entwicklung freier gesellschaftlicher Individuen jenseits der warenförmigen Subjektivität". Solche Subjektivität ist dann auch so sinn- und bodenlos wie jedes Heilserwartung. Sie muss einfach sein, weil das Heil nur Schritt für Schritt erworben werden kann. Emanzipation stelle sich dann eben durch eine Therapie erst ein, denn die "grundlegende Kritik der Subjektform im Kapitalismus und ihrer inneren psychosozialen Logik und Dynamik ist ein erster notwendiger Schritt in diese Richtung". Aber schon stellt sich diese "Therapie" als ein bloßes Heilsversprechen vor, das Pflichtigkeiten gegen das Leben überhaupt als Lebenspflichtigkeit seiner isolierten Natur gegen eine "kranke Gesellschaft" einklagt:

"Es dürfte klar sein, dass es kein Zeichen seelischer Gesundheit sein kann, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein (Nast 2016, 230). Die Aufhebung der narzisstischen Subjektform ist jedoch unter den herrschenden Verhältnissen ausgeschlossen. Ein Leben ausserhalb der narzisstischen Selbstregulation sähe vollkommen anders aus: Ohne Arbeitswahn, ohne Konkurrenzkampf und Leistungsstress, ohne Einzelkämpfertum und ohne den Druck zur permanenten Selbstdarstellung und Selbstbehauptung. So lange diese Zwänge vorherrschen, fehlen die Grundvoraussetzungen für die Entwicklung freier gesellschaftlicher Individuen jenseits der warenförmigen Subjektivität. ... Eine grundlegende Kritik der Subjektform im Kapitalismus und ihrer inneren psychosozialen Logik und Dynamik ist ein erster notwendiger Schritt in diese Richtung."" (Peter Samol "Narzissmus als Norm. Psychische Deformation in der spätkapitalistischen Gesellschaft")

 

Wie krank muss der politische Wille solcher Glaubensgemeinschaften sein, wenn er sich für eine Gesundheit einsetzt, die "nicht von dieser Welt" (Adorno) ist, damit diese nach dem Maßstab des "richtigen Lebens" politischer Heilsversprechen geändert werden können soll. Totalitarismus herrscht immer, wenn es kein "richtiges Leben" geben soll. Und wo sich der Gedanke einer Erlösung als hilfreich für den gesunden Verstand philosophisch begründet ausgibt, steht die Emanzipation auf dem Kopf. Totalitarismus entsteht im Interesse an der Bereinigung des Lebens, auch und besonders, wenn dieser Verstand mit der Kritik des Totalitarismus vorgetragen wird. So war es ja schließlich auch schon mal mit dem Objektivismus von Martin Heidegger geschehen, der den Menschen aus ihrer Lebensangst heraushelfen wollte, indem er ihrer Selbstverlorenheit einen höheren Sinn stiften wollte. Dass Philosophie dabei zu einer Art Theologie verkommt war auch schon immer ihr Pferdefuß, das Teuflische ihrer Selbstverliebtheit, die sich heute als das geistiges Aroma des Neoliberalismus in der Soziologie zu einem objektiven Subjektivismus fortgebildet hat. Wenn jeder Mensch schließlich nur als "seines Glückes Schmied" verstanden wird, kann er auch nur Schmied werden und dankbar für die Vorlagen und Pläne sein, die er zu schmieden hat. In diesem Sinne wurde die Phänomenologie der Existenzialisten von einem radikalen Strukturalismus, von der systematischen Funktionalität der Systemtheorien abgelöst.

Dem gingen allerdings sachliche Veränderungen in den gesellschaftlichen Lebensbedingungen voraus, aus denen die neuere Geschichte der gesellschaftlichen.Notwendigkeiten neue Aufgaben an die Wissenschaften und ihre Anwender gestellt hatten. Mit der Globalisierung des Kapitals hat sich ja auch tatsächlich einiges geändert, dessen Erklärung eine tiefere Einsicht in die Verhältnisse des Kapitals und seiner „Finanzindustrie“ verlangt. Das Weltgeld hat sich auf internationaler Ebene von seinen materiellen Bedingungen abgelöst und als fiktives Kapital, als Schuldgeld zu einer eigenständigen Macht und Gewalt entwickelt. Diese eignet sich ihren Mehrwert aus den nationalstaatlichen Bedingungen, über das Rechtsverhältnis einer politischen Systematik der Weltmärkte an, deren Substanzen nicht unbedingt aus deren realwirtschaftlichen Arbeitsprozessen entnommen werden, immer aber durch die Märkte des Weltgeldes über Eigentumstitel bezogen werden, die sich als Lebensbedingung eines Existenzwertes gegen die Arbeit und Bedürfnisse der Menschen durchsetzt. Die Klassen des Kapitalismus sind nicht verschwunden, wie es inzwischen viele Linke gerne glauben machen wollen, um sich an deren Stelle selbst als politisches Subjekt feiern zu können. Sie haben sich in ihrer realwirtschaftlichen und staatspolitischen Substanz durch die Bürgschaft ihrer Bürger verdoppelt, die den Menschen und Ihrer Natur entzogen wird.

Die Ausbeutung der Menschen geschieht nach wie für durch die Nutzung ihrer Lebenszeit für ein weltweit erwirktes Wertwachstum, durch die Fremdbestimmung ihres gesellschaftlichen Daseins, dem sie durch ihre eigene Natur, durch die Notwendigkeiten ihrer Selbsterhaltung, ihrer persönlichen und gesellschaftlichen, ihrer existenziellen Reproduktion verpflichtet werden, Es ist die Ausbeutung des Lebens überhaupt, wie sie unter dem Begriff Neoliberalismus begriffen wird, wie sie über die internationale Schuldpflichtigkeit der Nationalstaaten über ihre Staatsverschuldung gegeben ist, weil die Staatswirtschaften wie Betriebswirtschaften gegeneinander konkurrieren müssen, weil sie um den Wert ihrer Währungen und Infrastrukturen kämpfen und ihre realwirtschaftlichen Substanzen, ihre Arbeitskräfte und Bodenschätze und Lebensperspektiven verramschen müssen, um auf den Weltmärkten dem Schuldendienst der Finanzindustrie und ihren Kreditversicherungen und Agenturen zu bestehen. Die Menschen müssen sich als Bürgen dieser Welt selbst als Material ihrer Gesellschaft verhalten, sich gesellschaftlich auf ihre bloße Zwischenmenschlichkeit in ihren Beziehungen und Verhältnissen reduzieren. Sie müssen für die Nutzung der Eigentumstitel, für die Steuern, Mieten, Renten, Versicherungen, Staatsanleihen und für die Wertverluste der Börsen und Geldentwertungen bezahlen, Ihr Staat wird selbst von den Lasten der Kapitalfiktionen unterdrückt, denen er nicht mehr entziehen kann, weil er selbst zu einem Teil des fiktiven Kapitals geworden ist. Und natürlich hat ein solches Schuldgeldsystem auch im Allgemeinen so brutale Folgen, wie sie jedem Schuldner drohen, wenn er seine Zahlungstermne beim Gläubiger nicht einhalten kann und sich immer tiefer verschulden muss. Die nationale Preisbildung ist von daher schon allgemein vom internationalen Terminhandel und Derivatenhandel mitbestimmt, durch den das Weltgeld über eine vollständig verselbständigte Geldzirkulation selbst schon zu einer absoluten Kapitalmacht geworden ist, die alle lebensnotwendigen Titel und Strukturen sich über die kontinentalen und nationalen Banken und der Weltbank unterworfen hat.

Im Klassengegensatz von Schuldner und Gläubiger bleiben ganze Nationalstaaten auf der Strecke und mit ihnen die Infrastruktur ihrer Arbeitswelten und Lebensbedingungen. Ein internationaler Nationalismus entwickelt sich durch die strukturelle und soziale Verwahrlosung der Lebenszusammenhänge der Bürger und Bürgen und vernetzt seinen politischen Fanatismus und einen dm entsprechend übergriffigen Rassismus auf allen Kontinenten der Erde. Um dies wirklich und in seiner Wirklichkeit zu verstehen verlangt das eine erneute gründliche Befassung mit einer internationalen Kritik der politischen Ökonomie und der darin weltweit vollendeten trinitarischen Formel, wie sie bereits großenteils von Karl Marx vorliegt. Um sie auf die Ebene zu bringen, in der sie von den Menschen praktisch zu begreifen und ihrer politischen Macht zu entgegnen ist, können nur durch die hieraus abgeleiteten Strukturen und Organisationsformen (z.B. durch eine internationale Kommunalwirtschaft) langfristig zielführend sein.

 

(1) Die Krankheit des politischen Willens besteht aus widersinnigen Abgrenzungen, aus Isolation und bloßer Gewalt. Es ist bisher noch nicht gelungen, eine für die Menschen sinnvolle Wirtschaft politisch durchzusetzen. Die Kritik der politischen Ökonomie wurde noch nicht wirklich als Grundlage für eine wirtschaftliche Politik verstanden. Die gesellschaftliche Emanzipation verlor sich auf der Straße, kritische Politik wurde bisher immer nur durch andere Politik ersetzt, die wirtschaftlichen Verhältnisse durch politische Kämpfe überlagert. Der politische Wille wurde immer wieder vom schmächtigen Nominalismus eines abstrakten Nutzens getragen, der bestenfalls in der Nomenklatur der Parteien des Staates oder seiner Bürokratie "erfolgreich" werden konnte. Die kritische Theorie des Marxismus ist durch politische Ansprüche aufgelöst, die den Menschen als bloßer Wille zu einer alternativen Gesellschaftsform überantwortet wurde. Der hatte als Staatsform das Gegenteil von dem entstehen lassen, was durch Karl Marx als Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Veränderung der Politik, als gesellschaftliche Aufhebung der Klassenkämpfe durch die Aufhebung des Privateigentums, durch die gesellschaftliche Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums verwirklicht werden sollte. Dieser Aufhebungsprozess war von Marx allerdings nicht einem konkreten "Subjekt" zugewiesen, sondern dort lokalisiert worden, wo die Klassenkämpfe zwischen Lohnarbeit und Kapital stattfinden, wo die Kämpfe zwischen privater Macht und gesellschaftlicher Notwendigkeit verlaufen, wo Geld zur Verfügung über die Einkommen der Lohnarbeiter, über ihre Selbsterhaltung und dem Leben und der Ausbildung ihrer Kinder, über die Abgaben und Gebühren für Miete, Rente und Gesundheit, über die Länge ihrer Arbeitszeit und Freizeit, über ihren gesamten Lebensstandard bestimmt.