Siehe

Zum Thema siehe auch  => Antisemitismus  => Antisemitismusvorwurf  => Judenhass des Antisemitismus  => 



"An dieser Stelle scheint mir eine Bemerkung zu dem immer wieder gegen Marx erhobenen Vorwurf des Antisemitismus angebracht zu sein, der vor allem an der Judenfrage festgemacht wird. So etwa bei Silberner (1962), bei Künzli (1966, S. 195 ff.), der Marx gleich noch einen "jüdischen Selbsthaß" unterstellt oder bei Hirsch (1968, S. 229), der Marx vorwirft, in der Judenfrage die "Ausmerzung des Handel treibenden Juden" vorgeschlagen zu haben. Selbst Braun (1992, S. 66), der sich differenziert mit Marx beschäftigt, schreibt: "Marxens Diffamierung der Juden ist peinlich". Als Beleg für solche Vorwürfe werden Sätze herangezogen, die "den Juden" anscheinend als egoistischen, eigennützigen Geldmenschen charakterisieren. Nicht zur Kenntnis genommen wird dabei, daß die damals (wie auch heute) verbreiteten antisemitischen Stereotypen von der "jüdischen Krämerseele" in der Marxschen Argumentation auf die bürgerliche Gesellschaft zurückprojiziert werden: der (meist christliche) Bourgeois hat genau die Eigenschaften des egoistischen Geldmenschen, die den Juden zugeschrieben werden. Daher kann Marx schreiben:

"Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden. Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. (...) Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft." (I,2/166; 1/374)

Und wenn es am Ende des Textes heißt:

"Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judenthums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden." (I.2/169; 2/377)

dann geht es nicht um die "Ausmerzung der Handel treibenden Juden", sondern um die Ausmerzung des Handels, womit "der Jude", d.h. das Stereotyp des jüdischen Schacherers, genauso "unmöglich" wird, wie der christliche Kaufmann (vergl. zur Kritik des Antisemitismusvorwurfs an Marx auch Haug 1993 und Claassen 1994, S. 85 - 100). - An der Petition der jüdischen Gemeinden zur rechtlichen Gleichstellung hatte sich Marx im übrigen ohne zu zögern beteiligt (vergl. seinen Brief an Ruge vom 13.3.1843, III/1, 45f.; 1/418)."

Aus: Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert - Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Westfälisches Dampfboot, 2. durchges. Auflage Münster 2001 , S. 100 f.