 | Teil I: Der Entstehungsprozess des flexiblen Menschen Abschnitt 2: Die Seele |  | 
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|  |  |  |  | 1 | 1. Die Seele oder das Gemüt einer verkannten Welt |  |  |  | Der Begriff Seele kommt vom Germanischen und meint die Ahnenwelt und Geisterwelt, die in der finsteren Sumpf- und Seelandschaft vermutet wurde. Nach germanischem Glauben entspringt dort das Leben und kehrt auch dorthin zurück. Es ist der Begriff für die, die vom See kommen, der Geister, die die Menschen ergreifen und bewegen, weil sie an deren Ursprung erinnern, sich in deren Gedächtnis eingraben. Die Seele ist ein unspezifisches Gedächtnis, ein See ihrer Gefühle, ein angemutetes Leben. Aber als solches ist sie nicht Ursprung, sondern Resultat des Erlebens. In der Seele regt sich die Anmut eines Menschen als dessen Mut und Gemüt. Darin erscheint menschliches Empfinden und Gefühl als individuelle Inkarnation eines Wesens, das sich aus der Welt versachlichter Wirklichkeiten heraussetzt und nun zumindest in der individuellen Gestalt eines Menschen menschlichen Geist zeigt. Geistlose Verhältnisse erzeugen große Seelen - aber deren Größe besteht vor allem daraus, sich die Geister ihrer Zeit anzueignen, deren Kunst und Religion und Hochkultur sich einzuverleiben und sich als Inkarnation menschlicher Erkenntnis auszuloben, die sich doch eigentlich nur aus der Verkenntnis solcher Kultur, aus dem Erhalt und dem Entfaltungsinteresse der darin vagabundierenden Selbstgefühle speist. Seelische Regungen ergeben sich aus der Begeisterung des Selbstgefühls für den Sinn, den es in dessen Erleben erfährt. Die Seele nimmt ihn von aller Wirklichkeit entkleidet in der Form, wie er erlebt wird, auf und belässt ihn in ihrem Gedächtnis. Darin ist sie nichts als ein Gedenken an den Geist ihrer Wahrnehmung, der in seiner Abstraktheit als Hintersinn ihrer Gefühle verblieben ist als ein abstraktes aber doch sinnliches Wissen. Darin ist zwar die Wirklichkeit zugunsten ihrer Eindrücklichkeit verkannt, wohl aber als Gemüt der Selbstgefühle bewahrt. Entsprungen aus diesen stellt die Seele eine eigene Wirklichkeit von deren Abstraktion in sich her, eine Absehung von ihrem öffentlichen Grund und Zusammenhang, der die Absicht entspringt, eine Identität der Selbstgefühle ganz allgemein und privat verwirklichen zu können. Alles, was den Gefühlen an Mut zur Verwirklichung fehlt, das wird in der Seele zum Gemüt einer verkannten Welt, zur Innenwelt einer Welt, die ihre Wirklichkeit, ihren Mut zur Tat und Wirkung verloren hat. Das macht die erste Bestimmung der Wirklichkeitsform der Seele aus. Sie wandelt ihre Gefühle zu eigenständigen Lebenswerten, die in der Seele ihrer Herkunft nach bedacht sind und deren Gedenken sie in der Verwirklichung ihrer Absichten zugleich betreibt, woraus sie nun ihr Gemüt begründet. So wird dieser Antrieb der Seele, der zunächst nichts anderes als die Seele selbst ist, zu ihrer Absicht. In der Absicht, ihr Gedächtnis zu bereichern, betreibt sie eine Ereignisproduktion in ihrem Sinn, welche schließlich ihren Antrieb und Trieb tatsächlich und wirklich ausmacht und zur Verwirklichung bringt. Die Seele ist die Geistesform des Selbsterlebens, das ein Menschenleben in seiner Selbstwahrnehmung hinterlässt. So kann die persönliche Geschichte für sich selbst in dem Maße tragend werden, wie sie von der wirklichen Geschichte zu Gunsten ihrer Selbstgefühle abstrahiert. Und das hängt wesentlich davon ab, in wieweit abstrakte Lebensvermittlung vorausgesetzt ist, inwieweit also abstrakte Lebensmittel, namentlich Geld, zur Lebensgrundlage gereichen. Für sich ist die Seele zunächst der Raum für die Verdichtungen, welche die Selbstwahrnehmung in ihren Gefühlen hat. Sie will Selbstgefühl als Lebensraum ihres Körpers sein, indem sie ihre Gefühle zu vergegenwärtigen sicht, ihre Abstraktionen wirklich machen muss. Was sich in ihr verdichtet hat, das treibt ihren Sinn für ihre Empfindungen an und sucht die Vergegenwärtigung durch andere. Dies kann nur dadurch geschenen, dass sie die Anwesenheit von Menschen gewinnt, die ihrer Gefühlswelt entsprechen und als Gegenstand ihrer Selbstwahrnehmung geeignet sind. Sie will Selbstwahrnehmung überhaupt an sich binden, sie als ihre Leiblichkeit verspüren und sich darin in ihrer Absicht gestalten, als Grundlage ihrer inneren Identität wahr haben, die im Grunde eine äußer ist, nun aber als eigener Grund. So fließt in der Seele alle Wahrnehmung wie eine eigene Wahrheit zusammen, in welcher Wahrenhmung schön und gut wird, was immer auh hierfür wirklicher Grund gewesen sein mag. Diese quasi persönliche Wahrheit wird getragen von Abstraktionen, die durch das Agieren der Seele nun wirklich werden kann durch Selbstgefühle, die aus den Wahrnehmungen anderer Menschen gewonnen werden und sie insgesamt bereichern, indem sie zu einem Zusammenhang ihrer Selbstgefühle werden. Die Absicht der Seele ist die Eitelkeit ihres Selbstgefühls, das sich unentwegt in der Anwesenheit von Menschen bestätigen und vermehren muss. Sie braucht und verbraucht diese als Zuträger von Wahrnehmung und strebt deshalb danach, deren Selbstgefühl von sich abhängig zu machen, um es bestimmen zu können. Sie wird dadurch zu einer Selbstwahrnehmung, die sich durch die Wahrnehmung anderer Menschen bestätigt und entwickelt. Nun könnte man meinen, dass eine Wahrnehmung, die durch die Wahrnehmung anderer Menschen erst entsteht, eine Tautologie ist, ein Selbstgefühl, das sich in Luft auflöst. Doch dem ist nicht so: Weil darin Sinne tätig sind, wird sie bereichert durch die Erweiterung und Entfaltung ihrer Sinnlichkeit durch Beiträge der Selbstbildung durch alle Arten des Selbsterlebens, z.B. des Geschmacks, der Originalität, der Kundigkeit oder des Kunstgenusses. Um die Verhältnisse, die hierbei entstehen, geht es im Folgenden. |  | Die erste selbständige Form des Selbstgefühls ist die Seele als Gedächtnis seiner Begeisterung, als private Form eines Geistes, welcher darin in der Gestalt ist, welche die Dichte seines Erlebens hinterlassen hat. Was das Ereignis, dessen Erleben so bewahrt ist, wirklich und öffentlich war, ist hierbei gleichgültig geworden. Die Seele sieht ausdrücklich von aller wirklichen Gestalt ab und bewahrt letztlich die Bedeeutung dessen, was die Wahrnehmung der Form nach ausgemacht hat. Da sie dies als Sinn ihrer Absicht hat, kann sie auf deren Verwirklichung auch nur hoffen, an sie glauben und hiernach streben. Für die großen Weltreligionen stellt die Seele Gott im Einzelwesen Mensch dar. Sie sehen damit die private Geistesform als allgemeinen Geist Gottes an und die Privatperson als den Menschen schlechthin, den Menschen nicht als Resultat seiner Geschichte, sondern als Ausdruck göttlicher Beseelung. Damit ist die Psyche selbst Grundlage aller Religiosität, die Wiedererkennung Gottes in sich. Als solche wird sie auch von der idealistischen Philosophie begriffen. Es kommt aber darauf an, die Seele auf ihre wirklichen Füße zu stellen und das heißt, ihre Herkunft zu erkennen und vom "Baume der Erkenntnis" zu naschen. |  | 1.1 Das Gedächtnis der Selbstgefühle |  |  |  | Selbstgefühle sind die Grundlage der Selbstwahrnehmung, die im Gedächtnis der einzelnen Menschen verbleiben wie ein Geist dessen, was sie erlebt haben. Sie werden hierdurch zeitlos und also unwirklich, lediglich an die Körperform gebunden und an deren Gestalt und Verlangen erinnert, aller Lebensbedingtheit enthoben. Die Seele ist das Gedächtnis der Selbstgefühle in der Form einer erlebten Geschichte, wie sie jenseits ihrer wirklichen Form wahrgenommen wird als gewesene Erlebnisse der Gefühle, als entleibte Selbstgefühle, die ihren Schmerz und ihre Freude, ihr Unglück oder Glück in einer seelischen Wirkung jenseits aller Wirklichkeit im Menschen hinterlassen. Diese Wirkung ist nirgendwo gegenständlich. Sie hängt immer von dem ab, worauf die seelische Absicht bezogen war, also das, was für ein Ereignis seelisch ist, wie es in einer bestimmten Absicht erlebt wird. Der eine Mensch erschrickt vor Spinnen, weil er darin etwas gegen sich verspürt, der andere bewundert sie. Es kommt ganz darauf an, was das Gedächtnis sich so zusammenspinnt, wenn ein Mensch Spinnen sieht. In ihr sind solche Wahrnehmungen verdichtet, sozusagen ästhetisch komprimiert und darin Bezüge assoziiert, die sich die Wahrnehmung selbst macht, wenn sie in der Selbstwahrnehmung verharrt, die aber auch durch neue Zusammenhänge des Erlebens verändert werden kann (ein Grund, warum Verhaltenstherapie bei "irrationalen Ängsten" überhaupt funktioniert). Die "Assoziationen" der Seele funktionieren wie Gleichnisse in Bildern, als Gestaltung der Verbindung von Empfindungsmerkmalen (z.B. spitz und stachelig für Spinne), welche dem Gefühl (z.B. Angst vor einem Angriff mit Spitzen und Widerwärtigkeiten) entsprechen, welche vom Gefühl also auch erwartet werden. Wenn die Bereitschaft von Verteidigung, also Alarmiertheit, seelisch treibend ist, entspricht die Angst vor Spinnen einer seelischen Absicht, durch welche Eindrücke eingeordnet und verarbeitet werden, Empfindungen von Bedrohlichkeiten sozusagen verschärft und zur Verbesserung der Aufmerksamkeit auch noch übertrieben (vergrößert) werden. So verrät die Spinnnenangst z.B. eine hochgardige Verteidigungsnotwendigkeit, von der erst bekannt werden muss, was sich darin angegriffen fühlt. Die Seele in ihren Zusammenhängen und "Assoziationen" zu erkunden, ist ein weites Feld und bringt oft unglaubliche Verbindungen zu Tage, die dem Bewusstsein meist vollständig entgehen. Der Grund dafür, warum die Seele rein assoziative Zusammenhänge erfindet, liegt nicht an ihr selbst, sondern an dem, was auch sie begründet: Die Notwendigkeit von Lebenszusammenhängen, die man wahr hat, ohne darin wahr sein zu können. In der seelischen Verarbeitung werden durch "Assoziationen" Brücken für ihre Identität gebaut, ohne die sie nicht sein kann. Es ist die Grundlage ihrer seelischen Figuration, ihrer Ästhetik. Im Fall der Spinnenangst dürfte diese auf einer hörigen Beziehung beruhen (siehe Teil II, Abschnitt 2, Kapitel 3), die sich nicht ändern lässt und die eine permanente Bedrohung durch die Menschen darstellt, denen man notwendig zugehört. Es lohnt sich, den "Assoziationen", die keine sind, nachzugehen, wenn eine seelische Problematik erkundet werden muss. Dabei muss vor allem darauf geachtet werden, dass nur derjenige, der diese seelische Verarbeitung betreibt, letztlich ihren Zusammenhang begreifen kann, die Herausarbeitung kann nur hilfweise durch Sprache von anderen Menschen unterstützt werden. Zu den von der Psychonanalyse als therapienotwendig behaupteten Übertragungen sollte es hierbei möglichst nicht kommen, denn damit ist die Entdeckungsarbeit schon unmöglich. Das seelische Gedächtnis ist ein Füllhorn der Erinnerungen und die Grundlage der Einfälle, welche die Seele hat. Es ist der Grund, aus dem heraus Menschen ihre Welt erleben, das Gemüt und der Mut ihrer Welterfahrung und Weltverarbeitung. Das Gedächtnis der Seele ist zeitlos, hat keine Dimensionen, die dem geschichtlichen Ablauf in der Zeit entsprechen. Die Bedeutungen darin sind Traumbilder des Elebten, Körperform ihrer inneren Wirkung. Was darin verbunden ist, muss nicht wirklich verbindbar sein; es sind die Zusammenhänge, welche die Seele erkennt, geistige Zusammenhänge des Erlebens, Mythologie seiner Selbstbezogenheit, Plastik der Sinne, wie sie ohne Gegenstand, also für sich wirken. Die Seele ist der private Geist eines Lebens in der Körperform des Erlebten, das für sich keinen Körper und keine Gestalt mehr hat, das Erleben als das erinnert, was es ohne Zeit ist: Raum eines Gedächtnisses, Gedenken und Erinnern in einem, Gestaltungsraum seelischer Figuration. Ihm ist damit jede Gewissheit genommen und wäre Glaube oder Zweifel am Wahrheitsvermögen selbst, würde die Seele damit nicht in Gang kommen und ein blühendes Eigenleben entfalten. Das wird zu einem Leben, das von keinem wirklichen Mangel, wohl aber von seiner Erfüllung und seinem Versäumnis weiß. Die Seele glaubt an das Leben, wie sie es erlebt hat, in der ihr eigentümlichen Reflexion von vergangenem Glück und Unglück, Liebe und Vernichtung, Fortschritt und Einheit. Sie glaubt an die schlichte vereinigung von allem, was so nicht sein kann, an den "Ozean der Gefühle" (Sigmund Freud), in dem sie allem unendlich nah ist und mit allem eins. Sie selbst macht die Gläubigkeit des Menschen aus, ist die aktive Gestalt seiner Gefühle, aus dem er seine Lebenswerte gewinnt und hierauf seine seelischen Absichten gründet. |  | |  | 1.1.1 Das entwirklichte Erleben als Welt der Regungen |  |  |  | Ohne Wirkung ist Erlebtes eine rein geistige Selbstbeziehung. Es ist weniger von Bedeutung, was die wirkliche Geschichte darin ausmacht, was sie also bewirkt hat, als das, was hiervon der Integrität der Selbstgefühle dient. Die Seele selbst besteht daher aus einem Verschmelzungsbedürfnis, das nicht in ihr zur Befriedigung kommt, sondern nur durch Gefühle, welche sie verbindet, und das heißt: Zu Körperformen bringt. Was verschmilz, lässt den Glauben aufkommen, es sei höhere Wahrheit, auch wenn hund weil sie nicht wirklich sein kann. Der Glaube, welchen die Seele an ihre Einheit hat, kommt so zu ihrer Wirkung: Sie vereint alle Gegensätze wirklicher Wahrnehmungen und verdichtet sie zu Gefühlsverbindungen, die keine Wirklichkeit kennen und finden können, weil sie nur sich selbst wahr haben als etwas, was sie fühlen, ohne es empfinden zu können. Von da her erscheinen die Verdichtungen der Seele als verbildlichte Gefühle, als Verschmelzungen einer Welt, in welcher Surrealismus herrscht. Es ist eine Traumwelt, in welcher auch wirklich Bilder von Regungen erscheinen, die darin Gefühlt und empfunden werden. In den Träumen, Dichtungen und Phantasieen sind die Menschen ihrer Seele nahe. Das hat eine Kehrseite: Was die Seele wirklich, also außer sich wahr hat, das wird ihr zu einer nun völlig fremden Wirklichkeit, zu einer Welt, mit der sie nichts mehr zu tun hat. Es wird als fremdes Sein aus ihrer Wahrnehmungstätigkeit ausgegrenzt, denn nur dadurch, dass dieses aus ihr veräußert wird, können Gefühle rein empfunden werden, können sie ohne jede wirkliche Empfindung vereint sein. Die Seele wird zu einem Gemenge von Selbstgefühlen, die sich zu einer Innenwelt verbinden, die nichts anderes mehr erkennt, als ihre eigenen Regungen, als absolute Welt der Regung. Diese erscheinen nun willkürlich und ohne wirklichen Sinn als Seelenwelt ohne Belang für die Wirklichkeit, als zufälliges Fühlen und als Laune des Seelenlebens, die keinen Grund, keine eigene Wahrheit mehr hat und ihn auch nicht haben kann. Dass die Seele nicht für sich wahr sein kann, ist ihr geläufig, auch, dass sie sich täuschen muss und also beständig enttäuscht sein muss, um ihre Gefühle zu ihrer Einheit zu bringen. Jetzt aber bringt sie ihr Erleben zu einer eigenartigen inneren Verbindung. Aus dieser heraus stellt sie sich nun gegen ihre eigenen Bedingungen und veräußert das, was sie wahr hat, was sie wirklich bestimmt und ausmacht. Sie trennt sich nun volllständig von ihrer Wirklichkeit und erhebt deren Abstraktion zu einem inneren Gegner, zu einem Ungewissen, das sie als Unbewusstes aussondert, gegen das sie arbeitet, das sie bedrängt und abzudrängen versucht, um ihren Regungen als reine Absicht nachzugehen. Im seelischen Gedächtnis wird jetzt also zweierlei betrieben: das Erlebte wird einerseits wirkungslos gemacht für die Erkenntnis, indem es entwirklicht wird, indem seine Wahrheit unbewusst und also die Erkenntnisfähigkeit hierfür aufgehoben wird. Zum anderen wird das Gedächtnis der Seele selbst zu einer Lebensform gebracht, die einen Sinn für sich hat, der von allem absieht, was er wahr hat, was also das Erlebte dem wirklichen Inhalt nach war und das in der Absehung hiervon das Erleben auf seinen abstrakten Sinn verdichtet und als Kraft der Wahrnehmung bewahrt und sich zu einem unegeheueren Erlebnishunger entwickelt. Diese Kraft nimmt ihre Energie also nicht aus demErlebten, sondern aus der Dichte der Selbstgefühle im Erleben. Nun ist diese Kraft aber selbst schon der abstrakte Sinn, welcher die darin ausbleibende Gefühlsidentität erzeugt, Notwendigkeit einer abstrakten Sinnbildung, ihr Gebilde, ihre Schöpfung. Die Einfälle der Seele sind vielfältig und entspringen ihrem notwendigen Glauben an die Selbsterfüllung ihrer Wahrnehmungsidentität, ihrer Sinnbildung. Diese beruht auf ihrer Ungewissheit, auf ihrer Unwahrheit, die als Unbewusstes beständig von ihr ausgeschlossen und abgetrennt wird. Damit die Seele sich entfalten kann, muss sie beständig unbewusst Erlebnisse erzeugen, die ihr nicht nahe kommen dürfen, Regungen, die Ihre Kraft als Form des Erlebens freistellen, zum Erleben in ihr selbst werden. |  | Glaube, Traum |  | 1.1.2 Das Unbewusste |  |  |  | Das Unbewusste sind Regungen, denen keine Gewissheit möglich ist, weil sie gegen ein Erleben stehen, das die Seele ausgeschlossen hat und nur in ihrer Absicht fortträgt. Ihre Absichten sehen von den Inhalten der Wahrnehmung ab, und zielen auf das, was ihre Sinne erregt. Von daher hat die Wahrnehmung eine Kraft von ihren Inhalten gelöst, die dem entspricht, was sie wahr hat, aber nicht wahrnimmt. Die Aufgeregtheit, in welche die Selbstwahrnehmung hierdurch versetzt ist, hat nichts mehr mit ihren Inhalten zu tun und auch nicht mit ihren Regungen. Es ist die reine Form dessen, was wahr gehabt wird, ohne wahrnehmbar zu sein, die Kraft, mit der sich seelische Identität herstellen muss, um Wahrnehmungsidentität überhaupt zu ermöglichen. Es ist unbewusst und als das Unbewusste erhält es sich als Kraft einer Wahrnehmungsidentität, die keinen wirklichen Sinn macht. Es ist der von der Seele abgetrennte Grund für die Einfälle der Seele, für ihre Absichten, die sich mit einer Kraft umsetzen, welche sich in ihren Regungen gestaltet als Form, die keinen anderen Inhalt hat als den, den sich die Seele erfindet und der sich in ihr von ihren Regungen getrennt regt. Somit ist das, was die Seele wahr hat, von seinem Inhalt entledigt und als Kraft gegenwärtig, mit der sie ihre Regungen nur der Form nach wahrnimmt und verfolgt. Die Seele speist nun ihre Energie aus dem, was sie nicht mehr von sich weiß und auch nicht als das umsetzt, was ihr gewiss sein müsste. Sie ist getragen von einer Energie des Unbewussten, mit welcher sie ihre Absichten verfolgt, während ihre Sinne das wahrnehmen, das sie nicht mehr wahrhaben müssen. Sigmund Freud hat im Unbewussten eine Urkraft des Menschen vermutet, die er Libido nannte, also so etwas wie Liebesenergie, Grundlage seines "Lustprinzips". Das ist sehr romantisch und entspricht des Ideologien des Bürgertums, seiner grundlegenden inneren Verzweiflung im Reichtum seines Geldvermögens nun auch positive Liebeskraft zuzusprechen. Es ist eine nette Vorstelung, dass das Unbewusste mit Liebe zu tun hätte, doch leider eine Ideologie, die das Gegenteil verbirgt, die platte Notwendigkeit einer Identitätsfindung in einer Welt, worin menschliche Identität nicht möglich ist. Daher muss Freuds Libido auch diesen oenetranten ontologischen Charakter haben, der erst sie positiv stimmt. Grausamkeit wird für Freud erst später angesichts des Weltkriegs wahrnehmbar und von daher muss er seiner Theorie einen Todestrieb beigeben, die im Grunde seine ganze Libidotheorie, eigentlich seine ganze Theorie zerstört hatte. Hier wird diese Auffassung libidonöser Ontologie ihrer Begründung enthoben und auf die Füsse gestellt. Die Seele entwickelt ihre Regungen in Wirklichkeit jenseits der wirklichen Welt aus der Interpretation der Selbstgefühle, aus deren Verdichtung sie sich bilden, aus dem, wovon diese abgesehen haben. Diese Regungen beziehen aber ihre Kraft nicht aus sich, sondern dem Unbewussten, aus dem, was von ihnen im Zweck einer unbewussten Identitätsbildung ausgeschlossen wurde. Darin ist lediglich die Dichte des Erlebten enthalten als Kraft, die daraus gewonnen wird. Die Regungen sind Interpretationen, sind seelische Verarbeitungen, die durch die Art und Weise der Verdichtung des Gedächtnisses getragen werden, in welcher die Absehung von wirklichem Sinn bestimmt ist. Sie verschaffen der Selbstwahrnehmung eine Form, die keinen anderen Grund hat, als die Seele selbst, eine Wahrnehmungsidentität jenseits ihrer Wirklichkeit, und die zugleich aus ihrer Absehung abgeleitet und zu einer geschlossenen Gefühlswelt vereint ist. Die unbewusste Wahrnehmungsidentität hat ihr Wissen nicht sinnlich, sondern ist seelische Form einer Sinnlichkeit, welche keinen wirklichen Sinn hat. Es ist die Körperform der Seele, worin sie ihre Gefühle verkörpert. Dies macht ihre Phantasie, ihre Träume, ihre Vorstellungswelt, Verrücktheit usw. Was sie antreibt, ist dabei aber nicht eine freie und nur unbewusste Kreativität, sondern die Notwendigkeit, gegensinnige Wahrnehmungen in sich aufzulösen und weiterzuführen. So entsteht eine innere Wirklichkeit, die von keinem Wissen unmittelbar erreichbar ist, weil sie keine Gewissheit hat außer der, dass sie nötig ist, um die Wahrnehmung für einen wahrnehmenden Menschen (also nicht seine Seele) unter bestimmten zwischenmenschlichen Lebensbedingungen wahr sein zu lassen, um sie mit dem zusammenzuführen, was sie in seinem Leben wahr hat. Es ist die Notwendigkeit einer Wahrnehmungsidentität, welche das Unbewusste ausmacht, oft auch als Notlüge der Seele. Es sind die Verschmelzungen von Gefühlen, welche durch die Kraft der Selbstgefühle gebeugt sind und die sich in Traumbilder, Visionen, Reminiszenzen, die sich mit dieser Kraft als Form vergangenen Erlebens vermengen, in das Reich des Unbewussten ergießen, welches die Intuition der Ungewissheit fortträgt und Menschen voller Absicht handeln lässt, ohne dass sie es wirklich auf etwas absehen. Hierdurch wird die Wahrnehmung selbst in das integriert, was sie wahrhat, was ihre körperliche Verfassung und Bedingtheit ist. Die Wahrnehmung nimmt wahr, was sie für sich selbst ist, was sie von ihrem Selbstgefühl fühlt. Sie wird dadurch selbst ihrer Sinne enthoben, selbst abstrakt. Die Psychoanalyse nach C.G.Jung nimmt diese Abstraktionen, wie sie auch in Traumbildern vorkommen, als konkrete Gestaltungen ursprünglicher Natur, als "Archetypen der Seele". Dies entnimmt er der Tatsache, dass es seelische Bilder gibt, die sich über alle Generationen und Zeitepochen hinweg erhalten haben und wiederholen. Dies allerdings findet sich bei jeder Abstraktion. Nimmt man die Abstraktionen als Farben, oder als grafische Formbeziehungen oder als Kunst oder als Musik usw., immer wird man dies Überdauernde des Absztrakten finden und bis in die Steinzeit zurück verfolgen können, aber nicht, weil es vor uns war, sondern weil Abstraktion immer in die leeren Formen des Lebens gehen und über alle Epochen hinweg erkennbar bleiben, ohne dass sie damit qualitativ begriffen sind (oder sind Hölenmalereien vielleicht doch "abstrakte Kunst"?). Wären es Ursprünge, so hätte das Leerste dann die höchste Aussagekraft über das Leben und Träumen und Fühlen der Menschen. Das Umgehen mit Abstraktionen als ursprüngliche Lebensformen macht die Basis reaktionärer Wissenschaft aus, und so nimmt es nicht Wunder, dass sich besonders reaktionäre Psychologen (wie z.B. Bert Hellinger) gerne auf Jung berufen - und auch, dass C.G. Jung sich ganz im Gegensatz zu Sigmund Freud mit den Nationalsozialisten gut arrangieren konnte. |  | Dadurch, dass das Erleben der Selbstgefühle selbst schon entwirklicht war, kann sich deren Absicht nur jenseits dessen bilden, wovon sie abgesehen hat und worauf sie es in Wirklichkeit absieht. es ist eine innere Wirklichkeit, ein innerer Raum, worin die Seele ihre Erkenntnisse gewinnt, ihre Identität jenseits des wirklichen Lebens findet. Dieser "innere Raum" bewahrt und betreibt die seelische Identität durch Abdrängungen von Wirklichem (Verdrängen) oder Überlagerung oder Ersatz mit unzugehörlicher Wirklichkeit (Verschiebung oder Ersetzung). Es kann aber auch dazu führen, das Wirklichkeitsvermögen überhaupt zu bekämpfen, es zu umnachten. |  | 1.1.3 Die innere Erregung |  |  |  | Wovon das Selbstgefühl der Seele absieht, davon ist das Unbewusste in der Form seiner Regungen ausgefüllt und seine wirkliche Erfüllung kann es nur finden, wo sich auch wirklich erfüllt, was sich da in der Seele regt. Die Wahrnehmungsidentität, welche die Wahrnehmung durch ihre unbewusste Wahrheit hat, wird erst wirklich, wenn und wo sich ihre Regungen in den Selbstgefühlen durch entsprechende Erlebnisse erfüllen. Sie sind hierfür solange in einer innereen Erregung, die als solche im Antrieb des Selbstgefühls verbleibt und als Mangelgefühl empfunden wird. Gleich, was sich dabei als bestimmter Wunsch regen mag, er ist immer eine Interpretation des Mangels, der ihm an Lebenserfüllung zugrunde liegt. Und das ist der Mangel der Selbstwahrnehmung überhaupt. Es handelt sich hierbei nicht um einen natürlichen Mangel, etwa den an geschlechtlicher Befriedigung, wie das z.B. von der Psychoanalyse aufgefasst wird. Natürlicherweise gibt es Mangel nur als Antrieb zu einer Tätigkeit, nicht aber des Selbstgefühls - sie ist aller Selbstgefühligkeit voraus und zu ihr gerade vollständiges Gegenstück. Die Natur mag sich als Hunger oder Geschlechtslust regen, sie verlangt aber immer nur einfaches Tun. Dass dieses so kompliziert werden kann, liegt daran, dass die Natur für die Wahrnehmung nur als Kultur auftreten kann, weil die Kultivierung menschlicher Beziehungen ihr zugrunde liegt. Es verbleibt darin auch kein Rest Natur außen vor, weder als natürlich Begierde oder Trieb. Warum auch sollten die Menschen ihren Hunger durch gesellschaftliche Arbeit befriedigen, ihre Triebe aber nur wie gezähmte Tiere? Man kann sich isolierte Menschen auf einer Insel vorstellen, die keinerlei Beziehung eingehen, weil sie von Naturmängel beherrscht werden. Das ist so eine Vorstellung der Robinsonaden, die sich in manchem Wohnzimmer ausmalen lässt. Man kann dabei gerne und viel Idylle und Romantik der Gesellschaftlslosigkeit hineinvermuten, die zugleich einen Hauch von Freiheit von allem vermitteln, was sonst das Leben beschwert. Aber nur eins ist bei alle dem sicher: Solche Menschen handeln nur so, wie die Todesangst es ihnen abverlangt, nämlich als Barbaren. Sie rauben und morden aus geringstem Anlass mit dem höchsten Lebensgrund: Nämlich solche Umstände zu überleben. Der ganze romantische Unsinn fällt ab, wenn man wirklich von seiner Gesellschaft getrennt ist, die man permanent, auch in den umständlichsten Vorstellungen wahrhat. Die Regungen vollziehen in ihrer Erregung die Umkehrung ihrer Selbstgefühle zu Gefühlen, die sich aus ihrer inneren Notwendigkeit bestimmen, notwendige Stimmungen sind. Hierfür werden alle Empfindungen und Gefühle selbst zu Beiträgen einer Abstraktion, auf die sich die Seele einstimmt, welche die Seele betreibt, die Stimmung, die sie antreibt. Die Absichten, die das Unbewusste der Seele als Stimmung entwickelt, stellen sich in den Gegensatz zur wirklichen Welt ihrer Gefühle, stellen ihre Form gegen ihren Inhalt. Die Wirklichkeit, welche ihre Gefühle enthalten und die sie wahrhat, wird als Kontrahent des Unbewussten erlebt, das nun ihre bestimmte Absicht als Bestimmung ihrer Stimmung hat. Diese Spannung der Entgegensetzung macht die innere Erregung aus, durch welche die Seele nun auch zu wirklichem Handeln gezwungen ist. Dieses muss eine erkennbare Welt betreffen und sie dahin bringen, dass darin eindeutiges Erkennen wieder möglich erscheint. In dieser Erregung ist die Absehung von bestimmter Sinnlichkeit und die Absicht einer Stimmung vereint, seelische Absicht, die nach Ereignissen sucht, in denen sie ihren seelischen Frieden finden kann. In ihrer Stimmung ist alles aufgehoben, was sie wahr nimmt und wahr hat; es ist der Ausgang ihres wirklichen Treibens, dessen seelischer Antrieb als nun aktives Verlangen nach einer Bestimmung ihrer wirklichen Welt. Es geht ihr um die Einvernahme einer äußeren Welt voller Menschen in die innere Welt ihres Verlangens und Wünschens, welche ihre Stimmungen ausmacht. Darin soll das Gemüt einer zufriedenen Welt aufgehen, das außerhalb der Seele nicht wahrzunehmen ist. |  | |  | 2. Die Absicht der Seele und ihre Stimmung |  |  |  | Die Seele selbst ist äußerst unbeholfen, was die Fähigkeit zur Erfüllung ihres Verlangens ausmacht. Zugleich ist die Wirklichkeit ja hiergegen auch äußerst kompliziert und lässt sich nicht so einfach und gerne vom Seelenreich einverleiben. Die Seele will eigentlich nur ihre Stimmung verbessern, indem sie ihr Gedächtnis mit Erlebnissen bereichert, die es fortführen und beruhigen. Das muss nicht die Wirklichkeit erfüllen, wiewohl von dort das Mangelgefühl kommt. Es reichen eigentlich einige andere Menschen, welche in die Gefühlswelt der Seele geraten sind. Sie sieht es ja nur darauf ab, ihr inneres Erleben zu steigern, ihre Stimmung durch Empfindungen und Gefühle zu verbessern und diese durch andere für sich zu gewinnen, um ihre Stimmung darmit zu entwickeln und auszuformen. Jenseits aller Lebensgegenständlichkeit und Lebensbedingtheit muss sie dabei zugleich von allerhand absehen: Nicht nur von aller Wirklichkeit, sondern auch von ihrer Verwirkllichung. Durch die Verwirklichung ihrer Stimmung würde sie in sich selbst zusammenfallen, sich selbst aufheben. Sie benötigt Stimmung durch andere, die für sie wirklich ist, ohne dass sie wissen muss, was andere wirklich für sie sind. Sie kann daher auch nicht Wirklichkeit konstruieren, als sei die ein Lebensplan, um dessen Umsetzung es ginge. Die Seele hat scheinbar planlose Absichten, die aber heftig darauf drängen, erlebt zu werden, um ihre Erregung zu tilgen, um die Wirklichkeit der Wahrnehmung mit ihrer Stimmung in Einklang zu bringen, um ihr erregtes Gedächtnis zu glätten. Der Sinn ihrer Absicht stellt sich erst im Nachhinein heraus, und auch nur, wenn man ihn hinter allem sucht, was das Zustandekommen ganz bestimmter Ereignisse erklärt. Es muss nicht Glück, es kann auch Rache sein, nicht unbedingt Liebe, sondern auch Vernichtung. Die Absicht der Seele zielt alleine auf die Herstellung einer inneren Integrität der Selbstgefühle durch die Herstellung von Ereignissen, die dem Gedächtnis Ruhe verschaffen, indem sie erlebbar machen, dass es auf sich zurückkommt, der See der Gefühle geglättet wird, das Gemüt sich in der Welt befindet und empfindet. Sie erreicht dies letztlich nur durch Einfluss auf ihre wirkliche Umgebung, durch die Herstellung von Umständen, Stimmungen und Gefühlen, durch welche Erleben entsteht, das ihre Erregungen aufhebt. Der Seele geht es nicht um die Identität der Erkenntnis, nicht um Wahrheit, sondern um eine Wahrnehmungsidentität der Gefühle, die ihre Aufruhr und Widersprüchlichkeit so auflöst, dass die Wahrnehmung für sich eins, also in sich und mit sich einig wird. Sie erreicht dies für sich im Traumhaften, im Traum oder der Phantasie oder unbewussten Äußerungen. Vor allem aber erreicht sie es durch die Herstellung einer Wirklichkeit, die ihr entsprechen soll. |  | |  | 2.1 Das Unbedingte |  |  |  | Jenseits aller Lebensbedingtheit entsteht in der Seele eine unbedingte Notwendigkeit, die Lebenswelt so zu bestimmen, dass sie darin auskommt, dass sie der Form nach ihr entspricht, so dass sie ihre Absichten verwirklichen kann. Das ist ihr Kunststück, denn die Welt lässt sich nicht so ohne weiteres von der Seele behandeln. Anderereseits aber entspricht sie ihr auch als Begründerin ihrer Notwendigkeit, als Wirklichkeit, welche sie nicht sein lassen kann und von der sie abgesehen hatte. Seele und Welt haben sich vollständig in ihren Interessen entzweit. Aber soweit die Welt voller Menschen ist, ist sie auch voller Seele und lässt sich seelisch bewegen und interpretieren. Die Seele muss andere Menschen so bestimmen, dass sie ihrer Vorstellungswelt entsprechen, ihre Gefühle und Stimmungen aufheben. Darin besteht ein unbedingter Antrieb des Seelischen, sich die Welt zu unterwerfen. Es erscheint wie das Naturschicksal der Abstraktion, sich von aller Bedingtheit frei gemacht zu haben. Diese verbleibt in der Wirklichkeit der Menschen; die Abstraktion für sich erscheint bedingungslos, also unbedingt, aber sie lebt und zehrt davon, was ihr aus dem wirklichen Leben der Menschen zugeführt wird. Natürlich bleibt das Leben der Menschen so wirklich wie eh und jeh, gleich was die Seele daraus macht. Aber sie zehrt doch auch beträchtlich an seiner Substanz. Es verlangt Kraft und Aufwand, allem nachzukommen, was seelisch unbedingt nötig ist. Das sind oft die vielen Umwege bei relativ einfachen Abläufen, die Ängste und Betulichkeiten, die unbedingt sein müssen, damit das abläuft, was sowieso abläuft. Der menschliche Anteil wird so zum Seelenanteil, weil die Seele quertreibt, wo sie ihre Regungen ausgeschlossen fühlt. Das ist ihr Knackpunkt, der Umschlagspunkt der Abstraktion zu einem unbedingten Sinn, der alles in sich trägt, was nicht wirklich ist, aber sich alle Wirklichkeit einverleibt hat, die seelenlos ist. Damit beginnt die Seele, unerbittlich zu werden, ihre Regungen zu übervorteilen und jede Einschränkung ihrer Absichten bis zum Ruin der Wirklichkeit zu bekämpfen. Sie wird zu einem Stier, der nicht weiß, was er will, der aber alles durchsetzen muss, was seiner Erregung entspringt. |  | |  | 2.2 Das Ungewisse |  |  |  | Naturgemäß ermangelt es der Seele an jeder Wirklichkeitsform und jedem Sinn für Wirkliches. Ihre Unbedingtheit fegt jeden Zweifel beiseite, und ihre Wirklichkeit wird ihr damit immer ungewisser. Von daher ist sie absolut gewissenlos und sucht und versucht, was ihr über den Weg kommt. Ihre Objekte sind ihr im Grunde gleichgültig, sofern sie sich von ihr bestimmen lassen. Auf der Suche in der Ungewissheit ist ihr jedoch auch ungewiss, was sie sucht. Es geht nur um das Potenzial des Unbestimmten, das sich so bestimmen lässt, wie Wirklichkeit für die Seele sein muss. Ihre Absicht ist und bleibt daher für sie selbst ungewiss, während sie diese verfolgt. Zugleich ist das Ungewisse das Loch ihrer Selbstgefühle. So unbedingt und energisch sie ihre Absichten durchzieht, so ungewiss ist ihr, was sie damit erreichen kann. Sie zielt ja lediglich auf Einheit von Gefühl und Wirklichkeit - und nichts ist ungewisser wie diese. Ein ganzes Leben kann hierfür verbraucht werden und alle Seelenarbeit der Welt sich in Gewissheit auflösen wollen: Die Seele bleibt notwendig ungewiss, eben weil sie keinen Sinn für Wirklichkeit hat und weil ihr Wirklichkeit nur unsinnlich gilt. Ihre Ungewissheit macht ihre Gewissenlosigkeit aus - und ein schlechtes Gewissen kann daher sich nurmehr aus der Wirklichkeit ergeben. Die Bedingung für seelische Entwicklung ist ihre Ungewissheit - sowohl von ihrer Herkunft als auch für ihr Ziel. Nun war bereits das Unbewusste eine Grundlage der Innenwelt, welche die Seele ausfüllt. Das Ungewisse bezieht sich ganz im Gegenteil zu diesem auf ihre wirkliche Sinnesform. Das Unbewusste der Sinne ist dem vorausgesetzt, dass sie für sich Wirkung erzeugen können, sich verselbständigen und damit zur Kraft ihrer Abstraktion werden. Es geht nun aber nicht mehr um das Reich der Regungen und Erregungen, sondern um die Tätigkeit der Seele. So unbedingt, wie sie sich aus den Gründen ihrer Entstehungsgeschichte hervorgetan hat, so ungewiss wird ihr eigener Sinn, welcher der Träger ihrer Abstraktion ist. Die Seele kann Gewissheit ihrer Sinne nur außer sich finden, in fremden Sinnen, die ihr Gewissheit dadurch bieten, dass sie für sie erkennbar sind. Sie erkennt in fremdem Sinn das Potenzial ihres Lebens und ist deshalb bestrebt, sich diesen einzuverleiben, ihn zu ihrem Leib zu machen, ohne dabei selbst leiblich zu werden. Da regt sich dann endlich, was sich in ihr regt, wirklich - und zwar in fremdem Sinn. Sie betreibt dessen Regung und genießt seine Erregung als ihr Produkt. Und sie hat darin ihre erste Wirklichkeit, erste Lebensform ihrer Absicht. |  | |  | 2.3 Die Einverleibung der Sinne |  |  |  | Unbedingt und ungewiss hat die Seele ihren wirklichen Sinn nur außer sich. Sie ist wie ein Mönch, der sich seiner wirklichen Herkunft entzieht und sich auch nirgendwo wirklich sinnlich einlässt - das Zölibat ist ihm gnädig. Sie ist für sich reines Selbstgefühl in der Betrachtung und Anschauung der Welt. Aber sie lebt voll und ganz nur durch sie. Wenn es um Geld geht, da werden auch die Mönche wach, wo es um wirklichen Sinn geht, die Seele. Und wie der Mönch, so besteht auch die Seele aus einem unbedingten Glauben an die Möglichkeit der Bestimmung ihrer Lebenswelt. Sie muss sich darin regen, um ihre Erregungen zu übertragen, sich einbringen als fleischlicher Geist, um begeistertes Fleisch zu ernten. Darin kehrt sich nun das Verhältnis ihrer Regungen zu ihren Erregungen in ihrer Tätigkeit um: Sie erweckt durch ihre regsame Geisteskraft eine Sinnlichkeit, wie sie sie für sich braucht - und verbraucht. Hier erweckt sie Liebe, deren Sinn verschlossen bleibt, dort Hass, der völlig unsinnig ist, dort Vertrautheit, die keine Entfremdung kennt ... Die Seele verschmilzt alles zu einer Gemeinschaft der Selbstgefühle, die sie erst richtig aufgehen lässt und worin eine seelische Identität entsteht, die sich von aller Wirklichkeit abhebt, wiewohl sie nur durch diese sich bildet. Von der Wirklichkeit her erscheint diese Welt, die so entsteht, unfassbar. Darin lassen sich Menschen nutzen, ohne irgendeinen Sinn dafür zu haben, was ihre Nutzung bestimmt. Sie tun es aus Liebe oder Hass oder sonstwelche Regung, in der die eingefangen sind. Die Seele eben erfüllt höhere Zwecke und der profane Leib, den sie für ihre Absichten auserkohren hat, weiß nichts von seiner hohen Bedeutung. Er scheint das Leben lediglich zu bebildern, ist in Wirklichkeit aber der höchste Sinn, den es bekommen kann. Er wird einverleibt aus seinen Sinneszusammenhänge heraus und in einen seelischen Zusammenhang gestellt, von dem er nichts wissen kann. Darin ist die Ungewissheit der Seele wirklich aufgehoben. Sie bekommt Sinn darin, was sie begeistern kann, was sie in Regungen und Erregungen zu versetzen versteht, ohne dass hierbei ein wirklicher Sinn entstünde, den es noch nicht zuvor gegeben hätte. Im Nachhinein wird mancher feststellen, das es vergebliche Lebenszeit und Lebensmüh gewesen war, die der Seele geopfert wurde. Umgekehrt gibt es im Seelischen das Problem, dass jede seelische Beziehung einen Sinn hat, ohne den sich die Seele verlieren müsste. Sie hat eine umfassende Verlustangst, während sie sich als Seelenmacht über die Sinne fühlt. Aber nur dort hat sie ja wirklich Sinn. Das macht sie vollständig von dieser Sinnenwelt der Wirklichkeit abhängig. So selbständig, so unbedingt und ungewiss sie sich gegen diese errichtet hatte, so gewiss und bedingungslos muss sie ihr jetzt folgen. Alles, was sie fühlt und spürt, treibt sie von dieser zu jener Wirklichkeit, zu diesem oder jenen Menschen, der ihrem Bestreben genügen muss, indem sie ihm genügt. Die Seele betreibt nun selbst eine Wahrnemung, die solche Genügsamkeit einlösen muss. Es ist eine getriebene Wahrnehmung, in der sich vor allem der Körper rührt, welcher dem seelische Subjekt verblieben ist. So herunter gekommen er ist durch die Einfältigkeit, zu der er von ihr bestimmt ist, so überwertig macht er sich durch die Gewalt seiner abstrakt gewordenen Sinne geltend: Als ihr Trieb. Sie ist getrieben von ihren eigenen Wahrnehmungsorganen, um weiterhin ihrem Glauben nach höchster Erfüllung nachzugehen. |  | |  | 3. Die getriebene Wahrnehmung und ihr Trieb |  |  |  | Die Wahrnehmungsorgane werden nun selbst zum Organ der Seele, nicht als ihr Organ, sondern als Organ, das ihren abstrakten Sinn in sich aufhebt, das sich als Naturstoff des Mangels an Sinn zeigt. Alles, was keinen wirklichen Sinn mehr hat, strebt nach Sinnlichkeit schlechthin. In der Ermangelung konkreter Sinnlichkeit bekommt der Körper selbst den Sinn, der nur die Abwesenheit von Sinn darstellt: Das Getriebensein zu einer sinnlichen Befriedigung. Sie sucht nurmehr die schlichte Anwesenheit von Sinn, der sich als ihr Objekt ihr ergibt. In seiner Einverleibung schafft sie einen kurzen Frieden für sich. Doch ihre immer stärker werdende Sinnentleerung verlangt immer mehr Sinn für sie. Im Prinzip der Vermehrung ihrer Befriedigung glaubt die Seele an die Potenzierung ihrer Befriedigung, ihrer Erlösung. Damit steigert sich mit jeder Befriedigung ihre Entleerung wie auch ihr Glaube. Der Trieb nach Befriedigung wird zur dritten Wirklichkeitsform der Seele. Doch dieser Trieb zielt nicht auf Lust, sondern auf Sättigung. Das Lustprinzip von Sigmund Freud ist eine ideologische Verzerrung dieses Verhalts. Die Seele ist nicht lustig, sie ist unbedingt und verfolgt ihre Notwendigkeit unerbittlich, ohne sich ihrer selbst gewiss zu sein. Es ist ihr Widerspruch, sich unbestimmt in der vollen Bestimmung ihrer Form, in den Erregungen ihrer Organe verhalten zu müssen. Das ist, was die Psychoanalyse mit der bestechenden Selbstgerechtigkeit des aufgeklärten Seelenfreunds zu vernebeln versucht. So wird jedeR PsychoanalytikerIn zum Anwalt ihrer Sinnentleerung und verdichtet diese auch noch zu einer geballten Ladung Mythologie. Darin wird jedes Gefühl der Erleichterung vom Druck der Mangelempfindung emporgejubelt zum menschlichen Wesensbild, so wie ein gelöschter Durst nach einer Dürrezeit einem gläubigen Menschen zum göttlichen Labsal gerät. Nichts ist schlechter für das Erkenntnis- und Kritikvermögen.Die Psychoanalyse hat für derlei Verdummung einen gewaltigen Beitrag geleistet. Die Seele für sich erscheint nun bunt und vielfältig, so ihr ihre Befriedigung gelingt. Sie hat zweifellos einen Geist, der aus vielerlei Erleben resultiert. Darin sind Begeisterungen lebendig, die aus dem Erleben von Menschen resultieren, deren Leben sie reflektiert und in sich trägt. Sie ist nun wirklich die private Form begeisternder Erlebnisse. Wie ein Tourist im eigenen Land durchstreift sie die Körper und Herzen der Menschen, fügt sie in sich zusammen und erscheint selbst als ein überaus liebenswertes Wesen, das gerne selbst das Wesen aller Liebe wäre. Indem sie Menschen als sinnliche Basis ihres Selbsterlebens wahr hat, kann sie sich im Prinzip geistig unendlich ausdehnen und reflektieren und darin auch glücklich sein. Sie wird sich in ihrem geistig erscheinden Wesen auch gerne bilden und die Welt in dieser Form nachvollziehen, wie sie ihr erscheint. Solche Seele ist das Herz des Bildungsbürgers, der die Welt als Gleichnis seiner selbst zu verkörpern versteht. So gediegen er erscheint, so unendlich hungrig und begierig ist er auch. Denn seine Begeisterung für sein Leben hat einen Grund, der nicht sehr grundlegend ist: Die Seele glaubt sich in ihrer Befriedigung wirklich, indem sie darin nach ihrer Wirklichkeit sucht. Doch diese ist in Wahrheit das vollständige unwirklich Sein aller Sinne, ihre unendliche Vereinung, vereinte Sinnlichkeit mit allem, was außer ihr Sinn hat. Sie ist getrieben, sich in der Einverleibung dieser Sinne zu gestalten und durch deren Beherrschung zugleich eine Macht über das zu gewinnen, was sie selbst nicht ist. Alles was Sinn hat, soll ihr unterworfen werden. Das hat sie nicht im Sinn, sondern in ihrem Gefühl, in dem Mangelgefühl, das nicht als Gefühl des Mangels auftritt, sondern als bloße Begierde, Sinn zu gewinnen, indem sie ihn sich einverleibt. Alles Sinnliche erscheint ihr als ihr Objekt und zugleich als objektive Erlösung ihrer Begierde, als Sättigung ihres Verlangens, Hoffnung auf Wiederferlangung ihres Gemüts, dem Glück ihres Innenlebens. Die Seele weiß nicht, was sie entzweit hat, weil sie unbewusst und unbedingt in ihrem Verlangen ist. Sie hat ihre Herkunft verloren und begehrt nach ihrer Einheit, nach ihrer seelischen Identität. Und sie findet diese, indem sie Ereignisse produziert, in denen sich die Selbstgefühle versammeln, worin sie ihr Gemüt wahrhat. Sie ist von einem Glauben angetrieben, der sie immer hoffen lässt, die Wirklichkeit ihres Gemüts zu finden, sich in der Welt aufgehoben zu wissen. Es treibt sie zu einer Wahrnehmung der Wirklichkeit, die vor allem ihrer Absicht entspricht, Sinn für sie hat, gleich, was sie sinnlich wirklich ist. Das macht ihre Wahrheit wie ihre Täuschung aus. Seele erkennt nicht wirklich, sie erkennt, worauf sie es absieht, aber nicht, wovon sie absieht. Von daher ist sie getrieben gegen alles, was ihre Absicht hindert, sich wirklich wahr zu machen. Das macht ihre Absicht selbständig zu einer unbedingten Lust des Erlebens: Sie treibt dahin, worauf sie lustig ist, worin sie sich wirklich glaubt, wo sie ihre Identität mit der Welt vermeint und darin ihrer Absicht, ihrem Streben nach Sinn, zur Verwirklichung verhelfen will. Doch Glaube hilft nicht, Glaube treibt zu allerlei Unsinn. Und so ist die Lust oft gar nicht so lustig, weil sie betrieben ist durch einen Sinn, der außer sich geraten ist. Die Seele betreibt den Leib vor allem dadurch, dass sie in ihm Frieden sucht, der wiederum nur als Prinzip der Befriedigung möglich scheint. Was sie bewegt ist die Sinnlosigkeit ihrer Wahrnehmungen und Gefühle, weil sie sich in ihrem Selbstgefühl ihrem eigenen Erleben enthoben haben. Sie hat vor allem Lust, das zu erleben, was sie nicht kennet und auch nicht im Mindesten erkennen muss und was sie aus dem Bedürfnis ihrer Selbstgefühle begehren muss: Die Einvernahme fremder Sinne zum Zweck des Selbsterlebens. Und wo sich die Sinne selbst allgmein fremd werden, wo ihre Zerteilung und Vereinzelung sich ausbreitet, da breitet sich vor allem die Seele ihrer Träger aus. Ohne einen wirkliche Beziehung zueinander müssen sie für das Sinnenleben einvernehmlich werden, quasi geschäftsführend für den Sinn ihres Lebens werden, um dem Bedürfnis nach Selbsterleben, der Lust der Sinne folgen zu können. Wo Sinne zu wechselseitigen Objekten eines sinnlichen Bedarfs werden, sind sie in die Form der Objektivität versetzt: fremde Sinne, welche nur vom Standpunkt des Erlebens, also nicht im Bezug auf ihre Tätigkeit, wahrgenommen werden. Das ist ein notwendiges Resultat der Selbstwahrnehmung, die sich über die Wahrnehmung erhoben hat. Das Prinzip der Befriedigung ist nicht der Seele vorausgesetzt, wie das von der Psychoanalyse gern begriffen wird, die in der Seele ein ontologisches Gebräu naturbedingter Bedürfnisse vermutet und in deren Triebhaftigkeit also auch nur die tierische Natur des Menschen am Werk sehen kann. Doch solche Triebe unterscheiden sich von denen der Lust darin, dass sie selbst sinnlich sind und ihrer Tätigkeit nachgehen, wie sie nötig ist. Dazu sind die Spiele des Seelenlebens nicht vonnöten. Es ist in der Tat erst die bürgerliche Kultur, welche aus ihnen ein Luststreben gemacht hat. So irrt Sigmund Freud auch darin, dass die Kultur eine Sublimation der Triebe sei, ihre Formveränderung zum Zweck eines höheren Lebens. Kultur liegt der Modifikation solcher Triebe zur selbständigen Erlebensweise zugrunde, macht deren Formbestimmung aus der Notwendigkeit menschlicher Beziehungen darin aus. Die Seele folgt ihrer Lust auf unmerklichen Ebenen und strengt sich hierbei auch wirklich an, wie ein Manager der Ereignisproduktion, der zwar nicht weiß, was wird und was sich von ihrem Verlangen wirklich realisieren lässt, der aber alles tun muss, damit die Produktion läuft. Das beständige Erzeugen von Gemütslagen, Stimmungen und Unterwürfigkeiten in menschlichen Beziehungen dient vor allem dem Glauben, im Erleben ihrer Einverleibung Frieden zu finden, ohne wirklich leben zu müssen. Das ist das Resultat einer permanenten Lebensverweigerung, in welche die Selbstgefühle geraten waren und im Leben fremder Sinnlichkeit Frieden finden müssen. Das ist, was notwendig zur Befriedigung treibt, Befriedigung des Triebes nach Einverleibung, der hier zum Gleichnis eines Friedens gerät, welches den Glauben hieran nicht erfüllen kann, und daher um so heftiger auf Befriedigung drängt. Es ist gleichgültig, ob es sich um die Einverleibung von Geschlecht, Nahrung oder Menschen handelt. Was dies alles als Momente und Eigenheiten des menschlichen Lebens wirklich ist, das spielt hier keine Rolle mehr. Der Trieb besteht aus einem Prinzip der Entwirklichung, das lediglich eine selbständige Erlebenswelt privater Persönlichkeiten zu errichten sucht. |  | |  | 3.1 Das Prinzip der Einverleibung |  |  |  | Die Seele spekuliert auf die Leiblichkeit ihres Gemüts. Ohne Mut für sich selbst, erlebt sie sich durch die Sinne, die ihr geboten sind, die sie begehrt und sich einzuverleiben versteht. In der Wechselseitigkeit, in der sie dies nun betreibt, ist eine Teilung der Sinne vorausgesetzt, die hierdurch selbst in einem objektiv notwendigen Verlangen zueinander sich befinden. Wäre diese Teilung nicht durch die Form der Wahrnehmung begründet, so würden sie dieses Verlangen auch selbst verspüren und von selbst zur Vereinigung streben. Dies wäre lediglich ein Lebensmoment. Aber durch die Form der Selbstwahrnehmung, wohin es die Wahrnehmung gebracht hatte, wird es zur Sache der Seele, sich ihre Sinne zusammenzusuchen, die sich dadurch bereichern können, dass sie sich aus der Teilung heraus wieder vereinen und sich vervollständigen - nicht aber wie es ihnen geboten ist, sondernwie es die Seele nötig hat. Das Glück der Seele beruht auf der Umkehrung ihrer Not, auf der Entfremdung der Sinne, der Selbstentfremdung der Menschen, deren Resultat sie ist. So ferne sie sich sind, so nah ist ihnen das leibliche Verlangen ihrer Seele. Gerade aus der Ferne wird das leibliche Leben zum Gegenstand der Selbstwahrnehmung schlechthin. Was sich darin wirklich an Sinn findet, bleibt der Seele verborgen und steht manchmal im Konflikt zu ihr. Wo Sinne wirklich ineinander gehen, wirkliche Gestalt finden, da ist die Seele mit ihrem Latein am Ende. Ihre Bestimmung ist konservativ: Die Einverleibung entfremdeter Sinnlichkeit. Sie treibt sich in der Welt um wie ein Schlossgeist, der keine Ruhe findet und hie und da Glück oder Schrecken verbreitet, um sich daran vorübergehend zu befriedigen. Sie selbst lebt nicht wirklich; sie begehrt den Leib ihres Glaubens zu ihrer Selbstverwirklichung, die Erfüllung ihrer Hoffnung auf ihr Leben als ihre Wirklichkeit. Es ist die Seelennot, die nach wirklichem Sinn verlangt. Wovon sie im wirklichen Leben abgesehen hat, das wird für sie nun übermächtig, zur Notwendigkeit ihrer Konzentration auf das leibliche Wohlergehen, welche alleine in der Einverleibung wirklicher Sinne zu seinem Frieden kommt, befriedigt ist. Indem sich die Menschen ihre Sinne wechselseitig zur Verfügung stellen, sind sie sich auch im Wesentlichen notwendig fremd. Sie affirmieren ihre Selbstentfremdung, indem sie einander Sinn geben. Zugleich schaffen sie Vertrauen, indem sie sich in ihrer Sinnlichkeit kennenlernen. Die Wechselseitigkeit ihrer Einverleibung erzeugt eine Bindung, die unbedingt und unbewusst ist, aber alle Ungewissheit aufzulösen scheint. Das Vertrauen ersetzt Erkenntnis so, dass man glauben möchte, es gäbe keine Notwendigkeit mehr hierfür. |  | |  | 3.2 Die seelische Selbsterfüllung der Sinne |  |  |  | Einen Sinn an sich gibt es nicht; es gibt nur Sinn für etwas, für einen Gegenstand oder einen Menschen. Aber um Sinn geht es hier nicht wirklich, es geht um das Wirklichkeitsverhältnis abstrakter Sinne und also darum, was sich darin an Abstraktion verwirklicht, indem sie sich wechselseitig ergänzen. In der Einverleibung der Sinne ergibt sich eine Befriedigung, die darauf beruht, dass isolierte Sinne zusammenkommen, dass die Seele in Not gerät, wenn sie sich nicht einfinden. Es ist nicht wirklich sinnliche Not, die hier gewendet wird, sondern die Not einer sinnentleerten Seele. In ihrer Befriedigung hebt sich im Grunde nur der abstrakten Mangel auf, ihr Mangel an Sinn schlechthin. Die Isolation der Sinne ist vorübergehend aufgebrochen, aber im Leben der Menschen bleibt sie solange bestehen, wie ihre Verhältnisse auf Selbstgefühlen beruhen. Durch die Befriedigung sinnlicher Begierden, die durch seelische Not vermittelt ist, wird deren Leib zum Mittel der Seele und also für sich entgegenständlicht. Es ist keine leibliche Verwirklichung, sondern eine Selbsterfüllung der Leiblichkeit, welche seelisch vermittelt und erzeugt wird, welche also den Notwendigkeiten der Seele, ihrem Selbstgefühl als Glaube ihrer Selbstverwirklichung, entspricht. So verschafft Befriedigung zugleich einen Mangel an wirklicher Leiblichkeit, an leiblicher Gegenständlichkeit. In ihr verliert der Leib den konkreten Sinn, den die Befriedigung abstrakt gefunden hat. Gerade das, was an der Seele besonders sinnlich scheint, betreibt das Gegenteil: Die Entsinnlichung ihrer Organe. Sie werden für sich als Organe der Erkenntnis stumpf, indem sie der Seele zur Verfügung stehen müssen. Der abstrakte Sinn erfüllt sich darin, dass er einen Mangel an leiblicher Wirklichkeit erzeugt, der wiederum sinnliches Verlangen weckt. Die getriebene Wahrnehmung wird somit selbst zu einem Trieb, der in der Wahrnehmung und ihren Organen haust. |  | |  | 3.3 Der Trieb und sein Prinzip |  |  |  | Der Trieb nach Lusterfüllung ist die verselbständigte Absicht der Seele als reiner Antrieb ihrer Sinne, als Begierde, sich ihre Objekte möglichst umstandslos einzuverleiben. Was sinnlich für sich völlig unmöglich wäre, die Verschmelzung gegensinniger Bedürfnisse, wird durch den Trieb der Seele bezwungen und zum Anreiz geistiger Kräfte verkehrt, welche zur Befriedigung treiben. Er treibt darin, dass jeder Sinn als Vorgriff auf das wirkliche Erleben gilt, dass er aufreizt, erlebt zu werden, was immer er auch sein mag. Darin wirkt eine seelische, mehr oder weniger unbewusste Kraft, die es herstellen muss, die aus einem Mangel an Leben getrieben ist und erleben will. Sie ist Ausdruck der Notwendigkeit der Seele, zum Leben durch erleben zu kommen. Was sie in ihren Stimmungen und Launen nur noch vom Leben wahr hat, muss sich in ihr wenden zu einer platten Ebene des Erlebens von Befriedigung, der Friedensstiftung ihres Lebensmangels. Von da her hat sich der Trieb als Resuktat der Seele ergeben, als ihre höchste Wirklichkeitsform. Sigmund Freud, der ihn ihr vorausgesetzt sah, verharrte noch ganz im Denken der Aufklärung, welche zuvorderst die sinnliche Basis der Erkenntnis in einer ihr vorausgesetzten Natur vermeinte. Solche Aufklärung ist die verfängliche Weltsicht des Bürgertums, das nicht begreifen kann und will, dass die Natur im Menschen vollständig aufgeht und sein Geist eine hiervon unabtrennbare Eigenschaft ist. Die vermenschlichte Natur ist als natürlicher Mensch nicht gespalten in Sinn und Geist. Wenn sie gespalten erscheint, so durch die Lebensverhältnisse, die Menschen als gesellschaftliche Verghältnisse entwickelt haben. Die Verselbständigung ihrer Sinne zu Trieben entspricht daher vorzüglich der Verselbständigung ihres Reichtums zu Kapital. Die Seele hat sich damit selbst nun vollständig in das Prinzip ihrer Veräußerung gestellt: Je mehr ihr an wirklichem Leben ermangelt, desto notwendiger wird der Trieb zu ihrer Befriedigung und desto geringer wird ihr Erkenntnisvermögen gegen die Objekte ihrer Begierde. Das sogenannte Lustprinzip (Sigmund Freud) bringt nicht das Glück, das darin versprochen ist und an das die Seele glaubt. Im Gegenteil: Im Verhältnis zu den einverleibten Objekten wird auch die Seele immer substanzloser und muss früher oder später ihre Sinnentleerung als ihre selbsterzeugte Gegebenheit erkennen. Von daher entwertet die Lust solchen Strebens jeden Sinn. Die Seele erlebt sich so auch bald insgesamt minderwertig, so sie sich nicht eine Gesamtheit des Erlebens gibt als Persönlichkeit, welche ihre Wahrnehmungen und Triebe zu handhaben versteht, ohne ihre Gespaltenheit in ihren Erlebnissen erkennen zu müssen. |  | |  | Weiter mit Teil I.3. Die private Persönlichkeit |  |  |
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