 | Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 1: Die Sittlichkeit der Kulturverbindlichkeiten |  | 
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1 | 1. Die selbstlose Selbstwahrnehmung
(Die subjektive Vernunft des Überlebens) |  |  |
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Die Bildung der zwischenmenschlichen Kultur von Einzelpersönlichkeiten geschah aus dem Mangel heraus, dass etwas nur Sinn haben kann, wenn dieser für andere auch ist, dass also das wechselnde Anderssein der Sinne sich über die Persönlichkeiten hinweg erst als sinnvoll erweist. Jede der beteiligten Personen beabachtet hiernach die anderen nur in dem Zweck, eine optimale persönliche Verwirklichung in ihrer Gemeinschaft zu finden. Hatte sich im ersten Teil dieses Textes noch die Selbstwahrnehmung im Selbstwert der einzelnen Persönlichkeiten sinnlich und reizvoll verwirklicht und im zweiten Teil auf sich als solche Persönlichkeitswelt, als Gewohnheit des geborgenen Lebens bezogen, so gestaltet sie sich jetzt zu einer selbständigen und verselbständigten Kulturmacht der persönlichen Anzeizungen, worin diese zunehmend selbstlos werden und sich als objektiver Wille einer politisch wirksamen Kultur durch die Anreize ungewöhnlicher Selbstwahrnehmungen durchsetzen.
Von da her sind die sinnlichen Verhältnisse nicht mehr nur ästhetisch, also in reizvollen Verhältnissen. Ästhetik wird selbst zu einem Sinn. Der Sinn selbst hat daher eine rein ästhetische Form, deren Inhalt der bloße Sinneswandel der Menschen ist. In ihren Verhältnissen finden die Menschen nichts mehr, was für sie Sinn hat; sie gewinnen ihre Sinnlichkeit nurmehr aus der Teilhabe an einem Sinn, den ihre Gesellschaft ihnen abverlangt. Dieser erscheint so, wie er als Reiz auf die Selbstwahrnehmung wirkt und darin auch sinnlich gilt. Von daher enthebt er sich den Lebensgewohnheiten und gestaltet sich wesentlich im bloßen Reiz einer Allgemeinheit des Außergewöhnlichen. Er wird so zur Grundlage einer allgemeinen Vertauschung von Sinn und Reiz, Grundlage einer gewaltigen Selbsttäuschung.
Alle Not, welche die Kultur der persönlichen Zwischenmenschlichkeit in ihrer Geborgenheit und Verborgenheit entwickelt hatte, wird nun darin gewendet, dass sie durch die Reize ihrer Selbstwahrnehmung wirkliche Überlebensverhältnisse entwickelt, worin sich das einst Private nun selbst als öffentliche Kulturform hervorkehrt. Es ist dies der Zusammenschluss einer Selbstwahrnehmung, die aus der Not einer sinnlos gewordenen Kultur entsteht, also die Notwendigkeit eines Überlebens in dieser Kultur verwirklicht. Das öffentliche Kulturerleben wird zum Inhalt der politischen Kultur und der Politik mit Kultur bestimmt. Sie erscheint von daher durch sich selbst, also durch ihre Fähigkeit, Überleben zu versichern, vernünftig. Alles Ästhetische wird nun dadurch lebendig, dass es als Lebensträger zu einer eigenen Wirkung gelangt.
Man kann die Wirklichkeit, wo sie nicht mehr hinreicht, menschliche Gesellschaft darzustellen, drehen und wenden, wie man will: als Kultur erscheint sie immer menschlich, da sie zwischenmenschlich immer real ist und als Form der Zwischenmenschlichkeit auch Natur hat - auch wenn sie nicht unbedingt natürlich ist. Der Mensch wird in unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnissen kulturell "zurückgewonnen", indem man diese Verhältnisse kulturalisiert. Aus demselben Grund nutzt man auch die Medien und öffentlichen Kulturüberlieferungen, um darin zu ergattern, was optimalen zwischenmenschlichen Verkehr ermöglicht. Die auf diese Weise gebildeten Wahrnehmungen vermittelten das in der Abstraktion gewiss gewordene Erleben, das Kulturerleben, wie eine zwischenmenschliche Persönlichkeit, die durch sich nichts wirklich bildet, die aber alle Kulturgebilde reflektiert und in sich zu einem Kulturwissen aufgehoben und vereint hat, durch welches sich alles Leben in der zwischenmenschlichen Kultur zu arrangieren vermag. Die Kultur erscheint daher getrennt von allem wirklichen Leben selbst wie die Allgemeinheit personifizierter Selbstwahnehmungen, wie eine allgemein menschliche Persönlichkeit, worin alle Sinnzusammenhänge gegeben und bestätigt sind und wodurch alle Menschen an einem gesellschaftlichen Leben teilhaben, das sich in dieser Personifikation wie von selbst versteht, selbstverständlich und also natürlich erscheint.
Dies ist aber ein Leben, wie es natürlich nicht sein kann, wie es aber als notwendige Natur erscheint, weil es Not wendend auch nachvollziehen muss, was nicht wirklich, was aber nötig ist: die Kultur als Verwirklichung der menschlichen Natur. Die gewendete Kultur aber ist bloße Formation einer Natur, die nicht wirklich sein kann, weil sie selbst nur Reflexion, nicht wirklich menschliche Natur ist. Die Kultur wird von daher selbst zur Reaktion auf natürlich scheinende Gegebenheiten des Lebens, also wesentlich reaktionär. Jeder Mensch, der als Kulturbürger bzw. als Kulturbürgerin dieser Welt lebt, kann in solcher Kultur finden und empfinden, was ihm als lebensnotwendig erscheint, ohne dass er oder sie hierin sein oder ihr Leben geäußert haben muss. Und weil das Leben darin überhaupt nur abstrakt vermittelt, also an und für sich vollständig veräußerlicht ist, stürzt er von einem Loch ins andere und hat mehr damit zu tun, sich von seinen Blessuren zu erholen, als irgendeinen Sinn darin zu finden. Es ist ein unendlich tragisches Leben, dass sich nur daraus bestärken kann, dass die Tragödien auf der Bühne davon entlasten, wirkliche Lösungen für sich finden zu müssen. Sie bestätigen den Selbstgefühlen einerseits ihre ungebrochene Einzigartigkeit und vermitteln zugleich deren Schmerz in die Allgemeinheit eines Publikums, das zumindest zu dessen Wahrnehmung in der Lage ist - meist aber auch nicht zu mehr.
Eine seltsame Unwirklichkeit entsteht in diesen Verhältnissen, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie als ausschließliche Wirklichkeit gilt. Natürlich ist alles, was sich im Kreis drehen muss, ausschließlich, solange sich dieses Müssen nicht durchbrechen lässt, solange also der Begriff seines Treibens nicht gefunden ist. Hier aber herrscht zugleich die ausschließliche Begriffslosigkeit als das Bedürfnis nach der Endlosigkeit solcher Triebe. Es war das Bedürfnis nach Bergung einzelner Personifikationen für Beziehungen, welche durch ihre Verallgemeinerung im Gemeinen der zwischenmenschlichen Persönlichkeit aufgehoben und also möglich erscheinen kann. Jeder Mensch wird darin zur Metapher einer Persönlichkeit, die es gar nicht wirklich gibt, worin aber die Wirklichkeit persönlicher Kulturen erscheinen kann.
Der Bedarf an Hilfsmittel hierfür ist enorm. Man muss jedes Kulturereignis als Maßstab der eigenen Persönlichkeitsbildung erhaschen und jedes dargebotene Ereignis als Selbsterlebnis empfinden. Doch solange für alles, was abgeht, ein Ereignis verfügbar ist, wird der ewige Kreislauf abstrakter Kultivation irgendwie gelingen. Um sich glücklich zu fühlen, genügt dann eben auch ein Film zum großen Glück; und um sich kritisch zu verstehen, genügt auch schon die Befassung mit einer kritischen Dokumentation oder Lektüre. Sofern sich ganze Personengruppen damit begnügen, werden die kursierenden Verhältnisse letztlich durch die Heimatgefühle bestätigt, welche die entsprechenden Geisteshaltungen hierbei aneinander finden und durch die persönlichen Beziehungen, die sie darin empfinden und schließlich als Gesinnungsgrundlage ihrer Gefühle erwerben, lassen sich die Bornierungen des Sinneslebens auch ertragen, wird darin "das Menschliche" doch zumindest theoretisch gewahr. Hierin unterscheiden sich auch "linke Gruppierungen" wenig von den "rechten Gruppen", solange dies ihren ausschließlichen Zweck ausmacht.
Jeder Mensch ist durch die Verrücktheiten der Seele jedem anderen Menschen gänzlich äußerlich, sich selbst gänzlich innerlich geworden. Die Erfahrung ihrer verrückten Selbstbezogenheiten, die ihren entrückten Lebensräumen entsprechen, würde die erschrecken und den Umgang beschweren. Die Menschen sind daher zueinander in eine ängstlichen Beziehung geraten und spalten sich in eine vorsichtige Äußerlichkeit ihrer Bezugnahme und einer an und für sich geschützen Innenwelt, eine Welt, die ihren wirklichen Lebensraum aufgehoben und diesen auch in sich bewahrt hat. Sie verhalten sich daher nun öffentlich und wirklich zueinander wechselseitig als Inneres und Äußeres ihrer zwischenmenschlicher Beziehungen. Was dem einen zu innerst, verheimlicht sich dem anderen zu etwas Äußerlichem, stellt sich ihm nun wirklich unheimlich dar, als etwas, worin sein Menschsein verheimlicht ist. Alle Gefühle, soweit sie in zwischenmenschliche Beziehung geraten, sind im Grunde beängstigend. Sie eröffnen ungemeine Fallstricke, und locken und untergraben, was zum geistigen Selbsterhalt eines Menschen nötig bleibt. So werden sie zu einer bloßen Darstellungsform der Verheimlichung, zum Stoff der zwischenmenschlichen Gewohnheit.
Alles Unheimliche, was sich in den Wohnwelten der Seelen, in der Lebensburg der bürgerlichen Kultur entwickelt hatte, führte dazu, dass sich in vergemeinschafteter Isolation zwischenmenschlicher Abhängigkeit und Geborgenheit die Menschen von ihrem Sinn füreinander entrückt hatten und verrückt geworden waren, die einen in ihrer Selbstlosigkeit, die anderen durch Selbstvergewisserung in einer wirklichen Verrücktheit ihrer Wahrnehmung. Die scheinhafte Identität der Verhältnisse ihrer vertrauten Gewohnheiten und Wohnlichkeiten hat sie sich selbst entfremdet, sich in ihnen aufgehoben und Zustände der Wahrnehmung erzeugt, in denen dies sich ausgedrückt hatte.
Es war das Verhältnis der Selbstgefühle, welches in seiner kultiviertesten Form, im Wohnverhältnis selbst, ihre Selbstaufhebung aus Gewohnheit betrieben hatte. Die Kultur hat darin sich als Identität des zwischenmenschlichen Lebens überhaupt entäußert und sich den sinnlichen Grundlagen der Selbstwahrnehmung enthoben. Kultur kann sich daher nicht länger einfach ergeben; es bedarf einer allgemeinen Sinnstiftung, in welcher sie aufgehen muss, woraus ihre Verhältnisse nicht mehr resultieren, sondern wodurch sie bestimmt werden.
Sinn kann nicht einfach geschaffen werden, genau so wenig, wie er einfach verschwinden kann. Er kann nur seine Gegenwart verlieren und sich in einen anderen Sinn wandeln, hintersinnig werden und darin erneuert erscheinen. Indem die Menschen in ihrer öffentlichen Kultur ihr Menschsein allgemein und abstrakt versammeln, können sie sowohl ihre Selbstgefühle geborgen halten und zugleich ihr heimliches Menschsein in der Masse als öffentliche Menschen betreiben. Solche massenhafte Selbstverwirklichung steht im Widerspruch zu sich selbst und kann von daher sich nur in einer allgemeine Selbsttäuschung entfalten.
Doch in der Masse gelingt, was sonst Unsinn wäre. Kaum sind viele Menschen unter sich, da werden sie auch schon als Menschen anders. Da werden sie zu öffentlichen Menschen, die ihr eigenes Menschsein hinter sich lassen und jeden Menschen unter das Gebot des öffentlichen Menschseins zwingen. Sie bringen damit den Begriff der bürgerlichen Kultur, den abstrakt menschlichen Sinn, mit seiner Begriffsgröße, der Dichte menschlicher Anwesenheit in eins. Indem sich die Menschen aus eigener Not und jenseits ihrer Wirklichkeit in Masse zusammentun, wird dem Einzelnen das eigene Menschsein zum Überleben in dieser Masse aufgenötigt.
Darin steckt das Geheimnis der massenhaften Anwesenheit, - also der Anwesenheitsmasse, die sich selbst zu bestimmen scheint, indem sie sich im Zeitlauf des Raumes ohne Wirkung fortbestimmt, also alles zur Wirkungslosigkeit bestimmt: Durch beständige Anwesenheit gewöhnt man sich an alles, was jenseits seiner Wirkungen anwesend ist, was also unwirklich ist und nur durch seine Ungewöhnlichkeit Wirkung hat. Umgekehrt gewöhnt man sich nicht nur durch die Massierung von Anwesenheiten an die eigene Unwirklichkeit. Durch anwesende Menschenmassen wird das Gewöhnliche selbst auch ungewöhnlich, das Moment zu seiner Allgemeinheit: Durch die unbestimmte Ausdehnung von Körperlichkeit entsteht mit der Macht der Ungewohnten zugleich die Gewöhnung an die Macht des Herausragenden, welche die Masse in einem bestimmten Lebensraum alleine schon durch sich selbst hat. Sie wird hierduch selbst zu einer formbestimmten Masse. Als Masse des Hervorragenden kann jeder Mensch darin sich wieder geborgen fühlen, wenn er das Gewöhnlich als seine Eigenart darin wiederfindet. Was auf der Bühne geschieht, hat für die Masse der Anwesenden immer Wirkung, wie unwirklich es für sich auch sein mag. Es ist die Grundlage der Oberfläche der politischen Kultur. Die einstigen Gründe für jene umständliche Gegenwärtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen sind zu Umständen der Masse aufgehoben und das Hervoragen darin gewöhnt die Wahrnehmung an ihre Grundlosigkeit, macht sie zum bloßen Moment der Selbstwahrnehmung, zu dem, was diese an Eindruck überhaupt bereitet. Darin verhalten sich jetzt die Unwirklichkeiten abstrakter Substanzen, das Quantum ihrer werdenden Masse und ihrer sich fortbestimmenden Masse, wodurch sie sich auch selbst als Masse ausdrückt, indem sie den Anschein einer Menschenmasse annimmt.
Das Hervorragende, das Ungewöhnliche ist vor allem zur Fixation des Gewöhnlichen selbst geworden, das Gewöhnliche zum Massenmenschen. Dieser ist der von allem isolierte Mensch, wie er in einer Menschenmasse überlebt. Er muss ja nur am allgemeinen Überleben sich beteiligen, darin eine ungewöhnliche Form für sich, eine ungewöhnliche Selbstwahrnehmung entwickeln.
Aber der Aufwand hierfür ist groß, besteht doch gerade die ungewöhnliche Selbstwahrnehmung aus Hervorkehrungen, die sich gegen die Masse abstoßen müssen. So potenziert sich die Arbeit an der Hervorkehrung ins Unermessliche. Sie kann nur durch eine Massenkultur getragen werden, bei der eine Menge Menschen mitwirken und sich darin eingewöhnen, dass sie ungewöhnlich sind. Es verlangt eine Kultur der Kitsch- und Schund-Produktion für ungewöhnliches Selbsterleben.
Von daher wird die reaktionäre Seite der Gewohnheit total: Alles hängt von den Angeboten zur Vermittlung des Gewöhnlichen mit dem Ungewöhnlichen ab (z.B. Hard- und Softwareentwicklung). Darin ist jeder beteiligte Mensch immer ungewöhnlich und erlebt sich selbst im Wechselspiel von Gewohntem und Ungewohntem, in einem Zirkus und Zirkelschlusss unendlicher Selbsterfahrung, im ganz gewöhnlichen und beständig wechselndem Anderssein, so wie es aus einem totalen Fürsichsein gewollt wird, wenn dieses ausgehalten werden muss. Natürlich hat dies erhebliche Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen für ihr eigenes Tun. Es relativiert sich zunehmend und in Masse an den gegebenen Möglichkeiten der Selbstveränderung - vermittelst der Illusion, der Akklamation und der Automation. Den Fortschritt erbringt so nur noch der Massenmensch, wie er sich in dem automatisierten Selbsterleben einbringt, sei es in der Gefolgschaft eines Führers, eines Massenkults oder eines Befriedungsautomaten. Das besondere Massenerleben verschafft das Überleben einer Kultur, worin die Menschen keine wirkliche Bedeutung haben und die Bedeutung der Masse übermenschlich erlebt wird. Darin allerdings entsteht ein enormes Potential an Vernichtungslogik.
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11 | 1.1 Die selbstlose Persönlichkeit des Gattungswesens
(Das entheimlichte menschliche Wesen als "menschliche Natur") |  |  |  |
Unter der Bedingung der bürgerlichen Kultur, also der Vereinzelung und Isolation menschlicher Sinnlichkeit, sind auch die Organe dieser Sinne selbständig, bleiben für sich, als ob sie von Natur aus selbstbestimmt wären. Die Selbstwahrnehmung hat sich daran gewöhnt. Aber gerade deshalb erscheinen die Regungen in den Organen, die ihrer Deprivation entstammt, nicht mehr als Getriebenheit enttäuschter Selbstbezogenheiten, sondern als Natur schlechthin. War Natur bisher darin verfälscht, als enthalte sie keine organischen Beziehungen und sei bloß als heimliche Gewohnheit der Regungen und Erregungen im Menschen wahrzunehmen, so wird sie jetzt als Träger eine Bezogenheit hergenommen, die sich organisch verwirklichen muss, um gesellschaftliche Wirklichkeit auszuhalten.
Natur war eigentlich allen Lebensverhältnissen unterstellt; sie ging schon immer in jede Verbindung der Menschen (und Tiere) ein, sei es in ihrem Stoffwechsel, ihrer Ernährung oder ihrem Geschlecht. In den zwischenmenschlichen Beziehungen aber, welche sich über die Selbstverwirklichung zunächst ausschließlich hiergegen aus der selbständigen "Natürlichkeit" der Selbstwahrnehmung zum Verhältnis von Kulturpersönlichkeiten entwickelt haben, erscheint die menschliche Natur als der natürliche Rest des Menschseins, der auch Verbindungen sucht, wo gesellschaftlich keine mehr sind. Was den Menschen in ihren zwischenmenschlichen Verhältnissen selbstlos und also unheimlich geworden ist, wird nun von einem Wesen beherrscht, das als das "natürliche Wesen des Menschen", als Natur seiner Persönlichkeit auftritt.
Alles Persönliche in der zwischenmenschlichen Kultur erscheint nun davon unheimlich bestimmt, die Selbstlosigkeit der Wahrnehmung als Naturbestimmung. In solcher Kultur erscheint der Mensch also nun selbst als Personifizierung von Natur überhaupt. Die Menschen bekommen als Menschen ein Verhältnis zu sich, indem sie sich wechselseitig in einer zum Individuum verselbständigten Natur bestätigen. Indem jeder Mensch den anderen als Individuum einer darin ganzen Natur wahrnimmt, totalisisiert er das Individuum zu einem Naturwesen schlechthin. Das Verlangn des Menschen nach dem Menschen erscheint jetzt nicht mehr als natürliches menschliches Verlangen, sondern als ausschließliches Verlangen der Natur in die zu Kulturpersonen reduzierten Menschen.
Da gehen die Tiere doch in ihrer Natur selbst noch gesellschaftlicher miteinander um. Sogar in ihren tierischen Trieben geht mehr gesellschaftliche Beziehung ein, als in denen der menschlichen Kultivierung. Dies ist vielleicht ein Grund dafür, dass Menschen in den Tieren noch jene Subjektivität verspüren, die ihnen selbst nicht mehr möglich ist. Das Haustier kann höchsten Stellenwert für eine menschliche Beziehung auf sie bekommen und Ersatz für entbehrte Lebendigkeit, Bezogenheit und Geborgenheit sein. Der Zoologische Garten befriedigt dann weniger die Neugier, als er vielmehr mit den Tieren eine natürliche scheinende Subjektivität aussstellt.
Natur bekommt eine schlichte Form der Selbsterregung, die in jedem Individdduum durch unheimliche Kräfte hervortritt. Und so wird die Substanz der kulturellen Formbestimmung zur Substanzialisierung des Individuums durch die Natur. In Ermangelung menschlicher Bezogenheit in der so kultivierten Gesellschaft regen sich die Organe dieser Beziehung selbst nun zwar weiterhin in einem Mangelgefühl an zwischenmenschlicher Wirklichkeit, aber dies wird nun zur menschlichen Natur schlechthin.
Das allgemeinste Verhältnis, worin sich Personen im Mangelgefühl ihrer Einzigartigkeit ergänzen, erscheint daher als ein mächtiges Naturwesen, worin menschliche Sinne wie eine allgemeine Naturmacht hervortreten. Man müsste zwar eigentlich konstatieren, dass die bürgerliche Kultur mißraten sei; aber der an sich selbst gewöhnte Kulturbürger erfährt dies nur in der willkürlich scheinenden Natur seiner Sinne. Diese ist im Nachhinein ihrer Entstehung wie eine ihm äußere Persönlichkeit einer ihm nun innerlich gewordenenen Macht, die Menschen sowohl beglückt, als sie diese auch verrückt macht: Eine unheimliche Persönlichkeit.
Die zwischenmenschlichen Verhältnisse haben nun ihr eigenes Potenzial als eine dem Menschen entfremdete Naturmacht zur Oberfläche ihrer Beziehungen verkehrt, sich selbst zu einer unheimlichen Natur gebracht. Sie sind zu einem entheimlichten Naturwesen geworden, welches die mächtigsten Erscheinungen im Geschlechtsverhältnis zeitigt, dem sie sich nun entgegenstellen müssen, um ihre Kultur zu erhalten und zu bewahren. Die Gefahr dieser Natur erscheint nun im Menschen selbst, in der Horde seiner Begierden und Triebe. Alles Verhältnis zur eigenen Natur und Geschlechlichkeit ist somit zu einem politischen Verhältnis geworden. Nirgendwo deutlicher wurde dies zu einem politischen Anliegen, wie in der Aufklärung, worin alle Geisteskräfte ermächtigt werden sollten, um solcherlei menschliches Herdenwesen zu bändigen. Im deutschen Faschismus wurde es zum staatspolitischen Anliegen eines "Kulturstaats".
Damit ist jede menschliche Kultur auf den Kopf gestellt: Ihre menschliche Naturmächtigkeit wird zur Ohnmacht des Menschen vor seiner Natur. Es geht bei diesem politischen Verhältnis, mit dem sie nun beherrscht werden soll, in Wirklichkeit natürlich nicht um ein übergeschichtliches Verhältnis der Natur und der Geschlechtstriebe, sondern um das, was es in der bürgerlichen Kultur ist: Das Erleben von Geschlecht als Geschlechtsverhalten der Sinne. Die sind zum einen so, wie sie von Natur da sind, wenn man von aller Gewordenheit und Kultur absieht. Aber als dieses sind sie nicht wirklich da. Wirklich sind die Sinne des Geschlechts in der bürgerlichen Kultur als notwendiges Verlangen nach Geschlechtserleben, als Verlangen, das Geschlechtsnot wendet (siehe Trieb). Und diese selbst ist schon dadurch gegeben, dass Identität solchem Verlangen nicht vorausgesetzt ist, sondern dass sie in solchen Verhältnissen erst durch das Erleben gefunden wird. So ist nicht das Verhalten der Gattung, das Gattungsverhältnis als Mann und Frau tragend, sondern das Verlangen nach Begattung, durch welche Männer und Frauen sich als Mensch fühlen können, weil sie menschliche Natur aneinander gefunden haben. Von daher sind sie keine Subjekte ihres Geschlechts, die sich in dem ergänzen, was ihr Menschsein erfüllt, sondern dessen Objekte, die vollständig davon abhängig sind, dass ihnen ihr Geschlechtlich-Sein auch gelingt, dass sie erreichen, was sie nicht kennen, was aber ihrem Streben nach Lebenserfüllung entsprechen soll.
Keine wirkliche Empfindung geht mehr in solches Erfüllungs- und Überlebensverhältnis ein. Die Naturgestalt der Menschen schafft die Anreize in einer menschenlosen Gesellschaft. Gerade weil sie keine wirkliche Beziehung zueinander haben, erscheinen sich die Geschlechter als ästhetische Natur, als Wahrnehmungsgegenstand ihrer Erregung, die von zwiespältiger, also auch zweifelhafter Natur sind. Eben weil sie hier nur finden, was sie in ihrer Erregung nicht suchen können, weil sie unter dieser Bestimmung nicht wissen können, was ihre wirklichen Bedürfnisse nach einander sind, sind sie Objekte ihrer Geschlechtsnot. Diese bestimmt daher nun auch die Form ihrer Ästhetik, den Anreiz ihrer gesellschaftlichen Beziehung allein und ausschließlich durch ihre unerfüllte Geschlechtlichkeit.
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12 | 1.2 Geschlechtskulturen (Das enteignete Geschlecht) |  |  |  |
Es gibt unter den Bedingungen einer Kultur, in welcher die Menschen ihre Not als Gewalt eines abstrakten Verlangens vollziehen und wenden, keine wirkliche Geschlechtlichkeit, keine gesellschaftlich verwirklichte Geschlechtskultur. Ihr Geschlechtsverlangen selbst trennt ihr Begehren und bestimmt es gegensinnig. Was sie noch im bloßen Erleben vereinigen und befriedigen kann, wird als gesellschaftliche Beziehung mächtig gegen sie, weil es sie wesentlich verschieden bestimmt, indem sie die Art und Weise ihrer Geschlechtlichkeit durch ihre Erlebensgemeinschaft voneinander trennt.
Die Geschlechter waren für die Wahrnehmung schon immer verschieden und haben sich nur durch dies aufeinander bezogen und aus ihrer Verschiedenheit Leben gezeugt. So verschieden sie aussehen, so verschieden sind sie auch in der bürgerlichen Kultur, aber nicht als Verschiedenheit in ein und demselben Sinn, dem Geschlechtssinn, der nur durch einander wirklich und verwirklichbar ist, sondern als gesellschaftliche Form einer Geschlechtsästhetik, in welcher sie sich nurmehr aufreizen, um das zu erleben, was ihre Geschlechtsnot zu wenden vermag.
Aus ihrer als Natur erscheinende Geschlechtlichkeit treiben sie ihr gesellschaftliches Gattungswesen auseinander, bis nur das übrigbleibt, was sich als ihr empirischer Unterschied ausmachen lässt. So wie ihre Organe sich unterscheiden, so unterscheiden sie sich jetzt auch in dem Sinn, der sich darin so äußert, wie er geschlechtlich kultiviert wurde, wie er sich also als männlicher und weiblicher Geschlechtssinn verselbständigt hat. Hierdurch hat auch das Geschlechtsverlangen eine gegensinnige Entwicklung zu durchlaufen. Männer und Frauen haben nicht nur körperlich, sondern auch in ihrem seelischen Verlangen völlig anderes im Sinn und erreichen auch unterschiedliche Ebenen ihrer Geschlechtlichkeit, ihrer Beziehung auf ihr individuelles, weil individualisiertes Geschlecht. Gerade der Sinn, der ganz wesentlich die gesellschaftliche Entwicklung der Kultur bestimmt, wird zu einer Ursprungsform einer Natur individualisiert, die in dieser Form niemals ihren Zweck vermitteln kann. Diese Individualität, das weibliche und das männliche Geschlechtsindividuum lässt sich so auch beschreiben: Zunächst ist dieser Sinn vollständig subjektiv, zu Innerst. Und das kann man natürlich weiblich nennen, gleich, zu wieviel Anteil diese Innerlichkeit auch in Männern vorkommt. Aber nur äußerliche Sinnlichkeit kann solchen Sinn auch erfüllen. Von daher entsteht eine Kultur der sinnlichen Unterworfenheit der Geschlechter unter die Kulturbestimmtheit ihres Zusammenlebens.
In den zwischenmenschliche Beziehungen der Selbstverwirklichung waren sich die Menschen noch selbst Gegenstand und Mittel ihres Lebens, ausschließlicher Sinn füreinander, der sich schließlich von sich selbst ausgeschlossen hatte. Sie hatten darin zwar unmittelbare Beziehungen von Mensch zu Mensch - eben so, wie sich der eine im anderen findet und empfindet - und sie bezogen sich durch die Gefühle, die hierbei entstanden, so aufeinander, wie sich der eine durch den anderen fühlte. Aber sie hatten sich gegenseitig nicht als Menschen wahr, sondern nur darin wahr, wie sie sich wahrnahmen, wie sie also Wahrheit für sich und ohne weiterreichende Erkenntnis durch einander fanden.
Es sind nun aber keine wirklichen Selbstgefühle im Prozess der Selbstverwirklichung mehr, welche ihre Verhältnisse begründen, sondern Gefühle der vergemeinschafteten Wahrnehmung zu einer gesellschaftlichen Form der Geschlechtlichkeit, zu einer Kulturform, worin diese Gefühle durch individualisierte Geschlechtspersönlichkeiten wahrgehabt werden. Diese Form hat zwar nach wie vor menschliche Gestalt und Natur, sie ist aber keine Gestaltung eines unmittelbaren menschlichen Lebens, sondern lediglich die Form der Erlebenswirklichkeit ihrer verselbständigten Geschlechtlichkeit. Sie ist das Gelbilde des Erlebens zwischenmenschlicher Beziehungen, ist wie eine Kulturpersönlichkeit, worin die Gefühle, die zum Träger dieser Beziehungen geworden waren, sich einigen, indem sie sich gegeneinander kultivieren, jeder das hervorkehrt, wonach ihm der Sinn steht und was seinem Sinn entspricht, ohne dass seine Sinnbildung hierfür verlangt ist. Es sind Gefühle für einander, die so sind, wie sich die Kenntnis dieser Vorkehrungen entwickelt, ohne dass eine Erkenntnis dazwischen tritt, welche dies als kulturbedingt wissen kann. Es fühlt sich ein Mensch eben so an, wie man ihn kennt, ohne zu erkennen, was er wirklich ist. Es ist eine Gefühlswelt der Selbstgefühligkeiten, die sich von jeder Wirklichkeit getrennt hat und sich nur an den Erlebnissen voneinander und durcheinander so reflektiert, wie er sich darin auch als besonderes Wesen hervortun kann. Es sind dies Erlebnisse, die man miteinander so hat, wie man sie für sich beabsichtigt. Von daher sind die Gefühle zugleich Empfindungen und Gefühle die man durch einander hat, ohne darin sich wirklich wahr zu haben, sich also selbst nur durch andere wahrzuhaben. Das Geschlecht wird hierdurch zum Notbehelf kultureller Absichten, wie sie den Geschlechtern in den Vorkehrungen ihrer Selbstwahrnehmung vermittelt sind.
Solche Beziehungen sind wesentlich unwirklich. Aber zwischenmenschliche Beziehungen sind deshalb nicht wirklungslos; sie wirken aber jetzt vor allem in den Menschen, in ihren Vorstellungen und Erwartungen von einander und ihrem Glück oder Unglück miteinander, kurz: in ihrer seelischen Identität, die sie durch ihre kulturelle Identität finden und die sich hieran auch relativieren. Das erschien in der Selbstwahrnehmung noch als eine wirklich innere Identität, als Seele, erweist sich jetzt aber auch wirklich als eine äußere Identität einer Kultur, in welcher die gegensätzlichen Persönlichkeiten sich gerade dadurch finden, dass sie sich als ungewöhnliche Menschen hervorkehren und sich auch wirklich in ihren Gefühlen zueinander entgegensetzen, um sich darin zu verbinden. Die Persönlichkeiten der Selbstwahrnehmung werden hierin zu einer Welt, in der sie aneinander ihr Leben vermittelt fühlen; aber es ist nicht ihr Leben, sondern das Leben des Zwischenmenschlichen, der Persönlichkeit der bürgerlichen Kultur.
Diese wird dadurch ungeheuer mächtig. Was darin persönlich gilt, wird zur Bedingung eigener Persönlichkeit. Kultur wird zum sozialen Subjekt jeglicher Beziehung und besonders zum Subjekt aller Liebesbeziehungen. Die Menschen können sich hierin als unmitelbare Gesellschaft wie ein Zusammensein voraussetzungsloser Individuen wahrnehmen, die allerdings zwischen dem, was sie wahrhaben und dem, was sie wahrnehmen nicht mehr unterscheiden, und die von daher ihre Empfindungen wie Gefühle haben, die nichts auffassen, wie es ist, sondern dem Gefühl unterworfen sind, wie es im Selbstgefühl beabsichtigt ist, wie es also für die zwischenmenschliche Hervorkehrung der Selbstgefühle sein muss. Ihre Wahrnehmungen bestehen daher aus Selbstwahrnehmungen, die sie durch einander, also jeder durch den anderen nun im wirklichen Erleben so hat, wie dieses zum überleben solcher Verhältnisse sein muss.
Die Sinne der Menschen stehen daher nicht mehr für sich, sondern im Dienst dieser Verhältnisse, die Selbstgefühle hängen ausdrücklich von ihrem Gelingen ab, also davon, sich in dem Geltung zu verschaffen, was das Selbstgefühl darin erwarten kann und was es von anderem Selbstgefühl für sich hat, was es durch dessen Tätigkeit und Absicht erleben kann. Die einzelnen Persönlichkeiten müssen erkennen, dass ihre Selbstgefühle sich im Kreis bewegen, dass ihr Selbstgefühl äußerst mangelhaft ist, wenn sie sich nicht durch einander darin ergänzen, einzigartig zu sein. Die Einzigartigkeit der Persönlichkeit wird aber hierdurch im Privaten sehr relativ und verliert notwendig den Schein ihrer ausschließlichen Selbstbestimmung, denn sie ist nur vermittelst dessen, was sie zugleich nicht ist und von daher im Selbstwiderspruch.
Wie bereits gezeigt, sind unter der Bedingung der bürgerlichen Kultur, also der Vereinzelung und Isolation menschlicher Sinnlichkeit, die Organe der Menschen verselbständigt. Natur geht somit nicht als Natur, sondern als Substanz ihrer Formbestimmung in die kulturellen Beziehungen ein. In Ermangelung menschlicher Bezogenheit in der so kultivierten Gesellschaft regen sich die Organe dieser Beziehung selbst als Mangelgefühl an zwischenmenschlicher Wirklichkeit.
Das Geschlechtsverhältnis, das allgemeinste Verhältnis, worin sich Personen im Mangelgefühl ihrer Einzigartigkeit ergänzen, ist daher wesentlich formbestimmt. Durch dieses besteht das Geschlechtswesen nicht wirklich aus dem Zusammenwirken der Geschlechter, sondern aus ihrer Trennung voneinander, aus dem Zusammenwirken von getrennten Geschlechtlichkeiten. Sieht man davon ab, dass das menschliche Geschlecht nur im Zusammenwirken der Geschlechter bestehen kann, so erscheint jedes Geschlecht in der Abtrennung für sich wie ein Organismus, der in sich total ist. Die Geschlechtseigenschaft eines Menschen wird zu einem menschlichen Substantiv, zur Männlichkeit oder zur Weiblichkeit schlechthin. So setzt sich die Teilung der Verhältnisse in den Körpern fort, die sich wie getrennte Naturwesen geschlechtlich begegenen, die nicht in einem Grund füreinander bestimmt sind, sondern einander nurmehr als Mittel nötig haben. Mann und Frau sind durch ihre körperliche Eigenständigkeit und Verselbständigung selbst nur bloße Mittel ihrer geschlechtlichen Interessen und Organe. Das Geschlecht findet sich daher im Geschlechtsakt nur aus seiner Teilung heraus verwirklicht.
Die Form des Geschlechtsinns wird somit selbst zu einer Form der Selbstverwirklichung, nicht weil die Menschen sich darin aus ihrer Isolation heraus verwirklichen, sondern weil sie sich als Objekte ihrer Natur verwirklicht erscheinen, weil sich Kultur nun in ihrer sinnlichen Selbständigkeit als Geschlechtspersönlichkeit, als persönliches Natural darstellt. Dieses besteht zwar nicht aus Natur, sondern vor allem aus den kulturellen Vorstellungen, die damit verbunden sind, aber es herrscht in dem Maße wie eine Naturkraft, wie die Menschen darin kulturelle Identität finden. Sie mögen in ihrer Bildung, in ihrer Geschichte aus gesellschaftlicher Naturerfahrung entstanden sein, in ihrer kultivierten Form zählt aber nicht dies, was selbstverständlich sein könnte, sondern das, was eine Identität des Überlebens stiftet. Die Geschlechter tragen die Bestimmungen der Kultur aus, um als vereinzelte Menschen in der Selbstwahrnehmung der Vereinzelung zu überleben. Damit ist ihr Geschlecht selbst negativ bestimmt, dessen Erlebensform im Widerspruch zum Inhalt seiner Bezogenheit. Als Kultur für sich bekommen Geschlechtseigenschaften die Form kultureller Sinngebung überlebensnotwendiger Fähigkeiten. Mann und Frau werden zu unterschiedlichen Träger hiervon und stellen ein Verhältnis heraus, das wie die innere und äußere Seite natürlich scheinender Lebensnotwendigkeiten erscheint.
Zur Selbstbehauptung in einer Kultur, worin nur zählt, wie man sich durchsetzt, erschien der Mann zunächst begabter, um als Geschlechtspersönlichkeit Anerkennung zu finden. Er begründete sich ja auch schon länger aus seinem Durchsetzungsvermögen in den Arbeitswelten und auf den Märkten. Frauen waren schon im Feudalismus eher mit Arbeiten von sensiblerer Natur befasst, und bewahrten eher die Reproduktion und Haushaltung der zwischenmenschlichen Welt, als dies Männern unter gegebenen Bedingungen möglich war. So erschien der Mann als die Persönlichkeit für das Grobe, Persönlichkeit der Kraft und Naturmächtigkeit und Unempfindlichkeit und Unempfindsamkeit, wohingegen die Frau als empfindsame Mutter und Haushälterin und Lebensspenderin galt. Das ganze Verhältnis schien aus der Natur begründet, denn Frauen stehen als Gebärerinnen der Kinder den Naturanforderungen des Lebens innerlich näher als Männer und diese Männer erscheinen im Durschschnitt kräftiger und empfindungsloser als Frauen. Während hiernach Frauen naturwesentlicher und von daher auch schützenswerter gelten, wird Männern überdimensionierte Überlebensgewandheit zugesprochen, wie sie auf den Kampfplätzen der Arbeit, der Kultur und in den Arenen hervorgehoben werden.
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121 | 1.2.1 Kult der Männlichkeit
(Das veräußerte Geschlecht) |  |  |  |
Innerhalb solcher Kulturverhältnisse erleben sich Männer auch aus sich heraus voller Getriebenheiten. Sie konkurrieren nicht nur um ihren Arbeitsplatz sondern auch um ihr Liebesglück, sind oft gieriger und unbeherrschter als Frauen, kampfesmutiger, viellleicht auch eher mal todesmutig. In der formalen Durchsetzungsfähigkeit sind sie meist immer noch mächtiger als es Frauen durch ihre zum kulturellen "Handicap" gewordenen "Natureigenschaften" sein können und werden auch wirtschaftlich in ihrer Arbeit aus selbem Grund eher bestätigt und bestärkt. Tatsächlich befinden sie sich innerhalb solcher Kultur im Gegensatzt zu den Frauen und haben hierbei immer noch meist die dominierende Trägerfunktion des Überlebens. Das Gegenstück zur Weiblichkeit ist der Mann aber eben nicht von Natur, sondern aus der Kultur heraus, in der auch er durch die Rolle bestimmt ist, in welcher seine Natur formiert sein soll.
Ihm ist die äußere Subjektivität näher, weil auch sein Körper eher sich nach außen bezieht, ungeschützter vor allen Einwirkungen und von äußeren Einwirkungen weitgehender bedroht ist, daher auch aufmerksamer auf Wirksamkeit und Wirklichkeit überhaupt. Von daher mag er natürlch bestimmte Präferenzen von Verhaltensweisen haben, die ihm selbst als Natureigenschaft erscheinen, aber nun selbst auch in der gesellschaftlichen Rolle übertragen werden, die er damit bevorzugt hat. Er ist eher in die Welt hinein drängend und weniger von innen verletztlich als von außen. Das mag die Basis der Vorstellungen sein, die Männlichkeit in der Kultur auch bekommen hat.
Was immer Männer in ihrer Naturbildung hinter sich gebracht haben, sie haben es immer nur zusammen mit Frauen erreicht. Als Ergänzung zu ihnen mögen ihre Naturbedingungen auch nötig gewesen sein, nun erscheinen sie als Naturalkraft des männlichen Indivisuums hiergegen selbstständig, als seine Fähigkeit und sein Bedürfnis, sich durchzusetzen, zu herrschen und zu erobern. Das Gefühl des Erorberns aber wird zu einem Grundgefühl einer Sinnesform der Männlichkeit nur, weil sich diese in einer Kulturpersönlichkeit identifiziert, um überhaupt eine persönliche Identität zu vermitteln - und Männer greifen danach, um sich damit eindeutig verhalten zu können. Die Wahrnehmung von Bedrohlichkeiten und Ohnmacht, wie sie einer männlichen Natur vielleicht irgendwie entsprechen mag, gibt dem Mann auch in der Kultur des Erlebens eher die Rolle des Existenzträgers, des Beiträgers und Zuträgers zum Lebensunterhalt. Es kann ihm schmeicheln oder nicht: Sein Körper erträgt beim Menschen wie beim Affen härtere Momentanbelastungen, sein Gehirn funktioniert einfacher und damit zielgenauer und sein Sinn steht auf Machterhalt und Selbstverteidigung. Aber was ihn erst richtig zum Funktionär der Kultur macht, ist die männliche Persönlichkeit, die er mehr oder weniger als Sinnbild der Selbstbehauptung darstellt. Darin wird er als Kulturträger begehrt und auch mehr oder weniger benötigt.
Das ist zwar eine abgeleitete Rolle, in welcher sein Sinn vor allem nach außen gerichtet ist, aber gerade das entspricht ja überhaupt dem bürgerlichen Selbsterhalt, also der Selbsterhaltung der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft. Mann und Frau ergänzen sich nicht nur durch ihre Natur, sondern auch durch den Sinn, den sie in ihrer Kultur entwickeln. Hier wird aber gerade dieser Sinn durch die Not der Selbsterhaltung zu eienr überhobenen Selbstbeziehung, zu einem Kult der veräußerten Sexualität. Die Naturalisierung dieser Entäußerung ist eine Affirmation solcher Selbstbezogenheit, deren Verfremdung damit hinweggetäuscht wird. Auch Tierbeispiele (z.B. Schweinezucht) zeigen, dass dort Inzucht oder Homosexualität unter Bedingung einer zu engen Domestizierung sehr viel häufiger vorkommen.
Tatsächlich ist unter diesen Verhältnissen der Mann abhängiger von einer sinnlichen Zuwendung, als die Frau. Sein Leben füllt sich dann erst wirlich sinnlich aus, wenn er die Zuneigung einer Frau erfährt. Seine Sinne sind deutlicher auf sie gerichtet, als umgekehrt, weil unter der Bedingung, dass kulturell nur gilt, was unmittelbar naturbedingt auftritt, er seiner Sinne nicht mächtig sein kann. Seine natürlich scheinende Not, die Selbstwahrnehmung der Mangelhaiftigkeit wird durch die in ihm höher konzentrierte Triebhaftigkeit verstärkt. Diese Konzentration, wenn er sie besonders als "einsamer Wolf" leidet, kann ihn aggressiv und unberechenbar werden lassen. Sein Begehren erscheint schnell als Begierde und mass daher natürlich auch öfter in seine Schranken gewiesen werden. Allein Gesetz und Exekutive können dann, wenn er durchdreht, die Menschen vor Übergriffen schützen. In der Rolle des Überlebensträgers erweisen sich Männer oft überfordert und versuchen, ihren persönlichen Untergang mit Aggression und Gewalt abzuwenden.
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122 | 1.2.2 Frauenkultur
(Das verinnerlichte Geschlecht) |  |  |
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Als totalisierter Organismus des Geschlechts erschien der Mann als ein äußerlich beeindrucktes Naturwesen. Indem weibliche Eigenschaften zur Weiblichkeit schlechthin substantiviert werden, erscheint dagegen jetzt das Leben der Frauen viel inniger. Auf ein vermeintliches Naturwesen reduziert bestimmen sich Frauen eher aus der Substanz des Lebens, aus ihren Fähigkeiten, den Menschen als Naturwesen zu bewahren und zu reproduzieren, ihn also im Bereich der Eigenwirtschaft des Körpers wahr zu nehmen und wahrzumachen. Im Körperlichen selbst erscheint das Leben aber zugleich expansiv und gefährdet. "Von Haus aus" zur Vorsicht geboten, fällen Frauen daher ihre Urteile substanzieller und behaupten sich eher durch Geschick und Bildung, als durch offene Gewaltanwendung. Sie wirken von daher "von Natur aus bodenständiger" und sind als Naturwesen umworben, stellen für sich die Blüte des Geschlechts, seine Schönheit dar. Von daher tragen Frauen in einer geschlechtlich gespaltenen Kultur nicht nur werdendes Leben, sondern den Reiz der Geschlechtlichkeit auch allgemein als Wesen seiner Ästhetik in sich. Darin erscheinen sie wie ein Subjekt der Geschlechtsliebe, das sich aus ihrer Natur selbst begründet verstehen kann.
In einer Kultur, worin Durchsetzungskraft als Maßstab der Persönlichkeit verlangt ist, realisieren aber auch Männer ihre scheinbar "natürlichen Vorteile", um darin Frauen gegenüber vorteilhaft zu erscheinen, um durch sie einen Lebensgrund zu finden, den sie als solche "Naturerscheinung" natürlich nicht für sich haben können. Die Männerkulte mögen zwar auch wirtschaftlichem "Wettbewerb" entsprechen, aber sie sind nur deshalb voller Geltungssucht , weil darin um das Geschlecht gekämpft wird, das dem kultivierten Mann als Lebensgrundlage seiner Sinnlichkeit dient.
Tatsächlich ist auch die Bewunderung solcher Kulthaftigkeit des Männlichen umgekehrt eine Beziehungsform der Frauen. Sie haben darin Teil an der Kultur, dass sie den Mann für ihre zwischenmenschliche Selbstverwirklichung begehren. Auch darin wird Geschlechtssinn kultiviert, dass er sich der kraftvoll erscheinenden Naturmächtigkeit des männlichen Personenkults als Naturmacht der zwischenmenschlichen Beziehung selbst herausstellt. Im Selbstbewusstsein der Begehrlichkeit und der Fähigkeit, Menschen zu gebären, also "das Menschliche" aus sich herauszusetzen, wird Weiblichkeit zu einem kulturellen Synonym für die Lebensbasis, die Frauen in solcher Kultur auch wirklich darstellen. Die Befruchtung erscheint als bloßer Akt der Lust, das Austragen der Frucht als bloßer Akt des Notwendigen. Zwischen Lust und Notwendigkeit wird die Geschlechterkultur auf diese Weise zerteilt.
Von da her wird der weibliche Sinn zu einer Beziehung nach innen, zu einer verinnerten Subjektivität des Empfindens und Empfangens, also das, was man in sich findet und spürt, was im Fühlen und Denken sinnlich vor sich geht. Nicht nur weil das weibliche Gehirn komplexer ist als das männliche und die weiblichen Geschlechtsorgane dem Leben umfänglicher begegnen, sondern vor allem, weil das weibliche Erleben in dieser Kultur weit tragfähiger ist als das männliche, bekommt es eine bestimmte, eine tragende Funktion in diesen Verhältnissen, die unerkannt bleiben muss, um für die Kultur zu funktionieren. Selbstvertändlich ist dabei nicht weibliche Geschlechtlichkeit, sondern die Rolle, die sie in der Kultur einnimmt, also das, womit Weiblichkeit wahrgenommen wird und wodurch sie der Selbstwahrnehmung dient. So werden Frauen schnell zu Funktionärinnen der Fürsorglichkeit, der Nothelferin, der Mutter und Kindererzieherin und Ernährerin. Frauen gelten als die besseren Bewahrerinnen von Sinn und sind von daher dessen besondere Kulturträgerinnen als Persönlichkeiten des Weiblichen schlechthin, das "alles hinanzieht" (Goethe).
Die Kehrseite davon ist, dass sie als solche benutzt werden, dass sie Sinn stiften sollen, wo Sinnlosigkeit herrscht, Leib beleben sollen, wo er verletzt oder tot ist. Ihre Entleibung entspricht der Rolle, welche die bürgerliche Kultur auf Grund ihrer Körperlichkeit ihnen zuweist, wie sie erlebt wird: Bewahrerin von Leben zu sein, wo Wesenlosigkeit entsteht und wo Verwesung herrscht. Soweit sie dies erfüllen wollen oder aufgrund ihrer Lebenslage erfüllen müssen, ernähren sie diese Kultur und die Geschlechtlichkeit überhaupt mit Sinn, der aus dem Innern, dem eigenen Leben kommt. Ihr entäußertes Geschlecht ist unmittelbar auch ihre Lebensentäußerung, die nichts außer Selbstentfremdung ist, die allerdings zugleich innerhalb dieser Verhältnisse lebensnotwendig ist. Weil das Leben in der Kulturpersönlichkeit eine selbständige Naturform des Überlebens bekommen hat, muss diese auch dem Leben dienstbar sein, solange sie nicht von den Menschen, und das sind nicht nur die Frauen, überwunden wird.
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1.2.3 Das versachlichte Geschlecht: Das Kind
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Das Zusammenwirken von Mann und Frau wird nun zu einer Frage des Umgangs einer äußerlich bestimmten Selbstbeschränkung, einer Individualität, die für sich Ganzes als Individualität der Natur sein muss. Dies ist ein Unding, das in der Natur selbst sonst nirgends vorkommt. Aber unter dern Bedingung bürgerlicher Lebensverhältnisse reduziert sich die menschliche Natur nun auf die Natur ihrer Individualität und die Menschen reduzieren ihre Beziehungen auf die Naturfunktionen ihrer hierfür bestimmten Organe. Als Organe einer politischen Bestimmung des Überlebens werden sie selbst sinnlos, das Geschlecht zum Martyrium der allgemeinen Vereinzelung und Entfremdung. Die wesentliche zwischenmenschliche Entfremdung vollzieht sich in Wirklichkeit im Geschlechtsverhältnis, also im Verhältnis zwischen Mann und Frau.
Jedes Bedürfnis, das entsteht, erfährt in der Absicht der anderen Bedürfnisse nun seine Schranke. Waren sich doch einst die Menschen darin einig gewesenen, dass sie in ihrem Geschlechtsleben ihre bloße Natur befriedigen und in der Naturbefriedigung ihr Leben aufeinander beziehen, so ist dies nun umgekehrt: Das Geschlechtsleben wird zur Bedingung eines Lebens, das im Grunde völlig ungeschlechtlich ist. Die Organe mögen sich regen wie eh und jeh; aber es ist eine zwischenmenschliche Wirklichkeit, die ihre Freiheit beengt, indem das Geschlechtsleben selbst zur zwingenden Tatsache ihrer Beziehungen wird. Alles, was es erzeugt, macht die Menschen, die sich in der schieren Freiheit ihrer Selbstgefühle und Erregungen zusammengefunden und zusammengetan hatten, wird unter der Hand zu einer Lebensbestimmung, in welcher alles danach verläuft, was Leben sein soll. Nicht, wie es wirklich ist, und auch nicht, wie es erlebt wird, sondern nurmehr wie es sein soll, damit es lebend verbleibt, macht die Bestimmung von allem aus, was nun zwischen den Menschen aus ihrem Erleben entstanden ist.
Der hiervon bestimmte Mensch ist das Kind. Es kommt als Erzeugnis einer Geschichte zur Welt, die nicht wirklich stattgefunden hat. Es gilt daher auch als Naturprodukt, das den anderen Naturprodukten vor allem vorraus hat, dass es eigene Subjektivität hat und als solche für entleerte Geschlechtlichkeit auch nötig ist. Hierdurch endlich bekommt sie wieder einen Sinn, und wenn es auch der rein selbständig entäußerte Sinn ist. Das Kind muss in vollem Umfang die Kultur als Mensch ertragen, denn es ist alles, was hieraus nur werden kann: Das Grundeigentum der Kultur. Darin hat sie ihre wesentliche Ressource, zieht sie ihren Anspruch auf das Monopol notwendiger Sinnlichkeit, also sinnlich bestimmter Notwendigkeiten, welche die Aufzucht dieses Kulturguts sicherstellen sollen. Kinder sollen werden, was die Gesellschaft nötig hat, um als deren menschliche Natur zu gelten. Als solche Kulturbegründung stehen sie nun über allen Lebensbestimmungen, die für sich keinen Sinn mehr haben.
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1.3 Die misslungene Begattung
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Eine Gesellschaft besteht durch das Zusammenwirken von Menschen, also Männer und Frauen und Kinder, wie sie von Natur aus und zugleich auch in Gesellschaft sind. Aber es ist weder ihre Natur für sich, welche ihre Gesellschaft begründet, noch ihre Kultur. Auf jeden Fall lässt sich kein gesellschaftliches Wesen so einfach durch Natureigenschaften von seinem wirklichen Sein in der Beziehung zu einem Gesellschaftswesen als Kulturwesen abtrennen. Wenn keine gesellschaftliche Macht dazwischen tritt, so besteht menschliche Gesellschaft als natürliches Kulturwesen, worin die Natur im Menschen wirkliche Naturmacht entwickelt hat und menschlichen Gesellschaft deren geschichtliches Dasein ausmacht - in dem Maß, wie die menschlichen Sinne als Sinne der Natur zum Sinn menschlicher Kultur geworden sind. Jede Geschlechtsbeziehung ist eine gesellschaftliche Beziehung, weil darin das Leben der Geschlechter und Generationen sich sowohl einzeln wie allgemein aufeinander bezieht, also auch die entsprechenden Lebenshintergründe und Lebensgeschichten selbst aufeinander bezogen sind. Sexualität als Begriff für geschlechtliche Äußerung und Befriedigung ist lediglich deren Phänomen und für sich ohne Sinn.
In der bloß sexuellen Erscheinung solchen Lebens zerteilt sich das gesellschaftliche Gattungsverhältnis auf zwei Geschlechter jenseits ihrer Regeneration, also auch ohne Generationen. Darin erscheinen sich diese wie autonome Wesen, wie der Mann an sich, die Frau an sich, die sich vor allem und oft auch nur ausschließlich im Geschlecht begegnen. Solange das Verhältnis dabei bleibt, stehen die Geschlechter zwangsläufig ausschließlich, also auch einander ausschließend gegenüber. Darin wird das Geschlecht selbst eigenartig, zu einem geschlechtlichen Eigensinn von Personen, die durch ihre Natur unmittelbar bestimmt erscheinen und in ihrer Ausschließlichkeit also auch gegen einander stehen und Geschlecht zum Geschlechterkampf wird. Das allerding ist einmalig in der Natur und wäre es natürlich, so wären in den Menschen so ziemlich die dümmste Form der Geschlechtlichkeit.
Dennoch wird das Geschlecht meist wie ein eigener und selbständiger Sinn der Geschlechter begriffen, als bloßer Befriedigungsbedarf vereinzelter Geschlechtsorgane. Der wird von daher schnell zu deren Maßstab als Maß des geschlechtlichen Erlebens: Wer befriedigt wen und wer kommt dabei zu kurz und wer leidet darunter. Es ist eine absurde Quantifizierung, die zwar ausdrücken mag, dass da etwas nicht stimmt, wenn sich ein Geschlecht am anderen bloß befriedigt, aber qualitativ ist dadurch das Verhältnis entstellt. Die kulturellen Erfordernisse werden mit Naturinhalten vertauscht, sodass die Täuschung über das wirkliche Gattungsleben sich auch zwischen den Geschlechtern abspielt.
Das Geschlechtsleben ist als Ausdruck des Lebenshintergrunds und der Lebensgeschichten der Geschlechter das Leben eines Begattungsverhältnisses, welches nur durch seine einzelne wie allgemeine Geschichte Betand und Bildung hat. Es ist von daher im Verlauf der Generationsverhältnisse zu begreifen, gleich, in welchem Maß sich die einzelnen Menschen daran beteiligen oder nicht. Es ist die Arbeitsteilung überhaupt, die sich auch im Verhältnis von Mann und Frau darstellt und auch sie betrifft. Mann und Frau können auch ohne Kinder in selber Weise in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung beteiligt sein, insgesamt aber vollbringen sie die Regeneration und Entfaltung der menschlichen Gattung, wie sie unmittelbar, wie sie also jenseits ihrer wirklichen Vermittlung ist.
Es könnte gleichgültig sein, welche Eigenschaften das eine oder andere Geschlecht "von Natur aus" hat und es könnte auch in Frage stehen, ob wirklich, das, was natürlich zu sein scheint nicht doch auch durch die Hervorkehrungen der Selbstwahrnehmung oder der Kultur so ist, wenn die Geschlechter vor derselben Gegenständlichkeit und Wirklichkeit stünden. Ihr Zusammenwirken wäre darin genauso natürlich, wie wirtschaftlich und wie in kultureller Einigkeit. Sofern sie sich auf Kinder beziehen, hätten sie auch tatsächlich einen Grund, der sie wirklich verbindet. Aber so einfach geht das in einer Kultur, die auf einem Selbstwert der Wahrnehmung gründet, nicht zusammen. Mann und Frau stoßen sich in ihrer Selbstverwirklichung gerade dort ab, wo sie sich anziehen: In ihrer jeweiligen Geschlechtlichkeit. Die Geschlechter haben ein Problem miteinander: Sie können sich nicht zusammen verwirklichen. Sie müssen sich voreinander hüten, auf sich aufpassen, um der zur Ästhetik gewordenen Anziehung nicht zu erliegen. Was sie miteinander zu tun haben, verschwindet schnell im Gegeneinander der geschlechtlichen Kulturpersönlichkeiten.
Die Kultur der Selbstverwirklichung hatte das Geschlecht domestiziert, zum Haushaltungsmittel der Beherrschung von kultureller Getriebenheit gemacht, aus welcher die bürgerliche Persönlichkeit hervorgegangen war. In der persönlichen Zwischenmenschlichkeit war diese im Irrsinn ihrer Liebesschuld verstrickt. Jetzt aber gerät sie vollständig außer sich.
In der zwischenmenschlichen Kultur werden Männer wie Frauen zu Persönlichkeiten einer Fremdidentität, die sie durch ihre Beteiligung beleben, sich ihr einverleiben, um für sich überleben zu können. Aber darin sind sie für sich selbst, für ihre eigene Geschlechtlichkeit verloren, denn sie begegnen sich nicht mehr als wirklich geschlechtliche Menschen, als Wesen, welche ihren jeweiligen Anteil an ihrer gesellschaftlichen Natur haben. Sie verhalten sich, wie sie füreinander sein müssen. Sie ergänzen sich durch ihre kulturellen Bestimmungen, in welchen ihre Geschlechtseigenschaften im Geschlechtserleben aufgehoben und zu Kultureigenschaften des Menschen als Bestimmung seiner Gattungseigenschaften werden, zu einer naturalisierten Kultur. Deren eigene Reproduktion als Gattungswesen ist somit auch davon abhängig, wie diese zwischenmenschliche Kultur funktioniert und welche Lebensformen sie findet, um ihre Entäußerung gesellschaftlich zu gestalten.
Auch wenn der Mann zuvorderst den Eigenarten der bürgerlichen Kultur zu entsprechen scheint, so ist er nicht ohne die Frau bürgerlich - und umgekehrt. Man kann seine Rolle Patriarchisch nennen, wenn man hinzunimmt, dass es diese nur im Bezug auf die bürgerliche Frau gibt, die ihn bemuttert und mit Liebe versorgt. Im Grunde sind beide Objekte ihrer Kultur, in welcher sie solche elendigen Rollen der Selbstentleibung nur deshalb bekommen und einnehmen, weil und solange sie ihrer zwischenmenschlichen Lebenswelt nicht entfliehen oder entsagen können. Sie kehren ihre Sinne als das vor, was sie dem anderen Geschlecht zu bieten haben, um mit ihm im Geschlechtserleben vereint zu sein, um darin keine Brüche ihrer Lebenswelt ertragen zu müssen. Allerdings kann sich dies, was nichts ist, ohne diese Rolle, nicht auf Dauer erhalten.
Die Wirklichkeit einer Gattung besteht aber aus der Geschichte, welche sie hat, aus den Tätigkeiten, Bedürfnissen und dem Reichtum aln Lebensvielfalt, die sie erbringt. Die bürgerliche Kultur erzeugt unter der Bestimmtheit abstrakt menschlicher Sinne eine Einfalt des menschlichen Zusammenlebens, die sich in den Rollen von Mann und Frau getrennt und einseitig verwirklicht. Ihre Begattung bringt die Gattung nicht mehr weiter. Sie befriedigt verselbständigte Geschlechtlichkeiten ohne Verwirklichung eines Gattungszusammenhangs. Was das Gattungsleben weiterbingen kann, ereignet sich zufällig und vereinzelt. Kinder werden geboren, Reproduktion ermöglicht und auch Mehrprodukte darüber hinaus erzeugt. Aber der Zusammenhang von alledem existiert nicht wirklich. Die Privatexistenzen erzeugen einen Lebensreichtum, den sie zugleich unterworfen sind bis hin zur vollständigen Verarmung.
So ist es auch mit dem Liebesleben der Menschen in dieser Kultur. Nur selten gelingt es in dem Sinn, dass menschliche Reichhaltigkeit hieraus hervorgeht. Meist verliert es sich in der Not der verselbständigten Bedürfnisse, deren vereinzelter Sinn auch nur Vereinzelung erzeugt und befriedigt. Der Selbstwert der Einzelheiten ist hiergegen die Form des Reichtums, worin sich vereinzelte Menschen gut dünken dürfen. Aber er bedeutet menschlich eine Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge und Wirklichkeiten und stellt eigentlich eine kulturelle Verarmung des Menschen dar. Die Vereinzelung der Wahrnehmung wird zur Privatsache der eigenen Wahrheit, zur Notwendigkeit, sich als Persönlichkeit der Kultur kulturell zu vernutzen. Je geschlechtlicher solches Leben erscheint, desto deutlicher wird, dass hier lediglich Kultur in der Form abstrakt menschlicher Sinnlichkeit sexualisiert wird.
Das kultivierte Geschlechterleben ist durch die Vorstellungen und Rollen, die es in der Kultur einnimmt im Grunde desexualisiert. Mann und Fraus verhalten sich nicht sexuell, sie benutzen ihre Sexualität, um sich dann noch aufeinder zu beziehen, wo keine andere Beziehung mehr möglich scheint. Sie vermitteln und übermitteln kein Leben füreinander, sondern erleben sich gegeneinander als Geschlechtswesen, die einem unendlichen Bedarf nach Befriedigung in einer friedlosen Kultur folgen. Das Geschlecht umfasst das ganze Leben, die Generationen und Regeneration der ganzen Gesellschaft. Wird der Geschlechtssinn auf ein bloß abstraktes Dasein als Sinn geschlechtlicher Regungen und Erregungen verworfen, so geht er darin in dem Maße auf, wie er gesellschaftlich wirklich sinnlos wird. Er entwickelt sich in dieser Formbestimmtheit zum Unvermögen der Regeneration der Gesellschaft, zu einem zwischenmenschlichen Leben, das sich allein auf den Reiz des Geschlechterlebens konzentriert und totalisiert und also degeneriert.
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1.3.1 Das sinnlose Geschlecht
(Die Geschlechtlichkeit als Lebensereignis)
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Das Selbstgefühl lebt nun wirklich auf als eigenständiger Selbstwert des Überlebens in zwischenmenschlicher Bezogenheit, in den zwischenmenschlichen Erlebnissen. Darin ist jedes Selbstgefühl dem Allgemeingefühl der Geschlechtlichkeit der Erlebnisse gebeugt. Es hat keine unmittelbare Gegenwärtigkeit, sondern muss sich beständig aus der Vermittlung ermitteln, in der es steht. Es erfährt seine Wahrheit nicht mehr aus der Wahrnehmung, sondern aus deren wirklichem Verhältnis selbst, aus den Geschichten, welche zwischenmenschlichen Beziehungen überleben lassen. Die Entgegenwärtigung jeder wirklichen Zwischenmenschlichkeit in diesen Verhältnissen überwindet immerhin die Angst, welche die Geschlechter zueinander entwickeln müssten. Sie stehen mit Vorsicht voreinander, um ihre individualisierte Natur zu befriedigen. Es ist im Grunde eine Geschichte der Beziehungslosigkeiten, bei denen es gleichgültig ist, was sich darin bezieht. Im Grunde überlebt das Geschlecht nurmehr autoerotisch, in welcher Form auch immer.
Das macht eine Geschichte, die aus konkreten Erlebnissen heraus sich zu ergeben scheint, die aber zugleich nichts anderes entwickelt als den abstrakten Sinn, der sich darin vergegenwärtigt aus der Not heraus, in welcher jedes Verlangen darin ist. Solche Not wendet sich in der Nichterkenntnis, im Ausschluss von dem, was dem Selbstgefühl gefährlich würde. Es eint sich im Erleben zwischenmenschlicher Kulturereignisse das Leben der einzelnen in der Gemeinschaft von Lebensereignisse, die als solche die Menschen ergreifen. Sie macht die Ergriffenheit ihrer Regungen und Erregungen zu Lebensereignissen, in welchen zwar ihr Leben keine Geschichte bekommt, aber jedes Erlebnis zum Moment abstrakter Sinneszusammenhänge homoerotischen Kultur wird. Es entsteht zwischenmenschliche Kultur der autoerotischen Lebensereignisse, der sich auch geschlechtliche Beziehungen unterordnen. Die individuelle Geschichte des eigenen Geschlechts wird bestimmt durch die Grenzen und Abgrenzungen einer allgemeinen Geschlechtlichkeit der Kulur überhaupt, wie sie sich in sich in den einzelnen Ereignissen des Geschlechtserlebens wechselseitig aufhebt.
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1.3.2 Das wirklich entleibte Leben (Gegebenheiten der Sinnlosigkeiten)
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Das Selbstgefühl der Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen verwirklicht sich nicht mehr als ihr Selbstgefühl, als Baisis ihrer Selbstverwirklichung, sondern als Geschlechterleben, welches ihre Unwirklichkeit betreibt, sie als Menschen selbst unwirklich macht. Durch ihre Unterwerfung unter die Erlebnisse in der zwischenmenschlichen Geschlechterwelt können sich die Menschen zwar fühlen, aber zugleich füllen und erfüllen sie sich mit fremder Sinnlichkeit, mit einem Sinn, den sie selbst nicht mehr "gewachsen sind". Das kulturelle Leben selbst wird zu einer Art Ereignis, das sich aus zwischenmenschlicher Nähe und Dichte speist. Es beengt die Menschen in ihren unmittelbaren Lebensäußerungen, verengt ihre Ausdruckskraft und erfordert zugleich zur Überwindung dieser Lebensenge immer größere Ausdehnung und immer höhere Konzentration der Wechseitigkeit individualisierter Natur. Unendliche Ausdehnung und unendliche Dichte zugleich hat solches Erleben nötig: ein Widerspruch in sich.
Das verlangt vor allem auch vielerlei Beiträge hierfür, die den Einfällen der Menschen zur Herstellung von Kulturereignissen entspringen, die aber selbst nicht Zufälle sind, sondern einer Absicht folgen, diese Verhältnisse durch Ausdehnung des Lebensraumes von Menschen und zur Vertiefung ihrer Eindrücklichkeit zu erweitern. Das Leben wird zur Bühne dieser strahlenden Ereignisse und das Podium besteht solange, wie das Parkett gefüllt ist und dunkel bleibt. Solange sich die Menschen darin nicht begreifen müssen, verlieren sie mit der Ausdehnung und Vertiefung ihres Kulturraums immerhin die Verengung ihres einzelnen Daseins als individualisierter Naturkörper. Aber in dieser Enge ist das Leben bedrängt. Es ist im Begriff, sich beständig aufzuheben, durch anderes Leben zu füllen ohne ein wirklich anderes Leben zu sein. Solches Leben besteht aus Lebensangst und ist immer wieder im Gefühl, durch vernichtende Lebensgewalten oder "Lebensschicksale" vernichtet zu werden.
Die Menschen scheinen durch sich selbst, durch ihren zwischenmenschlichen Verkehr bedroht, haben sich selbst als potenziell vernichtet war, wenn sie dem nicht standhalten. Solange es für sie noch keines gemeines Menschsein wirklich gibt, unterliegen sie immer wieder dem vermeintlichen "Schicksal" ihrer Bedürfnisse, besonders ihres Geschlechtslebens. Dieses erscheint gegeben und verlangt daher auch Ergebenheit. Doch immer seltener gelingt es, sich darin einzufügen, das immer mächtiger die Ereinisse des Lebens werden, das Erleben immer zwingender. Die klassische Form der Ergebenheit, der Ehevertrag zum "wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane" (Immanuel Kant) funktioniert nicht mehr.
Es ist die erste Form, worin das Bedürfnis nach Gewöhnung und Vermengung wie eine äußere Notwendigkeit entsteht, die Form, worin das Gefühl für eine Menschenmasse keimt, die letztlich die Gewähr für das Potenzial vieler Selbstgefühle ist. Doch innerhalb wirklicher zwischenmenschlicher Verhältnisse kann sie sich noch nicht ausbilden.
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1.3.3 Die Kultur der Reize oder der verheimlichte Mensch
(Die durchpflügte Sinnlichkeit)
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Hinter dem Reiz der Gegebenheiten wird Lebensangst unwirklich. Sie tritt vielleicht hie und da als Albtraum oder Panik hervor, beruhigt sich aber zunehmend in der Teilhabe an der Erlebenskultur. Diese ist die eigentliche Form der Überwindung jedweder Ängstlichkeit. Nicht muss Angst machen, nichts das Leben verengen, wenn die Weite und Unendlichkeit, also die Beliebigkeit der Reize, sich dem gewöhnlichen Leben überordnet.
Das Wesentliche, was es die Menschen in dieser Kultur treibt, ist daher die Gemeinschaft, welche im Erleben auch wirklich entsteht. Der vereinzelte Sinn, das vereinzelte Geschlecht, der vereinzelte Geschmack, die vereinzelte Wahrnehmung überhaupt findet im allgemeinen öffentlichen Erleben einen nun auch allgemein ölffentlichen Zusammenhang. Was im ersten Teil das Erleben als Grundlage der Selbstverwirklichung war, wird nun zum öffentlichen Erlebnis, das als allgemeine Selbstverwirklichung der Kulturpersönlichkeiten erscheint.
Dies verändert die Sinne der Menschen nun wirklich, macht aus dem Geschlecht ebenso ein allgemein menschliches Erlebnis, wie aus dem Geschmack, aus dem Gespühr, aus den Gefühlen und Empfindungen überhaupt. Die Empfindungen verschwinden in einem Matsch von Gefühlen, die durch Anzeize gebündelt und ausgerichtet werden.
Der Gefühlsbrei bliebe endlos, würde nicht die entsprechende Dosis Ketchup den Geschmack ausrichten, das Besondere im Brei des Erlebens. MacDonald besteht nicht als bloßes Fast-Food-Geschäft sondern. Dieser Konzern ist vor allem als Kulturmedium des unendlich leer bestimmten Geschmacks vonnöten. Daher soll der Mac-Burger überall auf der Welt auch gleich schmecken und auch im "Grundrauschen" des Geschmacks überall vertraut sein, denn das verschafft dem entleerten Gefühl wenigstens eine Heimat, und garantiert natürlich zugleich auch volle Kassen.
Erst hierdurch kommt jede Geschichte nun wirklich an ihr Ende, denn sie kann sich nur in dem aufheben, von dem sie ausgegangen war. Das Erleben wird selbst zur auschließlichen Empfindung, Resultat und Ursprung in sich selbst verkehrt. Das ist die wesentliche Grundlage jeder Selbsttäuschung: Man empfindet, was man erlebt und hat dadurch das Gefühl, gelebt zu haben, gleich wie das Leben auch sein mag. Das überlebende Gefühl wird zur einzigen Selbstgewissheit, dass das Überlebte auch Leben ist. Der Selbstwert begründet sich nur auf dieser Überlebensfähigkeit, worin alle kulturellen Reize aufgehen. Auch wenn sie das menschliche Leben entgegenwärtigen, so vergegenwärtigen sie sinnliche Erregungen, die im Trubel der Gefühle ihre Bewegung und Sättigung haben, die also darin zur Aufhebung gelangen, dass die eine Menge Selbstgefühl produzieren.
Das Gemenge aus den Versinnlichungen wird zum Kulturträger schlechthin, zum allgemein angereizten Sinn, dem Reiz des Geschmacks, der Sexualität, der Selbstwahrnehmung usw. Hierdurch verlieren die ursprünglichen Sinnstifter ihre Funktion, treten weder als Zweck, noch als Schranke auf. Der zwischenmenschliche Grund wird selbst zum Phänomen des zwischenmenschlichen Lebens, zum allgemeinen Lebensphänomen, worin das Kapital nun wirklich seine Kultur findet und dies in aller Regel irgendwann auch begreift.
Doch die erste Position hierzu ist konservativ: Das Bedürfnis, die Menschen jenseits ihrer konkreten Sinnlichkeit zu kultivierten, ihre Gewohnheiten und Bedürfnisse dem Maßstab eines gesitteten Lebens zu unterwerfen, ist die erste Reaktion auf die Entleerung der Bedürfnisse selbst. Sie erscheinen jetzt sinnlus und müssen aus diesem Grund selbst Sinn erfahren, den sie für sich nicht mehr haben. Das Leben wird nach einer Sinnstiftung durchpflügt, die höher stehen muss als es selbst sein kann. Um diese geht es deshalb jetzt.
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 |  |  |  |  | Weiter mit Teil III.1.2. Die Sitte (die subjektive Vernunft) |  |  |
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