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Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 1: Die Sittlichkeit der Kulturverbindlichkeiten

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2 Die Reizkultur (Die Dekadenz )

Das Erleben einer Kultur voller Lebensereignisse erweitert zwar den Lebensraum des Überlebens, nicht aber das Leben selbst. inzwischen stellen die zwischenmenschlichen Ereignisse in ihrem beständigen Wechsel alleine eine Beständigkeit der Abwechslung dar, die ihren Sinn verloren hat. So voller Lebensfülle die Erlebnisse erscheinen, so leer sind sie auch auf Dauer, weil sie selbst nur der Kurzweil folgen. Substanz bildet sich nur in menschlichen Beziehungen, in Zusammenhängen ihres wirklichen Seins. In einer Kultur der Reize verliert sich nicht nur der Inhalt ihrer Selbstwahrnehmung sondern auch der Inhalt ihrer Wahrnehmungen überhaupt. Im Grund nehmen sie nurmehr das wahr, was sie längst wahrhaben, was ihnen also bloße Gewähr einer Beziehung ist und bietet. FUnd für einander sind sie nur das, was sie reizend macht. Ihre Selbstlosigkeit hat sich nicht nur in ihren reizvollen Erlebnissen nun wirklich erfüllt; sie füllt ihre Wirklichkeit jetzt auch durch Reize, in denen sie sich wirklich aufheben. Schlagartig tritt an die Stelle der Kurzweil, wie sie ihr Sinnesleben als Naturerleben gerade noch hatte, eine unendliche Langeweile.

Die Menschen können in ihren Beziehungen selbst nicht mehr das geben, was sie voneinander erwarten. Sie erleben sich selbst als eine Beschränkung ihrer Selbstentfaltung, sich selbst als unangemessen. Es beziehen sich zwar die Absichten der persönlichen Gefühle weiterhin aufeinander. Sie können sich aber nur gegeneinander verwirklichen. Was der einen Persönlichkeit nötig ist, das bedrängt die andere. Die Selbstverwirklichung dadurch an ihre Grenzen, dass die Menschen in ihrem Erleben sich selbst ausschließlicher Gegenstand und daher auch einander ausschließend geworden sind. Sie entleeren ihre Beziehungen durch ihre Selbstwahrnehmungen, die sie darin haben. In diesem Zirkel um die somit total gewordene Selbbstwahrnehmung muss gerade das untergehen, was von lebendig zu sein scheint. Es ist eine Art Vampirismus der Wahrnehmung, was auf dieser Stufe der Kultur geschieht: Die Menschen können nur ihrem Untergang begegnen, wo sie Leben suchen. Ihr Leben ist gerade durch den Schein ihrer Lebendigkeit im Ausschluss von sich negiert.

Von da her ist es nötig, dem Leben, wo es nicht ist, eine Form zu geben, eine Gestalt, worin es sich gestalten kann, auch wenn es so nicht sein kann. Die Form des Lebens, das im Erleben noch als Anreiz aufleuchtete, wird nun zum Reiz einer Kultur, die sich im Grunde satt hat. Die Menschen verlassen dadrch ihre Ödnis, dass sie ihrem Sinn eine Gestalt geben, die ihn hervorlockt, die ihn anreizt, anstachelt und anmacht. Die "Anmache" ist das hervortretende Merkmal solcher Reizkultur.

2.1. Die Selbstgestaltung

Hatte sich in der Selbstverwirklichung, wie sie im ersten Teil dargestellt worden war, noch eine abstrakte Entfaltung der sinnlichen Beziehungen ergeben, so muss sich jetzt eine Beziehung erst durch sich selbst gestalten, um solcherlei Beziehung überhaupt wahrnehmen zu können. Es genügt hierfür nicht reizvolles Erleben; das Leben muss in seinem Anreiz so gestaltet werden, dass die Menschen darin sich wie sie selbst auch fühlen. Nicht ihr wirkliches Selbstgefühl kann dies sein, sondern ein Gefühl für sich, durch bloße Einverleibung eines anderen Lebens, das nur durch seine besondere Allgemeinheit besonders ist: Das besondere Selbst in einem selbstlosen Leben - man muss besser sagen: Das objektive Selbst.

2.1.1 Die Konsumkultur (Der Gebrauch des Anreizes)

2.1.2 Die Mode und der Reiz der selbstbestimmten Ästhetik

Das Brauchtum kann die Langeweile seiner Bildung nicht verbergen. Der Reiz des Erlebens findet darin vielleicht einige "kracherte" Beziehungen, nicht aber seine Kultur.

Mode überwindet leere objektive Kulturbestimmungen durch ihre ästhetischen Reize. Sie promeniert nicht nur auf Laufstegen, sondern in der Selbstwahrnehmung selbst. Die Selbstwahrnehmung wird durch die Mode prominent. Der ästhetische Wille beginnt daher auch wirkliche Gestalt anzunehmen. Allerdings fristet er innerhalb der Sitten noch ein kümmerliches Dasein.

2.1.3 Der Zeitgeist und der Gestaltungsfetisch

Die Mode hat ihre Beziehung selbst nur in ihrem Reiz und bestätigt aufgereizte Sinne. Sie ist damit das Medium dessen, was nur als Zeitgeist Zusammenhang findet. Dieser erscheint nun als ästhetische Gestalt und als ästhetisches Interesse allgemein. Doch er kann nicht wirklich als Allgemeines bestehen. Er verwirklicht sich allgemein nur in der hervorragenden Gestalt, in seiner ästhetischen Prominenz.

Die hierin hervorgekehrte Selbstwahrnehmung wird nun tatsächlich in den Lebensgestaltungen des Zeitgeistes als "Lifestyle" wahrgehabt. Die gesellschaftliche Wahrnehmung erscheint hierdurch verkehrt: Die Prominenz ist nicht Wahrnehmung einer wirklich gesellschaftlichen Gestalt der Wahrnehmung, sondern die gesellschaftlich bedurfte Wahrnehmung. Sie ist die Notdurft der Wahrnehmung in einer Gesellschaft, in welcher die Menschen keine Beziehung mehr zu sich selbst haben. Die Art und Weise des Vortragens dieser prominenten Gestaltenwird zu einem allgemein notwendigen Zweck, zu einer Gesellschaft, in der sich nur Gefälligkeit und Gfallsucht ausbreiten kann. Das Prominete wird zum Maß der Durchsetzungsfähigkeit des ästhetischen Willens, zum Maßstab der öffentlichen Wahrnehmung als allgemeine Selbstwahrnehmung.

Allgemein tut sich im modischen Zeitgeist die ästhetische Abgrenzung gegen das Individuum hervor. Im Einzelnen entwickelt sich darin die Urteilsbildung einer kulturellen Führerschaft, einer Kulturelite. Ihr Urteil steht gegen jede bestimmzte Selbstwahrnehmung und vermittelt durch ihre allgemeine Selbstwertigkeit ein allgemeines Minderwertigkeitsgefühl, was zur Grundlage aller gesellschaftlichen Ressentiments wird.

Als Inhalt der prominenten Wahrnehmung entsteht somit die ästhetische Prominenz des politischen Zwecks im allgemeinen, welche sich in der Voraussehung des Hervorragenden zu verwirklichen strebt. Im einzelnen entsteht so die Vorsicht, in welcher die allgemeine Boraussicht sich geltend macht.

Aber dass Urteil des Zeitgeistes entspringt ja in Wahrheit nur dem allgeminen Mangel, den Prominenz ausmacht: Die Abwesenheit wirklicher Wahrnehmung. Die hervorgekehrte Wahrnehmung kann nur Anwesenheit erhalten, indem sie durch ihre Vorsicht Eindruck macht, indem sie sich popularisiert.

Die reizvollen Großtaten, wie sie sich in den Medien darstellen. Die Medien treten aus der Vermittlung von Wahrnehmungen und Informationen dadurch heraus, dass sie den Zeitgeist selbst unterhalten und ihn zum allgemeinen Träger kultureller Vermittlung, zum allgemeinen Medium der Lebensgestaltung machen.

2.2 Die Unterhaltung und ihre Medien

Mode gerät dadurch zur Langeweile, dass ihre Bedürfnisse selbst nur in der Zeit sind und mit der Zeit untergehen. Mode kann selbstbestimmt wirken, niemals aber selbst bestimmmt sein.

Von der Mode selbst entsteht die Notwendigkeit zur Unterhaltung. Das Gängige in der Wellenform des Wiederkehrenden (en vogue) macht die Unterhaltung aus. Kultur wird zur Gegebenheit des beständigen Wechsels. Unterhaltung ist die herausragende Beziehung, worin sich der Zeitgeist bewegt. Er befriedet die Langeweile alleine durch seine Bewegung.

2.2.1 Kunst und Design

Die fiktiven Persönlichkeiten der Wahrnehmung werden zum Bild. Das Bild zur herrausragenden Realität, die alle Wirklichkeit hinter sich lässt. Das Design befiedigt das Bedürfnis, eine Gestalt zu haben, die ein schmuckvolles Bild ist, Schmuck als abstrakte Wahrheit der Bebilderung, als Schauer der Wahrheit in einer unwahren Realität.

Die Regeln des Design sind grafische Rituale des Selbstverständlichen, das sich selbst bricht. Es erschent als Naturgesetz von Raum und Beschränkung, welche als systematische Gestalt anerkannt ist. Aber es ist das System der Veregegenwärtigung abstrakter Form zur Formation eines Gemüts.

2.2.2 Die designierte Wahrnehmung (Die allgemeine Macht von Schön und Gut)

Die Lebenswelten der Fiktion sind das wirkliche Erschauern, das seinen Sinn dadurch hat, dass es die Wahrnehmung zugleich unterhält und tröstet.

Das fiktionale Erleben besteht in dem Bedürfnis, an Bilder zu glauben um darin seine hervorragende Realität zu schaffen. Bilder folgen den Regeln des Designs, um zu wirken, wie gewollt. Durch die Dopplung der Wahrnehmung in Erinnerung und aktuellem Sinn, beides im Widerspruch, wird Wahrnehmung prominent.

Die Emanation des Immergleichen in der Selbstunterscheidung ikonisiert die Wahrnehmung. Sie ist die absolute Gestalt der Mediums von Gedächtnis, Gedenken und Sinn.

Die Selbstwahrnehmung der sittlichen Erlebenswelt wird zum Zweck der Ikonen, der aufgeschlüsselten Bilder, des Schreins der Gegenwart. Die Bebilderung der Geschichte macht Bilder selbst geschichtlich, versammelt und verdichtet Geschichte zu einem Bild, das so erscheint, als erzähle es Geschichte. In Wahrheit ist es ein Gebilde der Geschichte, welches im Sinn seiner Komposition die Gewissheiten der Sinne zu einer Form des Wissens bringen, die unmittelbar politisch ist.

Die Kultur der Bilder ist eine immer aus den herausragenden Geschichten bestimmte Bildergeschichte, welche ein Wissen bildet, das keine andere Gewissheit hat als die des hervoragenden Bildes. "Mach dir ein Bild. Bild dir deine Meinung."

Es entsteht eine Bilderkultur, welche sich allen Organen der Wahrnehmung zuwendet, Auge, Ton und Text, und irgendwann wohl auch noch weiteren Sinnen. Diese allgemeine Verbilderung lässt eine Wahrnehmung, deren Widersinnigkeit noch zu spüren und zu erkennen ist, erblinden, stumpft sie ab, Die Güte der Bilder wird Bestimmung des Guten, zu einer Wirklichkeit, die selbst eine Bestimungsmacht in den Medien erfährt. Nicht nur definitiv und durch Sprache, sondern alleine im Umgang mit dem, was auf diese Weise schön und gut wird, wird der Ausschluss von einer Wahrheit betrieben, die nicht mehr von dieser Welt sein darf.

Zum Beispiel der Austausch der guten Menschen in den Talkshows usw. Ausgrenzung des Problems. Z.B. "Stasivergangenheit des Vaters von ..."

Wahrnehmung wird auf diese Weise zum Gebrauchsgut der Medien. Um etwas zur Promenenz zu bringen und als diese zu bestärken, wird das Leben von Menschen genommen, und in seiner Güte verwertet. Die Guten sind dabei natürlich die, welche die Löcher der Wirklichkeit ausfüllen und stopfen können (z.B. durch interessante Erlebnisse, durch Arbeit in der Dritten Welt, durch eklatante Leiderfahrungen, durch Originalität usw.). Das konkrete Leben wird nicht nur widergespiegelt, sondern bekommt eine Reflexion, die einen hohen Grund und Wert hat: Seine Vernichtungen und Nichtigkeiten gehen dadurch unter, dass sie von einer Medienwirklichkeit ersetzt werden, die dazu verhilft, sie zu relativeren, also auch erträglich zu machen.

Es etabliert sich somit ein formiertes Wissen, die Information, als wichtigster Inhalt der Medienkultur, die hierdurch unmittelbar politische Kultur geworden ist.

2.2.3 Die Information (Die formierte Wirklichkeitswahrnehmung)

Die Wahrnehmung ist nun völlig abgetrennt von der Realität, zugleich aber auch vollständig gegenwärtig als Inhalt des Wissens. Als dieser wird Wahrnehmung selbst zu einem Medium des Wissens, denn außer diesem hat nichts mehr eine Gewissheit. Die Menschen erkennen sich im Medium als Allgemeinheit ihrer Selbstbildung, als Teilhaber der hervorgetretenen Selbstwahrnehmung, die dadurch zu Wissen und als Wissen mächtig wird, dass sie zugleich prominent ist, gültig als Wissensform, als Information.

Darin sind die Zusammenhänge der Gewissheiten medial fixiert zu Verdichtungen der Wahrnehmung, welche Aussagen prominent machen, die nicht mehr für sich sprechen müssen, deren Inhalte nicht mehr promenieren, deren Herkunft also keinen Sinn mehr macht, weil nur ihre gegenwärtige Form Sinn hat. Es sind die Selbständigkeiten des Wissens, die als Informationen kursieren und Wissen als Konzentrat ihres Mediums vertreiben. Es werden damit alle Gewissheiten vetrieben, die daran zweifeln lassen und Wissen wird zum Medien gegen alles Ungewisse. Dessen Dichte erscheint nötig um die Eindrücke fassbar und damit unbezweifelbar zu machen.

Information wird auf diese Weise zur wesentlichen Formation der Selbstwahrnehmung, zum Bilderleben schlechthin. Bilder machen das aus, was Menschen in der Reduktion auf Wahrnehmungsdichte fassen können und verdichten damit die Auffassungen von dem, was ihnen fremd ist. Information erscheint als vertraute Fremdheit, die doch gegenwärtig ist. Und sie entfremdet auf diese Weise jedes Vertrauen.

Im Maß der Verselbständigung trennt sich die Information von jedem lebenden Gehalt. Der Sachzwang erscheint als Wissenszusammenhang und totalisiert sich darin.

Abgelöstes Wissen ist daher notwendig unsittlich, hat keinen Sinn für das menschliche Leben selbst und konfrontiert sich diesem als Totalität gewisser Gegebenheiten, die eine sinnliche Entleerung der Gewissheiten betreiben. Die Menschen werden sich vielleicht "überinformiert" empfinden, aber sie sind der Macht der Bilder dennoch gebeugt. Die Welt erscheint verwirrt. Eine "innere Autorität" wird nötig.

2.3. Der wirklich veräußerte Gemeinsinn

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