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Zum Thema siehe auch  => Karl Marx  => Friedrich Nietzsche  => Martin Heidegger



Die deutsche Philosophie war im 19. Jahrhundert nach dem deutschen Idealismus und mit der Aufklärung vielleicht auf ihrem Höhepunkt angelangt, als Karl Marx ihr Ende forderte ("Die Philosphen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern!"). Die Behauptung, dass Philosophie nur Interpretation sein könne, die es dahin gebracht hatte, ihre eigenen Widersprüche zu erkennen, wollte den Humanismus der Erkenntnis in ein humanes Begreifen der Welt wenden, das in der Lage ist, sie praktisch zu verändern, die Entfremdung des Menschen in der Welt dadurch aufzuheben, dass das Fremde als menschliches Produkt begriffen ist, das nur konkret und praktisch menschlich angeeignet, die Sache der Menschen zur menschlichen Sache werden könne.

Der große Gegner dieser Erkenntnis war Friedrich Nietzsche, der die Selbsterkenntnis des Menschen nicht mehr als Interpretation, sondern als radikales Verhältnis zu sich selbst einforderte. Bei Ihm geriet die Philosophie zum Vorwurf an die Menschen, die Unwesentlichkeit ihres Lebens nicht zu erkennen, weil sie die Erkenntnis fürchten würden, dass es keine andere Wahrheit als sie selbst gibt und dass das menschliche Leben so lange aus Verstellung und Gebälk, aus schlichter Borniertheit bestünde, bis Übermenschen aus der Dekadenz dieses Hordenlebens hervortreten würden, welche die Menschen auf sich selbst zwingen können und der Horde eine Gesellschaft im Dualismus zwischen Selbsterkenntnis und Macht verleihen: Wille als Macht der Menschheit, die eine Menschenführung nötig hat.

Martin Heidegger verfolgte die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis. Er begriff allerdings Wahrheit als Seinssproblem, als Unmöglichkeit, im Seienden mit sich eins zu sein. Das Dasein selbst sei abgetrennt von den "Lichtungen" des Seins, worin Erkenntnis möglich sei, eigentlich Erleuchtung. Er warf den Menschen in ihrer Entwicklung und Geschichte zunehmende Seinsvergessenheit vor, die sie in das bloße Dasein hineinwerfe, ohne dass sie darin erkennen müssten. Seine Erleuchtungstheorie war wohl die erste Philosophie, die mit Erkenntnissen der Eigenbewegung der Menschen faszinierte. Aber sie war vor allem darin reaktionär, dass sie eine Wesensspaltung der Erkenntnis voraussetzte, die sie selbst vollzog: Sein und Zeit waren ihm wesentlich entgegengesetzt und darin ihrem Wesen nacht entzweit. Damit war die Bestimmung des Seins durch die Zeit zwar festgestellt, aber nicht mehr erkennbar, nicht mehr als historischer Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses begriffen. Der Wert als Zeitprinzip des Seins gerät hierdurch zur Anforderung an die Erkenntnis, dass sie ihr Sein im Gegensatz hierzu zu begreifen habe. Das von Marx gelöste Rätsel, warum die Zeit sich in der bürgerlichen Gesellschaft als Bestimmungsmacht aller Verhältnisse, alles menschlichen Seins herausgebildet hat, wird wieder in die finstere Kiste ereignishafter Seinswahrheiten verband, die ihrer Erleuchtung nur harren können. Jeder Humanismus der Erkenntnis war darin unterworfen, der Mensch ein prinzipiell verharrendes Wesen, das seiner Erleuchtung entgegenfiebert, ohne sie je vollständig erlangen zu können. Erkenntnis wurde relativ.

Solche Philosophie wird zwangsläufig zu einer Art Wegbeschreibung des Erkennens, zu einer Beziehungsform der Wegsuche, die darauf beruht, ihre philosophische Kernspaltung verbrämen zu müssen. Was Heidegger auf den Holzwegen des Breiagaus in seinen einsamen Spaziergängen vertieft hatte, ist der Holzweg eines vermeintlichen Tiefgangs der Einsamkeit. Sie hatte in dem Maße, wie sie sich in den Seelen der Menschen ausbreitete, fatale Folgen und die hat sie immer noch, weil sie auch die Seelenlage des verselbständigten Intellekts befriedet und dadurch fasziniert, dass sie als Selbstbehauptung sich vergesellschaften lässt.

Was dabei herauskommt ist das Einzige, was solche Philosophie auch für sich erstrebt: Ordnung... Ordnung der Dinge, Ordnung der Liebe, Ordnung des Volkes. Fatal ist die kritische gestalt, die solche Philosophie einnimmt, während sie Denken und Erkennen vollständig von der Wirklichkkeit trennt, entwirklicht. Der Vorwurf der Seinsvergessenheit kommt immer an, ohne dass erkannt wirden muss, dass solche Phiolosophie vor allem den wirklichen Menschen vergessen hat.