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Zum Thema siehe auch  => B�cherverbrennung



Deutschland, Mai 1933

"Es sollte ein Fanal sein, und es wurde ein Fanal des neuen Deutschlands, als in jenem Mai vor genau 70 Jahren in vielen deutschen St�dten, vor allem in den Universit�tsst�dten, die Scheiterhaufen brannten. Es waren B�cher, die da vernichtet wurden: Schriften von Heinrich Mann, Arthur Schnitzler, Erich Maria Remarque, Lion Feuchtwanger, Carl von Ossietzky, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Erich K�stner und vielen anderen Autoren, die heute zu den Klassikern z�hlen, den B�cherbrennern damals aber als "unsittlich", als "dekadent" und "geschichtsverf�lschend", als "j�disch" und "volksfremd" galten. Die "Aktion" lief fast �berall von K�nigsberg bis M�nchen nach demselben Schema ab: In Bibliotheken und Buchl�den wurden missliebige Schriften beschlagnahmt, aufgesammelt und zu abendlicher Stunde im Herzen der Stadt oder in der N�he der Universit�t verbrannt, in M�nchen auf dem K�nigsplatz, am Kaiser- Friedrich-Ufer in Hamburg, in Frankfurt auf dem R�merberg. ("In Frankfurt haben sie unsere B�cher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift", schreibt, schon aus dem Exil, der bitter am�sierte Kurt Tucholsky.) Doch so uniform die Auff�hrungen im Fackelschein waren, mit den Reden, den "Feuerspr�chen" ("Gegen seelenzersetzende �bersch�tzung des Trieblebens! F�r den Adel der menschlichen Seele! Ich �bergebe dem Feuer die Schriften des Sigmund Freud!" etc.).

Die "Aktion" war keineswegs, wie sp�terhin gern kolportiert, von Propagandaminister Joseph Goebbels angeordnet worden. Sie kam aus der Universit�t selbst, aus dem Kreis der nationalsozialistischen Studenten und Professoren. Sie waren es denn auch, die neben SA- und SS-M�nnern bei dem Spektakel Spalier standen und als "geistige SA" mit besonderem Feuereifer bei der nationalen Sache waren."

 

Oskar Maria Graf: Verbrennt mich

Zwei Tage nach der B�cherverbrennung, am 12. Mai 1933, ver�ffentlichte Graf diesen Artikel in der Wiener Arbeiterzeitung:

"Verbrennt mich

Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des neuen Regimes zu sp�ren bekommen: W�hrend meiner zuf�lligen Abwesenheit aus M�nchen erschien die Polizei in meiner dortigen Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen gro�en Teil unwiederbringlicher Manuskripte, m�hsam zusammengetragenes Quellenstudien- Material, meine s�mtlichen Gesch�ftspapiere und einen gro�en Teil meiner B�cher. Das alles harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung.

Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und - was am Schlimmsten ist - die heimatliche Erde verlassen m�ssen, um dem Konzentrationslager zu entgehen. Die sch�nste �berraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut "Berliner B�rsencourier" stehe ich auf der "wei�en Autorenliste" des neuen Deutschlands, und alle meine B�cher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes "Wir sind Gefangene", werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des "neuen" deutschen Geistes zu sein!

Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient? Das "Dritte Reich" hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgesto�en, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die gr��te Zahl seiner wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unm�glich gemacht. Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff "deutsch" durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen.

Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdr�ckt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden. Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer "Geistigen" zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte "wei�e Liste" zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann!

Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine B�cher der reinen Flamme des Scheiterhaufens �berantwortet werden und nicht in die blutigen H�nde und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unausl�schlich sein wie eure Schmach! Alle anst�ndigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht."