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Zum Thema siehe auch  => Solidarische Íkonomie  => Mondragon, Insel im Strom  => Mondragon



Übernommen aus: Andreas Exner, Brigitte Kratzwald:

Solidarische Ökonomie & Commons, Mandelbaum-Verlag 2012 (s. 101 ff)

CECOSESOLA: Insel gegen den Strom

Die bekannteste kooperative Erfahrung in Venezuela ist das Netzwerk CECOSESOLA, das 1967 als Dachorganisation mehrerer Landkooperativen im Bundesstaat Lara gegründet wurde. Das Netzwerk umfasst im Kern 350 Mitglieder und rund 1.000 assoziierte Personen in 75 Kooperativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Im Umkreis der Stadt Barquisimeto ist die Kooperativeein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Sie betreibt drei große Lebensmittelmärkte, die vor allem Güter, die CECOSESOLA produziert, verkaufen und damit im Jahr 1998 rund 40.000 Familien versorgten. 2007 versorgten die Märkte pro Woche etwa 55.000 Familien, circa ein Drittel der 1,5 Millionen zählenden Bevölkerung von Barquisimeto, und setzten pro Woche 450 Tonnen Güter um. Der jährliche Gesamtumsatz beträgt etwa 40 Millionen US-Dollar. Die Preise der von CECOSESOLA auf den Märkten vertriebenen Güter sind um rund 30 Prozent niedriger als marktüblich, was einer Ersparnis für die Kundschaft von etwa 11 Millionen US-Dollar pro Jahr entspricht.

Das Netzwerk umfasst weiters sechs Gesundheitszentren mit Gratisversorgung der Mitglieder und Assoziierten sowie stark reduzierten Kosten für andere Klientinnen und Klienten. Das Einzugsgebiet zählt etwa 155.000 Personen. Es betreibt ein Bestattungsinstitut, das etwa 17.400 Familien nutzen, sowie diverse Finanzdienstleistungen. Derzeit baut das Netzwerk ein Spital, das im Kollektivbesitz der 1.000 Assoziierten stehen wird. Die Mitglieder verdienen nach Eigenaussage eines Beteiligten im Schnitt etwa drei Mal soviel wie in kapitalistischen Betrieben.

Die günstigen Preise auf den Märkten der Kooperative beruhen wesentlich auf der Ablehnung des Profitprinzips. Dies geht soweit, dass die Kooperative Lebensmittel, die von der Comunidad (Gemeinschaft) benötigt werden, anbietet, auch wenn deren Verkauf einen Verlust bedeutet.

In CECOSESOLA existiert kein Management, es gibt weder einen Vorstand oder ein Direktorium noch eine Präsidentschaft. Die anfallenden Tätigkeiten werden in Rotation zwischen den Mitgliedern erledigt. Inzwischen umfasst die Kooperative mehrheitlich junge Mitglieder. Die besondere Funktionsweise des Netzwerks ist somit von den Gründungspersonen unabhängig. Die Versammlungen der Kooperative sind öffentlich zugänglich, drei Mal pro Jahr wird eine Generalversammlung einberufen. Strategische Entscheidungen wie Investitionen, Einkommen und Boni werden bei der Jahresendversammlung gefällt, sie werden in Kleingruppen erarbeitet und in der Generalversammlung beschlossen. Alle Entscheidungen werden im Konsens getroffen.

CECOSESOLA funktioniert ohne festgelegte Regeln für die Zuteilung der Arbeiten und die Entscheidungsfindung. Dies stärkt die Identifikation der Mitglieder mit der Kooperative. Die geringe Institutionalisierung und Formalisierung erlaubt es den Beteiligten, die Organisation als ihr eigenes Produkt zu sehen und erhöht das Verantwortungsgefühl. Interviews zeigen, dass die Mitglieder aus diesem Grund auch keine bedeutende Gewichtung der Arbeiten vornehmen. Das Einkommen richtet sich nach den Bedürfnissen der Mitglieder.

CECOSESOLA betont in ihren Materialien, und Mitglieder bestätigen dies in Interviews, dass es wesentlich um die Herausbildung neuer sozialer Beziehungen gegen die Muster der patriarchalen, von Machthierarchien geprägten und profitorientierten Gesellschaft gehe. Die praktischen Aktivitäten des Netzwerks dienten diesem Kernanliegen. Die Kooperative zielt explizit auf den Aufbau einer neuen Gesellschaft und limitiert sich nicht auf das Wohlergehen der Mitglieder und ihrer Familien. Das für CECOSESOLA spezifische Narrativ, die Art, wie sich die Mitglieder selbst begreifen und ihren Zusammenhang diskutieren, und worin sie ihre Hauptaufgabe sehen, betont die Einbettung der Kooperative in die Comunidad.

Tatsächlich verstehen die Mitglieder das Netzwerk als Teil der Coniunidad und nicht als externe Organisation. Dieses Narrativ ist ein wichtiges Element für den Erfolg der Kooperative, es formt das politische Bewusstsein der Mitglieder. Viele der Mitglieder nennen die Entwicklung dieses politischen Bewusstseins bei neuen Mitgliedern auch als ein wichtiges Ziel ihrer Arbeit. Neben dem starken Gemeinschaftsbezug spielt der Begriff des sozialen Kampfes (lucha) eine große Rolle im Selbstverständnis von CECOSES0lA. Ebenso wichtig ist das Element der parteipolitischen Neutralität, das zu einer deutlichen Distanzierung vom Staat führt.

Das Narrativ aus Gemeinschaftsorientierung und sozialem Kampf um Autonomie ist für die Sozialisation der Mitglieder ebenso wesentlich wie effektiv. Sie suchen zum überwiegenden'Feil lediglich einen Arbeitsplatz, wenn sie in die Kooperative eintreten, erfahren in der Folge jedoch häufig eine politische l'ransformation, die auch in Begriffen persönlichen Wachstums und individueller Erfüllung ausgedrückt wird. Die Arbeit für die Kooperative wird oft als "mehr als ein Job" beschrieben. Viele lehnen eine Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben ab.

Die Ausrichtung an der Befriedigung der Bedürfnisse der Comunidad ist nicht allein ideologisches Prinzip, sondern seit der Gründung handlungsleitend. Das Bestattungsinstitut beispielsweise entstand, weil kapitalistische Unternehmen diese Dienstleistung unerschwinglich machten. Als in den Siebzigerjahren die Transportpreise stark stiegen, gründete CECOSESOLA eine günstigere Transportkooperative mit mehr als 120 Bussen, die allerdings später aufgegeben werden musste.

Stattdessen verlegte sich CECOSESOLA auf die heute zentralen Märkte, die als Reaktion auf das Bedürfnis nach leistbarer Nahrung in der Comunidad gegründet wurden. Der solidarische Beziehungszusammenhang ist somit der Kern der Kooperative, nicht die bestimmte wirtschaftliche Tätigkeit oder das Einkommen. Kundinnen und Kunden helfen häufig auch am Markt mit. Diese Handlungselemente verweisen darauf, dass man die Beziehung der Kooperative zur Comunidad nur behelfsmäßig in Begriffen eines herkömmlichen Kundenverhältnisses beschreiben kann.

Anders als die durch ein Programm der Chávez-Regierung gegründeten Kooperativen entstand CECOSESOLA ohne staatliche Unterstützung. Das Netzwerk verzichtet auch weiterhin auf die nun verfügbaren staatlichen Mittel und legt Wert auf seine Unabhängigkeit von staatlichen Strukturen. CECOSESOLA unterstützt allerdings den Aufbau von Kooperativen durch die Chávez-Regierung.

Ausgewählte Literatur

Bach (2006) beschreibt seine Erfahrungen bei CE(,OSFSOLA. Eine detaillierte Fallstudie veröffentlichte Brady (2009).