(von Lessenich & Messerschmidt)
Feuilleton, SZ 06.11.2015
Demografie als Ideologie?
Weltfremde Zahlen
Die aktuelle "Fl�chtlingskrise", die in Wahrheit eine Krise der herrschenden Migrationspolitik ist, offenbart Abwehrreflexe und Bewahrungsaffekte aller Art. Wenn "besorgte B�rger" Stra�en bev�lkern oder ein Ministerpr�sident mit staatspolitischer "Notwehr" droht, dann zeugt dies nicht nur von der Angst vor dem vermeintlich �berm�chtigen Fremden. Vor allen Dingen �u�ert sich hier der mal hilflose, mal machtvolle Wunsch, dass alles so bleiben m�ge, wie es ist - beziehungsweise wieder so werde wie fr�her, als die Welt angeblich noch "in Ordnung" war.
Die l�ngste Zeit in der deutschen Nachkriegsgeschichte glaubten die politischen Eliten hierzulande, sich und ihren Staatsb�rgern weismachen zu k�nnen, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Diese Behauptung geh�rte noch zum hiesigen Regierungserkl�rungsrepertoire, als sich die Leute an den Stammtischen des Ruhrgebiets, in den Fu�g�ngerzonen Frankfurts oder Offenbachs und in den Betriebshallen in Mannheim und M�nchen �ber die Weltfremdheit ihres politischen F�hrungspersonals bestenfalls noch am�sieren konnten.
Zur Selbstbeschreibung als Einwanderungsgesellschaft hat sich dieses Land mittlerweile auch offiziell durchgerungen. Aber im Sinne der Einsicht, es in Zukunft dauerhaft mit Zuwanderung zu tun zu haben - wom�glich auch dauerhaft im gro�en Stil - ist dieses gesellschaftliche Selbstverst�ndnis immer noch nicht allzu belastbar. Dass dem so ist, macht sich nicht nur montagabends in Dresden oder in Pressemitteilungen der bayerischen Staatskanzlei bemerkbar. Eine entsprechende Verweigerungshaltung ist bemerkenswerterweise auch dort zu sehen, wo die politische Welt neutral und die administrative Praxisunbestechlich zu sein scheint: in der amtlichen Statistik.
Nehmen wir die "Bev�lkerungsvorausberechnungen", die das Statistische Bundesamt regelm��ig mit den Statistik�mtern der L�nder koordiniert. J�ngst ist die dreizehnte Auflage dieser - leider oft als Prognosen missverstandenen oder fehlpr�sentierten - Modellrechnungen erschienen. Harte Fakten, so mag man meinen, zum demografischen Wandel in Deutschland, Stand 2015: Die anhand der Zentralvariablen Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderungsbewegungen in diversen ("optimistischen" und "pessimistischen") Szenarien modellierte Bev�lkerungsentwicklung der Zukunft signalisiert Berechenbarkeit und Sachlichkeit. Oder simuliert sie diese vielleicht blo�?
Die Demografie versucht, die Unwuchten der Zeitgeschichte wie Kriege und Pleiten zu ignorieren
Viele Zweifel lassen sich an Projektionen anmelden, die sich �ber mehrere Jahrzehnte erstrecken: Was, wenn Finanzkrisen wie die j�ngste wiederkehren oder sich gar auf Dauer einstellen? Wenn Griechenland pleitegeht, der Krieg in der Ukraine wieder aufflammt, Gro�britannien aus der Europ�ischen Union austritt? F�r die Demografie aber, so hei�t es oft, gelten andere Regeln: Sie lasse sich in ihrer langfristigen Entwicklung bemerkenswert gut und verl�sslich absch�tzen. Die "nat�rliche" Bev�lkerungsentwicklung kenne keine allzu gro�en kurzfristigen Ausschl�ge nach oben oder unten: Kinder bek�men die Leute zwar nicht mehr sowieso, aber doch auf lange Sicht in �hnlich niedriger Zahl, und die zuk�nftige Sterblichkeit der bereits Geborenen lasse sich mit einem hohen Ma� an Wahrscheinlichkeit vorausberechnen.
Wie aber steht es um die Dimension der Migrationsbewegungen - die im Umkehrschluss zur amtlichen Statistiksprache, und ganz im Sinne des seit langer Zeit obersten deutschen Demografieberaters Herwig Birg, offenbar als "unnat�rlich" gelten m�ssen? Glaubt man der aktuellen Bev�lkerungsvorausberechnung, genauer deren "mittleren" Szenario - und "Mitte" suggeriert ja bekanntlich Verl�sslichkeit schlechthin -, dann bleibt in Deutschlands Zukunft nicht nur in Sachen Fertilit�t und Mortalit�t, sondern auch bei den dauerhaften Grenz�bertritten alles beim Alten.
Zwar kann auch die j�ngste Bev�lkerungsprojektion den deutlich positiven Wanderungssaldo - die aus der Summe von Zuwanderungen und Abwanderungen sich ergebende Nettomigration in H�he von mittlerweile 550 000 Personen im Jahr 2014 - nicht ungeschehen machen. Aber sie bem�ht sich doch erkennbar, diese Zahl kleinzurechnen oder sie zu einem statistischen Ausrei�er zu erkl�ren, von dem keine Signalwirkung f�r die weitere demografische Entwicklung und deren Berechnung ausgeht oder ausgehen soll.
Der deutsche Wanderungssaldo, so die amtlichen Statistiker tapfer, werde sich ab sofort "schrittweise" auf einen Wert zwischen 100 000 und 200 000 Menschen im Jahr 2020 verringern. Die Bezeichnung der entsprechenden Szenarien als "Kontinuit�t bei schwacher" beziehungsweise "starker Zuwanderung" zeigt, dass es eben vor allen Dingen um Kontinuit�t geht. �berraschenderweise gleichen die Annahmen ab 2020 dann auch exakt denen der Vorg�ngerprojektionen.
Die Begr�ndung f�r diese Kalkulation muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Zwar habe es in der Geschichte der Bundesrepublik "mehrere Migrationswellen" gegeben. Im "langfristigen Durchschnitt" - n�mlich der sechs Jahrzehnte zwischen 1954 und 2013 - liege der Wanderungssaldo jedoch bei 142 000 bis zum Mauerfall, und bei 186 000 Menschen f�r den Gesamtzeitraum. Auf etwa diesen durchschnittlichen Wert werde sich die Nettozuwanderung auch in den kommenden Jahrzehnten wieder einpendeln. Dass die starke Zuwanderung der 1990er-Jahre nur durch ein versch�rftes Asylrecht und die juristische Konstruktion sicherer Herkunftsl�nder und "Drittstaaten" zum Erliegen kam, bleibt dabei ungesagt.
Viele w�hnen sich immer noch auf einer Insel des Wohlstands, der Sicherheit und der Stabilit�t
Was soll man von diesem Rechenkunstst�ck halten? Wem dient das statistische Kalk�l mit dem langfristigen Mittelwert - in einer Zeit, in der sich bei Beobachtung des weltpolitischen Geschehens eher eine Zukunft des permanenten Migrationsdrucks abzeichnet? Soll mit der Fortschreibung der gemittelten Erfahrungswerte seit der Adenauer-�ra die besorgte gesellschaftliche Mitte beruhigt werden? Wird hier bereits die Festung Europa der n�chsten Jahrzehnte eingepreist? Oder soll am Ende die altersstrukturelle Zukunft Deutschlands nicht in helleren Farben erscheinen, um den einge�bten demografiepolitischen Dramatisierungen und den ertragreichen versicherungswirtschaftlichen Gesch�ftsmodellen nicht das Wasser abzugraben? Soll also suggeriert werden, dass wirklich einfach alles beim Alten bleibt?
Was auch immer der Hintergrund sein mag: Die deutsche Politik und Statistik t�ten gut daran anzuerkennen, dass genau dies nicht der Fall sein wird. Hat schon die Migrationsgeschichte der letzten Jahrzehnte die bundesdeutsche Gesellschaft massiv ver�ndert, so d�rfte sich dieser Ver�nderungsprozess in Zukunft beschleunigen und verst�rken. Umso wichtiger ist es, die gemeinsame gesellschaftliche Zukunft integrativ und konstruktiv zu gestalten, anstatt diese als eine blo�e Verl�ngerung der Vergangenheit zu imaginieren.
Viele Menschen hierzulande w�hnen sich immer noch - und angesichts der asymmetrischen europ�ischen Krisenerfahrungen nicht ohne Grund - auf einer Insel des Wohlstands, der Sicherheit und der Stabilit�t. Diese Insel wird derzeit nicht etwa, wie die vereinten Demagogen dies behaupten, von einer "Flut" der Einwanderung "�berschwemmt". Sie wird vielmehr, aufgrund von tektonischen Verschiebungen in der weltweiten Politik und �konomie, die von Deutschland ma�geblich mitangesto�en wurden, an die globale Normalit�t von Not und Elend, Vertreibung und Flucht, Krieg und Konflikt angeschlossen.
Willkommen in der weltgesellschaftlichen Realit�t des 21. Jahrhunderts: Es ist diese Form der Willkommenskultur, die in Deutschland einge�bt werden muss - und zu der �ffentliche Personen und Einrichtungen tunlichst durch politischen Realismus beitragen sollten. Je eher sie damit beginnen, desto besser. Und zwar nicht nur f�r die Verzweiflungsmigranten aus aller Herren L�nder, sondern auch f�r die hiesige Demografie.
Stephan Lessenich lehrt Soziologie an der LMU M�nchen, Reinhard Messerschmidt forscht am Cologne Center for eHumanities.