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Derivatenhandel
Aus: Martin & Schumann "Die Globalisierungsfalle” Rowolt-Verlag
Renditejagd mit Lichtgeschwindigkeit
Auf der Basis dieser weltweiten Freiheit konnte das Gesch�ft der Welt-Finanzindustrie in den vergangenen zehn Jahren explodieren: Seit 1985 haben sich die Ums�tze im Devisen- und internationalen Wertpapierhandel mehr als verzehnfacht. W�hrend eines durchschnittlichen Handelstages wechseln heute W�hrungsbest�nde im Wert von rund 1,5 Billionen Dollar den Besitzer, ermittelte die Bank f�r Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Diese Summe, eine Zahl mit zw�lf Nullen, entspricht ann�hernd dem Gegenwert der gesamten jahresleistung der deutschen Wirtschaft oder dem Vierfachen der j�hrlichen Welt-Ausgaben f�r Roh�l. In der gleichen Gr��enordnung bewegen sich die Ums�tze mit Aktien, Konzernanleihen, staatlichen Schuldtiteln und unz�hligen verschiedenen Spezial-Kontrakten, den sogenannten Derivaten.
Noch vor einem Jahrzehnt gab es in Frankfurt einen Markt f�r Bundesanteihen, in London einen f�r britische Aktien und in Chicago einen f�r Termingesch�fte, die jeweils eigenen Gesetzen gehorchten. Heute sind alle diese M�rkte unmittelbar miteinander verbunden. S�mtliche Kursdaten aller B�rsenpl�tze k�nnen an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit abgefragt werden und l�sen bei den Empf�ngern K�ufe und Verk�ufe aus, deren Kurswert ihrerseits sofort wieder als Bits und Bytes rund um die Erde geschickt werden. Darum ist es m�glich, da� fallende Zinsen in den USA am anderen Ende der Welt, in Malaysia etwa, die Aktienkurse hochtreiben. Wenn sich das Engagement in US-Schuldtiteln weniger lohnt, schichten die Anleger in ausl�ndische Aktien um. Darum kann der Wert von Bundesanleihen steigen, wenn die Zentralbank von Japan billiges Geld an Tokios Geldh�user verleiht. Umgetauscht in Mark und angelegt in h�her verzinsten deutschen Papieren, verwandeln sich die billigen Yen-Kredite in garantierte Ertr�ge ohne Risiko. Und ebendarum tritt jeder, der Geld leihen oder Kapital aufnehmen will, gleich ob Regierungen, Konzerne oder Hausbauer, sofort in weltweite Konkurrenz mit allen anderen potentiellen Schuldern. Weder die konjunkturelle Lage der deutschen Wirtschaft noch die Bundesbank entscheiden �ber den Zins am deutschen Kapitalmarkt. Was z�hlt, ist allein das Urteil der professionellen Geldvermehrer, die sich wie eine "elektronisch ger�stete Armee" (The
Economist) 24 Stunden am Tag ein globales Rennen um die beste Finanzanlage liefern.
Bei ihrer Arbeit bewegen sich die Rendite-J�ger mit Lichtgeschwindigkeit in einem vielfach verzweigten weltweiten Datennetz - ein elektronisches Utopia, dessen Komplexit�t noch un�bersichtlicher ist als die komplizierte Mathematik, die den einzelnen Transaktionen zugrunde liegt. Vom Dollar in den Yen, anschlie�end in Schweizer Franken, dann wieder ein R�ckkauf von Dollars - innerhalb weniger Minuten k�nnen Devisenh�ndler von einem Markt zum n�chsten, von einem Handelspartner in New York zu einem anderen in London oder Hongkong springen und Deals �ber dreistellige Millionenbetr�ge abschlie�en. Ebenso verschieben Fondsmanager oft binnen Stunden die Milliarden ihrer Kunden zwischen v�llig unterschiedlichen Anlagen und M�rkten. US-Staatsanleihen verwandeln sich da per Anruf und Tastendruck in britische Schuldtitel, in japanische Aktien oder in Schuldverschreibungen der t�rkischen Regierung, die in D-Mark denominiert sind. Neben den W�hrungen werden schon �ber 70000 verschiedene Wertpapiere �ber alle Grenzen hinweg frei gehandelt - ein phantastischer Markt mit unendlich vielen Chancen und Risiken.
Um die Datenflut zu verarbeiten, vollbringen die einzelnen H�ndler H�chstleistungen der Informationsverarbeitung. Einer von ihnen ist der 29j�hrige Patrick Slough. Gemeinsam mit �ber 400 Kollegen sitzt er t�glich zehn Stunden ohne Pause im gro�en Handelssaal der Londoner Investmentbank Barclays de Zoete Wed (BZW) und managt das Gesch�ft mit Schweizer Franken, kurz "swiss".
Sein Arbeitsplatz ist eine unscheinbare, drei Meter breite Konsole, umgeben vom Stimmengewirr und gebr�llten Kommandos im halbdunklen Saal. Hinter der schmalen Arbeitsfl�che sind drei Bildschirme und zwei Lautsprecher montiert, die ihn optisch und akustisch unentwegt mit neuen Daten versorgen. Rechts oben thront der vielfarbige Schirm von Reuters, dem Marktf�hrer in Sachen Finanzelektronik. Von einer einfachen Nachrichtenagentur hat sich das Unternehmen zum Hauptorganisator des elektronischen Marktplatzes entwickelt und erwirtschaftet damit j�hrlich �ber eine Milliarde Mark Gewinn. Reuters verbindet Slough �ber feste Standleitungen, eigene Satellitenkan�le und einen Megarechner in den Londoner Docklands mit 20 000 Finanzh�usern sowie allen gro�en B�rsen der Welt.'
Auf dem Schirm erscheinen gleichzeitig die letzten drei Angebote oder Nachfragen f�r "swiss", die h�chsten und niedrigsten Quoten der letzten Stunde f�r alle W�hrungen sowie die letzten News aus der W�hrungswelt. Gleichzeitig kann Slough jeden Teilnehmer per Eingabe eines K�rzels anticken und sofort einen Deal abschlie�en. Allein darauf darf er sich jedoch nicht verlassen. Zugleich mu� er auf die Kurse achten, die ihm seine zwei Broker, unabh�ngige Zwischenh�ndler, per Lautsprecher mitteilen. Alle paar Minuten gibt er selbst ein Angebot durch, mal per Telefon, mal per Tastatur. Nimmt ein anderer Broker-Kunde an, folgt bald ein Anruf.
Die menschlichen Preisfinder konkurrieren mit den elektronischen Brokersystemen von Reuters und EBS, der Konkurrenzfirma eines internationalen Bankenkonsortiums. Auch diese nehmen jedes Gebot entgegen und leiten es sofort und anonym auf die Bildschirme. In "real-time", also sofort, und "online" (am Draht) erf�hrt Slough so von seinem EBS-Schirm zur Linken jederzeit den h�chsten Kaufpreis "bid") sowie den niedrigsten Verkaufswert ("offer") f�r Franken in Dollar oder Mark, die innerhalb dieses Systems geboten werden. Wichtig und darum schwarz auf gelb gro� angezeigt sind nur die dritte und vierte Stelle hinterm Komma, die sich st�ndig ver�ndern. Dr�ckt Slough die "bye"-Taste, enth�llt der Rechner die Identit�t des Anbieters und stellt automatisch die Verbindung her.
An diesem Donnerstag im Januar 1996 "ist der Markt sehr nerv�s", klagt Slough. Vor Arbeitsbeginn hat er die Tagesausgabe des hauseigenen Informationsdienstes der volkswirtschaftlichen Abteilung studiert. Entscheidend wird der Ausgang der Sitzung des Bundesbankdircktoriums in Frankfurt. Senkt die Bundesbank die S�tze f�r die Leitzinsen weiter ab, sollten Dollar und Franken weiter anziehen. Aber fraglich ist, ob die Deutschen sich das leisten k�nnen, ihr Schuldenberg ist hoch, und die Furcht der Bundesbanker vor Inflation ist eine feste Gr��e im Devisengesch�ft. Der Haus�konom tippt daher auf keine Zins�nderung. Slough schlie�t sich an und setzt auf eine st�rkere Mark.
Nach einer halben Stunde testet er den Markt und kauft "70 Mark" f�r "swiss 575" bei der Schweizer UBS-Bank. Per Elektrostift �bertr�gt er mit der schnellen Fahrt �ber die Kontaktpunkte auf der Konsole vor ihm den Deal ins hausinterne System: 70 Millionen D-Mark gegen Franken zum Preis von 0,81575 Franken pro Mark. Kurz darauf entf�hrt ihm ein lautes "fuck", der Kurs ist um ein Hundertstel Rappen gefallen, Slough hat - vorerst – 7000 Franken verloren. Doch die "Buba", wie die Deutsche Bundesbank in Fachkreisen genannt wird, ist auf seiner Seite. Die deutschen Zinsen bleiben unver�ndert. Die Mark zieht an, und mit dieser Nachricht verwandelt sich der Verlust binnen Sekunden in einen doppelt so hohen Gewinn. Slough geht auf Nummer Sicher, verkauft sofort und entspannt sich f�r eine Minute.
"Educated garnbling", ein Wettspiel nach eisernen Regeln und auf hohem Niveau, nennt er den nervenaufreibenden Job und si.eht sich doch nur als kleinen Soldaten, den der Markt vor sich he rtreibt. "Selbst die gr��ten Player", etwa die New Yorker Citibank, "k�nnen die Kurse nicht allein bewegen", versichert Slough. "Der Markt ist einfach zu gro�."
Der Devisenh�ndler hat es noch einfach, f�r ihn z�hlt nur das jetzt. Am anderen Ende des Saales sitzen die Kollegen, die das Gesch�ft mit Derivaten betreiben. Sie handeln mit der Zukunft, genauer den Werten, welche die Mehrheit der Marktteilnehmer f�r Aktien, Anleihen oder W�hrungen in drei oder zw�lf Monaten, einem oder f�nf Jahren erwartet. Ihre Produkte hei�en Swaps und Collars, Futures und Options, Dingos und Zebras. jeden Monat kommen neue auf den Markt. Allen gemeinsam ist, da� ihr Wert nur abgeleitet (derivativ) ist, also auf Kursen beruht, die heute oder sp�ter f�r die realen Wertpapiere und Devisen gezahlt werden.
Um etwa auf die deutsche Wirtschaft zu setzen, mu� man nicht gleich deutsche Aktien kaufen. Kunden k�nnen auch einen Future-Kontrakt auf den deutschen Aktienindex zeichien, der - gegen Pr�mie - die Zahlung eines Differenzbetrags TerspriCht, Wenn der Index �ber den vereinbarten Wert steigt. F�r diesen Fall mu� sich die Bank wiederum durch Gegenver:r�ge absichern oder durch einen eigenen Akiienbestand. Wenn der Kunde will, kann er sich
gleichzeitig gegen Kursschwankungen der Mark durch eine weitere Option sichern .ind per Zins-Swap die Zinsen auf sein langfristig geliehenes Seld gegen die Zahlung von Kurzfrist-Zinsen an die Bank eintauschen - oder umgekehrt. Der verbl�ffende Effekt solcher sch�fte ist, da� sie das Risiko eines Kursverfalls oder
eines s�umigen Schuldners vom Kauf der wirklichen Wertpapiere Dder Devisen abtrennen. Das Risiko selbst wird zum Handelsgut.
Ehedem dienten diese Termin- und Risikogesch�fte nur als eine Art Versicherung f�r die Realwirtschaft. Exporteure etwa konnten sich damit gegen Kursschwankungen der W�hrung ihrer Handelspartner absichern. Seitdem die Kapazit�t der Rechner praktisch unbegrenzt ist, hat sich das Derivat-Gesch�ft jedoch g�nzlich verselbst�ndigt - und eine "Zeit der finanziellen Revolution" eingel�utet, wie es der fr�here BIZPr�sident Alexandre Lamfalussy euphorisch umschrieb". L�ngst haben alle gro�en Finanzpl�tze eigene B�rsen nur f�r den Terminhandel eingerichtet. Von 1989 bis 1995 verdoppelten sich die nominellen Werte der gehandelten Kontrakte alle zwei Jahre und erreichten weltweit die unvorstellbar gro�e Summe von 41000 Milliarden Dollar.
Allein diese Zahl signalisiert den dramatischen Wandel des Geldgesch�fts. Nur noch zwei bis drei Prozent dieses Handels dienen direkt der Absicherung von Industrie und Handel. Alle anderen Kontrakte sind organisierte Wetten der Marktjongleure untereinander - nach dem Muster: "Wetten, da� der Dow-Jones in
einem Jahr um 250 Punkte �ber dem heutigen Stand steht. Andernfalls zahle ich
..." Gegen�ber dem Spielkasino haben die Wetter freilich einen enormen Vorteil: Sie m�ssen bei Abschlu� ihrer Vertr�ge zun�chst nur geringe Eins�tze einzahlen. Zum Schwur kommt es erst, wenn der Vertrag tats�chlich eingel�st werden mu�, wobei die meisten mit entsprechenden Gegenvertr�gen ihr Verlustrisiko begrenzen. Darum betr�gt der tats�chliche Marktwert der Derivate nur einen Bruchteil der nominalen Summen. Daf�r haben sie aber das Geschehen an den M�rkten von Grund auf ver�ndert: Schon kleine Kapitalumschichtungen l�sen immer gr��ere Kursbewegungen aus, und im Ergebnis bekommt die kollektive Erwartungshaltung der H�ndler selbst physische Wucht.
Mit dem Derivatgesch�ft habe sich "die Finanzwelt von der Realsph�re emanzipiert", meint der Banker Thomas Fischer, der als Leiter des Handels bei der Deutschen Bank selbst jahrelang den Markttiger geritten hat. Objektive �konomische Beziehungen, etwa der Zusammenhang zwischen Leitzinsen und Anleihekursen, verlieren immer mehr an Gewicht. Was inehr z�hlt, ist die Erwartung dar�ber, "was die anderen machen. Da kommt es nicht darauf an, warum irgendein Kurs steigt, sondern warum er steigen k�nnte", und dies dann vorwegzunehmen. Die Wertentwicklung f�r deutsche Bundesanleihen zum Beispiel handeln nicht die Rentenh�ndler der deutschen Banken aus, sondern lange vorher die buntbedre�ten jobber der Londoner Terminb�rse "Liffe", an der zwei Drittel der Abschl�sse mit "Bund-Futures" get�tigt werden. Wegen solcher Mechanismen hat die Schwankungsbreite aller Kurse, im Finanziargon "Volatilit�t" genannt, drastisch zugenommen.
Aus diesem erst durch den Derivathandel selbst erzeugten Risiko haben vor allem die Gro�banken ein gl�nzendes Gesch�ft gemacht. Allein die Deutsche Bank verdient mit Derivaten fast eine Milliarde Mark j�hrlich. Die wachsende Bedeutung des Handels in ihren Bilanzen dokumentiert die ver�nderte Rolle der Banken in der globalisierten Weltfinanz. Das Verwalten von Spareinlagen und die Vergabe von Krediten verlieren an Bedeutung. Zahlreiche Konzerne sind l�ngst ihre eigene Bank.
Daf�r steht wie kein anderer die Siemens AG, die mit ihren Geldgesch�ften mehr verdient als mit ihren weltbekannten Produkten. Hunderte von Gro�unternehmen besorgen sich mittlerweile ihre Kredite, indem sie selbst weltweite Anleihen auflegen. Mit Ausnahme der tats�chlich global t�tigen Finanzriesen aus New York und Tokio bleibt der Mehrzahl der Geldh�user nur die Funktion des Transmissionsriemens f�r die M�rkte, Ihre Handelsabteilungen stellen nur noch die S�ldner der elektronischen Finanzarmeen. Die Befehlshaber kommandieren von ganz anderen H�hen: Sie sitzen in den Chefzimmern der Verwaltungszentralen der Investment- und Pensionsfonds. Mit zweistelligen Wachstumsraten sind sie in den vergangenen zehn Jahren zu den eigentlichen Kapitalsammelstellen der Welt geworden. Gut 8000 Milliarden Dollar Spargeld und Rentenr�ckstellungen verwalten allein Amerikas Fondsgesellschaften und sind damit die gr��te Quelle des endlosen und unbest�ndigen Kapitalstroms.