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Ammons Dynamische Psychiatrie
Sendung: Notizbuch / Bayern 2 Radio
Titel: Nicht nur zum Wohl des Patienten? - eine kritische Auseinandersetzung mit der Deutschen Akademie für Psychoanalyse
Datum: 17.4.2001
Redaktion: Sybille Giel
Autorin: Doris Plenk
Sprecher: Friedrich Schloffer, Beate Himmelstoß
Sprecherin 1:
“Nach unserem Interview habe ich noch einmal kurz nachgedacht. Mir war sowohl nach dem Vorgespräch als auch nach dem Interview unheimlich schlecht. Sie haben mich doch auch gefragt, ob man das dort als Therapie bezeichnen könnte. Meine wirklich ehrliche Antwort darauf ist die, die auch gleichzeitig meine Übelkeit abklingen lässt: Nein, das dort ist ein gottverdammtes Verbrechen, dem man Einhalt gebieten muss. Diese Leute unterliegen einem Allmachtsanspruch, der seinesgleichen sucht und damit auch einem unsagbaren Größenwahn. Sie ignorieren deshalb alles, was ein anderer Mensch sagen würde, was er möchte oder braucht oder in der Therapie erreichen wollte. Sie wissen, was richtig und was falsch ist und wie man sich in der Welt bewegt und welche Dinge zu gelten haben und welche nicht. Und genau dieser Allmachtsanspruch und das entsprechende Gebahren dazu ist es, was einen lähmt und überfordert und einem die eigene Substanz nimmt. Es ist ja schön und gut, dass man sich ein eigenes Paradies schaffen will, wenn man in der Welt nicht klarkommt. Aber solche Leute sollten nie, nie und niemals Patienten behandeln!” (1 :05)
Moderation:
Die Rede ist von der Deutschen Akademie für Psychoanalyse, kurz DAP. Der eben gehörte Abschnitt stammt aus einem Brief, den eine ehemalige Patientin geschrieben hat. Sie hat die Gruppe inzwischen verlassen. Die selbe psychotherapeutische Vereinigung aus der Sicht von ...! Er hat seine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten bei der DAP absolviert. (20)
O-Ton 1: So viel Königtum wie dort haben Sie nirgendwo sonst. So viel Bewunderung, so viel Abhängigkeit. Weil sonst ist es ja so, dass der Sinn der Therapie darin besteht, die Autonomie des Patienten zu fördern und dass der Patient immer unabhängiger wird. Dass sie auch immer einen gewissen Abstand wahren. So viel Macht, so viel Königtum wie dort, das finden Sie sonst fast nie.” (25)
Moderation:
Die Deutsche Akademie für Psychoanalyse hat ihren Sitz in München und Berlin. Sie bildet Psychotherapeuten aus, behandelt Patienten - sowohl an den jeweiligen Instituten als auch in einer eigenen Klinik - und betreibt einen psychoanalytischen Kindergarten. Die DAP ist als gemeinnützig anerkannt und bezeichnet sich in ihrem Briefkopf als Mitglied der World Federation of Mental Health, die mit der Weltgesundheitsorganisation zusammenarbeitet. Handelt es sich bei den oben genannten Vorwürfen also nur um Einzelmeinungen, um Relikte aus der Vergangenheit? Zumindest die Geschichte der vordergründig so makellosen Organisation weist dunkle Flecken auf. Ein Rückblick, beruhend auf den Veröffentlichungen des DAP-Kenners und Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche Württemberg, Hansjörg Hemminger: (45)
Sprecher 2:
Die 1969 gegründete Deutsche Akademie für Psychoanalyse war die wichtigste unter den zahlreichen Organisationsgründungen des Arztes und Psychoanalytikers Günter Ammon. Seine “dynamische Psychiatrie” stützte sich auf die psychoanalytische Gruppendynamik, durch die die seelischen Schäden der frühen Kindheit behoben werden sollten. Sein Credo: "Was durch die Gruppe krank gemacht wurde, kann in einer Gruppe geheilt werden." Die Schuld für psychische Erkrankungen lag nach dieser Lehre in der Kindheit und im familiären Umfeld des Patienten. Ammon wandte sein Konzept auch auf die Behandlung schwerer psychiatrischer Krankheiten wie zum Beispiel Schizophrenie an. Den Einsatz von Psychopharmaka und Zwangsmaßnahmen gegen Patienten lehnte er ab - ein Standpunkt der ihm viel Zulauf brachte, gerade zu einer Zeit, als die Psychotherapie weitgehend als "menschenverachtend" verschrien war. So wurde Ammon im Berlin der siebziger Jahren so etwas wie der Modetherapeut der linken Intelligenz.
Doch nach einiger Zeit mehrten sich die Konflikte innerhalb und mit der DAP. Ausgangspunkt für Kritik war in den meisten Fällen die Person des Günter Ammon, der sich durch sein von vielen als "guruhaft" und "überheblich" beschriebenes - Auftreten von anderen Fachkollegen abgrenzte und letztlich die Lehrerlaubnis an der Freien Universität Berlin verlor. Dagegen war die gesamte Organisation der DAP auf Ammon ausgerichtet. Augenzeugen berichten von einer Willkürherrschaft, bei der Patienten plötzlich zu Therapeuten befördert wurden und umgekehrt Therapeuten von einem Tag auf den anderen zu Patienten degradiert oder sogar in die Klinik eingewiesen wurden. Aggressive Ausfälle Ammons und sogar Tätlichkeiten gegen Mitarbeiter oder Patienten sind gerichtsfest belegt. (1 5o)
Moderation:
Dr. ..., niedergelassene Allgemeinärztin in München, hat 1982 ein Selbsterfahrungsseminar bei der DAP mitgemacht. Über ihre damaligen Eindrücke hat sie Tagebuch geführt. (15) 4:40
O-Ton 2: "Ich war, muss ich ganz ehrlich sagen, absolut geschockt. Es war so, dass ich in einen Raum kam, dem ich dort zugeteilt wurde. Und dort befanden sich 16 Personen, die sich nur anschrien. Als ich dann rein kam, war so eine Sekunde Ruhe. Ich war ja die Neue. Und dann mussten sich die Menschen vorstellen, wie das ja in Gruppen üblich war. Und dann stellte ich fest, dass diese Menschen - als Berufsgruppen total gemischt - dass die alle schon jahrelang, wenn nicht jahrzehntelange Therapien hinter sich hatten, auch Gruppentherapien hinter sich hatten. Was mich nur wirklich erschreckt hat, war diese Aggression. Das heißt, diese Menschen saßen da und beleidigten sich fortwährend, obwohl sie sich nur bedingt kannten. Und sie schrien und brüllten und verletzten sich auch wirklich dabei. Und der Leiter, Dr. Köppen, der wohl Oberarzt auch war bei Ammon, der schürte das auch noch. Der war überhaupt nicht in der Lage, einzugreifen oder das zu egalisieren oder das in irgendwelche Bahnen zu lenken. Er saß da und freute sich eigentlich über die Tränen, über die Verzweiflung, über die Verletzung, die sich die Menschen gegenseitig zufügten." (1 :05)
Moderation:
Die DAP veranstaltet im italienischen Paestum regelmäßig Seminare, die seinerzeit auch für Nicht-Patienten zugänglich waren. Das dortige Landgut, die sogenannte "Casa Ammon", hatten Patienten im Rahmen von sogenannten Milieutherapien ausgebaut. Dr. ...erinnert sich daran' dass sie das Selbsterfahrungsseminar nach wenigen Tagen verlassen wollte. Von den Gruppenmitgliedern sei sie jedoch überredet worden, es noch einmal zu versuchen. In ihrem Tagebuch hat sie ihr erstes Treffen mit Dr. Ammon festgehalten. (30)
O-Ton 3: "Ammon schlief und ich sprach mit Frau Grippenstroth. Sie gab mir einen Termin um 19 Uhr. Ich ging. Um 19 Uhr wartete Ammon majestätisch in seiner Hollywoodschaukel und sagte mir, dass Köppen als Leiter geflogen sei und Frau Grippenstroth jetzt die Gruppe leite. Dann zu mir: Haben Sie noch Fragen. Ich fragte ihn, ob es seiner Meinung nach Sinn der von ihm betriebenen Gruppendynamik sei, dass sich die einzelnen Teilnehmer gegenseitig mit ihren Aggressionen zerfleischten und zerfetzten. Ich hätte zwar nicht viel Ahnung davon. Aber die Gruppe von Dr. Schmidtbauer, bei dem ich früher mal war, hätte mir wesentlich besser gefallen. Er: Dr. Schmidtbauer ist bei mir als Leiter rausgeflogen. Unfähig, mit Aggressionen umzugehen. Und dann sagte er: Ach übrigens, ich habe sie noch gar nicht bei meinen eigentlichen abendlichen Seminaren gesehen. Warum kommen Sie da nicht? Sie haben die Pflicht dazu. Ich: Ehrlich gesagt, das ist mir zu theoretisch. Und dürfte ich eine Kritik anbringen? Er. Sprang auf, tobend aggressiv. Was soll denn diese Unverschämtheit. ich lasse mich nicht von Ihnen mit dieser Aggression beleidigen. Ich fand das zu komisch. Er lehrt, Aggression zu haben. Die positiv freiwerdende Bioenergetik der Aggression. Und tobt bereits bei der Frage, eine Kritik äußern zu dürfen. Dann stand er unvermittelt auf, wünschte mir noch erholsame Tage und sagte, die Hand in der Luft auf- und zuklappend: Ciao." (1:30)
Sprecher 2:
Der "Spiegel", die “Süddeutsche Zeitung” und andere Medien brachten kritische Beiträge, die sich vor allem auf die moralischen Exzesse Ammons konzentrierten und zu einer Anzahl von Rechtsstreitigkeiten führten. Im Gegenzug gründete Ammon eine “Bürgerinitiative für Günter Ammon und sein Wirken für die Menschenrechte in der Psychiatrie”. Es folgten Konflikte mit den Münchner Gesundheitsbehörden unter anderem wegen Überbelequng an der Klinik. Ehemalige Therapeuten der DAP schrieben unter dem Titel "In irrer Gesellschaft” ein Buch über ihre Erfahrungen mit den therapeutischen Ansätzen und der Person des Günter Ammon.
Der Vorwurf, Ammon und die DAP würden Patienten von sich und ihren Methoden abhängig machen und ausnutzen, dieser Vorwurf spielte bei den meisten Streitigkeiten kaum eine Rolle. 1989 erschien dann "Das therapeutische Reich des Dr. Ammon”, in dem Hansjörg Hemminger die Erfahrungsberichte von zwei ehemaligen Patienten der DAP veröffentlichte. Sie schildern ihre Abhängigkeit, Demütigungen, ihr Ausgenütztwerden - und ihren schweren Weg zurück zu einem Leben ohne Therapie. Juristische Konsequenzen für die DAP hatte das Buch nicht. 1995 starb Günter Ammon, der Leiter und Gründer der Deutschen Akademie für Psychoanalyse. (1:20)
Moderation:
Nach dem Tod Ammons verschwand die DAP aus den Schlagzeilen. Im Vergleich zu ihrer Hochzeit in den 70er Jahren verfügte sie nur noch über wenige Anhänger und Mitarbeiter. Doch statt des erwarteten Zerfalls etablierte sich die DAP unbeachtet von der Öffentlichkeit erneut. Die Geschäftsführung übernahm Ammons zweite Frau, Maria Ammon, die selbst keine Psychotherapeutin ist. Die therapeutische Leitung liegt in den Händen von llse Burbiel, die zu Lebzeiten Ammons die
Pressesprecherin der DAP war. Seit 1999 sind die Institute in Berlin und München als Ausbildungseinrichtung für psychologische Psychotherapeuten staatlich anerkannt. Die Klinik in München steht im Förderplan der bayerischen Staatsregierung. Die Therapien dort werden von den Krankenkassen übernommen. Doch jetzt gibt es neue Vorwürfe gegen die DAP, die sich ausdrücklich auch auf die Zeit nach Ammon beziehen,
....hat seine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten von 1991 bis 1998 bei der DAP absolviert- und damit die Organisation vorher und nachher kennengelemt. (55) 10:00
O-Ton 4: “Sie ist eigentlich noch gefährlicher als vorher, weil es nicht mehr ganz so offenkundig ist auf den ersten Blick. Ammon hatte ja durch seine Auftritte bei Vorträgen immer wieder einen bestimmten Eindruck erzeugt, wo also auch Leute, die ich kenne, die sonst nichts mit der DAP zu tun hatten, die sofort für sich gesagt haben: Ne, das ist nicht meins. Dieses guruhafte Auftreten, dieses Rechthaberische. Die Frauen, die heute das Sagen haben in der DAP, sind da viel raffinierter. Die besitzen Charme, die sind nett. Die können auf jemanden Anderen eingehen. Das sind Frauen, die hätten diese Organisation niemals gründen können. Aber sie führen sie mit sehr viel Charme und hintergründiger. Also wenn Sie da neu hinkommen, fällt Ihnen das nicht so stark auf wie es früher war. De facto läuft` s aber genauso. Es hat sich von den Strukturen, von den Abläufen nichts gewandelt. Patienten arbeiten dort nach wie vor. Die Seminare laufen nach wie vor so ab. Die Therapien sind nicht kürzer geworden. Die Techniken des abhängig Machens haben sich um keinen Deut verändert. Es ist nur ein bißchen subtiler, da der charismatische Führer nicht mehr in Erscheinung tritt.” (1:05)
Moderation:
Eine Patientin, die mehr als 15 Jahre lang Therapie bei der DAP gemacht hat, kommt jetzt - nach ihrem Ausstieg - zu dem gleichen Schluss. Da sie nicht möchte, dass ihr Arbeitgeber von ihrer Vergangenheit in der DAP erfährt, lässt sie ihre Aussagen von einer Sprecherin wiedergeben. (15)
Sprecherin 3:
Die Ausbeutung der Patienten läuft nach dem Tode von Ammon weiterhin so, ich meine sogar noch gefährlicher als vorher. Weil es feiner läuft und für den Patienten nicht durchschaubar ist. Überhaupt nicht. Und deshalb halte ich, wirklich als große Warnung nach außen, die Therapeuten für äußerst gefährlich. Bitte: Alle die Hilfe brauchen - wirklich Hilfe brauchen - einen großen Bogen rum. Bloß nicht reingehen! (25)
Moderation:
Diese Aussagen stehen in direktem Widerspruch zu der Rolle, die die DAP nach außen hin spielt: Staatlich anerkanntes Ausbildungsinstitut, gemeinnützig und Ausrichter eines psychotherapeutischen Weltkongresses. Doch von außenstehenden Fachkollegen eine Meinung über die DAP zu bekommen, ist schwierig. «Ja, man wisse, dass es dort einmal Probleme gegeben hat. Über die jetzige Zeit könne man nichts sagen. Man könne nur hoffen,” dass sich die jetzigen Therapeuten von Ammon gelöst haben”, so der Grundtenor. Ein Münchner Professor berichtet von begeisterten Studenten, die bei der DAP ihre Praktika absolviert haben. Erwähnt wird auch die Bereitschaft der Organisation, selbst schwer kranke Menschen noch konstruktiv behandeln zu wollen. Doch eine konkrete Beurteilung der Arbeitsmethoden innerhalb der DAP? Fehlanzeige. Richard Schmidmeier ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt am Bezirkskrankenhaus Garbersee bei Wasserburg. Er selbst hat während seiner Studentenzeit vor 20 Jahren ein Gruppenseminar bei der DAP besucht. Seiner Meinung nach steht die DAP in der psychotherapeutischen Fachwelt heute weitgehend isoliert da. (1:10)
O-Ton 5: 003: Ich denke, dass sie nicht sehr vielen Leuten bekannt ist. Konkret: Ich arbeite auch in mehreren tiefenpsychologischen Instituten mit zu Ausbildungszwecken und ähnlichem mehr. Viele Leute kennen die DAP nicht. Die internationalen Kongresse der DAP kommen nicht rüber in dem Sinne. Es sind wenig Leute von außerhalb des Institutes da, so weit ich das überblicke, die wirklich mit teilnehmen. Oder anders ausgedrückt: Auf anderen Kongressen, auf diesen offiziellen Kongressen z.B. unserer Fachgesellschaften spielt sie, so weit ich das mitkriege (und ich interessiere mich sehr und versuche mich fortzubilden) keine Rolle. Es tritt niemand auf, der sagt: Ich bin Mitglied der DAP. Ich sehe das im Sinne Ammons. Ich sehe die folgenden Probleme im Sinne der Deutschen Akademie für Psychoanalyse oder der dynamischen Psychiatrie. Da spielt's keine Rolle. (50)
Moderation:
Richard Schmidmeier hat sich bereit erklärt, die Erfahrungsberichte von zwei ehemaligen Patienten der DAP und des ehemaligen Ausbildungskandidaten_fachlich zu kommentieren. Ihr Kernvorwurf, die DAP würde mit ihren therapeutischen Methoden ihre Patienten ausnutzen und abhängig machen, setzt sich aus mehreren Punkten zusammen. (20)
Sprecher 2:
Erstens - die Diagnostik (5) 14:20
O-Ton 6: “GIeich beim ersten Gespräch, als ich dort war, wurde mir gesagt, dass ich schwer krank sei. Und ein, zwei Sitzungen später hat man mir sofort gesagt, ich hätte die Diagnose Borderline, was einer ziemlich schweren Krankheit entsprechen würde. Also mir ist das so erklärt worden, dass es eine frühkindliche, sehr schwere Störung ist, die sozusagen in den ersten Wochen der Mutter-Kind-Beziehung ihre Ursache hat. Und die nur sehr langwierig geheilt werden könnte, therapiert werden muß also mindestens fünf Jahre." (30)
Moderation:
Diese Patientin kam eigentlich, wie sie erzählt, wegen ihrer Prüfungsangst zur DAP. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester habe sie Puppentheater studiert und sei mit der Prüfungssituation nicht zurechtgekommen. Die schwere Diagnose habe sie überrascht. Eine andere Patientin erzählt, sie sei gleich in der ersten Stunde mit der Diagnose "Borderliner” konfrontiert worden. Richard Schmidmeier: (20)
O-Ton 7: Es ist immer klar - und so lerne ich das auch meinen Assistenten - es ist zunächst einmal der Verdacht auf eine Diagnose. Und ich muß dann langsam weiterarbeiten und schauen, passt das in mein Bild rein. Kriege ich neue Informationen, muss ich meine Diagnostik revidieren. 194: Es ist sicher nicht möglich, in der ersten Stunde eine endgültige Diagnose zu sagen, sondern nur ganz vage habe ich nach der ersten Stunde eine Arbeitshypothese. Und die möchte ich verifzieren. Ich brauche mehr Informationen. Ich brauche eine Fremdanamnese, und dann ganz langsam wird ein Bild zusammengefügt. Aber es ist sicher sehr, sehr schwierig. Und nach der ersten Stunde würde man sicher nie die Vermessenheit haben, eine fertige Diagnose zu stellen. (1:20)
Moderation:
... erzählt von seinen diagnostischen Erfahrungen als Ausbildungskandidat bei der DAP. Inzwischen setzt er seine Ausbildung bei der renommierten Alfred-Adler-Gesellschaft in Berlin fort. Sein rückblickendes Fazit: In der DAP werden Patienten kränker eingestuft als sie tatsächlich sind. (20)
O-Ton 8: Bei der DAP kommen bestimmte Diagnosen überhaupt nicht vor. Also die Diagnosen werden sehr einseitig gestellt. Die Diagnosen werden in die Richtung gestellt, dass alle Patienten, die sich da vorstellen, als sehr schwer krank eingestuft werden. Ich habe nie erlebt, dass jemand in die leichte Gruppe psychischer Störungen eingeordnet worden ist. Ich erinnere mehrere Fälle, wo ich der Meinung war, das es nach allen anerkannten Kriterien der WHO und aller anderer weltweiter anerkannter Institutionen sich um eine phobische Störung handelt- also wirklich lehrbuchreif eigentlich. Und dann gesagt wurde: Ja, das wäre nur äußerlich, das wäre nur vordergründig. Und in Wirklichkeit würde doch hier eine Borderlinestörung vorliegen, weil es ja noch diese und jene Schwierigkeiten im Leben des Betreffenden gäbe, so dass man in diesem Fall doch von einer Borderline-Störung ausgehen müsste. Also was anderswo sozusagen lupenrein als eine Neurose gelten würde, wird dort - und eben nur isoliert dort - als Persönlichkeitsstörung gewertet.n (1:00)
Moderation:
Günter Ammon, der Gründer der DAP hat das Borderline-Syndrom als die psychische Störung dieser Zeit angesehen. Menschen, die nach außen hin durchaus lebensfähig sind, leiden innerlich an einer großen Leere, die es aufzufüllen gilt. In seinen Werken hat Ammon unserer Gesellschaft auch als “Borderline-Gesellschaft” bezeichnet: Viele Fassade, aber nichts dahinter. Richard Schmidmeier: (20)
O-Ton 9: 249: Der Borderline-Begrifl erfreut sich ja zur Zeit einer relativ inflationären Erweiterung. Wie so in den 50er Jahren der Schizophreniebegriff in Amerika für alles verwendet wurde, was einfach keine Schizophrenie ist, ist es auch heute so, dass sehr vieles Borderline genannt wird, was einfach Borderline nicht ist. Es gibt relativ präzise Diagnosekriterien, die immer wieder bestätigt worden sind. Wo man einen Patienten mit einem Borderlinesyndrom relativ trennscharf einordnen kann. Leider passiert es oft, dass von Therapeuten, die noch nicht so viel Erfahrung haben und die Patienten sehen, die ihnen zunächst sehr komplex vorkommen, sofort die Diagnose “Borderline” gestellt wird. Ich kann nach den Vorgaben der amerikanischen Diagnostik relativ gut einordnen: Was ist ein Borderline-Syndrom. Und diese Diagnostik ist valide. Sprich: Andere Diagnostiker würden das normalerweise genauso einordnen. Die Diagnostik funktioniert hier einigermaßen. Und bei diesen Patienten gibt es im Prinzip auch relativ gute therapeutische Vorgaben, bei dem man beweisen kann, dass man relativ vielen Patienten helfen kann - etwa 2/3, gute therapeutische Angebote machen kann - zeitlich begrenzt - und mit der Maßgabe: Den meisten Patienten hilft das. (1:10) 1 9:20
Sprecher 2:
Zweitens - das Menschenbild (5}
O-Ton 10: Das Menschenbild, das dort hochgehalten wird ist so, dass der Mensch als Ganzes gesehen werden soll. D.h. also, wenn jemand vordergründig eine phobische Symptomatik hat, eine Zwangssymptomatik hat, wird ganz offiziell gesagt, dass man natürlich dabei nicht stehen bleiben kann, sondern dass man ihn in der Tiefe sehen muss. Ich habe aber in der Praxis nie erlebt, dass in der Tiefe irgend etwas Kraftvolles entdeckt worden ist, sondern immer nur gähnende Leere. Also das wird ganz offfiziell so gesagt, und das wird als positives Menschenbild dargestellt, jemanden in der Tiefe zu sehen, sich nicht aufzuhalten mit vordergründigen Symptomen sondern jemanden in der Tiefe zu sehen, so wie er jetzt ist und so, wie er sein könnte. (40)
Moderation:
Nach Aussagen der Betroffenen möchte eine Therapie bei der DAP den Menschen nicht nur von seinen offenkundigen Problemen befreien, sondern ihn von Grund auf neu formen. Als "im Kern erreicht» bezeichnen sie in der Sprache der DAP diesen Wunschzustand, auf den jede Therapie abzielt - und dem sich viele Patienten zunächst gerne unterordnen. (20)
Sprecherin 3:
Ich habe meine Wohnung aufgegeben und ging in eine therapeutische WG. Und habe möglichst auch alle Gruppen genutzt, damit ich überhaupt einmal weiß, was Sache ist. Damit ich erfahre, was ich überhaupt für ein Mensch bin. Und damit ich einmal einer werde, der kontaktfähig ist, der Wärme hat; der es versteht, gut zu leben mit anderen Menschen - so hat es auch Ammon immer gesagt. Der mehr Geist hat, der nicht immer in seinem “Köterkram” - so hat er s auch gesagt - in seinem kleinkarierten Denken ist. Und ich habe angestrebt, so auch zu werden. Ammon hat gesagt, der Mensch lebt in einer Borderlinegesellschaft. Aber auch: Der Mensch hat eine große Entwicklungsmöglichkeit in der DAP. Und so sehen es die Therapeuten auch noch heute, dass der Mensch in der DAP große Möglichkeiten hat, sich zu entwickeln, die ihm sonst die Gesellschaft draußen nicht gibt. Und das ist quasi schon auch so ein kleines Inseldasein. Ich war damals froh, dieser Bewegung anzugehören. Und dass ich die Chance hatte, mich doch so wunderbar entfalten zu können. Und das ist ganz sicher bei vielen so - sei es die Mitarbeiter oder auch die Patienten, die dort Therapie machen. (1:00)
Moderation:
Um diese Chance zu nutzen, erzählt diese ehemalige Patientin, habe sie sich auch dem permanenten Gruppendruck ausgesetzt. Sie habe versucht, vor den Therapeuten ihr tiefstes Innerstes offenzulegen und - nach der Symbolik der DAP - wie in einem Labyrinth in ihren Kern vorzudringen, um dann den Weg zu einem neuen, besseren ~Ich" im Sinne der DAP zu finden. Richard Schmidmeier zu dieser Vorstellung von Therapie: (25)
O-Ton 11: Man dachte früher, dass der Mensch aus tiefster Seele umgestülpt werden muss, um therapeutische Ziele zu erreichen. Wir lernen von den Verhaltenstherapeuten, dass die mit relativ oberflächlichen Methoden entscheidende Änderungen bei Patienten hervorbringen können. Und viele Patienten fürchten auch noch die Psychotherapie, weil sie meinen, sie müssen die Seele nach Außen kehren und der Therapeut wird alles wissen. Und das will ich ausdrücklich nicht. Für mich ist so die Seele eines Menschen, seine geheimsten Wünsche und Ideen, das sind für mich das Allerheiligste. Da will ich nur ran, soweit das dringend notwendig ist. Und dann muß man den Deckel sofort wieder zu machen. Der soll das Recht haben, soll lernen, dass das für ihn wichtig ist und sein eigenstes, innerstes ich ist. Und ich muss schauen, möglichst wenig daran zu knüpfen. Denn so überheblich bin ich nicht, dass ich genau weiß, wie man das verändern sollte. Der Mensch ist so vielfältig und so eigen. Das darf ich nicht machen. (55) 22:45
Moderation:
Heute sieht auch die ehemalige Patientin das Ziel von der besseren Menschwerdung etwas anders. (5)
Sprecherin 3:
Also bei der DAP kann man dieses Ziel nie erreichen. Ich habe mir selber die Frage gestellt, und manchmal kam mir der Gedanke: Vielleicht, wenn ich 80 bin. Aber höchstwahrscheinlich habe ich dann immer noch krankhafte Ecken, die noch zu verbessern wären. Oder dass ich mich vielleicht noch konstruktiver entwickeln könnte - so drückt es ja die DAP oft aus. Das ist nicht erreichbar. Du bist auf Langzeit bei der DAP involviert. Ich sag s mal banal: bis zum Lebensende. (30)
Sprecher 2:
Drittens - die Dauer der Therapie (5)
Moderation:
Diese ehemalige Patientin hat, wie sie erzählt, mehr als 15 Jahre Therapie bei der DAP hinter sich - während sie zur gleichen Zeit eine Ausbildung absolvierte und zu arbeiten begann. Circa 80-Tausend Mark habe sie in all den Jahren für die verschiedensten Therapiegruppen und Seminare bei der DAP ausgegeben. Sie zählt mehrere andere Patienten auf, denen es ähnlich geht und die zum Teil nach wie vor bei der DAP therapiert werden. Der ehemalige Ausbildungskandidat nennt als Grund für lange Therapien die Diagnosemethoden und das Menschenbild der DAP. (35)
O-Ton 12: Wenn die Ausgangslage so ist, also der Ist-Zustand ist eine viel schwerere Störung als derjenige wirklich hat. Das ist das eine. Der Ziel-Zustand - das ist das andere - ist ein sehr idealisierter. Also die Zielvorstellungen der DAP sind relativ utopisch. Also ein allseits abgerundeter Mensch, der in jeder Hinsicht konstruktive Ich-Funktionen hat. Das sind ein Ist-Zustand und ein Zielzustand, die sehr weit auseinanderliegen. Da können Sie sich denken, dass eine Therapie von vorneherein schon sehr lange dauern muss. Und die Realität ist ja auch so, dass die Therapien dort in der Regel mehr als fünf Jahre dauern. Also fünf Jahre ist schon wenig. Sehr häufig kommt es vor, dass Patienten zehn Jahre, zwölf Jahre in Therapiegruppen sind. (45)
Moderation:
... und diese Therapiegruppen dann meist aus eigenem Antrieb verlassen. Dass die DAP jemanden als "vollständig therapiert” oder "geheilt" entlassen habe, daran könne er sich nicht erinnern, sagt.... / Richard Schmidmeier, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, zur Länge von Therapien. (15)
O-Ton 13: 210: Das muss man zweiteilen. Punkt eins: Es ist so, dass diese Langzeittherapien, die früher immer angeboten wurden, in der Fachwelt nicht mehr anerkannt werden und psychoanalytische Therapien inzwischen zu 90% Kurzzeittherapien sind. Langzeittherapien sind völlig aus der Mode gekommen und werden natürlich auch nicht bezahlt. Und wir haben viele therapeutische Angebote, die innerhalb kurzer Zeit zu einem Erfolg führen, und dem Patienten geht es wieder gut. Warum soll ich dann die nicht anwenden. Ich kann nicht sagen, dass die eine oder andere Therapie besser wäre, wenn sie länger dauert. Die andere Geschichte ist die: Es gibt natürlich Krankheiten in der Psychotherapie, die ich nicht auf Anhieb beheben kann. Und das ist natürlich eine Geschichte, wo ich einfach eine begleitende Therapie mache im Sinne der Begleitung eines chronisch Kranken. Das gibt es bei therapieresistenten Depressionen. Das gibt es bei chronischen Schizophrenien. (50)
Moderation:
Wenn die Aussagen der ehemaligen DAP-Mitglieder zutreffen, dann gehen viele Patienten während ihrer jahrelangen Therapie einem geregelten Beruf nach und führen nach außen ein normales Leben. Schwer psychisch krank, so erzählen sie, seien sie nur innerhalb der DAP. (15)
Sprecher 2:
Viertens - die Mitarbeit im Institut (5) 26:10
O-Ton 14: "Das Institut ist 1992 z.B. in neue Räume gezogen. Den Umzug und die Renovierung des Gebäudes haben die Patienten durchgeführt, also Malem, Regale aufbauen und so. Jetzt aktuell ist es so, dass zum Beispiel in der Schatzmeisterei, also Finanzmanagement des Institutes, ein Kandidat mitarbeitet und eine Patientin mitarbeitet, die also die ganze Buchhaltung des Institutes machen. Ich habe das selber einmal ein paar Jahre lang gemacht. Und ich kann sagen: Das ist eine ganze Menge Arbeit, die Sie da zu tun haben. Patienten werden eingesetzt bei Eintütungsarbeiten. Die DAP macht ja ziemlich aggressiv Werbung. Sie verschicken Briefe oder ihre Zeitschrift und so. Patienten werden dann also aus ihren Gruppen herausgeholt, müssen da hinkommen. Und dann liegen da also Haufen von Zeitungen. Diese Zeitungen kommen in Briefumschläge. Dann müssen Marken draufgeklebt werden. Die Etiketten mit Adressen müssen beschriftet werden und draufgeklebt werden. Patienten werden losgeschickt mit Sammelbüchsen. Sie gehen durch Cafes und Restaurants und müssen Geld für die DAP sammeln. Was auch eine wichtige Einnahmequelle ist. Und für diese Arbeiten bekommen die Patienten nichts, die bekommen keinen Pfennig." (1:05)
Moderation:
...über die Mitarbeit von Patienten und Ausbildungskandidaten im Institut. Eine ehemalige Patientin erzählt von sogenannten Milieutherapien, die im wesentlichen daraus bestanden, das Anwesen der DAP in Italien oder die Hauser von Therapeuten zu renovieren. (15)
Sprecherin 3:
Die Patienten haben da egal was gemacht: Renoviert, gebaut, Boden ausgehoben. Alle Arbeiten, die eigentlich ein Handwerker macht. Bänke bauen, alles was man sich vorstellen kann. Die Therapie lief zehn Tage. Nebenbei gab s dann immer noch Tanztherapie. Das waren dann so 600 Mark, die man gezahlt hat. Die Fahrt natürlich auch noch und alles, was dazu kommt. Also kam man als Patient immer auf etwa Tausend Mark, die man gezahlt hat. Gerne gezahlt hat, weil man will ja gesünder werden. Und man hat gerne gearbeitet, weil man will ja kontaktfähiger werden. Logisch, oder? (30)
Moderation:
Ist die Mitarbeit von Patienten im Institut, ist Milieutherapie in dieser Form mit den therapeutischen Zielen vereinbar? Der Arzt und Psychotherapeut Richard Schmidmeier: (10)
O-Ton 15: 048: Der Patient ist krank, es geht im schlecht, er ist zu einem gewissen Maß von mir abhängig. Ich hätte größte Bedenken, das irgendwie auszunutzen. Denn ich möchte dieses Gefühl ja nicht noch betonen. Ich möchte es ja nicht zementieren, dass er mir irgendwie unterlegen ist, dass er mir etwas zutragen muss. Mir ist das schon zuwider, wenn er mich zu einem Kaffee einlädt. Das ist mir zuviel. Ich möchte ja seine Unabhängigkeit möglichst betonen. Bei diesen milieutherapeutischen Dingen muss man es ein bisschen komplexer sehen. Wenn ich in irgendeinem Institut über Wochen bin und dann einen Raum gemeinsam ausgestalte, das auch im Sinne einer gemeinsamen Idee, einer gemeinsamen Aufgabe dasteht, das ist in Ordnung, das ist o.k. Das ist auch kein Riesenaufwand. Aber alles was darüber hinausgeht ... Mir ist es ja schon peinlich, wenn ich einen Patienten bitte, dass er mir ein paar Photokopien mache oder ähnliches mehr. Das gehört sich einfach nicht. Der ist mein Gast, der ist von mir abhängig - was ich ja unbedingt verhindern möchte. Und ich wiederhole es noch einmal: Das will ich nicht ausnutzen. (1:00)
Moderation:
Allmählich, so erzählen die Betroffenen, hätte sich ihr gesamtes Leben nur noch im Umkreis der DAP bewegt. Eingebunden durch Therapie und Arbeit am Institut hätten sie die Kontakte zur Aussenwelt nach und nach verloren. (15)
Sprecherin 3:
Bei mir geschah eine ganz feine Verlagerung immer mehr auf die Therapie, das Institut und das ganze dortige Umfeld. Insofem schließen sich Außenkontakte ziemlich aus. Sie sind vereinzelt noch bei Patienten in meiner Gruppe vorhanden gewesen. Ich nehme an, das wird eine Zeitfrage sein. Letzten Endes werden viele dazu hingeleitet, immer mehr am Institut tätig zu sein. Und viele wollen das ja auch. Ich wollte es ja auch gerne. Das war mein Lebensinhalt. Ich habe selber noch vor zwei Jahren gesagt: Die DAP - das Institut in München und Berlin - das ist mein Zuhause! (35) 30:00
Moderation:
Für ... hat die Bindung der Patienten an die DAP System. (5)
O-Ton 16: In der Therapie selber passiert erst einmal ganz vordergründig und gut erkennbar, dass in einer sehr negativen Weise gesprochen wird über die Eltern der Patienten. Dass also der Zeigefinger der Schuld an der psychischen Störung sich auf die Eltern richtet. In der Regel kommt es also zu einer Erschwerung der Kontakte zu den Eltern, oft auch zum Abbruch der Kontakte. Das zweite ist, dass Kontakte im Freundeskreis, die jemand hat, sehr kritisch betrachtet werden. Kontakte außerhalb der Organisation werden als nicht wirklich ehrlich, als nicht wirklich tief bezeichnet, nicht wirklich echt, nicht wirklich gut, nicht wirklich geistreich. Und es wird dadurch suggeriert: Die wirklich guten Kontakte haben Sie nur hier bei uns in den Gruppen, alles was außerhalb ist, ist also zumindest zweitrangig. Dadurch kommt es auch dazu, dass viele Patienten und auch Mitarbeiter kaum oder gar keine Kontakte außerhalb haben. (50)
Sprecher 2:
Fünftens - Die Bindung an den Therapeuten (5)
Moderation:
Warum beenden Patienten ihre Therapien auch dann nicht, wenn sie bemerken, dass sich an ihren realen Problemen nichts ändert? Diese ehemalige DAP-Patientin erklärt es so. (10)
O-Ton 17: "Ganz ursprünglich denke ich weil, als ich in der ersten Sitzung dort war, war ich auch ziemlich traurig und aufgelöst. Und es wurde sofort mir Verständnis suggeriert so nach dem Motto: "Ach Sie arme. Und ach Mensch, das geht doch nicht. Sie sind doch so schwer krank und Sie müssen sofort hierbleiben. Da müssen wir aber sofort etwas machen.” Also auch in dem Tonfall. Und das hat mich in dem Moment so sehr geöffnet, dass ich das Gefühl hatte: Da ist so eine Mutter und die kümmert sich um ein kleines Kind. Und diese Methode ist auch weiter so verfolgt worden, so dass das Gefühl, beschützt zu sein vor irgendwelchen Problemen und Schwierigkeiten eigentlich überwogen hat. Und ich hatte regelrecht vergessen, dass ich mich eigentlich kümmern müsste um Prüfung und wie jetzt mein Leben so verläuft. Sondern ich habe das wirklich in dem Moment völlig abgegeben in die Hände der Analytikerin." (40)
Moderation:
Der Therapeut als beschützende Mutter, der dem Patienten die Probleme einfach aus der Hand nimmt. Nach Ansicht von ...führt diese therapeutische Vorgehensweise direkt zur Abhängigkeit der Patienten. (15)
O-Ton 18: "Also wenn ich da etwas gelernt habe, dann ist es wie ich einen Patienten abhängig mache. Das kommt zum Beispiel dadurch, dass Sie den Patienten auch zu allen anstehenden Entscheidungen in deren Leben etwas sagen. Machen Sie das so. Machen Sie das so nicht. Was auch theoretische Hintergründe hat bei der DAP. Sie nehmen also dem Patienten Entscheidungen ab, und Sie animieren die Patienten auch, Sie anzurufen, wenn es irgendwelche Entscheidungen gibt, die sie zu treffen haben. Und die rufen auch ständig an und fragen z.B. wegen Finanzierungsangelegenheiten, wo Sie ja als Psychotherapeut eigentlich nicht kompetent sind, wo jemand sein Geld anlegen soll. Ob jemand so und soviel Geld für eine Reise bezahlen soll. Und wegen solchen Dingen rufen die Sie dann an. Und das zeigt, in welcher Abhängigkeit jemand ist." (45)
Moderation:
Richard Schmidmeier hält Ratschläge, die auf diese Weise in das Leben das Patienten eingreifen, für nicht legitim. (10)
O-Ton 19: 105: Sicher nicht. Ich möchte mich möglichst weit zurückhalten. Und ich muss auch sagen: Ich bin Psychiater. Über finanzielle Dinge kenne ich mich nicht aus. Da hole ich die nächsten Leute mit dran. Da sind Sozialpädagogen mit beteiligt. Und dann ist es mir schon wieder sehr lieb, wenn die Sozialpädagogen nicht vom Haus kommen sondern von außerhalb. Ein möglichst breit gefächertes Angebot, um die Abhängigkeit des Patienten möglichst gering zu halten. Um die Strohhalme für den Patienten möglichst zu verbreiten. Wenn ich einmal nicht da bin oder meine Institution aus irgendeinem Grund versagt hat, dass er dann woanders hingehen kann, dass er sich woanders festhalten kann. Und dass er für sich ausdrücklich immer das Beste auswählen kann. Das soll er machen, das will ich machen und das will ich ihm ermöglichen. Deshalb würde ich nie so weit gehen, im nähere Vorschriften zu machen. Der muss möglichst selbständig sein. Und ich sehe meinen ganzen Impetus daran, möglichst wenig an den Patienten mit ranzugehen. Weil ich nicht diese arrogante Auffassung habe, dass ich immer recht habe. Ich bin ganz subjektiv als Richard Schmidmeier und will nicht noch, dass der Patient meint, ich hätte das Alleinvertretungsrecht. (1:05)
Sprecher 2:
Sechstens - Die Therapeutische Distanz (5)
Moderation:
Auszug aus den Ethischen Grundsätzen der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie - einem anerkannten Berufsverband: (10) 34:20
Sprecher 2:
Der Psychoanalytiker ist verpflichtet, den analytischen Prozess durch Abstinenz zu sichern. Daraus folgt, dass er niemals seine Autorität und professionelle Kompetenz missbräuchlich dafür einsetzt, durch den Patienten oder dessen Familie Vorteile zu erzielen. Insbesondere nimmt er keine sexuellen Beziehungen zu Patienten auf. Mitteilungen des Patienten behandelt er vertraulich, auch über dessen Tod hinaus. (30)
O-Ton 20: Ich hatte mich dann auch befreundet mit einem jungen Mann, der dort in Lehranalyse war sozusagen. Das ist jemand, der eine analytische Ausbildung macht und dann mit dem Abschluss Analytiker diese Ausbildung beendet. Jemand, der also Psychologie studiert hat oder Medizin. Und er war dort und hatte die selbe Lehranalytikerin, die aber für mich die Analytikerin gewesen ist. Und das ist ja eigentlich verboten, dass man befreundet ist innerhalb von Therapie, und schon gar nicht darf man den selben Analytiker haben. Und dann habe ich also meinen Rückzug angeboten. Und dann war es aber so, dass die Analytikerin sagte, sie hätte das schon im Griff. Und wir sollen beide da sein und sie würde unsere Therapie leiten. Sie selbst hat sich dann immer mehr verstrickt und hat dann auch die Schweigepflicht gebrochen. Sie hat also die Therapiesitzung unterbrochen, ist raus gegangen und hat dann am Telefon Dinge, die ich eben in der Therapiesitzung gesagt hatte, weitervermittelt nach München in die Klinik usw. Also es ging bis tief in die Beziehung hinein mit dem jungen Mann. Da sind wir also gelenkt und geleitet worden. Überhaupt ist es an diesem Institut üblich, dass sich dort Paare finden und die dann auch untereinander heiraten. Das ist völlig egal, ob das jetzt Patienten sind oder Kandidaten. Da sind mehrere Paare - und auch heute ist das noch so - wo eben der werdende Analytiker den Patienten heiratet und solche Dinge. (1:15)
Moderation:
Auch ... zählt mehrere Beispiele auf, bei denen Patienten und Therapeuten der DAP eine Beziehung haben oder verheiratet sind. Auch wenn es sich bei diesen Fällen nicht um den direkt behandelnden Therapeuten des jeweiligen Patienten handelt, hält Richard Schmidmeier eine solche Konstellation für bedenklich. (20)
O-Ton 21: 069: Man ist sich einig, dass Partnerschaften nur funktionieren können unter der Bedingung, dass beide gleichberechtigt sind. Andere Partnerschaften werden nicht funktionieren,
werden auseinandergehen. Es ist sowieso klar: Wenn es ein direktes therapeutisches Verhältnis gibt, dann ist es sogar strafbar. Aber ich denke auch, wenn diese verschiedenen Ebenen durchmengt werden - der Therapeut ist auf der gesunden Seite, der Patient ist auf der kranken Seite. Da ist ein Machtgefälle da. Das kann nicht gut gehen. Es ist zwar nicht offiziell irgendwie strafwürdig. Aber ich sehe es bei uns in der Klinik schon als Kunstfehler an, wenn eine Schwester ein Verhältnis mit einem Patienten hat. Meine Erfahrung ist, dass das immer schief geht. Weil einfach von der Schwester her ganz andere Dinge mit reininterpretiert werden, vom Patienten ganz andere Dinge gefordert werden. Das ist und bleibt ein Ungleichgewicht. Ich würde dringend davon abraten. Ich sehe es für mich persönlich sogar als Missbrauch des Patienten an, wenn so etwas passiert. (1:00)
Sprecher 2:
Siebtens - Das Ende der Therapie (5) 37:30
O-Ton 22: ”Also es werden Leute direkt manipuliert.» - In welche Richtung? - "Dass sie die DAP nicht verlassen dürfen. Also ich habe selbst persönlich erlebt, dass Leute stundenlang zum Weinen gebracht werden mit Sätzen wie: Wenn Sie hier herausgehen, werden Sie einsam sein. Sie werden doch wohl jetzt nicht das Institut verlassen. Und direkt solche Sachen, denen einfach gesagt wird: Sie sind noch krank, machen Sie die Therapie weiter. Solche ähnliche Verknüpfungen. Oder mir ist es so gegangen, dass ich einmal direkt aus Protest eine Gruppe verlassen habe, wo jemand zum Weinen gebracht wurde, der gehen wollte. Direkt auch bedroht worden ist. Und da wurden mir zwei Leute nach Hause hinterhergeschickt, die haben mir gesagt: Also komm bitte zurück. Frau Ammon hat Dich doch gern. Also so läuft das. Da geht es gar nicht um die Sache. Sondern es wird immer angenommen, ja es ginge eben um den Streit der Geschwister um die Mutti. Wenn die Mutti sagt, sie hat dich doch gern, dann ist alles wieder gut. Nichts wird real betrachtet. Man kann sich nicht wirklich auseinandersetzen." (1:15)
Moderation:
Situationen wie diese haben auch die anderen ehemaligen DAP-Mitglieder geschildert. Demnach sollten Patienten daran gehindert werden, ihre Therapie bei der DAP zu beenden und die Institution zu verlassen. Richard Schmidmeier, Chefarzt am Bezirkskrankenhaus Garberesee. (15)
O-Ton 23: 280: Der Patient ist immer sehr abhängig von mir. Das muß ich wissen. Und dem muss ich entgegenhalten, dass ich ihn möglichst wenig abhängig mache. Wenn ein Patient zu mir hinkommt und sagt, er möchte wo anders hingehen, gebe ich ihm alle Wege frei. Und das ist der Punkt, den ich von mir aus sehe aus der Tradition des Ärzteseins. Die Ärzte wollten nie Gewerbetreibende sein. Die Ärzte haben sich dann auf den Begriff des Standes geeinigt. Ich möchte kein Gewerbeangebot an den Patienten machen und dann beleidigt sein, wenn er nicht mehr da ist. Der Patient muss die Möglichkeit haben, den Arzt zu wechseln, wo anders mit hinzugehen. Wenn er das Gefühl hat, der andere Strohhalm ist etwas besser, dann muss er das ausprobieren. Und ich gebe ihm ausdrücklich die Möglichkeit und sage: Wenn es da nicht geklappt hat, kommen Sie anschließend wieder zu mir zurück. Ich stehe dann nicht da und sage: Ätschbätsch. Ich habe es gewusst. Sondern wir probieren es dann wieder von neuem. Und das gibt vielen Patienten ein Gefühl, sie können sich darauf verlassen und fühlen sich akkurat und gerecht behandelt. (1:00)
O-Ton 24: "Die Therapie war dann an einem Punkt, wo ich einfach kein Vertrauen mehr hatte zu dieser Analytikerin. Sie aber gesagt hat, es müsse weiter gehen. Dann haben wir uns geeinigt, brieflich weiter Kontakt zu halten. Ich habe mich daran gehalten, habe diese Briefe geschrieben, habe zweimal wochenlang keine Antwort erhalten von dieser Analytikerin und einmal nur so eine ganz kurze mit vier-fünf Zeilen so nach dem Motto, ich solle mich doch wieder persönlich einfinden. Und so ist die Therapie dann auch trotz Anrufe meinerseits, trotz Kontaktversuch meinerseits einfach, ja, die Therapeutin hat mich dann einfach fallen lassen. Auch habe ich mich nach München gewendet. Von der Seite ist mir dann auch nicht geholfen worden. Also ich bin dann einfach fallengelassen worden von Seiten des Institutes, von Seiten meiner Analytikerin." (45)
O-Ton 25: 305: Das ist natürlich äußerst gefährlich. Das würde ich mich nicht trauen. Das gehört zu einer guten therapeutischen Arbeit dazu, dass ich Trauerarbeit leiste, dass ich die Arbeit leiste, um mich langsam von einem Patienten abzukoppeln. Das muss besprochen werden, der muss sich auf das einstellen können, er muss das Ziel mit kennen. Es ist ja in der persönlichen Entwicklung auch so: ich weiß, wann der Kindergarten zu Ende ist. Ich weiß, wie das mit der Schule weitergeht. Das ist sicher die Möglichkeit, mit so einer Trennungssituation am besten umzugehen, wenn ich bestimmte Ziele habe, auf die ich hinarbeiten kann und die dann auch realistisch erleben kann. Und Therapien von heute auf morgen abbrechen ist sicher ein Kunstfehler per se. (50)
Sprecher 2:
Achtens - Die Auswirkungen (5) 41:40
Moderation:
Die beiden Patientinnen, die hier ihre Erlebnisse geschildert haben, haben inzwischen die DAP verlassen. Sie leben und arbeiten jetzt ohne therapeutische Hilfe. (10)
Sprecherin 3:
Ich glaube, dass ich jetzt mein Leben selber gut in den Griff bekomme, egal was passiert. Und wenn, dann würde ich mir die Therapeuten... Ich glaube, ich würde keinen Therapeuten mehr nehmen. Ich bin so mißtrauisch geworden, dass ich keinem mehr glauben würde. (15)
O-Ton 26: "Ich würde auch keine andere Richtung mehr in Anspruch nehmen wollen. Einfach, wenn man sich einmal entscheidet, eine Therapie zu machen, dann bringt man noch einmal seine Kraft auf, um zu jemandem nochmal Vertrauen zu haben. Und wenn dieses Vertrauen dann wirklich mißbraucht wird. Wenn man wirklich von seinem Weg abgebracht wird. Wenn man direkt belogen wird. Wenn man finanziell richtig ausgeblutet wird, so dass man in Schulden gerät. Wenn man wirklich manipuliert wird. Wenn man auch dazu gebracht wird, Gewalt wieder zu erleben ohne einen Schutz zu erfahren und das alles dann Therapie heißt. Ich habe nicht mehr das Vertrauen in jemanden, der sich Fachmann nennt. Ich glaube, ich wäre nicht mehr dazu in der Lage. Das glaube ich nicht." (40)
Sprecherin 3:
Was ich der DAP vorwerfe ist, dass sie die Menschen finanziell ausbeuten, sie im höchsten Maße plump “verarschen" - sage ich mal - und ihnen letzten Endes auch Würde nehmen. Weil wenn sie einen als so krank definieren, das bedeutet ja für den Menschen etwas, der's glaubt.
Gut: Es hat vielleicht auch seine Ursache, wer es glaubt. Dass ich s leider geglaubt habe. Aber es ist hahnebüchend, so mit Menschen umzugehen, die Hilfe haben wollen. Es ist eigentlich ein chirurgischer Fehler. Vergleichbar, wie wenn man einem Menschen das falsche Bein amputiert. (30)
Moderation:
Die Deutsche Akademie für Psychoanalyse wollte sich nicht zu den eben gehörten Vorwürfen äußern, obwohl dem Pressesprecher und der Leiterin des Münchner Instituts die Fragen seit mehr als zwei Monaten vorlagen und sie mehrfach ein Interview zugesichert hatten. In einem Schreiben vom zweiten April dieses Jahres begründet die DAP ihre endgültige Absage wie folgt: (20)
Sprecher 2:
Es geht uns in keiner Weise darum, kritische Fragen abzuwehren oder Sie in irgendeiner Weise hinzuhalten. Aber solange wir nicht darauf bauen können, von Ihnen fair behandelt zu werden, sind wir in dieser Sache zu einer Zusammenarbeit nicht bereit. Es sei denn, Sie machen uns ein Angebot, bei dem man davon ausgehen kann, dass wir nicht mit haltlosen Unterstellungen und Diffamierungen in Verbindung gebracht werden und damit unser Ruf geschädigt wird. (30)
Moderation:
Eine der beiden Patientinnen und der ehemalige Ausbildungskandidat _ haben ihre Erfahrungen mit der DAP inzwischen auch schriftlich in einem ausführlichen Bericht festgehalten. Die Dokumente liegen dem Berliner Senat vor. Anne Rühle ist dort zuständig für den Bereich Sekten und konfliktträchtige Gruppen. (20)
O-Ton 27: Wenn diese Berichte den Tatsachen entsprechen sollten, so könnte das für psychisch labile Menschen bewirken, dass sie in einer relativ geschlossenen, kleinen Welt gebunden werden und möglicherweise auch für einen längeren Zeitraum darin verharren. Ich meine damit, dass möglicherweise eine angestrebte Lebenstüchtigkeit, die man in der DAP erwerben möchte, unter solchen Umständen möglicherweise nur für diesen speziellen, relativ geschlossenen Lebensraum erworben würde, nicht aber für ein eigentlich angestrebtes selbstbestimmtes Leben in einer komplexen, pluralistischen Gesellschaft."
Moderation:
Welche Punkte in den Erfahrungsberichten würden denn auf eine solche Schlussfolgerung hinweisen? Also was wäre als besonders bedenklich einzustufen?
O-Ton 28: "Immer unter dem Vorbehalt, dass es den Tatsachen entsprechen sollte. Wenn eine derartige Hierarchie wirklich existiert, dass bestimmte Leiter außerhalb von Kritik stehen, dass eine Art Guru-Verehrung jenseits von Kritik stattfindet. Darüber hinaus gibt es einen Punkt, der immer problematisch ist: diese zeitliche Gebundenheit. In den Berichten wird ja formuliert, dass Menschen, die mit dieser Organisation in Berührung kommen, keine Freizeit mehr haben. Dass sich alle Beziehungen darauf konzentrieren, dass man Hobbies verliert, dass man sein ganzes Leben in diesem Bereich verbringt. Dass ist sicher immer etwas, was auch geeignet ist, den Lebenshorizont zu verengen und zu fokussieren. Und in der Konsequenz, den Kontakt zur bisherigen sozialen Umwelt zu minimieren und vielleicht sogar zu verlieren."
Moderation:
Um jetzt weitere Schlussfolgerungen zu ziehen, ob denn diese Berichte dem Wahrheitsgehalt entsprechen. Was wären für weitere Informationen nötig, um auch Konsequenzen daraus ableiten zu können?
O-Ton 29: "Wir arbeiten immer so, dass natürlich eine größere Anzahl von Berichten unabhängig voneinander bei uns einlaufen müssen. Wir brauchen eine kritische Menge, um sagen zu können: Hier kann man subjektive Wahrnehmung zumindest zum Teil aus dem Blick nehmen. Wir haben eine Anzahl von Berichten, die eine hohe Schnittmenge haben. Dann könnten wir darauf hinweisen und wir würden dann die zuständige Stelle informieren. Das ist die Senatsverwaltung für Gesundheit, die dafür zuständig ist. Und die müssten dann entsprechende Prüfungen vornehmen." (2:00)
Moderation:
Auch ohne die aktuellen Berichte zu kennen: Andreas Gyrzikowski, der Weltanschauungsbeauftragte der Diözese Linz ordnet die DAP den Psychokulten zu. Auf der Internetseite der Diözese findet sich unter dem Stichwort: “gefährliche Verfahren” nach wie vor die Dynamische Psychiatrie im Sinne der Deutschen Akademie für Psychoanalyse. (20) 46:55
O-Ton 30: "Der Großteil der Einschätzung stammt noch aus der Zeit, als der Herr Ammon noch lebte. Das war sehr stark in seiner Person begründet. Weil er auf der einen Seite die klassische Psychoanalyse weiterentwickelt hat. Und das zweite ist, dass ehemalige Mitarbeiter aber auch Patienten darüber berichtet haben, dass sehr viele Abstinenzregeln, die Therapeuten und Psychiater einhalten müssen, von ihm übertreten wurden. Wobei er das nicht als Übertretung gesehen hat, der Dr. Ammon, sondern als eine Notwendigkeit, um die Therapie voranzutreiben. Nur die restliche Fachwelt sieht das nicht so."
Moderation:
Jetzt ist ja der Dr. Ammon schon seit einigen Jahren tot. Warum haben Sie dann die dynamische Psychiatrie und auch die DAP nicht heruntergenommen von der Seite?
O-Ton 31: “Zum einen, weil wenn sie im Internet nachschauen, dann werden sie merken, da gibt es auf der Homepage unter dem Titel "Forschung" nichts. Das heißt, seit dem Tod von Dr. Ammon ist nicht mehr weitergeforscht worden. Und es ist anzunehmen, dass nach wie vor sein Gedankengut und auch seine Konzeption von Therapie weiter betrieben wird. Das zweite ist, die führende Frau, die das betreibt, ist die Frau Dr. Burbiel, die ebenfalls schon zu Ammons Lebzeiten seine Pressesprecherin war und sehr viel mitgestaltet hat. Von daher ist ebenfalls anzunehmen, dass sich an der wesentlichen Art des Umgangs mit Patienten nichts geändert hat. Und nachdem man auch sieht, dass nach wie vor die Vorträge von Günter Ammon als wesentliche Literatur angegeben wird, und keine weiteren nach seiner Zeit entstandenen Publikationen da sind, muss man nach wie vor annehmen, dass das System Ammon nach wie vor funktioniert." (1:40)
Moderation:
Hannsjörg Hemminger der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche Württemberg und Autor des Buchs "Das Therapeutische Reich des Dr. Ammon" hatte die DAP nach Ammons Tod aus den Augen verloren. Jetzt liegen auch ihm die neuesten Betroffenenberichte vor. (15)
48:50
O-Ton 32: "Die Berichte sind völlig glaubwürdig, weil sie nahtlos an das anknüpfen, was aus der Zeit vor 1995 bekannt ist. Allerdings abzüglich der persönlichen Scheußlichkeiten, die man Ammon mit Recht zur Last gelegt hat - also tätliche Übergriffe, massive Beschimpfungen - aber das System der Gruppe ist gleich geblieben."
Moderation:
Welche Eigenschaften halten Sie denn für am gefährlichsten - sowohl für Patienten als auch für Mitarbeiter?
O-Ton 33: “Am gefährlichsten ist die mangelnde Rollenklarheit. Man wird unversehens in Therapeutenrollen und Patientenrollen versetzt. Man wird dadurch abhängig, hilflos. Man wird kindlich, nicht erwachsener. Und das kann sich - besonders bei psychisch belasteten Menschen - sehr negativ auswirken. Dann ist die vereinnahmende Tendenz gefährlich. Die sogenannte Therapie bei der DAP ist auf Dauer angelegt, sie hat kein Ende. Das heißt, man tritt eher in eine Lebensgemeinschaft ein als in eine Therapiebeziehung, wird dort vereinnahmt und der Realität der Außenwelt entfremdet. Diese Doktrin der immerwährenden Therapie führt dazu, dass man in allen möglichen Situationen immer damit rechnen muß, ins Intimste befragt, herausgefordert zu werden - es gibt keine Schutzräume. Und auch das macht die Menschen schwach, kindlich, ängstlich."
Moderation:
Sie hatten die DAP damals in ihrem Buch als Psychosekte bezeichnet. Wie würden Sie denn die DAP heute beurteilen?
O-Ton 34: « AIs Psychosekte. Der Begriff “Sekte" bedeutet, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handelt, dass es Schwarz-Weiß-Denken gibt- Innen das Heil, das Gute, Richtige und Außen nur Irrtum, Verirrung. Er bedeutet, dass es eine straffe Hierarchie gibt mit straffer Autorität, mit Manipulationsmöglichkeiten. Er bedeutet, dass Menschen ausgebeutet werden - zeitlich, gefühlsmäßig, finanziell. Sämtliche Merkmale treffen auf die DAP zu."
Moderation:
Jetzt hat die DAP die staatliche Anerkennung, psychologische Psychotherapeuten auszubilden. Was halten Sie von diesem Urteil?
O-Ton 35: "Die Erteilung der Ausbildungsberechtigung ist ein massiver Fehler der Gesundheitsbehörden, von dem ich nur hoffen kann, dass er schnellstmöglichst revidiert wird." (2:15) 51:05
Moderation:
Für die Zulassung des Münchner Ausbildungs-lnstitutes der DAP ist die Regierung von Oberbayern zuständig. Pressesprecher Christoph Spindler. (10)
O-Ton 36: "Bei der Anerkennung der DAP als Ausbildungsstätte lagen alle gesetzlichen Voraussetzungen vor und sind auch nachgewiesen worden. Deshalb bestand ein Rechtsanspruch auf die Anerkennung. Deshalb hat eine wie auch immer geartete Vergangenheit der DAP keine Rolle spielen können, weil es vom Gesetz her nicht vorgesehen ist."
Moderation:
Wie läuft denn die Überprüfung der Institute. Wie wird kontrolliert, ob die Voraussetzungen auch nach ein oder zwei Jahren immer noch gegeben sind. Finden überhaupt Stichproben statt?
O-Ton 37: “Solche Kontrollen finden nur dann statt, wenn sich konkrete Anhaltspunkte ergeben, dass nachträglich Anerkennungsvoraussetzungen weggefallen sind. Turnusmäßige Qualitätskontrollen finden nicht statt, denn diese hat der Gesetzgeber nicht vorgesehen. Und Behörden sind nur dann zu solchen Kontrollen berechtigt, wenn sie der Gesetzgeber ausdrücklich zulässt.» (50)
Moderation:
Erst nachdem dieses Interview geführt wurde, ist auch bei der Regierung von Oberbayern einer der aktuellen Erfahrungsberichte eingegangen. Derzeit prüft sie, ob sich aus diesem Bericht die erforderlichen Voraussetzungen für eine Kontrolle der DAP ergeben. Anhaltspunkte, die DAP zu überprüfen, sieht dagegen bereits jetzt das bayerische Sozialministerium, das für die Beurteilung der psychiatrischen Kliniken zuständig ist. Derzeit erhält die Klinik der DAP in der Münchner Menterschwaige noch Fördermittel vom Staat. Karl Miserok, Ministerialrat in der Krankenhausabteilung des Ministeriums: (35) 52:40
O-Ton 38: Wir überprüfen jedes Jahr, die Kliniken, die in den Krankenhausplan aufgenommen sind, ob eine ausreichende Auslastung gegeben ist und ob die Verweildauer nicht atypisch lange ist. Und ziehen dann die Konsequenzen daraus. Im Fall der dynamisch psychiatrischen Klinik Menterschwaige hat die Prüfung im letzten Jahr bereits ergeben, dass eine atypisch lange Verweildauer vorliegt. - Wir haben jetzt eine durchschnittliche Verweildauer von 30 Tagen in den psychiatrischen Kliniken. Die Verweildauer in dieser Klinik liegt deutlich darüber. Sie haben sicher Verständnis, dass ich Ihnen nicht die genauen Daten der Klinik nennen kann. Aber ich kann Ihnen sich sagen, sie liegt deutlich darüber. Und das hat uns auf den Plan gerufen. Wir sind gegenwärtig in Verhandlungen. Die Klinik versucht uns zu erklären, worauf das zurückzuführen ist. Es liegen auch Gutachten des medizinischen Dienstes vor. Und nach dem Gutachten das uns vorliegt, geht der medizinische Dienst in die Richtung, dass man sagt: Es ist wohl Rehabilitation, was dort stattfindet und keine Akutversorgung. Und wir sind gegenwärtig in der Abstimmungsphase, ob die Klinik im Krankenhausplan bleiben kann oder nicht. Also wenn das Rehabilitation ist, was da stattfindet und keine Akutversorgung, sind wir gehalten, die Klinik aus dem Plan zu nehmen. Der Klinikträger kann natürlich dagegen mit allen Rechtsmitteln vorgehen, und es würde sich sicher, bis ein Urteil ergeht, über mehrere Jahre ein Rechtsstreit hinziehen. Konsequenz wäre, wenn die Sache rechtskräftig entschieden ist, dass es dann keine öffentlichen Fördermittel mehr gibt." (1:30)
Moderation:
Die Deutsche Akademie für Psychoanalyse eine legalisierte Psychogruppe? Um diese Frage abschließend beantworten zu können, sind sicherlich noch mehr unabhängige Erfahrungsberichte von ehemaligen Patienten und Mitarbeitern notwendig. Es würde aber auch helfen, wenn sich die DAP selbst den Fragen stellen würde, die sich aus den bisherigen Informationen ergeben. (25)
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