...wie ein Hammer auf den Kopf

Von Ernst Klee
25. Februar 1977, 7:00 Uhr
Behandlung mit Elektroschocks f�hrte in Frankfurt zu einem Psychiatrie-Streit

Noch immer geh�ren an der Frankfurter Universit�tsnervenklinik Elektroschocks zum Behandlungsrepertoir. Dies hat zu einem regelrechten Psychiatrie-Streit gef�hrt, der die Frankfurter �ffentlichkeit seit einigen Wochen besch�ftigt. Als Anfang Februar im Pressekeller dar�ber diskutiert werden sollte: "Macht uns unsere Psychiatrie verr�ckt? � Psychiatrische Behandlung und Versorgung in Frankfurt", dr�ngten sich 400 Interessierte und Betroffene im Saal, auf den Fluren, auf der Treppe und sogar noch auf der Stra�e. Erstmals mu�te eine Veranstaltung der Frankfurter Journalistenverb�nde wegen zu gro�er Beteiligung verschoben werden.

Kurz die Vorgeschichte des Frankfurter Psychiatrie-Streits: Patienten und ehemalige Patienten der Universit�tsklinik produzierten einen H�rfunkbeitrag "Klinikinsassen machen eine Sendung", der am 3. Dezember 1976 vom H�rfunk ausgestrahlt wurde. Wie an dieser Stelle bereits berichtet (DIE ZEIT Nr. 2/1977), hatten die beteiligten Patienten Grund, wegen ihrer Kritik an den Behandlungsmethoden Repressalien zu bef�rchten. Noch w�hrend der Schneidearbeiten an der Sendung wurden Patienten entlassen, einer wurde f�r "geisteskrank" erkl�rt. Nach der Sendung kam es zwischen Patienten und �rzten des Klinik zu einer Diskussion. Es wurde beschlossen, die Gespr�che weiterzuf�hren. Zum festgesetzten Termin erschien Professor Wolfgang Pittrich, Psychiater an der Frankfurter Universit�tsnervenklinik, ("Ich habe mich ernsthaft gepr�ft und bin zu dem Ergebnis gekommen, da� ich zwar viele Fehler habe, mich aber trotzdem zu einer humanen Gesellschaft bekennen kann") und verk�ndete das Ende aller Gespr�che. Mir, dem Autor der Sendung, wurde eine Strafanzeige angedroht. Ein ehemaliger Assistenzarzt der Klinik kommentierte: "Die Institution ist an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen ... die Reaktion war vorauszusehen."

Einer der Streitpunkte ist die Anwendung von Elektroschocks. Erstmals wandte der italienische Psychiater Ugo Cerletti im Jahre 1938 einen Elektroschock an. Er legte zwei Elektroden am Kopf des Patienten an und jagte dann Strom durch das Hirn. Der Patient "begann abrupt in den h�chsten Stimmlagen zu singen und wurde dann still". Cerletti und den anderen Forschern erschien die Spannung (80 Volt) zu gering, sie wollten das Experiment am n�chsten Tag wiederholen. "Doch pl�tzlich sagte der Patient, der unserer Unterhaltung offensichtlich gefolgt war, deutlich und ernst, ohne den vorherigen Unsinn: ,Nicht noch einen, es w�re t�dlich.�" Viel sp�ter, am Ende seines Lebens gestand Cerletti: "Als ich die erste Reaktion des Patienten sah, dachte ich im stillen: Das m��te verboten werden!"

Wie ein Elektroschock funktioniert, zeigte im vergangenen Jahr Dr. Dieter Hellauer vom Max-Planck-Institut M�nchen in der Fernsehreihe "Bilder aus der Wissenschaft". Den Elektroschock hatte Hellauer in der Frankfurter Nervenklinik gefilmt. Man spricht dort aber nicht mehr vom E-Schock, sondern vom "Heilkrampf". Im Gegensatz zu fr�her zuckt der Patient nicht mehr, so da� es auch nicht mehr zu Knochenbr�chen kommen kann. Der Patient wird narkotisiert, und mit Medikamenten unterdr�ckt, man den Krampf. Diese sogenannte Humanisierung des E-Schocks haben Juristen durch Gerichtsurteil erzwungen. Doch ein Stromsto� von 100 bis 150 Volt geht nach wie vor durch das Hirn. Und dabei werden Millionen von Gehirnzellen vernichtet. Bei Katzenexperimenten fand man, da� sich an Gewebeschnitten ein regelrechter Stromkanal durch das Gehirn nachweisen lie�.

In jener Wissenschaftssendung konnten die Zuschauer verfolgen, wie Oberarzt Dr. Schuster, ebenfalls Psychiater an der Frankfurter Universit�tsnervenklinik, von Patienten "Schocker-Schuster" genannt ("Ich kann nur behaupten, da� ich mehrere tausend derartige Behandlungen durchgef�hrt habe"), eine vergebliche Elektrokrampfbehandlung zu demonstrieren versuchte: Selbst der f�nfte E-Schock konnte die geschockte Patientin nicht von ihrem Zwangsdenken befreien. Nur Professor Hansjoachim Bochnik, der Leiter der Frankfurter Universit�tsnervenklinik, wu�te frohe Kunde �ber die Tochter eines Kollegen; zu berichten: "...nach drei Elektroschocks war sie fr�hlich, munter und vergn�gt." Die Wissenschaftsredaktion aber lie� dagegen schockbehandelte Patienten als Zeugen auftreten: "Vor zehn Jahren hatte ich 15 Schockbehandlungen. Ich verlie� die Klinik und kam heim zu sechs Kindern, deren Alter ich vergessen hatte, in R�ume, die ich nicht mehr kannte, und mit denselben Problemen und �ngsten wie vor drei Monaten. Ich wollte, ich h�tte die Erinnerung zur�ck, die die Schocks mir nahmen."

Auch Ernest Hemingway hat den Elektroschock kennengelernt. Nach zwei. Schockserien schrieb er: "Sie nehmen mir mein Ged�chtnis weg und zerst�ren mir meinen Lebensinhalt."
Professor Bochnik lie� solche Kritik nicht auf sich sitzen und diagnostizierte bei Dr. Hellauer "pers�nliche Komplexe". In einem Brief an Bochnik gab Dr. Hellauer die �u�erung eines Psychiaters der Frankfurter Klinik wieder, "da� ein Hammerschlag auf den Kopf dieselbe Heilwirkung wie ein Elektroschock ausl�sen k�nne."

Auf einer Versammlung der Fachschaft der Medizinstudenten erkl�rte Professor Bochnik schlie�lich gar, der E-Schock beruhe zwar auf dem Irrtum, da� er gegen Schizophrenie helfe, habe aber eine ganz ausgezeichnete Wirkung gegen Erregungs- und Verstimmungszust�nde, ja, "eine ganz zauberhafte Wirkung". Den Jungmedizinern verschlug es die Sprache; so s�ffisant hatte noch kaum einer �ber die Schocks geplaudert.

Warten auf ein Gespr�ch

Doch damit nicht genug. Den Medizinstudenten wurde--auch sonst Nachhilfe erteilt: "Nur ungebildete Schwachk�pfe k�nnen die Wirkung der Psychopharmaka bestreiten." In der Frankfurter Psychiatrie sei es "so still wie auf einer internistischen Abteilung". Dieser Hinweis auf die Segnungen der Pillenkeule rief einen Mitarbeiter einer anderen Frankfurter Einrichtung auf den Plan: Ein Professor der Universit�tsklinik benutze die Patienten dort als Versuchskaninchen, verabreiche ein angeblich herzsch�digendes Pr�parat, ohne da� die Patienten �ber die Gef�hrlichkeit dieses Feldversuchs aufgekl�rt seien. Professor Bochnik aber sagt: "Forschung und Lehre sind nach dem Grundgesetz frei."

Der Grundkonflikt in Frankfurt geht um das Bild, das Psychiater sich von Menschen machen. Eine Patientin: "Die Normalen, zu denen ich auch einmal geh�rte, betrachten einen nicht mehr als ihresgleichen, man ist Patient, von Bezugspersonen abh�ngig, von einer bislang ungen�gend erforschten Krankheit bedroht, mit Medikamenten, die sich verheerend auf Temperament, Aussehen, Antrieb, Wachheit etc. auswirken, gedopt." Professor Bochnik schreibt ganz unbek�mmert: "Verr�ckte, Wahnsinnige, Irre, Verschrobene, Dumme, Tobende, Anfallkranke, S�chtige und Trinker hat es seit jeher gegeben." � Solche Bezeichnungen degradieren seelisch Kranke zu Psycho-Tieren, zu Psychiatrie-Exoten.

Wer so argumentiert, den bezeichnen die Professoren Pittrich und Bochnik als Vertreter der "Antipsychiatrie", der � so Pittrich � "religi�s kapitalistische Sektierer" und "engagierte Linke anh�ngen, die au�erhalb unserer in den Parlamenten vertretenen Parteien nach gesellschaftlichen Einflu�m�glichkeiten suchen". Und Professor Bochnik meint: "Unger�hrt von wissenschaftlich erh�rteten Tatsachen verbreiten diese Gl�ubigen unsinnige Behauptungen �ber Psychopharmaka, Elektroschocks und �ber die Ursachen endogener Psychosen."

Freilich gibt es nicht "den" psychisch Kranken, sondern eine Vielzahl von Krankheitsbildern. Es wird auch niemand alle Psychopharmaka generell verurteilen, sondern nur den Mi�brauch, wenn das Pillenschlucken in den Vordergrund geschoben wird. Bereits 1972 hatten Patienten der Nervenklinik einen Hungerstreik veranstaltet. Grund: Sie m��ten oft wochenlang auf ein Gespr�ch mit einem Arzt warten. Alles, was sie zu erwarten h�tten, seien Tabletten, mit denen sie "ruhiggestellt" werden. (Frankfurter Rundschau Nr. 203/1972) So wird der Pillenkonsum zur medikament�sen Zwangsjacke.

In Frankfurt gilt das Gespr�ch zwischen Patient und Arzt als "Komfort". "Bei den meisten Patienten, die wir zu behandeln haben, ist das Gespr�ch kein Ersatz f�r eine richtige Arzneimitteltherapie, und Illusionen in dieser Richtung f�rdern einen Konsumanspruch auf Zuwendung des Arztes."

Wer seelisch Kranken das Gespr�ch ablehnt, weil es Komfort sei oder man keinen Konsumanspruch auf Zuwendung des Arztes f�rdern will, macht Zuwendungsbed�rftige hoffnungslos. Wer mehr Menschlichkeit fordert, wird zum Sektierer gestempelt. Als Jan Foudraine, ein holl�ndischer Psychiater, 1974 vor der Deutschen Gesellschaft f�r Psychiatrie und Nervenheilkunde eine menschenn�here Psychiatrie forderte, Abbau der hierarchischen Anstalten, erntete er Gel�chter und ironischen Beifall.

Zweifel an der Diagnose

Dabei gibt es durchaus keinen Grund, so selbstherrlich zu reagieren. Experimente mit Pseudopatienten (DIE ZEIT Nr. 6/1973), die der Amerikaner David L. Rosenhan durchf�hrte, n�hren Zweifel an der Diagnosesicherheit der Psychiater. Rosenhan, selbst Psychiater, schmuggelte sich und sieben weitere Personen in psychiatrische Kliniken ein. Keiner wurde als "gesund" entlarvt, sondern alle wurden mit Medikamenten vollgestopft und alle als "vor�bergehend symptomfreie Schizophrene", als Kranke also, sp�ter entlassen. Nur die Klinikinsassen enttarnten jeden Pseudopatienten sofort! Umgekehrt informierte Rosenhan eine Klinik, da� er auch dort Pseudopatienten hinschicken werde. Er tat dies nicht. Doch nun wurden von 193 Neuank�mmlingen (in drei Monaten) von den Psychiatern 23 Kranke als Pseudopatienten eingestuft.

Und es gibt noch einen Grund, wenig selbstherrlich zu sein. Im Verlauf des Konflikts haben sich viele Mitarbeiter der Klinik und Ehemalige, auch Angeh�rige und ehemalige Patienten gemeldet. Und es wird immer wieder behauptet, Patienten h�tten sich in der Klinik oder nach der Entlassung umgebracht, als Folge ihrer Behandlung, als Folge der Abstempelung, als "Defekter" oder "Lebensunt�chtiger" deklariert zu sein: "Die... hat ihren Selbstmord gemacht, weil sie nicht vergessen konnte, wie sie behandelt worden ist. Da� sie sich vorgekommen ist wie der letzte Dreck, mit dem man alles machen kann, den man links liegen l��t, um den man sich nicht k�mmert. Und die gro�en S�le und wie man rumgeschleppt wird, das war viel schlimmer wie der Schock. Das war immer ihr Argument: Ich kann einfach nicht dar�ber hinwegkommen, wie ich behandelt worden bin."

Der Frankfurter Psychiatrie-Streit hat jetzt die �ffentlichkeit mobilisiert. Die Kommission f�r Verst��e der Psychiatrie gegen die Menschenrechte in M�nchen hat den hessischen Kultusminister um eine Untersuchung gebeten. Dar�ber hinaus m��ten folgende Fragen gekl�rt werden:

Sind F�lle bekannt, in denen E-Schocks ohne Einwilligung des Patienten durchgef�hrt wurden oder werden sollten?
Sind �rzte der Klinik an Menschenversuchen beteiligt, bei denen die Patienten nichts von der eventuellen Sch�dlichkeit der Mittel wissen?
Ist dem Kultusministerium bekannt, wie viele Patienten in der Klinik Selbstmord begangen haben? Gibt es Hinweise, wie viele Patienten au�erhalb der Klinik Selbstmord begingen?
Patienten machten eine Sendung. Sie stellten ihre Probleme dar und mu�ten deswegen Repressalien bef�rchten.

Das Ernstnehmen ihrer Bed�rfnisse, der Leiden seelisch Kranker w�re ein besserer Weg.