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Zum Thema siehe auch  => Positivismus



Fakt ist nichts und sagt alles. "Fakt ist ... " Was? Sache, Tatsache, Evidenz, Wirklichkeit, Realit�t, Existenz, Sein, Objektivit�t, Gegenst�ndlichkeit, Ereignis, Sosein, Dasein ... ? Jedenfalls ist Fakt etwas, das sich von selbst versteht.

Dass etwas sich von selbst verstehen soll, kann nur ein Unding sein, ein Ding, das durch sich t�tig ist, sich von sich selbst unterscheidet, indem es sich versteht, ohne f�r den Menschen Gegenstand zu sein. Es gibt nichts Objektives, was sich durch sich selbst verstehen kann. Objektivit�t gibt es nicht durch sich. Sie setzt immer den Menschen voraus, der seine Lebens�u�erung als sein Dasein au�er sich erkennt. Was die Vernunft des Bestehenden ausmacht, hat keinen anderen Sinn, als den menschlichen Sinn in den Gegenst�nden der Menschen. Er muss von ihnen erkannt und anerkannt sein, um als menschlich zu gelten und nur als dies kann er auch vern�nftig, vern�nftig f�r die Menschen sein. Ob er logisch ist oder nicht: Kein Mensch muss sich daran sto�en, - es sei denn, er hat eine Vernunft, die kein Mensch hat, die von anderswo kommt, von einem Prinzip, von Gott ... oder von der H�lle.

Vern�nftig kann ein Gegenstand nicht dadurch sein, dass er notwendig ist. Er kann notwendig sein, weil etwas Unvern�nftiges �berstanden werden muss (z.B. daraus folgenden Krieg zu vermeiden, der Immanuel Kant zur Theorie des kategorischen Imperativs, zum Prinzip des ewigen Friedens durch vern�nftige Selbstbeschr�nkung, gebracht hatte). Aber er ist dadurch nicht vern�nftig. Solange er f�r die Menschen fremd ist, ist er auch in objektiver Fremdheit zu ihnen und sie sind in der Entfremdung zu ihm befangen, bis sie ihn als den ihren erkennen und anerkennen. Wird er zuvor schon als objektiv vern�nftig behauptet, so soll er aus fremdem Grund als vern�nftig gelten: Fremdes soll vernunftig sein und Vernunft sich fremd; das meint der �bliche Gebrauch de Begriifs Objektivit�t, wie er besonders von den Positivisten verwendet wird.

Indem sich Bestehendes als Vernunft der Sache, als objektive Vernunft behauptet, verneint es menschliches Sein. Es kann also nicht wahr sein, wiewohl es Wahrheit haben mag: Wahrheit irgendeiner Art als Anerkenntnis irgendeines Seins, formale Kenntnis eines durch sich selbst best�tigten Seins. Die Selbstverst�ndlichkeit ist das, was sich gegen jeden Zweifel durchsetzt, ohne sich erweisen zu m�ssen. Allerdings: Was sich von selbst versteht, ist durch sich selbst best�tigt – und es bedarf der Selbstverst�ndlichkeit vor allem, weil es im Menschen Zweifel erweckt, weil es in sich widerspr�chlich ist und Selbstverst�ndlichkeit als seine Notwendigkeit hat um selbstverst�ndlich notwendig zu sein.

Selbstverst�ndlichkeit besteht gegen die F�higkeit des Zweifels, Wahrheit zu erkennen. Keine Sache und kein Mensch sind selbstverst�ndlich. Sie sind geworden und vergehen, haben Beziehungen und Zusammenh�nge und die machen ihre Geschichte aus, auch wenn sie vergangen sind. Geschichte hat keinen Verstand durch sich selbst und Geschichten kann man nur erz�hlen, weil sie sich nicht von selbst verstehen. Sie erwecken immer auch die Frage, ob sie wahr sind, ob sie sein k�nnen und ob der Erz�hler sie verstanden hat.

Ein selbstverst�ndliches Fakt wird �ber lebende Erkenntnis gestellt und macht sich m�chtig, indem es als ihr Inhalt allgemein gilt, ohne durch sie bew�hrt zu sein. Es ist formierte Erkennntnis, die sich selbst Inhalt geworden ist.

Der Verstand als Kenntnis gefasst ist als Aufkl�rung t�tig. Als Logik betreibt er die totale Aufkl�rung, die sich selbst versteht als die Position des Faktischen. Es ist die Aufgekl�rtheit der Positivisten, die ihre Bewahrheitung in der Form und Masse von Best�tigungen f�r Kenntnisse sucht. Sie findet, was Masse formell best�tigen kann: Jede Kenntnis hat ihre Wahrheit und diese ist um so wahrer, wie sie Masse hat und zugleich Form f�r sich ist. Begriffe sind hier nur noch Formalisierungen von Einzelkenntnissen, Abgrenzung von Eigenschaften, die eine Hypothese w�hlt. Wahrheit einer Aussage wird �ber Hypothesenbildung zur Best�tigung dieser Wahl als ein zutreffender Begriff von diesen Ausgrenzungen. Sie erstreckt sich �ber die Masse der gew�hlten Formalisierung hypothetischer, also vorgefasster Kenntnisse.

Keine Erkenntnis kann in eine Hypothese eingehen, die durch solche Kenntnis ausgew�hlt ist, weil sie sich selbst folgen muss. Soll sie hierdurch aber auch noch entstehen, so wird sie in ihrem Inhalt zur Form verkehrt, zur Kenntnis, welche sie zu w�hlen hat und somit als Auswahl bestimmt. Eine Form, ein Resultat, das sich hierdurch selbst zum Inhalt wird, erh�ht sich, um Form f�r etwas zu sein, was bestimmt sein soll.

In dieser Form will Wissen des Bekannten Grund und Ziel der Erkenntnis bestimmen und �ber ihre Wahrheit befinden (161). Diese wird zur Befindlichkeit des Bestehenden, das den Verstand zu nutzen versteht, um seinem Begriff zu entkommen. Und wenn die Menschen hierbei den Verstand verlieren, so bleibt das Bestehende gerade �ber die Erkenntnis m�chtig, die im Begriff ist, es zu ergreifen.

Im Menschen wirkt das Bestehende auch in seinem Befinden. Der aufgekl�rte Verstand soll ihn anleiten, nicht zu empfinden, was befunden wird. In solcher Abgetrenntheit von Kenntnis kann Erkenntnis nur im Zweifel leben.

Eine formierte Erkenntnis ist nur m�chtig, wenn und solange sie eine Bestimmung hat, die ihr fremd ist, wenn es also einen Grund gibt, warum ihre Form gegen ihren Inhalt steht, warum Kenntnis Erkenntnis bestimmen kann und will, anstatt ihren Inhalt frei zu lassen.

Der Grund liegt im Faktischen, das vom erkennenden Menschen abgetrennt ist, indem es die Not, die es mit sich bringt, unmittelbar unn�tig macht. Es ist nicht n�tig, sondern einfach nur notwendig. Menschliche Wirklichkeit, Wirkung von menschlicher Ur-Sache ist f�r den Menschen n�tig. Im Befinden von Notwendigkeiten aber wird sie zu einem Fakt, das sein Kommen und Gehen nicht verr�t, das Aufwand enth�lt wie Befriedigung, Not wie Unn�tigkeit und das vor allem seinem Werden und Vergehen die Einsicht verwehrt.

Wenn jedes Fakt seine Aufhebung sogleich in sich hat, so ist es Wirkung wie Ursache und l�st sich auf, wo es sich zugleich erneuert. Es gibt keinen Zweifel, um ihm zu entgegnen. Das Fakt ist immer zweifelsfrei – auch wenn es unn�tig ist. Es besteht aber gerade dann, wenn es unn�tig scheint, als Entgegnung zu jeder Frage, welche Erkenntnis n�tig macht. Es ist zur Befriedung der Verh�ltnisse ebenso geschaffen, wie zu ihrer Aufhebung. Das Fakt zersetzt solchen Zwiespalt, weil es gemacht ist und Macht hat, weil es alles unn�tig macht, was es nicht n�tig hat. Es dient der Begierde des Soseins, welche das Bestehende best�tigt wissen will, es also will, wie es ist – besonders dann, wenn es alles befriedet, was von seinem Sinn her Streit w�re. Die Befriedigung im Faktischen ger�t unmittelbar zum Frieden mit ihm und somit in irgendeiner Form zu einem abstrakten Frieden mit der Welt. Sie wird zum Kitsch der Erkenntnis, zur Einfalt des Herzens, zur Einfachheit der Sinne und zur Erhebung des Gem�ts.

Die Selbstbehauptung der Notwendigkeit des Faktischen macht es m�chtig – und das verlangt ein hohes Tribut. Lebendiges Erkennen wird dem eigenen Sein geopfert und zum Eigenleben in eigener Wahrheit verfremdet, die kein Sein au�er sich wissen will.

Ein m�chtiges Fakt ist nicht ohne Not und daher voller Notwendigkeiten, die im allt�glichen Leben zur gew�hnlichen Wendung, zum Hin und Her der Begebenheiten geworden sind. Jede auftretende Not wird sogleich in dem Fakt gewendet, in welchem sie auftritt, damit sie keine wirkliche Not wird, keine allgemeine, keine menschliche Not. Die Notwendigkeit ist die Sicherheit des allgemeinen Fortbestands dessen, was ist. Und wenn es im allgemeinen eben Geld ist, so ist alles solange notwendig, wie Geld allgemein auch gewollt wird – nicht, weil man es haben muss, um zu leben, sondern weil man es besitzen will, um Leben zu haben.

Die Notwendigkeit des Faktischen offenbart vor allem einen Glauben an das Fakt, das jedem in einfachster Form gewiss sein kann und er es deshalb auch allgemein als Sinn f�r sich hat. Dem Faktischen wird durch den Glauben an seine Notwendigkeit sogleich ein allgemeiner Sinn gegeben, der nicht ist; schon gar nicht gewiss. So steht das Bekannte selbst schon gegen die Gewissheit von Kenntnis und ist ihr �berstellt – nicht weil es f�r sich m�chtig sein k�nnte, sondern weil es reicher ist, als es Gewissheit sein kann, reichhaltiger an einem Leben, das darin nur durch Notwendigkeit gef�llt wird, die dem Leben als Ursprung und Ziel auferlegt werden muss, um als Leben zu gelten.

(aus Pfreundschuh: "Skizzen zu einer Erkenntnistheorie der Kultur", Typoskript).