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Zum Thema siehe auch  => Faschismus  => faschistische Ideologie



Entnommen aus: "Faschismustheorien" von Mathias Wörsching, Schmetterling Verlag 2020

Italien hatte seit Ende des 19. Jahrhunderts versucht, ein Kolonialimperium zu erobern, dabei aber nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Viele nationalistische Italiener*innen sahen ihr Land als unrechtmäßig zu kurz gekommene «proletarische Nation», die gegenüber den «bourgeoisen» (bürgerlichen) Nationen, vor allem den größter Kolonialmächten England und Frankreich, unbedingt aufholen müsse. Italien war 1915 in der Hoffnung auf große Gebietsgewinne gegen Deutschland, Osterreich-Ungarn und das Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Aber der Krieg hatte wenig Siegesruhm und Beute gebracht, dafür schwere Opfer und Not sowie massenhafte Enttäuschung und Unzufriedenheit. Das nationalistische Lager empfand den Kriegsausgang als Demütigung und nannte ihn einen «verstümmelten Sieg». Die italienische Gesellschaft blieb regional, kulturell, klassenmäßig und parteipolitisch zerrissen. Diese frustrierenden Umstände trieben die faschistische Radikalisierung des Nationalismus an.

Als italienischen Nationalisten lag es den Faschisten nahe, sich für das alte Rom zu begeistern und antike Überlieferungen aufzugreifen, zum Beispiel den sogenannten «römischen Gruß» mit ausgestrecktem rechtem Arm. Auch das Abzeichen des Faschismus — ein Rutenbündel. in dem ein Beil steckt — war römischen Ursprungs. Diese Bündel, die auf Latein fasces heißen, wurden den Magistraten der altrömischen Republik vorangetragen. Sie symbolisierten die herrschaftliche Gewalt, an Leib und Leben zu strafen. Die Idee einer starken, imperialen Staatsgewalt gefiel den Faschisten.

Das Wort «Faschismus» geht aber nicht in erster Linie zurück auf die Rutenbündel, die fasces, sondern auf die Kampfbünde, die fasci ai combattimento. Faschismus heißt also wörtlich übersetzt «Bundismus». Der Name sollte den Unterschied Zur Geschwätzigkeit und Beliebigkeit der bürgerlichen Parteien markieren. Der faschistische Männerbund wollte mehr sein als eine Partei, nämlich eine verschworene Gemeinschaft des Kampfes und der Aktion.

Gleich nach ihrer Gründung 1919 fingen die Faschisten an ethnische Minderheiten in Italien zu drangsalieren. Viele lokale faschistische Anführer verbündeten sich mit Großgrundbesitzern und Kapitalisten, erhielten Geld und Ausrüstung und terrorisierten dann, von der Polizei meist geduldet, die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der proletarischen und kleinbäuerlichen Bevölkerung. Diese lehnte sich im biennio rosso, den «zwei roten Jahren» 1919 und 1920. mit Massenstreiks sowie Fabrik- und Landbesetzungen vor allem in Nord- und Mittelitalien gegen die herrschende Ordnung auf. Damals schien eine linke Revolution bevorzustehen.

Die faschistischen Banden, «Squadren» genannt, fuhren auf Lastwagen in Städte und Dörfer, um die Treffpunkte der proletarischen Organisationen zu überfallen, zu verwüsten und niederzubrennen. Sie jagten ihre Opfer mit Schlagstöcken, Messern und Revolvern. Die faschistische Gewalt war öffentlich, blutig und ausschweifend; es ging um Demütigung und Einschüchterung. Großen Wert legten die Faschisten auf kriegerische Selbstinszenierung mit schwarzen Totenkopf-Fahnen, schwarzen Hemden, Puderhosen, Kampfruten, Hymnen und Trommeln.

In den fasci und Squaaren zeigte sich das Urbild des Faschismus: Männliche Kampfbünde unter einem Führer, paramilitärisch organisiert und ausstaffiert, die brutalen und systematischen Terror gegen Minderheiten und Andersdenkende ausüben. Dieses Bild zeigen die Faschismen bis heute, auch wenn sich die Uniformen und Fahnen nach Zeit und Ort unterscheiden. Der männliche Kampfbund ist die ursprüngliche und wichtigste Praxis- und Vergemeinschaftungsform des Faschismus in seiner Phase als Oppositionsbewegung. Die Bezeichnung «Faschismus» verweist auf dieses Kernelement der paramilitärischen Organisation. Der britisch-amerikanische Gelehrte Michael Mann bestimmte den Paramilitarismus darüber hinaus als Vorwegnahme des faschistischen Gesellschaftsideals: eine straff hierarchische und gleichwohl von Kameradschaft und Leistungsprinzip geprägte Gemeinschaft, in der Führer und Geführte, Herrschende und Beherrschte eine kämpfende Einheit gegen Feinde und Fremde bilden. Auch der Historiker Sven Reichardt beschrieb die faschistische Vorstellung einer «militarisierten Nation» als «Bund aller Bünde».