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Zum Thema siehe auch  => flexible Pers�nlichkeit



"Der flexible Mensch"

Aus: "Niemand kann seinem Schicksal entgehen .." Alibri-Verlag 2004

Der "Flexible Mensch" (zitiert nach Keupp, S.32 f)

"In seinem viel beachteten Buch Der flexible Mensch liefert Richard Sentlett (1998) eine wenig positiv gestimmte Analyse der gegenw�rtigen Ver�nderungen in der Arbeitswelt (Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus) Der "Neue Kapitalismus" �berschreitet alle Grenzen, demontiert institutionelle Strukturen, in denen sich f�r die Besch�ftigten Berechenbarkeit, Arbeitsplatzsicherheit und Berufserfahrung sedimentieren konnten. An ihre Stelle ist die Erfahrung einer "Drift" getreten: Von einer "langfristigen Ordnung" zu einem "neuen Regime kurzfristiger Zeit" (S. 26). Und die Frage stellt sich in diesem Zusammenhang, wie dann �berhaupt noch Identifikationen, Loyalit�ten und Verpflichtungen auf bestimmte Ziele entstehen sollen. Die fortschreitende [2] Deregulierung: Anstelle fester institutioneller Muster treten netzwerkartige Strukturen. Der flexible Kapitalismus baut Strukturen ab, die auf Langfristigkeit und Dauer angelegt sind. "Netzwerkartige Strukturen sind weniger schwerf�llig." An Bedeutung gewinnt die "St�rke schwacher Bindungen", womit zum einen gemeint ist, "dass fl�chtige Formen von Gemeinsamkeit den Menschen n�tzlicher seien als langfristige Verbindungen, und zum anderen, dass starke soziale Bindungen wie Loyalit�t ihre Bedeutung verloren h�tten" (S. 28). Die permanent geforderte Flexibilit�t entzieht [3] "festen Charaktereigenschaften" den Boden und erfordert von den Subjekten die Bereitschaft zum "Vermeiden langfristiger Bindungen" und zur "Hinnahme von Fragmentierung". Diesem Prozess geht nach Sennett immer mehr ein begreifbarer Zusammenhang verloren. Die Subjekte erfahren das als [4] Deutungsverlust: jm flexiblen Regime ist das, was zu tun ist, unlesbar geworden" (S. 81). So, entsteht der Menschentyp des [5] flexiblen Menschen: ein "nachgiebiges Ich, eine Collage von Fragmenten, die sich st�ndig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen �ffnet - das sind die psychologischen Bedingungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, flexiblen Institutionen, st�ndigen Risiken entsprechen" (S. 182). Lebenskoh�renz ist auf dieser Basis kaum mehr zu gewinnen. Sennett hat erhebliche Zweifel, ob der flexible Mensch menschenm�glich ist. Die wachsende [6] Gemeinschaftssehnsucht interpretiert er als regressive Bewegung, eine "Mauer gegen eine feindliche Wirtschaftsordnung" hochzuziehen (S. 190). "Eine der unbeabsichtigten Folgen des modernen Kapitalismus ist die St�rkung des Ortes, die Sehnsucht der Menschen nach Verwurzelung in einer Gemeinde. All die emotionalen Bedingungen modernen Arbeitens beleben und verst�rken diese Sehnsucht: die Ungewissheiten der Flexibilit�t; das Fehlen von Vertrauen und Verpflichtung; die Oberfl�chlichkeit des Teamworks; und vor allem die allgegenw�rtige Drohung, ins Nichts zu fallen, nichts 'aus sich machen zu k�nnen', das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identit�t zu erlangen. All diese Bedingungen treiben die Menschen dazu, woanders nach Bindung und Tiefe zu suchen" (S. 189f.).

Was uns Sennett mit besorgter Grundhaltung vermittelt, wird von anderen Gegenwartsdeutem sehr viel lockerer genommen und als Chance f�r die "fitten Subjekte" gesehen. Die Fitness-Narration, die uns �berall begegnet, scheint allerdings wenig zur F�rderung von Lebenssouver�nit�t beizutragen, sondern f�rdert eher den Typus der flexiblen Anpassung an �u�ere Standardisierungen, die immer h�ufiger wechseln und sich nicht mehr in einem fixen Typus kristallisieren. In diese Richtung entstehen neue normative Modelle, an deren Etablierung sich auch Sozialwissenschaftlerlnnen l�ngst beteiligen. Ernest Gellner (1995) hat diesen "neuen Menschen" als den "modularen Menschen" beschrieben. Er greift damit auf eine Metapher aus der M�belindustrie zur�ck, in der sich die Entwicklung von einem massiven Holzschrank immer mehr zu einem modularen Einrichtungssystem gewandelt hat, in dem beliebig Teile angebaut und ausgetauscht werden k�nnen. Der modulare Mensch mit seiner IKEA-Identit�t ist kein stabiler, fertiger Charakter, sondern stellt ein "Wesen mit mobilen, disponiblen und austauschbaren Qualit�ten dar". Hier zeichnet sich jener Menschentypus ab, der in einer "Netzwerk-Gesellschaft" funktional ist."

 

Buchbesprechung

Richard Sennet: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus*

Von PETER NEUHAUS

Der in London und New York lehrende Soziologe und Zeitdiagnostiker Richard Sennet, hierzulande bekannt geworden durch sein Buch "Verfall und Ende des �ffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimit�t" (deutsch 1985), legt mit seiner Studie "Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus" (deutsch 1998) eine kritische, 'implizite Anthropologie' des gegenw�rtigen kapitalistischen Wirtschaftssystems vor, die er in der These von der "Corrosion of Character" (so der englische Originaltitel, der die Dramatik der Analyse Sennets weitaus treffender einf�ngt als die deutsche �bertragung) konzentriert und entlang von biographischen Expos�s und �konomischen Datenerhebungen erl�utert.

Die aktuelle Transformation des herrschenden Wirtschaftssystems vom "industriellen" zum "flexiblen" Kapitalismus stellt nach Sennet weit mehr dar als eine blo�e "Mutation" (S. 10). Die Charakteristika dieses "flexiblen Kapitalismus" (S. 10) sind im wesentlichen (1) der "dis-kontinuierliche Umbau von Institutionen" (S. 59), (2) die "flexible Spezialisierung der Produktion" (ebd.) und (3) die "Konzentration der Macht ohne Zentralisierung" (ebd.).

(1) Der diskontinuierliche Umbau von Institutionen ist gekennzeichnet durch den Abbau traditioneller Hierarchien; dezentralisierte Firmenorganisation in "lockeren Netzwerken" (S. 60) anstelle kompakter Institutionen; "Re-engineering" als permanente Effizienzsteigerung durch innerbetriebliche Rationalisierung unter der �gide professioneller Consultingb�ros, die aus den alten, an "ihren Betrieb" gebundenen Belegschaften eine blo�e Kalkulationsmasse menschlicher Arbeitskraft formen, die nach Belieben umstrukturiert, verschoben oder eben auch "freigesetzt" werden kann.

(2) Die flexible Spezialisierung der Produktion ersetzt die feste und andauernde Bindung an eine wohldefinierte Produktpalette durch die kurzfristige und jederzeit revidierbare Besetzung neu auftauchender Absatznischen; die computerisierte Hochtechnologie erm�glicht die jederzeitige Umprogrammierung der Maschinen auf den jeweiligen, befristeten Bedarf; die Aufgaben der Arbeitnehmer unterliegen einem st�ndigen Wechsel "innerhalb einer Woche und manchmal von einem Tag auf den anderen" (S. 65).

(3) Die Konzentration von Macht ohne Zentralisierung betreibt den Abbau antiquierter Machtstrukturen; sie verlagert Entscheidungskompetenzen auf untere Ebenen in weitgehend selbst�ndig agierenden "Teams"; sie verschlankt B�rokratien; sie siedelt Produktionen in Heimarbeit an und diversifiziert Arbeitszeit zur sog. "Flex-Zeit" (S. 72), einem Mosaik individueller Zeitpl�ne ohne kommunikative Ausrichtung. Der Eindruck, der flexible Kapitalismus sei darum gleichsam 'demokratischer' oder 'partizipatorischer', weil er Macht auf diese Weise dezentralisiere, t�uscht nach Sennet jedoch. Die Macht der Konzernleitungen und Managementeliten wird lediglich weniger anschaulich, unpers�nlicher, abstrakter. Nicht der alte Vorgesetzte oder der 'Chef' verk�rpert nunmehr die Macht, sondern ein umfassendes, computergest�tztes Informationsnetz �berzieht die Arbeitnehmer, wo immer sie sich befinden. Sie "tauschen", so Sennet, "eine Form der �berwachung - von Angesicht zu Angesicht - gegen eine elektronische ein." (S. 74)

Dieser neuartige, flexible Kapitalismus st�rzt den Menschen in extreme Turbulenzen und ger�t ihm zur radikalen Bedrohung seines "character", also seiner subjekthaft fundierten Identit�t und Individualit�t. Sennet bekennt sich zu Beginn seiner Untersuchung freim�tig dazu, "philosophische Ideen auf die konkrete Erfahrung von Individuen angewandt oder an dieser gemessen" (S. 12) zu haben, und genau das erlaubt es ihm, den Deformations- und Destruktionsdruck des flexiblen Kapitalismus auf den ihm ausgelieferten Menschen offenzulegen und auf diese Weise eine "kritische Anthropologie" jenes kapitalistischen Systems zu umrei�en, die es am Ende als das entlarvt, was es vielleicht krasser nie gewesen ist als augenblicklich: ein Moloch, der verschlingt, wer ihm zu nah kommt. Sennet z�hlt auf: "die St�rke schwacher Bindungen (Mark Granovetter)" (S. 28); Bedeutungsverlust von "Loyalit�t und gegenseitiger Verpflichtung" (ebd.); "kreative Zerst�rung" (Schumpeter) als Umschreibung f�r die fortw�hrenden Umw�lzungen in den Produktionsprozessen (S. 36); "st�ndig dem Risiko ausgeliefert sein" (S. 110); Aktivit�t um jeden Preis, denn "in einer dynamischen Gesellschaft ist der Stillstand wie der Tod" (S. 116); "Negation der Erfahrung" (S. 129); "eine ironische Sicht des Ich", das sich selbst nicht mehr ernstzunehmen vermag (S. 155); vor allem schlie�lich die Erfahrung der Zeit im Bann des flexiblen Kapitalismus: "das Regime der kurzfristigen Zeit" (S. 26), "die Angst vor der Zeit" (S. 129); ihre "Desorganisation" (S. 131), ihre "Fragmentierung" (S. 182) - "Zeit light" (S. 131).

Das Resultat f�r den einzelnen liegt in der Unm�glichkeit, das eigene Leben noch "als lineare Erz�hlung verst�ndlich" (S. 17) machen zu k�nnen; statt dessen verharrt das bedrohte Individuum "in einem Zustand des Dahintreibens" (S. 22) - der "Drift" (S. 37). Das Grundgef�hl einer solchen Existenz unter dem Hochdruck des flexiblen Kapitalismus ist "die Angst" (S. 10): "Pers�nliche �ngste sind tief mit dem neuen Kapitalismus verkn�pft." (S. 128)

Politisch fragw�rdig, ja gef�hrlich scheint Sennet der Versuch, die bedrohte Identit�t entweder durch einen demonstrativen "Kulturkonservativismus" (S. 33) sichern zu wollen, der im Grunde "nicht mehr (ist) als eine Art Testament der Koh�renz, die er [gemeint ist Rico, ein erfolgreicher Fisch im Netz des flexiblen Kapitalismus, dessen Geschichte Sennet erz�hlt; P.N.] in seinem Leben vermi�t" (ebd.) oder aber - diesem Thema ist das ganze letzte Kapitels des Buches gewidmet - "der Gebrauch des 'Wir' zu einem Akt des Selbstschutzes" (S. 190), "die Sehnsucht nach Gemeinschaft" (ebd.), wie sie sich beispielsweise in der kommunitaristischen Bewegung ausdr�cke und nur allzu oft auf die "Ablehnung von Immigranten oder anderer Au�enseiter" (ebd.) gr�nde.

Sennet selbst setzt seine Hoffnung auf die Rettung des "character", also auf die Abwehr der Korrosion des Individuums weniger auf das von Seyla Benhabib, Amy Gutman und Dennis Thompson entwickelte und von Sennet durchaus als bedenkenswert eingesch�tzte Konzept einer 'deliberativen Demokratie' (vgl. S. 198), das dem offenen Austrag von Konflikten innerhalb einer Gesellschaft mehr zutraut als dem "oft oberfl�chliche(n) Teilen gemeinsamer Werte, wie es im modernen Kommunitarismus erscheint" (ebd.), als vielmehr - in der Spur von Emmanuel L�vinas und Paul Ricoeur - auf das fundamentale anthropologische Defizit des flexiblen Kapitalismus, n�mlich die Suggestion, da� der Mensch glaubt, auf den (Mit-)Menschen verzichten zu k�nnen. Sennet h�lt dagegen: "Ein Regime, das Menschen keinen tieferen Grund gibt, sich umeinander zu k�mmern, kann seine Legitimit�t nicht lange aufrechterhalten." (S. 202)

 

Buchkritik

Richard Sennett -- Der flexible Mensch

Das Ende des 20. Jahrhunderts brachte viele grundlegende �nderungen mit sich. Von vielen, lange bew�hrten Eigenschaften und Errungenschaften mu�ten sich die Menschen der gro�en Industrienationen verabschieden. Die Industrie selber, jahrelang ein Garant f�r Wachtstum und Vollbesch�ftigung, mu�te neuen Produktionsmethoden und Vertriebswegen weichen. Das Ergebnis ist Massenarbeitslosikeit und politische Ratlosigkeit.

An die Stelle von lebenslangen Besch�ftigungsverh�ltnissen tritt zunehmend die Forderung der "Neuen �konomie" nach flexiblen Mitarbeitern. Soziale Mobilit�t und die Bereitschaft sich, wenn n�tig, beruflich vollkommen neu zu orientieren stehen an erster Stelle des Forderungenkatalogs von Arbeitgebern. In genau dem gleichen Ma�, wie Arbeit (um Produktionskosten zu sparen) heutzutage auf viele Kontinente verteilt werden kann, sind ganze Industriezweige aus dem �ffentlichen Berufsbild verschwunden.

Doch wie sieht die Realit�t dessen aus, was von Arbeitgebern gefordert und von Politikern mangels eigener Vorstellungen nachgebetet wird?

Richard Sennett ist in seinem Buch "Der flexible Mensch" dieser Frage nachgegangen und zu teilweise erschreckenden Ergebnissen gekommen. Menschliches Verhalten ist grundlegend auf stabile soziale Kontakte programmiert. Diese jedoch werden von den Forderungen des neuen Kapitalismus untergraben. Flexibilit�t bedeutet in erster Linie, sich an die Orte zu begeben, an denen die Arbeit ist. Der Aufbau stabiler Freundschaften und Beziehungen, die Mitarbeit in den jeweiligen Interessen- und Freizeitgruppen eines Wohnortes kann auf diese Weise nicht mehr stattfinden. Die Folge ist Vereinsamung und soziale Isolation.

Anhand von Fallbeispielen zeigt Sennett die Auswirkungen dieser neuen Form des Kapitalismus. Die moderne Arbeitswelt sieht er als eine Ansammlung von Projekten, denen der jeweilige Bezug und die Identifikation der daran Besch�ftigten fehlt. Dieses neue, wie Sennett es nennt "Regime" ger�t jedoch in Konflikt mit dem auf Langfristigkeit angelegten menschlichen Charakter. Ohne die Gewi�heit dessen, was in der Zukunft passiert, ohne die M�glichkeit planvoll seine Zukunft zu gestalten, ist der Mensch dazu verdammt ein moderner Nomade zu werden, der von Arbeitstelle zu Arbeitsstelle zieht, um sein Leben bestreiten zu k�nnen.

Flexibilit�t bedeutet nichts anderes, als sich seiner T�tigkeit zu entfremden, da die Dimensionen dessen, was bearbeitet wird, aufgrund von Teamarbeit immer un�berschaubarer werden. Es m�gen hochqualifizierte Spezialisten sein, die ein Projekt vorantreiben, doch jeder einzelne der daran arbeitet wird, so Sennett, immer nur sein jeweiliges Aufgabengebiet sehen und niemals den Zusammenhang in dem es steht. Ist das Projekt beendet, dan zieht die Karavane weiter.

Doch auch die vielverlangte Flexibilit�t ist nutzlos, wenn ganze Arbeitsgebiete in L�nder verlegt werden, in denen zwar ebenfalls Spezialisten arbeiten, dies jedoch zu einem Preis, der weit unter dem liegt, was im urspr�nglichen Land zu zahlen w�re.

Sennett unterwirft die Neue Wirtschaft einer vehementen, nicht unberechtigten Kritik. Die Gefahr von sozialer Vereinzelung durch neue Formen des Arbeitens ist in der Tat sehr gro�. Dieses Buch beleuchtet zwar in erster Linie die amerikanischen Unternehmensverh�ltnisse, doch im Rahmen der weltweit operierenden Konzerne zeigt es uns auch, was in Europa passieren kann. Viele Dinge sind bereits Realit�t geworden. Verschlankung, Straffung und Synergie-Effekte sind jeweils nur Euphemismen f�r Arbeitslosigkeit und Stellenabbau. Interessanterweise weist Sennett jedoch nach, dass nicht jede Rationalisierung zum Erfolg f�hrt. In �ber 60% in einem bestimmten Zeitraum untersuchten Firmen, die sich eine "Schlankheitskur" verordneten, f�hrte diese zu einer Verschlechterung des Betriebsergebnisses.

In Zeitem wie diesen, die auf eine Zukunft weisen, in der das Shareholder Value �ber den Interessen der daf�r Arbeitenden steht, in diesen Zeiten ist es schwer, an dieser Neuen Wirtschaft etwas grundlegendes zu �ndern. Dividenden stehen in der Realit�t eben immer noch �ber berechtigte individuelle und soziale Interessen. Doch das sollte niemand daran hindern, sich Gedanken zu machen �ber die Zeit, die diesem neuen Kapitalismus folgt. Richard Sennett hat damit schon mal (gut) angefangen.

 

Rezensionen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wie sehr sich die Arbeitswelt zu Beginn des 21. Jahrhunders ver�ndert hat, zeigt sich schon am Sprachgebrauch. Erst wurden aus Berufen Jobs, und nun sind Jobs bereits zu "Arbeitsfeldern" oder "Projekten" mutiert. Langfristige berufliche Bindungen vermitteln diese Begriffe nicht mehr. In der sch�nen neuen Welt des globalisierten Kapitalismus und seiner verschlankten Unternehmensstrukturen steht jeder Arbeitsplatz, auch der des Managers, zur Disposition. In dieser Situation ist das neue Leitbild, so der amerikanische Soziologe Richard Sennett, die reaktionsschnelle, anpassungsf�hige Pers�nlichkeit: Der flexible Mensch, wie sein neuestes Buch mit deutschem Titel hei�t. So viel Gewinn an beruflicher Eigenverantwortung und professioneller Selbstbestimmung Angestellten und Arbeitern �ber Entb�rokratisierung und Enthierarchisierung versprochen wird, so hoch ist ihre Verlustrechnung am Ende. Denn statt Eigenverantwortung gibt es tats�chlich vor allem einen massiven Kontrollverlust hinsichtlich Karriere und Lebensplanung. Er dr�ckt sich darin aus, dass es f�r die Betroffenen unm�glich geworden ist, ihr Leben in einer Geschichte zusammenzufassen, in der die M�hen und Plagen des Alltags ebenso wie seine Erfolge, einen nachvollziehbaren Sinn ergeben. Sennett, der Anfang der achtziger Jahre mit Verfall und Ende des �ffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimit�t international Furore machte, hat sich f�r seinen Essay durchaus in der Arbeitswelt umgeschaut. Das Beispiel eines eingewanderten Hausmeisters und seines erfolgreichen Sohnes, der Fall einer Gro�b�ckerei in Boston und seine Gespr�che mit einigen von IBM in den 90er Jahren entlassenen Programmierern lassen ihn seine These zur problematischen Natur der Entwicklung anschaulich exemplifizieren. Der flexible Mensch ist, so lautet Sennetts These, nicht mehr in der Lage, individuellen Charakter auszubilden. Denn daf�r bed�rfte es langfristiger Verbindlichkeiten und Loyalit�ten, erz�hlbarer Lebensgeschichte. Paradox genug: Auch wenn die anderen aus dem Patchwork ihrer Stellenwechsel und Kurzkarrieren keine Geschichte zustande bringen, Sennett selbst hat dar�ber in seinem knappen, anekdotenhaft und ausgesprochen lesbar geschriebenen Essay viel zu erz�hlen.

 

Brigitte Werneburg

Amazon.de

Richard Sennett, der in seiner ber�hmten Abhandlung �ber die Tyrannei der Intimit�t den Verfall der �ffentlichkeit untersuchte, hat eine kleine Studie �ber einige Ph�nomene kapitalistischer Charaktere vorgelegt. Im Zentrum seiner Untersuchung steht der Begriff der Flexibilit�t. Flexibilit�t gilt als Rezeptur der neuen Unternehmen, zugleich als Charakterqualit�t des karrierebewusst Handelnden.

T�glich werden die Mythen erfolgreicher Unternehmer, Jungmanager, Entrepreneurs der fr�hen Stunde erz�hlt. Silicon Valley, Microsoft oder Intel gelten als die Ikonen des schnellen Erfolgs. Aus Ludwig Erhards Wirtschaftswunderphilosophie "Wohlstand f�r alle" wird ab jetzt "Reichtum f�r jedermann". Traditionsunternehmen, die in Generationen denken, sind out. Der Zahltag soll sich sp�testens nach einigen Jahren einstellen.

Loslassen k�nnen von gestern neuen, heute antiquierten Produkten, radikale F�hrungsqualit�ten, globales Netzwerkdenken, virtuelle Unternehmensphilosophien werden zum Gebot des rasenden Zeitgenossen. Lebenslanges Lernen, der permanente Erwerb von Erfahrungen wird in den inzwischen klassisch gewordenen Unternehmenskonzeptionen beschworen. �bersehen wird dabei, dass eben nicht neues Wissen auf altes gesetzt wird, sondern die Software des Bewusstseins oft komplett ausgetauscht werden muss.

Sennett zeigt die gef�hrlichen Fallstricke, in denen sich die Erfolgszwangsgeplagten verfangen, weil sie immer weniger auf ihr Wissen vertrauen d�rfen, aber zugleich die Furcht vor neuen Ans�tzen w�chst. So werden Erfolgsgeschichten projiziert, ohne dass die Handelnden auch die pers�nlichen Voraussetzungen mitbringen, die unabdingbar f�r den schnellen Erfolg sind.

Bereits der Aufbruch in das Wunderland der schnellen Dollars gilt als Erfolg, auch wenn der Absturz kurz darauf folgt. Die Gl�ubigen des rasanten Kapitalismus sto�en auf diffuse Produktions- und Distributionsstrukuren, in denen altes Erfahrungswissen wenig z�hlt und deren Vorhersehbarkeit ausgeschlossen ist. Es entsteht eine Unternehmenskultur der Oberfl�chlichkeit, die vom Gewohnheitstier Mensch, der auf die Kontinuit�t sozialer Beziehungen angewiesen ist, nicht verkraftet wird. Loyalit�t zum Unternehmen wird zu einem raren Gut, das sich keiner mehr leisten kann, der zu seinem Karrierezenit surft.

Sennett zeigt aber, dass Enthierarchisierung alles andere als Orientierungssicherheiten schafft. Unternehmen entstehen und vergehen, hinterlassen werden Orientierungslose -- Strandgut des hyperflexiblen Kapitalismus. Corrosion of character lautet denn auch der amerikanische Originaltitel, der die Folgen �bereilten Wirtschaftens, der Demontage klassischen Unternehmertums besser fasst als der deutsche �bersetzungstitel.

Im Verweis auf die Statistiken zeigt Sennett, dass die Fetische des neoliberalen Kapitalismus Ungleichheiten verst�rken, eine kleine Gruppe von Siegern und ein Heer von ausgebrannten Verlierern produzieren. "The way out" w�re -- f�r die Ideologen des schnellen Wirtschaftens unertr�glich -- das Beharrungsverm�gen, die Nichtbereitschaft sich auf eine wildgewordene Wirtschaft einzulassen.

Sennetts Analyse trifft ins Herz der euphorischen Managementbeschw�rungsliteratur und macht deutlich, dass "positive thinking" oft nur der Auftakt des Abgesangs ist. Fraglich bleibt aber, ob die neuen Strukuren auf der Ebene des Individuums �berhaupt l�sbar sind, oder es nicht unabdingbar wird, Wege aus dem ruin�sen Kasinokapitalismus zu finden. Weder der Neoliberalismus noch eine autorit�re Wirtschaftsdiktatur erscheinen geeignet, eine global vernetzte Wirtschaft wieder auf Menschenma� einzurichten.

 

Goedart Palm