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Zum Thema siehe auch  => Hellinger



Aus Focus (13/1998, S. 222f.)

"Wenn Therapeuten Gott spielen

Etwa 500 Menschen hatten sich in einem H�rsaal der Universit�t Leipzig eingefunden, um an seinem Selbsterfahrungsseminar "Wie Liebe gelingt" teilzunehmen. Unter ihnen waren die �rztin Jutta Mei�ner (Name von der Redaktion ge�ndert) und ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebte. Die beiden hatten sich angemeldet, um ihre Probleme durch Hellinger untersuchen zu lassen - vor dem gesamten Auditorium. Laut Aussage von Jutta Mei�ners Mutter bestand das Problem vor allem darin, da� sich ihr Schwiegersohn nicht mit der Trennung abfinden wollte. Bert Hellinger gibt dagegen an, die Mei�ners h�tten mit seiner Hilfe entscheiden wollen, bei welchem Elternteil die vier gemeinsamen Kinder leben sollten.

Wie dem auch sei: Im Verlauf des Familien-Stellens (zu dieser Prozedur sp�ter) �u�erte Hellinger, die Kinder seien beim Mann besser aufgehoben. Auf Jutta Mei�ner gem�nzt, f�gte er hinzu: "Hier sitzt das kalte Herz" (oder "Da ist ein hartes Herz"), und: "Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher." Schlie�lich sagte er: "Die Frau geht, die kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch sterben bedeuten."

Jutta Mei�ner verlie� daraufhin wortlos den Veranstaltungsraum. Sp�ter schrieb sie Briefe an Mann und Kinder. Sie lassen vermuten, da� sich die Frau offenbar Bert Hellingers Familien-Ordnungsdenken zu eigen gemacht hatte. Und es scheint, als habe sie Hellingers Worte gegen sie als vernichtendes Urteil �ber ihre Person verstanden. Auszug: "Vielleicht gibt es Menschen, die soviel Schuld auf sich laden, da� sie kein Recht mehr haben, hierzubleiben. Und wenn es f�r die Kinder die Ordnung herstellt, will ich meinen Teil dazu tun, auch wenn es nicht das ist, was ich mir w�nsche." Nach dem Abfassen der Briefe erh�ngte sie sich.

Jutta Mei�ners Mutter bestreitet, da� ihre Tochter selbstmordgef�hrdet gewesen sei. Sie habe sich kurz vor dem Leipziger Datum f�r Weiterbildungskurse angemeldet, auch ein Umzug sei fest geplant gewesen.

Hellinger hat den Mut gefunden, in FOCUS zum erstenmal �ffentlich �ber den Vorfall zu sprechen. Da er alle seine Auftritte auf Video mitschneiden l��t, konnte er sich seine Interaktion mit den Mei�ners noch einmal vor Augen halten. Vorf�hren wollte er das Band aber nicht.

Im Interview bedauert er den Suizid von Jutta Mei�ner, enth�llt aber gleichzeitig - vermutlich ohne sich dessen recht bewu�t zu sein - eine erschreckende therapeutische Selbstherrlichkeit. Die durchzieht auch seine Schriften. Da hei�t es an einer Stelle: "Ich bringe ans Licht. Z. B., da� einer schwer krank ist oder sein Tod nahe bevorsteht . . . Wer der erkannten Wirklichkeit zustimmt, der ist gro�."

Kritische Beobachter der PsychoSzene betrachten das Wirken Bert Hellingers schon seit l�ngerem mit Mi�trauen. In seinem Buch "PSYCHO - Therapien zwischen Seriosit�t und Scharlatanerie" (Pattloch Verlag) spricht der M�nchner Autor Colin Goldner in Sachen Hellinger-Therapie von "einem �u�erst autorit�ren Gruppenverfahren". Hellinger konfrontiere seinen jeweiligen Klienten "mit apodiktisch vorgetragenen Interpretationen und Anweisungen. Diesem bleibt lediglich die Wahl, diese anzunehmen oder nicht."

Goldner und der Verein Forum Kritische Psychologie beraten und unterst�tzen die Angeh�rigen Jutta Mei�ners. Nach Aussage Goldners wurde vergangene Woche Strafanzeige gegen Hellinger gestellt.

Andreas Fincke, Referent der Evangelischen Zentralstelle f�r Weltanschauungsfragen, hatte den Vorfall in Leipzig in der j�ngsten Ausgabe des Magazins "Psychologie heute" �ffentlich gemacht. "Wer verhindert", fragt Fincke in seinem Beitrag, "da� Hellinger vor 500 begeisterten Zuschauern seiner eigenen Wirkung erliegt und Allmachtsphantasien entwickelt? Wie lassen sich solche Entgleisungen in Zukunft verhindern?"

Hellingers Erfolg beruht zun�chst darauf, da� er dem modernen famili�ren Durcheinander eine feste Ordnung gegen�berstellt. Menschen w�rden ungl�cklich und krank, behauptet er, wenn sie gegen ihre Biologie, sozusagen gegen die Stimme des Blutes, verstie�en. Kinder m��ten ihren Eltern "Ehre erweisen", j�ngere Geschwister �lteren den Vorrang �berlassen, selbst mi�brauchte T�chter d�rften sich nicht von ihren Eltern abwenden. Werde das Familiensystem durch schwere Zerw�rfnisse gest�rt, so m��ten auch sp�tere Generationen daf�r b��en.

Die St�rungen des Familienfriedens will Hellinger durch "Familien-Stellen" ausfindig machen. Freiwillige aus dem Publikum treten als Darsteller auf; der jeweilige Klient dirigiert sie in eine Steh-Ordnung, die die Emotionen innerhalb seiner Familie zum Ausdruck bringen soll. Die Prozedur an sich ist in der Familientherapie durchaus g�ngig.

Hellinger geht aber viel weiter: Er befragt nun die Darsteller der Personen nach ihren Gef�hlen und schlie�t daraus auf die Verh�ltnisse in der wirklichen Familie - ein haarstr�ubendes Verfahren, auch wenn hin und wieder der Klient seine Meinung zum Geschehen �u�ern darf. Hellinger dirigiert die Darsteller hin und her, um eine L�sung des von ihm gesehenen Problems zu finden. Meist steht am Ende eine Art Ritualhandlung, die einander entfremdete Familienmitglieder vers�hnen soll: Zum Beispiel kniet der Sohn-Darsteller vor dem Vater-Darsteller nieder und sagt S�tze wie: "Ich nehme dich als meinen Vater, und du darfst mich haben als dein Kind." Dies wiederum soll sich auf den betrachtenden Klienten heilend auswirken.

Das dramatische Geschehen l��t jede Menge Emotionen zum Ausbruch kommen, und die Tr�nen flie�en reichlich. Das fasziniert viele Anwesende (die in der Regel selbst in der Psycho-Branche t�tig sind).

Vielleicht macht der Fall Mei�ner dem einen oder anderen Hellinger-J�nger klar, wie wissenschaftlich fragw�rdig und seelisch riskant die Interventionen des Meisters sind. Vielleicht kann dann manch einer seinen Aphorismen einen neuen Sinn abgewinnen - zum Beispiel folgendem Denkspruch (aus dem Band "Verdichtetes"): "Ein Messerwerfer ist noch lange kein Chirurg." "