Als junger Krankenpfleger hatte ich in den 60ger Jahren einen etwa 40j�hrigen Mann, der auf Alkoholentziehung war, in einer „Schlafkur“ zu halten und in regelm��igen Abst�nden eine Spritze mit Schlafmittel zu geben. Er war von Sozialarbeiterin (damals "F�rsorgerin"), die ihn betreute, irgendwie ans Herz gewachsen und bekam diese au�ergew�hnliche "Therapie" auf ihren Wunsch und Betreiben bei sich zu Hause, weil er ein so au�erordentlich religi�ser Mensch sei, dem sie unbedingt helfen m�sse. Dies sei ein Akt ihrer Gotteskindschaft, in der sie sich ihm verbunden f�hlte.
Aber gegen diese "Kur" entwickelte er eine immense Widerstandskraft. In den �berlangen N�chten, in denen ich zu wachen und zu spritzen hatte, wurde der Mann zunehmend munter, und begann mir viel aus seinem Leben zu erz�hlen, das er gew�hnlich "eigentlich niemanden erz�hlt h�tte". Die Stimme der Nacht hat eine eigene Wahrheit und auch Stimmung, die sich am Tag verfl�chtigt. Eigentlich schlief er wirklich nur bei Tags, wenn der Psychiater vorbei kam.
Ich wurde eine Art "Nachtvertrauter", dem gegen�ber er seine Verstellungen, die ihm das gew�hnliche Leben abn�tigte, aufgab. So bekam ich so nach und nach seine wirklichen Geschichten und Kulte mit. Er baute sich beispielsweise nachts einen Altar mit unz�hligen Kerzen vor dem Bild der "Mutter Gottes" auf, legte eine Schallplatte auf und h�rte bei absoluter Lautst�rke Mario Lanza einen Text aus der Bergpredigt singen: „Seelig sind die Verfolgung leiden ...“, und dabei onnanierte er auf das Tuch unter dem Bild. Er sagte mir, dass dies die einzige M�glichkeit f�r ihn sei, sich sexuell abzureagieren.
Ab und zu bekam er Anf�lle von Hass gegen mich und verlangte von mir sexuelle Manipulationen, zu denen ich nicht bereit war. Einmal drohte er, mich deshalb umzubringen. Danach brach er in Weinkr�mpfen aus, die nicht enden wollten und stammelte so quasi als Entschuldigung f�r seine "Verr�cktheiten" eine Geschichte heraus, die er in den folgenden N�chten vervollst�ndigte. Ich war damals 22 Jahre alt; es war 1968.
Niemand d�rfe erfahren, warum er eigentlich trinke. Sonst w�re er "erledigt". Er hielte es nicht mehr aus, dieses Verlangen, Menschen zu t�ten. Seitdem er aus der Fremdenlegion abgeschoben wurde in sein Herkunftland Deutschland, k�me er mit nichts mehr klar. Er sei wegen "dieser Macke" bei einem seiner Eins�tze in Kambodscha und Afrika "zu sehr aufgefallen" und sein Vorgesetzter sei ihm nicht so wohlgesonnen gewesen, wie die vorherigen. Er habe ihm "Schlechtes antun" wollen. Anderswo sei das T�ten ja "nicht so ein Problem".
Seine Geschichte war eine Geschichte des T�tens. Er war ohne Eltern aus einem Waisenhaus mit 18 Jahren zur sogenannten Totenkopf-SS gekommen. Dort wurden die jungen Menschen ein Jahr lang zusammen mit einem Sch�ferhund trainiert, den sie am Ende der Ausbildungszeit, sozusagen als eine Initiation in die T�tungsmaschinerie der SS erschie�en mussten. Es sollte sichtbar werden, ob sie noch irgendwelche Regungen dabei h�tten. Er konnte sich dabei ungemein gut beherrschen, so gut, dass selbst seine "SS-Kameraden" damit nicht klarkamen - sie waren keine Waisen. Er war wohl v�llig auf Order fixiert, absolut autorit�tsh�rig und so dienstbefliessen, dass er keine eigenen Regungen mehr kannte, jedenfalls nicht f�r ihn sp�rbar.
Er hatte bis zum Kriegsende unz�hlige Exekutionen von Fahnenfl�chtigen ausgef�hrt – oft von Jungen in seinem Alter. Die Friedenszeit danach war f�r ihn unertr�glich, "zum Verr�cktwerden". Er ging wie viele seiner Art in die Fremdenlegion. Er habe schon im Krieg mindestens tausend Menschen get�tet, und da k�nne er nicht einfach damit aufh�ren. Als er von der Legion heimgeschickt wodern war, fing er mit einem gigantischen Alkoholkonsum an, um seine T�tungsbegierden nieder zu halten. Obwohl eine ungeheuer Gewalt in ihm dr�ngte, wurde er darob nicht "auff�llig".
Kein Mensch wird erfahren haben, was hier alles zerst�rt war. Er nahm sich ein Jahr sp�ter das Leben. Er selbst konnte es auch nicht sagen und es war mir auch nicht ganz klar, was von alle dem wirklich wahr war. Jedenfalls war er bestimmt nicht als M�rder geboren worden. Die sogenannte Identit�tsfindung ist ein geschichtlicher und vor allem sozialer Vorgang; nicht als ewige Geschichte der Jugend, die immer nachh�ngt in der Begr�ndung von Gegenwart, sondern als etwas von der Gegenwart her Unbegreifbares, etwas, das nur in der Geschichte selbst, in ihrem Verlauf wirklich erkennbar gewesen w�re, weil es nur darin wirklich gegensinnige Beziehungen hatte. Im Nachhinein sind diese nur erschlie�bar aus der Gegensinnigkeit der Bed�rfnisse, aus ihrem sinnlichen Widerspruch. Eindeutig jedenfalls war die Stimmung, die er f�r seine Selbstbefriedigung n�tig hatte: Unendlich weinerlich, selbstmitleidig und selbst�berhoben zur absoluten Selbstgerechtigkeit des Verfolgten, die ihn - wie es die Seeligpreisungen in der Bergpredigt des Gottessohn versprachen - in die N�he seiner Seeligkeit brachte: zu seiner Madonna. Die ganz Gro�e k�rte ihn in seiner absoluten Unterwerfung zum Menschen, seine triebhafte Gier war wie eine Samenspende des Ausgesto�enen an das Allerheiligste einer ihm fremden Weiblichkeit. Es war vielleicht einfach nur die Huldigung an die absolut fremde Liebe der absolut g�tigen Frau, der "Gebenedeiten unter den Frauen". In Wirklichkeit hatte er vielleicht viele Frauen vergewaltigt. Dar�ber sprach er nicht.
Aber auch aus anderen Geschichten heraus wurde mir klar, dass es so etwas wie eine Identit�tsumkehrung in einem Menschen gibt: Den vollkommenen Standortwechsel eines Leidens, der zu einem niederschmetternden Trieb sich verkehrt. Am Anfang steht dabei immer eine ungeheuerliche Lebenswelt, in welcher die Menschen selbst nur verkehrt sein k�nnen und darin sich fr�her oder sp�ter selbst verkehren. Dies gerade, um in ihrer verkehrten Welt Identit�t zu finden, sich selbst darin anzunehmen und zu lieben, - um so mehr und heftiger, je verr�ckter und abgeschotteter diese Welt von jeder anderen ist, um so tiefer, wie die "Ausnahme" f�r die Empfindung geht, vielleicht die einzige wirklich empfundene Selbstwahrnehmung im Gegensatz zur Allgemeinheit ver�deter Gewohnheiten. Dies haben ja auch die seltsamen Liebesgeschichten von Gei�eln gezeigt: Ihre potentiellen M�rder haben sie einfach deshalb geliebt, weil sie ihnen "menschlich besonders nahegetreten" waren.
Die Wehrmachtausstellung des Jan Phillip Reemtsma zeigte als vielleicht ersch�tterndstes Dokument des Krieges die Kriegsfotos, welche als Troph�enbilder gemacht und den Angeh�rigen als Feldpost geschickt wurden: M�nner, die wie auf einem Sonntagsausflug neben "ihren Leichen" posierten, neben Menschen, die sie gerade umgebracht, erh�ngt oder erschossen hatten. Und dies "f�r die Lieben daheim". Sie sahen hierin eine Beziehung zu ihrer Herkunftswelt, dass sie ihnen die Troph�en zeigten, die Zivilisten waren, wie die "Lieben", Opfer des Krieges wie sie. Aber vielleicht sind die nicht mal wirklich erschrocken, weil sie ja alle "Sieg Heil" geschrieen hatten und den "totalen Krieg" mit dem "Endsieg" wollten. Ja: Die meisten Deutschen (zum Kriegsende noch 68 %) hatten sich in dieser tiefsinnigen Abgeschottetheit als besonderes Volk im Bezug zum "Rest der Welt" empfunden.
In einem Essay zum Krieg berichtete Reemtsma auch von seinen Forschungsresultaten �ber die Lebenswelt - oder besser: T�tungswelt - der Soldaten auf dem "Schlachtfeld". Die Lebensgrundlage f�r sie ist der Tod, der allseitig gegen sie zu jeder Zeit auftreten kann. Wer nicht schnell genug ist, wer ihn nicht fr�h genug bemerkt, nicht sofort schie�t, wo ein Gegner erscheint, ist tot. Wer so zum Opfer wird, gilt f�r viele Soldaten als Schandmal ihres Lebens, als Versager gegen�ber ihrer Lebensnot. Solche Soldaten, die in Friedenszeiten ganz gew�hnliche, friedliebende Menschen waren, gelten sich unter der best�ndigen Todesgefahr als "Kameradschaft" von Verschworenen, die von den get�teten Soldaten vielleicht sogar sich verraten f�hlten. Nur die besondere Aufmerksamkeit und Schu�bereitschaft war Lebenskarft, der Tod Schw�che. Nat�rlich muss das nicht vom Kopf her jedem klar sein; aber von der Lebenswirklichkeit ist es so: Das Kriegsopfer ist eine Realit�t, die nicht wirklich sein darf, will man in der Absurdit�t des Krieges noch Sinn haben. Und auf Dauer kann ein Mensch seine Sinnlosigkeit nicht aushalten. Wwenn er nicht zum Fahnenfl�chling werden kann oder will, so muss er eine "Soldatenidentit�t" bilden; - f�r viele ein Grund, nach dem Kriegseinsatz, also nach R�ckkehr in eine "normale Welt" verr�ckt zu werden, oder "nur" innerlich isoliert zu sein und diese Vergangenheit als eine fremde Identit�t zu verstecken, zu verschweigen oder innerlich daran zu brechen.
Das letzte Beispiel f�r eine Identit�tsverkehrung hat mir ein Freund erz�hlt, der mit vielen Insassen der Psychiatrie Konktakt hatte. In der "Forensischen Psychiatrie" (sprich: Psychiatrie als Strafvollzug) sa� eine Frau ein wegen der T�tung eines Mannes, den sie aus v�llig unerkennbaren Motiven "wie aus heiterem Himmmel" einfach abgestochen hatte, w�hrend er schlief. Sie war noch sehr jung gewesen und zuvor von mehreren M�nnern bestialisch vergewaltigt worden, nachdem sie deren Hilfe in Anspruch genommen hatte. Es wurde ihr vielleicht zur gewohnten Lebenswahrheit, dass sie missbraucht wurde, wenn sie aus ihrer Vereinsamung heraus musste oder auch einfach nur "ein Dach �ber dem Kopf" oder ein warmes Bett gebraucht hatte. Als sie als Anhalterin von einem Mann mitgenommen wurde, der ihr dies auch bot, nachdem sie ihm ihre Geschichte erz�hlt hatte, schien sie nicht damit klar zu kommen, dass der sie nicht mi�brauchte. Das brachte sie um den