Aus Sebatsiona Haffner: "Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933", DTV 2002:
"Was z�hlte, war die Faszination des kriegerischen Spiels: eines Spiels, in dem nach geheimnisvollen Regeln Gefangenenzahlen, Gel�ndegewinne, eroberte Festungen und versenkte Schiffe ungef�hr die Rolle spielten wie Torsch�sse beim Fu�ball oder �Punkte� beim Boxen. Ich wurde nicht m�de, innerlich Ptinktetabellen zu f�hren. Ich war ein eifriger Leser der Heeresberichte, die ich nach einer Art �umrechnete�, nach wiederum sehr geheimnisvollen, irrationalen Regeln, in denen beispielsweise zehn gefangene Russen einen gefangenen Franzosen oder Engl�nder wert waren, oder 50 Flugzeuge einen Panzerkreuzer. H�tte es Gefallenenstatistiken gegeben, ich w�rde sicher auch unbedenklich die Toten �umgerechnet� haben, ohne mir vorzustellen, wie das in der Wirklichkeit aussah, womit ich da rechnete. Es war ein dunkles, geheimnisvolles Spiel, von einem nie endenden, lasterhaften Reiz, der alles ausl�schte, das wirkliche Leben nichtig machte, narkotisierend wie Roulette oder Opiumrauchen. Ich und meine Kameraden spielten es den g'anzen Krieg hindurch, vier Jahre lang, ungestraft und ungest�rt - und dieses Spiel, nicht die harmlosen �Kriegsspiele�, die wir nebenbei auf Stra�en und Spielpl�tzen auff�hrten, war es, was seine gef�hrlichen Marken in uns allen hinterlassen hat.
Vielleicht findet man es nicht der M�he wert, da� ich die offensichtlich unad�quaten Reaktionen eines Kindes auf den Weltkrieg so ausf�hrlich darstelle. Gewi� w�re es nicht der M�he wert, wenn es sich dabei um einen Einzelfall handelte. Es ist aber kein Einzelfall. So oder so �hnlich hat eine ganze deutsche Generation in ihrer Kindheit oder fr�hen Jugend den Krieg erlebt - und zwar sehr bezeichnenderweise die Generation, die heute seine Wiederholung vorbereitet.
Es schw�cht die Kraft und Nachwirkung dieses Erlebnisses keineswegs ab, da� die, die es erfuhren, Kinder oder junge Burschen waren; im Gegenteil! Die Massenseele und die kindliche Seele sind sehr �hnlich in ihren Reaktionen. Man kann sich die Konzeptionen, mit denen Massen gef�ttert und bewegt werden, gar nicht kindlich genug vorstellen. Echte Ideen m�ssen, um massenbewegende historische Kr�fte zu werden, im allgemeinen erst bis auf die Fassungskraft eines Kindes heruntersimplifiziert werden. Und eine kindische Wahnvorstellung, gebildet in den K�pfen von zehn Kinderjahrg�ngen und vier Jahre hindurch in ihnen festgenagelt, kann sehr wohl zwanzig Jahre sp�ter als t�dlich ernsthafte �Weltanschauung� ihren Einzug in die gro�e Politik halten.
Der Krieg als ein gro�es, aufregend-begeisterndes Spiel der Nationen, das tiefere Unterhaltung und lustvollere Emotionen beschert als irgendetwas, was der Frieden zu bieten hat; das war 1914 bis 1918 die t�gliche Erfahrung von zehn Jahrg�ngen deutscher Schuljungen; und das ist die positive Grundvision des Nazitums geworden. Von dieser Vision her bezieht es seine Werbekraft, seine Simplizit�t, seinen Appell an Phaiitasie und Aktionslust; und von ihr bezieht es ebenso seine Intoleranz und Grausamkeit gegen den innerpolitischen Gegner: weil der, der dieses Spiel nicht mitmachen will, gar nicht als �Gegner� anerkannt, sondern einfach als Spielverderber empfunden wird. Und schlie�lich bezieht es von ihr seine selbstverst�ndlich kriegsm��ige Einstellung gegen den Nachbarstaat: weil jeder andere Staat wiederum nicht als �Nachbar� anerkannt wird, sondern nolens volens Gegner zu sein hat - sonst k�nnte ja das ganze Spiel nicht stattfinden!
Vieles hat dem Nazismus sp�ter geholfen und sein Wesen modifiziert. Aber hier liegt seine Wurzel: nicht etwa im �Fronterlebnis�, sondern im Kriegserlebnis des deutschen Schuljungen. Die'Frontgeneration hat ja im ganzen wenig echte Nazis geliefert und liefert heute noch im wesentlichen die �N�rgler und Meckerer�; sehr verst�ndlich, denn wer den Krieg als Wirklichkeit erlebt hat, bewertet ihn meistens anders. (Ausnahmen zugegeben: die ewigen Krieger, die in der Wirklichkeit des Krieges mit allen Schrecken dennoch ihre Lebensform fanden und immer wieder finden - und die ewigen �gescheiterten Existenzen�, die gerade die Schrecken und Zerst�rungen des Krieges mit jubel erlebten und erleben, als eine Rache an dem Leben, dem sie nicht gewachsen sind. Zum ersten Typ geh�rt vielleicht G�ring; zum zweiten bestimmt Hitler.) Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg, ganz ungest�rt von seiner Tats�chlichkeit, als gro�es Spiel erlebt haben." (Aus Sebatsiona Haffner: "Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933", DTV 2002, S. 21-23)
"Es war ein verfr�htes Zeitungsblatt, das da aushing, und es hatte die �berschrift: �Waffenstillstand unterzeichnet�. Darunter standen die Bedingungen, eine lange Liste. Ich las sie. W�hrend ich las, erstarrte ich.
Womit soll ich meine Empfindungen vergleichen - die Empfindungen eines elfj�hrigen jungen, dem eine ganze Phantasiewelt zusammenbricht? Soviel ich nachdenke, es ist schwer, im normalen, wirklichen Leben ein �quivalent daf�r zu finden. Gewisse traumhafte Katastrophen sind eben nur in Traumwelten m�glich. Wenn jemand, der jahrelang gro�e Summen zur Bank getragen hat, eines Tages seinen, Kontoauszug anfordert und erf�hrt, da� er statt eines Verm�gens eine erdr�ckende Schuldenlast besitzt, mag ihm �hnlich zumute sein. Aber so etwas gibt es eben nur im Traum.
Diese Bedingungen sprachen nicht mehr die schonende Sprache der letzten Heeresberichte. Sie sprachen erbarmungslos die Sprache der Niederlage; so erbarmungslos, wie die Heeresberichte immer nur vonfeindlichen Niederlagen gesprochen hatten. Da� es so etwas auch f�r �uns� geben konnte - und zwar nicht als Zwischenfall, sondern als das Endergebnis von lauter Siegen und Siegen - mein Kopf fa�te es nicht.
Ich las die Bedingungen wieder und wieder, den Kopf im Nacken, wie ich vier Jahre lang die Heeresberichte gelesen hatte. Schlie�lich l�ste ich mich aus der Menschenmenge und ging davon, ohne zu m4ssen, wohin ich ging. Die Gegend, in die ich auf der Suche nach Nachrichten geraten war, war mir fast fremd, und jetzt geriet ich in eine noch fremdere; ich trieb durch Stra�en, die ich nie gesehen hatte. Ein feiner Novemberregen fiel.
Wie diese fremden Stra�en, war mir die ganze Welt fremd und unheimlich geworden. Das gro�e Spiel hatte offenbar au�er seinen faszinierenden Regeln, die ich kannte, noch geheime Regeln besessen, die mir entgangen waren. Es mu�te etwas daran scheinbar und falsch gewesen sein. Wo aber war ein Halt, wo Sicherheit, Glauben und Vertrauen, wenn das Weltgeschehen so hinterh�ltig war, wenn Siege und Siege zu endg�ltiger Niederlage f�hrten und die wahren Regeln des Geschehens nicht verlautbart wurden, sondern sich erst nachtr�glich enth�llten, im niederschmetternden Ergebnis? Ich blickte in Abgr�nde. Ich empfand ein Grauen vor dem Leben.
Ich glaube nicht, da� die deutsche Niederlage irgendjemandem einen tieferen Schock versetzt haben kann als dem elfj�hrigen jungen, der da durch die novemberfeuchten fremden Stra�en irrte, ohne zu merken, wo er ging, und ohne zu merken, wie ihn der feine Regen allm�hlich durchn��te. Ich glaube insbesondere nicht, da-� der Schmerz des Gefreiten Hitler tiefer gewesen sein kann, der, ungeMr um dieselbe Stunde, im Pasewalker Lazarett es nicht aushielt, die Bekanntgabe der Niederlage mitanzuh�ren. Er reagierte zwar dramatischer als ich: �Mir wurde es unm�glich, noch l�nger zu bleiben,� schreibt er. �W�hrend es mir um die Augen wieder schwarz ward, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zur�ck, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen.� Worauf er beschlo�, ein Politiker zu werden.
Seltsamerweise eine weit kindlich-trotzigere Geste zugleich als meine. Und das gilt nicht nur f�r das �u�ere. Wenn ich vergleiche, welche inneren Folgerungen Hitler und ich aus dem gemeinsam erlebten Schmerz zogen: der eine Wut, Trotz und den Beschlu�, ein Politiker zu werden, er andere Zweifel an der G�ltigkeit der Spielregeln und ahnendes Grauen vor der Unberechenbarkeit des Lebens." (Aus Sebatsiona Haffner: "Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933", DTV 2002, S. 32-34)