Eine Theorie ist nur dadurch kritisch, dass sie den Begriff der Sache au�er sich wei�. Die Arbeit am Begriff beendet das Denken, indem es seinen Gegenstand erkennt und verarbeitet, indem es ihn als seine Sache begreift, ergreift und dem Leben den Widerstreit als lebenden Widerspruch er�ffnet. Letztlich ist solche Theorie daher auch immer Ideologiekritik, weil sie zugleich nachweist, dass es keine falschen Gegenst�nde, sondern nur falsche Begriffe geben kann, – Begriffe, die ihrem Gegenstand Urteile entgegensetzen, um nichts von ihm erkennen zu m�ssen, weder sein Werden beschreiben, noch seine Verg�nglichkeit, seine Geschichte in irgendeinem Sinn beeinflussen. Ideologie hat ihren Sinn als Medium des herrschenden Bewusstseins. Sie vergegenst�ndlicht das Verh�ltnis der Menschen zu ihren Gegenst�nden, indem es sie zu "objektiver Wahrheit“ macht. In der hierdurch vollzogenen und bewehrten Trennung der Menschen und ihrer Sachen wird jedes Verh�ltnis sachlich und treibt die Menschen zu einer Sachlichkeit, die sie selbstvergessen macht – ein Leichtes, hier�ber das Denken aufzugeben oder es selbst ins Jenseits zu bef�rdern.
Schlimm wird ein Denken, das seine Sache nicht mehr hat. So solcherma�en un-sachliches Denken in der Philosophie entwickelt ist, paraphrasiert es den Lauf der Geschichte als abstrakte Wahrheit, als Metaphysik des Gedankens, die nichts anderes n�tig hat, als ihrem "Recht auf Wirklichkeit“, auf eine Gesellschaft, in welcher alle Menschen dieser Wahrheit fr�nen. Der Gedanke gibt sich gekr�nkt, solange die Menscheit ihm nicht nachh�ngt und die Apologeten des Denkens werden zu Gedankenmonstern, die ihre Selbstgerechtigkeit als Gottesdienst des Denkens feiern.
Adorno ist mit seiner negativen Dialektik einer "Unwahrheit des Ganzen“ entgegengetreten, indem er den Widerspruch der Welt selbst zu einem Moment ihrer Unwahrheit erkl�rt. Hierdurch wird der Gegenstand des Denkens selbst zu einer Kategorie des Denkens, zu einem Begriff der Erkennntnistheorie. Adorno nahm seinen Gegenstand als Gedanke selbst und befreite sich von dem Dilemma zwischen Gedanken und Wirklichkeit, indem er die Subjektwerdung des Denkens als Denunziation von Falschheit, von L�ge verstand. Immerhin waren in dieser Form auch kulturkritische Positionen in einen Denkzusammenhang gestellt, der das B�rgertum auf der Schippe hatte. Aber die adornitische Negation, die Negativit�t des denkenden Subjekts scheint den Widerspruch erst denkend zu erzeugen, dessen Aufl�sung ansteht. Die Entgegensetzung der richtigen Subjektivit�t gegen den falschen Schein (den Warenfetischismus) f�hrt die Philosophie nicht zur Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit zur Philosophie. Sie ist zwar das Erwachen des Intellektuellen, der erschrocken in die Welt blickt und sich betrogen sieht. Aber als Subjekt zieht er sich in den Gedanken zur�ck und versetzt sich denkend und �sthetisch in eine Wahrheit, die keine Welt hat. Ihm bleibt der Kampf gegen die Windm�hlen des Kapitals mit einer gedanklichen Totalit�t, die sich der herrschenden Kultur entgegenh�lt, ihre Wahrheit gegen sie haben will und zugleich behauptet, sie hierdurch – wenn auch nicht sofort, aber irgendwann – als Ganzes der Unwahrheit aufzuheben, zu negieren. Sein Denken kann sich so nicht in die Welt entlassen und nicht als Begriffsbildung t�tig werden. Die Widerspr�che der Welt bleiben undenkbar, weil der Intellekt sie sich wieder zum Moment seiner Eigenbewegung zur�ckerobert hat.
Gerade dort, wo Denken t�tig werden muss, wird es dispensiert. Mehr noch: Es wird zu einer Psychologie des Denkens, welches seine Notwendigkeit aus dem Weltgeist der Geschichte erkl�rt bekommt. Denken wird so zur Form der Erkenntnis selbst, zum System der Wahrheit, zum Inbegriff des �sthetischen, das abstrakte und zugleich konkrete Wahrheit in seiner unmittelbaren R�hrung, in der Einzigartigkeit seiner Empfindung erf�hrt. Die schn�de Welt hat diese Wahrheit nicht verdient, muss sie doch ihre L�ge auch noch flei�ig offenbaren. Es geschieht ihr eigentlich recht, wenn sie h�sslich f�r sich bleibt, ist doch das Sch�ne schon auf dem Weg zu neuem Sein.
Dieses Denken ist selbst schon �bersinnlich. Es will mehr, als nur seinen Gegenstand begreifen. Es enthebt sich jeder Kl�rung, weil es f�r sich schon klar ist als eine heimliche Seinswei�heit, die sich von dieser Welt l�ngst verabschiedet und das Dilemma der Aufkl�rung nicht �berwunden, aber hinter sich gelassen hat (vergl. Norbert Trenkle "Gebrochene Negativit�t“). Der solcherma�en befreite Intellekt kann eben auch mehr wollen, weil er die theoretische Bewegung der Welt schon wei� – unter Zuhilfenahme der ewigen Klassiker, deren Praxis gerade zum Kehrhaufen der Geschichte gefegt worden waren.
Kritik ist nicht die Selbstunterscheidung, die "Energie des Denkens, des reinen Ichs“ (Hegel), die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, die Denken zum subjektiven Verlangen nach einer Wahrheit des Ganzen (Adorno) der herrschenden Objektivit�t �berh�hen will. Sie ist Subjektwerdung im Denken von objektiven Gewissheiten, Aufhebung des lebenden Todes durch Verwirklichung des Lebens in toten Verh�ltnissen, Aufl�sungsprozess der Selbstaufl�sung und Aufhebungsprozess der Macht der Verh�ltnisse im Kampf gegen die Machthaber von toter Existenz.
Eine kritische Theorie ist ein Widersinn in sich, gleichbedeutend mit kritischer Praxis. Theorie und Praxis sind in dieser Form selbst Gedankenabstraktionen, die nur in der Abtrennung der Kritik von den wirklichen Lebensverh�ltnissen m�glich sind und diese Trennung auch affirmieren, die Verh�ltnisse also unab�nderlich und sich zur Position ihrer Bewegung machen. Will Kritik sich wirklich machen, so muss sie sich an der Wirklichkeit auch als wahr erweisen und in ihrer Wirkung, in ihrer T�tigkeit bewahrheiten.
Hierzu bedarf sie einer Begrifflichkeit, welche sowohl die Lebensverh�ltnisse in ihren einzelnen Gewissheiten ausspricht, als auch den Zusammenhang des Ganzen entr�tselt und als Prinzip aufl�st, das in sich logisch sich gegen die Menschen vollstreckt. Im Gedanken solcher Kritik wird das Begreifen zum Begriff einer Wirklichkeit, die sich nicht einfach abschaffen l��t durch die Endl�sung der Kritik, sondern als einzelne T�tigkeit, die sich auch gedanklich in die Welt stellt – nicht als blo�er Humanismus auf der Seite einer vorgestellten Menschlichkeit, nicht als Realismus einer vern�nftigen Sachlichkeit, sondern als vernunftbegabte menschliche Kritik an den Zerst�rungsprozessen der herrschenden Lebensformen.
Ein Begriff muss der Sache entsprechen ohne ihre blo�e Beschreibung zu sein. Er muss aufkl�ren, indem er sich in ihr erkl�rt, ihre Beziehung als ihr innerer Zusammenhang klar macht und er muss den Gedanken aussprechen, den Menschen zu sagen haben, die sich gegen die Herrschaft der Sache, gegen den Grund ihres m�chtigen Zusammenhang wenden. Nichts anderes ist der Begriff der Dialektik, Begriff des Denkens als begriffene Wirklichkeit der Menschen.
Wirklichkeit ist das Verh�ltnis von T�tigkeit, die Ursache und Wirkung hat. Als solches hat sie keinen Begriff, weil das Begreifen selbst ein Moment des T�tigseins ist. Einen Begriff hat eine Sache, die f�r sich besteht und sich geltend macht, eine von den Menschen abgel�ste Wirklichkeit, einen Wirkungszusammenhang, der den Menschen wie eine fremde Macht gegen�bersteht. Diese muss einen von den Menschen abstrahierten Grund, einen eigenen Begriff haben, der sich gegen menschliches Leben stellt, in dem es dessen Form bestimmt und die Inhalte des Lebens ihrem Grund unterwirft. In der Folge bl�ht in ihr das formierte Leben als t�dliches Prinzip, als m�chtige Absorbtion des Lebens, das, wenn es nicht durch menschliches Tun unterbrochen wird, das Leben der Menschen selbst aufl�st. Dies aufzuzeichnen und den Menschen als Ganzes vorzustellen muss eine Theorie, die sich als kritisches Denken versteht, leisten – auch wenn sie f�r den postmodernen Verstand als Gr��enwahn erscheinen mag. Der postmoderne Zeitgeist hat sich ja selbst schon jeglicher Begrifflichkeit entledigt, indem er sich an den Gr��enwahn des Kapitalismus gew�hnt hat und dem Raunen der Gef�hle blind gehorcht.