Dieser Artikel wurde dem ISW-Spezial Nr. 28 entnommen. Autorin: Angela Müller

Spekulation mit Lebensmitteln


Man kann die globale Ernährungskrise nicht unabhängig von der globalen Finanzkrise betrachten. Als die Finanz- und Immobilienmärkte zusammenbrachen, wurden neue lukrative Anlagemöglichkeiten für das vorhandene Kapital gesucht. Die wachsende Weltbevölkerung, der steigende Fleischkonsum und die verstärkte Nachfrage nach Agroenergie ließen steigende Rohstoff- und Lebensmittelpreise erwarten. So wurden große Finanzströme in den Agrarsektor umgeleitet.

Getreidehandel an den Börsen gibt es schon lange. Es sind allerdings zwei Arten von Spekulation zu unterscheiden. In Zeiten starker Schwankungen sichern Warentermingeschäfte mit Lieferverträgen den Landwirten die Verkaufspreise. Sie sind ein Instrument zur Minimierung von Marktrisiken. Dabei geht es um den realen Handel mit real erzeugten Nahrungsmitteln, um ein Geschäft zwischen Erzeugern und (Groß)Abnehmern.

Anders stellt sich die Situation dar, wenn an der Börse mit Optionen auf steigende (oder sinkende) Nahrungsmittelpreise spekuliert wird. In diesem Fall geht es nicht um reale Erzeugnisse und um einen realen Kauf und Verkauf, sondern um virtuelle Geschäfte mit den Preisschwankungen der Produkte. An und auch außerhalb der Börsen handeln zunehmend geschäftsfremde Spekulanten. Heute sind 80 Prozent des Getreidehandels rein spekulativ und haben mit Warenaustausch nichts mehr zu tun.

Im Jahre 2008 z.B. hat exzessive Spekulation den Trend anziehendender Preise so verstärkt, dass weltweit die Preise für Agrarprodukte um durchschnittlich 140 Prozent gestiegen sind. In vielen Ländern gab es Hungerrevolten, weil die Armen, die den Großteil ihres Geldes für Nahrungsmittel ausgeben, sich die Lebensmittel nicht mehr leisten konnten. Die Anzahl der Hungernden stieg sprunghaft an. 2009 ist die Blase geplatzt; in den Jahren danach sind die Preise aber wieder gestiegen. Das Ausmaß der in den letzten Jahren erlebten Schwankungen der Weltagrarmärkte ist für alle Beteiligten eine Katastrophe: für die Erzeuger der Agrarrohstoffe, die Verarbeiter, die Händler und die Verbraucher gleichermaßen.

Überall auf der Welt brauchen Landwirtewegen ihrer langen Produktionszyklen stabile Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Moderate und verlässliche Preisanstiege können die Produktivität der Landwirtschaft steigern und die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln verbessern. Die durch exzessive Spekulationen kurzfristig künstlich hochgetriebenen Preise sind dabei aber wenig hilfreich, denn sie erzeugen nur eine Spekulationsblase, die irgendwann platzt. Die exzessiven Spekulationen machen das Finden eines möglichen Gleichgewichtspreises, der Nachfrage und Angebot real widerspiegelt, unmöglich.

Der Widerstand der Zivilgesellschaft gegen Politik und Finanzbranche hat ein paar kleine Früchte gebracht. Einige Banken haben Agrargüter aus ihren Anlagefonds herausgenommen. Die großen Player, wie z.B. die Deutsche Bank und die Allianz, sind aber nach wie vor im Geschäft. Die Europäische Union hat in ihrer Reform der Finanzmarktrichtlinie 2013 Handelsbegrenzungen und wöchentliche Transparenzberichte beschlossen.

Es gäbe viele Möglichkeiten, Nahrungsmittelspekulation zu minimieren: Den Ausschluss von Nahrungsmitteln bei Indexfonds, die Abkoppelung der Märkte für Agr.arrohstoffe von anderen Finanzmarktsegrnenten und die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken. Die Einführung der Finanztransaktionssteuer würde kurzfristige Spekulationen uninteressant machen. Der außerbörsliche Handel mit Nahrungsmitteln könnte verboten werden. Auch könnten nur Händler zugelassen werden, die im realen Agrarhandeltätig sind und beweisen können, dass sie die Ware, die sie verkaufen, auch zur Verfügung haben. Ihr Handelsvolumen könnte begrenzt werden.

Doch nach wie vor bringt der virtuelle Handel mit Optionen auf Nahrungsmittelpreise horrende Gewinne ein, während Menschen weltweit hungern, weil sie die steigenden Preise nicht bezahlen können. Und die Bäuerinnen und Bauern- egal ob in Deutschland oder Afrika -leiden unter den volatilen Märkten. Die Finanzwelt übernimmt mit ihren riskanten Geschäf~ten und Wetten die Kontrolle über die Lebensgrundlagen von Nahrungsmittelerzeugern und-verbrauchern auf der Welt.