Aus: Unsichtbare Intelligenz - Bausteine einer neuen Theoriekultur

(Mandelbaumverlag Wien 2009 - S.51 ff)

Franz Nahrada zu Wolfram Pfreundschuh

 

Wolfram Pfreundschuh war zwar beim Kongress nicht vertreten, denn dort hatten wir das Feld noch auf östereichische AutorInnen eingegrenzt. Aber wenn es um eine prototypische Randfigur geht, die in keinem Zitierkartell vorkommt, sich keiner politischen Konjunktur angepasst hat und dennoch zitiert und gelesen werden sollte, dann ist es dieser Autor. Auch und gerade weil sein Stil – und noch vielmehr sein Inhalt – scheinbar so unzeitgemäß ist! Wolfram Pfreundschuh geht es um »vollständige Auffassung und Selbstverständigung über die Wesensnot des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft«, wie er in seiner Marx-Exegese »Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft« schreibt, die 1979 als »Grundlagentext der Arbeitsgruppe Psychologie« in München erschien (und wohl insgesamt eine Auflage von 400 Stück nie überschritten hat). »Wesensnot « ist ein nicht leicht verständlicher Begriff, aber wenn man überhaupt von einem menschlichen Wesen reden will, dann drängt er sich auf. Denn das, was einmal eine Hoffnung auf eine positive, verbindende Identität war, ist in Not. Von Seiten der herrschenden Moral wird wie nie zuvor auf »den Menschen« mit seiner Gier und Unvernunft eingedroschen. Eine Gesellschaftskritik, die sich in Reaktion darauf auf die Seite der zu kurz gekommenen Subjekte stellt, sich vielleicht sogar jede »Bedürfniskritik« verbietet und lediglich moniert, dass die Geldmittel für ihre Befriedigung notwendig und systematisch fehlen, muss sich heute an der Absurdidät und Perfidität einer hochskalierten Konsummaschinerie blamieren, die tatsächlich die Menschheit in verschiedene kaum mehr vermittelbare Lebensund Interessenwelten gespalten hat. Ein durchschnittlicher Afrikaner und ein durchschnittlicher Europäer leben mehr denn je auf verschiedenen Planeten, und ihr Bezug auf einen gemeinsamen Planeten mit seinen Ressourcen scheint gerade im Moment seiner erstmaligen Möglichkeit und Aktualität irreversibel durchkreuzt. Wie angemessen theoretisch darauf reagieren, ohne den emanzipatorischen Boden zu verlassen und ohne sich im Dickicht der Inte- 53 ressen zu verlieren? Dafür lassen sich bei Wolfram Pfreundschuh jede Menge Inspirationen finden.

Spannend ist an diesem Autor die Verknüpfung des klassischmarxistischen gesellschaftskritischen Instrumentariums mit der Leidensgeschichte der Subjektivität bis hin zu ihrer Selbstverstümmelung und Selbstzerstörung, mit der er als Aktivist der antipsychiatrischen Bewegung und später als Psychotherapeut konfrontiert war. Gesellschaftskritik ist ihm immer beides – das Aufzeigen der verkehrten Form der Vergesellschaftung und das Erinnern daran, was sich da verkehrt hat: Kultur als immer präsente gegenständliche Wirklichkeit des Menschseins, als die Kontinuität, die für uns genauso wichtig ist wie die Innovation. Kulturkritik in diesem Sinn ist keine bloße Aufklärung, sondern selbst mitbetroffener »Schmerz der Erkenntnis«, wie sehr unsere Identität verformt ist und sich zugleich ausgeformt hat – und nur als solche authentisch und auch wahrhaftig den Weg aus dem Labyrinth aufzeigend. Wolfram arbeitet als Einzelgänger, mit einem kleinen Kreis an LeserInnen und RezensentInnen, an einem »kulturkritischen Lexikon«, das aber de facto ein wirklich enzyklopädisches Werk zur Anatomie von Basis und Überbau der bürgerlichen Gesellschaft geworden ist, wie es kaum ein vergleichbares gibt. Neben die »Kritk der politischen Ökonomie « hat er eine »Kritik der politischen Ästhetik« gesetzt. Wie in einem Glasperlenspiel finden sich ständig klärende und erhellende Bezüge zwischen den feinen Verästelungen der modernen Kultur und den sie formbestimmenden Gründen in der Kernstruktur der bürgerlichen Gesellschaft. Die Auswahl des Textes fiel uns beiden schwer und meine Wahl traf schließlich ein langes, sehr prinzipielles Einleitungskapitel zu dieser seiner Darstellung und zugleich Kritik der politischen Ästhetik. Wir versuchten gemeinsam, es auf eine mit diesem Reader verträgliche Dimension zu reduzieren. Der folgende Text bringt für mich zur Sprache und zum Ausdruck, woran unser Leben ganz prinzipiell krankt: eine Not, die nicht primär als blanke materielle Not beschrieben werden kann. Es ist auch nicht Sinnverlust, um den es geht, wie uns konservative Pädagogen weiszuma54 chen versuchen; es ist eine Aufspaltung des Sinns – also unserer Beziehung zur menschgemäßen Welt – im Innersten, die der Doppelgestalt der Ware nicht unähnlich ist: in einen konkret persönlichen und einen abstrakt allgemeinen Sinn.

Wolfram Pfreundschuh unterliegt dabei genau dem Dilemma, das er hier diagnostiziert. Die Rede über gesellschaftlich Allgemeines im Jahr 2009, nach der vollkommenen Durchsetzung der Individualisierung aller menschlichen Beziehungen, erscheint auf den ersten Blick trocken, hermetisch, gegenstandslos, ja geradezu infiziert mit einer Herrschaftssprache der Philosophen, für die das Alltagsbewusstsein ein sehr waches, misstrauisches Ohr hat. Diese Verwechslung wäre unendlich schade, denn im Unterschied zu vielen anderen, deren geistige Wurzeln in kritischer Theorie und Marxismus liegen, hat er keineswegs vor, sich von diesem Alltagsbewusstsein in ein »wirkliches, wahres, revolutionäres Bewusstsein« abzusetzen und das Alltägliche ganz nach dem Stil der rechten Eliten einfach als ein »falsches Bewusstsein« der Massen zu denunzieren, dem man höchstens durch Agitation und Aufklärung von außen beikommen könnte. Und auch einen Adorno mag er nicht so ganz, der mit einem schnippischen »Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach « (nach Sinn nämlich) sich in ein imaginäres negatives Jenseits der Praxis absetzte. Dazu ist Wolfram viel zu sehr Psychologe und hat sein Ohr an der Offenheit und Dynamik des menschlichen Denkens. Er weiß auch, dass Begriffe wie Kultur, Wirtschaft, Geschichte und Fortschritt nicht einfach als ideologische Konstrukte zu denunzieren und fortzuwerfen sind. Sie führen nur ein seltsames Doppelleben: einerseits enteignet und ihres Inhalts beraubt durch eine Elite, die sie benutzt, um ganz gezielte politische Konzepte hinter der Nebelwand einer objektiven allgemeinen Notwendigkeit zu verstecken; andererseits als zu große Schuhe, die sich ein normaler Mensch eben nicht mehr anziehen kann. Wie soll man da noch darüber reden können, ohne ideologisch zu werden?

Am Begriff der Wirtschaft kann man diese Verdopplung leicht explizit und klar machen. Wirtschaft hat heute jeden Anschein verloren, ein ehrenhaftes Geschäft zu sein. Dem alltäglichen Verstand ist es einleuchtend, dass wirtschaftliches Handeln heute darin besteht, jegliche menschliche, ökologische oder kulturelle Ressource in eine Quelle der privaten Bereicherung zu verwandeln, egal ob Wasser oder Wissen. Ich nehme bewusst ein eher harmloses Beispiel: Wird beispielsweise der Wiener Parkraum »bewirtschaftet«, so verwechselt das niemand mehr mit einem tätigen Schaffen von Parkplätzen. Es wird einfach Geld verlangt und bezollt, was vorher gratis verfügbar war, und je knapper eine Ressource, umso sicherer rollt der Rubel. Es gab eine Zeit, in der sich diese Veranstaltung noch mit der Produktion notwendiger Güter verwechseln ließ, indem beides Hand in Hand ging und die Verminderung von Knappheit die durchaus realitätshaltige Propagandaparole war. Doch genau das ist – durch die gestiegene Produktivität, die Verarmung der Menschen und die Rücksichtslosigkeit gegen die natürlichen Quellen des Reichtums – großteils und unwiderruflich unrentabel geworden. »Wirtschaft« verwandelt sich immer kenntlicher in das, was immer schon in ihr angelegt war, aber durch ihre allgemeine Bedeutung für das Leben nun zur apokalyptischen Bedrohung wird: in ein feudalismusartiges Herrschaftssystem, in dem es darum geht, durch Abhängigkeit von Produkten (»Kundenbindung«) Geldquellen zu erschließen. Produzieren ist nur mehr lästige Nebennotwendigkeit dafür, für sich genommen lohnt es sich nicht mehr. Und trotz all dieser augenscheinlichen Besonderheiten wird genau der allgemeine Begriff »Wirtschaft« mit all seinem geschichtlichen Inhaltsreichtum zum Wesen des Bestehenden und das Bestehende damit für wesentlich erklärt. Die abstrakte Notwendigkeit rechtfertigt unmittelbar die ganz spezifischen Zwecke einer politischen Ökonomie – so geht eben Wirtschaft heutzutage! Kein Wunder, dass da manche theoretisch ein wenig zu rigoros werden. Als ich Wolfram Pfreundschuh bei einem Treffen im Münchner Hirschgarten von der Konsequenz meines Erlanger Freundes Ulrich Sigor erzählte, man müsse eben »Argumente gegen die Wirtschaft« schreiben wie die Nürnberger »Krisis«-Gruppe ein »Manifest gegen die Arbeit« (Letzteres ein wirklich absurder Titel, bei dem mir der Fehler schon längst klar geworden war), schaute er mich einfach nur an und fragte simpel: »Und – was ist dann das, was an die Stelle der Wirtschaft treten soll? Wie willst du es denn sonst nennen?«

In dieser simplen Frage liegt der Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit. »Nicht die Abweisung ihrer Begriffe löst solche Sprache auf, sondern die Darstellung ihrer Widersprüchlichkeit selbst.«