Aus Elmar Treptow: „Die erhabene Natur“ Verlag Könighausen & Neumann 2001 198-200
Natur als Entgrenzungsbegriff ins Unbestimmte zum Ausstieg aus der Geschichte
Ein Ausstieg aus der Geschichte war speziell der nationalsozialistische "Mythos des 20. Jahrhunderts" von der Rasse. Er setzte an die Stelle der Geschichte den biologischen Kampf auf Leben und Tod. Ähnlich wie die Sozialdarwinismen haben die Rassemythen die ideologische Funktion, gesellschaftliche Gleichheitsbestrebungen abzuwehren, also bestehende sozialökonomische Ungleichheiten zu befestigen. Das betrifft schon den älteren Rassismus von Boulainvilliers, Gobineau und H. St. Chamberlain.
Weder irgendeine Art von Naturgeschichte noch die empirische Menschengeschichte ist der Bezugspunkt Heideggers. Wenn er sich in seiner Rektoratsrede von 1933 auf die deutsche Nation bezieht, dann so, dass er sie aus allen empirischen sogenannten "vulgären" gesellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhängen heraus katapultiert und sie unvermittelt verbindet oder gleichsam kurzschließt mit der "Größe des Anfang" und der "Macht des Anfangs". Auf sie gründet er die "Selbstbehauptung" der deutschen Nation und der Universität. Dabei leitet er über zu einem anfänglichen Wissen der Griechen. Sein Muster ist Platos Ständestaat, also die Hierarchie von Nähr-, Wehr- und Lehrstand mit dem Prinzip "Jedem das Seine". Diese proportionale Gleichheit liiert er mit dem Führer-GefolgschaftsPrinzip, das er zum Maßstab für den Umbau von Staat und Universität macht. Für unerläßlich hält er die ereignishafte Entscheidung des einzelnen zum Eigentlichsein, die er zuvor schon in seinem Werk "Sein und Zeit" als "Vorlaufen zum Tod" verstand. Er schließt seine Rede mit der zeitgeist-gemäßen, aber bewusst falschen Übersetzung Platos: "Alles Große steht im Sturm." (Fußnote: Plato sagt in der Politeia VI, 11. 497 a 9: "Alles Große ist episphalle", was "hinfällig", "gefährlich" oder"bedenklich" (Schleiermacher) heißt.)
Für Heidegger steht es von vornherein fest, dass das philosophische Denken selbständig gegenüber allen praktischen gesellschaftlichen Interessen ist, und dass es die Basis der Geschichte ist. Als Konsequenz dieser ununtersuchten Voraussetzung nimmt er an: das Schicksal der Neuzeit, nämlich der Wille zur Macht als Wille zur technisch bestimmten Erdherrschaft, habe seinen Ursprung in der Metaphysik, die über das Seiende herrschaftlich verfüge, indem sie es als Idee vorstellt und somit das Sein nicht es selbst sein lasse. Da sie für ihn nur verschiedene Formen der neuzeitlichen Herrschaft sind, stellt er Nationalsozialismus, Kommunismus und bürgerliche Demokratie auf eine Stufe: "In dieser Wirklichkeit steht heute Alles, mag es Kommunismus heißen oder Faschismus oder Weltdemokratie." Zunächst erwartete Heidegger die Überwindung der technisch bestimmten Erdherrschaft in der Tat vom Nationalsozialismus, dann vom kommenden Gott: "Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung Gottes im Untergang; dass wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen."
Die fundamentalistische Auffasung der Nation, die in Heideggers Rektoratsrede zum Ausdruck kommt, setzen heute Nationalkonservative wie Heideggers Schüler Nolte fort. Auch für Solchenizyn hat Nation etwas direkt Hochziehendes. Mit der Nation sei es der Staatsnation, der Volksnation oder der Kulturnation - wird schnurstracks das Band mit der Unendlichkeit geknüpft. Die Individuen, die sich von solcher Nation Halt, Sicherheit und Rettung versprechen, ordnen sich ihr bis zur Selbstaufopferung unter. Wenn eine Nation diese rechtfertigt, erteilt sie auch eine Lizenz zum Töten der Menschen anderer Nationen. Sobald sich erweist, dass (trotz Aufopferung und Tötung für die Zwecke der Nation) die Überwindung furchterregender großer Macht doch nur Schein und Demagogie ist , wird die Erhabenheit der Nation zunichte. Ähnliches gilt für die ethnisch-rassischen Abgrenzungen. Vorerst wird der ethnische Nationalismus kleiner Völkerschaften noch ausgenutzt von den westlichen hegemonialen Staaten; sie fördern ihn, wo er ihre Interessen begünstigt, beispielsweise in Jugoslawien und der Öl-Region des Kaukasus, später voraussichtlich in China, Indien und Iran. In Jugoslawien prallte der ethnische Nationalismus auf den Mythos vom christlichen Kosovo. Letzterem huldigte im 19. Jahrhundert namentlich der geistliche Herrscher Njegos, dessen Denkmal auf dem höchsten Berg Montenegros thront; für ihn war wie es der Politiker und Schriftsteller Milovan Djilas formulierte - " das Kopfabschneiden die erhabenste Handlung und seelische Labsal, Trunkenkeit von mythischer Geschichte".
Was den amerikanische Nationalismus angeht, so ist er mit einem Sendungsbewußtsein verbunden, das sich aus religiös-naturtranszendenter Quelle speist. Hiermit sind die Rollen zwischen den Guten und Bösen klar verteilt. Zur Rolle der Guten gehört die Intervention zum Schutz der Opfer der Bösen, also der "Schurkenstaaten" und dergleichen. Die Opfer im eigenen Land - wie die Indianer und die Schwarzen nach dem gleichem Maßstab zu behandeln, würde das Sendungsbewußtsein in Frage stellen und dem patriotisch-heroischen Selbstverständnis abträglich sein.
Ohne näher darauf einzugehen, wie andere bestimmte Inhalte der Geschichte verselbständigt werden, gehen wir über zu der kornplementären Variante, nämlich zu dem abrupten Abspringen von den bestimmten Inhalten ins unbestimmt-unendlich Erhabene. Auf dem Weg dazu ist schon, wer "alles hinwerfen" will, also nicht mehr mitspielen, sondern einfach aussteigen und sich partout verweigern möchte. Wenn jemandem alles wie ein absurdes Affentheater oder ein sinnloses Rattenrennen vorkommt, dann ist er auf dem Weg, sich ins Unbestimmte emporzuheben respektive zu "empören". - Zu solchen Absatz- und Fluchtbewegungen gehören auch uneingeschränkte Rückzüge in die Innerlichkeit. Wer sich tendenziell ganz in sich verschließt, versucht das direkte Gegenteil von dem, der sich wehrlos ausliefert und bedingungslos anpasst. Letzterer nimmt die Welt klug berechnend oder selbstgefälligstumpfsinnig so hin, wie sie gerade ist, mit Not und Elend, Krieg und Naturzerstörung. Doch jeder hat grundsätzlich die Wahl, sich als Subjekt in drei Formen zur objektiven Welt zu stellen: er kann sich opportunistisch anpassen, eskapistisch abwenden oder engagiert auseinandersetzen. Dies betrifft sowohl die praktische wie die theoretische und die ästhetische Stellung zur Welt . Mit den Fluchtbewegungen ist der Versuch verbunden, jenseits der als unerträglich empfundenen Bedrängnisse und Zwänge Rettung, Halt und Sicherheit zu gewinnen, also nicht etwa einen bestimmten bedrängenden Zustand durch einen anderen bestimmten befreienderen Zustand zu ersetzen. Wer sich über alles erheben und aus allem aussteigen möchte, hält auch altemative Zustände und Handlungen nicht für erstrebenswert.
Wenn ein unmittelbar gegebener Inhalt aus seinem natürlichen und gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang abgesondert und unvermittelt ins unbestimmt Unendliche erhoben wird oder wenn ihm das unbestimmt Unendliche dualistisch entgegengesetzt wird, bleibt er unverändert. Wie eine unheilige Dreifaltigkeit treten sie immer wieder zusammen auf. das abrupte Abheben, das unbestimmte naturtranzendente Unendliche und - als praktische Konsequenz - die Toleranz der gerade gegebenen gesellschaftlichen Umstände, wie niederträchtig und naturzerstörerisch sie auch sein mögen.
Die Entgrenzung ins Unbestimmte beziehungsweise die reine Negation macht es ganz unmöglich, überhaupt nur einige Schritte in eine bestimmte Richtung zu gehen. Mit Hilfe der unbestimmten, reinen Negation kann kein Kriterium dafür angegeben werden, zu welchem bestimmten alternativen Zustand übergegangen werden sollte. So gesehen, wäre das Tolerieren des gerade bestehenden Zustands ebenso gut gerechtfertigt wie das Gegenteil. Aber die Form undstruktur, nämlich die isolierende Abstraktion vom Inhalt und der Dualismus von endlichem Inhalt und Unendlichkeit, bringen es mit sich, dass ein solches unbestimmt erhabenes Bewusstsein gar nicht anders kann als für den gerade vorgefundenen, vorausgesetzten Inhalt disponiert und interessiert zu sein und ihn unkritisch aufzunehmen. Anders gesagt: diese Form und Struktur erzeugen einen strukturellen Opportunismus und eine Affinität zur Ideologie.
Die Form des unmittelbaren unkritischen Bewusstseins, das die Umstände bestätigt, kritisiert Hegel unübertroffen: "Daraus, dass das unmittelbare Wissen das Kriterium der Wahrheit sein soll, folgt..., dass aller Aberglaube und Götzendienst für Wahrheit erklärt wird, und dass der unrechtlichste und unsittlichste Inhalt des Willens gerechtfertigt ist. Dem Indier gilt nicht aus sogenanntem vermittelten Wissen, aus Räsonnements und Schlüssen, die Kuh, der Affe oder Brahmin, der Lama als Gott, sondern er glaubt daran..." Und weiter: "Dem Besonderen gibt die Form der Unmittelbarkeit die Bestinunung, zu sein, sich auf sich zu beziehen. Das Besondere ist aber eben dies, sich auf Anderes außer ihm zu beziehen; durch jene Form wird das Endliche als absolut gesetzt. Da sie als ganz abstrakt gegenjeden Inhalt gleichgültig und eben damit jeden Inhalts empfänglich ist, so kann sie abgöttischen und unmoralischen ebensogut sanktionieren als den entgegengesetzten Inhalt."1 Mit den "Indiern" meint Hegel die Hinduisten. In der Tat schließt deren Trennung zwischen dem Unendlichen des "brahman" und "atman" einerseits und dem Endlichen der Täuschungen der "maya" andererseits einen vermittelnden rational einsehbaren Übergang aus. Sie führt in der "Bagavadgita" zur unvennittelten Bestätigung der bestehenden Praxis. Aber auch von den Buddhisten lässt sich sagen, dass ihre Erhebung in das Erhabene des unbestimmt-leeren unendlichen Nirvana der Willenlosigkeit die Folge hat, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch nicht angetastet, sondern bestätigt werden. Dies betraf von Anfang an vor allem das Kastensystem, einschließlich des Opfennonopols der Brahmanen, das kostspielig war und die Bevölkerung bedrückte.
Weil es keinen einsehbaren rationalen Übergang von einer Naturtranszendenz zu den irdischen Angelegenheiten gibt, konnten sich insbesondere die christlichen Kirchen jedem Herrschaftssystem anpassen, ohne diskreditiert zu sein. Dennoch stecken sie gerade derzeit in einer Klemme: entweder sie profilieren sich mit unverwechselbaren, aber nicht mehrheitsfähigen naturtranszendenten Positionen (einschließlich wundergläubiger "Gewissheiten" wie der Jungfrauengeburt) und verlieren so allmählich Anhänger und Macht; oder sie passen sich zwecks Machterhalts und politischer Einflussnahme dem Zeitgeist sowie der Marktlogik an und büßen an spezifischem Profil ein, wodurch ihnen ebenfalls"die Felle wegschwimmen". In diesem Dilemma versuchen sie, durch ein Hin- und Herpendeln an Macht und Einfluss zu retten, was zu retten ist. Sie paktieren mit dem subventionierenden Staat sowie den pluralistischen Institutionen und lesen ihnen zugleich im Namen des naturtranszendenten Gottes und seiner unbedingten Gebote die Leviten - aber nicht zu radikal, also nicht wie Sektierer. Das betrifft beispielsweise die Stellungnahmen von katholischen Bischöfen zur Abtreibung oder von evangelischen Kirchenrepräsentanten zu Jesus' Gebot der Gewaltfreiheit. (Dieses gelte nur für die Privatpersonen, nicht für die Staatsbürger, heißt es.) Zum Nato-Krieg gegen Jugoslawien formulierte der Rat der EKD das "Dilemma", dass "weder Menschenrechtsverletzungen noch Krieg sein sollen", und erklärte dies zum "Willen Gottes"; er hob in den Himmel, was sowieso die vorherrschenden irdischen Ansichten waren. Wie die Bevölkerungsmehrheit beftirwortete er dann den Krieg; aber: warum Krieg angesichts eines "Dilemmas "? Der Wille Gottes war also nicht das ausschlaggebende Motiv.
Der durch abruptes Abheben und Entgrenzung ins Unbestimmte indirekt bestätigte Inhalt kann unter Umständen ein ganz niedriger sein. Er kann in gemeinen Interessen, Idolen oder Fetischen bestehen. Unbestimmte Entgrenzung verträgt sich mit schändlichen Taten, schäbigem Benehmen und schmutzigem Umgang mit der Natur. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb Goethe, der zur erhabenen Natur aufschaut, gegenüber erhabenen gesellschaftlichen Produktionen Vorbehalte hat und in den "Maximen und Reflexionen" urteilt: "Das Erhabene, für uns Übererhabene, höchst Verehrenswerte, doch genau besehen, mit einem absurden, ja infamen Empirischen Verbundene, macht uns stutzig, und man entschließt sich schwer." Regelmäßig finden wir die Korrelation: Je weiter die Formen, in denen sich die produktive Kraft der gesellschaftlichen Individuen äußert, abgehoben und verselbständigt sind, desto enger sind sie mit einem niedrigen und gemeinen Inhalt verbunden.
Noch einmal sei es gesagt: das Sichwidersetzen, das jemand mit unendlich entgrenztem inhaltsleeren erhabenen Bewusstsein versucht, kann wegen der Abstraktion ins Unbestimmte auch nur unbestimmt, hilflos und ohnmächtig sein. Das unbestimmt unendliche Bewusstsein nimmt der Wirklichkeit nichts von ihrem Schrecken. Dies zeigen exemplarisch die erhabenen und komischen Ausritte Don Quichottes, des "Caballero de la triste figura". Mit "leerer Aufgeblasenheit" und "pomphaften Reden" sowie mit "Deklamationen" von "Weltverbesserung" lehnt er sich gegen den Weltlauf auf - völlig vergeblich. Seine Aktion bleibt "unernste Spiegelfechterei". Ihm geht es im Kampf nur darum, "sein Schwert blank zu erhalten." (Hegel: Phanomenologie des Geistes. Die Tugend und der Weltlauf Suhrk, Werkausgabe, Bd 3, S. 288 ff.)