Nicht dass Nietzsche selbst f�r Hitlers "Macht des Willens" verantwortlich zu machen w�re. Auch Sloterdijk ist nicht f�r die Amerika-Politik verantwortlich, auch wenn er sie de facto unterst�tzt. Aber sein Denken war f�r die Intelektuellen seinerzeit ma�geblich, weil es den intellektuellen Moralismus, den "guten, heilsamen Intellekt" befl�gelt hat. Sein Geheimnis steckt in der Hervorkehrung des Elends als G�te, die Amoralt�t, die sich gegen Herrschaft zu wenden meint und so zur Moral der Elenden taugt, ohne Verelendung wirklich, bzw. als Wirklichkeit angehen zu m�ssen. Hierdurch wird er politisch funktional; und das wusste und wollte er auch, wenn er von dem gro�en Menschenf�hrer sprach, auf den nach seiner Sicht die Welt gewartet habe. Er suchte die philosophische Rechtfertigung amoralischer Politik und die konnte sich nur als Gesinnung, als angewandter Sophismus durchsetzen. H.J. St�rig hat das in seiner "Kleinen Weltgeschichte der Philosophie" (Fischer Handb�cher Band 2, 1975, S. 201) ganz gut herausgearbeitet:
"EINHEIT UND EIGENART DER PHILOSOPHIE NIETZSCHES
Einheit und durchg�ngigen Zusammenhang in Nietzsches Philosophie zu entdecken ist nicht ganz leicht. Dem ersten Blick m�gen seine Schriften als eine Sammlung genialer Aphorismen (der Form nach) oder Aper~us (dem Inhalt nach) erscheinen, auch die Werke aus der H�he seines Schaffens und keineswegs nur die Schriften des letzten Jahres', 1888, in die hinein die bevorstehende Umnachtung vielleicht ihre Schatten vorausgeworfen hat. Die neuere Nietzsche-Auslegung erkennt jedoch in Nietzsches Denken Zusammenhang, Ordnung, Einheitlichkeit, ja lebenslange Bem�hung um ein zentrales philosophisches Thema - eine These, die an dieser Stelle zwar behauptet, aber kaum zureichend belegt werden kann. Angemerkt sei hier, dag die heutige Philosophie - nachdem schon die zwanziger und drei�iger Jahre eine gro�e Anzahl von Werken �ber Nietzsche gebracht hatten - sich in weitem Ausma� mit Nietzsche befa�t und seine ungeheure Bedeutung in der Geschichte des Denkens immer eindringlicher erkennt. So hat Karl Jaspers unter dern Titel �Nietzsche - Einf�hrung in das Verst�ndnis seines Philosophierens� eine eigene Deutung vorgelegt; Martin Heidegger hat Nietzsche gerade im vergangenen Jahrzehnt in zahlreichen Vortr�gen und Aufs�tzen behandelt und darauf (1960) ein zweib�ndiges Werk �ber Nietzsche geschrieben.
Versuchen wir nun, uns dem Werk Nietzsches von irgendeiner Seite anzun�hern! Wir k�nnen nicht hoffen, dabei den ganzen Bau ins Blickfeld zu bekommen. Beginnen wir mit einem Zitat, das zugleich als Beispiel steht f�r Nietzsches leidenschaftliche, kraftvolle Sprache, f�r die Virtuosit�t seines Stils. Es steht am Schlu� des Nachla�werkes �Der Wille zur Macht�.
"Und wi�t ihr auch, was mir ,die Welt' ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, welche nicht gr��er, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unver�nderlich gro�, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbu�en, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom ,Nichts' umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, son-dern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo ,leer' w�re, vielmehr als Kraft �berall, als Spiel von Kr�ften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich h�ufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber st�rmender und flutender Kr�fte, ewig sich wandelnd, ewig zur�cklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielf�ltigsten hinaustreibend, aus dein Stillsten, Starrsten, K�ltesten hinaus in das Gl�hendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der F�lle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widerspr�che zur�ck bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkomrnen mu�, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen �berdru�, keine M�digkeit kennt: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selberZerst�rens, diese Geheimniswelt der doppelten Woll�ste, dies mein ,jenseits von Gut und B�se', ohne Ziel, wenn nicht im Gl�ck des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat -, wollt ihr einen Namen f�r diese Welt? Eine L�sung f�r alle ihre R�tsel? Ein Licht f�r euch, ihr Verborgensten, St�rksten, Unerschrockensten, Mittern�chtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts au�erdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts au�erdem!"
Fragen wir uns, um irgendeinen ersten Richtpunkt zu gewinnen: an welchen Denker, an welche Richtung aus der uns bekannten Geschichte der Philosophie erinnert die hier dargelegte Auffassung Nietzsches von der �Welt�, wo klingt Verwandtes auf? Wir m�ssen weit zur�ckgehen, um die Antwort zu finden: den Philosophen, zu dem sich Nietzsche selbst (als einzigem) bekannt und mit dem er sich verwandt gef�hlt hat: Heraklit. Hier wie dort erscheint die Welt als ein unendlicher Proze� des Werdens und Vergehens, des Schaffens und Zerst�rens - ein Meer gleichsam, in dem alles Endliche sich bildet, Gestalt gewinnt und wieder vergeht, zerflie�t, in dem eine Urkraft sich selbst erh�lt.
Heraklit also? So weit zur�ck? Soll das bedeuten, da� Nietzsche alles ignoriert, was sich zwischen Heraklit und dem neunzehnten nachristlichen Jahrhundert in der Geschichte des Denkens abgespielt hat: Sokrates, Platon, Aristoteles, Christentum und abendl�ndische Philosophie? Nietzsche ignoriert es nicht, aber er setzt sich von ihm ab, st��t sich von ihm ab. In der Tat: er h�lt alles, was seither geschehen ist, f�r einen Irrweg. Er mi�traut ihm. Er sucht das �berkommene zu zerst�ren und neu zu beginnen auf eine so radikale Weise wie niemand vor ihm. Und nat�rlich kann er sich nicht der Begriffssprache bedienen, welche diese �berlieferung geschaffen hat - er bek�mpft sie ja! Dies ist ein Grund f�r Nietzsches �bildhaftes� Denken und Sprechen.
Das Wesen der Welt nun, sagt Nietzsche, ist Wille, genauer: Wille zur Macht. Er f�gt hinzu: �Und nichts au�erdem!� Was hei�t das? In diesen Worten liegt Nietzsches Absage an alle �Metaphysik�: an alle Versuche der Philosophie und Religion, neben, hinter oder �ber der eben gekennzeichneten �Welt� noch eine zweite, �ideale� Welt zu setzen und zu denken. �Gott ist tot�; dieses Wort, das Nietzsche seinen Zarathustra aussprechen l��t, ist Kurzformel f�r diesen seinen Gedanken. �Ewige Ideen�, �Ding an sich�, �Jenseits�: Himgespinste sind das alles, farbiger Rauch, Illusionen. Doch keine wohlt�tigen Illusionen! Woher stammen sie denn? �Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische und die erl�senden Blutstropfen ... �, spricht Zarathustra.
In diesem Zitat flie�t nun etwas Neues ein: Wertung, Werturteil - und zwar nach Begriffspaaren, wie krank-gesund, dekadent-lebenst�chtig. Es ist eine Eigenart Nietzsches, alle Seinsfragen als Wertfragen zu sehen oder in solche zu verwandeln; man tut ihm allerdings unrecht, wenn man solche Begriffspaare nur im plattesten biologischen Sinn versteht. Sicher ist, da� die Seite in Nietzsches Denken, die ihn als gro�en Zertr�mmerer �berkommener Werte und als Sch�pfer neuer, als �Umwerter aller Werte� zeigt, dem Verst�ndnis einen verh�ltnism��ig leichten - zu leichten Zugang er�ffnet. Zu leicht - weil sie dazu verf�hrt, �ber ihr andere Seiten seiner Philosophie zu vergessen. Werfen wir - unter diesem Vorbehalt - einen Blick auf Nietzsches Werttafeln.
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Nietzsche ist antimoralistisch. Es gibt Herrenmoral und Sklavenmoral. Das Wort �gut� hat zwei ganz verschiedene Bedeutungen. Bei den Herrschenden bezeichnet es die erhobenen und stolzen Zust�nde der Seele. Der Gegensatz von �gut� ist hier �schlecht�. Schlecht im Sinne der Herrschenden hei�t: landl�ufig, gew�hnlich, gemein, wertlos. F�r den Herdenmenschen dagegen bedeutet �gut�: friedlich, harmlos, g�tig, mitleidig, und der Gegensatz ist hier: �B�se�. B�se ist alles, was den Mertschen �ber die Herde erhebt: ungew�hnlich, k�hn, unberechenbar, gef�hrlich - kurz fast alles, was f�r die Herrschenden �gut� ist.
Mit den Juden beginnt der Sklavenaufstand der Moral in der Geschichte. Ihre Propheten haben es fertiggebracht, die Begriffe �reich�, �gottlos�, �b�se�, �gewaltt�tig�, �sinnlich� in eins zu verschmelzen und dem Worte �Welt� einen negativen Wert beizulegen. Diese radikale Umkehrung aller nat�rlichen Wert und Rangverh�ltnisse ist ein Akt geistiger Rache von seiten der Niedrigen und Schlechtweggekommenen. Nun erscheinen die Elenden, Armen, Ohnm�chtigen, Leidenden, Kranken, H��lichen als die �Guten�; und die aristokratische Wertsetzung von gut = vornehm, sch�n, m�chtig, gl�cklich verliert die Herrschaft.
Die starken und gesunden Instinkte, die sich unter der Herrschaft,der Sklavenmoral nicht nach au�en entladen k�nnen, m�ssen sich neue unterirdische Befriedigung suchen. Sie wenden sich nach innen. Das ist der Ursprung des �schlechten Gewissens�. Der starke Mensch wird zum Tier, das, in den K�fig der Sitte eingesperrt, sich selbst zerrei�t und mi�handelt. Damit war die unheimlichste Erkrankung der Menschheit eingeleitet, das Leiden des Menschen an sich selbst. Durch alle die Worte, mit denen die Religion, welche die Erbin der j�dischen Sklavenmciral geworden ist, das Mitleiden predigt, h�rt man hindurch die heiseren Laute der Selbstverachtung des Mi�ratenen.
Nietzsche ist antidemokratisch. Alle Moral in Europa ist heute Herdentier-Moral. In den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen ist die demokratische Bewegung ihr sichtbarer Ausdruck28. Es ist l�cherlich, nach Art der englischen Kr�merseelen den Sinn des Lebens im gr��ten Gl�ck der gr��tm�glichen Zahl zu sehen.
Nietzsche ist antisozialistisch. Das sozialistische Ideal ist das der Gesamt-Entartung des Menschen zum vollkommenen Herdentier. Was ist denn der Untergang jeder Kultur? �Sagen wir es ohne Schonung. .. Menschen mit einer noch nat�rlichen Natur, Barbaren ..., Raubmenschen, noch in Besitz ungebrochener Willenskr�fte und Macht-Begierden, warfen sich auf schw�chere, gesittetere, friedlichere, vielleicht Handel treibende oder Vieh z�chtende Rassen oder auf alte m�rbe Kulturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in gl�nzenden Feuerwerken von Geist und Verderbnis verflackerte.�
Das Wesen allen Lebens ist Aneignung, Verletzung, �berw�ltigung des Schwachen, Unterdr�ckung, H�rte, Aufzw�ngung eigener Formen, Einverleibung oder mindestens Ausbeutung. �Man schw�rmt jetzt �berall ... von kommenden Zust�nden der Gesellschaft, denen ,der ausbeuterische Charakter' abgehen soll: das klingt in meinen Ohren, als ob man ein Leben zu erfinden verspr�che, welches sich aller organischen Funktionen enthielte.�
Nietzsche ist antifeministisch. In dem Ma�e, in dem die M�nner an echter M�nnlichkeit verlieren, entartet das Weib und gibt seine weiblichsten Instinkte preis. Das Streben der Frau nach wirtschaftlicher und rechtlicher Selbst�ndigkeit, die Emanzipation, ist ein Zeichen der Entartung.
Nietzsche ist antiintellektualistisch. F�r Nietzsche wie f�r Schopenhauer sind Bewu�tsein, Vernunft, Intellekt nur eine Oberfl�che, nur Diener des Willens. Unser Erkenntnisapparat ist �berhaupt nicht auf �Erkenntnis� eingerichtet. Er ist ein Apparat der Abstraktion und Vereinfachung, gerichtet auf Bem�chtigung der Dinge im Dienste des Lebens. Die Rolle des Bewu�tseins darf man nicht �bersch�tzen. Das meiste geht ohne Bewu�tsein vor sich. Der Instinkt ist �unter allen Arten der Intelligenz, die bisher entdeckt wurden,die intelligenteste�. Noch der gr��te Teil des bewu�ten Denkens ist mit unter die Instinktt�tigkeit zu rechnen, sogar des philosophischen Denkens. Die Philosophen stellen sich, als ob sie ihre Wahrheiten mit kalter Logik gewonnen h�tten. Aber dahinter stehen jedesmal Wertsch�tzungen, Forderungen des Instinkts.”