Thomas Kistner:

"Dle Toten von Leticia - Organraub, Kokainschmuggel und Menschenjagd am Amazonas” DVA 2003 S. 230ff.

In diesem sehr empfehlenswerten Buch schildert der Journalist Thomas Kistner die Infrastruktur der Auspl�nderung und Vernichtung indianischer Buschbewohner im L�nderdreieck Barsilien, Kolumbien und Peru durch Agenten und "Wissenschaftliche Projekte" des CIA und in deren Folge die finsteren Pl�nderungs�berf�lle der wild und gierig gewordenen "Missionare des Westens", die nach jahrelanger Beteiligung an Menschnenexperimenten an den schutzlosen Ureinwohnern des Amazonas-Dschungels vor nichts mehr zur�ckschrecken, um sich selbst zu bereichern. Die geschilderten Vorg�nge datieren bis ins Jahr 2003.

 

"Angel fragte, ob jemand im Raum von den Menschenjagden geh�rt habe.

"Sie haben im trapezio stattgefunden", f�gte er hinzu, "Putumayo und Cotuhe, am Atacuari. Vielleicht haben die �lteren davon erz�hlt?"

Ich hatte mit dem �blichen Nein gerechnet oder mit Andeutungen. Stattdessen erwiderte Bernardo, ein Witoto aus Tarapaca: "Alle hier wissen von Menschenjagden."

Darauf war eine nerv�se Stille eingetreten. Bernardo und zwei, drei junge M�nner begannen eine leise Diskussion miteinander. Wir warteten.

Bernardo, der in Bogot� gerade ein Jurastudium aufgenommen hatte und unter den Jungen hier der Wortf�hrer war, wollte wissen, warum uns das interessierte.

"Weil wir nicht wollen, da� Dinge in Vergessenheit geraten, die hier geschehen sind", sagte ich.

"Wie k�nnt ihr das verhindern?"

"Wir k�nnen berichten von dem, was passiert ist und was die Menschen, die hier leben, davon erinnern."

Bernardo und einer namens Acunia versicherten sich noch einmal bei Ismail, da� wir keine yanqis waren. Dann fragte mich Bernardo, woher wir von den Menschenjagden w��ten.

Ich setzte an, zu erz�hlen, wurde aber bald unterbrochen. Bernardo stellte Fragen, wirres Zeug, wie mir schien, von Kopfj�gern, wozu ich nichts sagen konnte. Schultz und ich begriffen zun�chst nicht, wovon Bernardo sprach, das irritierte ihn und die anderen - bis sich herausstellte, da� wir beide zwar �ber Menschenjagden sprachen, aber jeder �ber eine andere Epoche. Eine Weile redeten alle durcheinander.

Wir baten Bernardo, uns seine Geschichte zu erz�hlen. Der Begriff, dem wir seit einigen Tagen immer wieder begegnet waren, fiel sofort: bolas de fuego. Feuerkugeln. Er kehrte in den Berichten s�mtlicher Teilnehmer dieses Kreises wieder, immer gekoppelt an einen zweiten mysteri�sen Begriff: Cortacabeza. Kopfabschneider.

Die Geschichte, die Bernardo erz�hlte und die von Aeunia und den anderen bis auf ein paar abweichende Einzelheiten, Personen und Orte betreffend, ebenso wiedergegeben wurde, h�rte sich so an: Bei den Indianerkommunen in seiner Heimatregion gehe wachsende Angst vor den cortacabezas um. Das seien heimt�ckische Angreifer, Gringos, wie vermutet werde, die sich in der Dunkelheit einsamen Fischern auf dem Flu� n�hern, um sie zu t�ten, den Kopf abzutrennen, den Leib aufzuschlitzen und die Organe zu entnehmen. Diese Angriffe erfolgten durch ungew�hnliche, lautlose Flugger�te, mit denen sich die cortacabezas ihren Opfern n�herten. Diese Flugger�te suchten mit einem starken Punktscheinwerfer den Boden aus gro�er H�he ab. �berdies verf�gten manche �ber einen Sender f�r Schockwellen.

Bernardo berichtete von sechs Attacken in seiner Heimatregion bei Tarapaca. Die Angegriffenen, einzelne Fischer, h�tten mit Gl�ck entkommen k�nnen. Aus zwei benachbarten Gemeinden seien allerdings Verschwundene gemeldet worden, auch da waren es Fischer.

Jeder Umsitzende erz�hlte eine fast identische Geschichte. Immer ging es um Angriffe aus der Luft - um bolas de fuego, deren Bemannung cortacabezas waren. Einige dieser geheimnisvollen cortacabezas sollen bereits gefangen und get�tet worden sein. Angeblich hatten sie betr�chtliche Summen Geldes bei sich. Wenn einer get�tet werde, nehmen die Indios das Geld und zerst�rten den Apparat, um keine Beweise f�r einen Raubmord zu hinterlassen.

Ich war beeindruckt von den pr�zisen, �bereinstimmenden und in allen Berichten wiederkehrenden Details. Jeder behauptete, die Menschen in seiner Region h�tten Angst. So, wie unsere Gastgeber bewegt waren, war zumindest klar: Das Thema g�rte nicht erst seit kurzer Zeit. Dennoch wu�te ich nicht, was wir mit diesen Geschichten anfangen sollten. Sie klangen zu absurd, auch wenn man sie stundenlang von einem halben Dutzend junger Indios immer wieder geh�rt hatte.

Verworfen hatte ich nur die anf�ngliche Vermutung, da� sie uns mit geheimnisvollen Urwaldgeschichten hinters Licht f�hren wollten. Sie glaubten, was sie erz�hlten. Ich glaubte das nicht. Offenbar steckten sie tief im Aberglauben ihrer Vorv�ter. Als wir das Haus der Indianer verlie�en, waren lsmail und Angel tief aufgew�hlt und weit davon entfernt, unsere Skepsis zu teilen.

Am folgenden Tag fuhr ich mit Ismail zu der �rztin, von der er erz�hlt hatte. Die Universidad Colombiana de Leticia liegt hinter dem kleinen st�dtischen Flughafen, in unmittelbarer Nachbarschaft der amerikanischen Milit�rbasis.

Doktor Betania Silva war eine herzliche Frau Mitte drei�ig. Sie entwickelte und betreute Programme zur Hygiene- und Gesundheitsvorsorge f�r indianische Frauen. Deshalb kam sie viel in der Region herum, und sie wu�te einiges �ber die Geschichte der letzten Jahrzehnte. Da� die Amerikaner hier nicht nur hinter Heilpflanzen, sondern vor allem hinter psychoaktiven Drogen her waren, lag f�r sie auf der Hand. Das Gebiet sei zwar schwer begehbar, aber Missionare wie die vom SIL h�tten genug Landepisten in der Region geschlagen.

Betania Silva erz�hlte, da� die Drogenh�ndler weiterhin junge Indianer als Hilfskr�fte heranzogen, sobald diese die Schule beendet hatten. Es gebe keine Arbeit im trapezio, nichts habe sich ge�ndert �ber die Jahrzehnte, wer Geld verdienen wolle, habe in der Regel nur die Wahl zwischen den Drogenbaronen und der FARC. Die �rztin war selbst zweimal mit Gruppen der FARC zusammengesto�en. Ihr war dabei nichts geschehen.

Ich fing mit der alten Geschichte des trapezio an.

Wir haben dar�ber geh�rt, sagte ich zu ihr, da� es hier fr�her Jagden auf Indianer gab, getarnt als touristische Ausfl�ge.

Ja, erwiderte sie, auch sie habe davon geh�rt. "Die Agentur von Mike Tsalickis."

Ich sprach sie zaghaft auf die neuen Berichte von Kopfabschneidern und Feuerb�llen an und war ziemlich sicher, sie w�rde es lachend als M�rchen abtun.

Aber Doktor Silva war in ihrem Drehstuhl herumgefahren. Sie musterte mich mit gro�en Augen. "Ich glaube, das stimmt!"

"Hei�t das, Sie kennen diese Geschichten?"

"Es sind keine Geschichten", sagte sie. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

Sie war mit einer Gruppe Indiofrauen auf dem Flu� unterwegs gewesen, zwischen Puerto Nari�o und San Francisco. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit war pl�tzlich Unruhe entstanden, die Frauen schrien in h�chster Aufregung: cortacabezas, cortacabezas!

"Wir hielten an", erz�hlte Betania Silva. "Ich fragte, was passiert ist, was das Geschrei soll. Sie zeigten mir ein Licht am Himmel, das sich ein gutes St�ck vor uns �ber dem Wald befand und langsam n�herkam. Ich war unbesorgt, ich dachte an ein Flugzeug. Aber dann sah ich, da� es stehenblieb. Es stand einfach nur da, und das Unheimlichste war, da� es v�llig lautlos war."

"Wie hat es ausgesehen?"

"Schwer zu beschreiben. Es war nicht gut zu erkennen, wegen des starken Lichtes."

"Was haben Sie gesehen?"

"Es war wie eine Maschine", sagte sie, "die den Boden �ffnete und schlo�, �ffnete und schlo�. Es herrschte Panik auf dem Boot, die Frauen hatten furchtbare Angst."

"Und Sie selbst?"

"Auch ich bekam mit der Zeit ein mulmiges Gef�hl. Diese Erscheinung war mir unerkl�rlich. Nat�rlich war auch erschreckend, da� die Frauen es bereits kannten und so gro�e Angst davor hatten."

"Wie haben Sie sich die Sache erkl�rt, was ist heute Ihr Eindruck?"

"Halten Sie mich f�r verr�ckt, aber ich habe keine Erkl�rung daf�r. Ich kann es nur mit einem Begriff beschreiben, den man allgemein kennt: ein unbekanntes Flugobjekt. Aber sicher", f�gte sie lachend hinzu, "kein Raumschiff aus dem All. Das meine ich nicht."

"Wie weit war es weg?"

"Nicht weit. Ein paar hundert Meter."

"Und wie lange haben Sie es gesehen?"

Jn der Aufregung kam es einem wie eine Ewigkeit vor. Es waren vielleicht zwanzig Minuten."

"Es ist zwanzig Minuten ohne jedes Ger�usch vor Ihnen in der Luft gestanden?"

Ja. Vielleicht nur eine Viertelstunde, vielleicht auch etwas l�nger."

"Wissen Sie, welcher Tag es war?"

"Ein Freitag, meine ich."

"Haben Ihnen die Frauen erkl�rt, was sie mit cortacabezas bezeichnen?"

"Sie haben es ganz genau beschrieben. Sie waren gar nicht zu beruhigen. Sie sagten, cortacabezas seien Gringos, die nachts �ber den Fl�ssen patrouillieren, einzelne Leute suchen und t�ten, ihre K�rper �ffnen und Organe entfernen."

"Was halten Sie davon?"

"Ich kann nicht sagen, ob es stimmt. Ich selbst habe keine Leiche gesehen, nur das Flugger�t. Aber das war unheimlich genug. Mein Gef�hl ist, da� die Geschichte stimmen k�nnte. Sie kursiert �berall, auch bei Indianern am Javari habe ich sie geh�rt, auf der brasilianischen Seite. Und dieses Lichtobjekt mu� ja irgendeinem Zweck dienen. Es ist sehr ungew�hnlich."

Eine Best�tigung der Beh�rden hatte sie nicht erhalten k�nnen. Die h�tten sicherlich Kenntnis von den Ph�nomen, aber keine Ma�nahmen getroffen. Sie selbst habe als Medizinerin Zugang zu Krankenh�usern und Krankenakten, nicht aber zu den Milit�rhospit�lern, die es hier au�erdem gab.

Ismail war w�hrend der Erz�hlungen der �rztin un

ruhig geworden. Etwas w�hlte in ihm, als wir uns verabschiedet hatten und die Motorr�der bestiegen. Wir fuhren zur Flu�kneipe.

Dann r�ckte er heraus: Auch er hatte das Licht schon gesehen.

"Warum erz�hlst du das erst jetzt?" fragte ich �be,rrascht.

"Es schien mir zu sehr das zu sein, was wir in Kolumbien eine historia Macondonia nennen, frei nach Garcfa M�rquez: eine haneb�chene Geschichte. Aber h�r zu: Wir arbeiteten in einem Camp am Rio Loretoyacu", begann er, "hatten zuvor Puerto Narifio, San Juan de Soco und Tipisca aufgesucht. In dieser Gegend hatte ich oft von cortacabezas geh�rt. Wenn wir nachts Moskitos fangen, teilen wir uns die Arbeit auf - die einen sind in der N�he der H�tten unterwegs, die anderen im Dschungel, am Flu�. Vielleicht wecken die Handlaternen, die dauernd an- und ausgeschaltet werden, um Moskitos anzulocken, eine besondere Aufmerksamkeit aus der Luft. Jedenfalls, es passierte Donnerstag nachts. Um halb elf Uhr kam mein Mitarbeiter Jairo Rodriguez mit drei anderen Indios schreiend aus dem Dschungel gelaufen. Ich dachte das Schlimmste: die Guerilla! Aber sie riefen etwas anderes: cortacabezas! Wir haben uns mit den Leuten aus Tipisca versammelt, f�nfzehn Personen. Alle waren ver�ngstigt und aufgeregt. Wir h�rten Jairos Bericht an und beschlossen, mit ihnen zur�ck in den Dschungel zu gehen. Um halb zw�lf Uhr ert�nte erneut ein Schrei: cortacabezas! Ich bin losgest�rmt, jetzt wollte ich es endlich mit eigenen Augen sehen!"

Ismail machte eine Pause. Sieht ihm �hnlich, dachte ich, da� er sogar die Uhrzeit notiert hatte. Irgendwie erkl�rte diese Korrektheit, warum er mit seiner Beobachtung so sp�t herausr�ckte. Erst Doktor Silvas Bericht hatte ihn ermutigt, sich als cortacabeza-Zeuge zu outen.

"Ich bin in die Richtung des Schreis gerannt", fuhr er fort, "ohne Angst vor Schlangen oder sonstwas, ich hatte vor nichts mehr Angst. Als ich an die Stelle kam, wo Jairo und ein paar andere standen, sah ich nur noch einen Lichtpunkt, er stand eine ganze Weile am Himmel. Aber das Licht variierte. Dann fing es an, sich zu bewegen. Diese Bewegungen am Firmament waren nicht normal, mal abrupt nach vorn, dann nur rauf und runter. Es war kein Planet, kein Stern, auch kein Flugzeug - es war etwas Einzigartiges. Vielleicht irgendein neues Flugger�t. Schlie�lich verschwand es."

"Hast du was erkennen k�nnen, eine Form?"

"Nein. Es war schon zu weit weg. Aber Jairo und die anderen, die es aus der N�he gesehen hatten, beschrieben es als recht klein, mit einem intensiven Licht."

"Noch etwas?"

',Jairo sagte, es h�tte eine Art Kammer an der Unterseite."

Ismails Vortrag machte mich nachdenklich, und der von Doktor Silva ohnehin. Aber es blieb eine Menge Skepsis.

"Ich mu� das selbst sehen, Ismail. Oder wir m�ssen herausfinden, ob es tats�chlich ein enthauptetes und ausgeweidetes Opfer gibt."

"Drau�en geht Angst um. Du brauchst nur hinauszufahren, dann sp�rst du sie �berall."

Am Abend waren wir bei Angel. Anders als bei den fr�heren Recherchen, die er unterst�tzt, aber letztlich als f�r ihn belanglose Vergangenheitsforschung betrachtet hatte, begann er sich nun selbst zu engagieren. Er wollte der Sache ebenfalls auf den Grund gehen.

Angel war ein wertvoller Mitstreiter. Er kannte viele Leute, und er hatte, mit der Hilfe von Bernardo, einen caboclo von der peruanischen Flu�seite aufgetrieben, den wir am Abend in einer Bretterbar in Tabatinga aufsuchten. Der Mann nannte sich Oscarito und war �ber sechzig. Er lebte in einer Siedlung in der N�he von Caballococha.

Gleichg�ltig erz�hlte er seine Geschichte. Sie spielte in der N�he, bei Santa Rosa, auf der gegen�berliegenden peruanischen Seite. Dort seien zwei Fischer lautlos aus der Luft attackiert worden. Einer habe fl�chten k�nnen, der zweite sei nicht mehr aufgetaucht und vermi�t gemeldet worden. Als sich der �berlebende Fischer mit seiner Klage an den Polizeiposten wandte, erfuhr er, da� ein Schiff in der Gegend unterwegs sei, Amazonas Turistico, auf dem sich seltsame Dinge abspielten. Peruanischen Polizisten h�tten sich dort, als ihnen der Zugang verwehrt worden war, gewaltsam Zutritt verschafft. An Bord h�tten sie einen verst�mmelten Leichnam gefunden, Kopf und Organe seien in Gef��en deponiert worden. Die Polizisten seien vom Kapit�n des Bootes geschmiert worden und wieder von Bord gegangen. Kollegen, die nichts von dem Schweigegeld bekommen hatten, h�tten dies weitererz�hlt.

Angel war nun nicht mehr zu halten. Er fuhr mitten in der Nacht zum Flu� hinunter, um einen Bootsf�hrer aufzutreiben.

Zwei Tage sp�ter waren wir auf dem Weg nach Puerto Nanio, um die Stimmung in der Gegend einzufangen. Zuvor hatten wir Doiia Serena besucht, die mit ihrer Familie an den Seen von San Sebastian lebte, sowie zu Beginn dieser Fahrt Jumara, eine runzlige cabocla, die auf der peruanischen Seite bei Benjamin Constant hauste. Beide waren uns im CEJAM genannt worden. Die Geschichten dieser Alten klangen wie abgesprochen. Doch das war undenkbar. Dona Serena lebte in den kolumbianischen W�ldern, bei den Seen nordwestlich von Leticia, die anderen Zeugen wohnten Stunden entfernt am peruanischen Flu�ufer, an der Grenze zu Brasilien. Niemand besa� einen Telefonanschlu�. Diese Leute hatten offenbar alle dasselbe gesehen. Blieb die Frage, ob sich eine Erkl�rung daf�r finden lie�.” Thomas Kistner: "Dle Toten von Leticia - Organraub, Kokainschmuggel und Menschenjagd am Amazonas” DVA 2003 S. 230ff.