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Zum Thema siehe auch  => Psychoanalyse



Die Psychoanalyse versucht sich durchaus begrifflich zu begr�nden und stellt damit die von ihr beschriebenen "Ph�nomene“ noch in einen begrifflichen Zusammenhang. Sie sieht ein innerpsychisches System als Grund unseres seelischen Erlebens, das in einem kritischen Bezug zur hiervon getrennten Realit�t steht. Der Standpunkt des Seelischen ist dabei doppelt schicksalhaft. Es ben�tigt sie als Mittel f�r seine Erf�llung und ger�t in Bedr�ngnis durch die Entsagungen, die sie verlangt. In der Bedr�ngnis durch die Realt�t oder der sie letztlich verk�rpernden Moralit�t sucht die Seele Auswege. Sie schafft Kultur, in der sie ihre Regungen realit�tsgerecht sublimiert.

Der Lebenskreislauf der Psychonalyse ist der des Kulturb�rgers: Ihm scheint sein Leben als Prozess der Selbstentfaltung eines voraussetzungslosen Naturwesens gegeben, das kultivierte Produkte erzeugen muss, um daran auch Nutzen haben zu k�nnen. Das Erzeugen und Nutzen der Kultur ist das Prinzip wechselseitiger Nutzung der Kultivation, die den Menschen �ber sein tierisches Sein heraushebt, ohne dass es darin aufgehoben w�re.

Solche Philosophie hat ein Problem: Der Mensch wird als gespaltenes Wesen gedacht, als Tier und Mensch zugleich, wobei das Tierische die Lust und das Menschliche die Kultur als notwendige, also lustlose Realit�t gedacht ist. So erlebt jedes einzelne Individuum das Schicksal, beides in sich vereinigen zu m�ssen und zugleich zu einem erfolgreichen Handeln in diesem Sinne zu kommen. Es erf�llt dabei zwei antagonistische Prinzipien: Das Lustprinzip und das Realit�tsprinzip. Diese erzeugen im Individuum ein System von drei aufeinander bezogenen Instanzen: Das "Es" vertritt die tierische Naturhaftigkeit der "Libido", der Liebessucht, das "�ber-Ich" ist die internalisierte Moral der Kulturanforderungen und das "Ich" macht die Einzigartigkeit des Individuums aus, das alle innerpsychischen Momente so vereinen muss, dass ein erfolgreiches Handeln in der Realit�t m�glich wird. Es bildet sich im Laufe der Libidoentwicklung eines jeden Menschen aus, der in den urspr�nglichsten Liebesbeziehungen zu seinen Eltern stattfindet. Das Triebschicksal, welches diese lebenswichtigen Strukturen erzeugt, ist der �dipus- bzw. Elektrakomplex, bei dem ein Junge oder M�dchen lernt, die Rolle des gleichgeschlechtlichen Elternteils zu �bernehmen, indem es seiner Liebe zum gegengeschlechtlichen Elternteil folgt und die Liebe zum gleichgeschlechtlichen t�tet (Vatermord). Sein Scheitern f�hrt zu St�rungen der "Ich-Leistungen", das durch verselbst�ndigte (verdr�ngte) Energie aus der Libido �berflutet und daher an einer erfolgreichen Realit�tsbew�ltigung gehindert wird. "Neurosen" und "Psychosen" sind die Symptome, die dann auftreten und den Charakter der jeweiligen Art von Verdr�ngung zeigen. Diese Verdr�ngungen m�ssen in langwierigen �bertragungsverh�ltnissen, in denen die �dipalen Beziehungen mit einem Therapeuten nachempfunden und zu Ich-gerechtem Erleben und Verhalten in menschlichen Beziehungen aufgel�st werden. Hierf�r wird eine Krankheit im Erleben der psychoanalytischen Therapie erzeugt, die den "Patienten" in seine kindlichen Regungen zur�ckdr�ngt, so dass vermittels einer Beziehung zu einem "korrekt" interpretierenden Therapeuten die "traumatischen Ereignisse" nachbearbeitet werden k�nnen, die Ursprung der Verdr�ngen sind. So soll dann das "Ich" und auch das "�ber-Ich" "realit�tst�chtig" rekonstruiert werden. Viele sind aus dieser therapeutischen Krankheit nicht mehr herausgekommen und waren hierdurch lebenslang von ihrem Therapeuten abh�ngig geblieben. F�r das Einkommen dieser Herrn ein voller Erfolg!

Freud war ein schlampiger und naiver Denker und hantierte mit vielen seiner Begriffe nach den Erfordernissen der Anschaulichkeit, ja, sie waren f�r ihn auch nichts anderes als anschauliche Formulierungen, die er allerdings sehr theoretisch handhabte und anwandte. Sie waren in seinem Sinne auch immer etwas doppeldeutig. Realit�t konnte alles sein: Ereignis, Wirklichkeit, Lebensumst�nde, Lebensbedingungen, Lebensmittel, Kultur oder Faktizit�t. Auch die Libido war entweder einfach nur Lust oder Luststreben, Sexualit�t schlechthin, reine Triebenergie oder erotische Kraft oder einfach Liebe. Man muss ahnen, was er meint und er verheddert sich manchmal in seinen eigenen Konstruktionen. In seinen sp�teren Jahren hat er seine eigenen Grundlagen ziemlich total revidiert, indem er im Triebleben selbst einen Antagonismus zwischen Lebenstrieb und Todestrieb annahm und hatte damit mal so unter der Hand den Charakter der Realit�tsbew�ltigung und aller damit verbunden Begriffe logisch auf den Kopf gestellt. Alle aus dem Lebenstrieb resultierenden Negationen wurden jetzt selbst triebhaft, wurden vom Antagonismus zwischen Mensch und Wirklicheit zum Antagonismus im Menschen selbst, der sich in aller Wirklichkeit ausbreitete. Folgerichtig h�tte er Realit�t umdeuten m�ssen zu einem lebendigen Gewinn gegen den Todestrieb und nicht mehr als blo�e Notwendigkeit der Lebensumst�nde fassen m�ssen. Er tat das in seinem Kulturverst�ndnis mit der Konsequenz, die Kultur als gegen die Triebhaftigkeit der Menschen notwendige Einrichtung zu sehen. Kultur war damit notwendiges Herrschaftsinstrument. Er h�tte damit seine ganze Theorie aber eigentlich wegwerfen m�ssen, die ja auf Emanzipation des Individuums zur Kultur als Mittel der Befriedigung angelegt war. Deshalb ist es nicht leicht, ihm innerhalb seines Denkens beizukommen. Der Widerspruch seiner Philosophie ist ja leicht in dem zu zeigen, was er als Bild von Kultur, Mensch und Natur hat. Kein Philosoph k�nnte das so stehen lassen, weil es ein Widersinn ist und weil die Natur-Kultur-Diskussion schon seit Ewigkeiten weiter ist. Aber wie ist ein solcher Widersinn in seiner "psychoanalytischen Wissenschaft" sichtbar und als Fehler nachweisbar, die doch vor plausiblen Naturbeschreibungen nur so strotzt, die er immer wieder der Realit�t oder Kulter entgegenhalten will? Und wie ist dessen Folgenschwere f�r deren Anwendung zu beweisen?

Ich fand eine entscheidende Stelle in seinem wichtigsten Werk, der "Traumdeutung", die f�r sein Denken elementar und sinnf�llig zugleich war. Er bezeichnet das, was ihm als Seele gilt mit einem Streben zur Realisierung eines Befriedigungserlebnisses, das er offenbar mit Gl�ck gleichsetzt. Und weil er es f�r sein ganzes Denksystem braucht, leitet er dieses aus dem Urgl�ck ab, der kindlichen Befriedigung an Mutters Br�sten. Was immer dies f�r einen S�ugling oder vielleicht f�r viele andere S�ugetiere auch sein mag, f�r Freud ist es die Urkraft der Seele, dieses Gl�ck realiter zu haben. Um dies theoretisch zu unterlegen und als Kern der seelischen Individualit�t zu bekommen braucht er eine seltsame Konstruktion: Die Milch spendene Brust der Mutter ist f�r Freud nicht in nat�rlicher Bezogenheit auf Schwangerschaft und Kind, wie das bei allen S�ugern zu beobachten ist, sondern blo�e Umwelt, Realit�t, die dem Kind geboten wird und durch welche es mehr oder weniger zuf�llig Befriedigung im Sinne von S�ttigung erf�hrt. Da ist die "Natur" schon gesellschaftlicher, als Freuds Verstand. Aber es soll eben so sein: Dieses Befriedigungserlebnis macht den Menschen wach f�r die Welt und ihre Realit�ten, weil es die erste seelische Regung erzeugt, die daraus bestehen soll, dieses Bild des Erlebens wieder wirklich werden zu lassen. Und deshalb schreit es, wenn es Hunger hat! Es schreit nicht wegen seinem Hunger, sondern wegen seinem Seelenstreben nach einem Erlebnis, das zugleich den Hunger befriedigt und die Befriedigung ist daher so "psychisch", wie die Psyche nat�rlich sein soll. Rein logisch ist es nat�rlich ebenso absurd wie empirisch. Jede Frau und sogar die M�nner wissen es, dass der S�uglich auch schon geschrieen hat, bevor er sein "erstes Befriedigungserlebnis" hatte und dass es nicht sein zuf�lliges Suchen nach Befriedigung war, sondern dass ihm die Mutter die Brust zugef�hrt hatte, weil sie mit ihm in der Sorge und im Gef�hl f�r seine Notwendigkeit mit ihm verbunden ist. Und rein logisch ist es eine konservative Tautologie, wenn ein an und f�r sich grundloses Ereignis zum Antrieb der Seele taugen muss, um zu wiederholen, was Zufall ist! Es ist an dieser Stelle praktisch die Tautologie des verhaltensstheoretischen Paradigmas. Darin sind sich die Psychologen wohl alle einig, vor allem auch die pragmatischen, dass das, "was hinten herauskommt", das begr�ndet, beurteilt und bewertet, was vorher war. Einem Naturwissenschaftler w�rde sein Labor um die Ohren fliegen, wenn er sich damit begn�gen w�rde. Nur die Psychologie kann sich einen solchen absurden Kopfstand erlauben, weil sie eben "naturwissenschaftliche Geisteswissenschaft" ist.

Und wozu das alles? Nur durch eine solche Konstruktion kann ein Ereignis zumindest in der Theorie zu einer individuellen Seele werden, die von jedem gesellschaftlich vorhandenen Geist und von jeder gesellschaftlich verarbeiteten Natur absieht! Gl�ck ist nach dieser Lehre, wenn Natur und Welt in einem Individuum ureins werden und Befriedigung finden. Die Psychoanalyse ist die Theorie des radikalen Individualismus, der seine Gesellschaft als nat�rlichen Zwang erfahren muss, damit Gl�ck realisiert werden kann. Sie hat mit ihm nur als notwendiges �bel zu tun, sozusagen als durch den Zwang h�herer Realit�t erheischtes Gl�ck. Sie ist wie eine Instanz, durch die Menschen zu ihrem Gl�ck gezwungen werden, weil sie sonst in ihrer Triebhaftigkeit und Gier nach Befriedigung verkommen w�rden. Der Doppelcharakter dieses Gl�cks ist die Unterwerfung der Seele unter die Realit�t, um sich ihr im Befriedigungserleben zu �berheben. Es ist die Grundlage f�r jede reaktion�re Theorie, die immer die Grundlage eines Lebens als passive Notwendigkeit zu begreifen versucht, die �berwunden werden muss, um sich dar�ber zu stellen und sich im freien Gl�ck einig zu f�hlen.

Die Liebesbeziehung, die sich aus dem wechselseitigen Nutzen der Lust ergibt, funktioniert wie der Handel mit h�bschen Dingen, die man so zum Leben braucht und die in der Gemeinschaft der "Libido" m�ndet. Das ist f�r Freud die Basis des Gl�cks, weil die Liebenden "ihre Energie" in "Befriedigungserlebnissen" abf�hren, und weil alles seelische Streben darauf beruht, einem Erinnerungsbild solcher Erlebnisse zu folgen. Wie jeder H�ndler, der mit seinen Waren zum Verkaufserfolg strebt, m�ssen die Entstehungskr�fte der G�ter vertuscht werden, hohes Ansehen und Moral aufgetragen werden und beides gut abgewogen gegen�ber einem anderen H�ndler feilgeboten werden. Das Es, das �ber-Ich und das Ich sind die entsprechenden Instanzen, den ein Liebesleben in den Menschen hinterl��t, das sich in diesem Handel versteht und darin aufgeht.

Wer seine Gef�hle nur durch sich und seine Familie hat, dem entspricht ja vielleicht auch dieser Verh�ltnisschwachsinn und das Binnenraumerleben seiner Selbstgef�hle. Da steht dann alles auf dem Kopf: Die Welt der b�rgerlichen Familie wird zur Grundlage des Welterlebens und die Welt wird zum Mittel der Lust. Deren Freiheit ist "ozeanisch" und die Notwendigkeit ihrer Steuerung und Kontrolle ist ihre reale Beschr�nkung. Die Brutalit�t der Psychoanalyse steckt nicht in ihrer unbeholfenen und plakativen Begrifflichkeit, mit der sie ihre Beschreibungen von Einzelbeobachtungen zusammenzufassen versucht, sondern viel eher in der Bewertung der einzelnen Regungen, die durch ihre Sichtweise keine Chance mehr haben, in wirkliche Beziehungen eingeordnet zu werden, sondern nur in die Beziehungsklisches der psychoanalysierten Trieb- und Liebeskonflikten, die sich zwischen "Es, Ich und �ber-Ich" im Einzelwesen ansiedeln, das sich dabei wie ein allgemeiner Mensch f�hlen kann. Seine Abgetrenntheit von seiner Gesellschaft, durch die es erst wirklich Mensch w�re, wird somit zu seinem Gl�ck gemacht, das es allerdings auch nicht ausleben darf. Das durch die "notwendige Selbstbeherrschung" gekappte Gl�cksstreben wird seine L�hmung, denn solches unbestimmte Gl�ck mit einer ebenso unbestimmten Beherrschung kann sich nicht anders aufeinander beziehen. Der durch sich selbst beherrschte Hedonismus so zu seinem eigenen Nutzen funktionieren. Und das tut er nur, wenn er als mit der Liebe anderer Menschen handeln kann. Nur unter ihnen kann er als Liebesh�ndler auftreten. Wo sich andere in ihrer Liebe verstricken, wei� der Liebesh�ndler damit umzugehen. Er schaut in sie herein und beobachtet ihre Befangenheit, ihre Abh�ngigkeit von ihrem existentiellen Leben. Diese Selbstgewi�heit ist f�r andere, deren Leben damit eingeordnet wird, eine ziemlich totale Moral, die "das Seelische" nach dem Nutzen f�r ein Lebensgl�ck arrangiert, das sich nicht aus den menschlichen Verh�ltnissen ergibt, sondern aus der Gier, das Leben zu besitzen, wo es sich regt. Es ist kein offenes Besitzverh�ltnis sondern die Umklammerung des Lebens mit fremder Liebesmacht, die das vernutzt, was sie als ihr h�chstes Gut behauptet: Liebesgl�ck. Sie sucht das Seelenleid nur deshalb auf, weil sie ihr Gl�ck darin findet und sich zugleich als allgemeinen Segensspender begreifen darf.