Aus Sebatsiona Haffner: "Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933", DTV 2002

"Zu Rathenaus Zeiten gab es noch kein politisches Starwesen, und er selbst tat nicht das Geringste, um sich in Szene zu setzen. Er ist das st�rkste Beispiel, das ich erlebt habe, f�r den geheimnisvollen Vorgang, der stattfindet, wenn in der �ffentlichen Sph�re �der gro�e Mann� erscheint: ein pl�tzlicher Kontakt mit der Masse durch alle W�nde hindurch; ein allgemeines Wittern und Aufhorchen, eine pl�tzliche Spannung, ein Interessantwerden des Uninteressanten; ein �Nicht-um-ihn-herumkommen�, unvermeidliche leidenschaftliche Parteinahme; aufschie�ende Legende, aufschie�ender Pers�nlichkeitskult, Liebe, Ha�. Das alles unwillk�rlich und unvermeidlich, fast unbewu�t. Es ist die Wirkung des Magneten in einem Haufen von Eisensp�nen - genau so unvern�nftig, genau so unentrinnbar, genau so unerkl�rlich.

Rathenau wurde Wiederaufbauminister, dann Au�enminister - und auf einmal f�hlte man, da� Politik wieder stattfand. Wenn er auf eine internationale Konferenz reiste, hatte man zum ersten Mal wieder das Gef�hl, da� Deutschland vertreten war. Er schlo� ein �Sachlieferungsabkommen� mit Loucheur, er schlo� einen Freundschafts'vertrag mit Tschitscherin - und obwohl kaum einer sich vorher unter �Sachlieferungen� irgendetwas hatte vorstellen k�nnen, und obwohl der Text des russischen Vertrages mit seiner diplomatischen Formalsprache den wenigsten etwas sagte, redete man �ber beides erregt in den Lebensmittell�den und vor den Zeitungsst�nden, und wir Sekundaner boten uns Ohrfeigen an, weil die einen die Vertr�ge �genial� nannten, w�hrend die andern von �j�dischem Volksverrat� sprachen.

Aber es war nicht die Politik allein. man sah in den illustrierten Zeitungen das Gesicht, wie das aller anderen Politiker, und w�hrend man die anderen verga�, verfolgte einen dies und sah einen an: mit dunklen Augen voller Klugheit und Trauer. Man las seine Reden und man sp�rte, jenseits des Inhalts, einen un�berh�rbaren Ton, in dem Anklage, Forderung und Verhei�ung war: einen Prophe-. tenton. Viele griffen zu, seinen B�chern (auch ich tat es): Und wieder sp�rte man einen dunkel-pathetischen Appell, etwas zugleich Bezwingendes und �berredendes, Forderndes und Werbendes. Zugleich: ln diesem Zugleich lag ihr tiefer Reiz. Sie waren zugleich n�chtem und phantastisch, zugleich desillusionierend und aufr�ttelnd, zugleich skeptisch und gl�ubig. Das k�hnste sprachen sie mit der z�gerndsten, leisesten Stimme aus.

Rathenau hat seltsamerweise noch nicht die gro�e Biographie gefunden, die er verdient. Er geh�rt ohne jeden Zweifel zu den f�nf, sechs gro�en Pers�nlichkeiten dieses jahrhun-derts. Er war ein aristokratischer Revolution�r, ein idealistischer Wirtschaftsorganisator, als Jude deutscher Patriot, als deutscher Patriot liberaler Weltb�rger, und als liberaler ' Weltb�rger wiederum ein Chiliast und strenger Diener des Gesetzes (also, in dem einzigen ernsthaften Sinn: Jude). Er war gebildet genug, um �ber Bildung, reich genug, um �ber Reichtum, Weltmann genug, um �ber die Welt erhaben zu sein. Es war zu sp�ren, da� er, w�re er nicht deutscher Au�enminister von 1922 gewesen, auch ein deutscher Philosoph von 1800, ein internationaler Finanzk�nig von 1850, ein gro�er Rabbi oder ein Anachoret h�tte sein k�nnen. Er vereinte in sich das Unvereinbare auf eine gef�hrliche, gerade dieses eine Mal m�gliche, etwas be�ngstigende Weise. Die Synthese eines ganzen B�ndels von Kulturen und Ideenstr�men war in ihm - nicht: Gedanke; nicht: Tat; aber: Person geworden.

Sieht so ein Massenf�hrer aus? wird man fragen. Seltsamerweise hei�t die Antwort: ja. Die Masse - womit ich nicht das Proletariat meine, sondern jenes anonyme Kollektivwesen, zu dem wir alle, hoch oder niedrig, immer wieder in gewissen. Augenblicken zusammenschie�en - die Masse reagiert am st�rksten auf den, der ihr am un�hnlichsten ist.

Normalit�t, gepaart mit T�chtigkeit, mag popul�r machen; aber letzte Liebe und letzter Ha�, Vergottung und Verteufelung, gilt nur dem �u�erst Abnormalen, der Masse ganz Unerreichbaren, mag er weit �ber oder weit unter ihr stehen. Wenn irgendetwas, glaube ich dies aus meiner deutschen Erfahrung zu m4ssen. Rathenau und Hitler sind die beiden Erscheinungen gewesen, die die Phantasie der deutsehen Masse aufs �u�erste gere'zt haben: der eine durch seine unfa�liche Kultur, der andere durch seine unfa�liche Gemeinheit. Beide, das ist das Entscheidende, kamen aus unzug�nglichen Regionen, aus irgendeinem �Jenseits�. Der eine aus jener Sph�re letzter Spiritualit�t, wo die Kulturen dreier jahrtausende und zweier Erdteile ihr Symposion halten -der andere aus einem Dschungel weit unterhalb der Lotung letzter Schundliteratur, aus einer Unterwelt, wo dem zusammengebrauten Muff von Kleinb�rgerhinterzimmein, Obdachlosenasylen, Kasemenaborten und Hinrichtungsh�fen D�monen entsteigen. Beide besa�en, aus ihrem �jenseits� heraus, echte Zaulberkraft; gleichg�ltig, was ihre Politik war.

Es ist schwer zu sagen, wohin Rathenaus Politik Deutschland und Europa gef�hrt h�tte, h�tte er Zeit gehabt, sie durchzuf�hren. Bekanntlich hatte er diese Zeit nicht, da er nach einem halben Jahr Amtsf�hrung ermordet wurde.

Ich erz�hlte schon, da� Rathenau massenhaft echte Liebe und echten Ha� erregte. Dieser Ha� war ein wilder, irrationaler, zu keiner Diskussion bereiter Urha�, wie ihn wiederum seither nur ein deutscher Politiker geerntet hat: Hitler. Es versteht sich, da� die Hasser Rathenaus und die Hasser Hitlers sich irgendmde entsprechend von einander unterschieden wie diese beiden Pers�nlichkeiten selbst. �Das Schwein mu� geldllt werden� - das war die Sprache der Gegner Rathenaus. Dennoch war es �berraschend, da� eines Tages die Mittagszeitungen ganz schlicht und ohne weiteres die �berschrift hatten: Au�enminister Rathenau ermordet. Man hatte ein Gef�hl, als wiche einem der Boden unter den F�ssen, und dies Gef�hl verst�rkte sich, wenn man las, wie �beraus leicht, m�helos und geradezu selbstverst�ndlich die Tat vonstattengegangen war:

Rathenau fuhr allmorgendlich um eine bestimmte Zeit von seinem Haus im Grunewald im offenen Auto zur Wilhelmstra�e. Eines Morgens nun wartete in der stillen Villenstra�e ein anderes Auto, fuhr hinter dem Wagen des Ministers her, �berholte es - und im Moment des �berholens schossen seine Insassen, drei junge Leute, alle, zugleich, aus n�chster N�he, ihre Revolver, auf Kopf und Brust des Opfers ab. Dann mit Vollgas davon. (Heut steht ein Gedenkstein f�r sie an der Stelle.)

So einfach war das also. Ein Columbus-Ei, in gewissem Sinne. Hier war es passiert, bei uns in Berlin-Grunewald, nicht etwa in Caracas oder Montevideo. Man konnte sich die Stelle ansehen: Eine Vorortstra�e wie alle andern. Die T�ter, wie man bald erfuhr, waren Jungens wie wir, der eine ein Obersekundaner. H�tte es nicht ebensogut dieser oder jener Mitsch�ler sein k�nnen, der neulich noch erkl�rt hatte: �... mu� gekillt werden.�? Neben aller Emp�rung, allem Zorn und allem Schmerz, war etwas von der fast Lachreiz erregenden Wirkung der erfolgreichen Frechheit zu sp�ren: Nat�rlich, furchtbar einfach, man w�re gar nicht darauf gekommen vor Einfachheit. Auf diese Art wurde es wirklich unheimlich, ja unheimlich leicht, Geschichte zu machen. Offenbar geh�rte die Zukunft nicht den Rathenaus, die sich die M�he machten, ungew�hnliche Pers�nlichkeiten zu werden, sondern den Techows und Fischers, die einfach Autofahren und Schie�en lernten.

Diese Empfindung wurde freilich im Augenblick �bert�nt von einer �berw�ltigenden Mischung aus Trauer und Wut. Nicht die Erschie�ung der tausend Arbeiter in Lichtenberg 1919 hatte die Massen so aufgebracht wie jetzt die Ermordung dieses einen Mannes, der eigentlich sogar ein Kapitalist gewesen war. Ein paar Tage �ber den Tod hinaus hielt der Pers�nlichkeitszauber noch an; es herrschte, einige Tage, etwas, was ich sp�ter nie mehr erlebt habe, echte Revolutionsstimmung. Zur Bestattung fanden sich, ohne Zwang und ohne Drohung, ein paar hunderttausend Menschen ein. Und nachher gingen sie nicht auseinander, sondern zogen stundenlang durch die Stra�en, in nicht endenden Z�gen, schweigend, grimmig, fordernd. Man sp�rte: H�tte man diese Massen an diesem Tage aufgefordert, Schlu� zu machen mit denen, die damals noch �Reaktion�re� hie�en und in Wahrheit bereits die Nazis waren, sie h�tten es ohne weiteres getan, rasch, durchgreifend und gr�ndlich."
Aus Sebatsiona Haffner: "Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933", DTV 2002