aus "Die Globalisierungsfalle" (Harald Schumann), S. 74:
Renditejagd mit Lichtgeschwindigkeit
Auf der Basis dieser weltweiten Freiheit konnte das Geschäft der Welt-Finanzindustrie in den vergangenen zehn Jahren explodieren: Seit 1985 haben sich die Umsätze im Devisen- und internationalen Wertpapierhandel mehr als verzehnfacht. Während eines durchschnittlichen Handelstages wechseln heute Währungsbestände im Wert von rund 1,5 Billionen Dollar den Besitzer, ermittelte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Diese Summe, eine Zahl mit zwölf Nullen, entspricht annähernd dem Gegenwert der gesamten jahresleistung der deutschen Wirtschaft oder dem Vierfachen der jährlichen Welt-Ausgaben für Rohöl. In der gleichen Größenordnung bewegen sich die Umsätze mit Aktien, Konzernanleihen, staatlichen Schuldtiteln und unzähligen verschiedenen Spezial-Kontrakten, den sogenannten Derivaten.
Noch vor einem Jahrzehnt gab es in Frankfurt einen Markt für Bundesanteihen, in London einen für britische Aktien und in Chicago einen für Termingeschäfte, die jeweils eigenen Gesetzen gehorchten. Heute sind alle diese Märkte unmittelbar miteinander verbunden. Sämtliche Kursdaten aller Börsenplätze können an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit abgefragt werden und lösen bei den Empfängern Käufe und Verkäufe aus, deren Kurswert ihrerseits sofort wieder als Bits und Bytes rund um die Erde geschickt werden. Darum ist es möglich, daß fallende Zinsen in den USA am anderen Ende der Welt, in Malaysia etwa, die Aktienkurse hochtreiben. Wenn sich das Engagement in US-Schuldtiteln weniger lohnt, schichten die Anleger in ausländische Aktien um. Darum kann der Wert von Bundesanleihen steigen, wenn die Zentralbank von Japan billiges Geld an Tokios Geldhäuser verleiht. Umgetauscht in Mark und angelegt in höher verzinsten deutschen Papieren, verwandeln sich die billigen Yen-Kredite in garantierte Erträge ohne Risiko. Und ebendarum tritt jeder, der Geld leihen oder Kapital aufnehmen will, gleich ob Regierungen, Konzerne oder Hausbauer, sofort in weltweite Konkurrenz mit allen anderen potentiellen Schuldern. Weder die konjunkturelle Lage der deutschen Wirtschaft noch die Bundesbank entscheiden über den Zins am deutschen Kapitalmarkt. Was zählt, ist allein das Urteil der professionellen Geldvermehrer, die sich wie eine "elektronisch gerüstete Armee" (The Economist) 24 Stunden am Tag ein globales Rennen um die beste Finanzanlage liefern.
Bei ihrer Arbeit bewegen sich die Rendite-Jäger mit Lichtgeschwindigkeit in einem vielfach verzweigten weltweiten Datennetz - ein elektronisches Utopia, dessen Komplexität noch unübersichtlicher ist als die komplizierte Mathematik, die den einzelnen Transaktionen zugrunde liegt. Vom Dollar in den Yen, anschließend in Schweizer Franken, dann wieder ein Rückkauf von Dollars - innerhalb weniger Minuten können Devisenhändler von einem Markt zum nächsten, von einem Handelspartner in New York zu einem anderen in London oder Hongkong springen und Deals über dreistellige Millionenbeträge abschließen. Ebenso verschieben Fondsmanager oft binnen Stunden die Milliarden ihrer Kunden zwischen völlig unterschiedlichen Anlagen und Märkten. US-Staatsanleihen verwandeln sich da per Anruf und Tastendruck in britische Schuldtitel, in japanische Aktien oder in Schuldverschreibungen der türkischen Regierung, die in D-Mark denominiert sind. Neben den Währungen werden schon über 70000 verschiedene Wertpapiere über alle Grenzen hinweg frei gehandelt - ein phantastischer Markt mit unendlich vielen Chancen und Risiken.
Um die Datenflut zu verarbeiten, vollbringen die einzelnen Händler Höchstleistungen der Informationsverarbeitung. Einer von ihnen ist der 29jährige Patrick Slough. Gemeinsam mit über 400 Kollegen sitzt er täglich zehn Stunden ohne Pause im großen Handelssaal der Londoner Investmentbank Barclays de Zoete Wed (BZW) und managt das Geschäft mit Schweizer Franken, kurz "swiss".
Sein Arbeitsplatz ist eine unscheinbare, drei Meter breite Konsole, umgeben vom Stimmengewirr und gebrüllten Kommandos im halbdunklen Saal. Hinter der schmalen Arbeitsfläche sind drei Bildschirme und zwei Lautsprecher montiert, die ihn optisch und akustisch unentwegt mit neuen Daten versorgen. Rechts oben thront der vielfarbige Schirm von Reuters, dem Marktführer in Sachen Finanzelektronik. Von einer einfachen Nachrichtenagentur hat sich das Unternehmen zum Hauptorganisator des elektronischen Marktplatzes entwickelt und erwirtschaftet damit jährlich über eine Milliarde Mark Gewinn. Reuters verbindet Slough über feste Standleitungen, eigene Satellitenkanäle und einen Megarechner in den Londoner Docklands mit 20 000 Finanzhäusern sowie allen großen Börsen der Welt.