Die Grundlage f�r das "Sozialistische Studium" war ziemlich pauschal die "Kritik der b�rgerlichen Ideologie", welche den Grund f�r die "Widerspr�che der b�rgerDas SPK war im Fr�hjahr 1970 durch die erste Patientenvollversammlung von Insassen und ambulant betreuten �Patienten� einer deutschen Psychiatrischen Klinik in Heidelberg entstanden. Grund war die Entlassung eines Arztes der Poliklinik, Wolfgang Huber, der nach Meinung des Klinikchefs Prof. von Bayer sich weder an der Diagnostik, noch an den Behandlungsmethoden der Psychiatrie orientiere. Stattdessen w�rde er die Patienten um sich scharen und gegen die Klinik und das �rztliche Personal aufhetzen und sich in keiner der Kolloquien mehr sehen lassen.
Die angeblich aufgehetzten Patienten und Patientinnen waren Menschen, die sich nicht mit den Lebensurteilen der Psychiatrie und der �psychiatrischen Behandlung� durch Psychopharmaka, Fixierung, Elektroschocks und Hospitalisierung zufrieden geben wollten. In der Poliklinik waren sie zwar weniger kaserniert wie andere Betroffene, aber zugleich auf eine echte Hilfe in ihrer Lebenslage angewiesen. Die sahen sie nicht durch �rzte geboten, die am Kr�pelinschen Diagnose- und Behandlungsschema festhielten. Sie wollten diesen Arzt, der sich kritisch und zugleich philosophisch mit ihren Lebensfragen zu befassen versuchte, behalten � und mehr noch: Sie hatten begriffen, dass es hier um einen politischen Aufstand gegen die Psychiatrische Institution als solche ging.
Es waren ungef�hr vierzig Patienten, die dar�ber berieten, was gegen den Rauswurf Hubers zu machen sei. Es wurden erstmals Positionen gegen den psychiatrischen Krankheitsbegriff entwickelt und Forderungen aufgestellt und schlie�lich ein Hungerstreik beschlossen, der als einzig Mittel der Gegenwehr verblieben war.
Wir zogen mit unseren Schlafs�cken und Luftmatratzen in das B�ro des Verwaltungsdirektors der Heidelberger Universit�tskliniken. Der Rektor der Heidelberger Uni wurde eingeschaltet. Es dauerte zwei Tage und dann wurde uns mitgeteilt, dass uns als Notbehelf R�ume der Universit�t in der Rohrbacher Stra�e, eine Dreizimmerwohnung im Erdgescho�, zur Verf�gung stehe, wenn wir die R�ume des Verwaltungsdirektors unverz�glich verlassen. Wir stellten daraufhin noch eine Liste zusammen, was dort als M�bel ben�tigt wurde und dass die weitere Medikation der Patienten sofort wieder gew�hrleistet sein muss. Dann zogen wir ab. Das SPK war entstanden.
Es bezeichnete sich als eine "Eigenorganisation" f�r psyhiatrische Patienten. Es wollte in aller Konsequenz die Bed�rfnisse von "Psychisch Kranken" vertreten. Zugleich wurden Arbeitsgruppen gebildet, die an einem anderen Krankheitsverst�ndnis als dem psychiatrischen arbeiteten.
So entstand eine Theorie �ber Krankheit und Kapitalismus, die aus verschiedensten Gedanken zusammengesetzt worden war. Es sollte keine Psychologie sein, sondern dialektisches Bewu�tsein. Immerhin war es das erste Mal, dass gegen die psychiatrische Diagnostik und das psychologische Denken �berhaupt gesagt wurde: Krankheit ist keine Sache, kein Geschw�r, das man mit sich rumschleppt und das eigentlich nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat; sie ist ein zentraler Widerspruch im Leben der betroffenen Menschen. Psychische Krankheit sei die Einheit von Protest und Hemmung des Protestes, die Einheit von unterdr�ckten Trieben und �berm�chtigen Sachzw�ngen.
Hiergegen wurde das Kollektiv als Diskussions- und Lebenszusammenhang entwickelt. Die Hemmung soll durch Therapie ("Einzel- und Gruppenagitation") aufgel�st und die freiwerdende Energie in politische Aktivit�t umgesetzt werden, wenn das "Herrschafts-Knechtschaftsverh�ltnis" des Bewu�tseins sich zu einem Bewu�tsein seiner "gesellschaftlichen Bestimmungen" entwickelt hat.
Es klang wie eine emanzipatorische Theorie. Die gegens�tzlichsten Denkans�tze von Wilhelm Reich, G.W.F. Hegel und Karl Marx, wurden hierf�r vereint: Das Krankheitssymptom sei (nach Wilhelm Reich) die Einheit von Trieb und Abwehr. Der Trieb sei (nach Hegel) die Einheit von Verstand und Vernunft. Den solle man begrifflich als strebenden Geist verstehen, der ins Zentrum treffen und den Gesamtzusammenhang begreifen will. Dabei kommt er auf den Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft (Marx) die seinen Trieb unterdr�ckt und daran begreift er, dass er den l�sen muss, um seine Befriedigung zu finden.
Es war eine Theorie vieler Theorien. Eigentlich war es gar keine Theorie, sondern eine Nutzung theoretischer Begriffe zur Beschreibung, zur Veranschaulichung von Erfahrungen. Es war sicher nicht diese Theorie, die das SPK bekannt gemacht hat. Ich glaube auch nicht, dass es den meisten Leuten dort um diese Theorie gegangen war, sondern eher um die M�glichkeiten, die das SPK als Treffpunkt und zur Besprechung und Auseinandersetzung bot. Aber diese �Theorie� griff Ans�tze auf, die zu jener Zeit unter den Linken �berall bekannt waren und mit denen kulturellen Probleme der Menschen mit den Gewalten des Staates und der Macht der �konomie verbunden wurden. Zugleich lieferte sie ein vielf�ltiges Selbstverst�ndnis: Wilhelm Reich hatte die Freud'sche Theorie auf ein Energiemodell runtergezogen, welche das Verlangen der Triebe in der Einheit mit Arbeit zur Befriedigung bringt. Damit gab es keine �u�ere Realit�t (Freud) mehr, die es zu bew�ltigen gilt, sondern ein Lebensprinzip im Einzelmenschen wie in allen Menschen, das er als Prinzip der Natur �berhaupt, als Orgon entdeckt haben wollte. Wer sich den naturwidrigen Interessen der Gesellschaft oder des Staates unterwerfe, der m�sse fortw�hrend die Beschr�nkung seiner Natur durch die Moral der Herrschenden verkraften. So steht es bei Reich. Und weil Natur vor allem Energie sei, die behindert wird, ben�tigt er einen Panzer, eine Abpanzerung seiner nat�rlichen Entfaltungsbed�rfnisse. So entst�nden faschistoide Strukturen gegen alles Leben und das mache die Menschen krank oder gewaltt�tig oder staatsgl�u
big. Es war eine Charakterisierung des Gegeners. So stand W. Reichs radikaler Natursubjektivismus f�r eine linke Theorie der Internierung von der Ideologie der herrschenden Klasse zur Selbstunterdr�ckung der Arbeiter. Und diese sollte zugleich eine Emanzipationstheorie f�r alle enthalten: Die Selbstbefreiuung als eine radikale Naturbezogenheit in der Beziehung auf sich und �die eigentlichen Bed�rfnisse�, eine radikale Selbstbezogenheit, die als nat�rliche, voraussetzungslose Beziehung aufgefasst war und die sich unmittelbar gegen Herrschaft, befreit von den Hemmungen der Selbstunterdr�ckung, mit ungeminderter Kraft wenden w�rde.
Durch die "Zwangsmoral" der Herrschenden seien die Arbeiter energetisch blockiert, so dass sie in sich Mechanismen der Selbstdisziplinierung errichten, die ihre Kraft quasi aus der blockierten Sexualenergie bezieht und deshalb auch �berhaupt keine Befreiung mehr wollten. Die R�ckf�hrung dieser Energie auf ihre eigentliche Quelle, die ungehemmte Sexualit�t, erzeuge somit �berhaupt erst das Emanzipationsbed�rfnis, das Bed�rfnis auf Befreiung. Die �Zwangsmoral� habe zugleich Wirkung auf alle Menschen der b�rgerlichen Gesellschaft, weil alle daran teilnehmen m�ssten und so sei ein Aufstand hiergegen eigentlich auch im Interesse aller Menschen. Alle Menschen bef�nden sich also im potentiellen B�ndnis mit der Arbeiterklasse. Hegel wurde zur Erkl�rung der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft verwendet. Es sei die Herrschaft als Prinzip der Gesellschaft, die als Wirklichkeit die Knechtschaft des Einzelnen erzwingt. Was bei ihm aber eine notwendige Stufe in der Entwicklung des subjektiven Geistes zum objektiven im einzelnen wie allgemein ist, seine wesentliche Emanzipation als Befreiung der Beziehung auf sich selbst vom Mangel der Subjektivit�t, wird hier als Gegensatz von Individuum und Gesellschaft interpretiert, in der das Subjektive obsiegen soll. Gegen die Herrschaft der Gesellschaft sollten wir uns als kollektivierte Menschen verhalten k�nnen.
All diese theoretischen Spots wurden von kaum jemanden begrifflich verstanden. Es sollten Veranschaulichungen von gro�en Denkern sein, zu denen schlie�lich auch noch Mao-Tse-Tung gez�hlt wurde. Alles zusammen ergab einen gro�en Brei, in dem Subjektives wie Objektives, Geist, K�rper, Gesellschaft und Macht einger�hrt war. Ziel dabei war, das seelische Leiden unmittelbar aus seiner Ohnmacht zur Kraft des Umsturzes zu erkl�ren. Und nicht nur das seelische Leiden, nein, die Krankheit �berhaupt sollte das eigentliche und sp�ter auch einzige Wesen des unterdr�ckten Menschen enthalten! Denn krank gemacht waren wir alle durch jene benannten Prozesse. Aber nur die Progressiven erkannten das, weil sie ihre Hemmung durchbrochen hatten. Sie hatten einen Prozess hinter sich, den sie anderen zur Aufgabe machten. Das h�here Wissen der Krankheit sortierte nicht mehr Kranke und Gesunde, sondern Reaktion�re und Progressive.
Das war sicher ein Schritt gegen den hergebrachten Krankheitsbegriff und stelllte vor allem das seelische Leiden der Menschen in den Brennpunkt gesellschaftlicher Not. Aber eine solche Theorie der Befreiung war im wesentlichen doch keine Theorie gesellschaftlicher Emanzipation, sondern eine Theorie der allgegenw�rtigen Selbst�berwindung der individualisierten Menschen zum Protest, zum Widerstand gegen die unmittelbaren Zw�nge und Gewalten des Staates, die er gegen die Einzelinteressen seiner B�rger errichtet hat. Das trifft zwar ihre Selbstwahrnehmungen, die seine Gewaltpotentiale f�r jeden hervorrufen, verlangt aber auch nur die radikale Individualit�t, die per Massenbildung, also quantitativ gegen ihn gekehrt werden soll. Und das bestand aus der einfachen Umkehrung: "Aus der Krankheit eine Waffe machen!" Ein Widerstand, der Leben zeigt, das st�rker ist als alle Panzer, brauche eigentlich keine Selbst�berwindung. Selbst�berwindung ist alleine n�tig, um sich der Avantgarde der �bewu�t Leidenden� anzuschlie�en, um also seine bornierten Einzelinteressen zu �berwinden und sich in der Avantgarde der Menge einzelner Menschen einzufinden. Damit war das einzelne Leiden qualitativ der Avantgarde unterworfen, also den Beschl�ssen, die sich aus dem Fortkommen der Avantgarde ergeben. Es war ein Quantum f�r die Politik, ein abstraktes Moment ihrer Begr�ndung, ein Faktor ihrer Macht, die ihre Ohnmacht aufheben will.
Was da im SPK geschrieben wurde, war in meinen Augen zuerst mal der Not und Unbeholfenheit entsprungen, die am Anfang steht. Der Druck von au�en war heftig und es mu�ten Begr�ndungen f�r die eigene Haltung her. Bisher waren ja einfach nur die einzelnen Gewaltakte der Psychiatrie als Grund f�r das SPK gestanden. Hiergegen war bis in die liberalen Kreise sogar der �rzteschaft und des Unirektorats Sympathie f�r das "Patientenkollektiv" entstanden. Es wurde auch von dieser Seite �ber die M�glichkeit diskutiert, ob das SPK nicht als Forschungs-Initiative der Uni einverleibt werden k�nnte. Solche Vorstellungen hatte das SPK selbst evoziert, indem es auf die M�ngel der Versorgung, auf das gro�e Bed�rfnis nach Beratung verwiesen hatte, f�r die es sich als beste Instanz vorstellte. Zugleich stand dies aber auch im vollen Widerspruch zum Krankheitsverst�ndnis des SPK. Es lie� sich eben nur soweit darauf ein, wie es sie nutzen und durch uneinl�sbare Forderungen zur Agitation verwenden konnte. Das war ein Spiel um die Institutionalisierung und zugleich Abweisung jedweder Institutionalisierung, was viele Liberale nicht durchschauten.
So war also alles in einem permanenten Schwebezustand zwischen den Institutionalisierungsbem�hungen einer kritischen Gruppe und dem Selbstverst�ndnis von radikalen Anarchisten. Es war eine �berforderung mit hohem Anspruch von allen Seiten. Immer mehr Sch�lerInnen, Lehrlinge, StudentInnen und junge ArbeiterInnen kamen hinzu, die in irgendeiner Weise mitmachen wollten. F�r sie war es der erste Raum f�r linke Orientierung ohne Hochschulpolitik, Teach-In oder reine Theorie mit dem Anspruch, eine Antwort f�r die pers�nlichen Probleme ohne Psychologie und Psychiatrie zu sein. Sie brachten viele davon mit und bedeuteten zus�tzlich Arbeit. Binnen Jahresfrist waren aus 40 Leuten �ber 100 geworden. Das konnte nur noch bew�ltigt werden durch die Beteiligung aller an allen. Wer ein paar Wochen "Agitation" an seinen Problemen mitgemacht hatte, versuchte sie an anderen und es entstand auf ziemlich sp�rlichen Grundlagen eine Kette von Beziehungen, die als ein Prinzip ausgegeben wurde: Der "multifokale Expansionismus". Es war wie ein Missionierungsplan f�r die ganze Welt, die wie ein Kettenbrief gestartet eine ungeheuere Vervielfachung der "Agitation" erm�glichen sollte.
Das SPK wurde allein schon von dem enormen Arbeitsbedarf erdr�ckt. Es war bereits im ersten Jahr zu einer linken Sozialstelle geworden, ohne daf�r hinreichende Sozialleistungen zu bekommen � ganz im Gegenteil. �berall wurden Gelder gek�rzt und die weitere Finanzierung unsicher. Hierdurch wurde auch der theoretische Ansatz nicht mehr in der offenen Diskussion weiterentwickelt und die Geschichte wurde sehr pragmatisch. War es schon zu einer Bed�rfnisanstalt verkommen? Um welche Bed�rfnisse sollte es eigentlich gehen?
Das SPK war zwischen Anforderungen geraten, von denen zuvor nie die Rede war: Der Bedarf nach einer Stelle f�r psychologische Beratung auf der Grundlage einer kritischen Haltung zur b�rgerlichen Psychiatrie und Psychologie, der vor allem in der Jugend gewaltig war und den Liquidationsbestrebungen des konservativen Lagers an der Uni und im Kultusministerium und dem Zuspruch linksliberaler Psychologen, Wissenschaftler und Universit�tsprofessoren, die es als linke Einrichtung unterst�tzen wollten. Nichts von beidem war eigentlich gewollt, aber beides zusammen lie� sich auch nutzen. Politisch entstand deshalb die Forderung nach der Kontrolle �ber die psychiatrische Institution durch die Patienten, die allerdings im Widerspruch dazu stand, dass die Institution als solche als Teil des kapitalistischen Systems bek�mpft wurde. So entstanden die Forderungen nach formalrechtlicher Institutionalisierung des SPK als Sozialeinrichtung der Universit�t in Einheit mit der Forderung nach der Finanzierung einer Gruppe, die sich als Gegner staatlicher Versorgungseinrichtungen versteht. Es �u�erte einen Besitzanspruch an den bestehenden Institutionen auf der Basis der Grundrechte, die alle Besitzverh�ltnisse unter das Gebot sozialer Mitverantwortung stellen. Sollte es m�glich sein, Gesundheitsinstitutionen vom Staat zu finanzieren und durch die Betroffenen zu kontrollieren, ohne dass der Kapitalismus dabei in seinem �konomischen Kern angegriffen werden muss? Oder sollte dieses Fordern der Angriff selbst schon sein? Oder war es blo�e Agitation, n�mlich das Aufzeigen, dass die Forderungen nach Kontrolle durch die Betroffenen von Seiten der Administration abgewiesen wird? Oder sollte es doch m�glich sein, die Institutionen der b�rgerlichen Gesellschaft durch radikale Forderungen nach Geld und Kontrollm�glichkeiten zu sozialisieren, weil in diesen Forderungen die Aufhebung der Institution schon enthalten ist? Zumindest w�re dies die Strategie des "multifokalen Expansionismus" gewesen: Schlie�lich kommt das Geld ja auch von den Werkt�tigen; also m�ssen sie seine Verwendung auch kontrollieren. Das war eine Position, die es von seiten der APO (Au�erparlamentarischen Opposition) eigentlich �berall in den universit�ren Einrichtungen gab, und die keine Abschottung des SPK gebraucht h�tte. Und es sind ja auch die grundlegenden Fragen f�r politische Arbeit in b�rgerlichen Institutionen geblieben: Gibt es eine Politik um b�rgerliche Einrichtungen, die sich gegen die b�rgerliche Gesellschaft stellt? Und: Wie konkret kann die dann sein? Es w�re die antipsychiatrische Variante des langen Marschs durch die Institutionen gewesen. Aber hier war es besonders offensichtlich, dass die institutionellen Bedingungen der Psychiatrie sich sehr schnell als Machtanspruch zeigen.
Die Psychiater waren nat�rlich l�ngst auf allen Barrikaden. Sie hatten inzwischen das Kulturministerium eingeschaltet und von dort wurde dem Unirektor, der vor allem von den bedrohlichen Folgen eines Material- und Raumentzugs gegen das SPK beeindruckt war, jede weitere Nachsicht untersagt. Er sollte die R�ume k�ndigen. Das SPK reagierte mit einer Besetzung des Dienstzimmers des linksliberalen Uni-Rektors. Jetzt ging es um alles: Die "Patienten" beanspruchten zwei H�user mit der Finanzierung von zwei �rzten und B�rokr�ften und die Kontrolle der Klinikgelder. Das SPK verstand sich stellvertretend f�r alle Kranken und stellte seine Forderungen rein politisch, also ohne irgendwelche Relationen zu dem was erreichbar ist. Es verstand sich eben als Vorhut einer gr��eren Bewegung, die es durch die eigene Beharrlichkeit und Konsequenz durch seine Forderungen in Gang setzen wollte.
Die Vorhut bestand aus dem Widerspruch, dass sie sich politisch als unmittelbares Bed�rfnis nach Raum und Mittel verstand und zugleich als Konkurrenz zur institutionalisierten Medizin und Psychiatrie, als Institutionalisierung einer Versorgungseinrichtung des �ffentlichen Bedarfs auftrat. Ja mehr noch: Es ging bei den Forderungen nicht nur um eine Alternative zur Psychiatrie, sondern um revolution�re Politik schlechthin. Hierdurch wurde jeder Bedarf politischer Bedarf, die Forderung nach Raum und Geld politische Forderung. Es steckt in der Logik des radikalen Bed�rfnisses, dass es, wenn es sich nicht radikal auf Arbeit und deren Verh�ltnisse bezieht, zum radikalen Subjektivismus f�hrt. "Das Leben, das der Einzelne erhalten will, ist identisch mit den Bed�rfnissen, gem�� denen sich das Leben auf Objekte bezieht" (SPK II, S. 202). Das Leben besteht aus Bedarf an Objekten! Wer Bed�rfnisse nicht befriedigt, verst��t gegen das Leben. Das war total: Der absolute Befriedigungsanspruch revolution�r gewendet als Anspruch auf Objekte. Das Leben wurde nicht als Produktion von Objekten und Bed�rfnissen verstanden, sondern als Anspruch auf ihr Vorhandensein und die Bed�rfnisbefriedigung durch sie. Da kann nat�rlich nur noch mit, wer alle gesellschaftliche Vermittlung �berspringen kann. War ein solcher Anspruch nicht einfach nur das totalisierte Selbstverst�ndnis der B�rger?
Das SPK verstand sich als einzige wirklich revolution�re Gruppe, weil es nicht nur "die Interessen der Proletarier" sondern die der Kranken, der "bewu�t Leidenden" vertraten. Es hat das so verstanden, dass dieses Leiden eine "doppelte Ausbeutung" verk�rpert: Die Ausbeutung der Menschen "sowohl im Produktions- als auch im Konsumbereich" (SPK I, S. 11). Somit wurde alles, was Gesellschaft �berhaupt wirklich ausmacht, die Beziehung von Bed�rfnis und Arbeit der Menschen, zu einer Beziehung der Menschen zu sich selbst, zu einer reinen Bewu�tseinsidentit�t: der Klassenbegriff wurde zum Bewu�tseinsbegriff. Das Bewu�tsein bestimmt sich selbst zum Revolution�r: "Das Bewu�tsein verh�lt sich zu sich selbst als Produkt und Produzierendes" (SPK II, S. 201). Sie, die wahren, die bewu�ten Opfer des Kapitals, waren daher die einzigen, die aus ihren "Nierensteinen" die Steine machen konnten, die "in die Kommandozentralen des Kapitals" geworfen werden m�ssen (so ein Sinnspruch des begeisterungsf�higen Psychologen Peter Br�ckner).
Obwohl im Studentenparlament und AStA viele Forderungen und auch einige Zielsetzungen geteilt wurden, konnte das SPK es durch seine politische Position nicht schaffen, sich auch nur in eine Richtung anders zu verhalten, als durch Anspruch und Abgrenzung gegen�ber allen, "die ihre Krankheit nicht begriffen" haben. Es ist sicher manchmal auch schwierig, anders vorzugehen, weil es zu viele Stimmen gibt, die noch gar nicht wissen, wovon sie reden, w�hrend sie schon Aktionen aushecken. Aber ich denke, darum ging es nicht. Das SPK sah sich in der Vorreiterrolle als Opfer, das aktiv wird. Das Opfersein ist immer die potenteste Grundlage, um alles zu erreichen, was erreichbar scheint und es muss am wenigsten begr�ndet werden, je mehr die Tat als Opfertat, also der T�ter als Opfer handelt und sich weder als Opfer noch als T�ter begreifen muss. Das Opfersein spricht eben f�r sich und kann sich gleicherma�en selbst verleugnen. Ja, es ging geradezu darum, dass sie keine Opfer, sondern "bewu�t Leidende" sind und dass das Leiden die Wahrheit der Fremdbestimmung ist, gegen die sie angehen wollten, indem sie ihre Forderungen erf�llt wisssen wollen. Solcher Anspruch gr�ndet auf einer Moral des Opfers, das nicht als Opfer existiert. Er verlangt die Einl�sung einer Schuld, deren Pflicht die Verteidigung der Opfer ist. Und weil die Opfertaten eben durch dieses Bewu�tsein selbst schon die Tat begr�nden, so ist jedes Handeln omnipotent. Das Handeln ist durch sich selbst schon revolution�re Subjektivit�t, weil es das Handeln von Opfern ist, die durch ihre Tat schon keine Opfer sind.
Zugleich aber unterliegen revolution�re Opfer einem Selbstbetrug: Was ein Opfer tut gilt nicht als wirkliche Tat sondern als Notwehr, und was ein T�ter tut, gilt nicht als wirkliche Tat sondern als willk�rliche subjektive Gewalt! Keine Tat wird mehr in der Logik von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, von Bestimmung und Bestimmtheit wahrgenommen, sondern als Vernichtungsinteresse an sich, das sich gegen die wehrhaften Opfern wendet. Sie ist einzig und allein die Verfolgung der Verfolgten die reine Gewalt der staatlichen Menschenverachtung.
Tats�chlich gibt es ja viele Opfer in der Psychiatrie: Menschen, die ohne Wille und Bewu�tsein mit Elektroschock, Psychopharmaka und Deprivation verkr�ppelt wurden, weil die Psychiatrie nur durch sich selbst kontrolliert und in den stumpfen Machtmechanismus ihres Kasernenwahnsinns verfallen war. Und es war ganz klar, dass sich nicht nur die Leute im SPK, von denen nur ein relativ kleiner Teil wirklich in dieser Art betroffen war, sondern jeder, der ausflippt, davor f�rchten und h�ten muss, wenn er nur irgendwie kann.
Ein T�ter hat nur Macht, wenn sie ihm gegeben ist. Ein Opfer hat mit dem T�ter nur solange zu tun, wie der Macht �ber es hat. Es sollte sich entziehen, wenn es kann und andere auf den T�ter aufmerksam machen, damit der seine Macht verliert. Das Opfer, das sich nicht zu entziehen versucht, sondern gegen den T�ter antritt, mu� sein Tun auch begr�nden, will es sich vom T�ter unterscheiden. Politik als T�tigkeit des Opfers ist der Kern jeder Selbstgerechtigkeit. Ein solcher Begriff ist schnell der Kern der politischen Selbstbegr�ndung f�r unbegr�ndetes oder sogar unbegr�ndbares Handeln, politische Moral als Prinzip der Wehr-Macht. Das bestellt den N�hrboden der Macht, die es bek�mpft. Es erzeugt die Zersetzung, durch welche sie best�rkt wird.
Das st�rkste "Argument" f�r die Anspr�che auf Finanzierung des SPK durch die Universit�tsb�rokratie war so auch nicht die jedem verst�ndliche und von vielen Seiten unterst�tzte Forderung nach einer studentischen Selbsthilfeeinrichtung, sondern der "geplante Massenmord" an den Patienten des SPK, die zum Tode verurteilt seien, wenn die Existenzmittel des SPK abgedreht werden.
Die T�ter werden so zu Terroristen, wodurch das Handeln der Opfer nur noch in der Dimension des Terrors zu verstehen ist. Terror wird mit dem Tod und der Vernichtung auch herbeigeredet. Es war um Forderungungen und Anspr�che gegangen. Jetzt ging es um Leben und Tod. Das erschlug jeden, der sich dem SPK mit Bedenken n�herte. Alle waren Lakeien des Systems. Das SPK drehte sich nur noch um sich und war politisch l�ngst isoliert, entfernt in "einer nur in Lichtjahren zu messenden Distanz" (SPK II, 1971, S. 269). Und darauf war es auch irgendwie stolz. Der wesentliche Unterschied zur sonstigen Linke sei n�mlich, dass die nur �quantitativ argumentiert (Mehrwert, Lohn, Arbeitszeit, materielle Verelendung, Mehrheitsentscheidungen) und das SPK dagegen qualitativ (widerspr�chliche Bed�rfnisse = Krankheit)� (SPK II, S. 253).
Kann sein, dass die sonstigen politischen Gruppen befangen waren durch ihre studentische Existenz. Das SPK war es auch. Aber alleine durch seine Begrifflichkeit war es etwas anderes: Es bestand aus den "bewu�t Kranken", die "nichts zu verlieren hatten als ihre Hemmung, nichts zu verlieren als ihre Freiheit, sich ausbeuten, unterdr�cken und schlie�lich umbringen zu lassen"(SPK II, 1971, S. 234). Die "Kranken" waren nicht nur revolution�res Subjekt, sie waren ausschlie�liches revolution�res Subjekt. "Die Kranken sind an sich und als bewu�t Leidende f�r sich die revolution�re Klasse." (SPK II, S. 207) Die Fronten zu anderen Gruppen ergaben sich alleine schon aus diesem bis dahin entwickelten Politikverst�ndnis. "Wer das Problem nicht erkennt, ist Teil des Problems." Diese �berhebung war total und sollte dem SPK die Erkenntnishoheit, die Wahrheit f�r sich �berlassen. Eine Kritik an seiner Theorie wurde wie eine Kriegserkl�rung genommen. Jede Kritik, schon Sprachwendungen, die andere Urspr�nge als die des SPKs verrieten, waren Verrat durch die Leute, die zum Problem geh�rten, die also per se dem "System unterworfen" waren. "Wer nicht f�r uns ist, ist gegen uns!" Der einstige "Kern" f�hlte sich bedroht und verfolgt. Wer hier neu herein kam, dem wurde erst mal erz�hlt, dass die Gewehre der Polizei von �berall auf ihn gerichtet sind. Zwei Mitglieder wurden ohne irgendeine Auseinandersetzung aus dem SPK geschmissen, weil "sie gesehen wurden", wie sie sich mit politisch aktiven Studenten des Kommunistischen Bundes getroffen hatten. Sie bekamen Hausverbot
. Ich wollte, dass das diskutiert wurde und dass die Leute, die das beschlossen hatten, das auch allen anderen begr�nden. Es kam aber nur zu Abgrenzungen, die die Hilflosigkeit in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen offenbarte. In der praktischen Politik war das SPK zu keinem B�ndnis bereit, wo ihm "nur" punktuelle Solidarit�t angeboten wurde. Wer sich mit einem anderen Verst�ndnis auf die Macht der Administrationen bezog, als mit dem des SPK, der kapierte eben nichts. Das war die Formel zur Diskriminierung aller anderen Gruppen. Niemand vertrat ausdr�cklich diesen Rauswurf oder wollte gar �ber die "SPK-feindliche Politik" des KB inhaltlich etwas zu sagen. Es sollte in keinem eigenen Interesse mit anderen Gruppen kooperiert werden, weil es nur noch um eine politische Gesinnungsfront ging. Ohne es sonderlich zu betonen, gingen die SPK-Mitglieder jetzt noch einen Schritt weiter: Das Leben ist nicht in der Krankheit widerspr�chlicher Ausdruck des Systems. Es besteht nur in der Krankheit. Nur wer sich als Kranker begreift, kann das kapitalistische System bek�mpfen. Wer diesen Kampf nicht voll und ganz unterst�tzt, der stellt sich "objektiv" gegen es, ist ein Verr�ter und muss selbst bek�mpft werden. Das SPK war zu einer Sekte geworden. Die, die es bedroht und unter Druck gesetzt hatten, hatten es nun wirklich geschafft, das SPK verr�ckt zu machen.
Seit Herbst 1970 war das SPK nur noch durch Handkassengelder des Rektorats und unter der Bedrohung eines jederzeit vollstreckbaren R�umungsurteils gehalten worden. Er wollte Zeit gewinnen, bis eine Ersatzstelle f�r die "Patienten" geschaffen ist. Dem linksliberalen Universit�tsrektor sollte sein Verhalten sp�ter das Amt kosten. Der innere Druck im SPK muss unertr�glich gewesen sein. Eine junge Frau im SPK brachte sich um und hinterlie� einen Zettel: "Ich habe nichts verstanden". Hundert Meter vor Hubers Haus wurde bei einer Polizeikontrolle ein Polizist beschossen und an der Schulter verletzt. Der T�ter fl�chtete angeblich in Hubers Haus. Verbindungen zur RAF wurden vermutet, als die sichergestellte Pistole als Besitz von Ulrike Meinhof festgestellt war und die gefl�chteten Insassen des kontrollierten Wagens gef�lschte Ausweise zur�ckgelassen hatten. Einer sollte einem SPK-Mitglied geh�ren. Das SPK stellte das als Unterschiebung hin, durch die es zerschlagen werden sollte. Einige Zeit sp�ter standen einige Mitglieder als Terroristen auf den RAF-Fahndungsplakaten.
Ursprung des Krankheitsbegriffs vom SPK war die Auffassung eines Widerspruchs in den Menschen, die sich ihrer Lage nicht bewu�t sind und deshalb nicht bewusst handeln, der Widerspruch von Hemmung und Protest. Anfangs war es darum gegangen � und so war es ja auch von Wilhelm Reich �bernommen � dass die Hemmungen aufgehoben werden, wenn das Leben seine eigene Kraft entfalten kann und sich im Protest gegen die herrschenden Verh�ltnisse ausdr�ckt und durchsetzt. Die lebende Empfindungswelt war so im Gegensatz zur Objektwelt der Staats- und Sachherrschaft verstanden. Das w�re in dieser Form eine relativ allgemein verbreitete Theorie gewesen, in der keine Abschottung des SPK n�tig gewesen w�re � was auch immer man dar�ber noch denken mag. Aber was soll da eine Theorie, dass die "Krankheit" die Lebensform dieses Widerspruchs sei? Zum einen will sie sagen: Du bist nicht das Problem, Du hast es! Zum anderen will sie aber auch einen Widerspruch in Dir selbst thematisieren: Du hast ein Problem und tust nichts. Logisch w�re, dass die Krankheit durch den ausgef�hrten Protest aufgehoben ist. Was sollte dann diese ganze Theorie �ber die "bewu�t Leidenden", die Kranken als Avantgarde? Sie sollte das Problem als unl�sbares hinstellen � unl�sbar, solange es den Kapitalismus gibt. Das ist ein doppelb�diger Unsinn: Der Kapitalismus ist also notwendig in uns, solange er au�er uns ist. Das macht den, der solche Spr�che ausgibt, zu einem Guru, weil er alle zugleich l�hmt, w�hrend er sie zum Protest auffordert. Das hat aus dem SPK die Sekte gemacht. Daran gebunden waren die Mitglieder, weil das SPK zugleich ein notwendiger Ort f�r Betroffene war, die darin menschliche Verbindungen gegen die Gebundenheit an der Psychiatrie und Psychotherapie finden konnten. Und es war fatal, dass sie durch den politischen Wahnsinn der SPK-Theorie der Sekte unterworfen waren. Im SPK hatte sich ein Denken entwickelt, das letztlich nur intellektuell war und sich als "Wahrheit" des Leidens gegen die Welt stellen wollte. Seine Politik wurde damit zum Vollstrecker einer Egozentrik, die selbstzerst�rerisch wird, weil sie alle Unterschiede mit anderen Gruppierungen und Politik als Frage der eigenen Wahrheit auffasste, die sich nicht mit den Widerspr�chen der Welt befassen wollte, sondern mit der man sich nur noch durchsetzen kann. Und das ist von vorne herein eine Gewaltfrage und im Bezug auf andere lediglich eine Agitation zum �Seitenwechsel� von Gewaltma�nahmen.