Siehe

Zum Thema siehe auch  => Tauschwert  => Wert



Ausgangspunkt der marxschen Analyse ist nicht die Arbeit, sondern die Ware. Er beschreibt sie zun�chst in ihrer Widerspr�chlichkeit von Gebrauchswert und Tauschwert und als Produkt menschlicher Arbeit. Den Tauschwert der Waren kennzeichnet er zunächst wie folgt:

�Der Tauschwert erscheint zunächst als das quantitative Verhältnis, die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt. Der Tauschwert scheint daher etwas Zufälliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert (valeur intrinseque) also eine contradictio in adjecto.“ (MEW Bd. 23 S. 50)

Dann betrachtet Marx die Sache näher und kommt zu folgendem Ergebnis:

"Eine gewisse Ware, ein Quarter Weizen z. B. tauscht, sich mit x Stiefelwichse oder mit y Seide oder mit z Gold usw., kurz mit andern Waren in den verschiedensten Proportionen. Mannigfache Tauschwerte also hat der Weizen statt eines einzigen. Aber da x Stiefelwichse, ebenso y Seide, ebenso z Gold usw. der Tauschwert von einem Quarter Weizen ist, m�ssen x Stiefelwichse, y Seide, z Gold usw. durch einander ersetzbare oder einander gleich gro�e Tauschwerte sein. Es folgt daher erstens: Die g�ltigen Tauschwerte derselben Ware dr�cken ein Gleiches aus. Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die „Erscheinungsform" eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein. (MEW Bd. 23 S. 51)

Was also ist der von seiner Erscheinungsform unterscheidbare Gehalt von Tauschwert, also „zunächst“ (!!!) dem quantitativen Verhältnis, „worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen“?

Marx fährt fort:

"Dies Gemeinsame kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige nat�rliche Eigenschaft der Waren sein. Ihre k�rperlichen Eigenschaften kommen �berhaupt nur in Betracht, soweit selbe sie nutzbar machen, also zu Gebrauchswerten.� (MEW Bd. 23 S. 51)

"Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenk�rper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.� (MEW Bd. 23 S. 52)

und kommt zu dem Ergebnis:

"Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen �briggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.(MEW Bd. 23 S. 52)

Ich finde, dass diese Unterscheidung von Tauschwert und Wert ebenso klar wie einsichtig ist. Was unserem Vorstellungsvermögen solche Schwierigkeiten bereitet, ist die �gespenstige Gegenst�ndlichkeit, eine blo�e Gallerte unterschiedslos menschlicher Arbeit� zu sein

Nachdem er die den Waren immanenten Werte als Kristalle einer �gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz� (unterschiedslos menschliche Arbeit) identifiziert hat, geht er den nächsten Schritt:

"Es k�nnte scheinen, da�, wenn der Wert einer Ware durch das w�hrend ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft besitzt und als solche gesellschaliche Durchschnitts-Arbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen.Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z.B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines frühern Werts.….Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art.(MEW Bd. 23 S. 53)

Damit hat er nach der Wertsubstanz bestimmt, was die Wertgröße ausmacht. Bleibt noch die Entwicklung der Wertform, die dem „gesunden Menschenverstand“ ebenfalls viel Kopfzerbrechen bereitet. Die Überschrift des Abschnittes über die Wertform heißt: �Die Wertform oder der Tauschwert�.

Der Tauschwert der Waren wird jetzt also nicht mehr betrachtet als quantitatives Austauschverhältnis, in der er zunächst erscheint, sondern als bloße Form des Wertes. Marx entwickelt darin Schritt für Schritt die Wertform von der einfachen Wertform bis hin zur Geldform.

"Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder Austauschverh�ltnis der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Wertes zurückkehren.“ (MEW Bd. 23 S. 62)

Im Gegensatz zu manch modernen Interpretationen sind für Marx Waren etwas �Doppeltes�, nämlich �Gebrauchsgegenst�nde und zugleich Wertt�ger� und besitzen schon als Waren „Wertform“, nämlich in der einfachen Wertform.

"Sie erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“ (MEW Bd. 23 S. 62)

Um Unterschied zu manch moderner Interpretation spricht Marx in diesem Zusammenhang ausdrücklich von der „Wertgegenständlichkeit der Waren“:

"Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenst�ndlichkeit der Warenk�rper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“ (MEW Bd. 23 S. 62)

Daraus, das die Wertgegenständlichkeit der einzelnen Ware nicht an ihr selbst erscheinen kann, machen nun manche Leute, dass die einzelnen Waren gar keine Wertgegenständlichkeit besäßen, keine Träger von Wert seien. Die sei erst vorhanden mit der höchsten Entwicklung der Wertform, dem Geld. Im Gegensatz zu Marx spielt die einfache Wertform, die sich ausdrückt im Verhältnis einer Ware zu einer anderen, darin keine große Rolle. Für Marx jedoch bestand gerade in der Analyse der einfachen Wertform, das zu lüftende Geheimnis:

"Das Gemeimnis aller Wertform steckt in dieser einfachen Wertform. Ihre Analyse bietet daher die eigentliche Schwierigkeit.� (MEW Bd. 23 S. 63)

Worin also besteht diese einfache Wertform:

"Es spielen hier zwei verschiedenartige Waren A und B, in unsrem Beispiel Leinwand und Rock, offenbar zwei verschiedene Rollen. Die Leinwand dr�ckt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks. Die erste Ware spielt eine aktive, die zweite eine passive Rolle. Der Wert der ersten: Ware ist als relativer Wert dargestellt, oder sie befindet sich in relativer Wertform. Die zweite Ware funktioniert als Äquivalent oder befindet sich in Äquivalentform.(MEW Bd. 23 S. 63)

In der einfachen Wertform drückt also eine einzelne Ware (zufälllig) den Wert einer anderen aus. Eine einzelne Ware ist in diesem Verhältnis „Wertform“. Es ist diese Äquivalentform, deren Entwicklung zu einem allgemeinen Äquivalent und schließlich zum Geld führt. Mit seiner Geldanalyse ist für Marx die Wertformanalyse dann abgeschlossen.
Ich will die logischen Entwicklung von Marx nicht im einzelnen darstellen, sondern hier nur noch einmal erwähnen, dass es mittlerweile viele Bücher von Marxisten über dieses Thema gibt, die neuerdings aber nicht den Marxschen Ansatz weiter verfolgen, sondern schnurstracks von im weg führen, etwa in Gestalt der „monetären Werttheorie“ von M. Heinrich. Vieles, was da entwickelt wird, erscheint mir als bloße Begriffsakrobatik im Wissenschaftsbetrieb

Abschließend:
Was Marx in seinen Abschnitten über „Ware und Geld“ entwickelt hat, ist die Grundlegung seiner Kapitalkritik, der von ihm in der Darstellung gewählte Ansatz. Was da geschrieben steht, erklärt uns nicht, wie das konkret funktioniert in der kapitalistischen Ökonomie. Es ist nur der erste Schritt, der Einstieg in die Kritik des Kapitals. Z. B.: In einer kapitalistischen Ökonomie wird nicht Ware gegen Ware getauscht, sondern Ware gegen Geld. Wie das Wertgesetz sich durchsetzt, das Hauptanliegen von Marx, wird erst schlüssig entwickelt und verständlich im Rahmen der Gesamtarbeit, die in Kapital Bd. 1 bis 3 steckt. Wer also in der marxschen Theorie und in der Wirklichkeit danach sucht, in welchem Verhältnis sich Ware gegen Ware tauscht, wird nicht fündig werden. (In der entwickelten oder verallgemeinerten Warenproduktion, wie sie den Kapitalismus kennzeichnet, werden Waren immer gegen Geld getauscht und nicht gegen eine andere Ware.) Er oder sie hat Marx missverstanden und mehr noch das, was in der kapitalistischen Wirklichkeit vorgeht. Man sollte jedenfalls nicht erwarten, dass in den ersten Abschnitten des Kapital uns präsentiert wird, wie kapitalistische Ökonomie funktioniert

Robert Schlosser

Mai 2013