Aus Elias Canette: Masse und Macht (Fischer Taschenbuch Verlag 1997)

Der Fall Schreber - Erster Teil

 

Ein Dokument, wie man es sich reichhaltiger und ergiebiger nicht w�nschen k�nnte, sind die >Denkw�rdigkeiten< des fr�heren Dresdener Senatspr�sidenten Schreber."Er war ein Mann von Bildung und Verstand; sein Beruf hatte ihn zu klaren Formulierungen erzogen. Er hatte sieben Jahre als Paranoiker in Heilanstalten verbracht, als er sich dazu entschlo�" das, was der Welt als sein Wahnsystem erscheinen mu�te, in allen Einzelheiten niederzuschreiben. Seine >Denkw�rdigkeiten eines Nervenkranken< sind ein ganzes Buch geworden. Er war von der Richtigkeit und Bedeutung seiner selbstgeschaffenen Religion so fest �berzeugt, da� er sie nach der Aufhebung seiner Entm�ndigung im Druck erscheinen lie�. Die sprachlichen Mittel, die ihm zu Gebote stehen, sind f�r die Darstellung eines so eigent�mlichen gedanklichen Gebildes wie geschaffen; er erfa�t damit gerade so viel, da� nichts Wesentliches im Dunkeln bleibt. Er pl�diert und ist zum Gl�ck kein Dichter: so kann man ihm �berallhin folgen und ist doch vor ihm gesch�tzt.

lch will einige der auffallendsten Z�ge seines Systems herausheben, soweit das in K�rze m�glich ist. Es scheint mir, da� man der Natur der Paranoia hier sehr nahekommen kann. Wenn andere, die dasselbe untersuchen, vielleicht zu anderen Ergebnissen gelangen, so mag das ein Beweis f�r den Reichtum dieser >Denkw�rdigkeiten< sein.

Der Anspruch, mit dem Schreber auftritt, wird dort am deutlichsten, wo er ihn scheinbar einschr�nkt. �Ich bin eben auch nur ein Mensch�, sagt er fast zu Beginn, �und daher an die Grenzen menschlicher Erkenntnis gebunden.� Nur soviel unterliegt f�r ihn keinem Zweifel, da� er der Wahrheit unendlich viel n�her gekommen ist als alle anderen Menschen. Dann geht er gleich auf die Ewigkeit �ber. Der Gedanke an sie durchzieht sein ganzes Buch, sie bedeutet ihm mehr als den gew�hnlichen Menschen. Er kennt sich in ihr aus und betrachtet sie als etwas, das ihm nicht nur geb�hrt, sondern angeh�rt. Er rechnet in riesigen Zeitr�umen: Die Erlebnisse, die er hat, erstrecken sich �ber Jahrhunderte. Es kommt ihm so vor, als ob einzelne N�chte die Dauer von Jahrhunderten gehabt h�tten, so da� innerhalb dieser Zeit sehr wohl die tiefgreifendsten Ver�nderungen mit der ganzen Menschheit, mit der Erde selbst und dem ganzen Sonnensystem sich vollzogen haben k�nnten<. Im Weltraum ist er nicht weniger zu Hause als in der Ewigkeit. Manche Sternbilder und einzelne Sterne: Kassiopeia, Wega, Capella, die Plejaden haben es ihm besonders angetan. Er spricht von ihnen, als w�ren es Autobusstationen gleich um die Ecke. Dabei ist er sich ihrer wirklichen Entfernungen von der Erde sehr wohl bewu�t. Er hat astronomische Kenntnisse und verkleinert die Welt nicht. Es ist im Gegenteil so, da� ihn die Weltk�rper gerade deswegen anziehen, weil sie so weit entfernt sind. Die Gr��e des Raumes lockt ihn; er will so weit sein wie dieser und sich ganz �ber ihn erstrecken.

Man hat aber nicht den Eindruck, da� es ihm um den Proze� des Wachstums zu tun sei, es ist mehr ein Ausstrecken als ein Wachsen; er will die Weite, um sich in ihr zu befestigen und zu

behaupten. Die Position als solche ist das Wichtige, und sie kann nicht gro� und ewig genug sein. Als oberstes Prinzip gilt ihm die Weltordnung. Er stellt sie �ber Gott; wenn Gott ihr zuwiderzuhandeln versucht, ger�t er in Schwierigkeiten. Von seinem eigenen, menschlichen K�rper spricht Schreber oft, als ob er ein Weltk�rper w�re. Die Ordnung des Planetensystems besch�ftigt ihn so wie andere die ihrer Familie. Er w�nscht sich in ihr enthalten, durch sie festgelegt zu sein. Die Unver�nderlichkeit und Dauer der Sternkonstellationen, wie man sie nun

wirklich seit Jahrtausenden schon kennt, mag ihn besonders auch zu ihnen hingezogen haben. Eine >Stellung< unter ihnen war eine Stellung f�r die Ewigkeit.

Dieses Positionsgef�hl des Paranoikers ist von wesentlicher Bedeutung: Immer geht es darum, eine exaltierte Stellung zu verteidigen und zu sichern. Auch beim Machthaber kann es, der Natur der Macht nach, nicht anders sein: Das subjektive Gef�hl, das er f�r seine Position hat, unterscheidet sich in nichts von der des Paranoikers. Wer es vermag, umgibt sich mit Soldaten und schlie�t sich in Festungen ein. Schreber, der sich auf vielfache Weise bedroht f�hlt, h�lt sich an den Sternen fest. Denn es geht, wie sich zeigen wird, drunter und dr�ber in der Welt. Um diese Gefahren begreiflich zu machen, ist es notwendig, einiges �ber die Bev�lkerung seiner Welt zu sagen.

Die menschliche Seele, meint Schreber, ist in den Nerven des K�rpers enthalten. Solange der Mensch lebt, ist er K�rper und Seele zugleich. Wenn er aber stirbt, bleiben die Nerven als Seele �brig. Gott ist immer nur Nerv, nie K�rper. Er ist also der menschlichen Seele verwandt, aber ihr unendlich �berlegen, denn die Zahl der Gottesnerven ist unbeschr�nkt, und sie sind ewig. Die Gottesnerven haben die Eigenschaft, sich in Strahlen umzusetzen, die der Sonne und der Sterne zum Beispiel. Gott hat Freude an der Welt, die er erschaffen hat, doch greift er nicht unmittelbar in ihre Geschicke ein. Nach der Erschaffung hat er sich von ihr zur�ckgezogen und h�lt sich nun meist in der Ferne auf. Gott darf den Menschen gar nicht zu nahe kommen, denn die Nerven der Lebenden haben eine derartige Anziehungskraft f�r ihn, da� er von ihnen nicht mehr loskommen k�nnte und in seiner eigenen Existenz bedroht w�re. Er ist also immer auf der Hut vor den Lebenden, und wenn es doch einmal geschieht, da� er sich durch ein inbr�nstiges Gebet oder durch einen Dichter in die N�he locken l��t, so zieht er sich schleunigst wieder zur�ck, bevor es zu sp�t ist.

>Ein regelm��iger Verkehr Gottes mit Menschenseelen fand erst nach dem Tode statt. Den Leichen konnte sich Gott ohne Gefahr n�hern, um ihre Nerven aus dem K�rper zu sich hinaufzuziehen und zu neuem himmlischem Leben zu erwecken.< Aber die Menschennerven mu�ten zu diesem Zwecke erst gesichtet und gel�utert werden. Gott konnte nur reine Menschennerven brauchen, weil es ihre Bestimmung war, ihm selbst angegliedert und schlie�lich als >Vorh�fe des Himmels zu Bestandteilen seiner selbst zu werden<. Ein komplizierter L�uterungsproze� war dazu n�tig, den auch Schreber im einzelnen nicht zu beschreiben vermag. Wenn die Seelen dann durch diesen Proze� hindurchgegangen und zum Himmel emporgestiegen waren, verga�en sie allm�hlich, wer sie auf Erden waren; doch nicht alle gleich rasch. Bedeutende Menschen wie Goethe oder Bismarck behielten ihr Selbstbewu�tsein vielleicht noch auf Jahrhunderte; aber niemand, auch der Gr��te nicht, f�r immer. Denn >es war die Bestimmung aller Seelen schlie�lich, verschmolzen mit anderen Seelen, in h�heren Einbeiten aufzugehen und sich damit nur noch als Bestandteile Gottes - >Vorh�fe des Himmels< - zu f�hlen.

Die Verschmelzung der Seelen zu einer Masse wird hier als die h�chste aller Seligkeiten gesetzt. Man entsinnt sich mancher bildlicher Darstellung aus dem christlichen Kreis: Engel und Heilige alle dicht beieinander wie Wolken, manchmal wirklich als Wolken, in denen nur bei genauerem Hinsehen Kopf neben Kopf zu erkennen ist. Diese Vorstellung ist so gel�ufig, da� man �ber ihre Bedeutung gar nicht nachdenkt. Sie dr�ckt aus, da� die Seligkeit nicht nur in der N�he zu Gott besteht, sondern im dichten Beisammensein der Gleichen. Mit der Bezeichnung >Vorh�fe des Himmels< wird der Versuch unternommen, die Konsistenz dieser Masse seliger Seelen noch dichter zu gestalten, sie sind wirklich in >h�heren Einheiten< aufgegangen.

Von den lebenden Menschen verstehe Gott nicht viel. In sp�teren Teilen der >Denkw�rdigkeiten< wirft ihm Schreber immer wieder seine Unf�higkeit vor, den lebenden Menschen, zu verstehen und namentlich seine Denkt�tigkeit richtig zu beurteilen. Er spricht von Gottes Verblendung, die auf seiner Unkenntnis der Menschennatur beruhe. Er sei eben nur den Umgang mit Leichen gewohnt und h�te sich wohl davor, den Lebenden zu nahe zu kommen. Die ewige g�ttliche Liebe bestehe im Grunde nur der Sch�pfung als Ganzem gegen�ber. Ein Wesen von jener absoluten Vollkommenheit, die ihm die meisten Religionen beilegen, ist Gott nicht. Sonst h�tte er sich auch nicht zu der Konspiration gegen unschuldige Menschen verleiten lassen, die der eigentliche Kern der Krankheit Schrebers war. Denn in den >wundervollen Aufbau< der Welt, wie sie eben geschildert wurde, ist pl�tzlich ein Ri� gekommen. �ber die Gottesreiche ist eine schwere Krise hereingebrochen, die mit dem pers�nlichen Schicksal Schrebers zusammenh�ngt.

Es handelt sich um nichts weniger als um einen Fall von Seelenmord. Schreber war schon einmal krank gewesen und hatte sich damals in die Behandlung des Leipziger Psychiaters Professor Flechsig begeben. Nach einem Jahr war er von diesem als geheilt entlassen worden und konnte seinen Beruf wieder aufnehmen. Schreber war dem Psychiater damals sehr dankbar gewesen, noch mehr seine Frau, >die in Professor Flechsig geradezu den verehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe, und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische stehen hatte<. Schreber verlebte nun acht gesunde, gl�ckliche und sehr arbeitsreiche Jahre mit seiner Frau. Er hatte w�hrend dieser ganzen Zeit h�ufig Gelegenheit, das Bild Flechsigs auf dem Arbeitstisch seiner Frau wiederzusehen, und es mu� ihn, ohne da� er sich dar�ber klar war, sehr besch�ftigt haben. Denn als er von neuem erkrankte und man begreiflicherweise wieder zu Flechsig ging, der sich schon einmal so bew�hrt hatte, stellte es sich heraus, da� die Figur des Psychiaters in Schrebers Geist zu ganz gef�hrlichen Dimensionen angewachsen war.

Vielleicht hatte Schreber, der selbst als Richter einige Autorit�t besa�, es dem Psychiater heimlich nachgetragen, da� er ein Jahr lang in seiner Macht gewesen war. Sicher ha�te er ihn jetzt daf�r, da� er wieder in seine Macht geriet. Es bildete sich die �berzeugung in ihm heraus, da� Flechsig Seelenmord oder Seelenraub an ihm treibe. Die Vorstellung, da� es m�glich sei, sich der Seele eines anderen zu bem�chtigen, sei uralt und �berall verbreitet. Auf solche Weise eigne man sich die geistigen Kr�fte des Betroffenen an oder verschaffe sich selbst ein l�ngeres Leben. Aus Ehrgeiz und Herrschsucht hatte Flechsig ein Komplott mit Gott geschmiedet und diesem einzureden versucht, da� es auf die Seele eines Schreber doch nicht ankommen k�nne. Vielleicht hatte es sich sogar schon um eine �ltere Rivalit�t zwischen den beiden Familien Schreber und Flechsig gehandelt. Irgendein Flechsig mag pl�tzlich das Gef�hl gehabt haben, da� ein Mitglied der Familie Schreber der seinigen den Rang abgelaufen habe. Er stiftete darum eine Verschw�rung mit Elementen der Gottesreiche, in der Richtung etwa, da� den Schrebers die Wahl bestimmter Berufe, die sie in n�here Beziehungen zu Gott f�hren konnten, versagt werden solle. Ein solcher Beruf war der eines Nervenarztes; bei der Bedeutung der Nerven als der eigentlichen Substanz, aus der Gott wie alle �brigen Seelen bestand, war es klar, welche Macht einem Nervenarzt zukam. So ergab es sich, da� kein Schreber Psychiater war, wohl aber ein Flechsig; der weitere Weg zum Seelenraub stand den Verschw�rern offen; Schreber war in der Macht des M�rders seiner Seele.

Vielleicht ist es n�tzlich, schon hier auf die Bedeutung von Komplotten f�r den Paranoiker hinzuweisen. Konspirationen oder Verschw�rungen sind bei ihm an der Tagesordnung, man ist sicher, auf alles zu sto�en, das auch nur entfernt �hnlich klingt. Der Paranoiker f�hlt sich umstellt. Sein Hauptfeind wird sich nie damit begn�gen, ihn allein anzugreifen. Er wird immer eine geh�ssige Meute gegen ihn aufzuregen suchen und sie im richtigen Augenblick auf ihn loslassen. Die zur Meute Geh�rigen halten sich erst versteckt, sie k�nnen �berall sein. Sie stellen sich harmlos und unschuldig, als w��ten sie nicht, worauf sie lauern. Aber die durchdringende Geisteskraft des Paranoikers vermag es, sie zu entlarven. Wo immer er hingreift, zieht er einen Verschworenen heraus. Immer, auch wenn sie gerade nicht kl�fft, ist die Meute da; ihre Gesinnung ist unver�nderlich. Einmal vom Feinde gewonnen, bleiben sie, was sie sind, seine treu ergebenen Hunde. Er kann mit ihnen umspringen, wie er will. An der Leine seiner Schlechtigkeit h�lt er sie auch auf gro�e Entfernung fest. Er dirigiert sie, wie es ihm pa�t, und sucht sie am liebsten so aus, da� sie von allen Seiten zugleich und in gro�er �bermacht auf den Betroffenen eindringen.

Da nun diese Konspiration gegen Schreber einmal zustande gebracht war, wie spielte sich dann der Kampf gegen ihn wirklich ab? Was waren die Ziele der Verschworenen und was f�r Ma�nahmen trafen sie, um ihre Ziele zu erreichen? Das wichtigste und eigentliche, aber nicht das einzige Ziel, von dem sie im Laufe langer Jahre nicht ablassen mochten, war die Zerst�rung seines Verstandes. Er sollte bl�dsinnig gemacht werden. Die Erkrankung seiner Nerven sollte so weit getrieben werden, da� er ein f�r allemal als unheilbar erschien. Was konnte einen Mann von seiner Geistesart tiefer treffen? Seine Krankheit begann mit einer qu�lenden Schlaflosigkeit. Was immer dagegen unternommen wurde, war vergeblich. Von Anfang an, meint Schreber, bestand die Absicht, ihn am Schlaf zu hindern und durch Schlaflosigkeit seinen geistigen Zusammenbruch herbeizuf�hren. Als Mittel dazu wurden eine Unzahl von Strahlen auf ihn losgelassen. Sie stammten erst von Professor Flechsig; aber dann begannen sich auch die Seelen von Verstorbenen, die ihren L�uterungsproze� noch nicht beendet hatten, >gepr�fte Seelen<, wie sie Schreber nennt, in steigendem Ma�e f�r ihn zu interessieren, und drangen als Strahlen in ihn ein. Gott selbst beteiligte sich an dieser Einwirkung. Alle diese Strahlen spracben nun zu ihm, aber so, da� sie anderen nicht vernehmlich waren. Es war wie bei einem Gebet, das man still in sich hersagt, ohne die Worte, aus denen es besteht, laut auszusprechen. Der peinliche Unterschied war nur der, da� die Worte eines solchen Gebets vom eigenen Willen abh�ngig sind, w�hrend die Strahlen, die ihm von au�en aufgezwungen wurden, daherredeten, was sie wollten.

�Ich k�nnte hier Hunderte, wenn nicht Tausende von Namen nennen, die als Seelen mit mir verkehrten ... Alle diese Seelen sprachen als >Stimmen< auf mich ein, jede von ihnen ohne von der Anwesenheit der anderen etwas zu wissen. Welcher heillose Wirrwarr dadurch in meinem Kopf entstand, wird jeder ermessen k�nnen.

Infolge meiner st�ndig anwachsenden Nervosit�t und der dadurch gesteigerten Anziehungskraft f�hlte sich eine immer gr��ere Anzahl abgeschiedener Seelen zu mir angezogen, um sich dann auf meinem Kopfe oder in meinem Leibe zu verfl�chtigen. Der Vorgang endete in sehr zahlreichen F�llen damit, da� die betreffenden Seelen zuletzt noch als sogenannte >kleine M�nner< - winzige Fig�rchen in Menschenform, aber vielleicht nur von der Gr��e einiger Millimeter - ein kurzes Dasein auf meinem Kopfe f�hrten, um dann v�llig zu verschwinden ... In sehr vielen F�llen wurden mir die Sterne oder Sternbilder genannt, von denen sie ausgingen oder >unter denen sie hingen< ... Es gab N�chte, wo die Seelen schlie�lich als >kleine M�nner< zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden auf meinen Kopf herabtr�ufelten. Dabei warnte ich immer vor der Ann�herung, weil ich jedesmal nach fr�heren Vorg�ngen das Bewu�tsein von der ins Ma�lose gesteigerten Anziehungskraft meiner Nerven hatte, w�hrend die Seelen eine so bedrohliche Anziehungskraft immer zun�chst f�r ganz unglaublich hielten.�

�In der Sprache der Seelen hie� ich >Der Geisterseher<, d. h. ein Mensch, der Geister sieht, mit Geistern oder abgeschiedenen Seelen Verkehr hat. In der Tat wird, seitdem die Welt steht, wohl kaum ein Fall wie der meinige vorgekommen sein, da� n�mlich ein Mensch nicht blo� mit einzelnen abgeschiedenen Seelen, sondern mit der Gesamtheit aller Seelen und mit Gottes Allmacht selbst in kontinuierlichen Verkehr getreten w�re.�

Das Massenhafte dieser Vorg�nge f�r Schreber ist evident. Der Weltraurn bis zu den fernsten Sternen ist mit Seelen von Abgeschiedenen bev�lkert. Sie haben alle ihren zugewiesenen Ort, an dem sie hausen, diesen oder jenen wohlbekannten Stern. Pl�tzlich, durch seine Krankheit, wird er zu ihrem Mittelpunkt. Trotz seinen Warnungen dr�ngen sie sich an ihn heran. Seine Anziehung wird unwiderstehlich. Man k�nnte sagen, da� er sie als Masse um sich versarnmelt, und da es sich - wie er betont - um die Gesamtheit aller Seelen handelt, stellen sie die gr��te �berhaupt denkbare Masse vor. Aber es ist nicht einfach so, da� sie als Masse um ihn versarnmelt bleiben, etwa wie ein >Volk< um seinen >F�hrer<. Ganz im Gegenteil, es geschieht mit ihnen gleich, was die V�lker, die sich um ihre F�hrer h�ufen, erst allm�hlich, im Laufe der Jahre, erfahren: sie werden an ihm immer kleiner. Sobald sie ihn erreicht haben, schrumpfen sie schleunigst ein, bis zur Gr��e von wenigen Millimetern, und das wahre Verh�ltnis zwischen ihnen kommt so auf das �berzeugendste heraus: er, im Vergleich zu ihnen, ein Riese; sie, als winzige Kreaturen, um ihn bem�ht. Auch dabei bleibt es nicht: Der gro�e Mann schluckt sie. Sie gehen buchst�blich in ihn ein, um dann v�llig zu verschwinden. Seine Wirkung auf sie ist vernichtend. Er zieht sie an und sammelt sie, er verkleinert sie und zehrt sie auf. Alles, was sie waren, kommt nun seinem eigenen K�rper zugute. Nicht da� sie gekommen w�ren, um ihm Gutes zu tun. Ihre Absicht war eigentlich eine feindliche; sie waren urspr�nglich ausgeschickt worden, um seinen Verstand zu verwirren und ihn so zugrunde zu richten. Aber gerade an dieser Gefahr war er gewachsen. Jetzt, da er sie zu b�ndigen versteht, ist er auf die Macht seiner Anziehung nicht wenig stolz.

Auf den ersten Blick k�nnte Schreber in der Sph�re seines Wahns wie eine Figur aus vergangenen Zeiten erscheinen. da der Geisterglaube allgemein war und die Seelen der Toten wie Flederm�use um die Ohren der Lebenden schwirrten. Es ist, als �bte er den Beruf eines Schamancn, der die Welten der Geister auf das genaueste kennt, sich mit ihnen in direkte Verbindung zu setzen versteht und sie allen m�glichen menschlichen Zwecken dienstbar macht. Als >Geisterseher< l��t er sich denn auch gern bezeichnen. Aber die Macht eines Schamanen reicht lange nicht so weit wie die Schrebers. Der Schamane hat die Geister manchmal wohl in sich. Aber sie l�sen sich da nicht auf, immer behalten sie ihre separate Existenz, und es ist ausgemacht, da� er sie einmal wieder entlassen mu�. In Schreber hingegen gehen sie ganz auf und verschwinden. als h�tten sie nie f�r sich existiert. Sein Wahn, in der Verkleidung einer veralteten Weltauffassung, die eine Existenz von Geistern voraussetzt, ist in Wirklichkeit das genaue Modell der politischen Macht, die sich von der Masse n�hrt und aus ihr zusammensetzt. Jeder Versuch einer begrifflichen Analyse der Macht kann der Klarheit der Schreberschen Anschauung nur Abbruch tun. Alle Elemente der realen Verh�ltnisse sind in ihr gegeben: Die starke und vorhaltende Anziehung auf die einzelnen, die sich zu einer Masse versammeln sollen, ihre zweifelhafte Gesinnung, ihre B�ndigung, indem man die zu ihr Geh�rigen verkleinert, ihr Aufgehen in den Machthaber, der die politische Macht in seiner Person, seinem K�rper, vorstellt; seine Gr��e, die sich auf diese Weise unaufh�rlich erneuern mu�; und schlie�lich ein letzter und sehr wichtiger Punkt, der bis jetzt noch nicht zur Sprache gekommen ist, das Gef�hl des Katastrophalen, das damit verbunden ist, eine Gef�hrdung der Weltordnung, die sich eben aus jener rapid zunehmenden und unerwarteten, eigenen Anziehung herleitet.

F�r dieses Gef�hl sind in den >Denkw�rdigkeiten< reichlich Zeugnisse vorhanden. Schrebers Visionen vom Weltuntergang haben etwas Gro�artiges; hier soll vorerst eine Stelle herangezogen werden, die mit seiner Anziehungskraft auf die Seelen unmittelbar zusammenh�ngt. Die Seelen, die massenhaft von den Sternen auf ihn herabtr�ufeln, bringen durch ihr Verhalten die Weltk�rper, denen sie entstammen, selbst in Gefahr. Es scheint, da� die Sterne recht eigentlich aus diesen Seelen bestehen; wenn diese sich in gro�er Zahl davonmachen, um zu Schreber zu gelangen, l�st sich alles auf.

�Von allen Seiten trafen Hiobsposten ein, da� nunmehr auch dieser oder jener Stern, dieses oder jenes Sternbild habe aufgegeben werden m�ssen; bald hie� es, nunmehr sei auch die Venus �berflutet, bald, nunmehr m�sse das ganze Sonnensystem abgeh�ngt werden, bald, die Kassiopeia - das ganze Sternbild - habe zu einer einzigen Sonne zusammengezogen werden m�ssen, bald, nur die Plejaden seien vielleicht noch zu retten.�

Schrebers Besorgnis f�r den Bestand der Weltk�rper war aber nur ein Aspekt seiner Katastrophenstimmung. Viel bedeutungsvoller war eine andere Tatsache, mit der seine Krankheit begann. Sie bezog sich nicht auf die Seelen der Abgeschiedenen, mit denen er, wie man nun wei�, in ununterbrochenem Verkehr stand, sie bezog sich auf seine Mitmenschen. Diese gab es n�mlich �berhaupt nicht meh; die ganze Menschheit war untergegangen. Sich selbst hielt Schreber f�r den einzigen �briggebliebenen wirklichen Menschen. Die wenigen menschlichen Gestalten, die er immer noch sah, seinen Arzt und die W�rter der Anstalt oder andere Patienten zum Beispiel, hielt er f�r puren Schein. Es waren >fl�chtig hingemachte M�nner<, die man ihm blo� vormachte, um ihn zu verwirren. Sie kamen wie Schatten oder Bilder und l�sten sich wieder auf, er nahm sie nat�rlich nicht ernst. Die wirklichen Menschen waren alle untergegangen. Der einzige, der lebte, war er. Diese Tatsache wurde ihm nicht etwa in einzelnen Visionen offenbart, sie wurde nicht von entgegenstehenden Meinungen abgel�st; er war jahrelang fest von ihr �berzeugt. Von diesem seinem eigentlichen Glauben waren alle seine Weltuntergangsvisionen gef�rbt.

Er hielt es f�r m�glich, da� die ganze Flechsigsche Anstalt und vielleicht die Stadt Leipzig mit ihr aus der Erde >ausgehobem und nach irgendeinem Weltk�rper versetzt worden sei. Die Stimmen, die mit ihm redeten, fragten ihn manchmal, ob denn Leipzig noch stehe. Eine seiner Visionen f�hrte ihn auf einem Fahrstuhl weit in die Tiefe der Erde hinein. Er erlebte dabei alle geologischen Perioden, bis er sich pl�tzlich in einem Steinkohlenwald befand. Beim zeitweiligen Verlassen des Gef�hrts wandelte er wie auf einem Friedhof, er kreuzte die St�tten, wo die Bewohnerschaft Leipzigs lag, auch das Grab seiner eigenen Frau. - Es ist hier zu bemerken, da� seine Frau noch am Leben war und ihn in der Anstalt wiederholt besuchte.

Auf mannigfache Arten malte sich Schreber aus, wie es zum Untergang der Menschheit gekommen sei. Er dachte an eine Verminderung der Sonnenw�rme durch gr��ere Entfernung der Sonne und eine damit eingetretene allgemeine Vereisung. Er dachte an Erdbeben: Es wurde ihm die Mitteilung gemacht, das gro�e Erdbeben von Lissabon habe mit dem Fall eines Geistersehers in Zusammenhang gestanden, der dem seinen �hnlich war. Die Nachricht vom Auftreten eines Zauberers, eben des Professors Flechsig, in der modernen Welt und das pl�tzliche Verschwinden Schrebers, einer immerhin in weiteren Kreisen bekannten Pers�nlichkeit, habe Furcht und Schrecken unter den Menschen verbreitet und die Grundlagen der Religion zerst�rt. Eine allgemeine Nervosit�t und Unsittlichkeit habe um sich gegriffen und verheerelide Seuchen seien �ber die Menschheit hereingebrochen. Es war von der Lepra und der Pest die Rede, zwei Krankheiten, die man in Europa kaum mehr kannte. An seinem eigenen K�rper bemerkte er Symptome der Pest. Sie trat in verschiedenen Formen auf. Es gab die blaue, dile braune, die wei�e und die schwarze Pest.

Aber w�hrend die Menschen an allen diesen furchtbaren Seuchen zugrunde gingen, wurde Schreber selbst durch wohlt�tige Strahlen geheilt. Man m�sse n�ml.ich zwischen zwei verschiedenen Arten von Strahlen unterscheiden, den >sehrenden< und den >segnenden< Strahlen. Die ersteren waren mit Leichengiften oder einem anderen F�ulnisstoff beladen, sie trugen einen Krankheitskeim in den K�rper hinein oder brachten eine sonstige zerst�rende Wirkung in ihm hervor. Die segnenden oder reinen Strahlen hellten den Schaden wieder, den jene angerichtet hatten.

Man hat nicht den Eindruck, da� diese Katastrophen sehr gegen den Willen Schrebers �ber die Menschheit hereingebrochen sind. Er scheint im Gegenteil Genugtuung dar�ber zu empfinden, da� die Anfeindungen, denen er durch Professor Flechsig ausgesetzt war, zu solchen ungeheuerlichen Konsequenzen gef�hrt haben. Die ganze Menschheit wird bestraft und ausgerottet denn man hat sich erlaubt, gegen ihn zu sein. Nur er wird, durch die >segnenden< Strahlen, vor den Wirkungen der Seuchen gesch�tzt. Schreber bleibt als der einzige �berlebende zur�ck, weil er es selber so will. Er will der einzige sein, der auf einem riesigen Leichenfeld noch lebend steht, und dieses Leichenfeld enth�lt alle anderen Menschen. Darin erweist er sich nicht nur als Paranoiker; es ist die tiefste Tendenz in jedem >idealen< Machthaber, als der letzte am Leben zu bleiben. Der Machthaber schickt die anderen in den Tod, um selber vom Tode verschont zu bleiben: er lenkt ihn von sich ab. Nicht nur ist ihm der Tod der andern gleichg�ltig; es treibt ihn alles dazu, ihn auf massenhafte Weise herbeizutuhren. Ganz besonders greift er zu dieser radikalen Auskunft, wenn seine Herrschaft �ber die Lebenden angefochten ist. Sobald er sich bedroht f�hlt, ist seine Leidenschaft, alle tot vor sich zu sehen, durch rationale Erw�gungen kaum mehr zu b�ndigen.

Es lie�e sich einwenden, da� diese >politische< Auffassung Schrebers nicht am Platze sei. Seine apokalyptischen Visionen seien religi�ser Natur. Auf Herrschaft �ber Lebende erhebe er �berhaupt keinen Anspruch; die Macht eines Geistersehers sei ihrem Wesen nach eine andere. Da sein Wahn mit der Vorstellung einsetzte, da� alle Menschen tot und umgekommen seien, k�nne man ihm ein Machtinteresse weltlicher Art doch wohl nicht zuschreiben.

Die Irrigkeit dieses Einwands wird sich sehr bald erweisen. Man wird ein politisches System bei Schreber findeii, das einen unheimlich vertraut anmutet. Aber bevor es wiedergegeben wird, ist es ratsam, einiges �ber seine Auffassung der g�ttlichen Herrschaft zu sagen.

Gott selbst ist es gewesen, meint er, �der die gesamte Richtungslinie der gegen mich verfolgten Politik bestimmt hat ... �. �Gott w�re jederzeit in der Lage gewesen, einen ihm unbequemen Menschen durch Zusendung einer todbringenden Krankheit oder durch Blitzschlag zu vernichten... � �Sobald eine Kollision der Interessen Gottes mit einzelnen Menschen oder Menschheitsgruppen, vielleicht sogar der ganzen Bewohnerschaft eines Planeten, sich ergab, mu�te in Gott der Selbsterhaltungstrieb wie in Jedem anderen belebten Wesen sich regen. Man denke an Sodom und Gomorrha! ... � �Es w�re undenkbar, da� Gott irgendeinem einzelnen Menschen das ihm geb�hrende Ma� der Seligkeit versage, da jede Vermehrung der >Vorh�fe des Himmels< nur dazu diente, seine eigene Macht zu erh�hen und die Schutzwehren gegen die aus der Ann�herung an die Menschheit erwachsenden Gefahren zu verst�rken. Eine Kollision der Interessen Gottes und einzelner Menschen konnte unter der Voraussetzung weltordnungsm��igen Verhaltens der Menschen gar nicht eintreten.� Da� es in seinem Falle trotzdem zu einer solchen Interessenkollision gekommen sei, sei ein ganz einzigartiger Fall in der Weltgeschichte, der sich wohl nie wieder ereignen werde. Er spricht von der >Wiederherstellung der Alleinherrschaft Gottes am Himmel<; von >einer Art Bundesgenossenschaft der Flechsigschen Seele mit Teilen Gottes<, die ihre feindliche Spitze gegen ihn kehrten; die damit geschaffene Umwandlung der Parteiverh�ltnisse habe sich im wesentlichen bis zum heutigen Tage erhalten. Er erw�hnt die >kolossalen Kr�fte auf der Seite von Gottes Allmacht< und den >aussichtslosen Widerstand< auf seiner Seite. Er �u�ert die Mutma�ung, >da� sich die Machtbefugnisse Professor Flechsigs als Verwalter einer Gottesprovinz bis nach Amerika erstreckt haben m�ssen<. Dasselbe scheine f�r England zu gelten. Ein Wiener Nervenarzt wird erw�hnt, der >eine Art Vetwalter der Gottesinteressen f�r eine andere Gottesprovinz, namentlich die slawischen Gebletsteile �sterreichs, zu sein scheine<. Zwischen ihm und Professor Flechsig habe sich ein Kampf um die Vorherrschaft entsponnen.

Aus diesen Zitaten, die sehr weit auseinanderliegenden Teilen der Denkw�rdigkeiten entnommen sind, ergibt sich ein �beraus klares Bild Gottes: Er ist nichts als Machthaber. Sein Reich hat Provinzen und Parteien. Die Interessen Gottes, wie sie kurz und schneidend bezeichnet werden, gehen auf eine Erh�hung seiner Macht. Dies und nichts anderes ist der Grund, warum er keinem Menschen das ihm geb�hrende Ma� von Seligkeit vorenthalten w�rde. Unbequeme Menschen r�umt er aus dem Wege. Es l��t sich nicht leugnen, dieser Gott sitzt als Spinne mitten im Netz seiner Politik. Es ist von da kein weiter Sprung zur eigenen Politik Schrebers.

Vielleicht sollte man vorausschicken, da� er in der alten protestantischen Tradition Sachsens aufgewachsen ist und alles katholische Bekehrungstreiben mit Mi�trauen betrachtet. Seine erste �u�erung �ber die Deutschen kn�pft an den siegreichen Krieg von 1870/71 an.

Er habe ziemlich sichere Andeutungen dar�ber erhalten, da� der harte Winter des Jahres 1870/71eine von Gott beschlossene Sache war, um das Kriegsgl�ck auf seiten der Deutschen zu wenden. Gott habe aber auch eine Schw�che f�r die Sprache der Deutschen. W�hrend ihrer L�uterung lernen die Seelen die von Gott selbst gesprochene >Grundsprache<, ein etwas altert�mliches, aber kraftvolles Deutsch. Das solle nun nlcht bedeuten, da� die Seligkeit nur f�r die Deutschen bestimmt sei. Aber immerhin seien die Deutschen in neuerer Zeit - seit der Reformation, vielleicht schon seit der V�lkerwanderung - das auserw�hlte Volk Gottes, dessen Sprache er sich vorzugsweise bedient. Im Laufe der Geschichte seien nacheinander - als die jeweils sittlich t�chtigsten V�lker - erst die alten Juden, dann die alten Perser, sp�ter die Graeco-Romanen und schlie�lich die Deutschen das auserw�hlte Volk Gottes geworden.

Dieses auserw�hlte Volk der Deutschen ist nat�rlich von Gefahren bedroht. An erster Stelle stehen hier die Umtriebe der Katholiken. Man entsinnt sich jener Hunderte, wenn nicht Tausende von Namen, die er nennen k�nnte, lauter Seelen, die als Strahlen mit ihm im Verkehr standen und die alle zu ihm sprachen. Bei sehr vielen Tr�gern dieser Namen stand das religi�se Interesse im Vordergrund, namentlich waren sehr viel Kathollken darunter, die eine F�rderung des Katholizismus, insbesondere eine Katholisierung Sachsens und Leipzigs, erwarteten; hierher geh�ren Pfarrer St. in Leipzig, >14 Leipziger Katholiken< (verrnutlich ein katholischer Verein), Jesuitenpater S. in Dresden, die Kardin�le Rampolla, Gallmberti und Casati, der Papst selbst, endlich zahlreiche M�nche und Nonnen; bei einer bestimmten Gelegenheit zogen auf einmal 7-4o Benediktinerm�nche unter F�hrung eines Paters >als Seelen in meinen Kopf ein, um darin ihren Untergang zu finden<. Unter den Seelen fand sich aber auch ein Wiener Nervenarzt, ein getaufter Jude und Slawophile, der durch Schreber Deutschland slawisch machen und gleichzeitig die Herrschaft des Judentums begr�nden wollte.

Der Katholizismus, wie man sieht, wird hier sehr komplett vorgef�hrt. Nicht nur die einfachen Gl�ubigen, die sich in Leipzig zu omin�sen Vereinen zusammentun, auch die ganze kirchliche Hierarchie ist vertreten. Ein Jesultenpater wird erw�hnt und damit alles Gef�hrliche heraufbeschworen, das sich mit dem Namen der Jesuiten verbindet. Als h�chste kirchliche Machthaber erscheinen drei Kardin�le mit wohlklingenden italienischen Namen und der Papst pers�nlich. M�nche und Nonnen in Haufen treten auf. Selbst das Geb�ude, in dem Schreber lebt" wimmelt von ihnen wie von Ungeziefer. In einer Vision, die ich nicht angef�hrt habe, sieht er, wie der Frauenfl�gel der Universit�ts-Nervenklinik als Nonnenkloster, ein anderes Mal, wie er als katholische Kapelle eingerichtet wird. In den R�umen unter dem Dach der Anstalt sitzen Barmherzige Schwestern. Am eindrucksvollsten ist die Prozession der 24o Benediktinerm�nche unter F�hrung eines Paters. Keine Form der Selbstdarstellung ist dem Katholizismus gema�er als die Prozession. Die geschlossene Gruppe von M�nchen steht als Massenkristall f�r die Gesamtheit der gl�ubigen Katholiken. Der Anblick der Prozession aktiviert in den Zuschauern den eigenen latenten Glauben, und sie versp�ren pl�tzlich die Lust, sich ihr hinten anzuschlie�en. So wird der Zug um alle die vermehrt, vor denen er vor�berzieht, er m��te eigentlich endlos werden. Schreber macht, indem er diese Prozession verschluckt, symbolisch dem ganzen Katholizismus den Garaus.

Aus der erregten, fr�hen Zeit seiner Krankheit, die Schreber als die heilige Zeit bezeichnet, hebt sich durch ihre Intensit�t eine etwa vierzehnt�gige Periode besonders heraus, die Periode des ersten Gottesgerichts. Es handelte sich bei dem ersten Gottesgericht um eine Reihe von Visionen, die Tag und Nacht aufeinander folgten und denen eine >gemeinschaftliche Generalidee< zugrunde lag. Der Kern dieser Idee war ein essentiell politischer, wenn auch auf eine messianische Weise zugespitzt.

Durch den Konflikt zwischen Professor Flechsig und Schreber war es zu einer f�r den Bestand der Gottesreiche gef�hrlichen Krise gekommen. Aus diesem Grunde konnte dem deutschen Volke, besonders dem evangelischen Deutschland, die F�hrerschaft als auserw�hltes Volk nicht mehr belassen werden. Vielleicht w�rde es sogar bei der Besetzung anderer Weltkugeln - bewohnter Planeten - ganz leer ausgehen, wenn nicht ein K�mpe f�r das deutsche Volk auftrete, der seine fortdauernde W�rdigkeit erweise. Dieser K�mpe sollte bald Schreber selbst sein, bald eine andere, von ihm zu bezeichnende Pers�nlichkeit. Auf das Dr�ngen der Stimmen nannte er die Namen einiger hervorragender M�nner, die ihm als K�mpen f�r einen solchen Streit geeignet schienen. Zum Grundgedanken des ersten Gottesgerichts geh�rten das Vordringen des Katholizismus, des Judentums und des Slawentums. Von wesentlichem Einflu� auf ihn waren gewisse Vorstellungen, die sich darauf bezogen, was alles in einer k�nftigen Seelenwanderung aus ihm werden solle.

�Es wurden mir nacheinander die Rollen ... eines >Jesultenz�glings in Ossegg<, eines >B�rgermeisters von Klattau<, eines >Els�sser M�dchens, das ihre Geschlechtsehre gegen einen siegreichen franz�sischen Offizier zu verteidigen hat<, endlich >eines Mongolenf�rstem zugedacht. Bei allen diesen Voraussagen glaubte ich einen gewissen Zusammenhang mit dem aus den �brigen Visionen sich ergebenden Gesamtbild zu erkennen ... Die k�nftige Bestimmung zu einem jesultenz�gling in Ossegg, zu einem B�rgermeister in Klattau und zu einem Els�sser M�dchen in der oben beschriebenen Lage fa�te ich als Weissagungen auf, da� der Protestantismus dem Katholizismus und das deutsche Volk im Kampfe mit seinen romanischen und slawischen Nachbarn entweder schon unterlegen sei oder noch unterliegen werde; die mir er�ffnete Aussicht endlich, ein Mongolenf�rst zu werden, erschien mir als eine Andeutung, da�, nachdem alle arischen V�lker sich als St�tzen der Gottesreiche ungeeignet erwiesen hatten, nunmehr eine letzte Zuflucht bei nichtarischen V�lkern genomrnen werden m�sse.�

Schrebers >heilige Zeit< f�llt in das Jahr 1894. Er hat einen Hang zu genauen Bestimmungen von Ort und Zeit. F�r die Periode des >ersten Gottesgerichts< gibt er sehr pr�zise Daten. Sechs Jahre sp�ter, im Jahre i goo, als sein Wahn sich bereits abgekl�rt und befestigt hatte, machte er sich 'an die Abfassung seiner >Denkw�rdigkeiten<; 1903 wurden sie als Buch ver�ffentlicht. Man wird nicht leugnen k�nnen, da� sein politisches System es einige Jahrzehnte sp�ter zu hohen Ehren gebracht hat. Es wurde in etwas roherer und weniger >gebildete< Fassung zum Credo eines gro�en Volkes. Es hat unter F�hrung eines >Mongolenf�rstem zur Eroberung des europ�ischen Kontinents und um ein Haar bis zur Weltherrschaft gef�hrt. Schrebers Anspr�che sind damit von seinen ahnungslosen J�ngern nachtr�glich anerkannt worden. Von uns l��t sich dasselbe nicht gut erwarten. Wohl aber soll die unwiderlegliche Tatsache einer weitgehenden Koinzidenz der beiden Systeme als Rechtfertigung daf�r dienen, da� hier aus einem einzigen Fall von Paranoia so, viel Wesens gemacht wird; es steht noch mehr bevor.

In manchem ist Schreber seinem Jahrhundert zwar voraus. An eine Besetzung bewohnter Planeten war vorl�ufig nicht zu denken. Kein auserw�hltes Volk ist dabei noch zu kurz gekommen. Aber die Katholiken, die Juden und die Slawen hat schon er in derselben pers�nlichen Weise wie der sp�tere - nicht von ihm bezeichnete - K�mpe als feindliche Massen empfunden und wegen ihrer blo�en Existenz geha�t. Eine vordringliche Tendenz zur Zunahme war ihnen als Massen eingeboren. F�r die Eigenschaften der Masse hat niemand ein sch�rferes Auge als der Paranoiker oder der Machthaber, was - wie man jetzt vielleicht schon zugeben wird - auf dasselbe herauskommt. Denn er, um beide Personen mit einem einzigen F�rwort zu bezeichnen, befa�t sich nur mit den Massen, die er befeinden oder beherrschen will, und diese haben �berall dasselbe simple Gesicht.

Es ist bemerkenswert, wie Schreber seine k�nftigen Existenzen bestimmt. Von den f�nf, die er aufz�hlt, ist nur die erste, die oben weggelassen wurde, unpolitischen Charakters. Die n�chsten drei versetzen ihn mitten in die, am heftigsten umstrittenen Positionen; er schleicht sich als Z�gling bei den Jesuiten ein; er wird zum B�rgermeister einer Stadt im B�hmerwald, wo es K�mpfe zwischen Deutschen und Slawen gibt; als deutsches M�dchen sucht er das Elsa� gegen einen siegreichen franz�sischen Offizier zu 'behaupten; ihre >Geschlechtsehre< kommt der Rassenehre seiner Nachfolger bedenklich riahe. Am aufschlu�reichsten ist aber zweifellos seine f�nfte Verk�rperung als Mongolenf�rst. Die Erkl�rung, die er daf�r gibt, sieht sehr nach einer Entschuldigung aus. Er sch�mt sich dieser immerhin >nichtarischem Existenz< und rechtfertigt sie damit, da� die arischen V�lker versagt h�tten. In Wirklichkeit schwebt ihm als Mongolenf�rst niemand anderer vor als Dschingis Khan. Die Sch�delpyramiden der Mongolen haben es ihm angetan, seine Liebe f�r Leichenfelder ist dem Leser nicht mehr fremd. Er billigt diese manifeste und millionenweise Art, unter Feinden aufzur�umen. Wer sie alle ausrottet, hat keine mehr und genie�t den Anblick ihrer wehrlosen Haufen. In allen diesen vier Existenzen zugleich ist Schreber wiedergekehrt, so scheint es. Am erfolgreichsten war er als Mongolenf�rst.

Aus dieser genaueren Betrachtung eines paranoischen Wahns hat sich vorl�ufig das eine mit Sicherheit ergeben: Das Religi�se durchdringt sich hier mit dem Politischen, sie sind unzertrennlich, Welterl�ser und Weltherrscher sind eine Person. Die Begierde nach Macht ist von allem der Kern. Die Paranoia ist, im buchst�blichen Sinne des Wortes, eine Krankheit der Macht. Eine Untersuchung dieser Krankheit nach allen Richtungen f�hrt zu Aufschl�ssen �ber die Natur der Macht, wie sie in dieser Vollst�ndigkeit und Klarheit auf keine andere Weise zu erlangen sind. Man lasse sich nicht dadurch verwirren, da� in einem Falle wie dem Schrebers der Kranke die monstr�se Position, nach der er sich verzehrt, in Wahrheit nie erlangt hat. Andere haben sie erlangt. Manchen von diesen ist es gegl�ckt, die Spuren ihres Aufstiegs geschickt zu verwischen und ihr fertig ausgebildetes System verborgen zu halten. Manche hatten weniger Gl�ck oder zu wenig Zeit. Der Erfolg ist hier wie in allem ausschlie�lich von Zuf�llen abh�ngig. Ihre Rekonstruktion unter Vort�uschung einer Gesetzlichkeit nennt sich Geschichte. F�r jeden gro�en Namen in der Geschichte k�nnten, vereinzelt, hundert andere stehen. Begabung wie Schlechtigkeit sind in der Menschheit weit verbreitet. Jeder hat Appetit und jeder steht als K�nig auf unerme�lichen Leichenfeldern von Tieren. Von Erfolg als Kriterium hat eine gewissenhafte Untersuchung der Macht v�llig abzusehen. Ihre Eigenschaften wie ihre Ausw�chse rn�ssen von �berall her sorgf�ltig zusammengetragen und verglichen werden. Ein Geisteskranker, der, ausgesto�en, hilflos und verachtet, seine Tage in einer Anstalt verd�mrnert hat, mag durch Erkenntnisse, zu denen er verhilft, von gr��erer Bedeutung werden als Hitler und Napoleon, und der Menschheit ihren Fluch und ihre Herren erleuchten.

 

Der Fall Schreber. Zweiter Teil

 

Die Verschw�rung, die sich gegen Schreber gebildet hatte, war nicht nur auf Seelenmord und die Zerst�rung seines Verstandes gerichtet. Man hatte noch etwas anderes, beinahe ebenso Ver�chtliches mit ihm vor: die Verwandlung seines K�rpers in den eines Weibes. Als Weib sollte er mi�braucht und >dann einfach liegen gelassen, also wohl der Verwesung anheimgegeben werden<. Diese Vorstellung von seiner Verwandlung in ein Weib hat ihn w�hrend der Jahre seiner Krankheit unaufh�rlich besch�ftigt. Er sp�rte, wie weibliche Nerven als Strahlen in seinen Leib entsandt wurden, die langsam die Oberhand gewannen.

Auf alle m�glichen Arten versuchte er, zu Beginn seiner Krankheit, sich das Leben zu nehmen, um einer so schrecklichen Entw�rdigung zu entgehen. Jedes Bad, das er nahm, war mit Ertr�nkungsvorstellungen verkn�pft. Er verlangte nach Gift. Bei dieser Verzweiflung Schrebers �ber seine beabsichtigte Ver-wandlung in ein Weib ist es aber nicht geblieben. Allm�hlich entstand in ihm die �berzeugung, da� er gerade auf diese Weise den Bestand der Menschheit gew�hrleisten werde. Es waren ja unter furchtbaren Katastrophen, alle Menschen zugrunde ge-gangen. Er, der einzige, der �brig war, konnte als Weib ein neues Geschlecht zur Welt bringen. Als Vater seiner Kinder kam f�r ihn nur Gott in Betracht. Er mu�te die Liebe Gottes gewinnen. Sich mit Gott zu vereinigen, war eine hohe Ehre; f�r ihn immer mehr zu einem Weibe zu werden, sich f�r ihn verlockend her-auszuputzen, ihn auf jede weibliche Weise anzuziehen, erschien ihm, dem b�rtigen fr�heren Senatspr�sidenten, keineswegs mehr als Schande und Entw�rdigung. Man konnte so auch dem Komplott Flechsigs entgegenwirken. Man erwarb sich Gottes

Gunst, der Allm�chtige, der sich immer mehr von dem sch�nen Weib Schreber angezogen f�hlte, geriet in eine gewisse Abh�n-gigkeit von ihm. Mit solchen Mitteln, die andern anst��ig erscheinen m�gen, ist es Schreber tats�chlich gegl�ckt, Gott an seine Person zu fesseln. Nicht ohne Widerstand hat sich Gott in dieses etwas schm�hliche Schicksal ergeben. Immer wieder zieht er sich von Schreber zur�ck; es w�re gewi� sein Wun sch, sich ganz von ihm zu befreien. Aber die Anziehungskraft Schrebers ist zu gro� geworden.

�ber die ganzen >Denkw�rdigkeiten< verstreut finden sich �u�erungen, die sich auf dieses Thema beziehen. Auf den ersten Blick w�re man vielleicht versucht, den Gedanken seiner Verwandlung in ein Weib als den mythischen Kern seines Wahns zu bezeichnen. Nat�rlich ist es gerade dieser Punkt gewesen, der das meiste Interesse f�r ihn hervogYerufen hat. Man hat diesen Fall im einzelnen und dann auch die Paranoia �berhaupt auf verdr�ngte homosexuelle Anlagen zur�ckzuf�hren versucht. Ein gr��erer Irrtum ist kaum m�glich. Alles kann zum Anla� einer Paranoia werden; wesentlich ist aber die Struktur und die Bev�lkerung des Wahns. Machtvorg�nge haben darin immer eine entscheidende Bedeutung. Selbst im Fall Schreber, wo vielleicht manches f�r die erw�hnte Deutung spricht, w�rde eine genauere Untersuchung dieses Aspekts, die hier nicht geplant ist, zu nicht unerheblichen Zweifeln f�hren. Aber auch gesetzt den Fall, da� man Schrebers homosexuelle Veranlagung als erwiesen betrachtet, wichtiger als sie selbst erscheint die besondere Verwendung, die sie in seinem System findet. Als das Zentrale seines Systems hat Schreber immer den Angriff gegen seinen Verstand empfunden. Was immer er geglaubt und getan hat, galt der Abwehr dieses Angriffs. Um Gott zu entwaffnen, hat er sich in ein Weib verwandeln wollen: Sein Weibsein war Schmeichelei und Unterwerfung unter Gott; so wie andere vor ihm knien, bot er sich selber zum Genusse dar. Um ihn auf seine Seite zu ziehen, um sich seiner zu bem�chtigen, hat er ihn unter falschen Vorspiegelungen in die N�he gelockt. Da h�lt er ihn nun mit allen Mitteln fest.

�Es handelt sich um eine Verwicklung, f�r die nicht nur alle Analogien aus der menschlichen Erfahrung fehlen, sondern die auch in der Weltordnung selbst niemals vorgesehen war. Wer m�chte sich einem solchen Verh�ltnis gegen�ber in haltlosen Vermutungen f�r die Zukunft ergehen? Sicher ist f�r mich nur, da� es niemals zu der von Gott beabsichtigten Zerst�rung meines Verstandes komtnen kann. �ber diesen Punkt bin ich mir seit Jahren vollst�ndig irn klaren, und damit ist f�r mich die Hauptgefahr, die mir im ersten Jahre meiner Krankheit zu drohen schien, beseitigt.�

Diese Worte finden sich im letzten Kapitel der >Denkw�rdigkeiten<. Mit ihrer Abfassung scheint eine wesentliche Beruhigung Schrebers eingetreten zu sein. Da� er sie zu Ende brachte, da� andere sie im Manuskript lasen und von ihnen beeindruckt waren, gab ihm den Glauben an seinen Verstand endg�ltig zur�ck. Es blieb ihm nur noch �brig, zu einer Gegenattacke zu schreiten, durch den Druck seiner >Denkw�rdigkeiten< sein System der Allgemeinheit zug�nglich zu machen und sie, wie es zweifellos seine Hoffnung war, zu seinem Glauben zu �berreden.

In welcher Weise wurde der Kampf gegen Schrebers Verstand im einzelnen gef�hrt? Da� er von unz�hligen >Strahlen< bedr�ngt war, die alle zu ihm sprachen, wei� man nun. Was aber war es, konkret gesprochen, das die feindlichen Strahlen von seinen geistigen F�higkeiten und Sicherheiten zerst�ren wollten? Was sagten sie, wenn sie sprachen, und was griffen sie tats�chlich an? Es ist der M�he wert, diesem Proze� noch ein wenig nachzugehen. Schreber hat sich mit gr��ter Z�higkeit gegen seine Feinde zur Wehr gesetzt. Die Schilderung, die er von ihnen und seiner Abwehr gibt, ist so ausf�hrlich, wie man sie sich nur w�nschen kann. Man mu� sie aus dem Zusammenhang seiner selbstgeschaffelien Welt, seinem >Wahn<, wie man nach alter �bereinkunft zu sagen gew�hnt ist, herausl�sen und in unsere glattere Sprache zu �bertragen suchen. Es ist nicht zu vermeiden, da� dabei einiges von ihrer Eigenart verlorengeht.

Da w�re als erstes auf seinen Denkzwang zu verweisen, den er selber so bezeichnet. Es ist Ruhe in ihm nur, wenn er laut spricht; dann ist alles um ihn her totenstill, und er hat den Eindruck, als ob er sich unter lauter wandelnden Leicheri be-wege. Alle andern Menschen, Patienten wie Pfleger, scheinen die F�higkeit, auch nur ein einziges Wort zu sprechen, ganz und gar verloren zu haben. Sobald er vom Sprechen zum Schweigen �bergeht, melden sich die Stimmen in ihm und zwingen ihn zu rastloser Denkt�tigkeit.

Ihre Absicht dabei ist es, ihn an Schlaf und Ruhe zu hindern. Sie sprechen unaufh�rlich. auf ihn ein, es ist unm�glich, sie zu �berh�ren oder zu ignorieren. Allem, was sie sagen, ist er ausgeliefert und rnu� sich damit eingehend besch�ftigen. Die Stimmen hatten verschiedene Methoden, die sie abwechselild anwandten. Eine der beliebtesten war die direkte Frage an ihn: �Woran denken Sie denn jetzt?� Er hatte keine Lust, diese Frage zu beantworten. Schwieg er aber, so antworteten sie f�r ihn und sagten zum Beispiel: �An die Weltordnung sollte er denken!� Solche Antworten empfand er als >Gedankenf�lschung<. Man fragte ihn nicht nur auf eine inquisitorische Weise aus, man wollte ihn auch zu bestimmten Gedankeng�ngen zwingen. Schon die Fragen, die in seine Geheimnisse einzudringen versuchten, reizten seinen Widerspruch; wie sehr erst die Antwort, die ihm seine Gedanken vorschrieben. Frage und Befehl (oder Anweisung) waren gleicherma�en ein Eingriff in seine pers�nliche Freiheit. Als Mittel der Macht sind beide wohlbekannt; als Richter hatte er sie selbst ausf�hrlich gehandhabt.

Bei den Pr�fungen Schrebers ging es abwechslungsreich und erfinderisch zu. Man verh�rte ihn; man zwang ihm Gedanken auf; man machte einen Katechismus aus seinen eigenen S�tzen und Phrasen; man kontrollierte jeden seiner Gedanken und lie� keinen unbemerkt passieren; jedes Wort wurde daraufhin gepr�ft, was es f�r ihn bedeutete. Seine Geheimnislosigkeit den Stimmen gegen�ber war vollkommen. Alles wurde untersucht, alles ans Licht gebracht. Er war der Gegenstand einer Macht, der es auf Allwissenheit ankam. Aber obwohl er sich so vieles gefallen lassen mu�te, gab er sich in Wirklichkeit doch nie auf. Eine Form seiner Abwehr war die �bung seiner eigenen Allwissenheit. Er bewies sich, wie gut sein Ged�chtnis funktioniere; er lernte Gedichte auswendig, er z�hlte laut franz�sisch, er sagte s�mtliche russischen Gouvernements und franz�sischen Departements auf.

Mit der Erhaltung seines Verstandes meinte er haupts�chlich die Unantastbarkeit seines Ged�chtnisvorrats; das wichtigste war ihm die Unversehrtheit der Worte. Es gibt keine Ger�usche, die nicht Stirnmen sind: die Welt ist voller Worte. Eisenbahnen, V�gel und Kettendampfer sprechen. Wenn er selber keine Worte von sich gibt, wenn er schweigt, kommen sie gleich von den andern. Zwischen den Worten ist nichts. Die Ruhe, die er meint, nach der er sich sehnt, w�re nichts als eine Freiheit von Worten. Aber es gibt sie nirgends. Was immer ihm geschieht, wird ihm zugleich in Worten tnitgetellt. Die sch�dlichen so gut wie die heilenden Strahlen sind alle mit Sprache begabt und werden, genau wie er selbst, zu ihrer Verwendung gezwungen. �Vergessen Sie nicht, da� Strahlen sprechen m�ssen!� Es ist unm�glich, die Bedeutung von Worten f�r den Paranoiker zu �bertreiben. Sie sind wie Ungeziefer �berall; sie sind immer auf dem Quivive. Sie schlie�en sich zu einer Weltordnung zusammen, die nichts au�erhalb von sich liegenl��t. Vielleicht die extremste Tendenz der Paranoia ist die zu einem kompletten Ergreifen der Welt durch Worte, so als w�re die Sprache eine Faust und die Welt l�ge darin.

Es ist eine Faust, die sich nie wieder �ffnet. Aber wie bringt sie es fertig, sich zu schlie�en? Da mu� man nun auf eine Kau-salit�tssucht verweisen, die sich als Selbstzweck setzt und die man in diesem Ma�e sonst nur bei Philosophen findet. Es geschieht nichts ohne Grund, man mu� nur danach fragen. Man findet immer einen Grund. jedes Unbekannte wird auf ein Bekanntes zur�ckgef�hrt. Das Fremdartige, das an einen herantritt, wird als geheimes Eigentum entlarvt. Hinter der Maske des Neuen steckt immer ein Altes, man mu� sie nur ohne jede Scheu durch-schauen und herunterrei�en. Das Begr�nden wird zur Passion, die man an allem �bt. Schreber ist sich �ber diesen Aspekt seines Denkzwanges durchaus im klaren. W�hrend er sich �ber die fr�her geschilderten Vorg�nge bitter beklagt" sieht er in dieser Begr�ndungssucht >eine Art von Ausgleich f�r die ihm widerfahrene Unblll<. Zu den angefangenen S�tzen, die in seine Nerven >hineingeworfem werden, geh�ren ganz besonders h�ufig Konjunktionen oder Adverbialwendungen, die ein Kausallt�tsverh�ltnis ausdr�cken: >warum nur<, >warum, weil<, >warum, weil ich<, >es sei denm. Diese wie alle �brigen hat er zu vollenden, urid insofern �ben auch sie einen Zwang auf ihn aus.

�Aber sie n�tigen mich zum Nachdenken �ber viele Dinge, an denen der Mensch sonst achtlos vor�berzugehen pflegt, und haben dadurch zur Vertiefung meines Denkens beigetragen.�

Schreber ist mit seiner Begr�ndungssucht ganz einverstanden. Sie bereitet ihm viel Freude; zu ihrer Rechtfertigung findet er plausible Argumente. Nur den urspr�nglichen Akt der Sch�pfung �berl��t er Gott. Alles �brige an der Welt zieht er mit einer selbstgeschmiedeten Kette von Gr�nden zusammen und macht es sich so zu eigen.

Aber nicht immer ist die Begr�ndungssucht so vern�nftig. Schreber begegnet einem Menschen, den er oft gesehen hat, und erkennt ihn auf den ersten Blick als >Herrn Schneider<. Es ist ein Mann, der sich nicht verstellt; der sich harmlos als der gibt, als der er nun eintnal allgemein bekannt ist. Dieser einfache Proze� des Erkennens gen�gt aber Schreber nicht. Er m�chte, da� mehr dahintersteckt, und kann sich schwer dabei beruhigen, da� hinter Herrn Schneider nichts Weiteres zu finden ist. Schreber ist das Demaskieren gew�hnt; wo es niemand und nichts zu entlarven gibt, h�ngt er in der Luft. Der Vorgang der Demaskierung und Entlarvung ist f�r den Paranoiker - und nicht nur f�r ihn - von fundamentaler Bedeutung. Von ihm leitet sich auch die Kausalit�tssucht ab; alle Gr�nde wurden urspr�nglich in Personen gesucht. Die genauere Behandluiig der Demasklerung, von der in diesem Versuch schon manchmal die Rede war, ist hier sehr wohl am Platze.

Die Neigung, unter vielen fremden Gesichtern, auf der Stra�e etwa, pl�tzlich eines zu entdecken, das einem bekannt erscheint, ist sicher jedem Menschen gel�ufig. Wie oft stellt es sich dann heraus, da� es ein Irrtum war; der vermeintliche Bekannte n�hert sich oder man geht auf ihn zu: Es ist jemand, den man im Leben noch nie gesehen hat. �ber den Irrtum macht sich niemand viel Kopfzerbrechen. Irgendein zuf�llig �hnlicher Zug, die Haltung des Kopfes, der Gang, das Haar waren der Anla� zur Verwechslung und kl�ren sie auf. Doch es kommen Zeiten, in denen diese Verwechslungen sich h�ufen. Ein ganz bestimmter Mensch erscheint einem �berall. Er steht vor Lokalen, in die man eintreten will, oder an belebten Stra�enecken. Mehrmals am Tage taucht er auf, es ist nat�rlich jemand, der einen besch�ftigt, den man liebt oder, vielleicht �fter noch, den man ha�t. Man wei�, da� er in eine andere Stadt gezogen ist, weit �bers Meer; trotzdem glaubt man, ihn hier zu erkennen. Der Irrtum wiederholt sich, man l��t nicht von ihm ab. Es ist klar, man will diesen einen Menschen hinter anderen Gesichtern finden. Man erlebt die andern als T�uschung, die das Richtige verbergen. Viele k�nnen sich f�r diese T�uschung hergeben, hinter denen allen man das eine vermutet. Es ist eine Dringlichkeit in diesem Proze�, die einem keine Ruhe l��t: Hundert Gesichter werden wie Masken abgestreift, damit das eine dahinter erscheint, auf das es ankommt. Wenn man den Hauptunterschied zwischen .dem einen und den hundert zu bezeichnen h�tte, so m��te man sagen: Die hundert sind fremd, und das eine ist vertraut. Es ist, als k�nne man nur das Vertraute anerkennen. Es verbirgt sich aber, und man mu� es in der Fremde suchen.

Beim Paranoiker konzentriert und versch�rft sich dieser Vorgang. Der Paranoiker leidet an einem Verwandlungsschwund, der von seiner eigenen Person ausgeht - sie ist in allem das unver�nderlichste - und von da aus die ganze �brige Welt �berzieht. Sogar das wirklich Verschiedene sieht er gern als dasselbe. Seinen Feind findet er in den verschiedensten Gestalten wieder. Wo immer er eine Maske wegzieht, steckt sein Feind dahinter. Um des Geheimnisses willen, das er hinter allem vermutet, um der Demasklerung willen, wird ihm alles zur Maske. Er l��t sich nicht t�uschen, er ist der Durchschauer; das viele ist eins. Mit der zunehmenden Starrheit seines Systems wird die Welt an anerkannten Figuren arm und �rmer, es bleibt nur �brig, was ins Spiel seines Wahns geh�rt. Alles ist auf dieselbe Weise ergr�ndbar und wird zu Ende ergr�ndet. Schlie�lich ist nicht mehr da, als er und was er beherrscht.

Im tiefsten geht es hier um das Umgekehrte der Verwandlung. Der Proze� der Entlarvung oder Demasklerung l��t sich auch sehr wohl als Entwandlung bezeichnen. Etwas wird zwangsweise auf sich selbst zur�ckgef�hrt, auf eine bestimmte Position, in eine bestimmte Haltung, in der man es haben will, die man f�r seine eigentliche und echte h�lt. Man beginnt als Zuschauer; von der Betrachtung der anderen, die sich ineinander verwandeln, geht man aus. Vielleicht sieht man bei ihrem Maskentreiben eine kurze Welle zu; aber man billigt es nicht, man hat kein Vergn�gen daran. Pl�tzlich sagt man: �Halt!� und bringt den kurzen, munteren Vorgang zum Stocken. �Demasklerung!� ruft man, und jeder steht als das da, was er wirklich ist. Es ist dann verboten, sich weiterzuverwandeln. Die Vorstellung ist zu Ende. Die Masken sind durchschaut. Dieser r�ckl�ufige Proze� der Entwandlung kommt darum ganz selten rein heraus, weil er meist von Feindschaftserwartung gef�rbt ist. Die Masken haben den Paranoiker t�uschen wollen. Ihre Verwandlung war nicht uninteressiert. Wichtiger als alles war ihnen das Geheimnis. Wozu sie wurden, was sie vorstellen sollten, war mehr Nebensache; Hauptsache, da� sie auf keinen Fall zu erkennen waren. Die Gegenaktion des Bedrohten, das Herunterrei�en der Masken wird scharf und geh�ssig; sie ist sicher so heftig und eindrucksvoll, da� man, was an Verwandlung vorausgegangen sein mu�, nur allzu leicht �bersieht.

Schrebers >Denkw�rdigkeiten< f�hren einen hier sehr nahe an den Kern der- Sache heran. Er entsinnt sich der Zeit zu Beginn, da alles bei ihm noch im Flusse war. Im ersten Jahr seiner Krankheit, in der >heiligen Zeit<, verbrachte er zwischendurch ein oder zwei Wochen in einer kleinen Privatheilanstalt, die ihm von den Stimmen als >Teufelsk�che< bezeichnet wurde. Es war, wie er sagt, die >Zeit des tollsten Wunderunfugs<. Was er da, lange bevor sein Wahn erstarrt und abgekl�rt war, an Verwandlungen und Entlarvungen erlebte, ist die denkbar beste Illustration zu den obigen Ausf�hrungen.

�Den Tag �ber hielt ich mich meist in dem allgemeinen Gesellschaftszimmer auf, in dem ein fortw�hrender Ab- und Zugang anderer angeblicher Patienten der Anstalt erfol-ute. Zu meiner besonderen �berwachung schien ein W�chter angestellt zlu sein, in dem ich nach einer vielleicht zuf�lligen �hnlichkeit den Diener des Oberlandesgerichts wiederzuerkennen glaubte, der mir w�hrend meiner Dresdener Berufst�tigkeit die Akten ins Haus gebracht hatte. Er hatte �brigens die Gewohnheit, hin und wieder meine eigenen Kleidungsst�cke anzuziehen. Als angeblicher �rztlicher Leiter der Anstalt erschien zuweilen - meist in den Abendstunden - ein Herr, der mich wiederum an den in Dresden von mir konsultierten Dr. med. 0. erinnerte ... Den Garten der Anstalt habe ich nur einmal zu einem Spaziergang betreten. Ich sah damals einige Damen, darunter die Frau Pastor W. aus Fr., und meine eigene Mutter sowie einige Herren, darunter den Oberlandesgerichtsrat K. aus Dresden, diesen allerdings mit unf�rmig vergr��ertem Kopf. Das Vorkommen solcher �hnlichkeiten k�nnte ich in zwei oder drei F�llen allenfalls verst�ndlich finden, nicht aber die Tatsache, da� fast das ganze Patiente-npublikum der Anstalt, also mehrere Dutzende von Menschen, das Gepr�ge von Pers�nlichkeiten trug, die mir im Leben nahegestanden hatten.�

Als Patienten sah er �lauter abenteuerliche Gestalten, darunter verru�te Kerle in Leinwandkitteln . . . Sie erschienen bei dem Eintritt in das Gesellschaftszimmer, einer nach dem anderen, V�llig lautlos und entfernten sich ebenso lautlos wieder, ohne, wie es schien, gegenseitig voneinander Notiz zu nehmen. Dabei habe ich wiederholt n-iitangeschen, da� einzelne von ihnen w�hrend ihres Aufenthalts im Gelsellschaftszimmer ihre K�pfe wechselten, d. h. 'ohne da� sie das Zimmer verlassen h�tten, und w�hrend meiner Beobachtung auf einmal mit einem anderen Kopfe herumliefen.�

�Die Zahl der Patienten, die ich im Pferch� - so bezeichnet er einen Hofraum, in den man Luft schnappen ging - �und in dem Gesellschaftszimmer teils gleichzeitig, teils nacheinander erblickte,' stand in gar keinem Verh�ltnis zu der Gr��e der Anstaltsr�umlichkeiten. Es ist nach meiner �berzeugung geradezu unm�glich, da� die vierzig bis f�nfzig Personen, welche gleichzeitig mit mir in den Pferch getrieben wurden und auf das zur R�ckkehr gegebene Signal wieder nach der T�r des Hauses dr�ngten, hier alle Lagerst�tten f�r die Nacht h�tten finden k�nnen ... Das Erdgescho� wimmelte meist von Menschengestalten.�

Unter den Gestalten im Pferch erinnert er sich eines Vetters seiner Frau, der sich bereits 1887 erschossen hatte, und des Oberstaatsanwalts B., der immer eine geb�ckt-devote, gleichsam betende Haltung einnahm, in der er regungslos verharrte. Weitere Leute, die er erkennt, sind ein Geheimrat, ein Senatspr�sident, noch ein Oberlandesgerichtsrat, ein Rechtsanwalt aus Leipzig, der sein jugendfreund gewesen war, sein Neffe Fritz und eine fl�chtige Sommerbekanntschaft aus Warnem�nde. Seinen Schwiegervater bemerkt er einmal vom Fenster aus auf dem Weg, der zur Anstalt f�hrte.

�Es ereignete sich wiederholt, da� ich eine ganze Anzahl von Personen, einmal sogar einige Damen, nachdem sie das Gesellschaftszimmer passiert hatten, in die Eckzimmer eintrete:n sah, in denen sie dann verschwunden sein m�ssen. Ich habe dabei auch mehrmals das eigent�mliche R�cheln geh�rt, das mit dem Aufl�sen der >fl�chtig hingemachten M�nner< verbunden war.�

�Es wurde nicht nur an Menschengestalten, s'Ondern auch an leblosen Gegenst�nden gewundert. So skeptisch ich mich auch jetzt bei Pr�fung meiner Erinnerungen zu verhalten suche, so kann ich doch gewisse Eindr�cke aus meinem Ged�chtnisse nicht verwischen, nach denen auch Kleidungsst�cke auf dem Leib der von mir gesehenen Menschen und Speisen auf meinem Teller w�hrend des Essens (z. B. Schweinsbraten in Kalbsbraten oder umgekehrt) verwandelt wurden.�

An dieser Schilderung ist maliches bemerkeliswert. Er sieht mehr Menschen, als eigentlich da sein k�nnen, und sie werden alle in einen Pferch zusammengetrieben. Mit ihnen zusammen f�hlt er sich, wie dieser Ausdruck besagt, zum Tier degradiert, es ist noch das N�chste zu einem Massenerlebnis, das sich �ber-haupt bei ihm findet. Aber auch im >Pferch< der Patienten geht er nat�rlich nie wirklich auf. Das Spiel der Verwandlungen betrachtet er sich genau, mit Kritik zwar, aber nicht eigentlich mit Feindschaft. Selbst Speisen und Kleider verwandeln sich ineinander. Am meisten besch�ftigen ihn seine Erkennungen. jeder, der auftaucht, ist in Wahrheit)* emand anderer, den er fr�her gut gekannt hat. Er sorgt daf�r, da� niemand ihm wirklich fremd ist. Aber diese Entlarvungen haben alle noch einen relativ gutm�tigen Charakter. Nur vom Oberw�rter spricht er, an einer hier nicht angef�hrten Stelle, mit Ha�. Er erkennt viele und sehr verschiedenartige Leute, es geht noch nicht eng und exklusiv zu. Statt sich zu demaskieren, wechseln die Leute zuweilen gleich ihre K�pfe eine am�santere und gro�z�gigere Art der Entlarvung l��t sich kaum erdenken.

Aber Schrebers Erlebnisse hatten nur selten diesen mutwilligen und befreienden Charakter. Eine ganz andere Art von Visionen, die er in seiner >heiligen Zeit< des �fteren hatte, f�hrt, wie ich glaube, direkt in die Ursituation der Paranoia hinein.

Das Gef�hl, umstellt zu sein von einer Meute von Feinden, die es alle auf einen abgesehen haben, ist ein Grundgef�hl der Para-noia. Am reinsten kommt es in den Augenvisionen zum Aus-druck: Man sieht Augen �berall, auf allen Seiten, sie interessieren sich f�r nichts als f�r einen selbst, und ihr Interesse ist �beraus bedrohlich. Die Gesch�pfe, denen diese Augen zugeh�ren, haberl vor, sich an einem zu r�chen. Man hat sie lange unbestraft seine Macht f�hlen lassen; sind es Tiere, so hat man sie mit gr��ter Unerbittlichkeit gejagt, sie sind von Ausrottung bedroht und stehen nun unerwartet gegen einen auf. In zwingender und unmi�verst�ndlicher Form ist diese Ursituation der Paranoia in den j�gerlegenden vieler V�lker zu finden.

Nicht immer behalten diese Tiere die Gestalt, die sie f�r den Menschen als Beute haben. Es werden gef�hrlichere Gesch�pfe daraus, die der Mensch schon immer f�rchtet, und indem sie ganz an ihn heranr�cken, sein Zimm'er erf�llen, sein Bett besetzen, steigern sie seine Angst aufs h�chste. Schreber selbst f�hlte sich nachts von B�ren bedr�ngt.

Sehr oft verlie� er sein Bett und sa� im Hemd auf der Diele seines Schlafzimmers. Die H�nde, die er hinter seinern R�cken auf den Boden gesternrnt hatte, wurden ihm dann von b�renartigen Gestalten - schwarzen B�ren - von Zeit zu Zeit f�hlbar in die H�he gehoben. Andere schwarze B�ren, gr��ere und kleinere, sah er mit gl�henden Augen um sich herum in der N�he sitzen. Sein Bettzeug gestaltete sich zu >wei�en B�ren<. Abends - er war noch wach - erschienen Katzen mit gl�henden Augen auf den B�umen des Anstaltsgartens.

Bei diesen tierischen Meuten ist es aber nicht geblieben. Schrebers Hauptfeind, der Psychiater Flechsig, hatte eine ganz besonders t�ckische und gef�hrliche Art, Himmelsmeuten gegen ihn zu bilden. Es handelte sich um eine eigent�mliche Erscheinung, die Schreber als Seelenteilung bezeichnete.

Die Flechsigsche Seele teilte sich, um das ganze Himmelsgew�lbe mit Seelentellen zu besetzen, so da� die g�ttlichen Strahlen auf allen Seiten Widerstand begegneten. Das Himmelsgew�lbe im ganzeri Umkreis schien mit Nerven �berspannt, die den g�ttlichen Strahlen ein mechanisches Hindernis boten; es war unm�glich, diese Nerven zu �berspringen. Sie glichen einer belagerten Festung, die durch W�lle und Gr�ben gegen den anst�rmenden Feind gesch�tzt ist. Die Seele Flechsigs hatte sich zu diesem Zwecke in eine gro�e Anzahl von Seelentellen gespalten; es existierten davon eine Zeitlang wohl vierzig bis sechzig, darunter viele ganz kleine.

Es scheint, da� dann auch andere >gepr�fte Seelen< sich nach dem Vorbild Flechsigs zu teilen begannen; sie wurden immer zahlreicher und lebten, wie sich's f�r rechte Meuten geh�rt, nur noch f�r Hinterh�lte und �berfall. Ein gro�er Teil von ihnen hatte sich fast mit nichts als Umgehungsbewegungen besch�ftlgt, einem Man�ver, dessen Zweck darin bestand, die arglos heranziehenden g�ttlichen Strahlen von hinten anzufallen und zum Ergeben zu zwingen. Die gro�e Anzahl dieser >gepr�ften Seelenteile< wurde schlie�lich selbst f�r Gottes Allmacht l�stig. Nachdem es Schreber schon gelungen war, einen guten Teil zu sich herunterzuziehen, wurde eines Tages auch von Gottes Allmacht eine gro�e Razzia unter ihnen veranstaltet.

Bei seiner >Seelenteilung< mag Schreber die Vermehrung von Zellen durch Teilung, die ihm nat�rlich bekannt war, vorgeschwebt haben. Die Verwendung der so entstehenden Haufen zu Himmelsmeuten ist eine der bezeichnendsten Bildungen seines Wahns. Die Bedeutung derfeindlichen Meuten f�r die Struktur der Paranoia k�nnte klarer als hier �berhaupt nicht zu fassen sein.

Die komplizierte und vieldeutige Beziehung Schrebers zu Gott, die >Seelenpolitlk<, als deren Opfer er sich f�hlte, hat es ihm nicht verwehrt, die Allmacht sozusagen von au�en und einheitlich zu erleben, als Glanz. In all den Jahren seiner Krankheit hatte er dieses Erlebnis nur w�hrend einiger weniger aufeinanderfolgender Tage und N�chte: Der Seltenheit und Kostbarkeit des Ereignisses war er sich sehr wohl bewu�t.

In einer einzigen Nacht trat Gott in Erscheinung. Das glanzvolle Bild seiner Strahlen wurde - w�hrend Schreber wach im Bette lag - seinem geistigen Auge sichtbar. Zugleich vernahm er seine Sprache. Sie war nicht ein leises Gefl�ster, sondern ert�nte unmittelbar vor den Fenstern seines Schlafgemachs in m�chtigem Ba�.

Tags darauf sah er Gott mit seinem leiblichen Auge. Es war die Sonne, aber nicht wie sie gew�hnlich erscheint, sondern umflossen von einem silbergl�nzenden Strahlenmeer, das den sechsten oder achten Teil des Himmels bedeckte. Der Anblick war von so �berw�ltigender Pracht und Gro�artigkeit, da� er sich scheute, immer hinzublicken, und das Auge von der Erscheinung abzuwenden suchte. Jene gl�nzende Sonne hat zu ihm gesprochen.

Nicht nur an Gott, auch an sich selbst erlebte er zuweilen solchen Glanz, bei seiner Bedeutung und nahen Verbindung mit Gott nicht zu verwulidern. �Mein Kopf war infolge eines massenhaften Zustr�mens von Strahlen sehr h�ufig von einem Lichtschimmer umflossen, �hnlich wie der Heiligenschein von Christus auf Bildern dargestellt wird, nur unvergleichlich reicher und gl�nzender: der sogenannten Strahlenkrone.�

Aber dieser beilige Aspekt der Macbt ist von Schreber noch viel intensiver dargestellt worden. In seiner Periode der Regungslosigkeit, der wir uns jetzt zuwenden m�ssen, hat sie ihre Vollkommenheit erlangt.

Das �u�ere Leben, das er in dieser Zeit f�hrte, war �ber die Ma�en einf�rrnig. Zweimal des Tages unternahm er einen Spaziergang in den Garten. Sonst sa� er w�hrend des ganzen. Tages regungslos auf deni Stuhl vor seinem Tisch und ging nicht einmal ans Fenster., Selbst im Garten blieb er immer mit Vorliebe auf dernselben Platze sitzen. Diese absolute Passivit�t betrachtete er gleichsam als eine religi�se Verpflichtung.

Es waren die Stimmen, die mit ihm redeten, die diese Vorstellung in ihm hervorgerufen hatten. �Keine kleinste Bewegung!� hatten sie ihm immer wieder gesagt. Er erkl�rte sich diese Forderung damit, da� Gott mit lebenden Menschen nicht umzugehen wisse. Er sei nur den Verkehr mit Leichen gew�hnt. So wurde ihm das ungeheuerliche Ansinnen gestellt, da� er sich best�ndig wie eine Leiche verhalten solle.

Diese Regungslosigkeit war eine Sache der Selbsterhaltung, aber auch eine Pflicht Gott gegen�ber: Es galt ihn aus der Bedr�ngnis zu befreien, in die er durch die >gepr�ften Seelen< geraten war. �lch hatte die Anschauung gewonnen, da� die Strahlenverluste sich steigerten, wenn ich mich selbst �fters hin und her bewegte, auch wenn ein Luftzug durch mein Zimmer ging. Bei der heiligen Scheu, die ich damals den g�ttlichen Strahlen gegen�ber noch empfand, und in der Ungewi�heit, ob es denn wirklich eine Ewigkeit g�be oder die Strahlen nicht pl�tzlich ein Ende finden k�nnten, hielt ich es f�r meine Aufgabe, jeder Vergeudung von Strahlen, soweit es an mir lag, entgegenzuwirken.� Es war leichter, die gepr�ften Seelen herabzuziehen und in seinem K�rper vollkommen aufgehen zu lassen, we:nn er diesen in best�ndiger Ruhe hielt. Nur so lie� sich die Alleinherrschaft Gottes am Himmel wiederherstellen. So hat er das unglaubliche Opfer auf sich genommen, sich w�hrend mehrerer Wochen und Monate jeder k�rperlichen Bewegung zu enthalten. Da das Aufgehen der gepr�ften Seelen am ehesten im Schlafe zu erwarten war, wagte er nicht einmal nachts seine Lage im Bett zu ver�ndern.

Diese Erstarrung Schrebers �ber eine Periode von Wochen und Monaten geh�rt zum Erstaunlichsten, das er zu berichten hat. Seine Motivierung f�r sie ist eine doppelte. Da� er sich Gott zuliebe so still wie eine Leiche verhalten sollte, klingt f�r unsere modernen europ�ischen Ohren noch befremdlicher, als es an sich schon ist, haupts�chlich wegen unserer puritanischen Be-ziehung zur Leiche. Unsere Sitten sorgen daf�r, da� eine Leiche rasch entfernt wird. Sehr viel Wesens macht man aus ihr nicht, das Wissen da� sie bald verfault, zwingt uns in keiner Weise, etwas dagegen zu unternehmen. Wir putzen sie ein wenig auf, stellen sie kaum zur Schau und machen einen sp�teren Zugang zu ihr unm�glich. Bei allem Gepr�nge, das ein Begr�bnis haben mag, tritt die Leiche selbst �berhaupt nicht in Erscheinung, es ist die Feier ihrer Verheimlichung und Unterschlagung. Um Schreber zu verstehen, mu� man schon an die Mumien der �gypter denken, bei denen die Pers�nlichkeit der Leiche erhalten, gepflegt und bewundert wird. Gott zuliebe hat Schreber sich monatelang als Mumie, nicht als Leiche verhalten; sein eigener Ausdruck in diesem Falle ist nicht ganz treffend.

Das zweite Motiv f�r seine Regungslosigkeit, die Scheu vor einer Vergeudung g�ttlicher Strahlen, teilt er mit unz�hligen, �ber die ganze Erde verbreiteten Kulturen, in denen sich eine sakrale Auffassung der Macht herausgebildet hat. Er empfindet sich selbst wie ein Gef��, in dem die g�ttliche Essenz sich allm�hlich sammelt. Jede kleinste Bewegung kann zur Folge haben, da� er etwas davon versch�ttet, und er darf sich darum �berhaupt nicht bewegen. Der Machthaber h�lt mit der Macht, mit der er geladen ist, an sich: sei es, da� er sie als unpers�nliche Substanz empfindet, die ihm ausgehen k�nnte, sei es, da� eine h�here Instanz dieses sparsame Verhalten als Akt der Verehrung von ihm erwartet. In der Haltung, die ihm f�r die Bewahrung seiner kostbaren Substanz als die g�nstigste erscheint, wird er langsam erstarren; jede Abweichung davon ist gef�hrlich und mu� ihn mit Sorge erf�llen. Ihre gewissenhafte Vermeidung sichert seinen Bestand. Manche dieser Haltungen sind in ihrer Gleichheit durch die Jahrhunderte vorbildlich geworden. Die politische Struktur vieler V�lker hat ihren Kern in der starren und genau vorgeschriebenen Haltung eines einzelnen.

Auch Schreber hat f�r ein Volk gesorgt, dem er zwar nicht als K�nig, aber doch als >Nationalheiliger< galt. Auf irgendeinem entfernten Weltk�rper war in der Tat ein Versuch mit Erschaf-fung einer neuen Menschenwelt >aus Schreberschem Geist< gemacht worden. Jene neuen Menschen waren k�rperlich von sehr viel kleinerem Schlag als unsere irdischen Menschen. Sie hatten es zu einer immerhin beachtenswerten Kulturstufe gebracht und hielten auch, ihrer geringeren K�rpergr��e entsprechend, eine kleinere Art von Rindvieh. Schreber selbst sollte ihnen als ihr >Nationalheiliger< ein Gegenstand g�ttlicher Verehrung geworden sein, so da� seine k�rperliche Haltung f�r Glauben von irgendwelcher Bedeutung w�re.

Das Vorbildliche einer bestimmten Haltung, die ganz konkret und k�rperlich zu verstehen ist, kommt hier sehr klar heraus. Nicht nur sind diese Menschen aus seiner Substanz geschaffen, von seiner Haltung h�ngt auch ihr Glaube ab.

Schrebers Verstand hatte, wie man sah, im Verlauf seiner Krankheit die raffiniertesten Gefahren zu erdulden. Aber auch die Eingriffe, die sich gegen seinen K�rper richteten, spotteten jeder Beschreibung. Kaum ein Teil seines K�rpers blieb davon verschont. Die Strahlen verga�en oder �bersahen an ihm nichts, buchst�blich alles kam an die Reihe. Die Wirkungen ihrer Eingriffe traten so pl�tzlich und �berraschend ein, da� er sie nur als Wunder betrachten konnte.

Da waren einmal die Erscheinungen, die mit seiner beabsichtigten Verwandlung in ein Weib zusammenhingen. Diese hatte er akzeptiert und setzte ihnen weiter keinen Widerstand entgegen. Aber es ist kaum zu glauben, was auch abgesehen da\Ton mit ihm geschah. In die Lungen schickte man ihm einen Lungenwurm. Seine Rippenknochen,waren vor�bergehend zerschmettert. An Stelle seines gesunden, nat�rlichen Magens praktizierte ihm jener Wiener Nervenarzt einen sehr minderwertigen >judenmagem in den Leib. Die Schicksale seines Magens waren �berhaupt sehr wechselvoll. Er hat des �fteren ganz ohne Magen. gelebt und dem W�rter ausdr�cklich erkl�rt, da� er nicht essen k�nne, weil er keinen Magen habe. Wenn er dann trotzdem a�, ergo� sich die Speise in die Bauchh�hle und auf die Oberschenkel. Er gew�hnte sich aber an diesen Zustand und a� sp�ter ganz sorglos ohne Magen drauflos. Speiser�hre und D�rme w aren oft zerrissen oder verschwunden. Teile seines Kehlkopfes a� er mehr als einmal mit auf.

Durch >kleine M�nner<, die man ihm in die F��e setzte, versuchte man sein R�ckenmark auszupumpen, so da� es ihm bei den Spazierg�ngen im Garten in Form von W�lkchen aus dem Munde entdampfte. H�ufig hatte er die Empfindung, da� seine ganze Sch�deldecke d�nner geworden war. Wenn er Klavier spielte oder schrieb, versuchte man seine Finger zu l�hmen. Manche Seelen nahmen die Formen winziger Menschengestalten an, nicht gr��er als einige Millimeter, und trieben an den verschiedensten K�rperteilen, teils im Innern, teils an seiner Au�enfl�che, ihr Wesen. Einige von ihnen waren mit �ffnung und Schlie�ung seiner Augen besch�ftigt: sie standen �ber den Augen in den Augenbrauen und zogen von dort aus die Augenlider an feinen, spinnwebartigen F�den nach ihrem Geschmack herauf und hinunter. Kleine M�nner waren damals fast immer in gro�er Zahl auf seinem Kopf versammelt. Sie gingen f�rmlich auf seinem Kopfe spazieren, �berall neugierig herzulaufend, wo irgendwelche neuen Zerst�rungen zu sehen waren. Sie nahmen sogar an seinen Mahlzeiten teil, indem sie h�ufig von den Speisen, die er geno�, einen winzigen Teil sich selber zuf�hrten.

Durch schmerzhaften Knochenfra� in der Fersengegend und am Stei� suchte man ihm alles, Gehen oder Stehen, Sitzen oder Liegen, unm�glich zu machen. In keiner Stellung oder bei keiner Besch�ftigung wollte man ihn lange dulden: Wenn er ging, suchte man ihn zum Liegen zu zwingen, und wenn er lag, von dem Lager wieder aufzujagen. �Da� ein tats�chlich nun einmal vorhandener Mensch doch irgendwo sein m�sse, daf�r schienen Strahlen kein Verst�ndnis zu haben.�

Von diesen Erscheinungen d�rfte vielleicht eines, das sie alle gemeinsam haben, festzuhalten sein: Es geht um eine Durchdringung seines K�rpers. Das physikalische Prinzip von der Undurchdringlichkeit der K�rper hat hier keine G�ltigkeit mehr. So wie er sich �berallhin erstrecken will, mitten durch den Leib der Erde hindurch, so erstreckt sich auch alles mitten durch ihn und treibt an ihm und in ihm seine Possen. Er spricht oft von sich, als ob er ein Weltk�rper w�re; doch nicht einmal sein ge-w�hnlicher, menschlicher K�rper ist ihm sicher. Die Zeit seiner Ausstreckung, in der er seine Anspr�che anmeldet, scheint auch die eigentliche Zeit seiner Durchdringlichkeit zu sein. Gr��e und Verfolgung h�ngen bei ihm aufs engste zusammen, beide dr�cken sich in seinem K�rper aus.

Aber da er allen Angriffen zum Trotze immer weiterlebte, bildete sich die �berzeugung in ihm, da� die Strahlen ihn auch heilten. Alle unreinen Stoffe in seinem K�rper wurden durch Strahlen wieder aufgenommen. Er hatte es sich erlauben k�nnen, auch ohne Magen sorglos drauflos zu essen. Durch Strahlen entstanden die Krankheitskeime bei ihm, durch Strahlen wurden sie wieder beseitigt.

So sch�pft man den Verdacht, da� es mit all den Angriffen gegen seinen K�rper auf Unverletzlichkeit abgesehen war. Sein K�rper sollte ihm beweisen, was er alles �berstehen k�nne. Je mehr er gesch�digt und ersch�ttert war, um so sicherer stand er dann schlie�lich da.

Schreber begann daran zu zweifeln, ob er �berhaupt sterblich sei. Was war das st�rkste Gift, gemessen an den Sch�digungen, die er �berstanden hatte? Wenn er ins Wasser falle und ertrinke, so sei eine Wiederbelebung wahrscheinlich, durch die Herzt�tigkeit und Blutumlauf wieder angeregt werden w�rden. Wenn er sich eine Kugel durch den Kopf jage, so k�nnten die zerst�rten inneren Organe und Knochentelle wiederhergestellt werden. Schlie�lich hatte er lange ohne lebenswichtige Organe gelebt. Alles war ihm wieder nachgewachsen. Auch nat�rliche Krankheiten konnten ihm nicht gef�hrlich werden. Nach vielen qualvollen Bedr�ngnissen und Zweifeln war f�r ihn jener heftige Drang nach Unverletzlichkeit zu einer unbestreitbaren Errungenschaft geworden.

Es ist im Laufe dieses Versuches gezeigt worden, wie dieser Drang nach Unverletzlichkeit und die Sucht zu �berleben ineinanderflie�en. Der Paranoiker erweist sich auch hierin als das genaue Abbild des Machthabers. Der Unterschied zwischen ihnen ist nur einer ihrer Stellung in der �u�eren Welt. In ihrer inneren Struktur sind sie ein und dasselbe. Man mag den Paranoiker eindrucksvoller finden, weil er sich selbst gen�gt und durch seinen �u�eren Mi�erfolg nicht zu ersch�ttern ist. Die Meinung der Welt gilt ihm nichts, sein Wahn steht allein gegen die ganze Menschheit.

�Alles, was geschieht�, sagt Schreber, �wird auf mich bezogen. Ich bin f�r Gott der Mensch schlechthin oder der einzige Mensch geworden, um den sich alles dreht, auf den alles, was geschieht, bezogen werden mu� und der also auch von seinem Standpunkt aus alle Dinge auf sich selbst beziehen soll.�

Die Vorstellung, da� alle anderen Menschen untergegangen seien, da� er tats�chlich der einzige Mensch sei und nicht nur der einzige, auf den es ankomme, hat ihn, wie man wei�, mehrere Jahre beherrscht. Sie ist erst allm�hlich einer ruhigeren Auffassung gewichen. Aus dem einzigen, der a'm Leben ist, wurde er der einzige, der z�hlt. Man wird die Vermutung nicht abweisen k�nnen, da� hinter jeder Paranoia wie hinter jeder Macht dieselbe tiefere Tendenz steckt: Der Wunsch, die anderen aus dem Wege zu r�umen, damit man der einzige sei, oder, in der rnilderen und h�ufig zugegebenen Form, der Wunsch, sich der anderen zu bedienen, da� man mit ihrer Hilfe der einzige werde.