Siehe

Zum Thema siehe auch  => Der Schweini-Walzer



Dankesrede von Martin Walser
zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998

Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede

Als die Medien gemeldet hatten, wer in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen werde, trudelten Gl�ckw�nsche herein. Zwei Eigenschaftsw�rter kamen auff�llig oft vor im Gl�ckwunschtext. Die Freude der Gratulierenden wurde �fter "unb�ndig" genannt. Auf die Rede, die der Ausgesuchte halten werde, hie� es auch �fter, sei man gespannt, sie werde sicher kritisch. Da� mehrere sich unb�ndig freuen, weil einem anderen etwas Angenehmes geschieht, zeigt, da� unter uns die Freundlichkeitsf�higkeit noch lebt. Dar�ber, da� von ihm nat�rlich eine kritische Rede erwartet werde, konnte der Ausgesuchte sich nicht gleicherma�en freuen. Klar, von ihm wurde die Sonntagsrede erwartet. Die kritische Predigt. Irgend jemandem oder gleich allen die Leviten lesen. Diese Rede hast du doch auch schon gehalten. Also halt' sie halt noch einmal, mein Gott. Die Rede, die gespeist wird aus unguten Meldungen, die es immer gibt, die sich, wenn ein bi�chen Porenverschlu� zu Hilfe kommt, so polemisch schleifen l��t, da� die Medien noch zwei, wenn nicht gar zweieinhalb Tage lang eifrig den Nachhall pflegen.

Der Ausgesuchte kam sich eingeengt vor, festgelegt. Er war n�mlich, als er von der Zuerkennung erfuhr, zuerst einmal von einer einfachen Empfindung befallen worden, die, formuliert, etwa h�tte hei�en k�nnen: Er wird f�nfundzwanzig oder gar drei�ig Minuten lang nur Sch�nes sagen, das hei�t Wohltuendes, Belebendes, Friedenspreism��iges. Zum Beispiel B�ume r�hmen, die er durch absichtsloses Anschauen seit langem kennt. Und gleich der Rechtfertigungszwang: �ber B�ume zu reden ist kein Verbrechen mehr, weil inzwischen so viele von ihnen krank sind. F�nfundzwanzig Minuten Sch�nes -‚ selbst wenn du das der Sprache abtrotzen oder aus ihr herausz�rteln k�nntest, f�nfundzwanzig oder gar drei�ig Minuten Sch�nes -‚dann bist du erledigt. Ein Sonntagsrednerpult, Paulskirche, �ffentlichste �ffentlichkeit, Medienpr�senz, und dann etwas Sch�nes! Nein, das war dem f�r den Preis Ausgesuchten schon ohne alle Hilfe von au�en klar geworden, das durfte nicht sein. Aber als er dann so deutlich gesagt kriegte, da� von ihm erwartet werde, die kritische Sonntagsrede zu halten, wehrte sich in ihm die freiheitsdurstige Seele doch noch einmal. Da� ich mein Potpourri des Sch�nen h�tte rechtfertigen m�ssen, war mir auch klar. Am besten mit solchen Gest�ndnissen: Ich verschlie�e mich �beln, an deren Behebung ich nicht mitwirken kann. Ich habe lernen m�ssen, wegzuschauen. Ich habe mehrere Zufluchtwinkel, in die sich mein Blick sofort fl�chtet, wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unertr�gliche vorf�hrt. Ich finde, meine Reaktion sei verh�ltnism��ig. Unertr�gliches mu� ich nicht ertragen. Auch im Wegdenken bin ich ge�bt. Ich k�me ohne Wegschauen und Wegdenken nicht durch den Tag und schon gar nicht durch die Nacht. Ich bin auch nicht der Ansicht, da� alles ges�hnt werden mu�. In einer Welt, in der alles ges�hnt werden m��te, k�nnte ich nicht leben. Also ist es mir ganz und gar unangenehm, wenn die Zeitung meldet: Ein idealistischer Altachtundsechziger, der dann f�r die DDR spionierte und durch die von Br�ssel nach Ostberlin und Moskau verratenen NATO-Dokumente dazu beigetragen hat, denen im Osten begreiflich zu machen, wie wenig von der NATO ein atomarer Erstschlag zu bef�rchten sei, dieser idealistisch-sozialistische Weltverbesserer wird nach der Wende zu zw�lf Jahren Gef�ngnis und 100 000 Mark Geldstrafe verurteilt, obwohl das Oberlandesgericht D�sseldorf im Urteil festh�lt, "da� es ihm auch darum ging, zum Abbau von Vorurteilen und Besorgnissen des Warschauer Paktes die Absichten der NATO transparent zu machen und damit zum Frieden beizutragen . .." Und er habe "auch nicht des Geldes wegen f�r seine �stlichen Auftraggeber gearbeitet". Wolfgang Sch�uble und andere Politiker der CDU haben daf�r pl�diert, im Einigungsvertrag die Spionage beider Seiten von Verfolgung freizustellen. Trotzdem kam es 1992 zu dem Gesetz, das die Spione des Westens straffrei stellt und finanziell entsch�digt, Spione des Ostens aber der Strafverfolgung ausliefert. Vielleicht h�tte ich auch von diesem Vorfall wegdenken k�nnen, wenn er nicht ziemlich genau dem Fall gliche, den ich noch zur Zeit der Teilung in einer Novelle dargestellt habe. Und man kann als Autor, wenn die Wirklichkeit die Literatur geradezu nach�fft, nicht so tun, als ginge es einen nichts mehr an. Wenn die unselige Teilung noch best�nde, der kalte Krieg noch seinen gef�hrlichen Unsinn fortfretten d�rfte, w�re dieser Gefangene, der als "Meisterspion des Warschauer Paktes im NATO-Hauptquartier in Br�ssel" firmiert, l�ngst gegen einen Gleichkar�tigen, den sie dr�ben gefangen h�tten, ausgetauscht. Dieser Gefangene b��t also die deutsche Einigung. Resozialisierung kann nicht der Sinn dieser Bestrafung sein, Abschreckung auch nicht. Bleibt nur S�hne. Unser sehr verehrter Herr Bundespr�sident hat es ablehnen m�ssen, diesen Gefangenen zu begnadigen. Und der Bundespr�sident ist ein Jurist von hohem Rang. Ich bin Laie. F�nf Jahre von zw�lfen sind verb��t. Wenn schon die juristisch-politischen Macher es nicht wollten, da� Ost und West rechtlich gleichgestellt w�ren, wahrscheinlich weil das eine nachtr�gliche Anerkennung des Staates DDR bedeutet h�tte - na und?! -‚ wenn schon das Recht sich als unf�hig erweist, die politisch gl�cklich verlaufene Entwicklung menschlich zu fassen, warum dann nicht Gnade vor Recht? So der Laie.

Also doch die Sonntagsrede der scharfen Darstellung bundesrepublikanischer Justiz widmen? Aber dann ist die Rede zu Ende, ich gehe essen, schreibe morgen weiter am n�chsten Roman und der Spion s�hnt und s�hnt und s�hnt bis ins n�chste Jahrtausend. Wenn das nicht peinlich ist, was, bitte, ist dann peinlich? Aber ist die vorhersehbare Wirkungslosigkeit ein Grund, etwas, was du tun solltest, nicht zu tun? Oder mu�t du eine kritische Rede nicht schon deshalb meiden, weil du auf diesen von dir als sinnlos und ungerecht empfundenen Strafvollzugsfall nur zu sprechen kommst, weil du die kritische Sonntagsrede halten sollst? In deinem sonstigen Schreiben w�rdest du dich nicht mehr mit einem solchen Fall besch�ftigen, so peinlich es dir ist, wenn du daran denkst, da� dieser idealistische Mensch sitzt und sitzt und sitzt.

Es gibt die Formel, da� eine bestimmte Art Geistest�tigkeit die damit Besch�ftigten zu H�tern oder Treuh�ndern des Gewissens mache; diese Formel finde ich leer, pomp�s, komisch. Gewissen ist nicht delegierbar. Ich werde andauernd Zeuge des moralisch-politischen Auftritts dieses oder jenes sch�tzenswerten Intellektuellen und habe selber schon, von unangenehmen Aktualit�ten provoziert, derartige Auftritte nicht vermeiden k�nnen.

Aber gleich stellt sich eine Bedingung ein, ohne die nichts mehr geht.

N�mlich: etwas, was man einem anderen sagt, mindestens genauso zu sich selber sagen. Den Anschein vermeiden, man wisse etwas besser. Oder gar, man sei besser. Stilistisch nicht ganz einfach: kritisch werden und doch glaubw�rdig ausdr�cken, da� du nicht glaubst, etwas besser zu wissen. Noch schwieriger d�rfte es sein, dich in Gewissensfragen einzumischen und doch den Anschein zu vermeiden, du seist oder hieltest dich f�r besser als die, die du kritisierst.

In jeder Epoche gibt es Themen, Probleme, die unbestreitbar die Gewissensthemen der Epoche sind. Oder dazu gemacht werden. Zwei Belege f�r die Gewissensproblematik dieser Epoche. Ein wirklich bedeutender Denker formulierte im Jahr 92: "Erst die Reaktionen auf den rechten Terror -die aus der politischen Mitte der Bev�lkerung und die von oben: aus der Regierung, dem Staatsapparat und der F�hrung der Parteien - machen das ganze Ausma� der moralisch-politischen Verwahrlosung sichtbar." Ein ebenso bedeutender Dichter ein paar Jahre davor: "Gehen Sie in irgendein Restaurant in Salzburg. Auf den ersten Blick haben Sie den Eindruck: lauter brave Leute. H�ren Sie Ihren Tischnachbarn aber zu, entdecken Sie, da� sie nur von Ausrottung und Gaskammern tr�umen." Addiert man, was der Denker und der Dichter - beide wirklich gleich seri�s - aussagen, dann sind Regierung, Staatsapparat, Parteienf�hrung und die braven Leute am Nebentisch "moralisch-politisch" verwahrlost. Meine erste Reaktion, wenn ich Jahr f�r Jahr solche in beliebiger Zahl zitierbaren Aussagen von ganz und gar seri�sen Geistes- und Sprachgr��en lese, ist: Warum bietet sich mir das nicht so dar? Was fehlt meiner Wahrnehmungsf�higkeit? Oder liegt es an meinem zu leicht einzuschl�fernden Gewissen? Das ist klar, diese beiden Geistes- und Sprachgr��en sind auch Gewissensgr��en. Anders w�re die Sch�rfe der Verd�chtigung oder schon Beschuldigung nicht zu erkl�ren. Und wenn eine Beschuldigung weit genug geht, ist sie an sich schon schlagend, ein Beweis er�brigt sich da. Endlich tut sich eine M�glichkeit auf, die Rede kritisch werden zu lassen. Ich hoffe, da� auch selbstkritisch als kritisch gelten darf. Warum werde ich von der Emp�rung, die dem Denker den folgenden Satzanfang gebietet, nicht mobilisiert: "Wenn die sympathisierende Bev�lkerung vor brennenden Asylantenheimen W�rstchenbuden aufstellt ..." Das mu� man sich vorstellen: die Bev�lkerung sympathisiert mit denen, die Asylantenheime angez�ndet haben, und stellt deshalb W�rstchenbuden vor die brennenden Asylantenheime, um auch noch Gesch�fte zu machen. Und ich mu� zugeben, da� ich mir das, wenn ich es nicht in der intellektuell ma�geblichen Wochenzeitung und unter einem verehrungsw�rdigen Namen l�se, nicht vorstellen k�nnte. Die tausend edle Meilen von der Bildzeitung entfernte Wochenzeitung tut noch ein �briges, um meiner ungen�genden moralisch-politischen Vorstellungskraft zu helfen; sie macht aus den W�rtern des Denkers fett gedruckte Hervorhebungsk�stchen, da� man das Wichtigste auch dann zur Kenntnis nehme, wenn man den Aufsatz selber nicht Zeile flur Zeile liest. Da sind dann die W�rter des Denkers im Extraschaudruckk�stchen so zu besichtigen: "W�rstchenbuden vor brennenden Asylantenheimen und symbolische Politik f�r dumpfe Gem�ter."

Ich kann solche Aussagen nicht bestreiten; dazu sind sowohl der Denker als auch der Dichter zu seri�se Gr��en. Aber - und das ist offenbar meine moralisch-politische Schw�che - genau so wenig kann ich ihnen zustimmen. Meine nichts als triviale Reaktion auf solche schmerzhaften S�tze: Hoffentlich stimmt's nicht, was uns da so kra� gesagt wird. Es geht sozusagen �ber meine moralisch-politische Phantasie hinaus, das, was da gesagt wird, f�r wahr zu halten. Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen S�tzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. Wahrscheinlich wollen sie auch sich selber verletzen. Aber uns auch. Alle. Eine Einschr�nkung: Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache k�nnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bev�lkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von �sterreichern.

Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unverg�ngliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. K�nnte es sein, da� die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, da� sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie h�tten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien f�r einen Augenblick sogar n�her bei den Opfern als bei den T�tern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von T�tern und Opfern. Ich habe es nie f�r m�glich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, mu� ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsf�higer Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, da� sich in mir etwas gegen diese Dauerpr�sentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein f�r die unaufh�rliche Pr�sentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, da� sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuh�ren und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu k�nnen, da� �fter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessend�rfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenw�rtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung �berwinden wollen, nicht gut und sagt, so erm�glichten wir ein neues Auschwitz. Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde von ma�geblichen Intellektuellen gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz. Oder: Ich stellte das Schicksal einer j�dischen Familie von Landsberg an der Warthe bis Berlin nach genauester Quellenkenntnis dar als einen f�nfzig Jahre lang durchgehaltenen Versuch, durch Taufe, Heirat und Leistung dem ostj�dischen Schicksal zu entkommen und Deutsche zu werden, sich ganz und gar zu assimilieren. Ich habe gesagt, wer alles als einen Weg sieht, der nur in Auschwitz enden konnte, der macht aus dem deutsch-j�dischen Verh�ltnis eine Schicksalskatastrophe unter gar allen Umst�nden. Der Intellektuelle, der daf�r zust�ndig war, nannte das eine Verharmlosung von Auschwitz. Ich nehme zu meinen Gunsten an, da� er nicht alle Entwicklungen dieser Familie so studiert haben kann wie ich. Auch haben heute lebende Familienmitglieder meine Darstellung best�tigt. Aber: Verharmlosung von Auschwitz. Da ist nur noch ein kleiner Schritt zur sogenannten Auschwitzl�ge. Ein smarter Intellektueller hi�t im Fernsehen in seinem Gesicht einen Ernst, der in diesem Gesicht wirkt wie eine Fremdsprache, wenn er der Welt als schweres Versagen des Autors mitteilt, da� in des Autors Buch Auschwitz nicht vorkomme. Nie etwas geh�rt vom Urgesetz des Erz�hlens: der Perspektivit�t. Aber selbst wenn, Zeitgeist geht vor �sthetik.

Bevor man das alles als R�ge des eigenen Gewissensmangels einsteckt, m�chte man zur�ckfragen, warum, zum Beispiel, in Goethes "Wilhelm Meister", der ja erst 1795 zu erscheinen beginnt, die Guillotine nicht vorkommt. Und mir dr�ngt sich, wenn ich mich so moralisch-politisch ger�gt sehe, eine Erinnerung auf. Im Jahr 1977 habe ich nicht weit von hier, in Bergen-Enkheim, eine Rede halten m�ssen und habe die Gelegenheit damals dazu benutzt, folgendes Gest�ndnis zu machen: "Ich halte es f�r unertr�glich, die deutsche Geschichte - so schlimm sie zuletzt verlief- in einem Katastrophenprodukt enden zu lassen." Und: "Wir d�rften, sage ich vor K�hnheit zitternd, die BRD so wenig anerkennen wie die DDR. Wir m�ssen die Wunde namens Deutschland offenhalten." Das f�llt mir ein, weil ich jetzt wieder vor K�hnheit zittere, wenn ich sage: Auschwitz eignet sich nicht, daf�r Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einsch�chterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflicht�bung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualit�t des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht ger�t man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gew�hnliche Gesellschaft?

In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich f�r das Gewissen von anderen verantwortlich f�hlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fu�ballfeldgro�en Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande. Der Historiker Heinrich August Winkler nennt das "negativen Nationalismus". Da� der, auch wenn er sich tausendmal besser vorkommt, kein bi�chen besser ist als sein Gegenteil, wage ich zu vermuten. Wahrscheinlich gibt es auch eine Banalit�t des Guten.

Etwas, was man einem anderen sagt, mindestens genauso zu sich selber sagen. Klingt wie eine Maxime, ist aber nichts als Wunschdenken. Offentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen? Unversehens wird auch das Phrase. Da� solche Verl�ufe schwer zu vermeiden sind, mu� mit unserem Gewissen zu tun haben. Wenn ein Denker "das ganze Ausma� der moralisch-politischen Verwahrlosung" der Regierung, des Staatsapparates und der F�hrung der Parteien kritisiert, dann ist der Eindruck nicht zu vermeiden, sein Gewissen sei reiner als das der moralisch-politisch Verwahrlosten. Aber wie f�hlt sich das an, ein reineres, besseres, ein gutes Gewissen? Ich will mir, um mich vor weiteren Bekenntnispeinlichkeiten zu sch�tzen, von zwei Geistesgr��en helfen lassen, deren Sprachverstand nicht anzuzweifeln ist. Heidegger und Hegel. Heidegger, 1927, "Sein und Zeit". "Das Gewi�werden des Nichtgetanhabens hat �berhaupt nicht den Charakter eines Gewissensph�nomens. Im Gegenteil: dieses Gewi�werdens des Nichtgetanhabens kann eher ein Vergessen des Gewissens bedeuten." Das hei�t, weniger genau gesagt: Gutes Gewissen, das ist so wahrnehmbar wie fehlendes Kopfweh. Aber dann hei�t es im Gewissensparagraph von "Sein und Zeit": "Das Schuldigsein geh�rt zum Dasein selbst." Ich hoffe nicht,da� das gleich wieder als eine bequeme Entlastungsphrase f�r zeitgen�ssische schuldunlustige Finsterlinge verstanden wird. Jetzt Hegel. Hegel in der Rechtsphilosophie: "Das Gewissen, diese tiefste innerliche Einsamkeit mit sich, wo alles �u�erliche und alle Beschr�nktheit verschwunden ist, diese durchg�ngige Zur�ckgezogenheit in sich selbst..."

Ergebnis der philosophischen Hilfe: Ein gutes Gewissen ist keins. Mit seinem Gewissen ist jeder allein. �ffentliche Gewissensakte sind deshalb in der Gefahr symbolisch zu werden. Und nichts ist dem Gewissen fremder als Symbolik, wie gut sie auch gemeint sei. Diese "durchg�ngige Zur�ckgezogenheit in sich selbst" ist nicht repr�sentierbar. Sie mu� "innerliche Einsamkeit" bleiben. Es kann keiner vom anderen verlangen, was er gern h�tte, der aber nicht geben will. Oder kann. Und das ist nicht nur deutsche idealistische Philosophie. In der Literatur, zum Beispiel, Praxis. Bei Kleist. Und jetzt kann ich doch noch etwas Sch�nes bringen. Herrliche Aktionen bei Kleist, in denen das Gewissen als das schlechthin Pers�nliche geachtet, wenn nicht sogar gefeiert wird. Der Reitergeneral Prinz von Homburg hat sich in der Schlacht befehlswidrig verhalten, der Kurf�rst verurteilt ihn zum Tode, dann, pl�tzlich: "Er ist begnadigt!" Natalie kann es kaum glauben: "Ihm soll vergeben sein? Er stirbt jetzt nicht?" fragt sie. Und der Kurf�rst: "Die h�chste Achtung, wie Dir wohl bekannt/ Trag ich im Innersten f�r sein Gef�hl/Wenn er den Spruch f�r ungerecht kann halten/Kassier' ich die Artikel; er ist frei!"

Also, es wird ganz vom Gef�hl des Verurteilten abh�ngig gemacht, ob das Todesurteil vollzogen wird. Wenn der Verurteilte das Urteil f�r ungerecht halten kann, ist er frei.

Das ist Gewissensfreiheit, die ich meine. Das Gewissen, sich selbst �berlassen, produziert noch Schein genug. �ffentlich gefordert, regiert nur der Schein. Birgt und verbirgt nicht jeder ein innerstes, auf Selbstachtungsproduktion angelegtes Spiegelkabinett? Ist nicht jeder eine Anstalt zur Lizenzierung der unvereinbarsten Widerspr�che? Ist nicht jeder ein Flie�band der unendlichen L�ge-Wahrheit-Dialektik? Nicht jeder ein von Eitelkeiten dirigierter Gewissensk�mpfer? Oder verallgemeinere ich mich jetzt schon zu sehr, um eigener Schw�che Gesellschaft zu verschaffen? Die Frage kann ich doch nicht weglassen: W�re die Offentlichkeit �rmer oder gewissensverrohter, wenn Dichter und Denker nicht als Gewissenswarte der Nation auftr�ten? Beispiele, bitte. In meinem Lieblingsjahrzehnt, 1790 bis 1800, sind Schiller, Fichte, Hegel, H�lderlin Bef�rworter der Franz�sischen Revolution. Goethe, seit 1776 Weimarer Staatsbeamter, seit 1782 im Adelsstand, macht mit seinem Herzog eine Kriegsreise im antirevolution�ren Lager, vor Verdun beobachtet er, hei�t es, an kleinen Fischen in einem mit klarem Wasser gef�llten Erdtrichter prismatische Farben. Einen Monat nach dem Ausbruch der Revolution hat er sein z�rtlich-innigstes Spiegelbildst�ck vollendet: den Tasso. Und als er im Jahr 94 Schiller in Jena in der "Naturforschenden Gesellschaft" trifft, wird, hei�t es, die Freundschaft endg�ltig begr�ndet. Und den einen hat es offenbar nicht gest�rt, da� der andere eine ganz andere Art von Gewissen pflegte als er selber. Wer war nun da das Gewissen des Jahrzehnts? Liegt das jetzt an der Gr��e dieser beiden, da� eine Freundschaft entstand zwischen zwei wahrhaft verschiedenen Gewissen? Oder gab es damals noch Toleranz? Ein Fremdwort, das wegen Nichtmehrvorkommens des damit Bezeichneten heute eher entbehrlich ist. Noch so ein Gewissensbeispiel: Thomas Mann. Kurz vor 1918 lehnt er Demokratie ab, sie sei bei uns "landfremd, ein �bersetztes, das ... niemals deutsches Leben und deutsche Wahrheit werden kann. ... Politik. Demokratie ist an und f�r sich etwas Undeutsches, Widerdeutsches..." Und 1922, zu Gerhart Hauptmanns Sechzigstem spricht er: "Von deutscher Republik", und zwar so: "... fast nur um zu beweisen, da� Demokratie, da� Republik Niveau haben, sogar das Niveau der deutschen Romantik haben kann, bin ich auf dieses Podium getreten." Und blieb auf diesem Podium. Aber vorher war er auch schon zwanzig Jahre lang ein Intellektueller und Schriftsteller, aber, was die �ffentliche Meinung angeht, auf der anderen Seite. Aber wer seine B�cher liest von "Buddenbrooks" bis "Zauberberg", der kriegt von diesem krassen Meinungswechsel so gut wie nichts mit. Daf�r aber, behaupte ich, den wirklichen Thomas Mann: Wie er wirklich dachte und empfand; seine Moralit�t also, teilt sich in seinen Romanen und Erz�hlungen unwillk�rlich und vertrauensw�rdiger mit als in den Texten, in denen er politisch-moralisch rechthaben mu�te. Oder gar das Gef�hl hatte, er m�sse sich rechtfertigen.

Das m�chte man den Meinungssoldaten entgegenhalten, wenn sie, mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Meinungsdienst n�tigen. Sie haben es immerhin soweit gebracht, da� Schriftsteller nicht mehr gelesen werden m�ssen, sondern nur noch interviewt. Da� die so zustande kommenden Platzanweisungen in den B�chern dieser Schriftsteller entweder nicht verifizierbar oder ha� widerlegt werden, ist dem Meinungs- und Gewissenswart eher egal, weil das Sprachwerk f�r ihn nicht verwertbar ist.

Gibt es au�er der literarischen Sprache noch eine, die mir nichts verkaufen will? Ich kenne keine. Deshalb: Nichts macht so frei wie die Sprache der Literatur. Siehe Kleist.

Mein Vertrauen in die Sprache hat sich gebildet durch die Erfahrung, da� sie mir hilft, wenn ich nicht glaube, ich wisse etwas schon. Sie h�lt sich zur�ck, erwacht sozusagen gar nicht, wenn ich meine etwas schon zu wissen, was ich nur noch mit Hilfe der Sprache formulieren m�sse. Ein solches Unternehmen reizt sie nicht. Sie nennt mich dann rechthaberisch. Und blo�, um mir zum Rechthaben zu verhelfen, wacht sie nicht auf. Etwa um eine kritische Rede zu halten, weil es Sonntagvormittag ist und die Welt schlecht und diese Gesellschaft nat�rlich besonders schlecht und �berhaupt alles ohne ein bi�chen Beleidigung fade ist; wenn ich ahne, da� es gegen meine Empfindung w�re, mich ein weiteres Mal dieser Predigtersatzfunktion zu f�gen, dann liefere ich mich der Sprache aus, �berlasse ihr die Z�gel, egal, wohin sie mich f�hre. Letzteres stimmt nat�rlich nicht. Ich falle ihr in die Z�gel, wenn ich f�rchten mu�, sie gehe zu weit, sie verrate zuviel von mir, sie enth�lle meine Unvorzeigbarkeit zu sehr. Da mobilisiere ich furcht- und bedachtsam sprachliche Verbergungsroutinen jeder Art. Als Ziel einer solchen Sonntagsrede schwebt mir allenfalls vor, da� die Zuh�rer, wenn ich den letzten Satz gesagt habe, weniger von mir wissen als bei meinem ersten Satz. Der Ehrgeiz des der Sprache vertrauenden Redners darf es sein, da� der Zuh�rer oder die Zuh�rerin den Redner am Ende der Rede nicht mehr so gut zu kennen glaubt wie davor. Aber eine ganz abenteuerliche Hoffnung kann der Redner dann doch nicht unterdr�cken: da� n�mlich der Redner dadurch, da� man ihn nicht mehr so klipp und klar kennt wie vor der Rede, eben dadurch dem Zuh�rer oder der Zuh�rerin vertrauter geworden ist. Es soll einfach gehofft werden d�rfen, man k�nne einem anderen nicht nur dadurch entsprechen, da� man sein Wissen vermehrt, seinen Standpunkt st�rkt, sondern, von Sprachmensch zu Sprachmensch, auch dadurch, da� man sein Dasein streift auf eine nicht kalkulierbare, aber vielleicht erlebbare Art. Das ist eine reine Hoffnung.

Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespr�sident, lassen Sie doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um des lieben Friedens willen.

 

 

Der Text folgt dem gesprochenen Wort.

Quelle: B�rsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.): Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998, Martin Walser. Ansprachen aus Anla� der Verleihung, Frankfurt/Main 1998.