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Zum Thema siehe auch  => Warenfetischismus



Entnommen aus http://phaidon.philo.at/~weidner/warenfet.htm

Benjamins Begriff der Ware erscheint deshalb interessant, weil er die Ware �ber das �konomische hinaus als imagin�ren und phantasmatischen Gegenstand zu denken versucht, weil er sie aber andererseits auch nicht zu dem allgemeinen Schl�ssel der Kultur macht, wie es die hegelsch gepr�gte Marx-Rezeption tut. Darin ist Benjamin erstaunlich nahe an Marx selbst, f�r den der Fetischismus weder ein rein �konomisches Problem ist, noch eine derart allgemeine Figur wie Luk�cs das im Auge hat.

Im 'Kapital' erscheint der Warenfetischismus zun�chst als das schlechthin Einfachste, als der Grundmechanismus, der alle T�uschung der kapitalistischen Gesellschaft nach sich zieht. Diese T�uschung ist alles andere als leicht aufzuheben, sie "erscheint, vor wie nach jener Entdeckung [des Warenfetischismus] den in den Verh�ltnissen der Warenproduktion Befangenen ebenso endg�ltig, als da� die wissenschaftliche Zersetzung der Luft in ihre Elemente die Luftform als eine physikalische K�rperform fortbestehen l��t". (MEW 23, 88) Das bedeutet aber mehr als da� er lediglich praktisch aufzuheben ist, es tangiert auch die Weise, in welcher der Warenfetischismus 'elementar' ist, in der er 'objektiv' ist.

Der Fetischismus erscheint im Kapital zweimal: neben der weit st�rker rezipierten Stelle am Ende des Kapitels �ber die allgemeine Warenform taucht er ein zweites Mal gegen Schlu� des dritten Bandes auf: angek�ndigt durch die Darstellung der "reinen Fetischform" (MEW 25, 406) des Zinskapitals, der "Mutter aller verr�ckten Formen" (Ebd., 483). Das hei�t, die Diskussion des Warenfetischismus l�uft auf die Diskussion der verschiedenen Revenuen (Zins, Profit, Grundrente, Arbeitslohn) hinaus; das hei�t aber: erst in der ganzen kapitalistischen Gesellschaft ist

die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gellschaftlichen Verh�ltnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverh�ltnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollendet; die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als blo�e Dinge ihren Spuk treiben. (Ebd, 838)

Der Fetischismus ist also kaum die Urzelle, von der aus sich die Verdinglichung immer weiter differenziert, denn er kann �berhaupt nur im Rahmen des ganzen kapitalistischen Systemes verstanden werden. Marx hat das sehr wohl schon am Anfang des 'Kapitals' gewu�t: "Auch die �konomischen Kategorien, die wir fr�her betrachtet, tragen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Ware sind bestimmte historische Bedingungen eingeh�llt." (MEW 23, 183) Der Warenfetischismus kann nicht unabh�ngig von der Ganzheit des �konomischen Prozesses und seiner Geschichte betrachtet werden; er ist weniger ein einfaches Element als ein Knoten. Diese �berbestimmtheit zeigt sich auch an der Rolle, die der Fetischismus in der Theorie spielt: er ist nicht einfach Ursache, andererseits ist es auch falsch, zu behaupten, er beziehe sich blo� auf die (entstelllte) Erscheinung der Verh�ltnisse f�r uns. Wie Marx sp�ter zeigt, begr�ndet der Fetischcharakter der Waren hier einen Tausch, der gleichzeitig �quivalent und nicht-�quivalent ist: wenn der Kapitalist die Arbeitskraft kauft, bezahlt er sie nach ihrem Tauschwert (den Reproduktionskosten) korrekt, aber er erh�lt einen Gebrauchswert (die Arbeit), den er in den Mehrwert umsetzen kann. M�glich ist das hier, weil beide Seiten in der fetischistischen Illusion befangen sind und die Ungerechtigkeit nicht mehr sichtbar ist; nur deshalb, weil die Ausbeutung nicht mehr offensichtlich ist, kann sich der Kapitalismus zu einem System entwickeln. Denn was der Fetischismus verhindert, ist nicht, da� die Subjekte die 'objektiven' �konomischen Verh�ltnisse nicht korrekt entziffern, sondern das diese Verh�ltnisse sich erst mit ihrer Unlesbarkeit bilden.

Darum hat der Fetischismus auch immer eine gewisse Zweideutigkeit, er besteht (als "Religion des Alltagslebens") in der "Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Produktionsverh�ltnisse". (MEW 25, 838) Diesen Aspekt verdr�ngt die hegelianisch gepr�gte Marx-Rezeption von Luk�cs bis Adorno: Die Personifizierung der Sachen kommt in der Theorie der Verdinglichung gar nicht zur Geltung, das zweite nur in der individualistischen Verk�rzung der Verdinglichung des individuellen Arbeiters. Es ist aber gerade erst diese Zweideutigkeit, die den Schein des Fetischismus bildet, in dem doppelten Sinne, da� einerseits an der Ware der Charakter der Gesellschaft erscheint, dieser andererseits gerade im Erscheinen verschleiert wird. Diese Zweideutigkeit ist ja auch der Grund, warum Marx im Fetischkapitel jene suggestive Sprache verwendet, wo die Ware sich in ein "sinnlich �bersinnliches Ding" "verwandelt". (MEW 23, 85) Es sind diese "theologischen Mucken", die den Tanz der Waren vor den Augen der Betrachter er�ffnen, "wenn bald als gesellschaftliches Verh�ltnis erscheint, was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten, und dann wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches Verh�ltnis fixiert hatten". (Einleitung, 'Zur Kritik der politischen �konomie) Wie wir sehen, ist der Fetischismus alles andere als einfach, er ist Ursache wie Wirkung, erhellend wie verstellend, er �bertr�gt ein Schein-Leben wie einen Schein-Tod. Der Fetischismus kann daher am ehesten versucht werden, den Charakter des '�konomischen Scheins' in der kapitalistischen Gesellschaft insgesamt zu charakterisieren - er kann weniger als Mechanismus denn als eine Art �berbestimmter Kurzformel verstanden werden. So eine Kurzformel ist nicht die Wurzel dessen, was sie bezeichnet, sondern eine erste Etikettierung. Die weitere Ann�herung an dieses komplexe Ganze ist nach Marx letztlich nur historisch m�glich.