Über Zeit und Arbeitsdisziplin

Vor gut 200 Jahren wurde im Zuge der sog. "industriellen Revolution" in England die Zeit endgültig zur Uhr-Zeit. Uhren selbst hatte es schon vorher gegeben, die ersten öffentlichen Kirchenuhren sind für das 14. Jahrhundert nachweisbar und gut 200 Jahre später war an fast allen englischen Kirchen eine Uhr angebracht. Gelebte, an der Natur gemessene Zeit wurde nun zu "mit Arbeit" oder "in Freizeit" verbrachter Zeit (wobei es letztere damals wenig gab), die Unterscheidung zwischen "genutzter" und "verschwendeter" Zeit eingeführt.

"Zeit ist Geld", sagt man seitdem, und: "Die Zeit rast" - doch seit wann und warum nehmen wir sie so wahr, als Druck, als Drohung? So anschaulich wie anekdotisch zeichnet der Historiker und große Intellektuelle der ritischen neuen Linken E.P. Thompson (1924-1993) den Wandel der Zeit vom Beginn der Industrialisierung bis zum noch heute bestehenden Kampf um jede "freie" Minute nach. Thompson stellt in seinem 1967 in der marxistischen Zeitschrift Past & Present erstmals erschienenen Text fest, dass die veränderte Auffassung der Zeit nicht nur ein Symptom des sich durchsetzenden Kapitalismus ist, sondern ein Schlüsselelement zum Verständnis moderner Gesellschaften überhaupt: Von der Organisation und Teilung der Arbeit bis zur durchgeplanten Freizeitgestaltung, alle Strukturen sind von Zeitmessern durchgetaktet. Die Synchronisierung der Zeit und das damit zusammenhängende Arbeitsverständnis musste erst in einem längeren Prozess durchgesetzt werden, mit Geldstrafen, moralisierenden Predigten und durch die Arbeitsorganisation und -überwachung.

Für die Neuauflage des Textes von Thompson hat John Holloway ein Vorwort geschrieben. Der 1947 geborene Holloway lehrt seit über 10 Jahren als Politikwissenschaftler in Mexiko und ist stark von den sozialen Bewegungen in Argentinien und Mexiko beeinflusst. Er wurde durch sein Buch "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen" (deutsch Münster 2004) bekannt und aktualisiert in seiner kurzen Einführung die Thesen von Thompson. Im Zentrum seiner Ausführungen steht die Frage, ob die Entwicklung des Zeitbewusstseins nicht auch (wieder) umkehrbar ist. Kann man zu einer "natürlichen ", gelebten, unzerstückelten Zeit zurückfinden? Diese Frage wurde von Thompson Ende 1960er Jahre auch schon angedeutet und Holloway meint heute: Ja! Es könne wieder an ein Zeitverständnis mit einen Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang angeknüpft werden, das sich, so auch schon Thompson, überall da herausbilde, wo Menschen ihren Arbeitsrhythmus selbst bestimmen können.

Bernd Hüttner