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Zwischenmenschlichkeit
W�hrend die Kulturen der armen L�nder durch Auspl�nderung ihrer Lebensstrukturen und Ressourcen durch den Kapitalmarkt unmittelbar gesellschaftlich bedroht sind, besteht die Kultur der reichen Nationen zunehmend aus zwischenmenschlichen Beziehungen, die ihrem gesellschaftslosen Reichtum Sinn verleihen m�ssen. Die Bed�rfnisse der Menschen (46) erscheinen hier ebenso selbst�ndig und aller Gesellschaftlichkeit enthoben, wie die Arbeit. In ihrer Individualit�t stellen sie sich zwar unmittelbar als Menschen dar, dieses Menschsein ist zugleich aber auch ein Produkt der Individualisierung einer Produktion, die gesellschaftliche Zusammenh�nge aufl�st, weil sie die Fortschritte der Produktionsmittel, die Automation und alle Potenzen der Zivilisation von Arbeit bis hin zu ihrer Aufhebung alleine zur Kapitalisierung nutzt. Gesellschaftliche Entwicklung findet nach wie vor nur hinter dem R�cken der Menschen statt und erzeugt daher gerade dort, wo sie den menschlichen Reichtum vermehrt, die Isolation von Menschen in Nischen von abgezirkelten Kulturen, in denen das Leben der Menschen nicht als menschliches Leben gedeiht, sondern zwischen ihnen als zwischenmenschliche Beziehung existiert.
Das Zwischenmenschliche ist die Br�cke von Mensch zu Mensch, die Einigkeit, Mensch zu sein und daher auch menschlich unter Menschen zu sein. Unter Zwischenmenschlichkeit wird meist diese unmittelbar scheinende Beziehung von Mensch zu Mensch verstanden, das voraussetzungslose Beisammensein, in welchem sich Menschen von der Art kennen lernen, wie sie mit einander umgehen, was sie ohne die sonstigen Bedingungen miteinander anfangen k�nnen und was sie sich hierin bedeuten. Zwischenmenschlichkeit beschreibt aber nicht nur diese Eigenwelt, sondern offenbart auch die Sehnsucht nach einem direkten menschlichen Verh�ltnis. Er verr�t so, dass dieses nicht einfach und wirklich besteht. Im Zwischenmenschlichen sind Menschen unterstellt, die sich nur auf eine bestimmte Art und Weise menschlich begegnen k�nnen, n�mlich so, wie es das Wort besagt: Zwischen den Menschen im Unterschied zu ihrem Menschsein, als jeweils besondere Situation in ihrem Dasein als Mensch unter Menschen.
Hierin scheint daher unmittelbare Menschlichkeit zugleich ausgeschlossen. Sie muss als abgetrennte Beziehung verstanden werden, als Aspekt einer Beziehung, die zugleich unmenschlich ist. So sind z.B. Arbeitsverh�ltnisse nicht unbedingt zwischenmenschlich. Zwischenmenschliches kann dort vorkommen, obwohl es dort vorwiegend ein von den Menschen abgetrennten Vorgang gibt, einen Vorgang, in dem sie sich nicht menschlich bet�tigen, sondern nur als Mensch funktionieren, sich als Mensch zur�cknehmen m�ssen. Je fremder die Arbeitswelt, desto mehr wird das Zwischenmenschliche eine hiervon abgetrennte Bedeutung bekommen – solange wenigstens, wie die Arbeitwelt nicht zur Sache der Menschen wird.
Zum anderen dr�ckt Zwischenmenschlichkeit Individuation aus, die selbst nicht wirklich umkehrbar erscheint. Sie ist deshalb als eine eigene Beziehungsebene eingerichtet, in der etwas zwischen den Menschen ausgetragen werden kann, was sonst nicht m�glich w�re. Sie geh�rt allgemein zu den Gef�hlen, Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen; eben zu dem, was man seelisch nennt und durch welches das Menschsein auch hervorgekehrt wird.
Das ist abgetrennt von dem, was in den Beziehungen von Menschen notwendig ist, um ein wirkliches Verh�ltnis zu haben und zu entwickeln, um darin zu streiten oder es zu kritisieren, sich oder andere oder beides; kurz: Sich im Verh�ltnis wirklich und wirkend zu �u�ern, Ursache f�r ein Produkt oder eine Geschichte oder eine Ver�nderung zu sein. In zwischenmenschlichen Beziehungen dr�ckt sich die Abtrennung von Wirklichkeit aus, die Individuation der Wirklichkeit bis auf den kleinen Rest des F�hlens und Wahrnehmens, der unmittelbaren subjektiven T�tigkeit des Erkennens, in dem all das sein soll, was Menschen ausmacht. Und jeder Mensch wird auch dahin verwiesen, der sein Verh�ltnis zur Welt wirklich machen will. Die Funktionen und Rollen der Wirklichkeit sind festgelegt und sollen es im Verweis aufs Zwischenmenschliche auch bleiben.
Diese Individualisierung bis zur allgemeinen Isolation der Menschen voneinander und von ihrer Wirklichkeit erscheint aber als ihr Gegenteil: als ein gesellschaftliches Ganzes einer Kultur, in der die Menschen durch Unterhaltung, Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung verbunden sind, einander erg�nzen und ihren Seelen Raum und Freiheit schenken und ihr Gl�ck und Ungl�ck �ffentlich darstellen. Sie erscheint als Emanzipation des Individuums von seiner Gesellschaft, in welcher die Selbstbest�tigung des Einzelwesens Mensch als �ffentlicher Mensch auf den B�hnen des Lebens von statten geht und vom Publikum beklatscht wird. Die B�hne ist hell erleuchtet, w�hrend das Publikum im Dunkel bleibt. Wir h�ren es wie ein Raunen des Hintergrunds, das vorwiegend positiv wirkt, das lacht, klatscht und die gro�en Auftritte gerne best�tigt, um zumindest die B�hnenwelt als Metapher seines Lebens zu wissen. In dieser Kultur lebt zumindest einer gut: der B�hnenmensch, der seine Wirklichkeit wie ein Lebensparadigma erf�hrt, sich darstellt, wie er in diesem Lebensst�ck gleichsam sein muss. Wo aber Wirklichkeit nicht als Tatsache begriffen ist, bekommt jede Tat eine ungeheuere Wirkung. Man f�rchtet sich davor. Was die Menschen von ihrer T�tigkeit wahrhaben, ger�t zum Zweifel ihrer Selbstwahrnehmung.
Die gesellschaftliche Beziehung der Menschen ist in der zwischenmenschlichen Gesellschaft umgekehrt, wie in der Gesellschaft der Sachen. Die Menschen erscheinen sich hier als unmittelbar freie Menschen, die keiner Sache bed�rfen, um menschlich best�tigt zu sein. Ihr sachliches gesellschaftliches Verh�ltnis verschwindet in ihren Gef�hlen, die sie f�r einander in einer Gesellschaft zwischenmenschlicher Beziehungen haben. Sie erscheinen sich als Menschen, die im Gleichklang ihrer Menschlichkeit sich als Mensch f�hlen, anziehen oder absto�en. Es ist die Welt ihrer Selbstwahrnehmung als Menschen, wie sie f�r sich sind. F�r einander erscheinen sie sich daher auch gleicherma�en wesentlich, wie sie in sich ein Wesen ihrer Individualit�t f�hlen, ein Wesen jenseits ihres gesellschaftlichen Wesens, Seele. F�r einander haben sie daher seelische Gr�nde f�r ihre Beziehung, ihrer Verbundenheit oder Absto�ung, ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung, ihres Gl�cks und ihrer Schande.