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Geschichte einer intellektuellen Verblödung
Der Antisemitismusvorwurf soll die Stringenz eines Denkens kennzeichnen, in welchem kulturbezogene Veranschaulichungen stehen, die auf ein Vernichtungsinteresse hinauslaufen, die eine Vernichtungsabsicht implizieren - auch wenn dies manchmal nur gedankenlos erscheint. Allerdings beinhaltet dies ein Wissen um solches Denken und das Interesse, es zu beeinflussen, zu gemahnen und zu erinnern.
Bei der Verwendung diese Vorwurfs spielt die deutsche Linke eine klägliche Rolle. In der inflationären Anwendung hat sie ihn zu einem politpsychologischen Moralbegriff heruntergespielt, der sich einer genaueren Analyse entzieht und vor allem durch theoretische Überhöhungen gefüllt ist. Er war zum Synonym des Nazismus geworden, das sich quasi geisteswissenschaftlich aus der Geschichte deutscher Begrifflichkeit ergeben habe. Adorno sprach in diesem Zusammenhang von dem „Undenkbaren“ oder von der Totalität eines unmenschlichen Denkens, von der „Unwahrheit des Ganzen“, in welchem sich das Vernichtungsinteresse des Nationalsozialismus verbirgt.
Das aber reicht bei weitem nicht, um die Durchsatzkraft dieses Begriffs zu verstehen. Die ökonomischen. kulturellen und staatspolitischen Notwendigkeiten, welche aus seiner Verwendung eine ganze Vernichtungsindustrie ableiten und begründen konnten, ist bisher kaum zur Sprache gebracht worden. Diesbezüglich hat die Linke sich durch die Frankfurter Schule einen sehr sublimen, sich wissenschaftlich gebenden Moralismus eingebrockt, mit dem ihre Analyse nicht wirklich weiterkommen konnte. Der Zweck der faschistischen Vernichtungsindustrie war äußerst praktisch und nutzte die vorhandenen Klischees des fixierten Bewusstseins für sich. Aber Faschismus ist nicht einfach eine Bewusstseinstatsache, sondern eine feudalistische Reaktion auf eine totale Krise des Kapitalismus und von daher totalitär. Ohne dies begriffen zu haben, ist der Kampf gegen Totalitarismus eine bloße Donquichotterie.
Bei der Durchsicht der antideutschen Web-Seiten ist der Unterschied von rechtem und linken Moralismus oft nur mit Aufwand zu erkennen. Die Linke bekommt ihre diesbezügliche Begrifflichkeit nun gründlich durch die Okkupation linker Belange durch die Rechte zu spüren. Dass der Antisemitismus-Vorwurf zu einem Allrounder der politschen Denunziation geworden ist, hat sie selbst verschuldet. Da war Friedrich Engels schon wesentlich weiter, als er den Antisemitismus als „eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft“ fasste und feststellte, dass er „nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel“ dienen könne. „Er ist eine Abart des feudalen Sozialismus“ schrieb Engels in seinem Artikel „Über den Antisemitismus (1890)“. (Marx-Engels-Werke Bd.22, S. 50). Doch wie kam es zu dieser absurden Psychomoral, mit welcher dieser Begriff durch die moderne Linke gefüllt worden war?
Die Entwicklung dahin hält schon seit über 10 Jahren an und streut inzwischen in viele politische Gruppierungen (z.B. Attac, Gewerkschaften) und auch in Parteien (z.B. SPD und DIE LINKE) hinein. Ihr Ursprung war der Zusammenbruch des Ostblocks und die deutsche Wiedervereinigung. Die Verarbeitung der gesellschaftlichen Probleme, die der sogenannte Realsozialismus aufwies, versetzte viele Linke, die darin bislang ihre Zukunft sehen wollten, in eine tiefe Krise. Ihr Verständnis von Sozialismus war am Boden zerstört. Für sie galt es, einen Schuldigen für die Verbrechen des Stalinismus nicht nur bei Stalin zu finden, sondern im Marxismus überhaupt. Die längst überholten Parolen der Arbeiterbewegung wurden plötzlich wieder aufpoliert zu einem Gegenstand der Kritiker, die deren Ableben nicht mit vollzogen hatten oder es in der heilen Welt linker Kader glatt verschliefen.
Die aus einem schlichten Vorwurf erstellte Kritik am sogenannten Arbeiterbewegungsmarxismus war entsprechend pauschal und reduzierte sich auf die Behauptung, der habe selbst wesentlich antisemitische Anteile gehabt.
Darüber hätte man sicherlich viel diskutieren können, wenn es denn inhaltlich geworden wäre. Aber im großen Bogenschlag der deutschen Kritik ist es schon lange üblich, anstelle einer Analyse der wirklichen Geschichte diese mit einer großartigen Vorstellung beiseite zu fegen. So kam es in dieser Diskussion, die wesentlich im Autoren- und Leserkreis der Zeitschriften KONKRET und BAHAMAS und ihrer Herausgeber geführt wurde, nicht zu einer Analyse der Fehler in der deutschen Arbeiterbewegung, sondern zu einer Verfeinerung der ästhetischen Vorstellungskraft. Im Hahnenkampf der linken Selbstdarstellung wurden die Substanzen kapitalismuskritischer Positionen sprichwörtlich zerfleischt. Übrig blieb psychophilosophischer Popanz der verfeinerten Selbstwahrnehmung. Es entstand ein neuer Gegner: Die Blamage durch überkomplexe Inhaltlichkeit.
Alle Derbheiten der bisherigen Sozialismus-Diskussion – darunter fielen z.B. auch die Texte von Berthold Brecht – wurden als volkstümelnder Konkretismus und damit selbst als Populismus, der zwangläufig zu Totalitarismus führe, abgetan. Die Sozialisten, die ausdrücklichen Gegner und Verfolgten des Naziregimes, wurden so als Täter aufgebaut. Das Resumee der Debatte ist eine ungeheuerliche Verkehrung: Die deutsche Arbeiterbewegung, deren Vertreter massenweise in den Konzentrationslagern der Nazis geendet waren, seien selbst Volksgenossen und Teil des nazistischen Antisemitismus gewesen.
Dieser nämlich, so fasste das ein Autor namens Moishe Postone zusammen, begründe sich in einer besonderen Version des Warenfetischismus, dem Arbeitsfetischismus. Darin würden sich die Arbeiterinnen und Arbeiter als potenzielle Subjekte der Arbeit mit dem Arbeitsbegriff der Faschisten gleich stellen, weil sie die Arbeit als höchstes nationales Ziel, als Subjekt ihres nationalen Heils ansahen, als schaffendes Kapital, das lediglich durch das raffende Kapital, durch den Judaismus bedroht sei. Von daher sei die Diktatur des Proletariats, wie sie in marxistischen Schriften vorkam, mit dem Faschismus identisch und Lenin und Stalin hätten dies auch nur folgerichtig umgesetzt. So wurde ein großes Problem schnell gelöst und der gesamte Arbeitsbegriff von Marx, der ausdrücklich und überdeutlich z.B. in seiner Kritik des Gothaer Programms der SPD, diesen Arbeitssubjektbegriff kritisiert hatte, beiseite gefegt.
Aber die Arbeit in ihrer politischen Formbestimmung durch das Kapital war nun mal der Kern des Marxschen Hauptwerks zur Kritik der politischen Ökonomie. Was außer einer klugen Philosophie- und Ideologiekritik von Marx blieb, war demzufolge fast nur noch ein Denken jenseits wirtschaftlicher Lebensbedingungen, auch wenn man oft im Kapital darüber las. Aber mit den hiervon bewegten Schriften von Theodor W. Adorno wurde dessen philosophische Revision des Marxismus nachvollzogen und Wirtschaft selbst zur bloßen Negation des Lebens, Subjekt einer negativen Dialektik. Adorno, der dieser Welt überhaupt wirkliches Leben und damit Lebenswirklichkeit absprach, weil es kein richtiges Leben im falschen geben könne, versalbte das Selbstgefühl einer politisch verselbständigten Intelligenz, die sich lieber mit der verleugneten Wahrheit ihrer Gegenwart identifizierte und den Rest der Welt als fetischisiert in der Verblendung einer großen Täuschung sah. Das subkulturelle Feingefühl für eine noch nicht vorhandene Welt war für eine ästhetische Abhebung natürlich recht passabel und das Leiden der Ohnmacht wurde mit Adorno zu einem inneren Schmerz tiefer Sehnsucht, zum Wesen einer weltfernen Wahrheit, zur Wunde, welche die Kunst alleine offenbare.
Damit wurden die Widersprüche der wirklichen Lebensverhältnisse selbst zu Metaphern eines Fehlers und dieser lief auch einzig darauf hinaus, sich in der Negation des Lebens durchzusetzen, als negative Dialektik, als Lebensvernichtung in der Glitzerwelt des Kapitalismus, als Verblendungszusammenhang, unter dem leider nur noch die Freunde der Wahrheit zu leiden verstanden. Das Verbrechen lag in der Welt, deren Fehler man außer sich wähnte. Und weil man es als Freund der Wahrheit auch schon kannte, dieses Monster des politischen Verbrechens, war man auch auserwählt, dies der Welt zu präsentieren, es der Welt vorzuwerfen. Auschwitz wurde zum Inbegriff einer neuen politischen Identität, denn Auschwitz kannte jeder. Nur kannte nicht jeder die Selbstgerechtigkeit der kritischen Selbstbehauptung, die Wahrheit des Weltschmerzes.