110. Einleitung in eine Wahrnehmungstheorie der Selbsttäuschung

Wahrnehmung ist ein Verhältnis, worin Menschen Sinn durch und für ihr Leben haben und finden,sich oder andere, Menschen oder Sachen als Gegenstand ihrer Welt für wahr nehmen. Darin machen sie ihre Lebensverhältnisse für sich gültig, ihr stoffliches Dasein ebenso wie auch ihre Verhältnisse untereinander und ihre Beziehungen zu einander. In der Wahrnehmung selbst verspüren sie, was sie durch sich kennen und an anderen für sich erkennen können, was sie wahrhaben, was daran an und für sich wahr oder auch was unwahr ist.

Aber ihre Wahrnehmung kann auch widersinnig sein, wenn sich ihre Wahrnehmung zwischen ihren Empfindung und Gefühlen entzweit, wenn sie das, was die Menschen dabei fühlen, ihren Empfindungen widerspricht oder das, was sie für sich als wahr empfinden, weil es ihren wahren Bedürfnissen entspricht, ihre Gefühle an sich selbst zweifeln lässt, das ihnen Eigene für sie fremd wird, weil darin Fremdes angeeignet ist. Im Ungewissen, im Zweifel müssen sie Gewissheit finden, weil sie im Zwiespalt sich gegen sich selbst verhalten, sich der Doppelsinnigkeit ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten, ihrer Lebensäußerungen überhaupt entziehen, von ihrem Sinn für sich absehen und in der Abstraktion von ihrer sinnlichen Gewissheit abstumpfen, sich verdummen, ihre Empfindungen gegen ihre Gefühle vertauschen und infolge dessen auch ihre Wahrnehmung von sich selbst entfremden (siehe Selbstentfremdung), ihrer Selbsttäuschung folgen müssen, solange dies nicht aufgehoben ist.

Die Menschen verhalten sich zu ihrer Welt indem sie sich zu anderen wie zu sich selbst verhalten, mit sich oder mit ihnen eins oder uneinig sind. Wahrnehmung als ein Verhältnis in Unterschieden begriffen, kann keine Identität durch sich selbst schon haben. Eine Wahrheit an sich gibt es daher auch nicht. Aber sie enthält immer schon Erkenntnis als Selbsterkenntnis und kann somit auch eine zwiespältige Bestimmtheit für sich erschließen, sie in ihrer Wahrheit erkennen, die sie zunächst als solche nehmen, wie sie diese auffassen, eben so, wie sie auf sie wirkt.

Wirklichkeit und Erkenntnis können nicht einfach identisch sein, weil ihre Geschichte sich aus ihrer Wahrnehmung begründet, die immer endlich ist, was sich schon daran zeigt, dass man über ihre Beziehung, über Wahrnehmung und Wahrheit immer wieder neu nachdenken muss. Aber der Zweifel an der Wirklichkeit dieser Welt ist die Voraussetzung und zugleich schon Tätigkeit einer Erkenntnis, die nicht nur nachvollzieht, sondern schon leidenschaftlich an ihrem Kopf arbeitet, um die Verschleierungen ihrer Selbstgewissheit aufzulösen, um zum "Kopf ihrer Leidenschaften" zu werden. Durch die aus den Widersinnigkeiten der Entwertungen ihres Lebens gefundene Selbstachtung können sie schließlich das Material ihrer Wahrheit, den Sinn für ihr Leben - für ihre Natur und Kultur - auch erkennen und für sich finden, sich bewahrheiten, sich selbst schließlich als ein natürliches Wesen empfinden und begreifen.

"Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus. In der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein." (Marx-Engels-Werke Bd.3, S. 26 bis 27)

Das Bewusstsein als solches, das selbst wie ein lebendiges Individuum verstanden wird, ist ein Gespenst der Sophistik. Die wirkliche Geschichte der menschlichen Erkenntnis ist die Durchdringung der materiellen Wirkung ihres Geistes als Wissen und die Gewissheit des Seins, Bewusstsein als seiendes Wissen. Diese Gewissheitkann nur in einer wirklichen Wahrnehmung der Welt aufgehen - eben auch in der Kritik ihrer Widersinnigketen, in der Enttäuschung der Erkenntnis ihrer Verkehrungen, der Vertauschungen ihrer Ursachen mit ihrer Wirkung (siehe Täuschung). Sie muss dem auf den Grund gehen durch die Scheidung von Grund und Folge, von Subjekt und Objekt, von Tätigkeit und Gegenstand. Sie ist daher auch immer schon Abweisung des Widersinnigen, das Heraussetzen eines inneren Widerspruchs aus sich selbst, aus seiner Tautologie, Veräußerlichung des Entäußerten. Ein solches Bewsstsein ist eine Kritik, die auch immer wieder mit ihrer Wahrnehmung hadern muss, soweit ihr darin Widersinniges erkennbar wird.

Wirklichkeit, die in der Wahrnehmung nicht wirklich und unmittelbar erkennbar ist, muss eine Bestimmung enthalten, die sich ihr entzieht. Es ist ihr sinnfälliger Widerspruch, nicht das zu sein, was sie wirklich ist. Das ist für Menschen, die damit leben müssen, im Grunde unerträglich. Und wo das Leben der Menschen in den Widersprüchen ihrer Verhältnisse unerträglich wird, da sucht es sich die Illusion. Da herrscht die Täuschung, die Vertauschung der Lebensmomente mit einer abstrakten Allgemeinheit, die nicht minder folgenschwer ist, als die Verhältnisse selbst, der sie zu entgehen sucht. In der Lebensvielfalt des menschlichen Lebens herrscht die Einfalt, die Dummheit einer absurden Versöhnung. Es ist die Einfalt reduzierter Lebensreize, die Vertauschung eines Lebens der Reize mit dem Reiz des Erlebens, der Ohnmacht mit der Macht, mit Gott und Vaterland. So kehrt sich Verständkeit gegen Bewusstsein, Vernunft gegen Emanzipation, Selbstwert gegen Selbstachtung - überhaupt Glaube gegen Gewissheit. Es herrscht immer noch die Form einer Religion, welche die Menschen mit ihrem Unglück verbündet, mit einer abstrakten Bindung im Ungewissen, mit dem Bündnis der Abstraktionen in ihrer Allgemeinheit, durch die alles sein kann, was es in Wahrheit nicht ist.

Kritik ist nötig, um die verkehrten Verhältnisse als das zu erklären, was sie sind: Die Verkehrung des menschlichen Lebens, die Demütigung des Menschen durch seine Lebensverhältnisse. "Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." (Karl Marx, »Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844), MEW 1, S. 385).

Mit der Kulturalisierung der Gewalten, die das Leben der Menschen beherrschen, sind die Ketten verschönt, vertuscht und übertönt, mit denen sie gefesselt sind. Aber es kann nicht richtig sein, deshalb die Kultur als solche zu kritisieren. Solche Kritik geht gegen ihre Zwecke und wird selbst zu einer Politik, die daraus nur eine politische Illussion bezieht, indem sie verschönt, was sich an ihr als häßlich herausgestellt hat und was sie betreibt und verwendet. Kritik kann sich nicht einfach gegen die herrschende Politik wenden, zu einer kritischen Kultur gegen die herrschende Wirklichkeit werden. Sie muss selbst wirklich politisch sein.

"Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt." (MEW 1, S. 379)

Ein entäuschter Mensch weiß sich getäuscht, erkennt aber zugleich die Täuschung an seiner Wahrnehmung selbst. Denn die Wahrnehmung selbst kann in der Selbstwahrnehmung vertauscht sein, weil sie selbst weder objektiv noch subjektiv ist. Sie ist beides in einem. Ich nehme wahr, was ich auch auffassen kann. Dennoch habe ich auch das wahr, was ich nicht fassen, was ich nicht einfach so erkennen kann, wenn es anders ist, als es erscheint. Im Zwiespalt aber müsste ich mich selbst teilen und mir selbst so scheinen, wie ich es für meine Wahrnehmung nötig habe. Das bleibt nicht folgenlos für das, was mir wesentlich und also Ausdruck meines Wesens ist. An der Wahrheit seiner Zeit und Geschichte kommt niemand vorbei, aber als diese muss er sie nicht unbedingt wahrnehmen.

Wahrnehmung ist zunächst nur Teilhabe an ihrer Anwesenheit, die darauf gründet, was hierin Geschichte zugleich wirklich wahrgehabt und auch gebildet wird. So wie die Wahrnehmung ist, so sind auch die Handlungen, Gefühle und Erwartungen hierzu, weil sie zugleich die Substanz dessen ausmachen, was darin auch wirklich wahr ist.

Ohne Stoff wäre Wahrnehmung bloße Ästhetik und von eigener Wirkung als ein Eindruck ohne wirklichen Sinn, als Ausdruck von etwas oder jemandem, der ohne stoffliches Sein nur subjektiven Eindruck machen soll, indem er fremde Wahrnehmung anreizt und gegen ihre objektive Wahrheit vertauscht, sich also selbst reizvoll darüber hinwegtäuscht, was nur durch sich wahr sein kann.

Weil Wahrnehmung subjektiv getäuscht werden kann, ist auch möglich, dass sie selbst objektiv unwahr wird und Menschen daran irre gehen und irre werden. Hierdurch wird für Menschen gültig, was nicht wahr ist, was sie anders wahrnehmen als sie es wahrhaben. Was sie für sich wahr gemacht haben ist eben nicht einfach das, was auch wahr ist, kann also anders sein, besonders, wenn seine Zwiespältigkeit auch objektiv ist und die Erkenntnis beschwert.

Wahrnehmung ist also immer eine gegenständliche Beziehung, worin Menschen ihre Welt auffassen und für sich wahr machen, d.h. sich mit ihr identifizieren. So wie sie deren Wahrheit nehmen, so ist auch ihre persönliche Identität, sind ihre Handlungen, Gefühle und Erwartungen hierzu, weil so der Gegenstand ihrer Wahrnehmung für wahr gehalten wird, gleich, wie wahr diese Beziehung selbst ist, wie sie also in Wirklichkeit wahr gehabt wird.

Ihre Wahrheit zu erkennen und zu begreifen ist eine Tätigkeit des Bewusstseins. Im Bewusstsein für ihren Gegenstand, im gegenständlichen Wissen um ihr Sein, bildet sich die Erkenntnis dieser Beziehung als wissendes Sein über die darin befangene Wahrnehmung hinaus. Indem sie die Zusammenhänge und Zusammenwirkungen durch sie hindurch begriffen hat, wird sie zu einer wirklichen Erkenntnis, in welcher Wahrnehmung aufgehoben, erschlossen und aufbewahrt ist.

Als eine solche Beziehung verstanden ist Wahrnehmung also keine rein physische Tätigkeit von Sinnesorganen, sondern eine Tätigkeit, eine Beziehungsarbeit, worin Subjekt und Objekt der Wahrnehmung ihre Identität bilden und verwirklichen, das Subjekt sich mit seiner Objektivität identifiziert, soweit es sich darin erkennen kann, - und sie kritisiert, wo es sich davon unterschieden weiß.

Eine bloße Wahrnehmungsfunktion der Sinnesorgane wäre hiergegen leere Sinnestätigkeit und für diese Beziehung ein Unding. Eine reine Kognition gibt es nicht. Eine bloße Tätigkeit von Sinnesorganen als physische Beziehung durch sich selbst ist für den Menschen unsinnig, setzt sie doch gerade einen Sinn für etwas voraus, das in gleicher Weise sinnlich ist. Ohne dieses hätten Menschen auch keinen Sinn, weil Sinn nur durch und für einen Gegenstand sein kann. Schon die bloße Naturempfindung weiß von ihrem Gegenstand, bevor sie ihn wahrnimmt, denn an ihm hat sie sich gebildet, wie ihn umgekehrt auch ihre Tätigkeit fortgebildet hat. Jede Wahrnehmung, ob nun in Gesellschaft oder individuell, findet in einer Welt statt, an der sie teilnimmt, weil sie Teil dieses Ganzen ist.

Auch wenn sie sich als bloße Selbstwahrnehmung nur auf sich, auf ihre bloße Eigenschaftlichkeit bezieht und von ihrer eigenen Wirkung beeindruckt ist und diese ausdrücklich für sich und auf sich vollzieht, ist Wahrnehmung gegenständlich. Aber ihre Gleichgültigkeit gegen ihre gegenständliche Wirkungen wird hierdurch zugleich zu ihrem Verlust an Wahrheit. Von daher gerät sie ohne gegenständliche Wirklichkeit auch in Not und erweist sich immer wieder - wenn auch erst im Nachhinein - als notwendig bedingt und an die Kultur gebunden, die sie wahr hat. Und von da her ist sie auch immer geschichtlich und nicht nur für den Moment wahr, ist sie auch Gedächtnis und der Form nach ihrem Gegenstand darin gleich, dass sie selbst ein Lebensmoment der Verhältnisse ist, die sie wahrhat, weil und sofern auch diese über diesen Moment hinaus bestehen. In ihr regen sich die Lebensinhalte auch, wenn sie abwesend, nicht unmittelbar gegenwärtig und eingängig sind, ihrer Form nicht unmittelbar entsprechen. Wahrnehmung entspricht daher auch in ihrer verstellten oder verrückten Form den Lebensverhältnissen der Menschen, die sich über ihr Tun und Lassen begründen und worin sie ihre Sinnbildungen wahrhaben, sowohl in der Gestalt ihrer Gegenstände, als auch in ihrem Wahrnehmungsprozess selbst oder auch im Widerspruch beider zueinander.

Wahrnehmung ist niemals ohne Sinn, auch wenn sie unsinnig erscheint. Wir nehmen wahr, wofür wir einen Sinn haben und was wir wahrnehmen ist sinnlich und vermittelt daher Sinn. Sinn ist eben nicht nur bloße unmittelbare Natur, sondern so körperlich und geistig wie wir selbst, Voraussetzung und Gebilde unserer Kultur, Resultat der bisherigen Geschichte, die zu unserer Natur geworden ist, und Substanz der Tätigkeit, welche Geschichte bildet.

"Daß der Mensch ein leibliches, naturkräftiges, lebendiges, wirkliches, sinnliches, gegenständliches Wesen ist, heißt, daß er wirkliche, sinnliche Gegenstände zum Gegenstand seines Wesens, seiner Lebensäußerung hat oder daß er nur an wirklichen, sinnlichen Gegenständen sein Leben äußern kann. Gegenständlich, natürlich, sinnlich sein und sowohl Gegenstand, Natur, Sinn außer sich haben, oder selbst Gegenstand, Natur, Sinn für ein Drittes sein, ist identisch. Der Hunger ist ein natürliches Bedürfnis; er bedarf also einer Natur außer sich, eines Gegenstandes außer sich, um sich zu befriedigen, um sich zu stillen. Der Hunger ist das gestandene Bedürfnis meines Leibs nach einem außer ihm seienden, zu seiner Integrierung und Wesensäußerung unentbehrlichen Gegenstandes." (MEW 40, S. 578)

Wenn wir Dinge oder Tiere oder Pflanzen oder Menschen wahrnehmen, so wenden wir uns ihnen zu, nehmen sie in uns auf und versinnlichen sie für uns. Hierbei haben wir sie als das wahr, was sie für uns sind. In dieser Beziehung identifizieren wir sie für uns, wie wir uns mit ihnen identifizieren. Und unsere Wahrnehmungsidentität besteht darin, dass wir damit leben können, dass wir in dieser Beziehung uns nicht widersprechen müssen, keinen Widerspruch in unserer Wahrnehmung selbst vollziehen, solange wir erkennen können, was ist, was wir in dem wahrhaben, das wir wahrnehmen. Die Lebensverhältnisse können verrückt sein. Ich muss es nicht sein, wenn ich das erkennen kann, wenn meine Wahrnehmung also nicht hiervon bestimmt ist.

Was in dieser Form erkannt wird, ist nichts anderes als die Wahrheit, die wir selbst in dieser Beziehung als Teil der Welt, als Teil der Natur durch die Natur unserer Sinne haben. Es sind unserer Gegenstände eben auch selbst die Sinnesgestalt, die wir selbst sind und die wir auch als Kultur erzeugt haben, wie wir diese zugleich in unserer Natur vofinden. In dieser Beziehung wird etwas gewahr, worin wir einen Sinn finden, worin wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen, das in uns aufgeht und das wir auch dann noch wahrhaben, wenn wir es nicht mehr wahrnehmen. Dieser Sinn bleibt uns als Sinn einer Beziehung erhalten, die wir weiterhin hierzu haben und war dieser Beziehung auch schon vorausgesetzt, indem wir zur Wahrnehmung in der Lage sind, sie erinnern und im Gedächtnis behalten. Die Wahrnehmung ist so sinnlich, wie sie auch Sinn für anderes hat (3). Weil wir Teil der Welt sind, können wir diese sinnlich wahrnehmen und weil wir sie als Gegenstand unserer Wahrnehmung haben, haben wir sie in der Wahrnehmung sinnlich wahr.

Worin wir einen Sinn finden, das haben wir auch auch im Sinn, haben es für uns erkannt, denn wir haben darin einen Sinn gewahr, der unseren Sinnen entspricht und sie so bildet, wie er selbst sinnliches Gebilde ist. Das Wahrnehmen vertieft sich hierbei zu einer innigen Beziehung, die ihren Sinn darin entwickelt, dass das Wahrgenommene zu einem Sinn für uns wird. Viele Menschen vollziehen ihre Wahrnehmung daher oft auch tätig, greifen zum Malkasten oder zum Schreibstift oder zu einem Musikinstrument, um ihren Sinn für etwas auch materiell zu finden, indem sie ihn gestalten und auch gegenständlich wahrmachen. Sie malen Bilder, schreiben Gedichte oder machen Musik, um das voll und ganz für sich fest zu machen und dadurch frei zu lassen, was sie Wahrnehmen. Sie erreichen ihre Freiheit von der Wahrnehmung dadurch, dass sie sie ausdrücken können, dass sie sowohl bewahren wie hinter sich lassen können, was sie erkannt haben (4).

Über Wahrnehmung als solche nachzudenken, wäre unsinnig und würde sie geradezu stören. Wir würden im bloßen Bedenken grundlos ihren Fortgang unterbrechen, ihre Erkenntnis behindern, dem Beziehen und Suchen, dem Finden und Entdecken, dem praktischen Leben Schönheit und Freude nehmen und es in leerer Bedenklichkeit seiner Wirklichkeit schließlich auch gedanklich entfremden. Wahrnehmung findet am besten von selbst ihr Ende in der Erkenntnis, in welcher wir ihren Sinn finden und Gedanken bekommen, die Sinn machen und uns sein und tätig werden lassen. Ungebrochen bezieht man sich in der Wahrnehmung auf einen Gegenstand, soweit dessen Sinn wirklich wahr ist, soweit man ihn also sinnlich greifen und begreifen kann, soweit er Wirkung hat, die auch als Wirklichkeit besteht, ohne dass uns das besonders auffallen müsste, weil es sich wie selbstverständlich zuträgt, sich nicht von uns entzweit hat. Wahrnehmung kann nicht bei sich bleiben, nicht etwa als eine Aufhäufung von Eindrücken, als "Erinnerungsbild" so einfach fortbestehen, ohne dass es hierfür einen Grund gibt, sie für sich zu nehmen. Wahrnehmung ist unmittelbar ein Prozess der Erkenntnis, und kann von daher nur durch diese an ihr Ende gelangen. Wahrnehmung ist in diesem Prozess das Erkennen des Lebens als eigene Lebenswirklichkeit, auch das Erkennen von dem, was man nicht wirklich kennt, gerade weil es nicht wirklich ist, weil die Gegenstände der Wahrnehmung auch nicht unbedingt für sich schon Wirklichkeit sind (6).

Wahrnehmung ist wesentlich ein Moment im Prozess des Erkennens, unmittelbar sinnlich und durch nichts abzuwenden. So wie die Menschen sich vergegenständlichen und sich gegenständlich wahrnehmen, so nehmen sie ihr Leben wahr und so werden sie auch ihrer selbst gewahr. Erkenntnis ist daher immer auch Selbsterkenntnis. Man kann Wahrnehmung nicht reflektieren, solange sie selbst nicht reflektiert ist. Sie mag aus Bildern bestehen, in Wahrheit aber regen sich darin die Beziehungen, die Menschen haben. Nicht das Bild macht die Wahrnehmung aus, sondern die Wahrnehmung macht sich Bilder von dem, auf was sie sich bezieht. Wahrnehmungen sind Regungen und Erregungen, worin Menschen ihr Leben wahrhaben, so schön oder hässlich es auch sein mag. Aber wo nur Bilder sie erregen, verliert sich schnell ihr Sinn. Sie ist ein überaus praktisches Verhältnis, keine Weltbeschauung, sondern Sinnestätigkeit, wirkliches Beziehen auf etwas, das nur sein kann, wenn es wahr ist.

Was wahr ist, muss nicht wirklich sein und was wirklich ist, muss nicht wahr sein. Aber Wirklichkeit kann nicht unmittelbar wahr und unmittelbar unwahr sein. Sie ist unwahr, weil sie zweierlei in einem, also Vertauschtes als Identisches, weil sie also Täuschung ist. Die Fragen, die aus Wahrnehmung hervorgehen, sind daher immer Wahrheitsfragen. Ihr Zweifel formuliert sich als Feststellung: "Das kann nicht wahr sein!". Und er befähigt die Frage, was denn wesentlich wahr und was denn bloße Erscheinung ist.

Wo Wahrnehmung nicht wahr sein kann, da reduziert sich ihr Gehalt für den Menschen - nicht einfach nur die Kognition, Sehen, Hören, Riechen usw., sondern das ganze menschliche Leben - auf das, was es nur zu sein scheint (5), ohne wesentlich wahr sein zu können. Es macht nicht seine Verblendung aus (siehe Theodor W. Adorno) und auch nicht seine "Seinsvergessenheit" (siehe Martin Heidegger), sondern sein wirkliches Lebensverhältnis dort, wo den Menschen ihr Leben auch wirklich wahr zu sein scheint, ohne dass es für sie wesentlich wahr sein kann, weil es sie von sich entzieht, sie enteignet, sich entfremdet.

Unter der Bedingung der Geldverhältnisse, in denen der Geldbesitzer als Käufer alles beherrscht und der Verkäufer zu seiner Entäußerung gezwungen ist, herrscht die Einverleibung, das allseitige Wahrhaben von Lebenszusammenhängen, die nicht wirklich wahr sein können, die in Wirklichkeit nicht sind, als was sie erscheinen. Ihre Widersinnigkeit ruft alle Mächte auf, jeden Zweifel zu beherrrschen, der in der Lage wäre, ihre Verhältnisse wesentlich umzukehren, das Leben der Menschen als ihr lebendiges Eigentum in ihrer Lebensvielfalt, ihrem Reichtum zu entfalten.

In ihrer Eigentumslosigkeit können die Menschen nur an ihre Beziehungen und Verhältnisse glauben, die sie wahrnehmen, um damit leben zu können, was nicht wirklich für sie wahr ist. Ihre Beziehung auf sich selbst als gesellschaftliche Wesen bleibt von daher auch in ihrem Erkenntnisvermögen gläubig, um nicht an sich zu verzweifeln - aber eben auch, um in der Unfähigkeit einer Kritik der Wirklichkeit zu verharren. Der Glaube ist das geistige Prinzip des Kredits, der dem Geldverhältnis entspringt und das Kapital überhaupt in Gang hält und vor allem die Welt der Gläubiger befördert, um den "Rest der Welt" zu verschulden.

110.1 Wahrnehmung und Täuschung

Substanziell verstanden ist ein Glaube nicht nur ein Nichtwissen, sondern die Behauptung einer Wahrheit, die man nicht wissen muss oder auch garnicht wissen kann (siehe auch Wissenschaft), eine höhere Wahrheit, die höhere Einsicht verlangt und eher durch Erleuchtung zu erfahren ist, als durch Verstand und analytisches Denken (siehe auh Esoterik). Er ist eine Selbsttäuschung. Man glaubt an etwas, das nicht wirklich da, nicht anwesend ist, sich aber nötig gemacht hat, wo die eigene Notwendigkeit nur abstrakt sein kann, sich also nur durch ihre Sehnsucht verhält. Der Glaube verhält sich daher selbst nur abstrakt und sucht in seinen Interpretationen das Reine von dem, was der Wirklichkeit entzogen erscheint, sucht das, an das man glauben kann oder glauben muss, um dessen Güte verwirklicht zu finden, die sich gegen diese Wirklichkeit verhält und durch die ein Verhältnis in deren Verneinung möglich, also eine unmögliche Kritik an ihr ist.

Ein Glaube begründet sich also nicht aus Ungewissheiten, sondern gegen sie. Er ist nicht irgendeine Vermutung, sondern ein Standpunkt, der jenseits der wirklichen Probleme und Widersprüche begründet ist, - nicht von ungefähr, sondern als Entgegnung gegen ihre Gefahren und Nöte, als eine Entgegenständlichung, die in ihrer Ungegenständlichkeit entgegenwärtigt, Wirklichkeit gegenstandslos machen will, und von daher nur entwirklicht wirken kann (siehe Realabstraktion). Der Glaube bestärkt sich vor alllem durch die Wahrnehmung, die sich selbst nicht mehr leiden kann und ihre Leidenschaft darin aufgehoben hat, dass sie ihre Neugierde aufgegeben hat und sich von daher auch nicht mehr für ihre Inhalte begeistern kann. Sie bestärkt sich auf der Erde durch Nichtigkeiten, durch die Nichtung ihrer Wahrheit, durch die Erbsünde am Baum der Erkenntnis, während sie in den Sphären des Himmels nach ihrem Heil sucht und entsprechendes Unheit stiftet.

Der Glaube versichert sich seiner selbst durch die bloße Behauptung eines außeren Wesens, das allem zu innerst sein soll, das allem Sinn gibt, den es durch sich nicht haben kann und wodurch alles anders gilt, als es ist. Er bewirkt sich selbst durch diese Vertauschung des wirklich Wesentlichen, durch seine Täuschung, durch die Verkehrung seiner Beziehungen und entspricht von daher auch Verhältnissen, worin diese selbst schon verkehrt erscheinen, von ihrem wesentlichen Gehalt getrennt und in ihrer Form hiervon bestimmt sind (siehe Formbestimmung). Glaube herrscht in der Ungewissheit, indem er ihren Schmerz aufhebt. Er verlangt nach der Vorstellung von etwas, das wahr sein soll, etwas Ganzes, das in sich und durch sich selbst schon heil ist, das also sich selbst Grund genug ist und weder Ursache noch Wirkung durch sich haben kann, weil es diese schon außer sich hat. Der Glaube findet sein Herz in den Hochgefühlen, welche den Menschen in einer herzlosen Welt Heil stiftet in den Selbstgefühlen einer entwirklichten Gesellschaft, in der Gemeinschaft der Gläubigen. Diesen Gefühlen opfert er sein weltliches Herz, das in seinen Widersprüchen erstorben war.

Dies macht dann schließlich Reflexion nötig, die sich zu ihr verhalten muss, die ihre Vermittlung begreifen muss, um die Täuschung zu erkennen, um also für den Gegenstand der Wahrnehmung frei zu sein, um ihn zu erkennen und in dieser Erkenntnis mit ihm zu leben. Der Inhalt aller Wahrnehmung ist diese Erkenntnis. Wahrnehmug ist von daher eine elementare Beziehung der Erkenntnis, die Form, aus der sie ihren Inhalt bezieht. Und als diese ist sie zugleich die subjektive Form ihres Gegenstands, also die Subjektform objektiver Verhältnisse. Und dies macht ihre Beziehung zu einer jeden Kultur aus.

Menschliche Gegenstände sind immer Gegenstände des Lebensbedarfs von Menschen und dessen Geschichte. Es sind Gegenstände menschlicher Bedürfnisse, wie sie sich im Lauf der Geschichte gebildet haben. Indem sie ihrer Gegenstände bedürfen, verwirklichen die Menschen das, was darin vergenständlicht ist, Natur, Sinn, Erfindungsreichtum, Erkenntnis, Schönheit, Arbeit usw. Das Bedürfnis nach ihren Gegenständen ist daher letztlich das Verlangen des Menschen nach dem Menschen als ein gesellschaftliche Verhältnis von Erzeugung und Lebensgenuss. Arbeit ist hierbei nicht bloß Aufwand, und Genuss ist nicht bloß Konsum; beides ist Wirklichkeit des menschlichen Lebens als menschliche Gegenständlichkeit, als das Verhältnis der Menschen zu ihren Gegenständen. In deren Wahrnehmung wird ihre Tätigkeit angeeignet, gleich ob diese sachlicher oder virtueller Natur ist, ob nützlich oder geistig oder virtuos, rein ökonomisch oder auch kulturell.

Durch den Gegenstand, den er erzeugt, ist der Mensch in der Form zweifelsfrei bestätigt, sofern er ihn als seinen Gegenstand anerkennt, gut und schön findet, nicht irrt, dass er sein Leben bereichert, menschlicher Reichtum ist. Wenn sich ein Gegenstand jedoch nicht einfach und ungebrochen als Lebensreichtum wahrnehmen lässt, wird nicht nur er, sondern auch die Wahrnehmung selbst in Zweifel gezogen, wird bezweifelt, ob das Vergegenständlichte menschliche Wirklichkeit, die Sache wirklich Gegenstand und das Wahrgenommene wirklich wahr ist. Im Zweifel erscheinen Wirklichkeit und Gegenständlichkeit als zweierlei, Wirklichkeit ist dann nicht das, worin Menschen wirklich sind, nicht das, worin sie wirken und sich wirklich vergegenständlicht haben und hierdurch auch wirklich wahr, also zweifelsfrei sind.

Unwirkliche Gegenständlichkeit ist ein Verhältnis von Gegenständen, worin Menschen nicht ihre gesellschaftliche Beziehung verwirklichen, sondern in Wirklichkeit der Beziehung ihrer Sachen Folge leisten. Sie haben ihre Beziehung zueinander nur durch das gesellschaftliche Verhältnis ihrer Sachen. In solcher Beziehung müssen sie sich in einem ihnen entfremdeten Verhältnis erkennen, in einem Verhältnis, worin ihre menschliche Beziehung unwirklich ist, und durch die Not ihrer Entfremdung auch als notwendig fremde Beziehung erscheint, Widerschein einer wirklichen Notwendigkeit ist, die keine menschliche Not kennt und sich gegen diese errichtet (7). Die Menschen mögen sich darüber irren, sich selbst über die Lebensnot ihrer Verhältnisse hinwegtäuschen, weil sie in der Sache die Wendung ihrer Nöte sehen, deren Notwendigkeiten als Notwendigkeit ihrer eigenen Geschichte vermeinen, an die Sache als Träger ihrer Geschichte glauben, sie als Moment ihrer Sebstverwirklichung verherrlichen, wiewohl sie ihre Wirklichkeit darin verlieren.

Doch solche Unwirklichkeit wird unerkennbar, wenn Menschen selbst ungegenständlich leben, wenn sie sich in ihren Lebensverhältnissen selbst auch wirklich gleichgültig sind, weil sie durch bloßen Geldbesitz auch nurmehr gleich gelten. Sie können sich dann als Menschen auch nicht sachlich beziehen, sondern müssen sich in ihrer Beziehung selbst zur Sache machen, indem sie darin ihr Leben nur erleben. Die Menschen werden darin für sich selbst unwahr. Aber sie können nicht für sich selbst unwahr sein und auch nicht unwahr leben. Sie leben nur in einer Wahrheit, worin ihre Wahrnehmung bestimmt, also ihr Inhalt getäuscht wird. Im Erleben haben sie etwas anderes wahr, als was sie wahrnehmen. Es sind ihre Sinne selbst, die ihren Gegenstand ersetzen und also selbst zum Wahrnehmungsgegenstand werden. Sie werden sich selbst zur Sache, weil sie ihren wirklichen Gegenstand verloren haben. Weil ihre Bedürfnisse in ihm nicht wirklich befriedigt werden können, also keinen Frieden finden, müssen sie befriedet werden, weil ihr Leben keinen unmittelbaren Sinn hat, muss es erlebt werden und weil sie in ihren Erlebnissen nur sich selbst zum Gegenstand haben, werden sie von unstillbaren Bedürfnissen getrieben. - Die ungegenständliche Wahrnehung kreist um sich selbst, ist Selbstwahrnehmung, und täuscht sich über ihre unendliche Selbstbezogenheit hinweg, indem sie ihre Selbsterregungen als Beziehung auf andere Menschen, als zwischenmenschliche Beziehung abführt. Diese Beziehungen geraten dadurch in eine Formation der Selbsttäuschung.

Wirklichkeit, die nicht wahr sein kann, ist unendlich zweifelhaft und stellt sich von daher auch als zweifelsfreie Unendlichkeit dar, als die Wirkung einer höheren Wahrheit. Wahrnehmung ist ihr gegenüber von minderem Wert. Und von daher muss die Wahrnehmung im Sinne der Selbstwahrnehmung bewertet werden, wird also zu einem Wert für sich, zu einer ästhetischen Form, worin die Menschen die Form ihrer Lebensäußerung so wahrnehmen, wie sie diese nicht wahrhaben können, worin sie sich bewerten und bemessen müssen, um mit sich selbst klar zu kommen, um Identität zu finden, um für sich selbst diesen Wert, also Selbstwert zu erlangen.

Menschliche Tätigkeit ist in solcher Wirklichkeit zu einer Wahrnehmungsform aufgehoben und wird getrennt von ihrer Herkunft und Geschichte lediglich als Bedingung für Ereignisse wahrgenommen. Sie hat darin also keine wirkliche Wirkung für die Menschen. Ihre Wahrheit ist ihnen zu einer Wirklichkeit entäußert, die sie wahrhaben, auch ohne sie als ihre Äußerungsform wahrzunehmen. Sie sind sich in ihrer Äußerung fremd, haben sich darin sich nicht nur von ihrer Gesellschaft, sondern auch von sich selbst entfremdet und erfahren sich im Maß ihrer Selbstentfremdung ausschließlich in der Form ihrer Wahrnehmung, also ästhetisch.

In der Ästhetik ist Wahrnehmung als Selbstwahrnehmung ganz bei sich, also außer ihrer Wirklichkeit. Menschen, die sich hierdurch beziehen, haben sich selbst in dem Sinn wahr, der ihre Wirklichkeit ausschließt. Von daher ist sie von außschließlicher Wirkung. Ästhetik ist einerseits ein Produkt der Selbstwahrnehmung, berührt aber jetzt über deren Erleben auch die Wahrnehmung. Von daher wird sie zu ihrer Bedingung. Menschen nehmen nurmehr wahr, was ihre Selbstwahrnehmung bewahrheitet, was also aus der Art und Weise der Wahrnehmung sich als Selbstwahrnehmung bestärkt. Dies wird vorrangig gegen alle wirklichen Inhalte der Wahrnehmung, gegen das Was und Warum des Geschehens.

110.2 Entfremdete Wahrnehmung

Wahrnehmung kann irren und Menschen können daran irre werden. Sie können sich ihrer Wahrheit bei der Bildung ihrer Gefühle entrücken, weil Wahrnehmung getäuscht werden kann und hierdurch für Menschen gültig wird, was nicht wahr ist, was sie so nicht wahrhaben, wie sie es wahrnehmen. In der Täuschung wird Wahrnehmung ihrem Erkenntnisvermögen entfremdet, ihm entrückt (0).

Entfremdete Wahrnehmung ist eine Beziehung, welche eigene Wahrheit in fremdes Verhältnis versetzt. Sie setzt also fremd bestimmte Lebensverhältnisse voraus, weil Wahrnehmung sich ohne dies nicht versetzen ließe, nichts anderes wäre, als was sie wahr hätte. Verhältnisse, die selbst durch fremde Macht bestimmt sind, müssen aber nicht unbedingt der Wahrnehmung fremd sein, sind also nicht mit dieser Entfremdung identisch. Das wäre unauflöslich und absurd, unmöglich, darüber überhaupt nachzudenken. Entfremdung entsteht, wenn sich Menschen verneinen, um in Beziehung zu sein, wenn sie von sich selbst absehen, um sich verhalten zu können, um in ihren Lebensverhältnissen zu bestehen. Entfremdete Wahrnehmung aber kann nur Selbstentfremdung sein, kann nur entstehen, wenn Menschen ihr einzelnes Leben durch ein Leben schlechthin, also als Moment einer herrschenden Lebensform, als herrschendes Lebensverhältnis für wahr nehmen - nicht, indem sie nur von sich selbst absehen, sondern indem sie sich selbst in die Fremde versetzen, um sie für sich ungültig zu machen.

Entfremdete Wahrnehmung setzt entfremdete Lebensverhältnisse voraus und ist zugleich die Wahrheit einer Entfremdung der Selbsterkenntnis. Sie totalisiert Wahrheit über ihre gegenständliche Beziehung hinweg, unterstellt und bestärkt fremdes Wesen als eigene Wesentlichkeit, als veräußerte Wahrheit eigenen Seins. Wenn Menschen ihre vereinzelte Individualität als Totalität betreiben, betreiben sie eine Totalität, die ihre Einzelheit verschwinden lässt. Sie können sich darin nur wahrhaben, indem sie von allen Beziehungen absehen, die sie darin vollziehen, indem sie also die Wahrheit einer Abstraktion leben - nicht leben, was sie sind und daher erleben müssen, was sie nicht sind. Umgekehrt haben sie im Erleben wahr, was sie nicht wahrnehmen. Darin regt sich eine Selbstwahrnehmung, welche der Wahrnehmung entzogen ist. Um diese Beziehung geht es hier.

Wahrnehmung kann nur bestimmt sein. Sie ist an und für sich weder objektiv noch subjektiv, sie ist beides in einem. Ich nehme zwar nur wahr, was ich auch auffassen kann. Dennoch habe ich auch das wahr, was ich nicht fassen kann, für das ich keine Form finde, weil mir dessen Gewissheit entzogen ist. Dennoch bin ich deshalb nicht ohne Wahrheit. Leben kann nicht unwahr sein. Auch wenn es falsche Wirklichkeit haben kann. Auch, wenn ich behaupten kann, dass es nicht mein wahres Leben sei. An der Wahrheit seiner Zeit und Geschichte kommt niemand vorbei (1). Aber wahrnehmen muss er sie nicht unbedingt.

Auch wenn Geschichte selbst widersprüchlich ist muss Wahrnehmung nicht perplex werden. Solange die Menschen ihre Existenz wirklich begründet, also in gegenständlicher Beziehung erkennen, können sie sich auch weit über ihre Existenzformen, über ihr gegebenes gesellschaftliches Verhältnis und über Sitten und Gewohnheiten hinaus entwickeln, ohne dass sie einer fremden Wahrheit unterworfen wären. Sobald sie aber in ihren wirklichen Lebensverhältnissen davon absehen müssen, was sie selbst wirklich sind, werden diese Verhältnisse gegen die Inhalte ihrer Wahrnehmung mächtig, bestimmen sie Gefühle, die mit ihren Empfindungen nicht klar kommen. Wenn sie einer Abstraktion von sich selbst gehorchen müssen, um ihre Existenz ertragen zu können, so ist ihre Wahrnehmung nicht mehr frei für ihren Gegenstand. Sie ist in sich selbst gespalten und wird selbst zur Existenzform einer aufgehobenen Wahrheit, zu einer abstrakten Wahrheit, die nur die Verwirklichung ihrer Abstraktion im Sinn hat. Davon hängen schließlich die Möglichkeiten ihres Selbstbewusstseins ab.

Selbstbewusst kann ein Mensch sein, der zweifelsfrei vor seinem Produkt steht, solange es über jeden Zweifel erhaben existiert. Und das kann daher auch nicht durch seine Person oder Persönlichkeit, sondern nur in diesem Verhältnis sein und eben auch nur in den gegenständlichen Verhältnissen seiner Sachen in der Gesellschaft der Menschen, durch die allein er naturmächtig ist. Selbstbewusstsein ist das Wissen um die hierin bestimmte eigene Subjektivität, um eigenes Sein, um die Gewissheit, dass eigenes Leben evident ist (vergl. Selbstevidenz). Es ist das Wissen um das eigene Wesen, das Wesentliche seiner Verhältnisse zu anderem, was es nicht selbst ist, was unterschieden vom Eigenen aber doch nichts Fremdes ist. Es ist das, was das Eigene und die Eigentumsbildung antreibt und sich hierbei emanzipiert gegen die Langeweile des stoischen Fürsichseins im bloßen Dasein für sich selbst (soweit Hegel über das "Erwachen der Seele" in der "Phänomenologie des Geistes"). im Fürsichsein einer abgeschotteten Gedankenwelt.

Aber nicht durch bloßes Denken im Selbstgefühl einer stoischen Selbstgewissheit und auch nicht durch die bloße Kritik der Welt an sich, nicht durch das skeptische Abgrenzen vom anderen, von der Wirklichkeit eigener Dienste gegen die Herrschaften dieser Welt (wie bei Hegel), kann ich selbstbewusst sein, weil ich ohne Beziehung auf die entäußerten Gründe meiner Lebenswelt und ihrer Widersprüche mich nur entleeren, nichtig werden könnte. Es genügt nicht ein "unglückliches Bewusstsein" (Hegel), das ich dann in mir trage, wenn ich nicht hieraus ein Bewusstsein des Unglücks zu bilden vermag, das mir die Einsicht in das mir Notwendige verschafft. Selbstbewusst werden Menschen schließlich nur durch die Verarbeitung ihrer Selbstentfremdung und die darus folgende tätige Kritik an der gesellschaftlichen Entfremdung, an den Abstraktionen im Erleben der Reize eines veräußerlichter Selbsterelebens (siehe auch Tittytainment), durch Selbstgefühle aus den Retorten der Ereignispruduktion einer Eventkultur.

Wo Menschen sich gegen ihren Sinn für sich und andere instrumentalisieren, sich über allgemein verfügbare Prothesen der Selbsterfahrung in einer Scheinwelt eines von sich selbst abstrakt Allgemeinen verhalten, nehmen ihre Verhältnisse wie von selbst die Formen eines flüchtigen Schön-und-gut-seins an, eines Daseins in einer Ordnung von eigener und unmittelbarer Güte in einer heilen Welt an. Darin lassen sich Menschen schließlich auch bereitwillig in einem Menschenpark einhegen, bis ihnen schließlich auch die biopolitischen Einrichtungen des Staates und seiner "großen Brüder" willkommen sind, sie selbst sich als Volksseele in ihrem Volkskörper finden und empfinden können.

Entfremdete Wahrheit verwirklicht sich durch eine Absicht, welche ein Leben wahr macht, das für sich nicht wahr sein kann, also nur außer sich wahr ist. Sie unterstellt ein Wahrnehmungsverhältnis, worin die Menschen sich zwischenmenschlich aufeinander durch ihre Erleben beziehen und als das nehmen, was sie in dieser Vermittlung unmittelbar voneinander brauchen und wofür sie hierin gelten, - als das, wozu sie sich gebrauchen können, um sich durch ihr Erleben zu identifizieren, um sich in der Entfremdung ihrer Verhältnisse diesen zugleich zu entziehen, - um ihr Leben nicht nur ihrer Lebenswirklichkeit, sondern auch sich selbst zu entziehen.

Durch ihr zwischenmenschliches Erleben entsteht zwischen ihnen eine Verbindung, in der nur wahr sein kann, was ihr Zusammentreffen ausmacht. Sie erscheinen sich hierbei selbst als Begebenheit, als Ereignis ihrer bloßen Anwesenheit, worin sie für sich wahr machen, was sie außer sich nicht wahr haben können: Gegebenheiten nicht ohne Grund - aber auch nicht wirklich begründet. Sie verhalten sich in Beziehungen, worin wahr gemacht wird, was ohne dies nicht sein kann: Wahrnehmung, die sich nur selbst wahr hat. Solche Wahrnehmung ist dadurch wahr, dass sie durch sich selbst bestimmt erscheinen kann, also im Grunde Selbstwahrnehmung ist. Was die Menschen in solchen Verhältnissen für sich wahr machen, ist außer ihnen nichts und ist daher auch nicht das, was für sie wirklich wahr sein kann. Es ist eine Wahrheit, die nur in der Wahrnehmung selbst ist, eine Identität, die nicht außer ihr sein kann, sich aber in dem und durch das identifiziert, was wahrgenommen wird. Es ist also eine Wahrnehmungsidentität, die ihre Substanz nicht in wirklichen Lebensverhältnissen hat. Sie weiß sich über diese und ihre Geschichte erhaben, weil sie nichts von ihrer eigenen Notwendigkeit wissen kann, weil sie keinen Sinn für ihre Wirklichkeit hat.

Die Not des Wahrnehmens ist der Selbstwahrnehmung fremd und doch vorausgesetzt als die Unmöglichkeit, Wahres als das zu nehmen, was es ist. Sie besteht in Verhältnissen, in denen es keine Gewissheit gibt, in denen ein Subjekt sich auf ein Objekt nur ungewiss beziehen kann, weil in diesem das Prinzip einer allseitigen Ungewissheit, eine Beliebigkeit herrscht (siehe "Einleitung die Kritik der politischen Kultur).

In den Verhältnissen solcher Absicht entfaltet sich die Entfremdung von ihrem gegenständlichen Gehalt als Macht einer Selbstentfremdung, die sich über die Wahrnehmung der Menschen stellt, weil sie sich in ihrem wirklichen Leben hiernach bestimmen und sich gerade durch ihre Selbstwahrnehmung selbst nicht mehr wirklich wahrhaben können (2). Ihre Wirklichkeit ist ihnen daher kein wirklicher Gegenstand ihrer Wahrnehmung. Ihnen verbleiben ihre zwischenmenschlichen Beziehungen als ausschließlicher Lebensraum ihrer Selbstwahrnehmung, als Raum, worin ihr Leben bestimmt ist, worin also bestimmtes Leben ist und dieses zugleich hiervon bestimmt wird, bedingt ist und doch bedingungslos erscheint, - worin also unbedingt gelebt werden muss.


Fußnoten:


(0) Ein Irrtum ließe sich leicht korrigieren, weil der Verweis auf das Vertauschte ihn schon aufheben würde. Es bedürfte keiner Theorie hierüber. Nur weil und sofern Entfremdung die Wahrnehmung auch wirklich beherrscht, muss ein theoretischer Weg begangen werden, der das Fremde zu begreifen sucht. Wie also kann es solche verrückte Wahrnehmung auch wirklich geben, von der wir noch keinen Begriff haben, und wie kann Wahrheit den Menschen wirklich fremd sein, wie kann das, was ihre Identität ausmacht, anders sein als was sie selbst sind?

Sind es die Mächtigen der Welt, die ihnen ihre Identität nehmen? Doch welche Gewalt sollte sie dazu befähigen, derart massiv in sie eindringen zu können, sie daran zu hindern Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden, ihr Erkenntnisvermögen ohnmächtig zu machen? Oder sind es die unmittelbaren Lebensverhältnisse, die anders sind als sie scheinen, die fremd sind, wo sie vertraut wirken, die einen sachlichen Lebenszusammenhang haben, ohne darin das Leben der Menschen wirklich aufeinander zu beziehen (siehe Warenfetischismus)? Es kann zwar sein, dass Menschen darob kein Bewusstsein haben. Aber weshalb sollten sie darum ihre Identität verlieren - warum und wie könnte eine Sache sie daran hindern, solche Entfremdung wahrzunehmen?

Oder werden sie durch ihre Gesellschaft getäuscht, weil diese ein "falsches Leben" in Gang hält, das sie verblendet (Adorno), sie manipuliert? Aber warum soll Blendwerk in der Lage sein, Wahrnehmung zu entfremden, also zu verhindern, dass man es durchschauen kann? Und zudem: Wenn man dies nicht erkennen kann, wie kann man es dann behaupten?

Wie kann eine Wahrheit überhaupt fremd, also objektiv äußerlich sein? Es müssen die Menschen selbst sein, die sich ihrer Entfremdung überlassen, um ihrer Wirklichkeit zu entfliehen.


(1) Wahrnehmung ist als Tätigkeit freigestellt, wenngleich diese Freiheit auch nicht ohne Not ist. Die Rückbeziehung der Not und deren Notwendigkeiten auf die Freiheit der Wahrnehmung macht den Inhalt der Kritik aus - nicht als Kritik der Freiheit, sondern als Kritik der Formbestimmtheit von Wahrheit. Es ist die Kritik der Entfremdung der Menschen in ihrer Wahrheitsfindung, die Kritik der Selbstentfremdung, die diese wesentlich als Fremdbestimmung ihrer Wahrheit in ungewissen Verhältnissen erfahren (siehe Geldbesitz).


(2) Es ist elementar, dass Selbstentfremdung zwar auf Entfremdung gründet, aber eine weitere Bestimmung enthält, welche die Täuschung über sich selbst, also Selbsttäuschung einschließt. Der Warentausch, aus welchem Warenfetischismus abzuleiten ist, hat damit unmittelbar nichts zu tun. Es ist allerdings seit Adorno Mode, dies unter dem Begriff Verblendungszusammenhang gleich zu setzen. In dieser identifizierung ist ein Psychologismus entstanden, der die Gotteskrieger gegen das "fetischisierte Bewusstsein" auf den Plan gerufen hatte. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie an höheres Wissen glauben und blind gegen die Probleme unserer Zeit sind, weil sie deren Phänomene lediglich auf das reduzieren, was über den Warentausch seit 150 Jahren zu sagen ist. Es ist an der Zeit, die Selbständigkeit des Geldverhältnisses zu begreifen und die darauf gegründete Gleichgültigkeit des Geldbesitzes, durch welche Kultur zum Gegenstand von Politik wird. Dies muss die Grundlage einer Wahrnehmungspsychologie sein, die sich als Kritik an dieser politischen Kultur versteht.


(3) In den Lebenswelten des Kapitals, worin Geld als selbstverständliche Lebensgrundlage dient, also in den Dienstleistungsgesellschaften, kann kein wirklicher Sinn bestätigt und also bewahrheitet werden. Darin ist jeder Sinn möglich. In den Möglichkeitswelten des selbstverständlichen Geldbesitzes ist keine menschliche Beziehung wirklich sinnlich. Von daher steht der Sinn der Wahrnehmung selbst im Zweifel, denn deren Gegenstände sind als das, als was sie wahrnehmbar sind, nicht das, was sie wirklich sind. Was sie bewirken, kann nicht menschliche Wirklichkeit sein, und was sie wirklich aufeinander beziehen, kann nur die Wahrheit einer Geldbeziehung haben. Die Menschen leiden in solchen Kulturräumen daran, dass sie keine Wahrnehmungsidentität finden und dass sie sich in ihrer Weltauffassung gegenseitig bestreiten, also darin, was überhaupt ihre Welt sein kann, was für sie wirklich weltlich ist. Weil ihre Gesellschaft nur aus Beziehungsmöglichkeiten besteht, müssen sie in beständigem Zweifel um ihr Tun und Lassen leben, eine "richtige Beziehung" zu finden oder zu haben, also auch im Zweifel um ihre eigene Wahrheit und Wahrhaftigkeit, um jede sinnliche Gewissheit sein. Das Streben nach einer Wahrnehmungsidentität ist hier eine allgemein gesellschaftliche Notwendigkeit. Vor allem darüber wird es in diesem Text gehen.


(4) So ist es mit allem, was Menschen von sich verwirklichen. Sie nehmen schon in der Wahrnehmung nicht nur Vergangenes auf, sodern entwickeln hierbei auch schon die Gestaltung von Neuem, die darin angelegt ist. Die Existenz eines Wahrnehmungsgegenstands erweckt das Bedürfnis nach ihm und die Befriedigung des Bedürfnisses erweckt die Vorstellungskraft, die Intelligenz, welche Geschichte bildet, also die Tätigkeit, welche neue Gegenstände hervorbringt wirklich macht. Bedürfnis und Arbeit kreisen um den Sinn der Wahrnehmung, worin Menschen sich als Eigentümer ihrer Welt erkennen.


(5) In der Psychologie nennt man die Einschränkung der Wahrnehmung "Deprivation". Die Folgen einer Deprivation können mörderisch sein und zum Tod führen. Nicht nur Menschen, sogar Ratten werden dabei verrückt. Das zumindest hat man in den diversen Laboren herausgefunden.

Im Gefängnis hat man herausgefunden, dass man damit besondere Härten zur Verfügung hat. Isolationshaft beugt jeden Menschen, weil er darin ins Nichts des Lebens gedrängt wird. Ulrike Meinhoff hatte in einem Text über die Isolationshaft sehr gut beschrieben, wie das ist, wenn der eigene Pulsschlag zu einer dröhnenden Wahrnehmung wird. Die Halluzinationen, die darauf folgen, gehen vollständig gegen den ganzen Menschen.

Auch der gesellschaftliche Entzug, den z.B. Menschen erleiden, wenn sie in die Arbeitslosigkeit gefrängt werden, wird von vielen als das Schlimmste Leid darin beschrieben. Nicht allein das Geld geht diesen Menschen ab, sondern vor allem ihre Sinne, wenn sie in die Sinnlosigkeit ihrer Existenz gedrängt werden.


(6) Es gibt keinen wirklichen Gegenstand der Erkenntnis an sich, kein Ding, das durch sich selbst gegenständlich gegeben wäre und als solches Wirkung auf uns hätte. Das Ding an sich ist lediglich eine Gedankenabstraktion, die eine Notwendigkeit erzeugen will, sich über die Welt so aufzuklären, wie die Aufklärung sich in der Welt zu erklären versteht.

Es gibt nichts, was durch sich selbst ist und lebt. Das Leben selbst ist entstanden, als ein Stoff einen anderen in sich aufzunehmen vermochte, als er sich fortbilden konnte, weil er anderen Stoff für sich verarbeitete, schließlich der Stoffwechsel zur Naturempfindung kam und also in ihrem Sinn tätig wurde, die Selbstentfaltung und Fortpflanzung erfand. Die ganze Natur, die außer uns wirkt und daher für sich seiend erscheinen mag, wirkt immer auch in uns, hat mit uns zu tun, ist Teil unseres Wesens, wie wir selbst uns auch als Teil der Natur verhalten, am Wesen der Natur teilnehmen. Für uns kann es daher auch keine Natur an sich geben.

Schon in der Naturbetrachtung schauen wir auf nichts fremdes, äußerliches, sondern sehen uns selbst als sinnliches Wesen außer uns, als Teil der Natur, teilweise dem Tier ähnlich, teilweise einer Pflanze, teilweise stofflich wie Luft oder Wasser usw. Als Teil der Natur beziehen wir uns auf dies alles und sind gerade darin von ihr, von den Pflanzen und Tieren und allem Stofflichen unterschieden, dass wir uns selbst in alle dem erkennen können - solange wir es können. Der Stoff unserer Erkenntnis ist unsere Natur, wie sie als Sinn unserer Wahrnehmung tätig ist - sowohl in uns wie auch in unseren Gegenständen. Soweit die Natur menschlich gestaltet ist, soweit sie selbst zu menschlicher Natur, zu Kultur geworden ist, ist sie nicht nur Moment unserer Sinnlichkeit, sondern selbst unmittelbar die Gegenständlichkeit menschlicher Lebensvielfalt, gegenständlicher Reichtum von und für Menschen als Naturmächtigkeit des menschlichen Lebens, wie es in seiner gesellschaftlichen Entwicklung geworden ist.


(7) Man könnte so zu dem Schluss gelangen, dass es hier nun um eine Erkenntnistheorie gehen müsse, welche die Erkenntnis von ihrer Absicht, von einem falschen Erkenntnisinteresse befreien und ihr auf diese Weise zu einer freien Schlussfolgerung verhelfen könnte, die sie aus der Wahrnehmung herausführen würde. Erkennntnistheorie als prinzipieller Verstand des Erkenntnisprozesses könnte Schlussfolgerungen über Wahrheit und Täuschung erbringen, wie sie auch schon in der Philosophie vielfach abgehandelt worden war. Aber eine Erkenntnis aus Prinzipien des Erkennens kann nur selbst prinzipiell sein. Wahrnehmung ist ein Moment des Erkenntnsisprozesses und kann deshalb nicht von einer Erkenntnistheorie geleitet oder "befreit" werden. Dies hat längst auch schon die Philosophie selbst erfahren müssen.

Aus ihren großen Schritten zur Befreiung des Denkens aus seiner religiösen Unterworfenheit ("Ich denke, also bin ich"), wurde schnell eine Rückbeziehung der Entfremdung, welche lediglich das Subjekt wechselte, indem es Gott zum bloßen Intellekt verwandelte, aber Objektivität kaum zu berühren vermochte. Es blieb auf diese Weise immer bei einem rein interpretativen Verstand, der aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" genauso heraus wie auch wieder hinein fand. Der Kategorische Imperativ der Aufklärung wurde auf diese Weise zur Lebensfalle der Vernunft, die für jeden Zweck gut war, wenn er sich als allgemein notrwendig und natürlich zu geben verstand.


(8) Nach allem, was bisher mit Wahrheitsbehauptungen angestellt wurde, würde man gerne sagen, dass es Wahrheit gar nicht gibt. Doch dieser Satz selbst wäre schon widersinnig, weil er dann auch nicht wahr wäre - eben weil es keine wahre Aussage geben könnte. Es ist wie beim Paradox des Epimenides, der das Problem mit der Wahrheit durch den Satz "Ich bin ein Lügner" evident gemacht hatte: Wäre er wahr, so wäre er notwendig falsch, denn er kann nur wahr sein, indem er unwahr ist. Das Problem, was Wahrheit, was Täuschung ist, bleibt uns bis in die abstraktesten Sphären der Philosophie und Mathematik ungelöst erhalten. Schien für das "reine Schlussfolgern" bislang wenigstens in der formalen Logik die Wahrheit gesichert, so wurde diese Art des Schlüsse ziehens selbst der vollständigen Beliebigkeit überführt und also für die Erkenntnis unnütz. Seit der Entdeckung des Russel'schen Widerspruchs herrscht auch hier die Wahrheitskrise: Die reine Logik als Form des Denkens ergibt für seine Wahrheit keinen Beweis.

Und auch keine empirische Wahrheit lässt sich "sichern". Es mag heute etwas für absolut wahr gelten, was morgen falsch ist, worin man sich getäuscht sieht, weil es von einem anderen Zeitpunkt oder Standpunkt plötzlich ganz anders aussieht. Das liegt nicht an seinem Andersein im Zeitverlauf, sondern daran, dass es in seinen Beziehungen ständig anders ist, weil es Teil einer ganzen Beziehungswelt ist. In der Vermittlung über Raum und Zeit oder durch die Kommunikation der Menschen enthüllt sich ein anderer Teil dieser Beziehung, eine andere Wahrheit, und es ist nicht abzusehen, wann und wo solche Wahrheitsfindung abgeschlossen ist. Es ist die Sisyphusarbeit der "Kritischen Rationalisten", die damit klar kommen müssen, dass sie nicht mal mit ihren einfachsten Resultaten zu einer sinnvollen Schlussfolgerung fähig sind, weil sie keinen Begriff, sondern unendliche Wahrheit suchen, indem sie behaupten, die sei immer relativ - nur: relativ wozu? In Wirklichkeit kann nichts für sich wahr sein und Wahrheit kann nicht relativ zur Wirklichkeit sein. Die Wahrheitsfrage ist nur in ihrer Dialektik auflösbar.

Aussagen und Empfindungen zu Gegenwart und Zukunft haben ihre Wahrheit nur in ihrem Sein, in dem, was im Zusammenhang des Ganzen wirklich wahr ist oder sich in einer logischen Wahrheit entfaltet, auch wenn es noch einfältig ist. Sie verfolgt die Frage: Ist das wirklich so, wie es ist? Oder: Ist es wesentlich so, wie es erscheint? Niemand kann ohne Schaden behaupten, dass er selbst die Wahrheit sage, ohne dass er diese in allen Zusammenhängen glaubhaft machen kann. Wahrheit ist weit vermittelt.

Und dies ist auch das Problem der Wahrnehmung. Sie kann nur wahr sein, wenn sie ihren Sinn findet, wenn also ihre Form ihrem Inhalt entspricht. Ist ihr Sein vermittelt, so leidet sie selbst auch diese Vermittlung und findet keine unmittelbare Identität. 

Die Frage nach der Wahrheit ist die Frage der Wahrnehmungsidentität, eine Frage nach der Gewissheit darin, worin sich Menschen mit ihrem Leben einig sind, worin sie sich in ihrem Leben erkennen. Dies ist sowohl eine Frage an die Welt, wieweit sie in sich wahr ist, wie es auch eine Frage an das fragende Subjekt ist, wieweit seine Fragen und Äußerungen Sinn haben.


(9) Eine Sache oder ein gegenständliches Verhältnis, ein Gegenstand muss bedacht werden, wenn er nicht wirklich wahr sein kann, wenn seine Wirklichkeit eine unwirkliche Wahrheit enthält, die sein konkretes Dasein nicht wirklich sein lässt. Man muss dann davon ausgehen, dass sich darin ein Grund verbirgt, der sich nicht konkret zu erkennen gibt - nicht, weil er ein böser Geist wäre, sondern weil darin eine Absehung von Wirklichkeit existiert, etwas, worin sich die Menschen nicht verwirklichen, das sie aber hervorbringen, eine Abstraktion, eine wirkliche Abstraktion (Realabstraktion), worin ihnen ihre gegenständliche Verhältnisse zergangen sind zur Gegenständlichkeit einer Abstraktion.

Es handelt sich dann einerseits um eine Welt voller Gegenstände, die keine Wahrheit für die Menschen haben, die lediglich abstrakte Lebensbedingung für sie darstellen, eine Welt der Möglichkeiten ohne Seinsgewissheit, also ohne Wirklichkeit. Und es handelt sich andererseits um eine Welt voller Wahrnehmungen, die keinen Gegenstand haben, Wahrnehmungen, die selbst gegenstandslos zu sein scheinen, in der die Menschen ausschließlich sich nur ihrer selbst vergewissern können, sich also selbst wechselseitig zum Gegenstand ihrer Vermittlung machen. Als lebende Menschen werden sie selbst zu einem Lebensmittel, weil sie außer sich nichts haben, das sie mitteilen können. Hierdurch nehmen sie sich auch nur als das wahr, was sie von sich wahrhaben. Die Erkenntnisse, die Menschen in bloßer Beziehung auf sich selbst machen, erscheint ihnen als Wahrnehmungswelt dieser Beziehungen, die ihre Lebensschicksale bestimmen und ihr Leben erscheint ihnen darin als Resultat ihres Geschicks. Diese Lebenswelt dehnt sich aus als Lebensraum ihrer zwischenmenschlichen Verhältnisse, soweit wie ihr Vermögen reicht.

Wo die Gegenständlichkeit des Lebens nicht wahrnehmbar ist, da hat die Wahrnehmung die Welt einfach nur so wahr, wie sie ist, auch wenn sie nicht wahrnehmbar ist: als eine abstrakt gegenständliche Welt. Solange sich die Menschen nicht wirklich in ihrer Welt erkennen können, solange sie also nur die Abstraktion von den Menschen als unmenschliche Welt menschlich wahrhaben, verwirklichen sie sich auch nicht wirklich als erkennende Menschen, sondern als objektive Subjektivität des Menschseins schlechthin. Ihre Wahrnehmung wird für sie selbst zu einer eigentümlichen Welt, zu einer Wahrnehmungswelt, worin keine Vergegenständlichung wirklich ist, sondern die Entgegenständlichung der darin sich verhaltenden Menschen objektiv wird.


(10) Dass Wahrheit nur aus Unzweifelhaftigkeit, also nur aus Identität bestehen kann, das ist trivial. Es ist aber sehr komplex, eine solche Identität zu erreichen, wenn auch die Gegenstände der Wahrnehmung nicht zweifelsfrei sind. Einfacher ist, ihnen und den Menschen eine Beziehung abzusprechen und der Erkenntnis eine abstrakte Identität zu geben, eine unendliche Identität im Jenseits der zweifelnden Menschen. Sobald dieses durch Abstraktion zweifelsfrei Gemachte in der Rückbeziehung auf die Menschen, in der Re-Ligio zu einem übermenschlichen Sinn verfestigt wird, wird es zu einer Geistesmacht der Abstraktion, die sich über alles Konkrete hinweg verhält, zu etwas Übersinnlichem, das seine Wahrnehmung aus dem Diesseits nimmt und ihre Identität in einem Jenseits behauptet. Darin kann es nur reine Metaphysik sein, abstrakte Wahrheit eines Wesens, das nicht sein kann, rückgebundenes Wesen der abstrakten Allgemeinheit aller Beziehungen, Allgemeinwesen eines verselbständigten Geistes: Gott. Er ist der Inbegriff einer unendlichen und also geschichtslosen Erkenntnis als Ende aller Erkenntnis, ihr absoluter Selbstverlust. Vom Menschen verlangt er die absolute Erkenntnislosigkeit, denn er ist nichts anderes, als die Angst Gottes vor menschlicher Erkenntnis und damit das ins Endlose gesteigerte, das ewige Verbot, vom Baume der Erkenntnis zu speisen. Nur die Neu-Gierde, das menschliche Verlangen nach Endlichkeit hat es durchbrochen, dafür aber die Menschen, soweit sie weiterhin an Gott glauben, mit einer Lebensschuld, einer Erbsünde bedacht, die sie fortan nicht an Ihm, sondern an sich zweifeln lässt. Um dies den Menschen zu vermitteln, musste Gott selbst Mensch werden und durch seinen Opfertod am Kreuz die Menschen in die Lebenspflicht nehmen, indem er ihnen damit die Erbsünde nahm. Die Lebenspflicht der Christenmenschen ist nichts anderes, als die fortgetragene Opferbereitschaft Gottes, der Zustand ihrer Erkenntnislosigkeit.

Die unmöglich gemachte Sinnlichkeit verlangt die zur Ewigkeit transzendierte Erkenntnis. Doch diese ist ein Ungetüm, eine Macht über alles Leben. Man kann dieser nur aus der konkreten Endlichkeit, aus der eigenen Geschichte heraus widerstehen, auch wenn diese zweifelhaft ist. Um der eigenen Erkenntnis aus allem Zweifel der Endlichkeit heraus nachzugehen, müssen wir auf die Wahrheit unserer Wahrnehmung bestehen, auch wenn wir darin zunächst nur fragend innehalten können. Die Frage nach ihrer Wahrheit zeigt doch nichts anderes auf, als dass Unsicherheit in der Wahrnehmung besteht, dass aus ihr heraus keine Erkenntnis unmittelbar möglich ist. Sie unterstellt deren Ungewissheit, die einer Vermittlung entspringt, die im Wahrnehmungsprozess selbst verläuft. Ist es keine Ungewissheit des Augenblicks, die im nächsten schon zu beheben wäre, stösst sie immer wieder an ihre selben Grenzen. So systematisch diese wirken, so systematisch wird Ungewissheit zu einem Zustand, in welchem die Wahrnehmung nur in sich verharrt und für anderes zu ist, unendlich sich im Zirkel um sich selbst bewegt. Es ist, als ob darin sich ein Unwesen vor die Erkenntnis stellt, die sie enthalten könnte, eine Beziehung, die sie nicht einfach wahr sein lassen kann. Es ist die Frage nach dem Wesen ihres unerfindlichen, ihres vermittelten Seins, das die Menschen nicht ohne weiteres erkennen lässt, was sie sie sind, fühlen oder beabsichtigen.


(10a) Wahrnehmung ist kein unbedingter Gegenstand der Erkenntnis. Sie ist als solcher dadurch bedingt, dass sie sich in Ungewissheit aufhebt, wenn diese nicht durch Erkenntnis überwunden wird. Sie verlangt nach der Erkenntnis, warum sie sich nicht als begründet erkennen lässt, warum sie also einen eigenen Grund hat, sich gegen ihren Gegenstand zu verhalten. Nicht erst in den krasseren Formen der Selbstbedrängung (z.B. Depressionen, Zwangshandlungen, Wahnsinn), wodurch Ungewissheit überwältigt wird, ist dies offenkundig, sondern schon im Wahrnehmungsprozess, wenn er sich seinem Erkenntnisvermögen entzieht, wenn er selbst die Identitätslosigkeit erzeugt, gegen die er wahrheitssuchend angetreten war.


(11) Kultur wäre unmittelbarer Inhalt des menschliche Lebens, also alles, was von und für Menschen geäußert ist, würde sie nicht als ein eigener gesellschaftlicher Lebensbereich, als selbständige Lebensform bestehen. Als Lebensäußerung kann sie nicht Gegenstand einer theoretischen Kritik sein. Die Kritik einer kulturvierten Lebensform beinhaltet die Erkenntnis, dass sie dem Leben der Menschen unangemessen ist. Gegenstand einer Kulturkritik kann nicht menschliches Leben sein, auch nicht der Streit um ein falsches oder richtiges, ein schlechtes oder gutes, ein ethisches oder unsittliches usw. Die Kritik einer bestimmten Kultur setzt den Nachweis einer Entfremdung, einer Formbestimmung der Kultur voraus.

Fremd ist zunächst etwas, das sich meiner Kenntnis entzieht, das sich aus etwas begründet, was ich mir nicht aneignen, nicht als meine Sache wahrnehmen und nicht zu meiner Sache machen kann. Es ist also nicht einfach Unbekanntes, sondern eine Bestimmung, die in dem Bekannten wirkt, und dieses mir zugleich entzieht, wenn ich mich darauf beziehe. Indem ich mich darauf beziehe, setzt es sich über die vielfältigen Inhalte dieser Beziehung hinweg, macht sie beliebig, gleichgültig, versetzt diese Beziehung in eine Abstraktion, die ihren Inhalt vereinfacht, einfältigt macht und auf eine bestimmte Einseitigkeit hin reduziert, in der sich alle Inhalte dieser Beziehung verlieren, in der also alleine die Abstraktion herrscht. Beispiele hierfür gibt es viele, z.B. in der Arbeit, im Massenkonsum, in der Sexualität usw.

Entfremdung ist eine Beziehung, die als bestimmte Beziehung zugleich gleichgültig gegen ihren Inhalt, die Bestimmtheit, ist. Ganz allgemein kann man z.B. feststellen, dass die Menschen in ihren sozialen Verhältnissen immer weniger sich über Inhalte ihrer Lebenszusammenhänge aufeinander beziehen, und dennoch immer abhängiger von einander sind, sich durch ihr individuelles Dasein als Mensch mit Haut und Haar selbst vermitteln, Mittel füreinander sind. Indem sie sich als Mittel erleben müssen, weil und sofern sie ihre Zwecke nicht vermitteln können, nutzen sie einander als äußeren Gegenstand, als Objekt einer Beziehung, in der sie sich in ihrem bestimmen Lebenszusammenhang gleichgültig sind. Kultur wird dadurch zu einer Lebensform der Entfremdung, dass Menschen ihr Leben auf das Erleben ihrer körperlich existenten Sinne reduzieren. Der Körper selbst wird zum Medium ihres Lebens. Ein allgemeiner Körperfetischismus verbindet Menschen, auch wenn sie sich nichts mehr zu sagen, nichts mehr mitzuteilen haben, sich nicht mehr durch ihr Leben beleben, dafür aber ihr Leben vermittelst der Lebensform anderen Lebens erleben, aus der körperlichen Reizfülle eines ihnen nur durch die Wahrnehmung ihrer Erlebnisse vermittelten Lebens bestimmen.

Kulturkritik bezieht sich auf diese Form, worin alle inhaltlichen Beziehungen bestimmt sind, bevor sie sich überhaupt ereignen, worin jeder konkrete menschliche Sinn durch seine Abstraktion bestimmt ist, durch einen abstrakt menschlichen Sinn. Nur dadurch, dass er die Beziehung hierüber eingeht, kann er sich verwirklichen. Indem die Menschen sich sinnlich abstrakt wahrhaben, können sie sich dann auch wirklich sinnlich wahrnehmen. Es ist die Form eines Lebenszusammenhangs, der keiner ist, politische Lebensform einer Identitätslosigkeit.


(12) Den notwendigen Schein der bürgerlichen Lebensverhältnisse hat Karl Marx in seinem Buch "Das Kapital" umfassend beschrieben und analysiert und auf den Wert zurückgeführt, wie er im Warentausch entsteht und sich in dieser Gesellschaft entfaltet. Er nannte ihn den Fetisch, in welchem sich das praktische Bewusstsein dem Segen des Unmittelbaren hingibt und das Erkenntnisvermögen der Vermittlung des eigenen Seins aus der Warenwelt, dem gesellschaflichen Schimmer und Glanz des Geldes überlässt. In ihrem Warenfetischismus überantworten sich die Menschen einem ihnen äußerlichen Subjekt, das sie bedienen, um ihre Sinne und Bedürfnisse zufrieden zu stellen.

Wir haben es hier aber nicht mehr nur damit zu tun, sondern vor allem mit einem Ort, wo der Warenfetisch selbst keinen Sinn mehr hat, weil er auf Bedürfnissen gründet, die keinen Sinn mehr haben. Es waren Bedürfnisse, die sich auf eine gesellschaftliche Form der Bedürfnisbefriedigung bezogen und sich daher deren wesentlichem Mittel, dem Geld beugten und es als Allgemeinheit ihres Befriedigungsmittels feierten. Hier geht es um dessen Sinnentleerung, also um eine gesellschaftslose Form von Bedürfnisbefriedigung.

Wenn die Bedürfnisse keine sinnvolle gesellschaftliche Wirklichkeit mehr haben, so steht eine Gesellschaft zwar in Frae. Sie ist aber hierduch nicht schon aufgehoben. Eine Gesellschaftsform ist nicht selbst schon überwunden, wenn sie keinen Sinn macht. Sie gründet nach wie vor auf Privateigentum und Ausbeutung von Leben und Arbeit der Menschen. Aber der gesellschaftliche Sinn der Bedürfnisse vermittelt sich nicht mehr im Geld. Geld selbst ist das Bedürfnis, dessen Befriedigung Menschen verfolgen, die gesellschaftliche Beziehungen in der Vermittlung ihres Geldbesitzes wahrnehmen. In der Allseitigkeit und Gleichgültigkeit dieser Beziehungen offenbahrt sich der Zweck, den Geld für Menschen hat, die keine Warenverhältnisse mehr eingehen können, weil sie mit derem Produkt selbst, mit dem zirkulierenden Finanzkapital zu tun haben. Das Tun und Leiden dieser Menschen verläuft in der Abstraktion ihrer Wahrnehmung zur blanken Selbstwahrnehmung.


(13)Wo Geld die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmt, wo sie also in reinen Geldverhältnissen leben, leben sie von einem beständigen Austausch von Beziehungen, von einer beständigen Täuschung über das, worin sie gegenständlich und wirklich Menschen sind. Von daher lassen sich ihre Empfinungen nicht mehr in ihren Gefühlen vermitteln, denn sie tauschen ihre Beziehung fortwährend aus - und zwar in dem Maß, wie Geld keinerlei Wirklichkeit mehr darstellt, wo Geld als Fiktion herrscht, als Markt unendlicher Möglichkeiten, dem die sachliche Wirklichkeit zu einem verschwindenden Moment geworden ist: Der Kapitalmarkt. Hier beziehen sich die Menschen vorwiegend auf Dienstleistungen und Kulturgüter, nicht mehr auf die Lebensproduktion selbst. Diese findet kaum mehr in den Welten solcher Wahrnehmungsverhältnisse, den reinen zwischenmenschlichen Verhältnissen statt.

 

Weiter mit Buch I: 111. Die Wahrnehmung