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121. Der Trieb der Selbstgefühle

Dem Verhältnis der Selbstgefühle sind ihre Empfindungen zunehmend entgangen weil sich deren Gefühle nun schon durch sich selbst in ihrer Langeweile verlieren, in einer schlechten Unendlihkeit verfangen blieben, wenn sie keine Inhalte durch das Erleben einer Selbstverwirklichung ihrer ästhetischen Bedürfnisse erfahren können, wie sie ihrem ästhetischen Willen zu Folge sein sollen. Aus ihrer inneren Notwendigkeit verwandeln diese sich in Begierden nach Sinn, nach der Einverleibung fremder Sinne zur Befriedigung eigener Sinnlichkeit, zur Füllung ihres Mangels und zu ihrer Erfüllung durch ästhetsch reizvolle Erlebnisse. So bestärken sie das Verlangen nach Selbsterfüllung ihrer Selbstwahrnehmung so wie sie sich darin wahrhaben müssen, um zu einem Frieden mit sich zu gelangen, um sich selbst verwirklicht zu erscheinen. Dieser kann aber unter den hier entwickelten Umständen keinen anderen Grund als sich selbst haben und verlangt deshalb nach einer Substanzialisierung der Selbstwahrnehmung für sich. Und so kommen die Empfindungen schließlich auf ihre leer gewordene Substanz, auf ihre abstrakte Sinnlichkeiten zurück, die allerdings ihre sinnlichen Grenzen verloren haben, weil sie nicht mehr ihrem Inhalt nach durch ihre bestimmten Regungen auf ihre eigene Körperlichkeit beschränkt sind. Das Verlangen muss sich daher als Erregung der Selbstwahrnehmung über ihren eigenen Körper hinaustreiben und sich durch fremde Selbstgefühle bestimmen, indem es sich diese einverleibt, sich durch das Erleben ihrer Wahrnehmung selbst über den eigenen Körper hinaustreibt, ihren ästhetischen Willen durch das Erlebnis mit fremden Selbstgefühlen erfüllt.

Solche Erlebnisse befriedigen allerdings kein eigenes Verlangen, sondern nur den Verlust sinnlicher Beziehungen, die durch die sinnlichen Erfahruingen ihres Erlebens vor allem auch ihnen fremde Sinne eintreiben, sich einen Trieb nach veräußerlichten Erfahrungen einverleiben. Die Hast des Glücksstreben äußert sich jetzt in einer unendlichen Selbstbeziehung, die immer mehr Eindruck machen muss um irgendeine Erfüllung zu finden. Doch es ist zunehmend die Aufreizung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Erfahrungen beabsichtigen, die ihren Selbstwert gerade dort befrieden, wo ihre Selbstachtung am ehesten zu schwinden droht. Was die Menschen nun ihrer Selbstgefühle wegen einander gelten, das wird nun auch zur Notwendigkeit, sich in den Selbstbeziehungen der Wahrnehmung Geltung zu verschaffen.

Zwischen der Erinnerung von Erlebnissen und den Gewohnheiiten der Selbstwahrnehmung müssen sich die Menschen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen verhalten, um sich darin selbst behaupten zu können. Denn wenn das Gewohnte sich nur noch an sich selbst erinnern kann hebt es sich darin auf und nichtet die Beziehungen ihrer Selbstwahrnehmung. Es entsteht eine Langeweile, die den Selbstwert ihrer Selbstwahrnehmung auflöst und deshalb nach einer Selbstbehauptung drängt, die den Sinn erst erzeugen muss, den sie für sich haben kann, wenn sie sich hierüber auf andere bezieht. Psyche ist das Substantiv eines seelischen Antriebs, der nicht aus Luststreben oder dergleichen, sondern in der gesellschaftlichen Form ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen aus der Notwendigkeit eines inneren Verhältnisses von Selbstgefühlen entsteht, die ihre Verwirklichung in zwischenmenschlichen Verhältnissen suchen und die Absichten eines entsprechenden Verhaltens bestimmen. Die innere Wirklichkeit von Gewohnheiiten der Gefühle hebt den Sinn der Wahrnehmung auf, wenn aus den Absichten der Psyche keine Ereignisse entstehen, die ihre Erlebensweise immer wieder beleben.

Das dem entsprechende Geltungsbedürfnis treibt die Gefühle für sich und zugleich gegen einander an, so dass sich die Regungen, die ihr ästhetischer Wille beabsichtigt und betreibt, dem Inhalt nach der Selbsterregung überlassen, die das durch diese Gefühle von sich ausgeschlossene Selbsterleben "vermissen", die also über die Inhaltslosigkeit ihrer zwischenmenschlichen Verhältnisse sich auf deren bloße Substanz reduzieren und in ihrer Reduktion ihre Regungen substanziell nurmehr als Erregungen beziehen und durch die Gewohnheiten ihres Lebens befrieden können.

An sich sind Triebe nicht aus sich selbst heraus aktiv oder ursprünglich, wie etwa als eine Naturtatsache der Evolution (siehe z.B. Psychoanalyse). Auch in der "freien Natur" folgen sie ihrer natürlichen Intellgenz, also den inhaltlichen Bestrebungen, die diese als Sinnbildungen des Lebens entwickelt hat. Als Trieb für sich, als selbständig gewordener, also verselbständigter Antrieb entwickeln sie sich erst in den Verhältnissen, in denen ihre Natur sich nicht frei finden kann. Da reduzieren sie sich auf eine Form für sich aus den Erregungen, die ihre Empfindung verloren haben. Sie sind deren substanzieller "Rest", das Aufscheinen der aufgehobenen und aufgebrachten Regung, die angereizt, aber nicht tätig werden konnte, weil sie für sich nicht wirklich wahrnehmbar wurde und sich deshalb auch nicht zu Gefühlen in ihrer Erinnerung verarbeiten konnte (siehe auch Traum), vielleicht auch verdrängt werden mussten.

Triebe sind die Residien der Reize, welche die Wahrnehmungen beeindrucken, die aber keinen Sinn darin für sich erkennen können, wenn und weil sie bloß ästhetisch verbleiben. Jede Getriebenheit hat also einen äußerlichen Grund, - also nicht gerade in dem, was sich treiben lässt. Dessen Ursache erscheint darin an ihrer Wirkung schon bemessen, schon als selbständige Absicht ihrer Auflösung, weit entfernt von einem ihn betreibenden Grund, diesem geradezu fremd. Man mag es der Natur anlasten, weil und wo man dies sich nicht erklären kann. Doch diese macht nur Sinn, wo sie ihren Grund hat und verwirklicht. Natur kann sich nicht von sich entfremden. Im Trieb erscheint eine fremde Kraft, die sich überhaupt erst aus der Absehung (siehe Abstraktion) von ihren Gründen als ein kräftig und mächtig gewordener substanzieller Mangel ergibt (siehe hierzu auch Dialektik). Einen natürlichen Grund als Ursache anzunehmen mythologisiert die Verhältnisse, denen er entstammt.

Ein Trieb ist die verselbständigte Form der Notwendung eines Mangels, abstrakte Naturalform seiner Bedürfnisse, deren substanzieller Selbsterhalt, wo ihr Verlangen "verwildert" ist und keinen wirklichen Gegenstand mehr erkennen kann. Er besteht aus dem Betreiben einer abwesenden Beziehung in der Form, worin sie ausgeschlossen worden war und in deren Ausschließlichkeit sie zum Inhalt ihrer Verkehrung wurde. Ein Trieb ist das verselbständigte Verlangen, das einer Notwendigkeit entspringt die eine Erfüllung verlangt, auch wenn sie keine wirkliche Befriedigung, keinen Frieden mit sich findet. Er ist die Wendung ihrer Bestimmtheit aus ihrem absoluten Mangel an Wirklichkeit durch die Fülle, die abstrakte Allgemeinheit an Einverleibungen, die sie hinter sich gelassen hat. Die unbefriedigte Bedürftigkeit ist der Stoff, die Art, die subjektive Substanz, das abstrakt gewordene Eigene, das in ihrer Triebhatigkeit zu einer fremde Kraft wurde, die aus subjektiven Regungen entstanden war. In der Abwesenheit ihrer Inhalte wurde die Ausschließlichkeit ihrer Form durch ihren reduzierten Körper zu einer objektiv auf sich selbst ausgerichteten und auf sich selbst reduzierte Erregung einer rohen Begierde, eines dürftig gewordenen Bedürfnisses. Und dieses wird hierdurch seiner Form und Kraft entsprechend omnipotent. Indem es sich nur noch auf sich selbst bezieht, verdoppelt es seine Erregung gegen die Inhalte, die seine Regungen ursprünglich ausgemacht hatten. So auch in der Selbstwahrnehmung der Selbstgefühle, die sich nur noch durch die Einverleibung ihrer Beziehungen erhaten können. Sobald nämlich Gefühle sich den Empfindungen voraussetzen, lediglich für sich wahrmachen, was sie darin schon durch sich wahrhaben, wird ihre Wahrnehmung doppelt: Darin ist sie durch sich so, wie sie für sich ist. Sie ist dann nur noch ästhetisch bestimmt und täuscht als Selbstgefühl darüber hinweg, was ihre Wahrnehmung wirklich ausmacht, was die Grundlage ihrer Erkenntnis wäre.

In den zwischenmenschlichen Verhältnissen einer rein ästhetischen Kultur, sind die Empfindungen der Menschen durch ihre Gefühle bestimmt, wodurch sie sich ihrer Empfindungen nicht wirklich gewiss sein können. Von daher und darin streben sie eine Identität, ein für sich Allgemeines an, worin sie ihre Selbstachtung zumindest in ihrem Selbstwert finden können, denn gerade im innersten Mangel ihrer Gefühle für sich wollen sie natürlich zumindest mit sich selbst eins sein, sich als Subjekte durch ihre Selbstgefühle wahrhaben. Denn ohne einen Sinn für sich finden oder äußern zu können, werden sie sich nicht wirklich vergegenständlichen können. Um wirklich und persönlich auch zwischenmenschliche Subjekte zu sein, um sich in ihrem gegenständlichen Leben als Mensch zu erkennen, sich also in ihren Lebensumständen, in den Objekten ihres Lebens auch objektiv anzuerkennen, um für sich zu bleiben, was sie außer sich von sich unterscheiden, müssen sie zumindest selbst als eine objektive Gegebenheiten in diesen Verhältnissen gelten können. Deshalb haben sie eine hiervon abgetrennte Identität nötig, eine aparte Subjektivität, durch die sie sich mit sich identifizieren, um die abstrakte Identität ihrer Selbstbeziehung unter Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen sich auch gewiss zu machen, dem Trieb ihrer Gefühle Folge leisten und wahrmachen, was sie von sich außer sich für sich wahrhaben.

Im Selbstgefühl werden Gefühle zur Empfindung für sich, finden sich in den Ereignissen der Selbstwahrnehmungen, die sie in den Gegebenheiten ihres Lebens so wahrhaben, wie sie darin ihre Beziehung zu sich und für sich finden und empfinden. Das Selbstgefühl ist von daher das Gefühl einer Empfindung, die sich aus dem Erleben seiner selbst aus dem ergibt, was es darin von sich wahrhat, was also die Empfindung im Gefühl des Erlebens als Wahrheit für sich verdoppelt, Wahrnehmungsform für sich wird (siehe auch Formbestimmung). Das Selbstgefühl genügt sich in seiner Isolation selbst, wird darin mit seiner Wahrnehmung identisch, für sich rein, und schützt sich gegen bedrohliche Eindrücke durch seine Selbstgenügsamkeit, durch seine Abschottung gegen die Irritationen zwischenmenschlicher Beziehungen in einer Welt isolierter Existenzen, die sich in dem identifizieren, was sie von sich fühlen und sich in ihrer abstrakten Identität mit sich einig werden können (siehe hierzu auch Ästhetik).

Vor allem kann sich hierdurch eine Empfindung auch objektiv als Selbstwahrnehmung erzeugen und darstellen, wenn sie durch Eindrücke ein Gefühl bewirkt, worin sie ihren Ausdruck für sich findet (siehe auch objektives Gefühl), sich also ausdrücklich beeindruckt empfindet. Es ist die Grundform einer Ästhetik, in welcher die Wahrnehmung sich für sich selbst bildet, als Bild wahrnimmt, was sie für sich wahrhaben muss, um zu sich selbst zu kommen, weil sie ohne dies für sich nicht wahr sein kann, identitätslos bliebe.

Im Gegensatz zu anderen Empfindung, wie etwa Hunger, Durst und Schlafbedürfnis, die sich als Mangelgefühl des Organismus und seiner Sinne als konkrete Notwendigkeit, als darin bestimmtes Verlangen nach bestimmten Gegenständen darstellen, ist das Selbstgefühl eine Reflexion der Selbstwahrnehmung, die aus der Wirkung des Subjekts auf seine Mitmenschen entspringt, die den Eindruck zum Ausdsruck bringt, den es in zwischenmenschlichen Verhältnissen macht oder gemacht hat. Zugleich besteht dieses Gefühl nur durch die Vermittlung der Selbstwahrnehmung mit den Ereignissen, die sich darin ästhetisch hinterlassen, selbst reizvoll sind. Hierin sind die gegenständlichen Beziehungen zwar in ihrer Einzelheit erinnert und als Erinnerung bewahrt, aber im Allgemeinen nicht wirklich da, für sich grundlos und gegen ihre Wirklichkeit gleichgültig - nur durch ihre Selbstbehauptung getragen.

Ein durch nichts begründetes Selbstgefühl leidet an seiner unbedingten Ungegenständlichkeit. Es leidet in dieser Bedingungslosigkeit an seinen Gefühlen, die nichts empfinden können und sich von daher selbst zum Gegenstand ihrer Wahrnehmung machen müssen, sich also ausschließlich nur durch ihre Selbstwahrnehmung wahrhaben können.

In einer Welt, in welcher das zwischenmenschliche Erleben die Bildung des Selbstgefühls der Menschen ausmacht und sie sich darin ihres Selbstwerts versichern, dienen sie sich auch gemeinhin in der Absicht, ihre Anwesenheit zu ihrer Selbstbestärkung wechselseitig zu nutzen und deren Erleben so auszustatten, dass sich ihr Selbstgefühl bereichert und begeistert. Von daher gehen sie über die Erfahrungen ihres einzelnen Lebens weit hinaus und erleben sich in einem Lebenszusammenhang, den es nur durch die Gemeinschaft ihres Erlebens gibt, durch die Dichte der Wahrnehmung ihrer Beziehungen, wie sie ihnen als aufgesammeltes Selbstgefühl im gemeinen Dasein zwischen den Menschen erscheint. Im Wesentlichen haben ihre isolierten Erelebenswelten in dieser Allgemeinheit allerdings nur eine Begeisterung im Sinn, die für sich keinen Bestand haben könnte, würde sie nicht auch dazu taugen, zu diesem Selbstgefühl, das zwischen den Menschen nun allgemein erlebenswertig und also auch als Lebenswert schlechthin fungiert, beizutragen: die Selbstverwirklichung. Was sie für sich nur fühlen können, soll allgemein auch wirklich sein: Nämlich dass ihre momenthaften Eindrücke zu ihrem inneren Reichtum werden, zu einem allseits gegenwärtigen Selbstgefühl, in welchem sie sich auch selbst wertvoll werden. War der Selbstwert bisher der Notbehelf gegen die Minderwertigkeiten, in welche die Menschen unter den Seinsbestimmtheiten des Kapitals in Dienstleistungsverhältnissen gestellt sind, so wird er nun zu einem objektiven Wesen ihrer Subjektivität, das die Menschen ergreift und ihre Selbstwahrnehmung zu dem objektiviert, als was sie darin füreinander gelten. In ihrem Geltungsbedürfnis wird ihre objekt gewordene Selbstwahrnehmung nun tätig, weil sie die Geltung nicht nur haben will, sondern haben muss, um überhaupt in den zwischenmenschlichen Verhältnissen zu sein, bzw. "etwas zu sein" - und das heißt für die Wahrnehmung, dass sie zwischenmenschlich etwas darstellen müssen, um für sich sein und werden zu können. Der Weg bis dahin ist weit und erst mit der Herstellung einer Persönlichkeit der Selbstwahrnehmung beendet (siehe "13. Die bürgerliche Persönlichkeit"). Zunächst geht es nur um die Entwicklung der Selbstwahrnehmung bis dahin.

Von dem her, was die Menschen an Selbstgefühl erzeugen und beitragen, existiert ihr Selbstwert eben bisher nur als Eindruck von dem, was sie füreinander ausdrücken. So ausdrücklich, wie sich die Menschen wahrhaben, können sie daher für die Wahrnehmung allgemein nicht sein. Es fehlt ihr in dieser Allgemeinheit die Gewissheit ihrer Empfindung, die sie in Wahrheit nur für sich haben können. In ihrer Wahrnehmung haben sie also nur sich wahr und eignen sich auf diese Weise das an, was andere Menschen für sie ausdrücken, was sie also ihrer Selbstwahrnehmung einbringen. Das macht Selbstbeziehung nun auch wirklich aus und das erweitert die Selbstwahrnehmung um ein Erleben von Ungewissheiten, die erregend sind, weil sie Regungen ausdrücken, zugleich aber keinen Eindruck machen, der in eigene Regungen übergehen kann, weil sie nur den wahrnehmenden Menschen als solchen so beeindrucken, wie er sich in diesem Wahrnehmungsverhältnissen erlebt. Er bezieht sich allgemein auf sich selbst in dem Maße, wie er durch andere beeindruckt ist und zugleich andere zu beeindrucken in der Lage ist. Die Wahrnehmung wird durch permanente Eindrücke beschäftigt, um die Selbstwahrnehmung aufzufüllen und durch das zu bestimmen, was sie anregt. Doch die Anregung ist nicht mehr nur Stimulanz, sondern eine Form der Selbsterinnerung: Es bewegt sich im Gefühl das, was es bereits kennt und löst das aus, was es bereits empfunden hat und bewirkt das, was in den zwischenmenschlichen Verhältnissen, denen es entspringt, begeistert und einen Geist mächtig macht, der die gemeinen Gefühle in ihrem permanenten Selbsterleben verleiblicht. Die Selbstwahrnehmung gerät dadurch in eine Eigenwelt, deren Ursprung und Resultat ein Selbstgefühl ist, das sich jederzeit von der Welt abwenden kann, auf die es in seiner existenziellen Wirklichkeit immer bezogen, aber nicht mehr unbedingt darin gegenwärtig ist. Die Art und Weise, wie die Menschen sich darob dennoch vergegenwärtigen bestimmt ihre Verhältnisse ästhetisch.

Menschen oder Sachen können schön oder hässlich sein, je nach dem, wie sie ihren Sinn vergegenwärtigen, in welcher Form sie sich im Sinn haben. Die gegenständliche Wahrnehmung empfindet dies so, wie es auf sie wirkt, wie dies wirklich für sie ist. In den Verhältnissen der Selbstwahrnehmung aber, in zwischenmenschlichen Verhältnissen, in denen sich der Sinn selbst schon aus Gefühlen bestimmt, die vor aller Empfindung herrschen, besteht die Notwendigkeit, die Gefühle zu erkennen, die der Empfindung vorausgesetzt sind, diese also auch in der Wahrnehmung wahr zu machen, zu vergegenwärtigen und in der Form wahr zu haben, durch welche die Empfindung zu sich kommt, sich selbst findet. Diese Notwendigkeit, seine Empfindung in und durch die Wahrnehmung zu finden, bestimmt das Bedürfnis nach einer ästhetischen Form, in der sie sich im Gefühl selbst unmittelbar wahr hat. Um es zu befriedigen oder zumindest zu befrieden, muss das Wahrnehmungsverhältnis so sein, dass beides in einem wahrgenommen wird, um sich in dem zu erkennen, was die Selbstwahrnehmung nötig hat, auch wenn dies nach einem Verhältnis verlangt, das ganz ausschließlich, also "exklusiv" für die Wahrnehmung sein muss (siehe heirzu auch Narzissmus). Dies herzustellen steht einem Willen im Sinn, den man ästhetisch nennen kann. Der ästhetische Wille strebt nach der Herstellung von Umständen der Wahrnehmung, in denen das Selbstgefühl sich durch seine Empfindungen eins mit seinem Gefühl finden kann (siehe hierzu auch heile Welt).

Jedes Selbstgefühl erhält sich durch Wahrnehmungen, in denen die Empfindungen für sich und andere durch das Gefühl bestimmt sind, in dem sich ein Mensch durch die Wahrnehmung von Menschen und Kultur wiederfindet, also seine Empfindung durch den Eindruck hat, den er durch andere für sich wahrnimmt. Auf dies ist sein Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen ausgerichtet, weil ihm ohne dies seine Wahrnehmung sinnlos erscheint, ihm keine Wahrheit für sich erkenntlich wird. Er drückt sich also vor allem so aus, wie er andere für sich beeindrucken kann und findet sich in ästhetischen Beziehungen gut aufgehoben. Er will sie halten, um sich selbst daran halten zu können und sich so zu finden, sich zu empfinden, wie sich darin sein Gefühl für sich bestärken kann.

Ein Beispiel hierfür ist der alltägliche Gebrauch von MP3-Playern, Video-Abrufen und Kommunikationstechniken, die es ermöglichen, Wirklichkeit ohne Wirkung zu erinnern, Selbstwahrnehmung über Musik, Bild und Sprache Regungen zu beleben, die sich als Selbsterleben auch gestalten können, weil sie keine Sinne betreffen, die etwas anderes empfinden, als was sie bereits empfunden haben, Erinnerungen körpereigener Regungen sind. Die innere Bewegung, Emotion, wird zum Gefühl einer Empfindung von sich selbst, zu einer wirklichen Selbstbeziehung, die auch wirklich wahrnehmbar, austauschbar, teilbar und mitteilbar wird. Es mag eine Scheinwelt sein, aber immerhin eine, die Wirkung hat und damit auch wirklich existiert.

Leben drückt sich in den Gegenständen aus, die es in seiner Lebenstätigkeit hervorbringt, ohne dass es für ihre Wahrnehmung eines besonderen Ausdrucks bedarf. Was aber zwischen den Menschen unmittelbar lebt und sich in ihrer Beziehung für ihre Selbstwahrnehmung äußert, das drücken sie auch als Mensch wahrnehmbar aus. Ihr ausdrückliches Leben vollzieht sich in ihrem Erleben als Ereignis ihrer zwischenmenschlichen Verhältnisse. Vom gegenständlichen Lebensprozess unterschieden ist daher der Ausdruck, der sich aus den Äußerungen des Lebens als Erlebnis zwischen ihnen heraussetzt, der Ereignisse für Erlebnisse produziert, die selbst besondere Wahrnehmungen hervorrufen und hierdurch Eindruck auf ihre Existenz machen, die Wahrnehmung reizen, wo sie ihre Regungen bestimmen oder sogar diese verdoppeln, sie erregen kann.

Von daher ist der Eindruck, den etwas oder jemand macht, immer prominenter als das, was darin zum Ausduck kommt, obwohl die Wahrnehmung von dem lebendigen Leiden bestimmt wird, das sich darin überträgt. Die sinnliche Form der Leidenschaft, die sich wahrnehmbar ausdrückt unterscheidet sich wesentlich von den Inhalten, die Eindruck machen können. Jede Botschaft konzentriert isch in ihrer Wirkung auf die Wahrnehmung, während das wirkliche Leben, das sie darstellt lediglich als ihr Hintergrund existiert und gänzlich außer acht geraten und jede Aufmerksamkeit verlieren kann (siehe hierzu auch Medien).

Der Ausdruck (oder die Expression) unterscheidet sich von dem, was darin ausgedrückt wird, schon durch die besondere Leidenschaft, die er enthält, also durch die besondere Beziehung auf den Menschen in seinem Leiden, das in seinem Gegenstand nicht aufgehen kann, also durch die nicht gegenständlich verwirklichte Tätigkeit des Menschen, die im Ausdruck jedoch sich als Sinn ohne Gegenstand gestaltet hat, ausdrücklicher Sinn ist. Von daher ist die Beachtung der Ausdrücklichkeit ein Ereignis der Kultur, die darin ihre Abwesenheit so verkörpert, wie die Sehnsucht der Kunst nach der Wirklichkeit menschlicher Gegenstände, menschliche Schönheit (Ästhetik) selbst ausdrückt und somit dieser eigenes Sein verleiht und darin ausdrückliche Verhältnisse stiftet, in denen Menschen sich als das geben, für das sie Sinn haben.

Sie erzeugen sich als Form ihrer gewollten Sinnlichkeit und begründen darin einen ästhetischen Willen, der außerhalb ihres wirklich gegenständlichen Seins ist: Der Wille der entäußerter Zwischenmenschlichkeit. Dies macht es möglich, dass Ausdruck dort, wo er Eindruck macht, vielerlei Täuschung dienen kann, wenn er sich an der Äußerlichkeit eines Eindrucks, z.B. eines Reizes, misst (s.a. Design). Im Eindruck existiert jeder Ausdruck sowohl in seiner sinnnlichen Form als Reiz für die Wahrnehmung, wie auch als sinnlicher Gehalt dessen, was sie ihre Erinnerung bestätigt und bestärkt. Im Eindruck auf die Wahrnehmung kommt jeder Lebensausdruck doppelt vor und verschafft sich eine Prominenz, die aus der Abwesenheit ihres Gehalts, aus seiner Abstraktion zehrt, der sich durch seine Erinnerung vergegenwärtigt und zugleich sich seiner Regung so vergewissert, dass er sich darin als bloße Erregung verselbständigen und durchaus gesellschaftlich mächtig werden kann. Die allgemeinste Verwirklichung kultureller Inhalte macht daher Inhalte prominent, die nurmehr als erregte Erinnerung zur Wirkung kommen und über Wirklichkeit zu herrschen in der Lage sind.

Das Selbstgefühl besteht daher nun auch wirklich als das Verhältnis, das Eindruck macht, als Verhalten, als Erzeuger von Eindrücken, und das zugleich Menschen nötig hat, die sich hierfür ausdrücklich verhalten können. Der Eindruck, der bisher nur verschwindend in der Selbstwahrnehmung war, wird nun zum Erzeuger und Träger eines Selbstgefühls, das sich beeidrucken lässt, das also sich Eindrücke aneignet, um für sich selbst Ausdruck zu finden. Es einverleibt sich Eindrücklichkeiten, die ein ausschließliches, ein von der gewöhnlichen Selbstwahrnehmung nicht mehr beeindruckbarem Selbstgefühl bestärken. Ohne sich selbst ausdrücken zu müssen, wird das hierdurch ausdrücklich gewordene Selbstgefühl seine eigenen Empfindungen, wie sie durch immer wiederkehrende Einverleibungen bestätigt werden müssen, benutzen, um sich als innere Bewegung, als Emotion, als Gefühl für sich bestärken zu können. Das schon im Selbstgefühl begründete Verhältnis von Empfinden und Fühlen kann daher nur noch sich selbst gerecht werden und veräußert sich daher in der Bestärkung seiner Selbstbeziehung. Selbstgerechtigkeit ist daher zunächst die einzige Ausdrucksform der damit begründeten Egozentrik, die erste Wirklichkeitsform eines Selbst.

In dem auf diese Weise erzeugten Selbstgefühl wird sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen die Bereicherung ihres zwischenmenschlichen Erlebens daher bald als das bewahrheiten, was sie ist: als eine ungeheuerliche Abstraktion des Selbstgefühls. Denn was sich Menschen darin geben und voneinander auch haben, was sie voneinander wahrnehmen und wahrhaben, hat in solchem Gefühl seine Wirklichkeit verloren und bestätigt im wesentlichen die Notwendigkeit, sich durch andere Menschen zu vergegenwärtigen, um überhaupt eigene Gegenwärtigkeit zu haben und sich darin zu verspüren. Die Arbeit, die sie aus zwischenmenschlicher Liebe und Fürsorge füreinander erbringen, der Aufwand und die Mühe ihrer Entwicklung und Verständigigung in ihren Auseinandersetzungen, ihrem Leiden und Tun, ihr Verstand und das Bewusstsein, das sie durch die Erkenntnisse in ihren Beziehungen gebildet haben, ihre ganze menschliche Bildung, die in dieser Kultur nur zwischenmenschlich möglich ist, wird von der blanken Selbstgefühligkeit aufgehoben, die sich darin bestärkt, dass sich dei Menschen allgemein daran begeistern. Darin geht es nicht mehr um die Entwicklung von Erkenntnisvermögen aus zwischenmenschlichen Wahrnehmungen, sondern um die Einverleibung menschlicher Gegenwärtigkeit.

Weil die Menschen in diesen Selbstgefühlen aber ihren wirklichen Selbstwert finden, den Wert, den zwischenmenschliche Beziehungen für ihre Selbstwahrnehmung auch wirklich als Wirkung menschlicher Gegenwärtigkeit des Selbsterlebens haben, wird der Eindruck, den diese Beziehungen machen, auch zu ihrem allgemeinen Inhalt geworden ist, zum bestimmenden Inhalt, der sich aus der Form ihrer Beziehung von selbst ergibt, also Formbestimmung wird. Was die Menschen füreinander ausdrücken können, wird von diesem bestimmt, gleich, ob sie nur die Regungen enthalten, die sie auch wirklich haben oder ob sie Regungen durch ihre Erregung erzeugen, die keine wirklichen Regungen mehr kennen. In der Selbstbeziehung der nun selbständigen Gefühle kann hiervon nun auch vollständig abgesehen werden, sofern nur Eindrücke vorhanden sind, die sie als Selbstgefühl beleben.

Das Selbstgefühl verhält sich zu sich selbst über die Empfindung seiner Gefühle, wie es diese erinnert und nach seiner Erinnerung zu reproduzieren bestrebt ist. Jedes Selbstgefühl sucht deine Empfindungen nun in Gefühlen zu bewahren und zu vermehren, die es schon kennt und aus jedem Gefühl schon durch sich ein Selbstgefühl macht, diese also in seiner Erinnerung verdoppelt. Was keine Erkenntnis mehr erfordert, wird so zur Absicht des Erlebens, das die nötigen Empfidungen beibrint. Darin verdoppelt sich nicht nur das Gefühl, sondern vor allem das Selbstgefühl, dass sich im Innern der Erinnerungen bestätigt und bestärkt, das alsi im Gedächtnis die Zusammenhänge seiner Gefühle sucht und in dem Sinn bildet und ausbildet, wie sich darin der Selbstwert durch die Verdichtung (siehe Dichte) seiner Erinnerungen bestärkt. So wie die Selbstgefühle ihre verlorenen Empfindungen durch ihre Erinnerungen ersetzen, wird das Gedächtnis selbst zum Ersatz der Wirklichkeit, die es erinnert. Seine Selbstgefühle verdoppeln ihre Kraft in seiner Selbstwahrnehmung, die sich zunehmend durch ihre Absichten die Welt verschafft, in der es die optimalen Erlebnisse zur Erinnerung hat. Hierin wird der ästhetische Wille selbst zum Wertbildner seiner Selbstwahrnehmung, zu einem Geltungsstreben, das die Psyche entwickeln und ausgestalten wird.

Es sind diese Selbstgefühle nun zum wirklich abstrakten Sinn dieser Beziehungen geworden. Weil sie nun alle Gefühle im Zweck der Selbstwahrnehmung zusammenfassen und weil sie die Wahrnehmungen der Menschen zwischen ihnen auch nurmehr als Selbstwahrnehmung vermitteln können, wird das allgemein gewordene Selbstgefühl nun auch zum Subjekt dieser Beziehungen. Weil sie also durch ihre zwischenmenschlichen Wahrnehmungen erst ihr Selbstgefühl erwerben, wird dieses zur einzigen Wahrnehmungsidentität, welche sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen haben können. An ihm relativiert sich, was sie überhaupt voneinander wahrnehmen und als was sie sich demzufolge auch wirklich gelten, was sie wirklich füreinander sind - nämlich das, was die anderen für sie sind, was sie ihrem Selbstgefühl auch wirklich erbringen. Obwohl nur relativ zu anderen wird ihr Selbstgefühl für sich nun auch wirklich auch im einzelnen Menschen selbständig.

Es hat sich nämlich aus der Allgemeinheit der Selbstgefühle eine Mitte ergeben, die zugleich einen Mittler hat: Das allgemeine Selbst. Es ist ein wesentlich allgemeines Selbstgefühl, das über die zwischenmenschlichen Beziehungen erhaben ist, - nicht weil es ein Gefühl von höherer Differenzierung wäre, sondern weil sie sich in ihm aufgehoben fühlen, geborgen und selbstlos und reichhaltig zugleich. Es wird zu einem ausschließlichen Selbstgefühl in jedem, das einen inneren Gefühlszusammenhang begründet, der über die einzelnen Gefühle hinweg alle bestimmt: Ihr Selbstwert reduziert sich auf das, was sie diesem Allgemeingefühl erbringen. Das Selbstgefühl wird von da her nun zum inneren Maßstab der Gefühle, zum Herz aller zwischenmenschlichen Bezogenheit. Alle ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sind diesem unterworfen, werden hiernach gebildet und entwickelt und bemessen und begrenzt. Aus diesem Maß ihrer Gefühle verlangen sie nun, dass sich die Menschen ihrem Ansinnen beugen und sich diesen Beziehungen gegenüber produktiv erweisen. Es verlangt, dass sie sich ihren seelisch gewordenen Selbstwert dadurch verschaffen, dass sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen sich in seinem Sinn wechselseitig anerkennen, um das zu bekommen, was sie sich durch die Gegenwart ihrer Wechselseitigkeit an Sinn einverleiben können. Ihre leibliche Gegenwart wird zum Träger ihres seelischen Zusammenwirkens und was sich darin an Wahrheit offenbart, was in ihrem Selbsterleben wahrgehabt und wahrgenommen wird, das ist nicht ein wirklich nur stofflicher Leib, sondern vor allem Körper, also das, was dieser Leib mit sich bringt: Geistige Gegenwärtigkeit und Vergegenwärtigung seelischer Kraft. So wie Geld die außerliche Gesellschaft der Menschen erst herstellt, solange sie keine wirkliche Gesellschaft haben, so stellt sich nun über das Verhältnis der Selbstgefühle eine verinnerlichte Gesellschaft in den Menschen als eine seelische Form ihres Verhältnisses her, die sich als Psyche einer verinnerlichten Zwischenmenschlichkeit verhält.

In der Einverleibung des Geisteszusammenhangs ihrer Gefühle werden die Menschen nun wirklich abhängig von den Seelenkräften, die in ihren Verhältnissen sich vergegenwärtigen und deren Wirkungen, die darin zu verarbeiten sind - nicht, weil sie als Menschen leiblich und seelisch füreinander da sind, sondern weil sie als schlicht daseiende Menschen zum wechselseitigen Träger ihrer Selbstbezogenheiten geworden sind und von daher ohne einander nur den Verlust ihrer seelischen Identität erleiden können. Die Seele mag in jedem Menschen eine Kraft schöpferischer Einfälle und Vorstellungen, eine Geisteskraft sein, eine Welt geistiger Regungen und Gefühle, die traditionell so benannt wird; als Psyche wird sie nun aber zu einer allgemeinen Geistesform zwischenmenschlichen Erlebens, die von den einzelnen Menschen nicht nur abstrahiert, sondern auch seine Seele bestimmt. Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht mehr so wirklich zwischenmenschlich; - sie haben einen allgemeinen Kern in ihren Verhältnissen gebildet, der sich fortbildet und sie also auch fortbestimmt. Ihre eigene Kultur verlangt eine Beziehungsarbeit, ohne die sie ihrer Verhältnisse entrückt wären und ihre Arbeit ist von daher hauptsächlich davon bestimmt, wie sie zwischenmenschliche Erlebnisse produzieren können, die den abstrakten Sinn ihrer Beziehungen als seelischen Reichtum fortbilden.

Die Selbstgefühle der Menschen beruhen nun also darauf, dass sie ihren Selbstwert in Gefühlen finden, worin sich ihre Empfindungen in zwischenmenschlichem Erleben vermitteln und sich als Selbstgefühle seelisch in den Menschen niederschlagen, sich als Gedächtnis eben auch festsetzen. Das kann nur in einer Welt von Empfindungen geschehen, worin sich die Menschen dadurch wertvoll wurden, dass sie mit diesen "umgehen" konnten, dass sie also darin Umgang haben und diese Empfindungen als qualitative Momente ihres Gefühlslebens, als gutes Erleben zu nutzen verstehen, indem deren Reize gute Regungen in den Selbstgefühlen auslösten. Erlebnisse sind zwar immer wirklich, weil sie darauf beruhen, dass sie etwas bewirken und sind von daher als Stoff der Gefühle verblieben. Sie haben aber nur im Reiz ihre Wirkung und daher keinen wirklich stofflichen Zusammenhang im Menschen, außer dem, was dies für ihn selbst ist, was dies in seinem Gefühlszusammenhang bewirkt. Selbstgefühle werden von daher empfindungslos, sobald sie als solche einverleibt werden und seelische Absichten verfolgen. Im Erleben sind Empfindungen bloße Bedingung der Gefühle, aber jenseits hiervon gleichgültig geworden. Der Sinneszusammenhang der Menschen hat sich vom Sinnzusammenhang ihrer Wahrnehmungsgegenstände abgelöst und bezieht diese nach eigener Absicht des Erlebens aufeinander und auf sich selbst.

Die Selbstgefühle beruhen jetzt auf Gefühlen, die sich nicht mehr in ihren Empfindungen bewahrheiten und bewähren können. Das verändert auch die Beziehungen zu den eigenen Empfindungen. Sie bestehen wesentlich ja nur aus Befindungen in dieser Welt der Gefühle. Man befindet sich sprichwörtlich in Gefühlen, ist selbst Moment derselben, als Befindung der Gefühle. Es sind zwar Empfindungen, welche auch etwas finden und befinden, aber es sind vor allem Gefühle des Befindens, Gefühle ausschließlicher Selbstbezogenheit, Gefühlswelt für sich. Von daher benötigen sie als Stoff und Material dieser Beziehungen Empfindungen, die nicht als wirkliche Empfindung aufgefasst werden müssen, deren Wirklichkeit also absolut gleichgültig sein muss, die aber als Befinden eigener Wahrheit Geltung bekommen. Die Psyche ist das Gedächtnis der Selbstgefühle, die ihre Wahrheit außer sich haben, also ihrer Wahrheit entzogen sind, Wahrnehmungen sind, die getrennt sind von dem, was sie wahrhaben. Von daher kann man sagen, dass die Psyche ein System der Absichten ist, mit denen Menschen wahrmachen, was ihre Wahrnehmungen auf das beziehen lässt, was sie wahrhaben. Von daher ist die Psyche das Streben der Wahrnehmung nach einer Einheit mit ihrer Selbstwahrnehmung, die in ihren Selbstgefühlen an der Getrenntheit ihrer Empfindungen von ihren Gefühlen leidet. Die Psyche hat daher immer die Absicht, ihre zwischenmenschliche Umwelt für sich einzunehem, sie sich einzuverleiben, um ihre Gefühlswelt durch Empfindungen zu sättigen und forzubilden.

Um dieses zu ergründen geht es jetzt um Empfindungen, welche nur ihrer Gestalt und Form nach Wahrnehmungen des Lebens, aber in Wirklichkeit Erlebensform der Selbgefühle sind. So wie ein Tourist sich an vergangenen und fremden Lebenswelten begeistern kann, können sich nun die Selbstgefühle durch ihre im Grunde gleichgültige und fremde Empfindungen nähren, Empfindungen, die sie in keiner Weise für sich gebildet haben, sondern außer sich vorfinden und worin sich ihr Selbstgefühle befinden und bestätigen. Alle Empfindungen sind dem unterstellt: In ihnen wird ein fremder, ein äußerer Sinn gesucht, durch den Selbstgefühle gesättigt werden, die für sich keinen Sinn mehr haben. Menschen und Sachen werden in solchen Beziehungen auf das reduziert, was sie solcher Selbstwahrnehmung erbringen. Und so werden auch empfindsame Menschen in diesen Gefühlswelten schnell zum Mittel fremder Selbstgefühle. Und die Sachen, welche die Menschen zu ihrem Selbsterleben nutzen, werden selbst immer sinnloser und äußerlicher, zu Gegenständen reiner Selbstbeziehung und Selbsterregung.

In den Selbstgefühlen vermitteln sich nun alle Beziehungen, so dass diese selbst auch nur hieraus bestehen, dass vor allem die Beziehung zu sich durch die Beziehung auf anderes bestimmt wird, auf andere Menschen und Sachen, welche Selbstgefühl vermitteln, um dieses überhaupt zu gewinnen. Die Selbstwahrnehmung hatte sich aus dem Verhältnis der Selbstgefühle gebildet, also daraus, dass die Menschen durch ihre Empfindungen füreinander wertvoll geworden waren. Es ist nun umgekehrt: Nicht das Gefühl für etwas bildet sich aus den Empfindungen hierzu; das Gefühl wird selbst erst im Selbstgefühl bestimmt. Die Einverleibung veräußerter Sinne verschafft eine Selbstverwirklichung, die das Fremde dadurch überwindet, dass es dieses in sich selbst verwirklicht. Allerdings kann hierdurch auch nur verwirklicht werden, was den Selbstwahrnehmungen im Grunde fremd ist. Sie bildet sich in der Absicht, jenseits der Selbstgewissheit eine Beziehung zu sich zu gewinnen, jenseits der Wahrnehmungsidentität ein Sein für sich zu gründen. Ob im Konsum oder im gesellschaftlichen Status ist gleichgültig: Die Selbstverwirklichung beginnt mit der Einverleibung fremder Vermittlungen des Selbstgefühls.

Es bliebe allerdings eine schlechte Unendlichkeit, wenn nur gefühlt werden kann, als was die Beziehung auf andere durch das Selbstgefühl erscheint. Schon von daher wird es für sich auf Dauer leer und ist dann "gesättigt", wo es sich zu verwirklichen glaubt, und entleert sich unmittelbar eben auch sofort, wenn es nur für sich und durch sich selbst ist. Von da her entsteht mit der Ausdehnung von Gefühlswelten zur vollständigen Lebensbedingung der darin aufeinander bezogenen Menschen ein Verlangen danach, Gefühle zu bekommen, die nicht auf den eigenen Gefühlen beruhen, in denen also fremde Gefühle verspürt werden. Und das macht Selbstverwirklichung dann auch aus: Lust auf Gefühl, das man noch nicht hat und noch nicht kennt, das man aber erwirbt, indem man mit Gefühlen anderer Menschen umzugehen versteht, die man selbst nicht hat oder kennt. Es entsteht eine Welt der Gefühle, in welcher die einzelnen mit ihrem ganzen Wesen teilnehmen und teilhaben, ohne dass sie darin etwas andees äußern, als das, was sie für die Gefühle anderer darstellen können. Ihnen erscheint das nun als Inhalt ihres Menschseins, gleich, wie die Welt auch sonst noch wäre: Ihre Welt.

Für sich empfindet das Selbstgefühl daher auch immer seinen Mangel an Gefühl. Seine Welt ist eine beständig entschwindende Welt und muss von daher beständig durch Gefühle erneuert werden, die darin nicht entstehen können, die also außer ihr entstanden sein müssen, die sich aus den Lebensereignissen speist, die sie erleben, aber nicht als Erleben bewahren können, sondern als Form einer Selbstbeziehung, als Tatsache des Fühlens, die nun so objektiv ist, dass und wie sie in diese Welt hineinpasst. Sie erscheint nun als Bedeisterung für Sachen und Menschen, Ereignissen und Hochgefühlen. Als dieser Geist wird in die Welt der Selbstverwirklichung eingebracht, was sie konstituiert und entwickeln wird: Seele. Nur hieraus kann eine Selbstverwirklichung sich bilden. Sie ist daher eigentlich gar keine Selbstverwirklichung, sondern die Verwirklichung einer Selbstigkeit und Selbstbezogenheit, in welcher jeder Geist zugleich als eine Formbestimmung der Seele in Beziehung tritt: als Psyche. Sie treibt alle Prozesse der Selbstverwirklichung an und ist ihre wahre Produktivkraft, bildet die Substanzen einer eigenen Lebenswelt der Selbstbezogenheiten.

Nur deshalb kann von einem Substantiv überhaupt die Rede sein, denn für sich hat "das Selbst" keinerlei Substanz, das heißt: Ein Selbst als solches gibt es nicht. Als Formbestimmung ist das Selbst nichts anderes als der abstrakte Grund einer Tätigkeit, welche ohne diesen nicht zu begreifen ist: Selbstvergegenwärtgung. Dieser Begriff zeigt schon selbst seine Absurdität, die allerdings einer wirklichen Absurdität entspricht: Eine Selbstvergegenwärtigung setzt dm Begriff nach ein Selbst vorraus, das zu vergegenwärtigen ist. Aber das wäre bloße Tautologie: Ein Selbst, das schon ist, soll zugleich ohne Gegenwart sein, soll sich aus dem, was es nicht wirklich ist, vergegenwärtigen. Das klingt nach Mythologie.

Es klärt sich das Rätsel erst auf, wenn wir für "das Selbst" eine Substanz unterstellen, die nicht durch es selbst ist, die sich also aus einem Sinn speist, der nicht wirklich ist, einen Sinn, den andere haben, und der als Sinn die Seele bewegt und von daher die Psyche speist. Es handelt sich also um einen Sinn, welcher die Seele begeistert und die Psyche antreibt und nur hierdurch einem selbstigen Subjekt dient. Es ist der Sinn, der wirklich und in Wirklichkeit existiert, der aber durch ein hiervon abgetrenntes Selbstgefühl einverleibt wird. Als Subjekt der Selbstverwirklichung muss die Psyche also in der Lage sein, aus begeisterten Wahrnehmungen selbständige Inhalte für eine Beziehungsform zu schaffen, in welcher die Menschen nicht ihre Wirklichkeit beseelen, sondern ihre seelischen Regungen verwirklichen.

Aus diesem Verhältnis von Seele und Psyche wird sich aufklären lassen, was die Entwicklung und Entfaltung der Selbstgefühle ausmacht. Sie waren als Rückstand der Reize für sich noch nichts, weil sie nicht wirklich für sich selbst sein konnten. Das Selbstgefühl war bisher rein äußerlich bestimmt, konnte sich nur dort ergeben, wo Reize herrschten, sich durch etwas nähren, wodurch es angestachelt und gereizt war. Die dabei entstandenen Regungen verflüchtigten sich aber gleich wieder mit dem Reiz, der sie aufmerken ließ. Nun enthalten sie ihn zunächst der reinen Form nach als einverleibte Wahrnehmung, als eine Regung, die sich als Gedächtnis im Körper der Wahrnehmung erhält, als eine ästhetische Wirkung, die den einzigen Mangel hat, noch nicht selbst wirklich zu sein, die körperlich fixierte Erinnerung eines bestmmten Selbstgefühls. Aber als Aufmerksamkeit für bestimmte Wahrnehmungen wirkt dies erst, sobald es im Gedächtnis verbleibt..

Sigmund Freud hatte in der Traumdeutung das "Erinnerungsbild eines Befriedigungserlebnisses" als Grundlage aller psychischen Strebungen benannt. Das ist zwar sehr platt, aber von der Seite nicht falsch, wie es in der Psychologie um die Leistung eines psychischen Gedächtnises geht, welcher die seelischen Beziehungen antreibt. Aber es ist eben nicht irgendeine wirkliche Naturhaftigkeit, sondern ledigllich die abstrakte Form hiervon, eine reine Formbestimmung, die allen seelischen Zauber für menschlich isolierte Subjekte bestimmt und ihr psychisches Verhältnis begründet. Nicht die Erinnerung besorgt diese Beziehung, sondern das Gedächtnis selbst, das sich im Menschen nun als Psyche durch ihre hieraus entwickelten seelischen Wünsche und Antriebe niederschlägt.

Menschliche Empfindungen werden darin zu einem Gedächtnis, in welchem sich Regungen, wie sie sich aus Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen ergeben haben, ihren eigentümlichen Zusammenhang haben. Die Selbstgefühle werden in dieser Eigentümlichkeit subjektiv bestärkt und zu einer Eigenart, zu einer bestimmten Form der Selbstbezogenheit, worin sich ihr Selbst füllt und anreichert und seinen Wert in der Bereicherung einer Gefühlswelt erfährt. Hierdurch erst entwickelt sich Selbstwert als Prozess der Selbstverwirklichung, also in der Wirklichkeit der Selbstbezogenheiten zwischenmenschlicher Verhältnisse. Der beständige Mangel an Empfindungen bewirkt eine permanente Notwendigkeit, sich Empfindungen zuzuführen, Selbstgefühl dadurch zu gewinnen, dass Erlebnisse entstehen, in welchen die Empfindungen hieraus zur Selbstwahrnehmung gebracht werden. Die Eindrücklichkeit, welche das Selbstgefühl zur Selbstbeziehung gebracht hat, die sich nicht selbst ausdrücken kann, wird daher als innere Bewegung, als Zusammenhang der Emotionen ausdrücklicher. Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig, sondern durchaus systematisch. Er wird meist als Psyche bezeichnet.

Es ist zwar zunächst ein durchaus wechselseitiger und freiwilliger Akt, dass sich Menschen in solche Erlebniswelten hineinbegeben und darin ihre Glücksmomente finden. Dieser wird aber schnell zu einer wechselseitigen Notwendigkeit des Selbstgefühls werden, solche Erlebnisse zu erzeugen und sich darin "anwesend zu machen", also ein Wesen zu gründen, das im Grunde "durch Abwesenheit glänzt" und nach Anwesenheit bestimmter Selbstgefühle sucht, Seele für sich, Eigenheit, die nirgendwo sonst wirklich ist, weil alles Eigene entwirklicht ist. Es ist also eine Wirklichkeitsform der Seele, die auf der Unwirklichkeit ihrer geistigen Potenzen beruht: Unwirkliche Begeisterung.





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121.1 Das seelische Prinzip oder die Psyche

Psyche ist ein Begriff aus dem Griechischen (ursprünglich für "Atem, Hauch"), das umgangssprachlich als erlebnismäßige Umschreibung der "Belebtheit" einer ganzen Person hergenommen wird und sich von daher vom Begriff Seele unterscheidet. Darin gelten die wahrnehmbaren Einzelerscheinungen persönlicher Lebensäußerungen in dem, was sie getrennt von ihrem wirklichen Leben "im Sinn haben", zusammengefasst (siehe auch Gefühl, Seibstgefühl, Absicht, Wunsch, Bedürfnis, Denken, Traum, Geist). Sie gilt als Begriff für die "innere Erlebnisseite" des Individuums, seiner ganz persönlichen Subjektivität. Doch diese ist nicht ohne die Verhältnisse, in denen sie sich äußert und reflektiert, von der Zwischenmenschlichkeit, die sich darin aus den Erlebnissen und Wahrnehmungen der Individuen ausgebildet hat.

Die Psyche ist das Gedächtnis der Selbstgefühle, die ihre Wahrheit außer sich haben, also der Wahrheit ihrer Empfindungen entzogen sind, rein ästhetische Wahrnehmungen sind, die getrennt sind von dem, was sie wahrhaben. Von daher kann man sagen, dass die Psyche ein System von Absichten ist, ein Geltungsstreben, mit dem Menschen wahrzumachen suchen, was ihre Wahrnehmungen auf das beziehen lässt, was sie wahrhaben. Von daher ist die Psyche das mehr oder weniger unbewusste Streben der Wahrnehmung nach einer Einheit mit ihrer Selbstwahrnehmung, die in ihren Selbstgefühlen an der Getrenntheit ihrer Empfindungen zu ihren Gefühlen leidet. Die Psyche hat immer die Absicht, ihre zwischenmenschliche Umwelt für sich einzunehem, sie sich einzuverleiben, um ihre Gefühlswelt durch Empfindungen zu sättigen und forzubilden.

Psyche ist als Begriff einer rein persönlichen Innigkeit immer schon ein unangemessener Begriff, der eigentlich nur die Wahrnehmensweise der Personen beschreiben kann, wie sie die Verhältnisse, die sie wahrhaben, ihre konkreten Lebensverhältnisse - getrennt von ihrem wirklichen Leben - für sich selbst so empfinden und fühlen, wie sich ihr Sinnen abstrakt hiervon - eben als abstrakt menschlicher Sinn - in ihnen als System der Selbstgefühleentfaltet.

Selbstgefühle regen die Wahrnehmung des Selbsterlebens nicht rein geistig und völlig unbestimmt, sondern vielmehr dadurch an, dass sie durch dessen Verdichtung es zu erhöhen verstehen. Die Dichte der Umstände bindet das auslösende Ereignis mit seinen Reizen für die Empfindung an eine räumlich bedingte Stimmung der Selbstgefühle, welche - zur Gewohnheit geworden - sich wie ein chronifiziertes Gefühl in der Struktur seines Entstehens zu einer bestimmten Selbstwahrnehmung, zu einem mächtigen Selbstgefühl verfestigt. Darin sind die Absichten in ihrer Stimmung bewahrt und gelten als Selbstwahrnehmung bewahrheitet, ganz gleich, was darin wahrgehabt worden war. In dieser Wahrheit ist das verschmolzen, was die Selbstgefühle von ihrer Wirkung auf andere wahrhaben und das, was sie zugleich unter dieser Formbestimmung von ihnen wahrnehmen: Ein Gedenken, worin die besondere Wahrheit der einzelnen Wahrnehmung zugleich eine allgemeine Besonderung der Selbstwahrnehmung ist, eine Begeisterung des Gedächtnisses.

In solcher Verschmelzung ist dies zu einem Prinzip geworden, das seelische Inhalte zu einem inneren Wesen der Selbstbeziehung verfestigt, das wir Psyche nennen müssen, um es als Formbestimmung dieser Inhalte von ihnen unterscheiden zu können. Seelisch mag darin das unbestimmt Geistige seiner Begeisterung sein. Aber als Begriff der Seele wäre ein solches Gedächtnis reine Mythologie der bürgerlichen "Innenwelten", ewiges Selbstgefühl, denn eine Seele bildet eine geistige Welt von Regungen und Wünschen so aus, wie sie einen Menschen bewegen können, bevor er überhaupt zu einer Wahrnehmung kommt. Doch die Psyche ist eine bestimmte Reflexion dess Wahrnehmens unter bestimmten Lebensbedingungen.

Im Unterschied zu Freuds Vorstellung von Psyche als einer Bestrebung zu einer reinen Reproduktion früherer "Erfahrungen eines Befriedigungserlebnisses" handelt es sich hierbei nicht um eine derart regressive Beziehung auf die Geschichte des Gedächtnisses, sondern um einen seelischen Gestaltungsakt, der einer Gewohnheit der Wahrnehmung entsprungen ist und sich aus den immer wieder gegenwärtigen Wahrnehmungen der Menschen speist, in denen sie auch ihre Begeisterungen unter dem entsprechenden räumlichen Bestimmungen entwickelt haben. In der Lebenswelt der Selbstbezogenheiten, worin immer eine Not als Mangel an Wahrheit und Wirklichkeit herrscht, welcher ein schier endloses Verlangen nach Selbstwahrnehmung erzeugt, werden diese Inhalte zum Stoff der Psyche, die ihre Selbsterhaltungsprinzipien durch ihre seelischen Beziehungen speist, indem sie sich diese auch immer wieder einverleibt. Sie entwickelt daher eine Trägheit gegenüber der Wahrnehmung, die ihr auch zum Verhängnis werden kann.

Die Psyche ist - kurz gesagt - ein Ensemble von Absichten, das als Verlangen in den Menschen als Lebensform ihrer Selbstgefühle verblieben ist, das schlechthin Unbestimmte und Unbestimmbare aller Selbstbezogenheiten, das sich für bestimmte Selbstwahrnehmungen begeistern kann, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie erscheint als eine unendlich wirksame Vergangenheit, deren Zukunft in den Sternen steht und deren Gegenwart der Reichtum an Vorstellungen und Bilder ist, welche die Seele hervorrufen kann.

So passiv, wie sie sich gibt, ist daher die Psyche nicht wirklich und hat von daher schon Eigenschaften von unbewussten Lebensinhalten. Vergangenheit, die sich nicht wirklich in der Gegenwart aufgehoben hat, wirkt nur deshalb unendlich, weil sie keine Ruhe geben kann, weil das Vergangene also gar nicht wirklich vergangen, sondern nur ungegenwärtig ist. Das kennt man schon aus vielen anderen Geistergeschichten. Die Geister spuken, weil sie wie ein verborgenes Gedächtnis wirken, das sich nach Verwirklichung von dem sehnt, was nicht wirklich wahr geworden war. Was nicht erkannt wurde, das lebt in seiner Verkenntnis fort. Es erfordert Wahrnehmungen, die den hierin schwingenden Regungen folgen. Die seelische Absichten vollziehen alleine das unwirklich gebliebene Leben, das Unerfüllte, und sie zielen auf Wirklichkeit, die nicht nur für die Psyche, sondern auch für die bestehende Wirklichkeit der zwischenmenschlichen Lebensräume nötig ist. Es geht der Psyche um die Verwirklichung dessen, was zur Unwirklichkeit getrieben wurde. Die Psyche ist daher vor allem ein aktives Wesen, das sich aus ihren Selbstwahrnehmungen gebildet hatte und sich nun als ein notwendiges Verlangen äußert, das über das hinweggreift, was es wahr hat.

Dieses war vor aller Selbstwahrnehmung von einem wirklichen Verlangen, von der Welt wirklicher Bedürfnisse und wirklichem Sehnen und Begehren nicht zu unterscheiden - eben solange die Selbstwahrnehmung durch keine fremden Gefühle bedrängt war. Nun aber besteht das Verlangen als bloße Regung in der Selbstgefühligkeit, ist als Absicht der Selbstgefühle zur Beabsichtigung bestimmter Selbstwahrnehmungen geworden. Es ist damit eine verselbständigte Absicht, welche sich aus der Gefühlswelt dadurch heraussetzt, dass es seinen wirklichen Grund nicht mehr als Gegenstand hat und kennt, ihn nicht mehr wirklich wahrnimmt, sondern sich in ihr nurmehr regt. In der Psyche ist die Trennung des Einzelwesens Mensch von seiner Welt dadurch vollzogen, dass deren Wahrnehmung auf keinen Sinn mehr trifft, sondern sich die Sinne eines Menschen alleine durch dessen bestimmte Gegenwärtigkeit in einer bestimmten Lebenswelt als Regungen erleben. Was die Menschen wahrhaben, das regt sich nun selbständig in ihnen als Ereignis ihrer Sinne, das sie als solches auch erleben, wenn bestimmte Umstände eintreten - sei es per Zufall oder durch ihr eigenes Tun hergestellt. Die Psyche speist sich daher aus den Absichten, die sich aus den Regungen der Menschen ergeben haben und die sich auf eine bestimmte Wahrnehmungswelt beziehen, gleich, wie die hinzukommt. Es ist dies die Grundlage einer ganz und gar gleichgültigen Wahrnehmung der Welt, die sich in dem Maße ausschließlich auf diese bezieht, wie sie Bedeutung für die seelischen Regungen, also wesentlich für das Selbsterleben hat. Von daher erscheinen die seelischen Regungen und voller geistiger Inhalte und voller menschlicher Kultur, voller Bezogenheiten auf eine weltliche Mystifikation, die sich nun als eigene Mystik in den Menschen ausbreitet, als bedeutsame Welt des Empfindens, Fühlens und Meinens.

Diese ist aber wesentlich ein Derivat der körperlichen Momente der Selbstwahrnehmung, Niederschläge des Erlebens im einzelnen Menschen in der Form, in welcher sie gefühlt worden waren und gefühlt werden. Es sind keine rationalen Inhalte, um die es hier geht, - keine ihrer Begründung folgenden Wirkungen, keine wirklich verursachten Begebenheiten. Es sind die ästhetischen Inhalte, durch welche das artikuliert ist, woran es der wirklichen Wahrnehmung mangelt. Es ist das, wovon die Wahrnehmung in Wirklichkeit absieht, wodurch sie seelisch wird.

Die Psyche besteht also wesentlich aus Absichten, die sich aus den Selbstgefühlen eines Menschen ergeben, in denen sein Leben zu einer Sinnenwelt geronnen ist, die sein Wesen als Form vergangenen Lebens ausmacht und hierdurch vergangenem Erleben einen Sinn gibt, des es nicht wirklich hatte und nicht wirklich haben kann. In der Psyche regen sich die Erinnerungen und Gefühle als das, was hiervon nicht wirklich sein kann, nicht mehr empfunden wird, weil es sich auch nirgendwo wirklich befindet. Es sind die Lebensgestalten, welche die Psyche der Menschen mit Sinn gefüllt hat, aber es bleibt im Menschen von ihnen das, was aus ihrer Wirklichkeit für das Gefühl seiner selbst herausgenommen, verselbständigtes Gefühl geworden ist. Es sind die Gefühle, die keine Wirkung mehr haben, die ungelebt verblieben sind und von daher die Menschen wie eine selbständige innere Geisterwelt beleben. Es sind die Mataphern und Traumbilder des Selbstgefühls, welche die Psyche erfüllen und ihr Sehnsüchte und Wünsche bestimmen. In ihr entfalten sich die Verdichtungen der Wahrnehmungen zu einer faszinierend schillernden Innenwelt voller Phantasien, Deutungen und Anmutungen, befreit von ihren unmittelbaren Wirkungen auf den Menschen, von ihrer körperlichen Borniertheit und Not. In der Psyche bildet sich eine Gefühlswelt, welche den Zusammenhang bildet, worin sich die Selbstgefühle reflektieren. Sie erarbeitet auf diese Weise geistige Zusammenhänge einer Körperwelt, die in ihrer Wirklichkeit ihren Sinn verloren hat, die außer sich geraten ist, und sich jetzt in einer seelischen Selbstversinnlichung äußert. Sie ist die Besinnung einer abstrakten Körperwelt, ihr geistiger Zusammenhalt, so, wie er einem Menschen durch sich selbst möglich ist, wie sie ist, wenn er sie nicht mehr wirklich empfindet.

Die Psyche überwindet den Mangel der Wirklichkeit durch eine innere Identität im einzelnen Menschen, die aus dem besteht, was bloßes Selbstgefühl ohne irgendeine Empfindung für sich ist, was sich nicht verwirklichen kann, nicht wirklich leben kann, weil es daraus besteht, über die Wirklichkeit hinauszugreifen, sie mit eigenem Sinn wahrzunehmen und diesen zugleich ausschließlich für sich selbst wahrzumachen als ausschließlich individuelles Wesen des Menschen, als eine innere Menschlichkeit, die von ihrer wirklichen Sinneswelt absieht, als eine hiervon abstrahierte Menschlichkeit. In ihr sind alle wirklichen Empfindungen und Gefühle aufgehoben und zum bloßen Empfinden und Fühlen seiner selbst gewendet, zu einer Quelle des Selbsterlebens, das durch seelische Verdichtungen und Dichtungen in überlebensgroße Gefühle mündet. Die seelische Regungen überstrahlen die Not der sinnlichen Vereinzelung der Menschen und werden zu einer Kraft, die sowohl Gestaltungskraft innerer Zusammenhänge ist, wie auch die Absicht, sich der wirklichen Sinnesnot abstrakter Körperlichkeit zu entziehen - nicht, um konkret zu werden, sondern um sich als geistiger Mensch ebenso abstrakt zu gewinnen. Ihre Regungen ergeben sich aus der Begeisterung des Selbstgefühls für den Sinn, den sie in dessen Erleben erfährt und der nun eine individuelle geistige Identität durch entsprechende Regsamkeiten stiftet.

Die Psyche nimmt Sinn in der Form, wie er erlebt wird, auf, und belässt ihn als Sinn für sich, als die Lebendigkeit abstrakter Sinne, die von aller Wirklichkeit entkleidet ist. In ihrer Regsamkeit lässt sich der Mensch erschauen, wie er ohne Körper ist. Die Psyche ist hierbei zunächst noch nichts anderes als eine Reflexion, ein Geist ihrer Sinne, der in seiner Abstraktheit als Hintersinn ihrer Gefühle verblieben ist - als ein abstraktes aber doch sinnliches Wissen, als Hort der Gefühle, die keinen Sinn mehr für Wirkliches haben, aber den Sinn in sich tragen, der sie beeindruckt hat. Darin ist die Wirklichkeit zugunsten ihrer Eindrücklichkeit verkannt und als Gemüt der Selbstgefühle bewahrt. Entsprungen aus diesen stellt die Psyche eine eigene Wirklichkeit von deren Abstraktion in sich her, eine Absehung von ihrem öffentlichen Grund und Zusammenhang, dem die Absicht entspricht, eine Identität der Selbstgefühle ganz allgemein und privat in sich verwirklichen zu können. Alles, was den Gefühlen an Mut zur Auseinandersetzung und Verwirklichung fehlt, das wird nun in der Psyche zum Gemüt einer verkannten Welt, zum Innenraum einer Welt, die ihre Wirklichkeit, ihren Mut zur Tat und Wirkung verloren hat. Was dem ungelebten Leben im Selbstgefühl noch bloßer Mangel an Verwirklichung war, wird jetzt zur Wirklichkeitsform der Psyche, zur Absicht ihrer Selbstverwirklichung. Es ist eine Lebensform, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, die aber als Wirklichkeitsform der Psyche alle Selbstgefühle erst wirklich zum Leben erweckt, zu einem Leben, worin die Selbstverwirklichung ausschließlicher Sinn und Zweck ist.

Im Aufhebungsprozess des Wirklichen wandelt die Psyche ihre Gefühle zu eigenständigen Lebenswelten, die in der Psyche ihrer Herkunft nach bedacht und als Gedächtnis bewahrt sind und deren Gedenken sie in der Verwirklichung ihrer Absichten zugleich betreibt. Alleine aus diesem seelischen Gedächtnis heraus begründet sich nun ihr Gemüt , dem es gleichgültig ist, was es wirklich zu bedenken und gedenken gäbe. Das seelische Gemüt macht sich seinen Reim auf die Welt wie ein Dichter, dem Hören und Sehen vergangen ist. Und es betreibt so die Rückführung der Selbstwahrnehmung auf ein menschliches Wesen, das alleine die Absicht verfolgt, möglichst ungebrochen und unbeschadet die Wirklichkeit zu überstehen. So wird dieser Antrieb der Psyche, der zunächst nichts anderes als die Psyche selbst ist, zu ihrem wesentlichen Prinzip. Die Psyche sucht Menschen und Erlebnisse, die sie in diesem unterstützen, die hilfreich für ihre Selbstverwirklichung sind und Wirklichkeit durch ihren Reichtum an Delbstgefühl zu einem bloßen Lebensumstand herabsetzen können. Sie muss sich mit einem reichhaltigen zwischenmenschlichen Erleben füllen, damit sie sich über die vielfältigen Empfindungen und Gefühle erheben kann, die sie damit zugleich unter sich lassen muss. In der Absicht, ihr Gedächtnis zu bereichern, betreibt sie eine Ereignisproduktion in ihrem Sinn, welche schließlich ihren Antrieb und Trieb tatsächlich und wirklich ausmacht und zur Verwirklichung bringt.

Die Psyche ist die Geistesform des Selbsterlebens, das ein Menschenleben in der Trennung von seiner gegenstänlichen Wirklichkeit in der Wahrnehmung hinterlässt und zugleich als Selbstverwirklichung betreibt. So kann die persönliche Geschichte für sich und jenseits aller gesellschaftlichen Wirklichkeit selbst in dem Maße tragend werden, wie sie von der wirklichen Geschichte zu Gunsten ihrer Selbstgefühle abstrahiert. Und das hängt wesentlich davon ab, in wieweit abstrakte Lebensvermittlung vorausgesetzt ist, inwieweit also abstrakte Lebensmittel, namentlich Geld, zur Lebensgrundlage eines sich selbst verwirklichenden Lebens gereichen.

Aber Geldbesitz allein begründet nicht die Psyche. Es ist wesentlich die Flucht vor der Öffentlichkeit des gesellschaftlichen Verkehrs, der ihre Besonderheit ausmacht. Seelische Geister gibt es auch in Gesellschaften, worin Geld noch keine ode nur eine geringe Rolle spielt. Aber diese reflektieren immer auch den gesellschaftlichen Verkehr selbst, und sind somit geistige Reflexionen einer Gesellschaft, gesellschaftlicher Geist.

Auf die selbe Weise können viele Tätigkeiten der Psyche auch gesellschaftliche Tätigkeiten sein, zum Beispiel das Träumen. Im Traum erscheint Wirklichkeit äußerst unwirklich und vergeistigt. Aber er legt damit auch den Geist bloß, der sich darin ereignet hat und macht ihn sich zum Gegenstand, Dies bleibt über alles rein Seelische hinaus immer ein notwendiger Reflexionsprozess, ob er nun nur private Form hat oder gesellschaftliche. Träume waren schon in der Antike die wichtigsten Quellen der HellseherInnn und WeissagerInnen, dieren Verheißungen weit in ihre gesellschaftliche Wirklichkeit ausgestrahlt, und sie hie und da bewahrheitet haben. Vielleicht ist Wahrsagen nichts anderes als eine vertiefte Fähigkeit des Träumens.

 

Für sich ist die Psyche zunächst der innere Raum der Menschen, der Innenraum für die Verdichtungen, welche die Selbstwahrnehmung in ihren Gefühlen hat. Im Unterschied zum bloßen Selbsterleben will sie Selbstgefühl als Lebensraum ihres Körpers sein, indem sie ihre Gefühle in ihrer Verdichtung zu vergegenwärtigen sucht, ihre Abstraktionen durch sich selbst wirklich macht, als Verdichtungsprozess zur Wirkung bringt. Was sich in ihr verdichtet, das treibt ihren Sinn für ihre Empfindungen an und sucht die Vergegenwärtigung durch andere Menschen, welche hierfür als Gegenstand passen. Dies kann nur dadurch geschehen, dass sie die Anwesenheit von Menschen gewinnt, die ihrer Gefühlswelt entsprechen und als Gegenstand ihrer Selbstwahrnehmung geeignet sind. Sie will Selbstwahrnehmung überhaupt an sich binden, sie als ihre Leiblichkeit verspüren und sich darin in ihrer Absicht gestalten, als Grundlage ihrer inneren Identität wahr haben, die im Grunde eine äußere ist, nun aber als eigener Grund. So fließt in der Psyche alle Wahrnehmung wie eine eigene Wahrheit zusammen, in welcher Wahrnehmung schön und gut wird, was immer auch hierfür wirklicher Grund gewesen sein mag.

Diese quasi persönliche Wahrheit wird getragen von Abstraktionen, die durch das Agieren der Psyche nun wirklich werden kann, durch Selbstgefühle, die aus den Wahrnehmungen anderer Menschen gewonnen werden und sie insgesamt bereichern, indem sie zu einem Zusammenhang ihrer Selbstgefühle werden, ihr Selbstgefühl darin wahr gemacht wird. Die Absicht der Psyche ist die Eitelkeit ihres Selbstgefühls, das sich unentwegt in der Anwesenheit von Menschen bestätigen und vermehren muss, um als eigene Wahrheit gelten zu können. Sie braucht und verbraucht diese Anwesenheiten als Zuträger von Wahrnehmung und strebt deshalb danach, deren Selbstgefühl von sich abhängig zu machen, um es bestimmen zu können. Sie wird dadurch zu einer Selbstwahrnehmung, die sich durch die Wahrnehmung anderer Menschen bestätigt und entwickelt, sich durrch sie als eigene Wahrheit dünkt, die für sich ausschließliche Wahrheit ist.

Nun könnte man meinen, dass eine Wahrnehmung, die durch die Wahrnehmung anderer Menschen erst entsteht, eine Tautologie ist, ein Selbstgefühl, das sich in Luft auflöst. Doch dem ist nicht so: Weil darin Sinne tätig sind, wird sie bereichert durch die Erweiterung und Entfaltung ihrer Sinnlichkeit, durch Beiträge der Selbstbildung, durch alle Arten des Selbsterlebens, z.B. des Geschmacks, der Originalität, der Kundigkeit oder des Kunstgenusses.

Die Psyche ist das Ensemble der Stimmungen, worin die Selbstgefühle eine Identität suchen, das der Erkenntnis entzogene sinliche Sein der Selbstgefühle, das Gemüt einer verkannten Welt.

Durch die Erfüllung ihrer Absicht, durch die Verwirklichung einer beabsichtigten Stimmung, wird die Wahrnehmung der Selbstwahrnehmung selbstverständlich. Das seelische Gedächtnis ist daher zunächst nichts anderes als die eindrückliche Bewahrung dieser Selbstverständlichkeit und hat seine Grundlage in der hierduch bestimmten Stimmung. Da diese vor der Wahrnehmung schon besteht, kann der Inhalt der Psyche, wie sie hier entsteht, nicht rückbezüglich sein, ein einfaches "Erinnerungsbild eines Befriedigungserebnisses", wie es Sigmund Freud in seiner "Traumdeutung" formuliert hatte. Er ist die Verwirklichungsform einer Absicht der Wahrnehmung, wie sie ihr nötig ist, um in Empfindungen Gefühle zu haben, um im Getrennten der Wahrheit eins zu sein. Diese abstrakte Einheit ist der Inhalt der Psyche, durch welche sie die Wahrnehmung selbst so wahrhat, wie es ihr möglich ist, um mit sich eins zu sein. Und darin bleibt diese Absicht auch seelisch bewahrt.

Die so bedachte Stimmung regt weiterhin die Psyche an und bestimmt von daher auch als seelische Regung wiederum die Selbstgefühle der Psyche, dass sie diese Vereinigung erstreben. Die Selbstgefühle,  wie sie durch die Psyche bestimmt werden, sind damit aber gänzlich anderer Art als die, welche sich noch durch die Selbstwahrnehmung selbst ergeben hatten. Sie überragen zugleich als Anregung der beseelten Wahrnehmung deren ursprüngliche Gewissheit, indem sie das bestimmen, was nun gewiss gemacht werden soll. Sie begründen ein Gewissen der Wahrnehmung, ein Streben danach, was wahr gemacht werden muss. Das Vergangene bestimmt sich in einem solchen Gewissen nicht inhaltlich fort, sondern in der bloßen Form dessen, was gewiss werden muss, nämlich das, was hiervon als wahr gelten soll. Es ist der ästhetische Gehalt des Vergangenen, der hier zur Formbestimmung der Wahrheit wird, der Reiz und Eindruck, der sich im Gedächtnis eingetragen hat. Was der Selbstwahrnehmung einst als schönes Erlebnis gegolten hatte, wird nun zu einem sie ebenso bestimmenden Moment wie das, was ihr als unschön gegolten hatte. Die Wahrheit des Wahrnehmens selbst hat hierdurch eine Bestimmung erfahren, die sich in die Beziehungen auf ihre Gegenstände in die Menschen eingräbt.

Selbstgefühle waren die Grundlage der Selbstwahrnehmung, die im Gedächtnis der einzelnen Menschen verblieben waren wie ein bestimmter Geist dessen, was sie erlebt haben, wie die Form ihrer Begeisterung. Darin ist die vereinzelte Wahrheit eines Gefühls ästhetisch fixiert und somit zu einem ästhetischen Inhalt des Gefühls geworden, denn Ästhetik ist nichts anderes als eine vereinzelte Wahrheit der Wahrnehmung. So wird, was Menschen von dem empfinden, was sie Wahrnehmen in eins genommen mit dem, was sie dabei in ihren Gefühlen für sich wahrhaben. Im Selbstgefühl wird, was bisher bloße Form einer Beziehung auf sich selbst war, die Wahrnehmung selbst zu einer Bestimmung dessen, was sie wahr hat, zu einer Selbstbestimmung ihrer Wahrheit. Und damit werden die Selbstgefühle zugleich die Form der darin geronnenen Erlebnisse, die Form ihrer Begeisterung als rein geistig gefestigte Wahrnehmung, als allgemein bestimmte Ästhetik ihrer Wahrheit.

Wie jedes Selbstgefühl, so ist auch diese gefühlte Ästhetik immer auf sich selbst bezogen, macht also auch immer eine in sich selbst reflektierte Erlebensform des Wahrnehmens aus. Die Art und Weise des Wahrnehmens selbst wird auf diese Weise in der Psyche zu einer Form der Selbstwahrnehmung, worin sich die Selbstgefühle als Welt für sich nicht nur wahr haben, sondern sich zugleich auch in der Wahrnehmung wahr machen, sich darin also selbst auch ästhetisch bestimmen. Die Menschen haben sich selbst so wahr, wie sie die anderen erleben, haben ihre Beziehung zu sich durch das, was sie in der Beziehung auf andere wahrnehmen. Erleben sie die als schön, weil sie schön zu ihrem Gefühl für sich passen, so ist auch ihre Wahrnehmung schön; erleben sie diese häßlich, so hassen sie auch deren Wahrnehmung. Die Wahrnehmung anderer wird zum ästhetischen Leib des Wahrnehmens und deren Wahrnehmung ist darin einverleibt, dass ihre Wahrheit zu einer ästhetischen Wahrheit des Selbstgefühls geworden ist. Als Empfindungen und Gefühle sind die Wahrnehmungen längst vergangen, wenn sie als seelische Beziehung einverleibt sind. Und diese Beziehung ist damit die Form einer vergangenen Wahrheit, die nicht mehr wahr sein kann, die also gerade darin gebrochen ist, dass die Gegenstände der Wahrnehmung sich in der Geschichte der Selbstwahrnehmung entzweit haben, ihren Lebenszusammenhang einem seelischen Wahrnehmungszusammenhang übereignet haben. Die Wahrheit eines gegenständlichen Lebenszusammenhangs ist zwar zunächst in der Selbstwahrnehmung ästhetisch bewahrt, wird in dieser jedoch auch bestimmt durch das seelische Gedächtnis ihrer Bestimmtheit. Dies wird sich früher oder später zu einer Trennung aller Wahrheiten in persönliche Wahrheiten, welche nur seelische Wirklichkeit haben, und gegenständliche Wahrheiten, welche nur gegenständliche Wirklichkeit haben, entwickeln. Wir stehen nun also am Beginn einer seelischen Selbständigkeit des Wahrnehmens, welches durch die Selbstwahrnehmungen des Erlebens bestimmt ist. Nur hierdurch kann sich die seelische Wahrnehmung wirklich abspalten und von der Wahrnehmung der Wirklichkeit abgetrennt ästhetisch bewahren.

Als bloßer Sproß der Selbstgefühle grenzt sich diese Ästhetik von ihren Wahrnehmungen nicht unmittelbar ab, wird aber sehr wohl im Prozess der Selbstverwirklichung zur Wurzel der Selbstbehauptung gelangen, welche sie gegen ihre Gegenstände entwickeln kann. Zunächst mal aber haben wir es mit einer simplen Erscheinung zu tun: So wie die Wahrnehmungen ins Auge gefallen waren, so sind sie nun auch für das Selbstgefühl. Die Selbstgefühle werden hierdurch zeitlos und also unwirklich, lediglich an die Körperform gebunden und an deren Gestalt und Verlangen erinnert, aller Lebensbedingtheit enthoben. Die Psyche ist das Gedächtnis der Selbstgefühle in der Form einer erlebten Geschichte, wie sie jenseits ihrer wirklichen Form wahrgenommen wird als gewesene Erlebnisse der Gefühle, als entleibte Selbstgefühle, die ihren Schmerz und ihre Freude, ihr Unglück oder Glück in einer seelischen Wirkung jenseits aller Wirklichkeit im Menschen hinterlassen. Diese Wirkung ist nirgendwo gegenständlich. Sie hängt immer von dem ab, worauf die seelische Absicht bezogen war, also das, worauf die Psyche es absieht, wenn sie in der Wahrnehmung tätig wird, und wovon sie absieht, indem sie dies wahr hat. Ein Ereignis wird in dem Sinn seelisch, wie es in einer bestimmten Absicht für die Selbstwahrnehmung erlebt wird. Darin unterscheiden sich die Menschen durch ihre jeweiligen "Erlebensgeschichten". Allgemein ist nur ihre Stellung zu ihrer Selbstwahrnehmung dabei: Die ästhetische Reflektion, welche in die Wahrnehmung durch deren Absicht seelisch eingebracht wird.

Der eine Mensch erschrickt z.B. vor Spinnen, weil er darin etwas gegen sich verspürt, der andere bewundert sie. Es kommt ganz darauf an, was das Gedächtnis sich so zusammenspinnt, wenn ein Mensch Spinnen sieht. In ihr sind solche Wahrnehmungen verdichtet, sozusagen ästhetisch komprimiert und darin Bezüge assoziiert, die sich die Wahrnehmung selbst macht, wenn sie in der Selbstwahrnehmung verharrt, die aber auch durch neue Zusammenhänge des Erlebens verändert werden kann (ein Grund, warum Verhaltenstherapie bei "irrationalen Ängsten" überhaupt funktioniert).

Die "Assoziationen" der Psyche funktionieren wie Gleichnisse in Bildern, als Gestaltung der Verbindung von Empfindungsmerkmalen (z.B. spitz und stachelig für Spinne), welche dem Gefühl (z.B. Angst vor einem Angriff mit Spitzen und Widerwärtigkeiten) entsprechen, welche vom Gefühl also auch erwartet werden.

Wenn die Bereitschaft von Verteidigung, also Alarmiertheit, seelisch treibend ist, entspricht die Angst vor Spinnen einer seelischen Absicht, durch welche Eindrücke eingeordnet und verarbeitet werden, Empfindungen von Bedrohlichkeiten sozusagen verschärft und zur Verbesserung der Aufmerksamkeit auch noch übertrieben (vergrößert) werden. So verrät die Spinnnenangst z.B. eine hochgardige Verteidigungsnotwendigkeit, von der erst bekannt werden muss, was sich darin angegriffen fühlt.

Die Psyche in ihren Zusammenhängen und "Assoziationen" zu erkunden, ist ein weites Feld und bringt oft unglaubliche Verbindungen zu Tage, die dem Bewusstsein meist vollständig entgehen. Der Grund dafür, warum die Psyche rein assoziative Zusammenhänge erfindet, liegt nicht an ihr selbst, sondern an dem, was auch sie begründet: Die Notwendigkeit von Lebenszusammenhängen, die man wahr hat, ohne darin wahr sein zu können. In der seelischen Verarbeitung werden durch "Assoziationen" Brücken für ihre Identität gebaut, ohne die sie in bestimmten zwischenmenschlichen Verhältnissen nicht sein kann, ohne die sie einfach zu nicht zerfließen und den ganzen Menschen nichtig machen würde. Es ist die Grundlage ihrer seelischen Figuration, ihrer Ästhetik, dass sie die Gegenstände ihrer Wahrnnehmung in dem Sinn beabsichtigt, wie sie darin Sinn für ihre Identätät hat, wie also darin und dadurch ein Mensch zu seinem Erleben kommt, letztlich also, wie er erlebt. Darin erinnert die Psyche bestimmte Gefühle, welche in der Wahrnehmung zu einer Form dessen werden, was sie für sich wahr hat, was ihren Bruch mit ihrer Wahrnehmungswelt ausmacht. Was die Psyche erlebt ist daher etwas ganz anderes, als was in der Empfindung selbst ist. Sie nutzt eine Empfindung, die in ihrem Gedächtnis verblieben ist, um ein Gefühl für sich zu haben, um z.B. ihr Glück, oder ihre Trauer oder ihre Angst oder ihre Wollust zu verspüren.

Im Fall der Spinnenangst dürfte diese auf einer hörigen Beziehung beruhen (siehe Teil II, Abschnitt 2, Kapitel 3), die sich nicht ändern lässt und die eine permanente Bedrohung durch die Menschen darstellt, denen man notwendig zugehört. Es lohnt sich, den "Assoziationen", die keine sind, nachzugehen, wenn eine seelische Problematik erkundet werden muss. Dabei muss vor allem darauf geachtet werden, dass nur derjenige, der diese seelische Verarbeitung betreibt, letztlich ihren Zusammenhang begreifen kann, die Herausarbeitung kann nur hilfweise durch Sprache von anderen Menschen unterstützt werden. Zu den von der Psychonanalyse als therapienotwendig behaupteten Übertragungen sollte es hierbei möglichst nicht kommen, denn damit ist die Entdeckungsarbeit schon unmöglich.

Das seelische Gedächtnis ist ein Füllhorn der Erinnerungen und die Grundlage der Einfälle, welche die Psyche hat. Es ist der Grund, aus dem heraus Menschen ihre Welt erleben, das Gemüt und der Mut ihrer Welterfahrung und Weltverarbeitung, wie sie diese in sich selbst aufbereiten und ausbreiten. Sie nimmt ausschließlich für sich selbst wahr, auf was sie es absieht. Und sie hat von daher gerade nur die Wahrnehmung von dem wahr, von dem sie in Wirklichkeit absieht. Dies ist aber nicht außerhalb ihrer Wahrheit, ist nicht etwa verdrängt oder unterdrückt. Es ist lediglich in der ästhetischen Gestalt in der Wahrnehmung wahr, worin die Psyche selbst ihre Gestaltung betreibt. Sie hat ein Gedächtnis ihrer Wahrnehmung in der Form, wie sie ihr inneres Wissen erworben hat, wie sie also denkt.

Das Gedächtnis der Psyche ist zeitlos, hat keine Dimensionen, die einem geschichtlichen Ablauf in der Zeit entsprechen. Die Bedeutungen darin sind Traumbilder des Elebten, Körperform ihrer inneren Wirkung. Was darin verbunden ist, muss nicht wirklich verbindbar sein; es sind die Zusammenhänge, welche die Psyche erkennt, geistige Zusammenhänge des Erlebens, Mythologie seiner Selbstbezogenheit, Plastik der Sinne, wie sie ohne Gegenstand, also für sich wirken.

Die Psyche ist der private Geist eines Lebens in der Körperform des Erlebten, das für sich keinen Körper und keine Gestalt mehr hat, das Erleben als das erinnert, was es ohne Zeit ist: Raum eines Gedächtnisses, Gedenken und Erinnern in einem, Gestaltungsraum seelischer Figurationen. Ihm ist damit jede Gewissheit genommen, denn der Psyche kann nur wahr werden, was ihre Absicht enthält. Es wäre für sie bloßer Glaube oder Zweifel am Wahrheitsvermögen selbst, wäre ihre Absicht in der gemeinen Wirklichkeit der Menschen aufgehoben. Sie kehrt sich gerade als besondere Individualität des Menschseins gegen die Welt, indem sie ihre Absichten ausschließlich und ausschließend für den Zusammenhang ihrer Selbstgefühle betreibt. Sie würde nicht in Gang kommen, würde sie nicht ihr blühendes Eigenleben entfalten. Sie wäre schlicht unnötig und für die Selbstwahrnehmung wie ein schwarzes Loch, in welchem alle Selbstgefühle untergehen.

Das Eigenleben der Psyche wird zu einem Leben, das von keinem wirklichen Mangel, wohl aber von seiner Erfüllung und seinem Versäumnis weiß. Die Psyche glaubt an das Leben, wie sie es erlebt hat, in der ihr eigentümlichen Reflexion von vergangenem Glück und Unglück, Liebe und Vernichtung, Fortschritt und Einheit. Sie glaubt an die schlichte Vereinigung von allem, was so nicht sein kann, an den "Ozean der Gefühle" (Sigmund Freud), in dem sie allem unendlich nah ist und mit allem eins. Sie selbst macht die Gläubigkeit des Menschen aus, ist die aktive Gestalt seiner Gefühle, aus dem er seine Lebenswerte gewinnt und hierauf seine seelischen Absichten gründet.

Die erste selbständige Form des Selbstgefühls ist die Formation der Seele zu einem Gedächtnis ihrer Begeisterung, als private Form eines Geistes, welcher im Selbstgefühl als Psyche Gestalt annimmt, welche die Dichte seines Erlebens hinterlassen hat. Wie das Ereignis, dessen Erleben so bewahrt ist, wirklich und öffentlich war, ist hierbei gleichgültig geworden. Wiewohl sie auf ihre Verwirklichkeit zielt, sieht die Seele ausdrücklich von aller wirklichen Gestalt ab und bewahrt letztlich die Bedeutung dessen, was die Wahrnehmung der Form nach dabei ausmacht.: ihre Ästhetik Da sie dies als Sinn ihrer Absicht hat, kann sie auf deren Verwirklichung auch nur hoffen, an sie glauben und hiernach streben.




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121.1.1 Das entwirklichte Erleben der Psyche als Welt ästhetischer Regungen

Ohne Wirkung wäre Erlebtes eine rein geistige Selbstbeziehung. Es hat aber seine Wirkung materiell in Leib und Seele der wirklichen zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen, die sie zwar nicht unmittelbar wahrnehmen kann, die sie aber in ihren Selbstgefühlen wahrhaben. Es ist daher weniger von Bedeutung, was die wirkliche Geschichte darin ausmacht, was sie also bewirkt hat, als das, was hiervon der Integrität der Selbstgefühle dient. Die Psyche selbst besteht daher aus einem Verschmelzungsbedürfnis, das nicht in ihr zur Befriedigung kommt, sondern nur durch Gefühle, welche sie verbindet, und das heißt: Zu Körperformen bringt. Was verschmilz, lässt den Glauben aufkommen, es sei höhere Wahrheit, auch wenn und weil sie hierbei nicht wirklich sein kann. Der Glaube, welchen die Psyche an ihre Einheit hat, kommt so zu ihrer eigenen Wirkung: Sie vereint alle Gegensätze wirklicher Wahrnehmungen und verdichtet sie zu Gefühlsverbindungen, die keine Wirklichkeit kennen und finden können, weil sie nur sich selbst wahr haben als etwas, was sie fühlen, ohne es empfinden zu können.

Von da her erscheinen die Verdichtungen der Psyche als verbildlichte Gefühle, als Verschmelzungen einer Welt, in welcher Surrealismus herrscht. Es ist eine Traumwelt, in welcher auch wirklich Bilder von Regungen erscheinen, die darin Gefühlt und empfunden werden. In den Träumen, Dichtungen und Phantasieen sind die Menschen ihrer Psyche nahe.

Solche Wahrnehmungsform hat ihre Kehrseite: Was die Psyche wirklich, also außer sich wahr hat, das wird ihr zu einer nun völlig fremden Wirklichkeit, zu einer Welt, mit der sie nichts mehr zu tun hat. Es wird als fremdes Sein aus ihrer Wahrnehmungstätigkeit ausgegrenzt, denn nur dadurch, dass dieses aus ihr veräußert wird, können Gefühle für sich rein, also ästhetisch empfunden werden, können sie ohne jede wirkliche Empfindung vereint sein. Die Psyche wird zu einem Gemenge von Selbstgefühlen, die sich zu einer Innenwelt verbinden, die nichts anderes mehr erkennt, als ihre eigene Ästhetik und die hieraus Regungen erzeugt, die ihre Selbstwahrnehmung nötig haben. Diese erscheinen willkürlich und ohne wirklichen Sinn als eine absolute Welt von Regungen, als Psychenwelt ohne Belang für die Wirklichkeit, als zufälliges Fühlen und als Laune des Psychenlebens, die keinen Grund, keine eigene Wahrheit mehr hat und ihn auch nicht haben kann, die aber allen Aufwand betreiben, um ihrem Fühlen einen Leib zu geben, um sich Gefühle einzuverleiben, die sie für sich nicht hat, die sie aber haben muss, um seelisch für sich wahr zu sein.

Es sind alle Erlebnisse, die darin eingehen und aus den Bedürfnissen der Menschen verursacht werden - sowohl die Bedürfnisse der Ernährung, der Bedarf an Natur und Körperwelt, als auch die sexuellen Begierden und das Verlangen nach Abenteuer und Gefahren der körperlichen Anstrengungen. Es ist kein Leben, das auf solchen Bedürfnissen gründet, sondern ein Leben in Erlebnissen, die hierdurch betrieben werden und immer wieder auf eine Verfeinerung des Erlebens bedacht werden müssen. Alles Leben gerät hierdurch in eine Art Erlebensbetrieb. Nichts mehr zählt, außer das Erleben selbst. Alles Körperliche ist nun selbst das Terrain solcher Getriebenheiten und wird von daher auch als Trieb, als innerer Drang der körperlichen Natur erfahren. Die Menschen sind darin vor allem von den Mängeln ihrer Selbstgefühle abhängig geworden und verlieren ihren Selbstwert, wenn sie diese nicht "auffrischen". Das macht die Psyche als Grundstimmung aller Selbstverwirklichungen wesentlich aus.

Dass die Psyche nicht wirklich für sich wahr sein kann, ist ihr geläufig, auch, dass sie sich täuschen muss und also beständig enttäuscht sein muss, um ihre Gefühle zu ihrer Einheit zu bringen. Jetzt aber bringt sie ihr Erleben zu einer eigenartigen inneren Verbindung. Aus dieser heraus stellt sie sich nun gegen ihre eigenen Bedingungen und veräußert das, was sie wahr hat, was sie wirklich bestimmt und ausmacht. Sie trennt sich nun volllständig von ihrer Wirklichkeit und erhebt deren Abstraktion zu einem inneren Gegner, zu einem Ungewissen, das sie als Unbewusstes aussondert, gegen das sie arbeitet, das sie bedrängt und abzudrängen versucht, um ihren Regungen als reine Absicht nachzugehen.

Im seelischen Gedächtnis wird jetzt also zweierlei betrieben: das Erlebte wird einerseits wirkungslos gemacht für die Erkenntnis, indem es entwirklicht wird, indem seine Wahrheit unbewusst und also die Erkenntnisfähigkeit hierfür aufgehoben wird. Zum anderen wird das Gedächtnis der Psyche selbst zu einer Lebensform gebracht, die einen Sinn für sich hat, der von allem absieht, was er wahr hat, was also das Erlebte dem wirklichen Inhalt nach war und das in der Absehung hiervon das Erleben auf seinen abstrakten Sinn verdichtet und als Kraft der Wahrnehmung bewahrt und sich zu einem unegeheueren Erlebnishunger entwickelt. Diese Kraft nimmt ihre Energie also nicht aus dem Erlebten, sondern aus der Dichte der Selbstgefühle im Erleben.

Nun ist diese Kraft aber selbst schon der abstrakte Sinn, welcher die darin ausbleibende Gefühlsidentität erzeugt, Notwendigkeit einer abstrakten Sinnbildung, ihr Gebilde, ihre Schöpfung. Die Einfälle der Psyche sind vielfältig und entspringen ihrem notwendigen Glauben an die Selbsterfüllung ihrer Wahrnehmungsidentität, ihrer Sinnbildung. Diese beruht auf ihrer Ungewissheit, auf ihrer Unwahrheit, die als Unbewusstes beständig von ihr ausgeschlossen und abgetrennt wird. Damit die Psyche sich entfalten kann, muss sie beständig unbewusst Erlebnisse erzeugen, die ihr nicht nahe kommen dürfen, Regungen, die Ihre Kraft als Form des Erlebens freistellen, zum Erleben in ihr selbst werden, sich in ihrem Sehnen und Hoffen zu ihrem inneren Wunsch entwickeln.

Glaube, Traum, verdichtete Wahrnehmung

Für die großen Weltreligionen stellt die Seele Gott im Einzelwesen Mensch dar. Sie sehen damit die private Geistesform als allgemeinen Geist Gottes an und die Privatperson als den Menschen schlechthin, den Menschen nicht als Resultat seiner Geschichte, sondern als Ausdruck göttlicher Beseelung. Damit ist die Psyche selbst Grundlage aller Religiosität, die Wiedererkennung Gottes in sich. Als solche wird sie auch von der idealistischen Philosophie begriffen. Es kommt aber darauf an, die Seele auf ihre wirklichen Füße zu stellen und das heißt, ihre Herkunft zu erkennen und vom "Baume der Erkenntnis" zu naschen.




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121.1.2 Das Verlangen nach seelischer Wirklichkeit

Die Wirkungslosigkeit der Selbstgefühle könnte sie nur erschöpfen, würde sie nicht die Verhältnisse erstreben, in denen sie sich empfinden kann. Ihr Verlangen hiernach entsteht in einer Vorstellungswelt, worin das Begehren der Wahrnehmung sich aus der Ermangelung ihrer eigenen Wirklichkeit, die sie wahrhat, aus ihrer Negation, aus der Andersartigkeit ihres Denkens entfaltet. Die Erfüllung ihres Begehrens soll Befriedung für ein Leben erbringen, das in seiner Wirklichkeit unzufrieden und hierdurch erregt ist.

Bedürfnisse unterstellen die Kenntnis ihres Gegenstands. Wünsche entwickeln ihn durch Vorstellungskraft. Sie enthalten daher auch keinerlei Erkenntnis, sondern lediglich Gefühle aus der Selbstwahrnehmung, die sich zu Vorstellungen gestalten, oft auch in Traumbildern umsetzen. In dieser Form können sie allerdings wähnen und von daher Kenntnis äußern.

Die Vorstellungswelt der Wünsche ist also nicht so voraussetzungslos, wie sie erscheint; entstammt aber nicht einem einfachen "Erinnerungsbild eines Befriedigungserlebnisse" (wie bei S. Freud) und auch nicht dem bloßen Begehren aus einem "übersubjektiven" Mangel des Menschen (wie bei Lacan), sondern aus den Abstraktionen der praktischen Lebenswelt und Umwelt, in welcher vielerlei Bedürfnisse wahrgehabt werden, wo deren Realisierung dem einzelnen Menschen unmöglich, ihr wirklicher Sinn unerreichbar ist. In das Wünschen geht also eine Mystifizierung der Bedürfnisse ein, die sich in der Psyche zu einer inneren Absicht verwandeln, das als Wunscherfüllung zu erlangen, was der Befriedigung solcher Bedürfnisse entzogen ist.

Im Wunsch vereinigen sich Regungen, denen keine Gewissheit möglich ist, weil sie gegen ein Erleben stehen, das die Psyche ausgeschlossen hat und nur in ihrer Absicht fortträgt. Ihre Absichten sehen von den Inhalten der Wahrnehmung ab, und zielen auf das, was ihre Sinne reizt und erregt. Von daher hat sich in der Wahrnehmung eine ästhetische Kraft von ihren Inhalten gelöst, die dem entspricht, was sie wahr hat, aber nicht wahrnimmt. Die Aufgeregtheit, in welche die Selbstwahrnehmung hierdurch versetzt ist, hat nichts mehr mit ihren Inhalten zu tun und auch nicht mit ihren Regungen. Es ist die reine Form dessen, was wahr gehabt wird, ohne wahrnehmbar zu sein, die Kraft, mit der sich seelische Identität herstellen muss, um Wahrnehmungsidentität überhaupt zu ermöglichen. Es ist unbewusst und als das Unbewusste erhält es sich als Kraft einer Wahrnehmungsidentität, die keinen wirklichen Sinn macht.

Es ist der von der Psyche abgetrennte Grund für die Einfälle der Psyche, für ihre Absichten, die sich mit einer Kraft umsetzen, welche sich in ihren Regungen gestaltet als Form, die keinen anderen Inhalt hat als den, den sich die Psyche erfindet und der sich in ihr von ihren Regungen getrennt regt. Somit ist das, was die Psyche wahr hat, von seinem Inhalt entledigt und als Kraft gegenwärtig, mit der sie ihre Regungen nur der Form nach wahrnimmt und verfolgt. Die Psyche speist nun ihre Energie aus dem, was sie nicht mehr von sich weiß und auch nicht als das umsetzt, was ihr gewiss sein müsste. Sie ist getragen von einer Energie des Unbewussten, mit welcher sie ihre Absichten verfolgt, während ihre Sinne das wahrnehmen, das sie nicht mehr wahrhaben müssen.

Sigmund Freud hat im Unbewussten eine Urkraft des Menschen vermutet, die er Libido nannte, also so etwas wie Liebesenergie, Grundlage seines "Lustprinzips". Das ist sehr romantisch und entspricht des Ideologien des Bürgertums, seiner grundlegenden inneren Verzweiflung im Reichtum seines Geldvermögens nun auch positive Liebeskraft zuzusprechen. Es ist eine nette Vorstelung, dass das Unbewusste mit Liebe zu tun hätte, doch leider eine Ideologie, die das Gegenteil verbirgt, die platte Notwendigkeit einer Identitätsfindung in einer Welt, worin menschliche Identität nicht möglich ist. Daher muss Freuds Libido auch diesen oenetranten ontologischen Charakter haben, der erst sie positiv stimmt. Grausamkeit wird für Freud erst später angesichts des Weltkriegs wahrnehmbar und von daher muss er seiner Theorie einen Todestrieb beigeben, die im Grunde seine ganze Libidotheorie, eigentlich seine ganze Theorie zerstört hatte. Hier wird diese Auffassung libidonöser Ontologie ihrer Begründung enthoben und auf die Füsse gestellt.

Die Psyche entwickelt ihre Regungen in Wirklichkeit jenseits der wirklichen Welt aus der Interpretation der Selbstgefühle, aus deren Verdichtung sie sich bilden, aus dem, wovon diese abgesehen haben. Diese Regungen beziehen aber ihre Kraft nicht aus sich, sondern dem Unbewussten, aus dem, was von ihnen im Zweck einer unbewussten Identitätsbildung ausgeschlossen wurde. Darin ist lediglich die Dichte des Erlebten enthalten als Kraft, die daraus gewonnen wird. Die Regungen sind Interpretationen, sind seelische Verarbeitungen, die durch die Art und Weise der Verdichtung des Gedächtnisses getragen werden, in welcher die Absehung von wirklichem Sinn bestimmt ist. Sie verschaffen der Selbstwahrnehmung eine Form, die keinen anderen Grund hat, als die Psyche selbst, eine Wahrnehmungsidentität jenseits ihrer Wirklichkeit, und die zugleich aus ihrer Absehung abgeleitet und zu einer geschlossenen Gefühlswelt vereint ist.

Die unbewusste Wahrnehmungsidentität hat ihr Wissen nicht sinnlich, sondern ist seelische Form einer Sinnlichkeit, welche keinen wirklichen Sinn hat. Es ist die Körperform der Psyche, worin sie ihre Gefühle verkörpert. Dies macht ihre Phantasie, ihre Träume, ihre Vorstellungswelt, Verrücktheit usw. Was sie antreibt, ist dabei aber nicht eine freie und nur unbewusste Kreativität, sondern die Notwendigkeit, gegensinnige Wahrnehmungen in sich aufzulösen und weiterzuführen.

So entsteht eine innere Wirklichkeit, die von keinem Wissen unmittelbar erreichbar ist, weil sie keine Gewissheit hat außer der, dass sie nötig ist, um die Wahrnehmung für einen wahrnehmenden Menschen (also nicht seine Psyche) unter bestimmten zwischenmenschlichen Lebensbedingungen wahr sein zu lassen, um sie mit dem zusammenzuführen, was sie in seinem Leben wahr hat. Es ist die Notwendigkeit einer Wahrnehmungsidentität, welche das Unbewusste ausmacht, oft auch als Notlüge der Psyche. Es sind die Verschmelzungen von Gefühlen, welche durch die Kraft der Selbstgefühle gebeugt sind und die sich in Traumbilder, Visionen, Reminiszenzen, die sich mit dieser Kraft als Form vergangenen Erlebens vermengen, in das Reich des Unbewussten ergießen, welches die Intuition der Ungewissheit fortträgt und Menschen voller Absicht handeln lässt, ohne dass sie es wirklich auf etwas absehen. Hierdurch wird die Wahrnehmung selbst in das integriert, was sie wahrhat, was ihre körperliche Verfassung und Bedingtheit ist. Die Wahrnehmung nimmt wahr, was sie für sich selbst ist, was sie von ihrem Selbstgefühl fühlt. Sie wird dadurch selbst ihrer Sinne enthoben, selbst abstrakt.

Die Psychoanalyse nach C.G.Jung nimmt diese Abstraktionen, wie sie auch in Traumbildern vorkommen, als konkrete Gestaltungen ursprünglicher Natur, als "Archetypen der Psyche". Dies entnimmt er der Tatsache, dass es seelische Bilder gibt, die sich über alle Generationen und Zeitepochen hinweg erhalten haben und wiederholen.
Dies allerdings findet sich bei jeder Abstraktion. Nimmt man die Abstraktionen als Farben, oder als grafische Formbeziehungen oder als Kunst oder als Musik usw., immer wird man dies Überdauernde des Absztrakten finden und bis in die Steinzeit zurück verfolgen können, aber nicht, weil es vor uns war, sondern weil Abstraktion immer in die leeren Formen des Lebens gehen und über alle Epochen hinweg erkennbar bleiben, ohne dass sie damit qualitativ begriffen sind (oder sind Hölenmalereien vielleicht doch "abstrakte Kunst"?). Wären es Ursprünge, so hätte das Leerste dann die höchste Aussagekraft über das Leben und Träumen und Fühlen der Menschen.
Das Umgehen mit Abstraktionen als ursprüngliche Lebensformen macht die Basis reaktionärer Wissenschaft aus, und so nimmt es nicht Wunder, dass sich besonders reaktionäre Psychologen (wie z.B. Bert Hellinger) gerne auf Jung berufen - und auch, dass C.G. Jung sich ganz im Gegensatz zu Sigmund Freud mit den Nationalsozialisten gut arrangieren konnte.

Dadurch, dass das Erleben der Selbstgefühle selbst schon entwirklicht war, kann sich deren Absicht nur jenseits dessen bilden, wovon sie abgesehen hat und worauf sie es in Wirklichkeit absieht. es ist eine innere Wirklichkeit, ein innerer Raum, worin die Psyche ihre Erkenntnisse gewinnt, ihre Identität jenseits des wirklichen Lebens findet.

Dieser "innere Raum" bewahrt und betreibt die seelische Identität durch Abdrängungen von Wirklichem (Verdrängen) oder Überlagerung oder Ersatz mit unzugehörlicher Wirklichkeit (Verschiebung oder Ersetzung). Es kann aber auch dazu führen, das Wirklichkeitsvermögen überhaupt zu bekämpfen, es zu umnachten.




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121.1.3 Die psychische Selbstbeziehung

Wovon das Selbstgefühl der Psyche absieht, davon ist sie in der Form seiner Regungen ausgefüllt und seine wirkliche Erfüllung kann sie nur finden, wo sich auch wirklich erfüllt, empfinden kann, was sich da in der Psyche regt. Die Wahrnehmungsidentität, welche die Wahrnehmung durch ihre selbständige Wahrheit hat, wird erst wirklich, wenn und wo sich ihre Regungen in den Selbstgefühlen durch entsprechende Erlebnisse erfüllen. Sie sind hierfür in einer inneren Erregung, die als solche im Antrieb des Selbstgefühls verbleibt und als Mangelgefühl empfunden wird - solange, bis sich dieses aufhebt, solange also, bis die Absichten der Psyche als Wunscherfüllung aufgehen. Gleich, was sich dabei als bestimmter Wunsch regen mag, er ist immer eine Interpretation des Mangels, der ihm an Lebenserfüllung zugrunde liegt. Und das ist der Mangel der Selbstwahrnehmung überhaupt.

Es handelt sich hierbei nicht um einen natürlichen Mangel, etwa den an geschlechtlicher Befriedigung, wie das z.B. von der Psychoanalyse aufgefasst wird. Natürlicherweise gibt es Mangel nur als Antrieb zu einer Tätigkeit, nicht aber des Selbstgefühls - sie ist aller Selbstgefühligkeit voraus und zu ihr gerade vollständiges Gegenstück. Die Natur mag sich als Hunger oder Geschlechtslust regen, sie verlangt aber immer nur einfaches Tun. Dass dieses so kompliziert werden kann, liegt daran, dass die Natur für die Wahrnehmung nur als Kultur auftreten kann, weil die Kultivierung menschlicher Beziehungen ihr zugrunde liegt. Es verbleibt darin auch kein Rest Natur außen vor, weder als natürlich Begierde oder Trieb. Warum auch sollten die Menschen ihren Hunger durch gesellschaftliche Arbeit befriedigen, ihre Triebe aber nur wie gezähmte Tiere? Man kann sich isolierte Menschen auf einer Insel vorstellen, die keinerlei Beziehung eingehen, weil sie von Naturmängel beherrscht werden. Das ist so eine Vorstellung der Robinsonaden, die sich in manchem Wohnzimmer ausmalen lässt. Man kann dabei gerne und viel Idylle und Romantik der Gesellschaftlslosigkeit hineinvermuten, die zugleich einen Hauch von Freiheit von allem vermitteln, was sonst das Leben beschwert. Aber nur eins ist bei alle dem sicher: Solche Menschen handeln nur so, wie die Todesangst es ihnen abverlangt, nämlich als Barbaren. Sie rauben und morden aus geringstem Anlass mit dem höchsten Lebensgrund: Nämlich solche Umstände zu überleben. Der ganze romantische Unsinn fällt ab, wenn man wirklich von seiner Gesellschaft getrennt ist, die man permanent, auch in den umständlichsten Vorstellungen wahrhat.

Die Regungen vollziehen in ihrer Erregung die Umkehrung ihrer Selbstgefühle zu Gefühlen, die sich aus ihrer inneren Notwendigkeit bestimmen, aus der Not, ihre wirkliche innere Leere, ihre Wesenlosigkeit in sich zu wenden. Diese Regungen vollziuehen sich in der Wirklichkeit daher als notwendige Stimmungen, als Bestimmungen, welche die Stimmung ausmachen und antreiben. Hierfür werden alle Empfindungen und Gefühle selbst zu Beiträgen einer Abstraktion, auf die sich die Psyche einstimmt, welche die Psyche betreibt, die Stimmung, die sie antreibt. Die Absichten, die das Unbewusste der Psyche als Stimmung in iher Wirklichkeit entwickelt, stehen zwar im Gegensatz zur wirklichen Welt ihrer Gefühle, wiewohl sie nur diese enthalten und verleiblichen können. Von daher stellen die Stimmungen ihre Absicht als bloß leibliche Form gegen ihren seelischen Inhalt. Die Wirklichkeit, welche ihre Gefühle enthalten und die sie wahrhat, wird als Kontrahent des Unbewussten erlebt, das nun allerdings seine bestimmte Absicht als Bestimmung ihrer Stimmung hat.

Diese Spannung der Entgegensetzung macht die innere Erregung aus, durch welche die Psyche nun auch zu wirklichem Handeln gezwungen ist. Dieses muss eine erkennbare Welt betreffen und sie dahin bringen, dass darin eindeutiges Erkennen wieder möglich erscheint. In dieser Erregung ist die Absehung von bestimmter Sinnlichkeit und die Absicht einer Stimmung vereint, seelische Absicht, die nach Ereignissen sucht, in denen sie ihren seelischen Frieden finden kann. In ihrer Stimmung ist alles aufgehoben, was sie wahr nimmt und wahr hat; es ist der Ausgang ihres wirklichen Treibens, dessen seelischer Antrieb als nun aktives Verlangen nach der Bestimmung ihrer wirklichen Welt durch die Stimmung, die darin befriedet werden muss. Es geht ihr um die Einverleibung einer äußeren Welt voller Menschen und Dinge, welche ihrer inneren Welt ästhetisch entssprechen und zugleich nur als deren Forrm nach Verwirklichung suchen. Es ist der Inhalt ihres Verlangens und Wünschens daher das, was ihre Stimmungen ausmacht. Aber es ist zugleich ein völlig leerer Inhalt, der ihre Wahrnehmungsform bestimmt - daher bloße Begierde als leerer Antrieb ohne Sinn für die Befriedigung, die darin gesucht wird. Es ist ein Antrieb zur Befriedigung durch Menschen und Dinge, die lediglich den seelischen Mangel in der Beziehung zu ihrer Lebenswelt aufheben sollen. Darin soll das Gemüt einer zufriedenen Welt aufgehen, das außerhalb der Psyche nicht wahrzunehmen ist. Aber auch in seinem höchsten Glück stellt dieses Gemüt doch eine recht hoffnungslose Zukunft auf: Die angetriebene Begierde als unendliches Treiben der Psyche, als Trieb für sich.

 



121.2 Die Absichten der Psyche oder ihr Trieb



Die Psyche ist zum Inbegriff aller Selbstbezogenheiten geworden, - nicht weil das Selbst seelische Eigenschaften hätte, sondern weil es nur eine bloße begriffliche Form ist, deren einziger Inhalt mit Psyche beschrieben werden kann: Der Ort aus dem die Geister der Selbstbezogenheiten ihren Sinn beziehen und bekommen. Dieser Sinn allerdings ist zunächst nur sehr dürftig bestimmt als ein abstraktes Verlangen, das allerlei Regungen enthält und von einer umfassenden Erregung getrieben wird, also als ihr Trieb erscheint. Die Selbstbeziehungen haben ihre erste notwendige Gestalt in den Trieben, welche "in die Menschen gefahren" sind, als seien sie von Natur aus da und nichts anderes als die Triebe der Natur, also so, als seien die Menschen von ihren Begierden nur deshalb erfasst, weil sie einen Stoffwechsel haben und sich fortpflanzen sollen. Doch aus der Natur lässt sich nichts begründen, was gegen die Menschen selbst gerichtet sein kann, was sie selbst zum bloßen Mittel einer abstrakten Vermittlung herabsetzt, der sie gehorchen müssen, als seien sie auf einem Markt der Getriebenheiten. Die Begierden, um die es sich hier handelt, sind Verselbständigungen ihrer körperlichen Eigenschaften, die sich nicht in ihrer Lebenserzeugung, in ihren wirklichen Bedürfnissen und der Herstellung befriedigender Gegenstände fortbestimmen, sondern in ihrem ausschließlichen körperlichen Sein für sich. Es handelt sich also nicht um ein natürliches Verlangen, was das Selbst überhaupt zum Inhalt haben kann, sondern um ein Verlangen, das nur in ganz bestimmter Kultur sich in den Körpern der Menschen verselbständigen kann und von daher ein sinnlich-übersinnliches Verlangen ist.

Die Psyche selbst ist äußerst unbeholfen, was die Fähigkeit zur Erfüllung ihres Verlangens ausmacht. Zugleich ist die Wirklichkeit ja hiergegen auch äußerst kompliziert und lässt sich nicht so einfach und gerne vom Psychenreich einverleiben. Die Psyche will eigentlich nur ihre Stimmung verbessern, indem sie ihr Gedächtnis mit Erlebnissen bereichert, die es fortführen und beruhigen. Das muss nicht die Wirklichkeit erfüllen, wiewohl von dort das Mangelgefühl kommt. Die Psyche muss sich verhalten, zu einer Form werden, worin sich ihre Selbstgefühle arrangieren, zu einem Selbst, in das sie sich ergießt und das sie auch zunächst ausfüllt und vermittelt. Das Selbst errichtet eine Psychenwelt voller Gefühle, worin sich die Menschen erleben und worin sie sich finden.

Eigentlich reichen hierzu einige andere Menschen, welche in die Gefühlswelt der Psyche geraten sind. Sie sieht es ja nur darauf ab, ihr inneres Erleben zu steigern, ihre Stimmung durch Empfindungen und Gefühle zu verbessern und diese durch andere für sich zu gewinnen, um ihre Stimmung darmit zu entwickeln und auszuformen. Jenseits aller Lebensgegenständlichkeit und Lebensbedingtheit muss sie dabei zugleich von allerhand absehen: Nicht nur von aller Wirklichkeit, sondern auch von der Verwirkllichung einer Selbstbezogenheit, die ohne unbesusste Absicht sein könnte. Sie hat Stimmungen, die völlig unbestimmt, aber einen Leib haben und suchen, den sie bestimmen müssen. Die Psyche selbst würde durch die Verwirklichung ihrer Stimmung in sich selbst zusammenfallen wie ein aufgegangenes Sufflee, das ohne einen Konsumenten in Nichts versinkt. Sie müsste sich selbst aufheben, wenn ihre Stimmungen kein Gegenüber finden. Sie benötigt die Befriedung ihrer Stimmung durch andere, die für sie wirklich ist, ohne dass sie wissen muss, was andere wirklich für sie sind. Sie kann daher auch nicht Wirklichkeit konstruieren, als sei diese ein Lebensplan, um dessen Umsetzung es ginge.

Die Psyche hat scheinbar planlose Absichten, die aber heftig darauf drängen, erlebt zu werden, um ihre Erregung zu tilgen, um die Wirklichkeit der Wahrnehmung mit ihrer Stimmung in Einklang zu bringen, um ihr erregtes Gedächtnis zu glätten. Der Sinn ihrer Absicht stellt sich erst im Nachhinein heraus, und auch nur, wenn man ihn hinter allem sucht, was das Zustandekommen ganz bestimmter Ereignisse erklärt. Es muss nicht Glück, es kann auch Rache sein, nicht unbedingt Liebe, sondern auch Vernichtung. Die Absicht der Psyche zielt alleine auf die Herstellung einer inneren Integrität der Selbstgefühle durch die Herstellung von Ereignissen, die dem Gedächtnis Ruhe verschaffen, indem sie erlebbar macht, dass diese Gefühle auf sich zurückkommen, der See der Gefühle geglättet wird, das Gemüt sich in der Welt befindet und empfindet.

Sie erreicht dies letztlich nur durch Einfluss auf ihre wirkliche Umgebung, durch die Herstellung von Umständen, Stimmungen und Gefühlen, durch welche Erleben entsteht, das die Erregungen ihrer Regungen aufhebt.

Der Psyche geht es nicht um die Identität der Erkenntnis, nicht um Wahrheit, sondern um eine Wahrnehmungsidentität der Gefühle, die ihre Aufruhr und Widersprüchlichkeit so auflöst, dass die Wahrnehmung für sich eins, also in sich und mit sich einig wird. Sie erreicht dies für sich im Traumhaften, im Traum oder der Phantasie oder unbewussten Äußerungen. Vor allem aber erreicht sie es durch die Herstellung einer Wirklichkeit, die ihr entsprechen soll.





121.2.1 Das Unbedingte seiner selbst



Wo das Leben der Menschen nur unter allgemeinen Bedingungen möglich ist, welche gleichgültig gegen die Menschen bestimmt sind, da erfahren sie sich durch die Bestimmungen der Dinge fremdbestimmt. Hiergegen erscheinen die Selbstgefühle wie eine Rückfindung ihrer selbst, die ihnen möglich ist, wenn sie mit entsprechendem Geldbesitz ausgestattet sind. Sie Selbst können sich dann frei von aller Bedingtheit erscheinen, sind hierbei aber denn bedingungslos voneinander abhängig. In ihren zwischenmenschlichen Beziehungen vollziehen sie ein "Reich der Freiheit", worin sich ihr Leben selbst vermittelt, worin sie also als einzelne Menschen allgemein selbst die Mittler ihrer Lebenskräfte sind. Hierdurch sind sie in eine Welt anderer Notwendigkeiten geraten, welche ihre Freiheit bedingen: Sie müssen darin sich selbst unbedingt erscheinen, indem sie sich auf andere als Bedingung für sich beziehen, für ihre Wahrheit und Gefühle und Regungen usw..

Auf diese Weise war jenseits aller Lebensbedingtheit in der Psyche eine unbedingte Notwendigkeit entstanden, die Lebenswelt so zu bestimmen, dass sie darin auskommt, dass sie der Form nach dieser entspricht, so dass sie ihre Absichten darin auch verwirklichen kann. Diese Notwendigkeit wurde von Sigmund Freud "Ich" genannt, also als psychische Fähigkeit tituliert, die inneren Strebungen eines Menschn mit seiner Außenwelt zu einer befriedigenden Wirkung für ihn selbst zu bringen.

Allerdings hatte Freud diese Notwendigkeit aus einen aller Geschichte vorausgesetzten Gegensatz von Natur- und Kulturbestimmungen abgeleitet, nicht als immanente Notwendigkeit der bürgerlichen Kultur selbst. Für ihn ist das Streben der Psyche apriorisch schon aus der Natur von Befriedigungen begründet, aus natürlichen Befriedigungserlebnissen, welche in einer kultivierten Gesellschaft nach seinem Gesellschaftsverständnis auch nicht natürlich zustande kommen können, sondern den "Umweg" eines Zivilisationsprozesses nachvollziehen können müssen. Das entspricht vor allem dem Selbstverständnis des Bildungsbürgertums, das sich ja immer gerne in einem höheren und nicht von der menschlichen Natur selbst herrührenden Zweck bestimmt sieht. Von daher erkennt man dort alles nur in einem Dualismus von natürlichen und kulturellen Strebungen, die einen übernatürlichen Gegensatz lediglich vollstrecken und der daher auch notwendig beherrscht werden muss. Diese Beherrschung konnte sich die Aufklärung und auch der Aufklärer Freud sich nur als Selbstbeherrschung vorstellen. Von daher nannte er es das Ich.

Tatsächlich erscheint Selbstbeherrschung auch nötig, wenn man davon absieht, dass die Kultur der Menschen selbst eine Naturmacht darstellt. Und dieser Schein wird geradezu fixiert durch die Unwirklichkeit und oft auch Unverwirklichbarkeit der inneren Strebungen der Menschen und der Gewalt ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese wirkliche Notwendigkeit unwirklicher Beziehungen einzulösen und aufzuheben ist daher auch das wirkliche Kunststück der Psyche, denn die Welt lässt sich nicht so ohne weiteres von der Psyche behandeln. Andererseits aber entspricht sie ihr auch als Begründerin ihrer Notwendigkeit, als Wirklichkeit, welche sie nicht sein lassen kann und von der sie abgesehen hatte. Die Psyche formuliert in Wirklichkeit eine durch diese selbst bedingte Wirkung auf die Menschen. Sie ist in Wahrheit so wirklich, wie die Wirklichkeit unwahr ist. Die Psyche ist bedingt durch die Selbstwahrnehmung von Menschen in ihren wirklichen Beziehungen. Sie muss aber zugleich unbedingt sein, um sich darin auch zu verwirklichen. Das schließt sich im Grunde voneinander aus.

Psyche und Welt haben sich vollständig in ihren Interessen entzweit. Aber soweit die Welt voller Menschen ist, ist sie auch voller Psyche und lässt sich seelisch bewegen und interpretieren. Die Psyche muss andere Menschen so bestimmen, dass sie ihrer Vorstellungswelt entsprechen, ihre Gefühle und Stimmungen aufheben, um ihe Erregungen zu befrieden. Darin besteht ein unbedingter Antrieb des Seelischen, sich die Welt zu unterwerfen.

Es erscheint wie das Naturschicksal der Abstraktion, sich von aller Bedingtheit frei gemacht zu haben. Diese verbleibt in der Wirklichkeit der Menschen; die Abstraktion für sich erscheint bedingungslos, also unbedingt, aber sie lebt und zehrt davon, was ihr aus dem wirklichen Leben der Menschen zugeführt wird.

Natürlich bleibt das Leben der Menschen so wirklich wie eh und jeh, gleich was die Psyche daraus macht. Aber sie zehrt doch auch beträchtlich an seiner Substanz. Es verlangt Kraft und Aufwand, allem nachzukommen, was seelisch unbedingt nötig ist. Das sind oft die vielen Umwege bei relativ einfachen Abläufen, die Ängste und Betulichkeiten, die unbedingt sein müssen, damit das abläuft, was sowieso abläuft. Der menschliche Anteil wird so zum Psychenanteil, weil die Psyche quertreibt, wo sie ihre Regungen ausgeschlossen fühlt.

Für ein gesundes Bürgerherz ist das Treiben der Psyche die Liebe, die es kennt, die Liebe schlechthin. Aber es ist zugleich ein elendes Treiben. Die Psyche schließt nämlich von sich selbst aus, worauf sie sich bezieht: Sie hat ein bedingungsloses Verlangen, durch das sie bedingt ist. Wie ein objektives Subjekt betreibt sie die subjektive Objektivität ihrer Sinneskräfte. Das ist ihr Knackpunkt, der Umschlagspunkt der Abstraktion zu einem unbedingten Sinn, der alles in sich trägt, was nicht wirklich ist, aber sich alle Wirklichkeit einverleibt hat, die seelenlos ist. Damit beginnt die Psyche, unerbittlich zu werden, ihre Regungen zu übervorteilen und jede Einschränkung ihrer Absichten bis zum Ruin der Wirklichkeit zu bekämpfen. Sie wird zu einem Stier, der nicht weiß, was er will, der aber alles durchsetzen muss, was er kann, um seine Erregung aufzulösen. Ohne das Objekt ihrer Begierde ist die Psyche nichts und durch dieses erscheint es ihr so, alles sein zu können. Glück und Unglück liegen in ihr nahe beieinander. Es ist geradezu ein teuflisches Schicksal, das eine Psyche durchläuft, solange sie noch zu keiner ihr gemäßen Persönlichkeit gefunden hat. Sie verschmilzt in dem, von dem sie sich nach ihrer Enttäuschung trennen muss und sie trennt sich von dem, was sie zum Schmelzen bringen würde. Auf diesem Weg erleidet sie Tantalusqualen und schuftet wie Sisyphos.





121.2.2 Das ungewisse Selbst (oder das Gewissen)



Naturgemäß ermangelt es der Psyche an jeder Wirklichkeitsform und jedem Sinn für Wirkliches, wiewohl sie ihre Gewissheiten nur aus dem bezieht, was sie an menschlichen Beziehungen wahrhat. Dies macht ihre Wirklichkeit aus und hat deshalb auch seine Wirkungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Deren Gegenwärtigkeit ist ihr Material und was sie hieraus erstrebt ist Macht hierüber zu erlangen. Die Psyche erstrebt eine Selbstverwirklichung gegen die Ungewissheit, in welche sie versetzt ist, eine Macht zu eigener Gegenwärtigkeit, zur Selbstvergegenwärtigung inmitten unwirklicher Sinne.

Von daher treibt sie eine unbedingt scheinendende Notwendigkeit und ihre Unbedingtheit fegt jeden Zweifel beiseite. Während ihre Identität sich aus ihrer Gegnwärtigkeit bestärkt, wird ihre Wirklichkeit damit allerdings immer ungewisser, ihre Not immer äußerlicher. Von daher ist sie von ihrem sinnlichen Gehalt her gewissenlos und sucht und versucht, was ihr über den Weg kommt, ihrem identitären Zweck zu unterstellen. Scheinbar ohne Not bildet eine ungeheurliche Wendigkeit in ihren Fähigkeiten, sich Menschen in der von ihr benötigten Art und Weise zu vergegenwärtigen, indem sie sich selbst gegen diese vergegenwärtigt. Ihre Selbstvergegenwärtigung zielt ja auf die Einverleibung fremder Gegenwart und die Akkumulation ihres sinnlichen Gehalts.

Ihre Objekte sind ihr im Grunde gleichgültig, sofern sie sich von ihr bestimmen lassen. Auf der Suche in der Ungewissheit ist ihr jedoch auch ungewiss, was sie sucht. Es geht nur um das Potenzial des Unbestimmten, das sich so bestimmen lässt, wie Wirklichkeit für die Psyche sein muss. Ihre Absicht ist und bleibt daher für sie selbst ungewiss, während sie diese verfolgt.

Zugleich ist das Ungewisse das Loch ihrer Selbstgefühle. So unbedingt und energisch sie ihre Absichten durchzieht, so ungewiss ist ihr, was sie damit erreichen kann. Sie zielt ja lediglich auf Einheit von Gefühl und Wirklichkeit - und nichts ist ungewisser wie diese. Ein ganzes Leben kann hierfür verbraucht werden und alle Psychenarbeit der Welt sich in Gewissheit auflösen wollen: Die Psyche bleibt notwendig ungewiss, eben weil sie keinen Sinn für Wirklichkeit hat und weil ihr Wirklichkeit nur unsinnlich gilt. Ihre Ungewissheit macht ihre Gewissenlosigkeit aus - und ein schlechtes Gewissen kann daher sich nurmehr aus der Wirklichkeit ergeben. Die Bedingung für seelische Entwicklung ist ihre Ungewissheit - sowohl von ihrer Herkunft als auch für ihr Ziel.

Nun war bereits das Unbewusste eine Grundlage der Innenwelt, welche die Psyche ausfüllt. Das Ungewisse bezieht sich ganz im Gegenteil zu diesem auf ihre wirkliche Sinnesform. Das Unbewusste der Sinne ist dem vorausgesetzt, dass sie für sich Wirkung erzeugen können, sich verselbständigen und damit zur Kraft ihrer Abstraktion werden. Es geht nun aber nicht mehr um das Reich der Regungen und Erregungen, sondern um die Tätigkeit der Psyche. So unbedingt, wie sie sich aus den Gründen ihrer Entstehungsgeschichte hervorgetan hat, so ungewiss wird ihr eigener Sinn, welcher der Träger ihrer Abstraktion ist.

Die Psyche kann Gewissheit ihrer Sinne nur außer sich finden, in fremden Sinnen, die ihr Gewissheit dadurch bieten, dass sie für sie erkennbar sind. Sie erkennt in fremdem Sinn das Potenzial ihres Lebens und ist deshalb bestrebt, sich diesen einzuverleiben, ihn zu ihrem Leib zu machen, ohne dabei selbst leiblich zu werden. Da regt sich dann endlich, was sich in ihr regt, wirklich - und zwar in fremdem Sinn. Sie betreibt dessen Regung und genießt seine Erregung als ihr Produkt. Und sie hat darin ihre erste Wirklichkeit, erste Lebensform ihrer Absicht.

Ihr Gewissen jedoch besteht daraus, sich gegen ihre einzelnen Bestrebungen zu verhalten, das Chaos ihrer Antriebe zubündeln und in zwischenmenschlichen Beziehungen umzusetzen. Allgemein können sie nicht sein, weil sie nur als einzelne Momente auftreten. Von daher ist das Gewissen der Psyche eine bloße Instanz, ein von ihren außeinander strebenden Absichten zusammengefasste Ausrichtung, diese zu einer optimalen Wirklichkeitsform ihrer Beziehungen zu bringen. Das Gewissen steht damit wie ein Management der Seele zunehmend im Zentrum ihrer Tätigkeiten. Sie muss mit einem möglichst "guten Gewissen" das zustande bringen, was sie ohne dies niemals errecihen würde.

Von daher ist ihr Gewissen tatsächlich so etwas wie ein "Umweg zur Wunscherfüllung" (S. Freud), nicht aber, um der Kultur dienlich zu sein, sondern um sich über eine kulturelle Allmacht der Selbstvergegenwärtigungen ihrer Leibhaftigkeit, ihrer Fleischwerdung zu versichern. Das Gewissen erstrebt überhaupt nur dies Eine: Die Macht über alle Gegenwärtigkeit von Sinn, um selbst überhaupt gegenwärtig zu sein.





121.2.3 Die Einverleibung der Sinne als Verwirklichung ihrer psychischen Antriebe



Unbedingt und ungewiss hat die Psyche ihren wirklichen Sinn nur außer sich. Sie ist wie ein Mönch, der sich seiner wirklichen Herkunft entzieht und sich auch nirgendwo wirklich sinnlich einlässt - das Zölibat ist ihm gnädig. Sie ist für sich reines Selbstgefühl in der Betrachtung und Anschauung der Welt. Aber sie lebt voll und ganz nur durch sie. Wenn es um Geld geht, da werden auch die Mönche wach, wo es um wirklichen Sinn geht, die Psyche. Die Psyche wird zu einem Trieb, welcher danach strebt, sich fremden Sinn anzueignen und einzuverleiben, um Eigensinn zu bilden, eine sinnliche Identität, die außer ihr keinen Sinn hat.

Und wie der Mönch, so besteht auch die Psyche aus einem unbedingten Glauben an die Möglichkeit der Bestimmung ihrer Lebenswelt. Sie muss sich darin regen, um ihre Erregungen zu übertragen, sich einbringen als fleischlicher Geist, um begeistertes Fleisch zu ernten. Darin kehrt sich nun das Verhältnis ihrer Regungen zu ihren Erregungen in ihrer Tätigkeit um: Sie erweckt durch ihre regsame Geisteskraft eine Sinnlichkeit, wie sie sie für sich braucht - und verbraucht. Hier erweckt sie Liebe, deren Sinn verschlossen bleibt, dort Hass, der völlig unsinnig ist, dort Vertrautheit, die keine Fremde kennt. Es herrscht die Einverleibung von Allem und Jedem ... Die Psyche verschmilzt alles in sich zu einer Gemeinschaft der Selbstgefühle, die sie erst richtig aufgehen lässt und worin eine seelische Identität entsteht, die sich von aller Wirklichkeit abhebt, wiewohl sie nur durch diese sich erst bildet. Sie erzielt ihre Macht nicht durch ihre Inhalte für sich oder durch eine sogenannte "innerpersönliche Identität", dem Zusammenwirken von persönlichen Instanzen (wie z.B. "Ich, Es und Über-Ich" bei Sigmund Freud), sondern durch die Erzeugung von Sinn, der die Selbstverwirklichung der Menschen, auf die sie sich bezieht, zur Ohnmacht zwingt. Es ist die Macht ihrer Selbstvergegenwärtigung überhaupt, die durch die Verhältnisse gebildet wird, die sie setzt und bestimmt.

Von der Wirklichkeit her erscheint diese Welt, die so entsteht, unfassbar. Darin lassen sich Menschen nutzen, ohne irgendeinen Sinn dafür zu haben, was ihre Nutzung bestimmt. Sie tun es aus Liebe oder Hass oder sonstwelche Regung, in der die eingefangen sind. Die Psyche eben erfüllt höhere Zwecke und der profane Leib, den sie für ihre Absichten auserkohren hat, weiß nichts von seiner hohen Bedeutung. Er scheint das Leben lediglich zu bebildern, ist in Wirklichkeit aber der höchste Sinn, den es bekommen kann. Er wird einverleibt aus seinen Sinneszusammenhänge heraus und in einen seelischen Zusammenhang gestellt, von dem er nichts wissen kann. Darin ist die Ungewissheit der Psyche wirklich aufgehoben. Sie bekommt Sinn darin, was sie begeistern kann, was sie in Regungen und Erregungen zu versetzen versteht, ohne dass hierbei ein wirklicher Sinn entstünde, den es noch nicht zuvor gegeben hätte. Im Nachhinein wird mancher feststellen, das es vergebliche Lebenszeit und Lebensmüh gewesen war, die der Psyche geopfert wurde.

Umgekehrt gibt es im Seelischen das Problem, dass jede seelische Beziehung einen Sinn hat, ohne den sich die Psyche verlieren müsste. Sie hat eine umfassende Verlustangst, während sie sich als Psychenmacht über die Sinne fühlt. Aber nur dort hat sie ja wirklich Sinn. Das macht sie vollständig von dieser Sinnenwelt der Wirklichkeit abhängig. So selbständig, so unbedingt und ungewiss sie sich gegen diese errichtet hatte, so gewiss und bedingungslos muss sie ihr jetzt folgen. Alles, was sie fühlt und spürt, treibt sie von dieser zu jener Wirklichkeit, zu diesem oder jenen Menschen, der ihrem Bestreben genügen muss, indem sie ihm genügt. Die Psyche betreibt nun selbst eine Wahrnemung, die solche Genügsamkeit einlösen muss. Es ist eine getriebene Wahrnehmung, in der sich vor allem der Körper rührt, welcher dem seelische Subjekt verblieben ist. So herunter gekommen er ist durch die Einfältigkeit, zu der er von ihr bestimmt ist, so überwertig macht er sich durch die Gewalt seiner abstrakt gewordenen Sinne geltend: Als ihr Trieb. Sie ist getrieben von ihren eigenen Wahrnehmungsorganen, um weiterhin ihrem Glauben nach höchster Erfüllung nachzugehen.





121.3. Die Selbstbehauptung der Selbstverwirklichung



Wenn alle Inhalte zwischenmenschlicher Wirklichkeit von dieser getrennt sind, so hat sich Selbstverwirklichung in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht das Selbst kann sich verwirklichen, sondern das, was es sinnlich und wirklich ist, bestimmt ein Verlangen nach Verwirklichung, wovon es beherrscht ist. Das ist nicht aus der Natur der organischen Bestrebungen bestimmt, nicht aus der Sexualität an sich, nicht aus einem Macht- oder Geltugsstreben an sich oder anderes. Es ist ein rein ästhetisches Verlangen nach Selbstgefühlen, die nicht aus einer eigenen Empfindung kommen, sondern in der Identifikation fremder Empfindungen für die eigene Gefühlswelt, aus der Negativität der Selbsterfahrung, die ohne andere nichts ist und nur Nichtung erfährt, sucht sie nicht die Anwesenheit von Menschen wie eine Naturalform ihrer Selbstgefühle anzueignen, die sie durch ihre psychischen Bestrebungen für sich verdichten. Der Prozess der Selbstverwirklichung wird daher jetzt angetrieben von einer entfremdeten Empfindungwelt, worin alles, was die Selbstgefühle für sich waren, nun erst durch Empfindungen erreicht werden kann, die Gefühle eigenen Lebens durch fremdes Leben erwecken und hervorrufen.

In dieser inzwischen völlig ungegenständlichen Lebenswelt werden die Menschen zu Subjekten ihrer Gier nach sich selbst, in welcher eine Natur rein hervortritt, die sich ebenso von ihrer Lebenswirklichkeit enthoben hat wie ihre Emfindungen. Darin strebt alles danach, sich selbst zu finden, und was als Selbstverwirklichung erscheint, ist nichts anderes, als eine Befriedigung, in welcher die Selbstfindung ein Gefühl bekommt. Und dieses Gefühl hebt die Menschen über sich hinaus, lässt sie sich selbst als eine Naturmacht erscheinen, in welcher sie zu sich gefunden haben und die ihr ganzes Befinden ausfüllt. Sie erleben ihr Natur als ihren Himmel, weil sie sich dabei selbst als ein Wesen erleben, das sich seiner eigenen Wirklichkeit - zumindest zeitweise - überheben kann. Solche Selbstverwirklichung kann sich aber nur durch setzen, indem sie sich zur Selbstbehauptung ermächtigt, jede Selbstwahrnehmung so ermöglicht, dass sie sich auch mächtig behaupten kann.

Selbstbehauptung ist schon jenseits der Selbstwahrnehmung eine Notwendigkeit der Konkurrenz in Lebensverhältnissen, in denen sich Lebenswerte durch die Ausschließlichkeit von gesellschaftlichen Positionen durchsetzen, die gegeneinander bestimmt sind. Sie ist zum einen in einer auf der Privatexistenz gründenden gesellschaftlichen Wirtschaftsform, der so genannten freien Marktwirschaft, nötig. Zum anderen setzt sie sich in zwischenmenschlichen Verhältnissen zugleich gesellschaftlich durch, um darin einem Geltungsstreben zum Erfolg zu verhelfen, das den existenziell minderwertig bestimmten Personen einen persönlichen Selbstwert vermittelt.

Doch eine Behauptung ist eine bloße Unterstellung, also ein Vorgriff auf ein Dasein, das sich aus einem abstrakten Sein heraus erst zu stellen hat, sich erst durch seine Herstellung erweisen kann. Sich selbst zu behaupten kann daher nur nötig sein, wo ein Verhältnis nicht von und für die Menschen da ist, also darin nicht als menschliche Beziehung, sondern nur in einer ihnen fremden Form existiert. Die Menschen sind in ihrer Unbezogenheit, ihrer ihnen gleichgültigen Beziehung nur getrennt von einander erkennbar und müssen sich in ihrer einzelnen Beziehungslosigkeit behaupten, um sich zueinander verhalten zu können. Ihre wirkliche Beziehung findet nur "hinter ihrem Rücken" durch ein ihnen fremdes Wesen statt, das dadurch sich verwirklicht, dass die Menschen sich in ihrer Beziehung ausschließen und sich zugleich in ihrer Ausschließlichkeit als Individuen einer abstrakten Vermittlung verwirklichen.

Eine Selbstbehauptung ist also schon durch die isolierte Existenz der gegeneinander konkurrierenden Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft nötig. Für sich - also subjektiv - will sie zugleich eine Selbstbeziehung verwirklichen und so mächtig machen, wie es der Selbstwahrnehmung unter der Bedingung des Geldbesitzes möglich und dem entsprechenden Geltungsstreben nötig ist. Das allgemeine Geltungsstrebens in der Preisbildung auf den Warenmärkten, das aus der Konkurrenz der Wertrealisierung begründet ist, setzt sich im Geldbesitz auch subjektiv fort, wo es Selbstgefühle nötig haben. Soweit diese sich durch ihren ästhetischen Willen bewerten, haben sie sich in einem Geltungsbedürfnis entwickelt, das es nötig hat, sich im Gegensatz zu seinesgleichen zu behaupten.

In seiner zwischenmenschlichen Wirklichkeit kann das Selbstgefühl nämlich kein Hochgefühl der Vereinzelung darstellen. Es stellt einen ästhetischen Mangel der Selbstwahrnehmung dar, die sich aus der Wahrnehmung abgehoben hat (siehe auch Minderwertigkeitsgefühl), die also nichts mehr von dem empfinden kann, was sie fühlt, weil das Gefühl sich ihr sowohl vorausssetzt, wie es auch aus der Notwendigkeit der Selbstverwertung durch ihren Selbstwert bestimmt ist. Die Selbstwahrnehmung bestimmt die Wahrnehmung von da her aus der Konkurrenz der Selbstgefühle so, wie sie sich als Formbestimmung zwischenmenschlicher Beziehungen wahrmachen und sich hierdurch selbst wahrhaben können (siehe hierzu Egozentrik).

Das Geltungsstrebens, das aus solcher Konkurrenz der Selbstgefühle hervorging und sich durch seinen ästhetischen Willen zu einem Geltungsbedürfnis entwickelt hatte, hat es auch nötig, sich im Gegensatz zu seinesgleichen zu behaupten. In seiner zwischenmenschlichen Wirklichkeit kann das Selbstgefühl nämlich kein Hochgefühl der Vereinzelung darstellen. Es stellt einen ästhetischen Mangel der Selbstwahrnehmung dar, die sich aus der Wahrnehmung abgehoben hat, die also nichts mehr von dem empfinden kann, was sie fühlt, weil das Gefühl sich ihr sowohl vorausssetzt, wie es auch durch ihren Selbstwert bedtimmt ist. Es ist ihr Widerspruch, der sich Geltung veschaffen muss. Das Selbstgefühl existiert daher erst durch dessen praktische gesellschaftliche Bestätigung in seiner allgemeinen Gültigkeit objektiv. und bietet von daher die Grundlage für das Bedürfnis nach Geltung (siehe Geltungsbedürfnis), welche das Selbstgefühl verlangt, um sich im Allgemeinen behaupten zu können.

Das stellt die Selbstbeziehung in die Notwendigkeit, sich nicht nur gegen die Einwirkungen der anderen zu schützen und zu verteidigen, sondern sich auch durch die Verwertung ihrer Fähigkeiten und Eigenschaften zu bestärken, sich zu veredeln, In der Psychoanalyse werden darunter so genannte "Ich-Funktionen" zusammengefasst, die dort allerdings aus einem Konflikt zwichen "Über-Ich" und "Es", also innerpsychisch und von daher mythologiesiert abgeleitet werden.

Doch der Boden dieser natürlich scheinenden Selbstüberhebung ist in ihrer Wirklichkeit die Aufhebung aller Selbstverwirklichung, ist eine grenzenlose Zerschmelzung an Selbstgewissheit, die sich aus dem Erleben, was nichtig geworden ist, nun wie eine Naturmacht über das menschliche Leben stellt und schließlich die Wahrnehmung beherrscht. Es ist die Totalisierung des Selbsterlebens, was nun wie ein natürliches Verlangen nach Selbstaufhebung positiv erscheint, als Glückseligkeit vereinter Körperlichkeit, worin keine Erkenntnis mehr stört: Trieb, wie er sich als Naturtrieb aus dem Innern der Psyche nun hervortreibt. Die Form ihrer entwirklichten Wahrnehmung greift bestimmend auf ihre Naturgestalt über. Ihre Formbestimmung erscheint daher nun natürlich.





121.3.1 Das Prinzip der Einverleibung (Die haptische Psyche)



Selbstgewissheit ist in der Entwirklichung der Selbstwahrnehmung nicht mehr aus Selbstgefühlen heraus möglich. Sie besteht nurmehr als Identität anwesender Sinne, also darin, dass die Menschen sich sinnlich identifizieren. Das aber geschieht nicht im Bewusstsein oder Wissen, sondern als Notwendigkeit, sich leiblich aneinander und durcheinander zu vergewissern. Was bislang noch wirkliches Erleben war, ist nicht mehr als dieses existent, wenn Menschen nurmehr sich im anderen leben können. Ihre Triebe haben von daher ihre Welt verloren und vereinigen lediglich organisch, was ihnen in Wirklichkeit genommen ist. Eigener Sinn ist nurmehr Sinn durch andere. Ohne den anderen Menschen erscheint jede Beziehung verloren. Das erregt, was nicht mehr Regung sein kann. Zur Ruhe kommt diese allein durch Berührung, in welcher nicht mehr Begegnung, sondern pure Einverleibung durch die Organe der Wahrnehmung selbst stattfindet.

Ihre Beziehung ist entgeistert und wird nur in ihrer Negation, in der sinnlichen Symbiose begeistert, indem sie hierdurch schlicht anders ist, ohne sich auf anderes beziehen zu können. Sie ist in ihren Objekten verschwunden und durch sie bestimmt, weil sie dort ihre Verdichtung, ihre Selbstverneinung als Beziehung, ihre doppelte Selbstbeziehung sucht: Sich selbst als völlig anderes und doch nur für sich seiendes. Die Selbstwahrnehmung hat sozusagen "ein Loch", welches nur durch die Vergewisserung von Anwesenheit der Objekte der Begierden gestopft werden kann. Jedes Gefühl, das dabei aufkommt, ist daher mit dem Verlangen gepaart, mit sie zu spüren, um ihrer immer gewiss und habhaft zu sein. Jede Berührung wird von daher zur Vergewisserung einer Anwesenheit, wie sie ja auch der letztlich Inhalt abstrakter Sinnlichkeit ist: Das Verlangen, sich hierdurch gegen jede sinnliche Identitätslosigkeit zu bewahren und auch eine Identitätslosigkeit zu bewähren, die ohne dies nur Minderwertigkeit zulässt. Die Berührung wird zur Verwirklichung eines Verlangens nach ästhetischer Identifizierung, also nach einer Verschmelzung in der Körüerform selbst, die sich als diese auch zum Inhalt der Empfindung macht: Tastsinn pur, in welchem andere Menschen als das zu spüren sind, was sie nicht sein können, schlichte Leiblichkeit körperlicher Anwesenheit. Es ist die Vergewisserung der bloßen Anwesenheit ungeteilter Sinne, die in Wirklichkeit nicht möglich ist, weil deren Selbstwahrnehmung scheitern müsste, weil die ihre Selbstüberhebung durch zerteilte Sinnlichkeit scheitern und die Psyche als Subjekt enttäuschen müsste. Das haptische Verlangen als solches begründet daher eine Logik der Einverleibung, welche sich in den Gestaltungen der Selbstbeziehung bis hin zu ihrer Persönlichkeitsform ihrer körperlichen Verhältnisse entfaltet. Von daher ist es die Grundlage des psychischen Prinzips, sich zu einer eigenen Persönlichkeit durch die Einverleibung zwischenmenschlicher Beziehungen zu bilden.

Haptik entsteht aus den Gewohnheiten des Tastsinns und nutzt ein wesentliches Moment der Wahrnehmung eines Gegenstands, wie er unmittelbar zu haben ist, ganz gleich, was darin auch wahrgehabt wird. Im Design greift die Werbung und Mode dies auf, um eine Trennung von Wahrhaben und Wahrnehmen, von Gefühl und Empfindung zu überbrücken. Dies lässt Empfindungen selbst als Gefühle erscheinen, lässt sie somit als Momente der Psyche wahr sein (siehe Scheinwelt), was immer ihre Wahrheit in Wirklichkeit auch sein mag.

In der Mode, beim Wohnen, in Grafik und Werbung macht Haptik die Welt der Gefühle aus, die sie zum Nutzen der Selbstwahrnehmung verdichtet und in ihrer Anziehung aufbaut und als Reize auch verbraucht, welche das Bedürfnis nach Einverleibung erwecken und dessen Sache zum Fetisch verfestigt, ihren Gegenstand zu einem Ding macht, das man haben muss und welches das Individuum umschmeichelt, um ihm sein Selbstgefühl zu veredeln (siehe Selbstveredelung).

Im Design ist Haptik nur noch im Gedächtnis, dafür aber in einer allgemeineren Form vorhanden und erzeugt eine Anwesenheit, die nicht das ist, was als Erleben versprochen scheint, die also nichts ist, als die bloße Nähe, die nur die Dichte eines Gefühls ausmacht - und es ist deshalb so flüchtig wie die Wahrnehmung ohne Empfindung eben sein muss, um locken zu können. Für die Wahrnehmung bedeutet dies eine Überhebung des Gefühls, für das Subjekt des Designs ein überhobenes Selbstgefühl. Insgesamt wird hierdurch Wahrnehmung bestimmt und einem Zweck unterworfen, der mit dem Selbstwertgefühl arbeitet und hantiert, indem es Selbstunterwerfung verlangt.





121.3.2 Die Selbsterfüllung der Sinne



Alle Gewissheit und damit auch jedes Gewissen ist darin aufgehoben, dass die Sinne sich ihrer selbst vergewissern können, dass sie wie reine Erregungen erscheinen und sich in der Befriedigung derselben finden und empfinden. Weil sie nichts mehr empfinden außer sich selbst, erfüllt sich ihre Selbstvergegenwärtigung auch durch sie selbst und dies hat kein anderes Selbst zum Inhalt, als die Selbsterregtheit der Sinne.

Doch diese ist durch eine Selbstaufhebung begründet, die alle zwischenmenschliche Beziehung in die bloße Selbstwahrnehmung getrieben hatte. Von daher verliert sich das sogenannte Zwiaschenmenschliche jetzt auch endlich in der rein ästhetischen Form der Selbstwahrnehmung, welche jetzt tatsächlich als das sinnlich erfüllte Leben erscheint. Diese ist letztlich das Resultat der Verdichtung, welche die Selbstwahrnehmung durchlaufen hat. So bestimmt die Selbstwahrnehmung nun durch ihre Getriebenheit erscheint, so abstrakt ist sie für sich geworden. Der Inhalt aller wirklichen Beziehungen besteht nur noch der Form nach wirklich, wenngleich auch nichts anderes dringlicher ersehnt ist, als ein wirklich erfülltes Leben.





121.3.3 Die Egozentrik (oder der Trieb zur ästhetischen Identität)



Jede Erregung entsteht aus Regungen heraus. Doch diese sind nun selbst schon dadurch erregt, dass sie keinen anderen Sinn als den ihrer natürlichen Form mehr ausmachen. Von daher löst sich in ihrer Befriedigung nicht eine wirkliche Regung mehr auf, sondern es tilgt sich eine Erregung durch eine andere. So ganz für sich genommen erscheint die Erregung als biologische Uhr, die wieder nach Erlebensstoff verlangt.

Der Prozess ist im Grunde beliebig bestimmt, wenn nur dieser Stoff der Einverleibung von Verschmelzungserlebnissen beikommt. Der Grund des unendlichen Bedürfnisses hiernach liegt in dem Selbstverlust, den solche Tilgung von Erregtheiten nach sich zieht. Zwar tut das dem Selbstwertgefühl keinen Abbruch, weil es sich selbst in der Triebbefriedigung naturalisiert hat. Aber es reduziert die Möglichkeit, es durch Selbsterkenntnis zu bewegen. Die Menschen schließen sich in ihrer Getriebenheit ab, indem sie sich einander als Objekte ihrer Begierden öffnen.

Doch als diese Objekte unterstellen sie sich einer Wahrnehmung, in welcher sich die einzelnen Selbstgefühle treffen, worin sie ihren Frieden daadurch finden, dass sich ihre Selbstwahrnehmung dem ästhetischen Prinzip beugt, das sie bestimmt, sich also nurmehr in einer ästhetischen Selbstwahrnehmung findet, in der sie aus ihrer unendlichen Erregung heraus zu einer ästhetischen Identität kommt, zu einer belebten Wahrnehmung in der Verschmelzung der Selbstgefühle.

In diese geht viel erregtes Leben ein. Von daher hat die Notwendigkeit solcher Verschmelzung, welche sich aus der Anhäufung der Regungen ergibt, eine gewaltige Kraft. Doch sie tritt nicht mehr als bloße Erregung auf. Sie hat die Gestalt ihrer Beziehung in der ästhetischen Selbstwahrnehmung, worin sich die Regungen nun wirklich auflösen. Der Trieb zur ästhetischen Identität ist die gewendete Triebform der Selbstgefühle, woraus sich nun eine Zielbestimmung der ganzen seelischen Aufregung ergibt: Die seelische Beziehung, in welcher Menschen ihren gemeinschaftlichen Selbstwert finden, ihre vergemeinschaftete Selbstgefühligkeit, eine für sie ästhetische Selbstbeziehung durch die Beziehung auf andere.


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