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122. Das ästhetisches Selbst
(Die Psyche als Gedächtnis der Selbstgefühle)

Lebendige Sinne verwirklichen sich in einem Leben, das sich durch ihre Bedürfnisse und ihre Arbeit gestaltet, erweitert und seine Tätigkeit und seinen Genuss ausbreitet und findet, sich selbst auch in solcher Lebensgestalt gegenständlich empfindet und die Menschen in ihren Sinnen bereichert, ihre Tätigkeit leidet, weil sie darin leidenschaftlich verwirklichen und wirken, sich ohne Zweifel als menschliche Wesen vergegenständlichen und aich als diese also auch wirklich wahrmachen. Wo sich Wirklichkeit aus menschlicher Tätigkeit, aus der sinnlichen Verwirklichung ihrer geistigen wie leiblichen Wesenskräfte ergibt, können diese sich auch in ihrer gegenständlichen Welt wirklich leiden. Sie finden dort ihre Sinne in weltlicher Sinnlichkeit, als verweltlichte Sinnlichkeit, als weltlicher Sinn, ihr Wesen als gegenständliches Wesen, ihre Natur als ihre Vergegenständlichung, als gegenständliche menschliche Natur. Was sie seelisch bewegt ist nichts anderes als das, was sie an und in dieser Welt begeistert.

Ganz anders die Getriebenheiten ästhetischer Notwendigkeiten, welche die Psyche auf sich geladen hat, weil sie sich aus der Geisterwelt isolierter Verhältnisse der Selbstgefühligkeit errichtet hat. Diese ist nur abstrakt sinnlich, bezieht sich jedoch zugleich in ihren Absichten zwar ästhetisch, und doch ganz körperlich auf ihre Welt, auf die zwischenmenschlichen Verhältnisse, in denen sie wirken kann, ihre Wünsche bildet und ihre Erfüllung in soweit erlebt, wie sie Menschen findet, die sich dieser Welt der Selbstwahrnehmungen auch unterordnen.

Psyche ist ein Begriff aus dem Griechischen (ursprünglich für "Atem, Hauch"), das umgangssprachlich als erlebnismäßige Umschreibung der "Belebtheit" einer ganzen Person hergenommen wird und sich von daher vom Begriff Seele unterscheidet, worin die Mystifikation der Selbstwahrnehmung noch in ihrer Ursprünglichkeit des Wähnens formuliert ist. Tatsächlich fassen sich in der Psyche als inneres "System der Belebtheit" die Erinnerungen an Erlebnissen als eine eigene Welt der Gefühle so zusammen, wie sie sich aus den Eindrücken isolierter Existenzen durch ihre Seibstgefühle ergeben, die ihre Äußerung und Äußerlichkeit hinter sich gelassen haben und getrennt von ihrer Wirklichkeit im Hintergrund ihres Bewusstseins wie aus dem Zusammenleben einer abwesenden Wahrheit entfalten. Es ist das Zusammenleben der ungelebten Wirklichkeit ihrer Selbstwahrnehmung, wie sie durch ihren unbewusst gebliebenen Antrieb eigene Wirkung als "innere Wirklichkeit" entfaltet, weil und wo sie nicht wirklich da sein kann. Darin gelten die wahrnehmbaren Einzelerscheinungen persönlicher Lebensäußerungen in dem, was sie getrennt von ihrem wirklichen Leben "im Sinn haben", und worin sie zusammengefasst werden als das, was in dessen Abwesenheit sein soll (siehe auch Unbewusstes, Gefühl, Seibstgefühl, Absicht, Wunsch, Bedürfnis, Denken, Traum, Geist).

Die Psyche ist von da her die Versinnlichung eines unwerfüllten und also abwesenden Selbstgefühls im Gefühlszusammenhang einer Sinnerfüllung von Erinnerungen, die nach einem Erleben streben, die ihrem ästhetischen Willen nur folgen können, wo sie sich durch hiervon bestimmte Ereignisse verwirklichen lassen. Im Bestreben ihrer Wunscherfüllung betreibt sie eine mehr oder weniger offensichtliche Ereignisproduktion, durch die sie die Nacht bei Tag erlebt, allerdings auch oft den Tag zur Nacht macht (siehe hierzu auch psychische Depression). Ihre Wünsche sind Vorstellungen als Bildungen und Bilder, die in ihrer Wahrnehmung gefühlt werden, also dort real erscheinen, wo ihrem unerfüllten Selbstgefühl ein Wahrnehmungsgegenstand entspricht.

Nicht dieser Gegenstand hat darin Wirkung, sondern der Wunsch, der unverwirklicht ist. Und in dieser Trennung von ihrem Gegenstand wirkt die Wahrnehmung auf sich selbst durch ihre Illusionen, durch die alles so schön oder hässlich erscheint, wie darin ihr Wunsch illuminiert ist. Wiewohl ihre Wünsche sich scheinbar frei gestalten, so sind sie dennoch vor allem Reflexionen, die aus dem inneren Mangel bestimmt sind, den jede ästhetische Verwirklichung enthält und an dem sie sich auch selbst reflektiert. Im Unterschied zu einem Bedürfnis ist ein Wunsch die Reflexion ihrer Not, ein ungegenständliches Verlangen, dass Leben schlicht anders sein soll als es ist, - nicht von Wirklichkeit und Gegenständen behelligt, sondern den psychischen Absichten entsprechen soll.

Ein Wunsch ist selbst schon ein Produkt der Psyche, resultiert aus der Notwendigkeit, ihre unausgefüllte Getriebenheit durch einen Sinn zu ersetzen, den die Psyche nicht durch sich selbst haben kann, weil sie eben nur durch ihre nichtig gewordenen Selbstgefühle zu dem getrieben ist, was ihre Wünsche schließlich in Wahrheit ausmachen: Sie will die Aufhebung ihrer Selbstentfremdung, betreibt aber durch ihre Abwendung von sich nur ihre Verkehrung, weil sie ihre Wahrheit nichtet und von daher aus dem Gedächtnis der Selbstgefühle Wünsche veranlasst , die in Wahrheit ihre Gegenwärtigkeit verkehren, nur ihre Unwirklichkeit betreiben und antreiben.

Diese Triebe der Psyche haben nichts mit einer geistigen Selbstverwirklichung der Menschen im Sinn. Sie suchen einzig eine Befriedigung als Befriedung, eine Versöhnung ihrer Erregungen, welche die Selbstgefühle für die Notwendigkeiten der Einverleibung ihrer Welt verlangen. Sie zehren dabei Leben auf, sowohl ihr eigenes sinnliches Leben, wie auch das der anderen Menschen, welche sie als Gegenstand ihres Verlangens nutzen. Es ist der leibhaftige und auf sich selbst zurückgekomene "Sinn des Habens", der nicht nur Fleisch geworden ist, sondern auch fleischliches Erleben als seinen ausschließlichen Nutzen für sich empfindet. In ihm offenbart sich die Entleerung des Erlebens nun auch als Entsinnlichung der Selbstwahrnehmung. Diese wird schal in dem Maß, wie die Erzielung von Befriedigung die Psyche verausgabt.

Nur was für sie in der Beziehung auf andere Sinn bekommen hat, macht den Bestand des Friedens ihrer Sinne aus, wie diese Beziehung auch zugleich selbst durch ihre eigene Notwendigkeiten den Unfrieden ihrer Selbstbezogenheit erzeugt. Die Sinne mögen sich zwar in ihrem Selbsterleben ernähren, aber sie verzehren zugleich das, was sie in Erregung bringt. Wiewohl sie beständig Sinn durch andere suchen und finden, reicht ihre Befriedigung nicht zur Erfüllung ihres Lebens hin, zur Selbstverwirklichung der Psyche, die sie gesucht haben. Die Psyche selbst kann sich nur in der Abstraktion ihres Verlangens verwirklichen; ihre Absichten erzeugen Verhältnisse, in denen sie nur die Verwirklichung vieler Absichten vorfindet, die nicht den Sinn erfüllen können, den sie suchen. Ihre Empfindungen kommen nie an ihr Ende, also finden niemals zu Ende, was sie suchen. Sie verspüren dies als Lebensmangel, der all ihre Wahrnehmungen, ihre Empfindungen und Gefühle, vor allem von dem trennt und entwertet, was Selbstwert ausmacht.

Tatsächlich ist die Bereicherungsssucht ihrer Triebhaftigkeit ihre Armut, die Einfalt ihrer Psyche in der Vielfalt menschlicher Sinnlichkeit. Sie muss nach Erleben gieren, weil sie in der Tat nicht wirklich leben kann. Sie verbraucht Ereignisse, Reize, Erlebnisse und Lebenserfahrung nur in der Absicht, nicht in das Loch zu fallen, dass sie sie durch sich selbst in ihrem Leben fortwährend erzeugt. Durch ihre Getriebenheiten bekommen die Menschen Selbstwertprobleme im Verhältnis zu anderen Mensch, weil sie dort zum einen Sinn für sich suchen und zum anderen bereits dessen Aufhebung in sich tragen als Begierde der Erneuerung. Sie kennen also schon in ihrer Beziehung auf andere ihre eigene Unsinnigkeit, ohne den Unsinn ihrer Absichten im Allgemeinen erkennen zu müssen. Im Gegenteil: Allgemein erscheinen sie sich wie die Leibhaftigleit einer Selbsterneuerung durch zwischenmenschliche Beziehungen, durch Ausweitung ihrer sinnlichen Körperwelt, durch Verdichtung ihrer Selbstwahrnehmung in der Anwesenheit und Bezugnahme vieler Menschen. Zugleich aber entwickeln sie die Unterwerfung in einen Selbstwer, der für sie immer weniger Sinn macht.

Das so entstandene Selbstwertproblem rekuriert nicht auf einen schon vorhandenen Selbstwert, dem zuwider gehandelt worden wäre. Umgekehrt: Es ist dessen Ursprung, seine Geburt. Das Verlangen nach Selbstwert entsteht nun überhaupt durch die sinnliche Selbstverlorenheit, welche die Psyche hinterlässt. Ihm gilt es, sie selbst zu überwinden, sich seelisch zu resozialisieren, indem sie sich als Person sozialisiert, d.h. in eine entsprechende zwischenmenschliche Beziehung tritt, in welcher sie vor allem sich selbst als eine Ganzheit ihrer sinnlichen Lebenszusammenhänge zu finden, gleich, was diese hierbei alles verlieren und aufbrauchen. Die Keimform der zwischenmenschlichen Persönlichkeit ist das Erleben ihrer Psyche selbst, wenn eigenes Handeln darin erfolgreich ist, welches der Triebbefriedigung höheren Wert verleiht.

Die Wirklichkeit ist hierbei vollständig gleichgültig und hat mit einer Persönlichkeit erst später und nur insoweit zu tun, dass sie sich auf zwischenmenschliche Wirklichkeit bezieht. Dass eine Persönlichkeit aus einem "Ich" bestünde, das die "Innenwelt" mit der Realität in Beziehung zu setzten und zu vermitteln hätte, macht Freuds vorstellung von einem "psychischen Apparat" vollständig, an welchem ein dubioses Realitätsprinzip durch das "Ich" hantiert. Es ist das Bild des bürgerlichen Individuums, das sich bestenfalls als Händler begreifen kann. Natürlich ist es zugleich bestrebt, seinen Seelenhandel zu beschönigen und als Notwendigkeit einer Realität und Kultur zu verkaufen.

Das "Ich" als solches ist eine Gedankenabstraktion, Substantivierung eines Personalpronomens, das eigentlich schon in seiner Tätigkeit bewiesen und aufgehoben ist. Ich denke, also bin ich; ich liebe, also bin ich, ich spreche, also bin ich usw. Wenn es eine Abstraktion in solcher Tätigkeit gibt, dann kann es sich nur um die Form einer Selbstbeziehung handeln und in dieser Leere muss man sie als Selbst bezeichnen.

Indem sich Menschen im Mangel gegen sich selbst begegnen, werden sie in der Bildung im Gefühl ihres Selbstwerts tätig und produzieren Erlebnisse, die sie sinnlich erfahren machen, ihnen eine sinnliche Lebenswelt erzeugen, in der sie sich in ihrer Selbstbezogenheit bestätigt sehen und darin Selbstwertgefühle haben, dass sie möglichst alles von sich ausschließen können, was dem nicht dient. Diese Gefühle speisen sich daher aus einem für die Verfeinerung der Befriedigung gelungenen Handeln, letztlich aus der Verfeinerung selbst, die mit entsprechendem Verhalten eins wird. Das Selbstwertgefühl ist daher die erste Bestimmung der zwischenmenschlichen Persönlichkeit, welche ihren Grundcharakter prägt. Dieser ist damit zunächst nichts anderes als die Gestalt eines verfeinerten Erlebens, eines Sinnes, der über die Triebbefriedigung hinausragt und die Sinne belebt. Aus solchem Gefühl gewinnt die Persönlichkeit aber nicht nur Sinn, sondern sich selbst als Inbegriff ihrer Sinnlichkeit. Sie wird dadurch etwas Ganzes, was Sinn auch für sich selbst hat. Und dies vor allem macht ihre Stärke aus, bildet ihren Charakter. Im Verhältnis zu anderen Menschen macht dies Eindruck und wird hierdurch zu einem seelischen Selbstgewinn.

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122.1 Das Verlangen der Einverleibung als notwendige Absicht der Psyche

Einen abstrakten Sinn, einen Sinn an sich gibt es nicht wirklich; es gibt nur Sinn für etwas, für einen Gegenstand oder einen Menschen. Und um Sinn kann es daher auch nicht wirklich gehen. Auch nicht um Abstraktion als solche. Es geht um das Wirklichkeitsverhältnis abstrakter Sinne und also darum, was sich sinnlich an Abstraktion verwirklicht, wie sich also die Absichten der Psyche vergegenwärtigen, wie sie durch ihre Gegenwärtigkeit die Wirklichkeit ihres zwischenmenschlichen Verhältnisses bestimmen.

Schon in ihrem Selbstgefühl war vom sinnlichen Gehalt ihrer Gegenwart abstrahiert; jetzt aber abstrahieren sich die Menschen auch wirklich durch einander, indem sie sich wechselseitig in ihren Eigenschaften erfassen und nutzen, sich dort finden, wo sie sich verloren haben, sich dort spüren, wo sie für sich nichts sind, also sich in einer sinnlichen Form empfinden, die sie als bloße Gefühlsform haben können, für die sie keinen wirklichen Sinn haben und in der alle wirklich sinnlichen Beziehungen untergangen sind. Es geht um die Habtik der Gefühle als solche, um die Einverleibung menschlicher Gegenwärtigkeit in der psychischen Absicht, den Erregungen isolierter Selbstgefühle Regungen zuzuführen, welche ihnen Sinn verschaffen.

In der Einverleibung der Sinne ergibt sich eine Befriedigung, die darauf beruht, dass isolierte Sinne zusammenkommen, dass die Psyche in Not gerät, wenn sie sich nicht einfinden und dass sie ihre Not verliert, wo Einverleibung gelingt. Es ist nicht wirklich sinnliche Not, die hier gewendet wird, sondern die Not einer sinnentleerten Psyche. In ihrer Befriedigung hebt sich im Grunde nur der abstrakten Mangel auf, ihr Mangel an Sinn schlechthin. Die Isolation der Sinne ist vorübergehend aufgebrochen, aber im Leben der Menschen bleibt sie solange bestehen, wie ihre Verhältnisse auf Selbstgefühlen beruhen.

Wo die Psyche nicht sinnlich war, da wurden die Selbstgefühle zu platter, d.h. beziehungsloser Sinnlichkeit, zu einer Errregung, die nur noch auf ebenso schlichtes Erleben zielt. Es waren vielerlei Wahrnehmungen, Gefühle und Regungen, welche die Psyche ausgefüllt hatten, bevor sie den Standpunkt selbstgefühliger Sinnlichkeit einnimmt und sich auf ihr habtisches Begehren reduziert. Doch hierin hat nichts mehr Sinn als die eigenen erregten Sinne. Ihnen geht es nicht mehr um die Erfüllung ihrer Empfindungen als Verwirklichung eine Beziehung in den Momenten des Bezogenseins, ihnen geht es um die Herstellung ihres Friedens, um die Tilgung der Erregung in einem Gefühl des Sinnlichseins überhaupt, um die ganz besondere Sinnlichkeit, welche sich über die Sinne zu erheben kann, die in der Lage ist, jedweden Sinn zu irgendeiner Form der Selbstvergegenwärtigung zu nutzen. Die Abstraktion der Selbstwahrnehmung wird darin sinnfällig, dass sie keine Empfindung und kein Finden erträgt, dass sie sich selbst also ausschließlich durch ihre Gefühle trägt, die sie durch das Fühlen anderer hat. Ihre Anwesenheit tut not und das Verlangen hiernach ist identisch geworden mit dem Erlangen eigener Identität, die nichts anderes als ein Beisichsein durch andere ist. Befriedigung erscheint als Notwendigkeit, als Sollen und Sein-Müssens des Ereignisses, was die Erregtheit selbstverlorener Sinne bestätigt und tilgt: Selbstgewinn. Die körperliche Vereinigung, so kunstvoll sie auch betrieben sein mag, wird lediglich als mehr oder weniger erhöhte Form der verdichteten Anwesenheit betrieben, eine innige Nähe ohne sonderliche Geschichte und getrennt von aller sonstigen sinnlichen Wirklichkeit.

Dennoch kann alle Wirklichkeit hierein verschwinden, jeder Unfriede wieder untergehn, jede Auseinandersetzung versiegen und die Erkenntnis, die gerade noch zu dieser Beziehung bestand, versiegen. Indem der Körper seine Begierde tilgt, löst er auch allen Psychenschmerz auf. Durch die Befriedigung sinnlicher Begierden, die durch seelische Not vermittelt ist, wird deren Leib zum Mittel der Psyche und also für sich entgegenständlicht. Es ist keine leibliche Verwirklichung, sondern eine Selbsterfüllung der Leiblichkeit, welche seelisch vermittelt und erzeugt wird, welche also den Notwendigkeiten der Psyche, ihrem Selbstgefühl als Glaube ihrer Selbstverwirklichung, entspricht. So verschafft Befriedigung zugleich einen Mangel an wirklicher Leiblichkeit, an leiblicher Gegenständlichkeit. In ihr verliert der Leib den konkreten Sinn, den die Befriedigung abstrakt gefunden hat. Gerade das, was an der Psyche besonders sinnlich scheint, betreibt das Gegenteil: Die Entsinnlichung ihrer Organe. Sie werden für sich als Organe der Erkenntnis stumpf, indem sie der Psyche zur Verfügung stehen müssen. Der abstrakte Sinn erfüllt sich darin, dass er in Ermangelung wirklicher Beziehung einen Mangel an leiblicher Wirklichkeit erzeugt, der wiederum sinnliches Verlangen weckt. Die getriebene Wahrnehmung wird somit selbst zu einem Trieb, der in der Wahrnehmung und ihren Organen haust.

 

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122.2 Selbstgewinn und Selbstverlust

Man kann sich nicht selbst gewinnen. Wer sich im Erleben gewinnt, gewinnt sich vor allem durch andere, durch das, was er hierbei für sie ist, was er für sie verkörpert und was sie hierdurch von ihm wahrnehmen. Was eine solche Person für andere ausdrückt, das macht den Eindruck aus, den sie erweckt. Das ist zunächst äußerst relativ, abhängig von dem, was jemand erwartet, kennt oder nötig hat. Es ist ihm auch soweit völlig äußerlich, wie es mehr ist, als er von sich her wirklich verkörpert, mehr von dem, als was sein Leben in seinem Körper ausdrücken kann.

Dass dies sein kann, beruht auf dem Eindruck, den er macht. Um Eindruck zu machen, muss ein Mensch erst mal von sich Abstand gewinnen, also sich von dem entfernen, was er selbst für sich zum Ausdruck bringen könnte. Er muss eine gefällige Form annehmen, um zu gefallen oder auch um ins Auge zu fallen, er muss Wahrnehmung von sich erzeugen, wie sie seinem Selbstwert entspricht, um ihm Selbstwertgefühle zu vermitteln. Nur aus einer bestimmten einer Ferne zu sich, aus der heraus sich ein Mensch verhält, kann er die Assoziationen von Wahrnehmung bestimmen, kann er ihr Zusammenhänge verleiehen, die sie für sich nicht hat. Sein Verhältnis zu anderen Menschen erzeugt ihr Verhältnis zu ihm nach Maßgabe seines Bedarfs an Selbstwertgefühl.

Je ferner zu sich er in diesem Verhältnis sich äußert, je weiter weg er von sich ist, desto dichter ist die Assoziation der Gefühle, die ihn betreffen. Sie drücken die Dichte aus, in welcher Menschen Objektivität erfahren, Eindrücke kennen, ohne sie wahrzunehmen. Es drückt die Dichte ihrer Lebenserfahrung so aus, wie sie als Eindruck beabsichtigt ist, wie also ihre Lebenserfahrung und Gewohnheit mit einer Erscheinung von sich umgeht. Das kann den Menschen, der dies beabsichtigt, mehr oder weniger genau betreffen, ist aber insgesamt auch mehr oder weniger zufällig auf ihn bezogen.

Indem ein Mensch sich hierauf bezieht, wenn er einen "guten Eindruck" machen will, verfolgt er den Zweck, die Wahrnehmung der Menschen von ihm seiner Selbstwahrnehmung zu unterwerfen, Wahrnehmung nach ihrem Maß zu bestimmen uns durch sich an sich zu ziehen. Er sucht hierdurch mächtig Eindruck zu machen und durch seine Eindrucksmacht Beziehung zu Menschen zu finden, die ohne diese sich nicht mit ihm befasssen würden. Damit gewinnt er sich als Mensch für andere, der er nicht ist. Seine zwischenmenschliche Beziehungen werden ihm zu einer Erscheinung von sich, worin er erst wirklich das Selbstgefühl hat, das er für sich nötig hat. Er wird, wie er sich sehen will. Das ist die häufigste Form zwischenmenschlicher Beziehung. Jeder wird darin das, was er für sich sein will. Aber damit wird er zugleich ungemein abhängig nicht nur von seinem Eindruck auf andere, sondern von ihnen selbst. Wenn er sie nicht mehr haben sollte, ist er auch für sich selbst nichts mehr.

Das liegt vor allem daran, dass er seine Selbstwahrnehmung hiernach ausrichtet und sie auch nur durch andere, auf die er Eindruck macht, wirklich hat. Was er aber zudem immer fürchten muss ist, dass sie ihm zu nahe kommen, dass sie ihn in dieser Wirklichkeit seiner Selbstwahrnehmung auch wirklich wahrnehmen. Um einen Selbstverlust zu vermeiden, muss er sich nach dem richten, wie man sich aus der Ferne verhält, miteinander umgeht und Genüsse teilt, die man für sich nicht nötig hat, die man aber in vergemeinschafter Wahrnehmung findet. Der im Grunde vollständig exzentrisch gewordene Mensch erprobt seine Wirkungen und genießt seine Erscheinung. Und das tun dann auch alle, die sich auf dieser Stufe der Selbstbildung befinden. Ein jeder durchläuft sie mehr oder weniger intensiv und viele bleiben darin hängen. Es entsteht hierin eine ungeheuere Gier nach Gefühlen, worin Selbstwert entsteht, weil dieser das eigentliche Ziel der Selbstwahrnehmung war iund immer noch und immer vollkommener ist.

 

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122.3 Die Notwendigkeit der Selbstvergegenwärtigung

Einen "Selbstgewinn" kann es eigentlich ebenso wenig geben, wie einen "Selbstverlust", denn eine Selbstbeziehung hat kein wirkliches Selbst als sinnliches Subjekt, das wirklich und stofflich etwas verlieren oder gewinnen kann. Es ist lediglich eine Beziehungsform, die man für sich selbst gültig macht und dabei Sinn gewinnt oder verliert, also im Grunde etwas sehr Geistiges. Aber dieses Geistige ist lediglich der Rückstand einer körperlichen Sinnentleerung. Die Regungen, welche durch Reize des Erlebens in den Begierden der Selbstbeziehung entstanden waren, sind rein körperliche Erregungen, welche die begehrliche Ästhetik zwischenmenschlicher Bezogenheit ausgelöst hatte. Der Inhalt dieser Beziehung aber sind Gefühle, die als solche keine Gegenwart haben, sich aber in erregenden Regungen reproduzieren. Sie treiben die selbstverlorene Wahrnehmung zu Inhalten, die lediglich aus dieser Erregtheit bestehen. Aus Menschen werden Typen, aus Kleider Schönheit und aus Schönheit wird eine Leiblichkeit, die ihren Körper lediglich erinnert und die Erinnerung signalisiert. Die Selbstwahrnehmung ist smit in einer Ästhetik verfangen, welche in den Selbstgefühlen die Selbstverlorenheit nur noch fortbestimmt, keinen Selbstwert mehr vermittelt, sondern sich alleine aus dem begeistert, was sie erregt. Es ist dies im Grunde eine Wahrnehmung ohne irgendeinen bestimmten Inhalt, lediglich Gegenwart eines Gefühls, das durch seine Geschichte und Herkunft noch eine erregende Wirkung für eine in sich geistlose Wahrnehmung hat.

Erregend ist also nicht die wirkliche Beziehung, welche ein Wahrnehmungsgegenstand auf den wahrnehmenden Menschen hat, sondern der ästhetische Widerhall, worin sich die Sinne selbst an erregenden Wirkungen der Selbstwahrnehmung begeistern. Dem Inhalt nach ist solche Erregung keine Regung, die aus einer gegenständlichen Beziehung entsteht, die sie in sich fortentwickelt. Es ist eine Beziehung der eigenen Sinne auf ihre Sinnesgeschichte, welche in der Form der Erregung durch fremde Sinnlichkeit für die Waahrnehmung erst gegenständlich wird. Die fremde Gegenständlichkeit ist ihr lediglich das Medium, worin sie auf sich selbst zurückkommt.

Das Selbst erleidet somit seine Inhaltlosigkeit selbst als Erregung gegen sich: Es ist ohne Gegenwart für sich. Alleine die Selbstvergegenwärtigung durch ästhetisch angestachelte Wahrnehmung trägt es fort, Erinnerung als Verinnerlichung. Diese Selbstvergegenwärtigung ist eine Einverleibung der Reize, wie sie der Erinnerung noch gegenwärtig sich und die sie auch als Eigenes und nur als dessen Wahrnehmungsform eigener Gefühle und Sentimentalitäten erinnert. Was dieser Form entspricht, muss anwesend gemacht, beigeschafft werden, was dieses bewegt und bewirkt, muss beigetrieben werden. Es sind die vielen Abwechslungen, die dem verlorenen Selbst auf die Sprünge helfen, die Bewegung erzeugen, wo sonst bloße Erregung verbliebe, die Abwechlung bieten, wo die Gewohnheiten niederschmetternd wahrgenommen werden. Es siind dies aber lediglich die Prothesen des Durchhaltens einer Selbstwahrnehmung, die sich nicht mehr nötig hat und von daher unendliche Anforderungen an alles andere stellt. Und dieses ist damit unendlich nötig geworden.

Von daher verliert sich die Selbstbezogenheit insgesamt in der Entgegenwärtigung des eigenen Erkenntnisvermögens. Es wird in dem Maße stumpf, also dumm, wie es sich dem "gewonnen Selbst" übereignet. Erkenntnis kann ohne sinnliche Gegenwart nicht sein, kann auch als theoretisches Vermögen darin nur einschläfern und einschlafen. Das "Glück der Begierden" ist zum Unglück der eigenen Wahrheit geworden. Man könnte nun beginnen, durch die Wahrnehmung hindurch auf Erkenntnisse zu kommen.

Aber innerhalb der Begierden wird die Selbstbeziehung sich selbst abstrakt. Die Menschen müssen daher ein Verhalten entwickeln, das jenseits allen Erkenntnisvermögens eine Selbstbezogenheit betreibt, die keinen Sinn mehr macht, sondern nur noch Sinn vernutzen kann. Die Selbstbeziehung wird zu einem Betrieb, worin alle Begierden sich im Zweck der Selbstvergegenwärtigung zu einem Verhalten entwickeln, das keinen Sinn mehr hat, aber Sinn durch andere anzueigenen versteht. Es kennt von daher zwar keinen wirklichen Sinn mehr, aber es gestaltet sich als seelische Sphäre in einer Art und Weise, wodurch sinn verschmelzen können, fremdes und Eigenes unterschiedslos wird und der Sinn als bloße Abstraktion Raum füllend wird.

Das Selbst gerät daher selbst in Not, wenn es diesen Raum nicht füllen kann, wenn es nicht zumindest als Tatsache Sinn findet, zum Beispiel durch empfindende Menschen, die sich tatsächlich dem Selbstbetrieb überlassen, also auch derselben Not folgen müssen, in welchen isolierte Sinne geraten - auch wenn sie keinen Seelenraum hierfür haben. Die Selbstvergegenwärtigung wird somit zu einer Art Selbstbefriedigung, worin der Nutzen der Begierden darin wahr wird, dass sie sich gegenseitig aufzehren und darin vorübergehende Ruhe finden - Frieden bis zum nächsten mal.

Und das scheint nun auch sehr natürlich zu sein, gerade so, als ob dies Geschichte wäre, so eine Art Naturgeschichte. Der Antrieb der Sinne deckt sich zumindest der Form nach mit ihrer sinnlichen Tatsache, dass sie auch vor aller Kultur Begierden kennen. Die Kenntnis dieser Tatsache selbst macht die wechselseitige Selbstbefriedigung zu einem natürlichen Akt - wenn auch ohne Brunstzeit und nicht unbedingt mit Kämpfen um das geeignete Erlebnis, also ohne all das, was ansonsten menschliche Kultur ausmacht. Dies ist prinzipiel überall möglich, wo sich "naturhafte" Sinnlichkeit einfindet und finden und empfinden lässt. Es erscheint ja nun als Notwendigkeit eines "Biorhythmus", dass sich alles zu wiederholen hat und dass also "Geschichte" auch nur aus Wiederholung bestehen kann.

Das Selbstwertgefühl, das durch solche Naturempfindungen entsteht, erscheint sich daher selbst wie die Wertigkeit der eigenen Natur, wie eine mehr oder weniger gut gelungene Naturerscheinung. Wer heirin keine hohe Werte erzielt, muss sich minderwertig fühlen. Es zeigt sich schließlich, dass es Selbstwertgefühle nur gibt, wo und inwieweit Menschen das eigene Erkenntnisvermögen ihrem Selbstwert übereignen. Vor allem geben sie darin die Möglichkeit und Fähigkeit der Selbsterkenntnis ab, deren Basis der Selbstzweifel wäre.

 

Weiter mit Buch I: 123. Die Selbstverwertung