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Teil III: Die Ästhetik der Selbsttäuschung
Abschnitt 1:
Die Sittlichkeit der Kulturverbindlichkeiten

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0. Einleitung in die Sittlichkeit des Überlebens

In der einfachen Selbstwahrnehmung hatten die Menschen sich zunächst vor allem zu sich als Träger eigener Wirklichkeit verhalten, sich selbst an ihrer Wirkung auf einander beseelt. In ihrer abgeschlossen Lebenswelt wurden sie darin auch selbst verpflichtet, so zu sein, wie sie füreinander sein müssen, um mitteinander auszukommen. Für sich steht nun die Selbstwahrnehmung daher ganz im Mangel ihrer Empfindungen: Man kann nichts mehr finden und empfinden, was man nicht in diese Verhältnisse der Kultur eingegeben hat. Was die Menschen für sich und was sie füreinander waren und daher ausschließlich miteinander zu tun hatten, ist nun getrennt von ihrer sinnlichen Wahrheit. Diese ist jetzt selbst die Grundlage ihrer Verhältnisse als Sinnesgestalt ihres Tuns und Lassens. Sie haben sich also vollständig als das wahr, indem sie in sich wahrnehmen, was sie von anderen Menschen auch wirklich haben.

Um in sochen Verhälnissen Empfindungen zu haben, müssen sich die Menschen auf einer Ebene finden, auf der ihre Begegnung selbst schon ein Umstand ihres Erlebens ist, der durch das Gewöhnliche ihrer Verhältnisse, also durch Gewöhnung an sie gewonnen wird. Was sie für sich fühlen, ist nurmehr eine Objektivität ihrer Gefühle, ein Kosmos ihrer Gefühle, in dem sie sich einlassen müssen, um Wahrnehmung für sich zu haben. Um nicht an der Selbstaufhebung ihrer Gefühle zugrunde zu gehen, müssen sie sich selbst in ihrer Begegnung äußerlich werden. Was das Leben ihrer Gefühle ist, erscheint nun selbst als Empfindung, wird als das wahrgenommen, als was man sich wirklich wahr hat. Hierdurch bekommt die Selbstwahrnehmung wieder einen Sinn. Indem die Menschen ihre Gefühle empfinden, wird die Wahrnehmung sich selbst zum Gegenstand und erscheint in diesem verkehrt. Sie erkennt sich somit in ihrer Verkehrung als Träger ihrer Erkenntnis, die nurmehr eine verkehrte Selbsterkenntnis sein könnte, würde es sie wirklich geben. In der verkehrten Form erkennen die Menschen zwar nach wie vor ihre Gefühle, aber lediglich in der Form, in der sie sich hierbei fühlen. Indem sie sich zu anderen und über andere zu sich verhalten, verhalten sie sich vor allem in einer fortwährenden Versachlichung ihrer Wahrnehmung. In dieser Versachlichung erfährt die Wahrnehmung erst ihre innere Notwendigkeit und Vernunft, ihre notwendige Selbstbeschränkung, um aus sich herauszutreten und zu einem wirklich in sich gekehrten Gefühl zu werden: Zu einer Sittlichkeit, worin Hören und Sehen vergangen ist.

Was sich in der Verrücktheit noch in seiner Wirkung und Wirklichkeit verkehrt hatte, war ein wirklich verkehrter Sinn geworden und kehrt auch die Sinnfrage zu einer Frage nach einer notwendigen Vernunft des ganzen Kulturverhältnisses um. Aus der Haltung gegen verkehrten Sinn entsteht die Sitte, die der pervertierten Selbstbehauptung, wie sie dem aussgeschlossenen Sinn noch möglich war, nun eine kulturelle Selbstbehauptung entgegen hält, die sich schließlich hiergegen zu eine Sinn entwickelt, der sich selbst vernünftig zu gestalten sucht, zu einem übernatürlichen Sinn, zu einem Sinn, der so natürlich erscheint, wie er über die Natur verfügen muss, in welcher sich die Sinne verstellen.

Alles, was die Hochkultur an Gewohnheiten und Brüchen darstellt, ist der gigantischer Versuch einer übersinnlichen Selbstbeherrschung, welche die Gewohnheiten aus den Gegebenheiten der Lebensumstände zu den tragenden Mächten der Kultur werden lassen. Was Brauchtum und Sitte hierin entwickelt haben, woriin also Menschen ihre Sinne in allgemeiner Form bewahren konnten, das wird nun zur Macht des gegebenen Lebens gegen alles, was in der Kultur selbst als sinnlos erscheint.

Es geht in der Abhandlung der Sittlichkeit darum, wie diese sich aus den Gewohnheiten bildet und zu einer abstrakten Selbstverständlichkeit wird und was sie schließlich zu einer gesellschaftlichen Substanzwerden lässt, aus der sie ihre Macht über Menschen bezieht. Es ist die erste Form einer Allgemeinheit, worin Hochkultur mächtig wird. Und dies wird auch die Grundform von dem sein, worin sich die Menschen ihrer eigenen Kulturform beugen.

Erbrachte noch im ersten Band die Entwicklung des Begriffs der Wahrnehmung eine flexible Persönlichkeit, so wird diese nun gänzlich darin verschwinden, dass sie nur durch eine gesittete Kulturverbindlichkeit unter Menschen sein kann, dass sie also in der Bindung an ihre gesellschaftliche Selbstüberhöhung nur sich behaupten kann. So kommt es, dass gerade diese Felexibilität zu einer Herrschaftsform des Allgemeinen wird. Niemand hatte das bisher besser beschrieben als George Orwell, der darin den "Großen Bruder" entwickelt sah.

Alle kulturellen Verhältnisse von Persönlichkeiten der Selbstwahrnehmung leben früher oder später hierin und beginnen, ihre Sinne zu tauschen und zu vermengen. So treten sie zwar aus ihrer Isolation heraus, aber ohne diese aufzugeben. Sie heben diese lediglich in Beziehungen auf, worin es ihnen gelingt, sich in ihrem Erleben herauszuheben, als existente Persönlichkeiten zu überleben. Denn dies allein schützt sie noch vor der allgemeinen Niedertracht, welche in der Herrschaft der Selbstigkeiten aufkommt. Die Menschen beginnen, sich dadurch fortzuentwickeln, dass sie eine überragende Existenz ihrer selbst mit einem Sinn füllen, der vor allem praktisch für das Überleben in solchen Verhältnissen ist.

Hierdurch vermitteln sie ihr Leben und bezwecken ihre Lebensvermittlung in einer höheren, einer erhabenen Sinnlichkeit. Nicht ihre Lebensäußerungen gestalten ihr Leben, sondern in der Gestalt ihrer Lebensvermittlung erleben sie es wie gottgegeben.

Doch beginnen wir erst mit der einfachen Naturbestimmung der kulturvierten Sinnlichkeit. Diese besteht daraus, dass jede Persönlichkeit in ihren Begierden nun einfach und persönlich getrieben erscheint. Diese Getriebenheit drückt sich in der Abwesenheit von der Wahrnehmungswelt nun in der Naturalform der Sinnlichkeiten aus. Die zwischenmenschlichen Beziehungen der kultivierten Persönlichkeit ist nun also wirklich das, was sie ist: Die Entleibte Natur ihrer Absicht, die ihre Absicht als ihre Natur hat. Es sind keine abwesenden Sinne, es ist die Entleibte Lebenswelt selbst, die nun die Begierden selbst zu zwischenmenschlichen Notwendigkeiten entäußert hat. Sie sind zu einem notwendigen Verlangen geworden, ihre Beziehungen in der Naturalform ihrer Sinne nicht nur zu erhalten, sondern darin ihre Kultur zu naturalisieren. Hierzu werden alle Naturalformen der Sinne durchlebt und deren Inhalte selbst zu einer zwischenmenschlichen Lebensform, z.B. zur Ehe und dergleichen, worin das Gattungsleben nun als rein natürliches Begattungsverhältnis erscheinen kann. Der Sinn aller Sinne ist der Sinn, worin der Mensch auf sich selbst unmittelbar zurückkommt und wodurch er auch sich selbst zugleich erneuert, reproduziert und vermehrt: Der Geschlechtssinn. Hierin vollzieht sich diese naturhafte Rückbeziehung der zwischenmenschlichen Natur vollständig. Er wird daher zum ersten Inhalt der zwischenmenschlichen Persönlichkeit.

Es geht nun darum, die Formverwandlung einer Kulturbestimmung zur wesentlichen Natur eines Verhältnisses des Überlebens erst mal nachzuvollziehen. Wir werden darin den Prozess der Selbstentleibung nachzuzeichnen haben, wie er im Kampf um die eigene Wirklichkeit sich gestaltet, um schließlich herauszuarbeiten, was hierbei zu einer überragenden Sinnesmacht werden kann.

Zunächst erscheint es noch absurd, dass die Flexibiltät einer Sitte zur Macht kommen kann, kennen wir doch Sitte zunächst nur als kategorisches Prinzip, als gewöhnliche Moral oder praktische Vernunft. Doch in der Kulturverhältnissen selbst ist alles anders, man lehrt dem Mores, der nicht Hören will. Aber wo alle hörig sind, da wird es die Macht einer prominenten Kultur werden, welche die Menschen in ihrem ganzen Lebenszusammenhang zusammenschließt.

 

Weiter mit Teil III. 1.1 Das gewöhnliche Menschsein