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330. Einleitung in die Massenkultur einer übersinnlichen Gesellschaft als Kulturstaat

Es war in diesem Band der Kritik der politischen Ästhetik zunächst das zwischenmenschliche Verhältnis der Menschen nun auch wirklich objektiv abstrakt und allgemein geworden (siehe auch abstrakt Allgemeines), indem es für sich selbstlos geworden war und nurmehr sich sittlich, also nach dem Brauch und den Gewohnheiten des allgemein gewordenen Lebens vergesellschaften musste. Schließlich konnte es seinen Lebenszusammenhang in dieser Form eben auch nur aus einem Sinn beziehen, der allen gemein sein muss und der daher auch in sich keine andere Gewissheit kennen kann, als den Gemeinsinn.

Ein Kulturstaat setzt die vollständige Entfremdung der politischen Kultur von ihrem Sinn voraus, die sich aus den Massengefühlen zu einer selbständigen Gefühlsmasse deformiert hat, in der sich die selbstlos gewordenen Menschen in einem ununterscheidbaren Gemeinsinn zusammenfassen, um darin gleich zu gelten, sich in ihrer Gleichgültigkeit gegen sich selbst anzugleichen. Darin heben sich die Gegensätze der individuellen Selbstwahrnehmungen auf, die in ihren unendlich gewordenen Kämpfen als eine allgemeine Bedrohung empfunden werden, und von daaher zu einem Gefühl des Staates, zu einem Selbstgefühl der Politik verallgemeinert werden, durch das eine dem entsprechende politische Form statuiert wird. Diese kann nur noch aus der Kultur, bsonders aus dem Gemeinsinn ihrer Lebenswerte bezogen werden und als ein übermenschlicher Maßstab bürgerlicher Sittlichkeit politisch durchgesetzt werden. Es ist also die politische Macht und Gewalt, die sich darin formiert, nicht ihr kultureller Bezug.

Im einzelnen bietet ein Gemeinsinn eben auf Dauer auch keine Gewähr, existiert als bloße Bestimmung für alle, die sich daran ausrichten, weil und sofern sie darin gut gestimmt sind und ihre Stimmung allgemein bewährt finden, sich gut gestimmt darin einfinden und empfinden können. Aber diese Empfindung erkennt sich in Gefühlen, die nur ein höheres Wesen haben, ein gefühltes Gemeinwesen außer ihnen selbst, an das man nur durch die Gegenwärtigkeit von Menschen glauben kann, die in Wirklichkeit einander gleichgültig sind und nur ein abstrakt Allgemeines verkörpern können, an das man glauben muss, um nicht ausgeschlossen, ausschließlich in der Empfindungslosigkeit eines isolierten, von jedem Gemeinsinn abgetrennten Selbsterlebens zu verharren.

Wenn der gesellschaftliche Zusammenhang politisch nicht mehr darstellbar ist reiben sich die Meinungen darüber in unauflösbaren sozialen Widersprüchen auf, sodass sie jeden Sinn verlieren, eine ohnmächtige Wahrnehmung erzeugen, die schließlich durch ihren ästhetischen Willen auf ein Gefühl zurückgreift, das ihrem Ressentiment gegen das wirklich andere entspricht, um ihrer Selbstgerechtigkeit zu genügen (siehe auch Religion). Was im Ressentiment noch im Besonderen negativ wirkt, verallgemeinert sich darin positiv zu einer Persönlichkeit, die sich aus der Masse verselbständigter Selbstgefühle speist - vornehmlich mit einer autoritären Substanz ihres ästhetischen Willens (siehe autoritärer Charakter). Diese ersucht politische Macht. Von daher vermengen sich in ihrer Masse Selbstgefühle mit dem bürgerlichen Selbstverständnis, das sich in Massengefühlen zur Gefühlsmasse eines verkehrten politischen Verstandes zusammenfassen lässt und darin ihren Sinn als Gesinnung findet, der sich in dieser Gemeinschaft der Massen wie ein Gemeinsinn empfinden lässt. Was im Zweifel des Dafürhaltens noch relativ war, wird darin absolut.

Gesinnung ist eine entäußerlichte Reflexion von Sinnlichkeit, die Spekulation auf einen Sinn, der nicht durch sich, sondern allgemein für andere, also allgemein nur abstrakt ist, ein Sinn ohne Natur, ein Übersinn oder die Haltung eines übersinnlichen Verhaltens. In der politischen Kultur bildet sie sich aus einer abgeschlossenen und ausschließlichen Meinung, als eine Lebenshaltung, die für sich beansprucht, eine allgemein verbindliche sinnliche Wahrheit zu formulieren. Hierdurch wirkt sie als ein ästhetischer Wille, der auf gleichgeschalteten Meinungen in dem Sinn beruht, der für irgendwelche Zwecke einer Notwendigkeit eines äußerlichen Gemeinsinns als eine allgemeine Versinnbildlichung einer veräußerten Meinung verpflichtend erscheint. In Wahrheit aber verfolgt Gesinnung einen Zweck der Verwaltung, will subjektiv scheinende Notwendigkeiten gegen Absichten verfolgen, die das Auseinanderstreben der Meinungen durch ihre gegensinnigen und dadurch gleichgültig gewordenen Bedeutungen, die logische Konsequenzen ihrer Entzweiungen und der kritischen Analyse ihrer Zertrenntheit und Zersplitterung verhindern sollen. Das Verhältnis der Meinungen verrät schließlich auch in der Wählermeinung einer repräsentativen Demokratie, was das an und für sich gleichgültige Dafürhalten letztlich ist: Ein guter Glaube als Glaube an das Gute. Und das trifft dann auch besonders gut auf die sachlichen Verhältnisse der politischen Ökonomie und ihrer Krisen und bestärkt diese, wie sie sich selbst durch sie bestärkt.

Von da her sind die Menschen gläubig geworden, um sich in diesen Verhältnissen einen Sinn zu vermitteln, der sie übersinnlich begründen konnen sollte. Dieser Sinn war ja immerhin schon zu einer objektive Form einer allgemeinen Selbstveredelung in einem ästhetischen Willen wirksam geworden, der sich zu einer Heilskultur, zu einer Kulturmacht der Selbstheilung quasi esoterisch fortentwickelt hatte, bis diese im Sog ihres Unheils sich als Massenbedarf nach einer heilen Welt als das herausstellen musste was sie sich nur unter allen in der Versammlung ihrer Gefühle, im Massengefühl ihrer Bestimmtheit als Allgemeinheit ihrer Stimmung bestätigen und bewähren kann.

Erst jetzt aber kann sich dieser Bedarf durch seine Institutionalisierung auch verwirklichen, sich wirklich wahr machen, indem er zum Inhalt eines Kulturstaats wird. Darin erfährt er jetzt einen politischen Lebensraum, in dem sich alles aufhebt, was von wirtschaftlichem Nutzen war, was ihn aber sinnlos gemacht hatte, weil die kapitalistische Wirtschaft selbst den Notwendigkeiten ihres Wertwachstum nicht wirklich allgemein folgen kann.

Die politische Kultur hat von da her nun auch in dieser Form ihren politischen Willen als politischen Raum, als gesellschaftlich bestimmten Lebensraum, durch den sie als reine Kulturgemeinschaft die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmen kann, auch wenn und gerade weil sie weder Sinn noch Nutzen für die Menschen hat. Aber hierin können sich die allgemeinen Formationen der Selbstwahrnehmung in ihrer Gegensinnigkeit vereinen, wie sie in ihrem jeweiligen Trieb zwischen Selbstverwirklichung, Selbstbehauptung und Selbstbeherrschung allgemein entwickelt wurden, und sich nun aus sich selbst heraus, also sich in ihrem Widersinn gegenseitig bestärken und reproduzieren.

Dies Ganze hat jetzt eben seinen inneren wie auch seinen äußerlichen Grund. Mit den Verwertungskrisen des Geldes schwindet der Nutzen der Wirtschaft für die Menschen und es verstärkt sich ihre Existenzangst im Allgemeinen. Was sie in ihrer Eigennützigkeit als Persönlichkeit ihrer zwischenmenschlichen Lebensverhältnisse erwerben konnten, erscheint damit ebenso bedroht, wie sie darin im Einzelnen auch immer weniger Sinn finden können. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse einer Gesellschaft zusammenbrechen, bleibt mit der Erfahrung ihrer Nichtung im Allgemeinen die Wahrnehmung einer Selbstauflösung im Einzelnen. Da ihre Kultur nur noch als Lebenszusammenhang durch diese Wahrnehmung in der Form ihrer Selbstwahrnehmung bestätigt werden kann, bestimmt sich darin nun auch deren Allgemeinheit als Selbstgefühl einer allgemein bedrohten Subjektivität fort, als Allgemeingefühl einer bedrohten Kultur überhaupt, als Massengefühl einer überdimensionalen Selbstauflösung, die als Gefühlsmasse einer Massenkultur zum Objekt eines jedweden Populismus wird. Dieser kehrt die Ursprungssehnsucht einer Scheinwelt, welche die heile Welt des ästhetischen Willens ausgemacht und endlos gemacht hatte, in die Heilserwartung einer übermenschlichen Auflösung aller Vernichtungsängste, zur Formation einer endlich allgemeinen rein politischen Lösung, zur allgemeinen Vorstellung einer Endlösung durch politische Kulturmacht.

Diese Allgemeinkultur bezieht ihre politische Kraft nur mehr aus der gesellschaftlichen Not einer Gesellschaft, die nicht mehr für die Menschen politisch handeln kann, weil sie als wirkliche gesellschaftliche Macht der Menschen zerstört ist. Der politische Wille soll dadurch verwirklicht werden, dass er ihrer wirklichen Vernichtung ästhetisch entgeht, dass er die Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit selbst nichtet. Sie wird von daher zum Zentrum aller politischen Aufmerksamkeit, die weiterhin auch eine Aufmerksamkeit der politischen Ökonomie bleibt, die sich aber in der Wahrnehmungsform der bedrohten Selbstbezogenheit vor allem kulturell auswirkt. Politische Ökonomie und politische Ästhetik münden auf diese Weise in einen Fokus, welcher mit dem Begriff einer Volkskultur aufgerufen wird, und von daher den politischen Begriff des Volks mit dem kulturellen Volksbegriff gleichsetzt. Dies führt zur Kulturform einer allgemeinen Institutionalisierung, welche sich nicht mehr aus den Selbstgestaltungen der Menschen und ihren zwischenmenschlichen Beziehungsformen, auch nicht mehr nur aus ihrer Selbstlosigkeit, sondern aus ihrer Überflüssigkeit als Mensch begründet.

Das Volk wird zu einem Kampfbegriff als Kulturbegriff, indem es für einen gesitteten Allgemeinwillen steht, der als Wille einer allgemeinen Sittlichkeit zu einer allgemeinen Gesinnung werden soll, zur sittlichen Institution jedweder Sinnlichkeit. Hierdurch wird deren Güte als Ästhetik ihres Willens konkret und praktisch, ihre Ethik zum seelischen Beweggrund, alles Seelische dem Volk als ein ästhetisch geadelter Allgemeinwille unterworfen und ihr Geist staatlich übereignet. So bieder hierdurch das Leben der Menschen wird, so geistlos erscheint es aus der Natürlichkeit des Lebens schlechthin begründet. Der kultivierte Begriff des Volkes will die Naturmythologie einer Sittlichkeit, wie sie allgemein gewollt wird, dogmatisieren. Jetzt geht es um das praktische Verhältnis dieses Prozesses, der Bildung einer Gesinnung.

Die Wirklichkeit im Leben der Bevölkerung ist als einfache Lebenspraxis vollständig abgetrennt vom der Sittlichkeit des Willens. Es ist für eine Kultur, die sich zu einer Ästhetik des sittlichen Willens verselbständigt hat, lediglich äußeres Lebensmoment, also Stoff für diesen. Von daher bildet er sich heraus zu einer praktischen Förmlichkeit, zur Gesinnung, die vom Standpunkt einer "Volkskultivation" auf die Menschen übertragen werden muss, die zu einem Prinzip ihrer Lebensführung wird - nicht, weil es finstere Agenten so wollen, sondern weil die für sich selbst empfindungslos gewordenen Menschen dies zu ihrer quasireligiösen Selbstverklärung nötig haben, um darin Gesellschaft zu bilden. So wird solche gesellschaftliche Notwendigkeit selbst zu einem Mittel der Vergesellschaftung abstrakt menschlicher Sinnlichkeit.

Durch sie verläuft die konkrete Selbstfindung der einzelnen Menschen der sich darin als Moment einer besonderen Art, einer Rasse finden muss. Darin wird die Kultur zu einer artigen Allgemeinhheit, auf welche alle Menschen zurückkommen müssen, um in Gesellschaft zu sein. In den Ritualen dieser Gesellschaft füllen sich alle Seelen mit der Masse des sittlichen Willens und werden zur Massenpsyche. Darin steckt das Ganze des beseelten Volkes als übermenschliche Erwartung, als Heilserwartung, deren Sehnsucht jetzt auch gesellschaftliche Wirkung erfährt, also Wirklichkeit wird. Im Übermenschen regeneriert sich zwar kein wirklicher Mensch, aber die Seele wird als Gleichschaltung der Masse darin wirklich und also für jeden einzelnen zur wirklichen Existenzgrundlage - und damit zur Macht gegen jedes Leben.

Gesinnung

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