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332. Die Staatskultur als Heilsprinzip
(Die Übermenschlichkeit des Volksganzen)

Mit der Gesinnung war die politische Form eines Volksganzen als notwendiges Interesse der Bürger einer Nation herausgestellt, die sich als Kulturvolk bestimmen. Es war hierdurch eine Ganzheit unterstellt, die sich nur gesinnungsgemäß realisieren ließ, indem dieser Begriff ein Volk für ausgemacht befand, das es weder wirklich noch in Wahrheit gibt. Der Kulturbegriff des Volkes hat selbst schon den Mangel in sich, der in jener Ganzheit des ästhetischen Willens, in der Totatlität einer Heilserwartung begründet ist: Ein "Kulturvolk" kann sich nur als Ganzes bestimmen, wenn es sich gegen seine Gebrochenheit vereint, wenn es die Widersprüche und Kämpfe seiner sozialen Verhältnisse der abstrakten Gewalt einer Volkseinheit unterwirft, die eine Gemeinschaft überhebt, die sich überhaupt nur gegen die Verunsicherung, die Armut, die Not als Formation eines Gemeinwillens erhebt. Und dieser kann seine wirklichen Verhältnisse daher auch nur negativ darin bestimmen, dass sie sich die Menschen gegen ihre eigene Gebrochenheit, gegen ihren Selbstverlust vereinen; und dies wiederum kann sich nur gegen sie selbst wenden, indem sich die "Volksgemeinschaft" aus ihrem wirklichen Leben herausgesetzt, also zu einem fremden Wesen wird (siehe auch Fremdenfeindlichkeit), gegen das sich nun auch jeder wie von selbst verstehen lässt. Indem sich Menschen hiergegen wenden, sich als Volk behaupten ("Wir sind das Volk"), begründen sie sich gegen ihre wirkliche Kultur. Die wird dadurch verbraucht, dass sie in einer politisch allgemeinen Bestimmung aufgehoben wird, die alles in Dienst nimmt, was kulturelle Wirkung hat und populistisch prominent gemacht werden kann, namentlich die Medien, die Kunst und der Sport. Darin werden nun alle sozialen Verhältnisse der Wirtschaft, der Kultur und des Staatswesens vereint. Und darin wird der Zerfall des repräsentativen Parlamentarismus, der sozialen Integrität und der Wählermeinung aufgelöst und vereint in einen bloßen Edelmut einer unwirklichen - aber sehr wirksamen - Allgemeinheit, dem Volk mit seinen Volksgenossen. In ihrer sich selbst verstärkenden Not sitzen ja nun auch wirklich "alle in einem Boot" (A. Hitler).

Es hatte schon Grund genug gegeben, der Masse des ästhetischen Willens jede Grundlage in der Masse des Volkes abzusprechen. Nun wird gerade dies umgekehrt zur Notwendigkeit eines Ganzen in der Gebrochenheit der Masse. Die beseelte Kulturgesinnung, wie sie im völkischen Rassismus begründet worden war, verlangt notwendig nicht nur nach einer "Volkskultur", was immer das auch sein mag, sondern nach einer Verdoppelung des Heils, nach einer heilen Ganzheit, wie sie im Rassismus schon angelegt ist. Dieser entsteht nicht aus dem Ganzen, sondern aus dem Gebrochenen, aber er entwickelt das Heilsprinzip in der Beziehung auf ein Ganzes, das für sich nicht heil sein kann. Jetzt muss es sich als Gesinnung bewähren und wird zu einer positiven Kulturmythologie der völkischen Seele.

Das ist icht nur irgendeine ideologische Vorstellung, sondern eine politische Notwendigkeit der Kultur: Die Heilskultur. Darin ist die Art und Weise vergangenen Lebens zur Bedingung einer Kultur geworden, die es noch gar nicht gibt. Die Kultur, welche immer Vergangenheit hat und von daher auch als Konserve des menschlichen Lebens bewährt ist, wird so zugleich zu einer Vision des heilen Volkes, was sich in der Ideologie eines fundamentalen Konservatismus sich artikulieren lässt. Als diese Vision war die Sittlichkeit des ästhetischen Willens zur Ethik einer Volksseele geworden. Doch das war bloße Spekulation. Nun geht es um deren wirkliche Macht, wie sie aus dem Volksganzen gewonnen wird.

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332.1 Die Massenpsyche

Im 2. Abschnitt hatte sich durch die Entäußerung der Selbstgefühle zu einer Aufhäufung des ästhetischen Willens, durch die Akkumulation einer gesellschaftlich gebildeten Gefühlsmasse aus ihrem Massengefühl eine Kulturpersönlichkeit gebildet, in der sich eine politisch notwendig gewordene Ästhetik an Menschen verkörpert, um deren Ohnmacht zu veredeln, damit zu negieren und sich hiergegen mächtig darzustellen. Der vereinzelte Mensch fand darin die Möglichkeit einer Selbstbehauptung, die ihn, soweit er diese Kulturform nötig hatte, nun an einem gemeinen Machtgefühl teilhaben ließ. Auf diese Weise hatte sich eine verallgemeinerte Ästhetik kultiviert. Sie war noch reine Aufsammlung von wirkungsvollen Eindrücken, die zwar keine persönliche Gegenwärtigkeit zuließen, wohl aber schon die Übermenschlichkeit einer Selbstbeziehung vermittelten. Die auf diese Weise regenerierten Selbstgefühle bildeten so die Grundlage für eine kulturelle Einheit, die nun Volk verstanden wird, als Ganzheit einer politisch, geografisch und kulturell begrenzten und behüteten Kultur. Durch diese Nationalisierung des ästhetischen Willens kann nun dieses Ganze auch zur Gänze kulturell wirksam werden. Sie bestimmt die bisher unbestimmte Masse zu einer politischen Größe, die sich alleine durch die Bestimmungen eines Lebensraums zu einer umschriebenen Gemeinschaft werden lässt. Der ästhetische Wille wird zu einer nationalen Gefühlsmasse, die sich zunächst nur an diesem Lebensraum festmacht.

Jetzt wirkt sie in dieser Masse der völkischen Persönlichkeiten fort, die sich persönlich aufgehoben haben und ihren seelischen Zusammenhalt in einer Massenpsyche des Volkes, in einer Identität völkischer Selbstwahrnehmung finden. Hierdurch werden alle kulturellen Eigenschaften zu Eigenschaften eines Volkes, alle Gewohnheiten zum Schauplatz öffentlicher Selbstbezogenheiten. Sitten und Gebräuche, Kulturgewohnheiten und Mythologien werden ihrer Geschichte entrissen und zu Metaphern einer urtümlichen Kulturwesnheit, die sich über das Leben der Menschen hinweg bewahrt und sich nicht nur daraus bestimmt hat, sondern nun selbst bestimmend wird, da sich darin das überhistorische Menschsein reflektiert, sich also auch das Übermenschliche offenbahrt. Konservatismus und Traditionalismus, die sich bislang nur ideologisch aufgeführt hatten, beflügeln sich nun zur Produktion kultureller Wesenheiten, an der sich die Seelenlage der Menschen ausrichtet - nicht nur, weil sie es muss, sondern weil sie es will.

Die Masse seelischer Gewohnheit wäre aber nichts anderes als die massenhafte Bewegung der einzelnen Selbstwahrnehmungen, würde sich dabei nicht eine seelische Verdichtung ergeben, welche die Aufmassierung dieser Selbstwahrnehmungen nicht selbst zu einer ästhetischen Notwendigkeit machen. Menschen, die sich darin ergeben, erfahren ihre Selbstbezogenheit als Massenerhebung und bewegen sich wie von selbst in und durch diese Masse. Die Gesetze der seelischen Massenbewegung entspringen der Gesetzmäsigkeit einer ästhetischen Verdichtung, wie sie im jeweils vereinzelten Selbstgefühl in Masse aufkommt. Der Reiz der Dichte einer Menschenmasse ist die Grundlage einer Massenpsyche und ihrer Bewegung, der einzelne Menschen selbst zu Diensten sind. Eine Massenpsyche als solche gibt es nur als Bewegungsmasse von Menschen, die für sich keine Wahrnehmung mehr haben, aber in der ästhetischen Dichte der massenhaften Selbstwahrnehmung sich mit allem vereint fühlen, was sie selbst nicht mehr sein können.

Es entsteht nun eine Auftrennung des Seelischen: Wer sich in der Massenpsyche verliert, ängstigt sich vor dem, der sich hiergegen bewahrt, denn diese ist eine Vorleistung auf ein Heil, das von denen bedroht erscheint, die daran nicht teilnehmen. Die auf diese Weise Ausgeschlossenen erscheinen den Heilsträgern daher heillos und es verlangt eine Selbstbestärkung durch kultische Inszenierungen eines heilen Volkes, damit sie ihre seelischen Vorleistungen in ihren öffentlichen Beziehungen - und das sind nun auch ihre vorwiegenden Beziehungen - wahrnehmen können.

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332.2 Der Kult des heilen Volks

Massenpsychologisch wird durch die Ästhetik von Massenveranstalungen ein Wesen des Heils als heiles Wesen zur Welt gebracht, das sich in jedem Menschen zu regen vermag, der vor ihm nicht erschrickt. Es ist die erste Erfüllung einer massenhaften Selbstwahrnehmung, die in heillosen Verhältnissen Identität stifttet, indem sie die Menschen unmittelbar allem Unheil entzieht. Auf Konzerten, Sportveranstaltungen, Aufmärschen usw. wird eine Kultur geboten, die sich dem Leben der Bevölkerung längst enthoben hat und ihr in einem Format dargeboten wird, worin sich alle medialen Mächte vereinen. Deren Masse selbst wird zum Subjekt einer Identitätsstiftung, mit der sich seelische Übermenschlichkeit gewinnen lässt. Jede Liebe wird so übermenschlich, wie auch Kraft, Politik und Weltschmerz usw.. Die mediale Macht selbst befördert eine Idolisierung menschlicher Regungen, die sich darin in Masse einfinden und wiederfinden, sich also als Masse auch empfinden. Jeder davon erfasste Mensch wird für sich zun einem Übermenschen und ist erlöst aus den Realitäten seines Alltags.

Die Idolisierung der Massenpsyche durch Personifikation der Erlösung, dem Prinzip des Heils, verlangt allerdings auch eine ungeheuerliche Selbstkontrolle. In der Masse zerfließt alles, was sich in den Menschen regt und destabilisiert die inneren Zusammenhänge der Selbstwahrnehmung. Nur durch Selbstkontrolle finden die darin erfassten Menschen eine im reinen Gefühl gefundene Selbstwahrnehmung. Zur Empfindung gelangt diese durch die Kontrolle über andere Menschen. Es muss daher der bereits in dieser Bestimmung entdeckte autoritäre Charakter die Beziehungen der Menschen beherrschen, der sich hier zu einer politischen Gewalt der Massenpsyche gestaltet, die sich nun vor allem gegen die unheimlichen Kräfte der Selbstentfremdung, der fremden Macht im Innern der eigenen Integrität stellt. Seine Basis ist nun aber nicht mehr die Privatpersönlichkeit, sondern die Nation, seine Legitimationsbasis die Verfremdungstheorie durch Ausländer, die Fremdenfeindlichkeit und die Ausgrenzung internationaler Beziehungen.

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332.3 Der ‹bermensch

Der Übermensch ist eine Idealisierung des Menschen, der in seiner ästhetischen Wirkung zum Maßstab des Kulturmenschen wird, in welchem sich kulturelle Autorität begründet. Als diese Autorität ist er ein Vorgriff auf eine Zukunft, die sich durch ihn erst ergeben kann, also als Vorstellung eines Menschseins, das die Menschen über sich hinaustreibt (siehe hierzu auch Nietzsche). In ihm soll sich das Genie der Masse als Genius eines neuen Menschseins verkörpern, als Mensch, der aus dem Kult der Massenpsyche hervorgeht und sich gegen das gegenwärtige Menschsein stellt. Kultur wird darin zu einem Subjekt, das Menschen Wege und Ziele vermittelt. Hierdurch wird der Übermensch zur kulturellen Begründung einer Kulturmacht aber nicht durch Ideologie, sondern durch die kulturelle Notwendigkeit, einen Maßstab des Menschlichen zu Institutionalisieren.

Im Genie des Übermenschlichen gehen alle Mängel der Gegenwart positiv auf: In ihm trifft sich Ästhetik und Wille als Überlebensprinzip einer degenerierten Kultur, das Heil einer Vision, die schon im Mangel Wirkung hat und also sic aus ihm auch zu begründen scheint. In Wahrheit ist es die Angst der kulturellen Vereinzelung, der Selbstlosigkeit der Slbstwahrnehmung, die sich in ihm aufhebt. Aber wo sonst nichts ist, wo Gesellschaft nur noch hieraus besteht, wird sie selbst zu einem Prinzip der Vergemeinschaftung im Übermenschlichen, im Heil des Ganzen. Das Heilsprinzip kann nun in diesem Maß aufgehen. Darin erst wird das Völkische zu einer wirklichen kulturellen Identität der Massenpsyche. Sie wird zur Basis einer neuen gesellschaftliche Identität, zur Identität einer Gesellschaft, die nirgendwo stattfindet, in der aber alle Zukunft idealisiert vorliegt: Zu einer darin kollektivierten kulturellen Selbstwahrnehmung.

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332.3.1 Die Regeneration der Seele im Kult der Massenpsyche

Übermenschliche Selbstwahrnehmung erfordert übermenschliche Kraft, um sie zu erhalten. Diese kann nicht aus dem einzelnen Individuum kommen. Es fühlt sich hiergegen schwach und wertlos. Die Minderwertigkeit des einzelnen Menschen, welche somit allgemein geworden ist, kann sich nur in der Menschenmasse aufheben, die kulturelle Identität hat. Die Massenpsyche muss sich daher permanent als Massenkult des Übermenschlichen veranstalten, um die einzelnen Seelen in sich aufzusaugen. Zugleich negiert sie den Einzelnen in seinem wirklichen Leben, macht ihn zum Objekt einer übermenschlichen Seele, die ihn beseelt. Seiner Wirklichkeit enthoben machen sich in den so begeisterten Menschen Kräfte frei, die bislang in deren Verarbeitung seelisch gebunden waren. Die Psyche der Einzelnen begeistert sich am Kult der Massenseele, indem sie in der Masse eine seelische Autorität sieht, die ihre Wirklichkeit meistern kann. Dies wird zu einer Sucht, wenn sich der Kult allgemein durchsetzt und damit sein eigenes Treibmittel wird.

Diese Sucht selbst benötigt Volksmasse, um Kraft zu finden, im unbestimmten Menschsein Sinn zu bekommen, um sich also durch die Masse konkreter Menschen völkisch zu verkörpern und aufzuheben, sich zu befrieden. Die von allerlei Widernissen aufgeregte Masse findet durch den Kult der Massenpsyche ihre Ruhe durch den Adel des Allgemeinen Menschen, weil er nun als Übermensch der Selbstlosigkeit fungiert. Und sie wird gewalttätig, wenn ihr dies entzogen wird. Die einzelne Seele, die sich in der Masse verloren hat, besteht einerseits aus einem im Massenkult totalisierten Idealismus, andererseits aus Neid und Hass gegen jeden, der sich davon lösen kann. Von daher wird alles, was sich nicht hierin einfügt, alles, was noch individuelle Identität aufweist, gehasst, z.B. Intellektuelle, Künstler oder Juden.

Der Hass auf bewahrte Individualität äußert sich als Erregung des massenhaften Selbstschutzes, die sich als Gewalt gegen die Abweichung von kultisch gewordenen Gewohnheiten der Massenveranstaltung einer übermenschlichen Selbstbezogenheit äußern muss.

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332.3.2 Der Antisemitismus (Die Kulturalisierung des heilen Volks als Seele übermenschlicher Selbstermächtigung)

Wenn die abstrakte Identität eines massenpsychisch begründeten Selbstgefühls in der Begeisterung für die eigene Nationalität als Massenveranstaltung einer übermenschlichen Selbstwahrnehmung aufgehen soll, muss Nationalität selbst zu einer psychischen Identität werden, so wird deren Existenzform als Nationalwirtschaft des Kapitals zu einem äußerlichen Feind, zu einem Monster, das sich in die intimen Regungen des Nationalismus unentwegt einmicht und als Gewalt seiner Verfälschung gesehen wird. Diese kann sich aber nur aus dem Gleichklang in der Masse, aus der Sortierung der Nationaliäten und dem Vergleich der Menschengruppen ergeben, die in diesem übermenschlichen Sinn identifiziert werden oder sich auch selbst darin identifizieren. Solche aus dem Seelischen gewonnene Massenidentität gewinnt sich aus kultureller Selbstdefinition, welche Nationalität selbst zu einem übermenschlichen Selbstgefühl veredelt, das mit jedem "Volk" sich darin in Konkurrenz um eine seelische Identität ihrer Massenpsyche verstehen muss. Von daher werden kulturelle Eigenschaften des Lebensraums einer bestimmten Bevölkerung zu Wesenseigenschaften eines Anderseins im Selbstadel, zu übermenschlichen Bestimtheiten, die sich aus Sitten, Gebräuche, Religionen usw. ableiten. Das Volk als übermenschliche Bestimmung kann massenpsychologisch nichts anderes sein als die Ausgrenzung von allem, was sich seiner durch Selbstfdefinition empfundenen kulturellen Wesenheit entzieht. An dem identifiziert sich der Neid und Hass aller bislang unterdrückten wirklichen Regungen und die davon getriebenen Erregungen konzentrieren sich nun auf die "Feinde des Volkes" - ganz besonders auf die Juden, die in ihrer Religion ein höheres Recht auf ihr gelobtes Land formuliert finden. Man könnte sagen, dass dies den Neid auf eine heile Welt hervorruft, die ganz offensichtlich in einem Nationalstaat untergehen muss.

Antisemitismus ist im Unterschied zum Rassismus nicht nur eine Haltung gegen Menschen, die andere Natur, Kultur oder Religion verkörpern, sondern ein prinzipieller Kulturalismus, der systematisierte Hass auf eine bestimmte Kultur, der sich unmittelbar aus einem sittlichen Bedrohungsgefühl begründet. Er ist ein kulturalisierter Antikapitalismus, der von einer kleinbürgerlichen Ursprungssehnsucht gegen die Gewalten des fiktiven Kapitals (siehe auch Feudalkapitalismus) getrieben ist, ein Kulturrasssismus, der sich hiergegen als übernatürliches sittliches Subjekt aufführt und sich durch dessen mythologische kulturelle Identität eine übermenschliche politische Größe verleiht. Von daher begründet sich seine ungemeine politische Explosivität, die den Faschisten und Nationalsozialisten eine willkürliche Kulturmacht verleiht, die sich nicht nur gegen andere Kulturen richtet, sondern auch gegen die Kultur der Bevölkerung der eigenen Nation, die auf die Sittlichkeit eines Kulturstaats eingeschworen wird, die dann auch staatsrechtlich ein quasi feudalistisches Rechtsverhältnis legitimiert.

Antisemitismus beinhaltet immer die Unterstellung, dass die Kultur der eigenen Nation durch eine fremde Macht sittlich bedroht sei, die in einem "jüdischen Volk" und seinem Glauben verschworen ist. Dieses Volk strebe nach einer monetären Beherrschung der Welt, welche dem "redlichen Streben der anderen Völker" nach Selbsterhalt dadurch gefährlich werde, dass Juden ihr Ziel durch Infiltration zu erreichen suchten. Dieses Vorurteil entstand in der Geschichte wohl daher, dass die Juden über lange Zeit als "Volk ohne Land" galten und sich aus dem "Heiligen Land" vertrieben sahen. Wer "Volk und Land" als Nation begriffen haben will, der fürchtet natürlich eine "freie Volksbewegung", als welche ihm dann das Judentum gilt. Weil dieses also keine eigene Nation hätte, in nationalistischer Logik diese aber nötig habe, könne es sich nur parasitär in die Nationalpolitik (siehe Politik) einschleichen, die nationalen Interessen paralysieren und durch Geheimbünde und weltpolitische Verschwörungen einen immensen Machtapparat hinter sich bringen. Der Antisemitismus ist daher ein aus dem Nationalismus begründeter Rassismus, der den eigenen Staat als Kulturstaat ansieht und als solchen auch in der Bekämpfung des Judentums sowohl begründet wie auch verteidigt.

Wird zudem noch in kulturellem, historischem oder religiösem Kontext einer hierin gefassten Menschengruppe selbst eine Besonderheit des Selbstadels zugewiesen und dieser mit eigener Kultur versehen, z.B. ein "auserwähltes Volk" zu sein, so wird sie zu einem allgemeinen Objekt des Hasses auf fremde Identität. Die übermenschliche Selbstermächtigung der Massenpsyche, die schon massenhaft bedroht ist durch die Minderwertigkeit der Sonderbarkeiten der Einzelnen darin, die damit gegeben ist, die Unwertigkeiten von "unangepasstem Leben", findet nun ihren Feind außer sich in einem "Volk", das keines ist, und in nationalistischer Logik also aus einer Verschwörung bestehen muss.

Dies macht besonders den Antisemitismus zur Basisideologie der Massenpsyche, die solche Gefühle nun mit einer Art weltlicher "Vernuft" überziehen soll. In den Juden wird eine Weltbedrohung ausgemacht, gerade weil das Judentum einerseits als Volk genommen wird, aber nicht national eingrenzbar ist, also auch nicht durch Staatsgewalt zu beherrschen ist. Es bedroht tatsächlich, was der Nationalist als sein Heil in dieser Gewalt sucht. Das Judentum stellt für diesen Verstand ein Gemeinwesen dar, das sich nicht als Nation fassen lässt. Nicht mehr nur die Angst um das eigene Innere, um die innere Verworfenheit, welche durch das Heilsprinzip aufgehoben werden soll, treibt den Nationalismus zum Antisemitismus, sondern auch der Anspruch auf ein fremdes Heil, auf ein heiliges Land, das er im Judentum wahrnimmt. Der Antisemit sieht sich durch jüdische Aphorismen bedroht, da Heil hier durch einen fremden Übermenschen, durch eine fremde Religion begründet wird, die zugleich weltlich als Volk ohne Nationalität ist. Solches Heil kennt der staatsideologisch getragene Übermensch nicht. Der Heilsbegriff, welcher Nationalität selbst zu einem Heilsbegriff eines räumlich umschriebenen Lebensraums gemacht hatte, muss nun ein "Volk" fürchten, das sich international verhält und bezieht, weil es aus seiner Religion heraus keine Massenpsyche nötig hat.

Der Antisemitismus ist daher nicht nur Ideologie, sondern allgemeine Befindlichkeit der Nationalisten, die sich darin auch selbst veredeln, dass sie die Juden als Träger des nationalen Unheils sehen. Es ist die Basis einer nationalen Identität, den Feind der Nation aufzubauen und sich in seinem Ausschluss bis hin zu seiner Vernichtung zu gewinnen.

Der Judenhass, der durch die deutsche Vernichtungsindustrie final durchgesetzt wurde und auf eine ethnische Ausrottung des Judentums zielte, ist eine notwendige Konstruktion des Nationalismus, der in vielen durch globale Krisen bedrängte Staaten immer wieder aufkommt. Das Judentum wird hierbei als Träger des Weltkapitals diffamiert, weil es selbst international ist und ihm der Schacher und Wucher der zusammenbrechenden Banken zugewiesen wird. Da Juden schon lange zuvor von den Christen aus den Handwerksbetrieben in die "unanständigen Berufe" des Kaufmannskapitals abgedrängt worden waren, gelangten viele auch aus ihrer geschichtlicher Notwendigkeit heraus auf die Finanzmärkte. Im Antisemitismus war ihre diesbezüglich Rolle längst schon kulturalisiert.

Zur Zeit des "1000jährigen Deutschen Reichs" gab es auch in anderen nationalistisch bestimmten Ländern starke antisemitische Sammlungen und Veranstaltungen, besonders auch in den USA, die mehr oder weniger zufällig bzw. durch den Weltkrieg der ihnen vorauseilenden deutschen Krieger sich gegen diese richten und von daher ihren Nationalismus auf andere Weise bestärken konnten.

Durch Antisemitismus erst ließ sich die nationale Kultur als hoch veredelte Kultur errichten, denn im Feindbild bildet sich immer die Abstraktion des Eigenen als Eigentlichkeit des eigenen Wesens. Erst hierduch kann die Sittlichkeit der Gesinnung auch wirklich zur Staatsgesinnung werden. Die Fähigkeit des Staates, die Nation vor ihren Feinden zu schützen, trifft auf das Schutzbedürfnis seiner Bürger in Krisenzeiten. Es ist das Mittel, dem innern der sozialen Zerwürfnisse eine kulturelle Macht entgegen zu stellen, die sich als antisemitisch begründete Staatsmacht am Besten durchsetzen kann, und sich von daher auch für hieraus erklärlicher Gewaltanwendung des Staates legitimieren kann.

Aber der Antisemitismus ist nur eine Kulturalisierung eines religiös bestimmtesn Volkes zur Gefahrenquelle der eigenen Nation. Jedes darin implizierte Heilsverständnis ist eine folgenschwere Ideologie für militärischen Aufrüstung und Kriegsführung. So sind auch andere Kulturalisierungen von Feinden der Nation oder der "Achse des Guten" möglich, z.B. der Antiislamismus, der im Islam einen religiös begründeten Kulturkampf wähnt (vergl. Huntington). Indem der Islam für den aufkommenden Terror durch einen paradiesischen Erlösungsglauben im Märtyrerrtum identifiziert und verantwortlich gemacht wird, gilt jede Gewaltanwendung von dort schon durch eine religiös bestimmte Kultur erklärt, die für ein nationales Unheil, für die Bedrohung der eigenen Nation herhalten muss. Das Volksheil wird jedenfalls zum Subjekt einer seelischen Strömung, die einem sozialisierten Bedrohungsgefühl folgt und alle Gesinnung hiernach bemisst und bestärkt. Die Massenpsyche funktioniert daher jetzt als ein eigentümlicher Angstmechanismus, der ein unheimliches Volk wähnt und zugleich völkische Folgsamkeit zur Machtausstattung des Nationalstaates hiergegen bietet.

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332.3.3 Die gleichgeschaltete Sittlichkeit der Massenpsyche

Das durch äußere Feinde folgsam gewordene Volk funktioniert nun vor allem seelisch und wird damit zu einer wirklich politischen Substanz. Am Äußeren bildet sich das Innere nun als Reduktion des konkreten Menschen zu einem Teil des gemeinen Kulturmenschen, dem Menschen also, der die Absehung vom sinnlich konkreten Menschen als seine Absicht betreibt, als wirkliche Absicht abstrakt menschlicher Sinnlichkeit. Alles Bestreben ist auf Minimierung von Individualität, Meinung und Chaos ausgerichtet. Die Sittlichkeit eines folgsamen Volkes konzentriert sich daher auch auf die Gleichschaltung und Ordnung der seelischen Antriebe, denen die Menschen nun massenhaft unterworfen sind. Sie folgen der Autorität der Masse, indem sie sich in dieser in einem hoch verdichteten Menschsein begeistern. In dieser Begeisterung bildet sich die wesentliche Identität mit dem Allgemeinen einer Nation und erweckt hierfür die absurdesten Zuneigungen und Selbstverleugnungen, insgesamt Unterwerfung unter nationale Autoritäten.

Zwar reduziert sich das konkrete Leben auf ein unterworfenes Menschsein, enthebt es aber sogleich der Selbstverlorenheit des einzelnen Menschseins. Indem sich der einzelne der nun als Nationalgefühl mächtigen Massenpsyche unterwirft, identifiziert er sich zugleich mit allen ihr unterworfenen Menschen und beseelt die allgemeinen Sitten und Gebräuche durch seine Mittäterschaft. Das Produkt ist eine Sitte und Moral, die sich aus dem Heil des Ganzen, also nicht nur aus einer Erlösung von dem Übel, sondern aus einer quasi religiösen Zukunftshoffnung durch ein völkisches Kulturwesen ergibt. Was ihr dienlich ist, wird so auch sitttlich und moralisch gut. Die Kultur gilt allein im Maßstab der Sittlichkeit, die sich nun als nationale Gesinnung sich auch aufführt

Daran bemessen sich die Menschen, die sich darin vereint sehen. Sie vergleichen sich allesamt an diesem hohen Zweck, der durch massenhafte Angst geschaffenen wurde. Die gleichgeschaltete Massenpsyche erledigt daher die notwendige Ordnung des Heils wie von selbst. Auch wenn dies in nationalem Interesesse des Staates liegt und auch von dort bestärkt wird, erscheint diese Sittlichkeit wie aus innerer Not geboren. Jedenfalls ist das nationale Interesse mit dem eigenen Schutzbedürfnis nun so verschmolzen, dass eine seltsame Beruhigung aufkommt, die allein dem Seelischen zu "verdanken" ist, das sich im selben Interesse gleich ausrichtet und im Gleichschritt der Gefühle auch selbst gleichschaltet. In der Masse wird Angst aufgelöst - wenigstens bei denen, die vor der Masse keine Angst haben müssen. So kann schließlich auch die eigentlich sehr reale Existenzangst zergehen und sich durch Nationalgefühl ersetzen.

Weiter mit Buch III: 333. Der Kulturstaat